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Full text of "Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha"

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE vor mitgliedern 

DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Bausteine zu einer Erkenntnis 
des Mysteriums von Golgatha 

Kosmische und menschliche Metamorphose 

Siebzehn Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 6. Februar bis 8. Mai 1917 



1996 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 2. und 3. Auflage besorgten 
Hella Wiesberger und Ulla Trapp 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1961 
2. Auflage, neu durchgesehen 

und mit den Stenogrammen verglichen 
Gesamtausgabe Dornach 1982 
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1996 

Friihere Veroffentlichungen siehe zu 
Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 175 

Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 

e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1996 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1750-1 



7.u den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk Rudolf Steiners 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) 
gliedert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage 
- Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen 
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafS sie schriftlich 
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften 
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie- 
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli- 
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachge- 
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorwort von Marie Steiner zur ersten Buchausgabe (1933) der 



Vortrage VIII bis XV dieses Bandes 11 

Gedenkworte 17 

KOSMISCHE UND MENS CH LI CHE METAMORPHOSE 

ERSTER VORTRAG, Berlin, 6. Februar 1917 19 



Materialistisches oder spirituelles Sich-Hinwenden zur geistigen Welt 
anhand einer Schrift von Oliver Lodge. Das Verhaltnis zu den Toten 
in spiritistischen Sitzungen. Das Erscheinen des atherischen Christus 
im 20. Jahrhundert. Die Vorbereitung dieses Ereignisses seit dem 
Jahre 1909. 



ZWEITER VORTRAG, 13. Februar 1917 35 

Entwicklung innerer Krafte. Das Zusammenleben mit den Toten in 
alten Zeiten und jetzt. Der Mensch als Glied des Weltenorganismus: 
die Entsprechung von platonischem Weltenjahr (25920 Jahre), von 
Menschentag (25920 Atemziige) und menschlicher Lebenszeit (25920 
Tage). 



DRITTER VORTRAG, 20. Februar 1917 51 

Die drei Begegnungen der Menschenseele mit dem Geist, dem Soh- 
nesgott und dem Vatergott. Ihre Nachwirkungen bis zum Lebens- 
ende und nach dem Tode. Die Art der dritten Begegnung bei fruhem 
Tod und bei Selbstmord. Die Entwicklung des Empfindens von der 
Heiligkeit des Schlafes. 

VlERTER VORTRAG, 27. Februar 1917 70 

Die Spaltung der Welt des Gegenwartsmenschen in mechanische 
Naturordnung und moralische Weltordnung. Weiteres zu den drei 
Begegnungen der Menschenseele mit den Regionen der Geistwelt. 
Das Moralische als Keimkraft kunftiger Naturordnung. 



FUNFTER VORTRAG, 6. Marz 1917 93 

Das Wesen des Schlafes. Das Ermiidungsratsel. Die Gliederung des 
Menschen in Kopf, Brust und Unterleib. Das Verhaltnis des Ich zur 
Leiblichkeit (im Schlaf-, Traum- und Wachbewulksein) und zum 
Geistigen. Das Zusammenleben mit den Toten. Notwendigkeit, zwi- 
schen physischer und geistiger Welt eine Briicke zu schlagen. 

SECHSTER VORTRAG, 13. Marz 1917 114 

Weiteres uber die drei Begegnungen der Menschenseele: mit dem 
Geist, mit dem Sohn- und dem Vaterprinzip. Der schlafende Mensch 
und die Sternenwelt. Die Wintermysterien. Christus und der Jahres- 
lauf. Geheimnisse des Jahreslaufes und soziale Frage. Verhaltnis des 
Menschen zu den Richtungen kn Weltenall. Die Erzeugung von Le- 
bendigem aus Unlebendigem in den Laboratorien der Zukunft im 
Zusammenhang mit der Sternenkonstellation. 

SlEBENTER VORTRAG, 20. Marz 1917 134 

Saint-Martins «Des erreurs et de la verite» (deutsche Ubersetzung 
von Matthias Claudius) und seine Wirkung auf das europaische Gei- 
stesleben. Die drei Hauptideen des Buches - Merkur, Schwefel, Salz - 
und deren geisteswissenschaftliche Entsprechung zu dem Stoffwech- 
sel-, Atmungs- und Nervenmenschen. Merkur, Schwefel, Salz: Be- 
griffe eines alten Denksystems. Deutsche Theosophen des 18. Jahr- 
hunderts: Bengel und Oetinger. Die bei Saint-Martin und Oetinger 
nicht zu Ende gedachten Begriffe und ihre Weiterbildung in moder- 
nen Gedankenformen durch die Geisteswissenschaft. 



BAUSTEINE ZU EINER ERKENNTNIS DES MYSTERIUMS 

VON GOLGATHA 

ACHTER VORTRAG, Berlin, 27. Marz 1917 161 

Palastinensische Mysterien. Der paulinische psychische und pneu- 
matische Mensch. Gnosis, historischer Materialismus und naturwis- 
senschaftliche Weltanschauung. 

NEUNTER VORTRAG, 3. April 1917 182 

Heidnische Mysterien. Der phrygische Attisdienst. Trichotomie von 
Leib, Seele, Geist. Die Ausschaltung der Idee des Geistes. Erbsunde. 
Der Auferstandene. 



ZEHNTER VORTRAG, 10. April 1917 204 

Die Geheimnisse der Reiche der Himmel. Das innere Wort. Der vier- 
fach in den Evangelien zum Ausdruck kommende Christus-Impuls. 
Das Antireligiose als Krankheit, Ungliick und Selbsttauschung. Die 
objektive Realitat der moralischen Weltordnung. 



ELFTER VORTRAG, 12. April 1917 229 

Das Tief-Christliche in Goethe. Physisches und Moralisches. Das 
verlorengegangene Wort. Die Kraft des Glaubens als Wunder. 



ZWOLFTER VORTRAG, 14. April 1917 256 

Die antigoethesche Weltanschauung. Die Mysterien und das Leben. 
Die Vergewaltigung der Mysterien durch die romischen Casaren. 



DREIZEHNTER VORTRAG, 17. April 1917 276 

Das Imperium romanum und das Christentum. Die Ausnutzung der 
Initiationsgeheimnisse durch die Casaren. Konstantin und das Palla- 
dium. 



VlERZEHNTER VORTRAG, 19. April 1917 294 

Julian Apostata. Heidentum. Christentum. Die Manichaerlehre und 
das augustinische Prinzip. Das Fortleben des alten heidnischen Opfers 
im Mefiopfer. 



FUNFZEHNTER VORTRAG, 24. April 1917 313 

Mithrasmysterien und Eleusinien. Das heidnische Initiationsprinzip 
und die altesten Kirchenlehrer. Das mystische Erlebnis der Einsam- 
keit und der dreifache innere Erkenntnisweg des Aristoteles. Die 
zweite Kreuzigung des Christus als historische Erscheinung in der 
Ausrottung der Mysterien durch den Konstantinismus. Die Aufer- 
stehung als inneres mystisches Erlebnis. Der Auferstehungsgedanke. 



SECHZEHNTER VORTRAG, 1. Mai 1917 339 

Nachklange alter Kulturen. Der Gemeinschaftsgeist im Sinne der 
Mithrasmysterien. Die Zukunft, wie Nietzsche sie schaute. Kjellens 
Buch «Der Staat als Lebensform». 



SlEBZEHNTER VORTRAG, 8. Mai 1917 367 

Das Seelenauge. Das Auftreten hellsichtiger Krafte in der Gegenwart. 
Swedenborgs imaginative Erkenntnis. Die Anschauung der Unsterb- 
lichkeit vor und nach dem Mysterium von Golgatha. Glaube und Er- 
kenntnis. 

Hinweise . . ■ 393 

Personenregister 409 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 413 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 415 



VORWORT 

zur ersten Buchausgabe 1933 von 
«Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha» 

Marie Steiner 



In den hier herausgegebenen Vortragen wird das zentrale Ereignis der 
menschlichen und irdischen Geschichte, das Mysterium von Golgatha, 
in das Licht historischer Betrachtung geriickt, ausgehend von der fur die 
geisteswissenschaftliche Forschung erwiesenen Tatsache des Ursprungs 
des Menschen aus den Reichen geistiger Hierarchien, seines Falles und 
seiner immer grofieren Verstrickung in die Materie, seines Erwachens 
zur Sinneswahrnehmung und seiner Belastung durch das, was die 
Heiligen Schriften die Erbsiinde nennen; aber auch seines allmahlichen 
Aufstiegs durch die sich wiederholenden Erdenleben, die sein Selbst- 
bewufitsein entwickeln, die ihm die Moglichkeit der moralischen Laute- 
rung, der Ich-Erkraftung und der Riickkehr zum Geiste geben. 

Nur in diesem steten Fortschritt der Seelen liegt der Sinn des Erden- 
seins. Das hohe Ziel menschlicher Vollkommenheit kann nur in vielen 
Leben erreicht werden, die etappenweise, durch die ihnen auferlegten 
mannigfaltigen Priifungen, zu immer wacherem Bewufitsein drangen. 
Es war eine Zeitlang dieses Wissen dem Abendlande entzogen, damit 
sich die Personlichkeit im Menschen suche und finde. Scharfe und 
Prazision des praktischen Verstandes mufiten entwickelt werden zur 
Dienstbarmachung der Materie, zur Auseinandersetzung mit den ihr 
inneliegenden Moglichkeiten, um ihr auf diesem Wege auch ihre Ge- 
heimnisse abzulauschen, und an der so gewonnenen Denkdisziplin 
einen sicheren Halt zu gewinnen fur die Erforschung geistiger Gesetz- 
mafligkeiten. So allein konnte die friihere passive Anschauung ubersinn- 
licher Weltinhalte sich durch Erstarkung der Seelenkrafte wandeln 
in Erkenntnis und Forschung. Es schwand im Laufe der Zeit der dam- 
mernde Blick in die geistigen Welten gerade bei den vorgeschrittenen 
Volkern und muE nun wieder auf neuer Stufe erobert werden durch 



ein Ich-erkraftetes Seelensein. An diesem grofien Wendepunkte stehen 
wir jetzt. Unsere Kurzsichtigkeit der geistigen Wirklichkeit gegenuber 
ist nun schon so weit gediehen, dafi sie in Blindheit umzuschlagen droht. 
Die ungeheuren Zerfallserscheinungen der abendlandischen Kultur sind 
eine Folge dieser intellektualistischen Erblindung. 

Eine neue Geschichtsbetrachtung vom Aspekte des Geistes aus mu£ 
der Menschheit gegeben werden. Die Bausteine dazu hat Rudolf Steiner 
zusammengetragen. Er stellt in den Mittelpunkt der Weltgeschichte das 
Mysterium von Golgatha, das innerhalb des Wakens gottlicher Gerech- 
tigkeit die ausgleichende Wirkung schafft gegenuber dem Fall des Men- 
schen in die Erbsiinde. Uber dieses geheimnisvolle Geschehen giefk er 
so viel Licht aus, als heute unserm ahnenden Verstehen zuganglich ist. 
Dabei tritt etwas, was wir schier verloren hatten, die Bedeutung der 
moralischen Weltordnung neben der Naturordnung, wieder in den 
Vordergrund. Gottheits- und Menschheitswege fielen einst durch die 
Schuld des Menschen auseinander, um sich am Kreuze von Golgatha 
durch die Siihnetat des Gottmenschen wieder zu vereinigen und zu 
durchdringen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren es die Mysterien und ihre 
Kulte gewesen, welche die Briicke von Gott zu Menschen gebildet und 
Ausstrahlungsstatten geschaffen hatten fur das Hiniiberwirken der 
gottlichen Ratschlusse in die Geschicke der in die Materie immer mehr 
versinkenden Menschheit. Sie gaben den Erkenntnissuchenden nach 
einer langen Reihe von Priifungen die Moglichkeit der Wiedervereini- 
gung ihres geist-erwachten Bewulkseins mit dem gottlichen Willen. Sie 
dienten der Wegbereitung fiir den Niederstieg des Gottwesens, das die 
Folgen der Erbsiinde in ihrer letzten vernichtenden Konsequenz von 
der Menschheit abzuwenden und auf sich zu nehmen gewillt war, so 
das Erlosungswerk fiir die Erde vollbringend. Diese die Erde- und die 
Menschheitszukunft rettende Tat macht es fiir die einzelne Personlich- 
keit nicht weniger notwendig, an ihrer eigenen moralischen Erlosung 
von Grund aus selbsttatig zu arbeiten. Im freien Willen des Menschen 
liegt es, dem Christus in sich Einlafi zu gewahren, ihn in sich aufzu- 
nehmen und lebendig zu machen, auf dafi die heilenden Krafte das 
schuldbelastete Innenwesen ergreifen und von den Folgen der Erbsiinde 
befreien. 



Um dies zu wollen, mufi der heutige Mensch verstehen und wissen. 
Das fromme Gefuhlsleben geniigt nicht mehr. Der Mensch mufi in sein 
Bewufitsein aufnehmen das, was sich spater in Wollen umwandeln soil. 
Gehorsame Ftigung in die Dekrete autoritativer Gewalten, wenn die 
Einsicht nicht mitgehen kann, wird den Rebellen im menschlichen 
Gewissen um so sicherer wecken. Auch die scharfsten Mittel zur Be- 
kampfung von Ketzereien haben diese nicht ausrotten konnen. Wo es 
scheinbar aufierlich gelang, glimmt doch der Keim im Verborgenen 
weiter und versucht immer wieder mit neuer Kraft sich geltend zu 
machen. Heute stehen wir einer schlimmeren Gefahr gegenuber als es 
je die argsten Wege der Ketzerei waren: dem Zynismus, der Gottlosen- 
Bewegung, dem scharfen, atzenden Hohn gegenuber allem Geistigen. 
Um dieser, die wahre Menschenwurde schon in der Jugend vernichten- 
den Bewegung standzuhalten und sie zu besiegen, miissen wir tiefer in 
die Selbst- und Welterkenntnis hineindringen, als es bis jetzt der Fall 
sein konnte; miissen untertauchen in die Urspriinge menschlichen Seins, 
einen Blick gewinnen fur das Oberflachliche der heutigen Geschichts- 
betrachtung; miissen die Schleier der Kirchengeschichte luften, unter- 
suchen, wie weit die Kirchen ihre Aufgabe erfiillt haben, wie weit sie 
ihr untreu geworden sind. Wir miissen uns auch das anschauen, was die 
autoritativen Machte des Klerus an wertvollem Geistesgut durch aufiere 
Gewaltmittel unterdriickt haben, was sie neben sich nicht haben auf- 
kommen lassen, und welche Griinde dabei mitgespielt haben. Warum 
zum Beispiel mit so radikalem Eifer und Erfolg die alten Mysterien- 
statten zerstort, ihre Urkunden vernichtet worden sind, wahrend das 
Formwesen und der juristische Geist des Romertums sich so stark und 
zielsicher der Ausgestaltung des Kirchen wesens bemachtigt haben. So 
stark, daft diejenigen, welche mit der dem Mysterienwesen noch innig 
verbundenen, urspriinglichen, palastinensisch-christlichen Kirche zu- 
sammenhingen, sich veranlafit sahen, in einem anderen Geist als dem 
von Rom ausgehenden, ihre Impulse der Welt zu vermitteln. Sie wurden 
Vertreter einer nebenhergehenden esoterischen Stromung, die - wie zum 
Beispiel in Irland und seinen schottischen Geistkolonien - sich bis zu 
einem gewissen Zeitpunkt frei und kraftvoll entf alten konnte, doch 
bald dem romischen Klerus zum Argernis und dann bekampft und 



aufierlich vernichtet wurde. So war zunachst die Gnosis ausgerottet 
worden; so wurde der Arianismus erstickt; so erging es jenen vom 
Manichaertum her ausstrahlenden Bewegungen, die iiber den Balkan 
nach Europa drangen. Im Dunkel der Geschichte verlieren sich diese 
Strdmungen; in einer verzerrten ZwittergestaJt werden sie hin und 
wieder von ihren Gegnern den Unwissenden und Leichtglaubigen vor- 
gefiihrt. Eine wahre Geschichtsbetrachtung mufi diesen Erscheinungen 
die allergrdfite Bedeutung zumessen und sie in ihren Zusammenhangen 
und Urspriingen erforschen, sonst kann sie keinen Anspruch machen 
auf Ernst und Gediegenheit. 

Doch dazu wird sie die Wissenschaft der Anthroposophie brauchen, 
die erst den Boden bereiten mufi, durch welchen wir in die Tiefen der 
Geschichte hinunterdringen konnen, und die allein den Oberblick und 
die Zusammenhange der Welt- und Menschheitsgeschehnisse geben 
kann. Wo sich Natur und Geist verbinden, dort f inden wir den SchKissel 
zu den Geheimnissen des Seins und zu jenem grofiten Mysterium, an 
dem die heutige Form der Weltgeschichte sich vorbeischleicht, zu dessen 
Ergriindung aber beizutragen die Wissenschaft der Anthroposophie ihr 
vornehmstes Ziel erblickt. Fur dieses Ziel, fur ein allmahlich sich ent- 
wickelndes, ahnendes Verstandnis der Tiefen des Mysteriums von Gol- 
gatha arbeitet sie. Diesem Ziel will das Lebenswerk Rudolf Steiners 
dienen. 



KOSMISCHE UND MENSCHLICHE 
METAMORPHOSE 



Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf 
Steiner vor jedem von ihm innerhalb der An- 
throposophischen Gesellschaft gehaltenen Vor- 
trag in den vom Kriege betroffenen Landern 
die folgenden Gedenkworte gesprochen: 

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer, 
die drauften stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen- 
wart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen, 

Daft, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der 
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha 
gegangen ist, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 6. Februar 1917 



Lassen Sie mich zuerst meine tiefe Befriedigung dariiber ausdriicken, 
dafi ich nunmehr wiederum in Ihrer Mitte sein kann. Es wiirde eher ge- 
schehen sein, wenn es nicht eine dringende Notwendigkeit gewesen 
ware, die Arbeit an der ja hier often besprochenen Gruppe, die im 
Osten des Dornacher Baues stehen soil, und die darstellt den Mensch- 
heitsreprasentanten in Wechselbeziehung zu den ahrimanischen und lu- 
ziferischen Machten, so weit zu bringen, dafl sie nun ohne mich weiter 
gearbeitet werden kann. In der gegenwartigen Zeit ist es ja notwendig, 
fur die Zukunft in einer gewissen Weise vorauszudenken, und es 
schien mir eben durchaus notwendig, gegeniiber den Ereignissen, die da 
kommen konnen, diese Gruppe so weit zu fordern, als es jetzt hat ge- 
schehen konnen. Im iibrigen miissen ja gerade diese Zeiten es uns ganz 
besonders nahelegen, wie ein raumliches Zusammensein auf dem physi- 
schen Plan nicht das einzige sein kann, das uns durch die Impulse der 
Geisteswissenschaft kraftig aufrecht erhalt, sondern wie das Zusam- 
mensein in Gedanken und Gesinnung unserer geisteswissenschaftlichen 
Bestrebung uns, auch wenn es nur seelisch sein kann, wenn es eben nur 
sein kann in Gedanken und im Geiste, durchbringen mufi durch diese 
schwere Zeit der Priifungen und der Leiden, und wie sich gerade da- 
durch die Kraft unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen erpro- 
ben mufi. 

Seit wir uns hier nicht zusammengefunden haben, haben wir ja fur 
den physischen Plan den Verlust unseres lieben Frdulein Motzkus und 
anderer lieber Freunde zu beklagen, die infolge der Zeitereignisse den 
physischen Plan verlassen haben. Es ist besonders schmerzlich, unter 
denjenigen lieben Freunden, die hier nun durch so viele Jahre mit teil- 
genommen haben an unseren geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, 
Fraulein Motzkus nicht mehr zu sehen. Sie gehorte ja unserer Bewe- 
gung an, seitdem wir mit derselben begonnen haben. Vom ersten Tage 
an, von der ersten Versammlung im kleinsten Kreis an, die ganze Zeit 
iiber war sie in unserer Mitte als ein im tiefsten Herzen unserer Bewe- 



gung hingegebenes Mitglied, das alle Phasen, alle Entwickelungsprii- 
fungen unserer Bewegung mit innigem Anteil mitgemacht hat; das vor 
alien Dingen durch alle diese Ereignisse hindurch, durch die wir haben 
gehen miissen, sich bewahrt hat im tiefsten Sinne des Wortes eine un- 
besiegliche Treue zu unserer Sache, eine Treue, durch die Fraulein 
Motzkus gewii? vorbildlich war fur diejenigen, die wirklich ergebene 
Mitglieder der geisteswissenschaftlichen Bewegung sein wollen. Und so 
schauen wir denn dieser lieben guten Seele nach in die Welten des gei- 
stigen Lebens, zu denen sie aufgestiegen ist, indem wir das ja durch 
viele Jahre herangebildete und herangefestigte Treue- Verhaltnis zu ihr 
bewahren, indem wir uns mit ihrer Seele verbunden wissen fur immer- 
dar. - In letzter Zeit hat ja Fraulein Motzkus selber den Verlust ihrer 
treuen Freundin, die sie nun so bald in der geistigen Welt wiedergefun- 
den hat, zu beklagen gehabt und in dem Sinne, wie man aus dem Be- 
wulksein einer wirklichen Auffassung der geistigen Welt einen solchen 
Schlag ertragt, diesen Schlag hingenommen. Bewundernswert war es, 
mit welch regem Interesse Fraulein Motzkus bis in ihre letzten Tage 
hinein ein tiefes Anteilnehmen zeigte an den grofien Ereignissen der 
Zeit. Sie sagte mir selber wiederholt, so lange mochte sie noch hier auf 
dem physischen Plane leben, bis sich diese bedeutenden Ereignisse, in 
deren Mitte wir jetzt stehen, entschieden haben. Nun, sie wird mit 
freierem Blicke noch, mit festerem Sinne fur die Entwickelung der 
Menschheit, in ihrem jetzigen Zustand diese Ereignisse, an denen sie 
mit so innigem Anteil und Interesse hing, verfolgen konnen. - Und so 
sei es denn uns alien ans Herz gelegt, dafi wir, wo wir nur konnen, un- 
sere Gedanken, unsere tatigen Krafte der Seele, mit diesem treuen Gei- 
ste, mit diesem treuen, lieben Mitgliede unserer Bewegung vereinigen, 
damit wir uns mit ihr eins wissen auch fernerhin, wo sie in anderer 
Form unter uns weilen wird als bisher, da sie auf dem physischen Plan 
mit uns in einer so vorbildlichen Weise verbunden war. 

Nun, die Zeiten, in denen wir leben, sind solche, welche uns immer 
intensiver und intensiver nahelegen konnen, welche Bedeutung das Stre- 
ben nach geistiger Erkenntnis fur das Menschengeschlecht der Gegen- 
wart und der nachsten Zukunft haben mufi. Die Ereignisse, innerhalb 
welcher wir stehen, sind ja, man kann sagen, so, dafi sie fur viele heute 



noch, wenn es auch wenig bemerkt wird, eine Art Zustand der Betaubnis 
hervorrufen. Und was eigentlich geschieht, wie eingreifend die Dinge, 
die da geschehen, in die menschliche Entwickelung sind, das in vollem 
Umfang zu erkennen, dazu werden diejenigen Seelen, welche diese 
Menschheitskatastrophe hier auf dem physischen Plan iiberleben, wohl 
erst nach einiger Zeit aufwachen. Um so mehr miissen wir es uns ange- 
legen sein lassen, dasjenige vor unsere Seele zu rufen, was wir Gedan- 
ken nennen konnen, die beleuchtend sind fur die Aufgaben und Ziele 
dieser fur die Menschheit so notwendigen geisteswissenschaftlichen 
Bewegung. Und fiir uns wird es vielleicht besonders gut sein, da wir 
nach langer Zeit wiederum zusammen sind, das Spezifische unserer An- 
schauung von dieser Geisteswissenschaft uns einmal mit einigen kurzen 
Gedanken vor die Seele zu fuhren; besser wiirde ich vielleicht sagen, 
von derjenigen Anschauung, die sich naturgemafi ergeben kann aus je- 
ner Geisteswissenschaft, die wir nun seit vielen Jahren vor unsere Seele 
hinstellen. 

Dafi die Menschen, wenigstens in diesem oder jenem ihrer Vertreter, 
iiberall heute die Sehnsucht entwickeln, der geistigen Welt nahezu- 
kommen, trotzdem auf der anderen Seite bedauerlicherweise der Mate- 
rialismus nicht abnimmt, das kann aber doch bemerkt werden. Und ge- 
rade aus mancher Form, in der die Sehnsucht nach dem Geiste auf- 
taucht, kann uns das Bediirfnis entstehen, das Spezifische unseres Su- 
chens nach dem geistigen Leben uns einmal vor die Seele zu riicken. In 
England macht gegenwartig das Suchen eines hervorragenden Gelehrten 
nach der geistigen Welt den allergrofiten Eindruck auf die weitesten 
Kreise auch der gebildetsten Leute dort. Und es ist eine immerhin 
aufterordentlich bemerkenswerte Erscheinung, dafi von einem dort unter 
die allerersten wissenschaftlichen Geister gezahlten Manne ein umfang- 
reiches Buch geschrieben worden ist iiber den Zusammenhang der 
Menschheit hier auf der Erde mit der geistigen Welt, das eine ganz 
merkwiirdige Form hat. Sir Oliver Lodge, der ja seit Jahren allerdings 
sich in der verschiedensten Weise bemiiht, die naturwissenschaftlichen 
Erkenntnisse, zu denen er gelangt ist, so zu erweitern, da& sie ihm Auf- 
schliisse geben konnen iiber die geistige Welt, hat ein dickes Buch 
geschrieben iiber einen ganz besonderen Fall von Beziehungen, in die 



er gekommen sein will zu der geistigen Welt. Die Sache verhalt sich 
folgendermafien. 

Sir Oliver Lodge hatte einen Sohn, Raymond Lodge. Der nahm 
1915 auf englischer Seite an dem Krieg in Flandern teil. Wahrend die 
Eltern Lodge den Sohn noch auf dem Kriegsschauplatz wuftten, beka- 
men sie eine merkwiirdige Nachricht aus Amerika. Eine Nachricht, die 
ganz gewifi fiir, ich mochte sagen, materialistisch gesinnte Spiritualisten 
auflerordentlich frappierend sein mulke. Die Nachricht war so gehal- 
ten, dafi aus ihr entnommen werden sollte, dafi der vor vielen Jahren 
verstorbene englische Psychologe, der sich viel befafit hat mit den Be- 
ziehungen der physischen Welt zu der geistigen Welt, Myers, der also 
seit Jahren bereits in der geistigen Welt weilt, daft dieser sich des jungen 
Raymond Lodge in der nachsten Zeit annehmen werde. Zunachst war 
es unklar, auf was sich das beziehen konne. Diese Nachricht traf aller- 
dings etwas verspatet bei Sir Oliver Lodge ein. Sie traf ein, als Ray- 
mond Lodge, der Sohn, bereits gefallen war. Ich glaube vierzehn Tage 
spater, ich weifi es nicht mehr genau. Nun bekam man also die Nach- 
richt von dem Tode, und man bekam ferner wiederum aus Amerika 
Nachricht, die durch Medien vermittelt war, daft man sich an englische 
Medien wenden solle. Und siehe da, man wendete sich an englische 
Medien, und zwar an Medien, denen Sir Oliver Lodge — man kann das 
sagen, ich werde ja nachher gleich liber die Bedeutung des Falles spre- 
chen - mit geniigender Kritik gegeniiberstand. Sir Oliver Lodge ist 
Wissenschafter und ist geschult dazu, solche Dinge in wissenschaftli- 
cher Weise zu priifen. Er ging nach seiner Meinung ganz so zu Werke, 
wie man beim Laboratoriumsversuch zu Werke geht. Und was sich nun 
ergab, wurde nicht von einem, sondern sogar von mehreren Medien 
konstatiert: Raymond Lodges Seele wollte sich der Familie des Sir Oli- 
ver Lodge ankundigen. Es kam zu allerlei Schreib- und Klopfmitteilun- 
gen, zu Mitteilungen, die ihrem Inhalte nach fiir die Familie Lodge so 
iiberraschend waren, dafi nicht nur Sir Oliver Lodge von der Wahrheit 
der Sache iiberzeugt war, sondern auch die iibrigen Familienmitglieder, 
die solchen Dingen bis dahin aufterordentlich skeptisch gegeniiberstan- 
den. Raymond Lodges Seele kiindigte unter anderem an, dafi Myers, 
der langst Verstorbene, schiitzend ihr zur Seite stiinde, kiindigte Ver- 



schiedenes an iiber seine letzte Zeit vor dem Tode, allerlei anderes 
noch, das von Bedeutung war fur die Eltern und Geschwister und einen 
grofien Eindruck machte, namentlich weil Verschiedenes, das Raymond 
Lodge durch die Medf< n mitteilen liefl, direkt bestimmt war, an die 
Familie und namentlich an Sir Oliver Lodge heranzukommen. Die Art 
und Weise der Sitzungen, die gehalten worden sind, waren fur die Fa- 
milie und fur Sir Oliver Lodge, merkwiirdigerweise mufi ich sagen, und 
fur eine weite Presse - soweit ich es verfolgen konnte - aufierordentlich 
uberraschend. Sie konnen nicht iiberraschend sein fur denjenigen, der 
in solchen Dingen Erfahrung hat, denn im Grunde genommen konnte 
seiner Art und Gattung nach dasjenige, was da durch Medien von einem 
Toten vermittelt worden ist, jeder, der mit der Technik und dem Ver- 
lauf von solchen Sitzungen nur irgend bekannt ist, kennen. Einen 
besonders tiefen Eindruck hat aber in England vor allem ein Faktum 
gemacht. Und dieses Faktum ist wohl dasjenige, welches am meisten 
geeignet sein wird, in allerweitesten Kreisen der englischen gebildeten 
Welt, auch der amerikanischen gebildeten Welt, geradezu Uberzeugung 
hervorzurufen, und zwar eine Uberzeugung, wie sie vorher in unserer 
skeptischen Zeit bei sehr vielen Menschen nicht da war, bei denen sie 
nun gerade durch diese Sache eingetreten ist und eintreten wird. Das 
Faktum, das besonders starken Eindruck auf die Familie Lodge, auf Sir 
Oliver Lodge besonders, und auf die breite Offentlichkeit gemacht hat, 
ist das folgende. 

Durch eines der Medien wurden Photographien beschrieben, welche 
zu Lebzeiten von Raymond Lodge angefertigt worden sind. Sie wurden 
in der Weise beschrieben, dafi Raymond Lodge selber dem Medium 
eingab, das sich beschreibend durch Klopftone aufierte, wie die Photo- 
graphien ausschauen. Nun wurde auf diesem Wege eine Gruppenpho- 
tographie beschrieben; das heifit also, durch das Medium kam heraus, 
daft die Seele des Raymond Lodge eine Gruppenphotographie beschrei- 
ben wollte, die von ihm auf genommen worden ist kurze Zeit be vor er 
durch des Todes Pforte gegangen ist. Da hat er sich, so sagt er vom 
Jenseits heraus, mit Kollegen photographieren lassen, die in zwei 
Gruppen hintereinander aufgenommen worden waren; so und so war 
die Anordnung, er safi an der Stelle. Und er gab aufierdem auf diesem 



Wege an, daft mehrere Aufnahmen gemacht worden sind, aber hinter- 
einander, wie das die Photographen tun. Und zwar gab er genau an, 
wodurch sich diese unmittelbar hintereinander gemachten Photogra- 
phien unterscheiden. Er sitzt iiberall auf demselben Stuhl, ungefahr 
auch mit derselben Hauptgeste, nur ein klein wenig ist die Lage des 
Arms und dergleichen verandert. Das gibt er sehr genau an. Nun, die 
Familie Lodge wufite von diesen Photographien nichts, sie wufite nicht, 
daft eine solche Photographie gemacht worden ist. Es war also zunachst 
das Faktum vorhanden, dafi auf dem Umweg durch das Medium eine 
Gruppenphotographie beschrieben worden ist, welche Raymond Lodge 
darstellen sollte im Kreise seiner Kameraden. Nach einiger Zeit, viel- 
leicht nach vierzehn Tagen, kam nun wirklich von Frankreich heriiber 
diese Photographie bei Sir Oliver Lodge an, und zwar ganz genau so, 
wie sie durch das Medium nach den Angaben der Seele von Raymond 
Lodge beschrieben worden ist. Das hat einen besonders starken Ein- 
druck gemacht. Und derjenige, der in solchen Dingen Dilettant ist - 
und es hat sich ja gezeigt, dafi eigendich alle Welt, die da in Betracht 
kam, Dilettant war -, mufite also auch einen starken Eindruck haben. 
Es ist ein Experimentum crucis. Man hat es damit zu tun, dafi eine 
Seele von jenseits heriiber eine Photographie in mehreren voneinander 
verschiedenen Aufnahmen beschreibt, die etwa erst nach vierzehn Ta- 
gen bei der Familie eintrifft, und die mit diesen Angaben genau iiber- 
einstimmt. So daft man sagen kann: Keine Spur kann vorliegen, dafi das 
Medium oder irgendein Mitglied der Sitzung - und Mitglieder waren 
die Angehorigen der Familie Lodge - irgend etwas von dieser Photo- 
graphie gesehen haben konnten. Sehen Sie, wir haben da einen Fall, der 
ganz besonders ins Auge zu fassen ist: auf der einen Seite wissenschaft- 
lich ins Auge zu fassen ist, auf der anderen Seite aber auch kulturhisto- 
risch ins Auge zu fassen ist. Denn nicht nur, dafi man voraussetzen 
kann, dafi so etwas selbstverstandlich einen grofien Eindruck machen 
kann; es ist auch wirklich geschehen, es hat einen ungeheuren Eindruck 
gemacht. Und soweit man verfolgen konnte, wirkte gerade diese Be- 
schreibung der Photographie, die also nicht auf Gedankeniibertragung 
beruhen konnte, tief iiberzeugend. 

Fur uns handelt es sich besonders darum, den ganzen Fall ins Auge 



zu fassen. Denn wir miissen uns iiber folgendes klar sein: Wenn der 
Mensch durch die Pforte des Todes geht, so haben wir es zunachst da- 
mit zu tun, dafi die menschliche Individualitat nunmehr fiir kurze Zeit 
eingehiillt ist vom Astralleib und Atherleib, dafi dieser Atherleib nach 
kiirzerer oder langerer Zeit, aber immerhin nach einer Zeit, welche, wie 
wir wissen, nach Tagen zu bemessen ist, mitgeteilt wird der atherischen 
Welt und dort ihr weiteres Schicksal durchmacht, so dafi die Individua- 
litat mit dem Astralleib in der geistigen Welt ihre weitere Wanderung 
antritt. Und so wie der physische Leib hier auf der Erde abgesondert ist 
von der Individualitat, so ist es auch der menschliche Atherleib. Nun 
miissen wir uns klar sein dariiber, dafi in spiritistischen Sitzungen - und 
mit spiritistischen Sitzungen hat man es in dem ganzen Werke des Sir 
Oliver Lodge zu tun - nur von einem griindlichen Kenner unterschieden 
werden kann, ob die Kommunikation da ist mit der wirklichen Indivi- 
dualitat oder blofi mit dem abgelegten, zuriickgebliebenen atherischen 
Leichnam. Dieser atherische Leichnam steht trotzdem in einer fortwah- 
renden Kommunikation mit der Individualitat. Nun, wenn man auf 
dem Umwege durch ein Medium eine Verbindung herstellt mit der gei- 
stigen Welt, so stellt man sie zunachst mit dem Atherleib her, und man 
kann nie sicher sein, ob man auf diesem Umwege wirklich an die Indi- 
vidualitat herangelangt. Es ist ja gewifi das Bestreben unserer Zeit, auch 
fur das spirituelle Sein etwas wie den Laboratoriumsversuch zu finden, 
etwas, was man mit Handen greifen kann, was man unmittelbar in der 
materiellen Welt vor sich hat. Auf den inneren Weg, auf dem die Seele 
in die geistigen Welten wandern soil, auf den reinen Geistesweg mag 
sich unsere materialistische Zeit nicht gerne einlassen. Sie will, dafi auch 
der Geist sich materiell ankiinde, dafi dieser Geist in die materielle Welt 
hinuntersteigt. Wir erleben alle Phasen des materialistischen Spiritua- 
lismus, des materialistischen Sich-Hinwendens zur geistigen Welt. 

Nun ist durchaus moglich, dafi der atherische Leib, der sich abson- 
dert von der eigendichen menschlichen Individualitat, eine gewisse Art 
von Eigenleben zeigt, das fur den Laien durchaus zu verwechseln ist 
mit dem Leben der Individualitat. Man darf namlich nicht glauben, dafi 
dieser Atherleib, wenn er nun der atherischen Welt ubergeben ist, nur 
Reminiszenzen, nur Erinnerungen, nur Nachklange zeigen wiirde an 



dasjenige, was der Mensch hier durchgemacht hat, sondern er zeigt sich 
als eine wirklich fortlebende Individualitat. Er kann ganz Neues kund- 
geben und hervorbringen. Und dennoch, wer da glaubt, durch diese 
Verbindung mit dem Atherleibe in einer Verbindung mit der Individua- 
litat zu sein, der ist auf falscher Fahrte. Insbesondere ist das moglich, 
wenn in einem Kreise, wie in diesem Kreise von der Familie Sir Oliver 
Lodges - es waren alles Mitglieder der Familie -, Menschen herumsit- 
zen, welche so oder so geartete Gedanken hinlenkten nach dem Ver- 
storbenen, wie es natiirlich war in der Seele eines jeden dieser Mitglieder 
der Familie Lodge. Gedanken an den Verstorbenen, mannigfaltige Er- 
innerungen, die teilten sich auf dem Umwege durch die mediale Kraft 
des Mediums dem Atherleibe mit, und der Atherleib gibt wiederum 
manchmal ganz und gar frappierende Antworten zuriick, die durchaus 
sich so ausnehmen, als ob die Individualitat des Toten die Antworten 
gabe. Dennoch braucht man es nur mit dem abgelegten atherischen 
Leichnam zu tun zu haben. Und fur denjenigen, der mit diesen Dingen 
bekannt ist, findet wirklich das statt, daft iiberall, wo geschildert wird, 
wie durch das Medium das oder jenes von Raymond Lodge an die Mit- 
glieder der Familie des Sir Oliver Lodge kommt, eigentlich nur der 
atherische Leichnam spricht, ohne daft die Individualitat des Raymond 
Lodge wirklich in Kommunikation gestanden hatte mit dem ganzen 
Kreise. Es sind daher auch, wie gesagt, fur denjenigen, der bewandert 
ist in dem Verlauf von solchen Sitzungen, alle die Mitteilungen nicht 
besonders frappierend. 

Es hatte das Ganze wahrscheinlich auch nicht auf einen weiten Kreis 
einen so bedeutsamen Eindruck gemacht und wiirde ihn nicht weiter 
machen, wenn nicht die Photographie-Geschichte vorlage. Denn diese 
Photographie-Geschichte ist doch etwas aufterordentlich Merkwiirdi- 
ges. Denn es ist doch unmoglich, daft irgendwie aus dem Kreis - wie 
das bei alien anderen Dingen, die in den Sitzungen vorkamen, moglich 
ist - Gedanken hatten hingehen konnen durch das Medium zu dem 
atherischen Leibe. Denn niemand konnte in England etwas von den Pho- 
tographien wissen; die waren noch nicht angekommen, als die Mittei- 
lungen durch das Medium gemacht wurden. Trotzdem ist es hochst 
merkwiirdig, daft jemand, der so lange schon sich fur diese Dinge inter- 



essiert und der aufterdem ein so gelehrter Wissenschafter ist wie Sir 
Oliver Lodge, dafi der nicht weifi, wie eine solche Sache aufzufassen ist. 
Ich habe wirklich mich bemiiht, in diesem Falle in die Sache genauer 
hineinzuschauen, und das ist sehr gut moglich, weil eben gerade Sir 
Oliver Lodge Gelehrter, Wissenschafter ist, und deshalb in einer Weise 
beschreibt, auf die man sich verlassen kann; so dafi man es nicht zu tun 
hat mit irgendwelchem Protokoll einer gewohnlichen spiritistischen 
Sitzung, sondern mit den Mitteilungen eines Mannes, der mit der 
Sicherheit eines Wissenschafters schildert, der gewohnt ist, die wissen- 
schaftliche Gewissenhaftigkeit zu entwickeln, die ein Chemiker in den 
Laboratoriumsversuchen entfaltet. Man kann aus der Schilderung, die 
aufierordentlich gewissenhaft gemacht ist, sich ein vollstandiges Bild 
machen desjenigen, um was es sich handelt. Man mufi nur wissen, um 
was es sich handelt. 

Da ist es sehr merkwurdig, dafi jemand durch das aufterordentliche 
Interesse, das er dadurch hat, daft es sich um seinen Sohn handelt, 
jemand, der sich doch schon durch viele Jahre fur diese Dinge inter- 
essiert, also ein gelehrter Mann wie Sir Oliver Lodge, nichts weil? 
von demjenigen, was wir innerhalb unserer Geisteswissenschaft ofter 
beschrieben haben, wenn wir die atavistischen Formen des Hellsehens 
beschrieben haben als Vorahnung, als Deuteroskopie. Denn man hat in 
diesem Falle es mit nichts anderem zu tun als mit einem ganz besonde- 
ren Falle der Deuteroskopie. Die Sache ist so: Wir haben es mit einem 
Medium zu tun. Diesem Medium ist in gewisser Weise - selbstverstand- 
lich durch atavistische Krafte - die geistige Welt of fen, das wissen wir. 
Solche Medien uberbriicken in ihrem Schauen den Raum. Aber nicht nur, 
dafi sie in dem sogenannten zweiten Gesicht den Raum uberbriicken, 
sondern sie uberbriicken auch die Zeit. Und nehmen wir einen sehr ein- 
fachen Fall, den Fall, der hundert und hundertmal beschrieben ist - Sie 
konnen die Falle beschrieben lesen, wenn Sie nicht selber so etwas bei 
sich oder bei Bekannten erlebt haben -, dafi jemand, der besonders 
dazu veranlagt ist, wie traumhaft, aber in halber Vision, als Zukunfts- 
ereignis seinen eigenen Sarg oder Leichenzug sieht. Er stirbt in vierzehn 
Tagen. Er hat das gesehen, was sich erst in vierzehn Tagen zutragt. 
Man kann nicht nur seinen eigenen Sarg oder Leichenzug, sondern zum 



Beispiel einen fremden Leichenzug sehen, ein ganz gleichgiiltiges Er- 
eignis sehen, zum Beispiel - ich erzahle einen bestimmten Fall - sehen, 
wie man nach vierzehn Tagen oder drei Wochen aufs Land hinausgeru- 
fen wird und vom Pferde stiirzt. Der Fall ist vorgekommen. Jemand hat 
das genau gesehen, hat versucht, Vorkehrungen zu treffen; aber diese 
Vorkehrungen sind so ausgefallen, dafl die Sache trotzdem passiert ist. 
Da haben wir es mit einem Uberbriicken der Zeit zu tun. Nichts ande- 
res aber ist das, was Sir Oliver Lodge beschreibt, als ein Uberbriicken 
der Zeit. Nichts anderes. Seine Beschreibung ist wirklich so genau, dafi 
die Nachpriifung durchaus moglich ist. Das Medium hat durch seine 
mediale Kraft das zukiinftige Ereignis gesehen. Als das Medium sprach, 
war die Photographie nicht da, aber sie kam in vierzehn Tagen, oder so 
ungefahr, an. Sie wurde umhergezeigt. Das fand erst nach einiger Zeit 
statt, aber das sah das Medium voraus. Es war ein prophetisches Vorge- 
sicht, eine Deuteroskopie. Man hat es zu tun mit einem Vorgesicht; das 
ist es, was die Sache erklart. Das hat also gar nichts zu tun mit einer 
Kommunikation zwischen demjenigen, der hier auf dem physischen 
Plan ist, und dem, der in der geistigen Welt ist. 

Sie sehen, wie sehr man verwirrt werden kann durch das Streben 
nach materialistischer Ausdeutung der geistigen Verhaltnisse in der 
Welt, wie sehr man blind sein kann gegen dasjenige, was wirklich ist. 
Es ist ja wahrhaftig nicht minder ein Beweis fur die Realitat einer Welt, 
die hinter der gewohnlichen Sinneswelt steht, dafi solch ein Vorgesicht 
da ist. Der Fall ist interessant, nur kann man ihn nicht verwerten fur 
die Konstatierung des Verhaltnisses zwischen Lebenden und Verstor- 
benen. Die Verstorbenen miissen aufgesucht werden - wenn sie aufge- 
sucht werden sollen und diirfen - auf dem Wege, der ein wirklich gei- 
stiger ist. Uber diese Dinge werden wir ja in der nachsten Zeit noch 
mannigfaltige Betrachtungen anstellen, denn ich gedenke gerade iiber 
die Frage der Beziehungen der Lebenden zu den Toten in der nachsten 
Zeit verschiedene Kapitel hier zu besprechen. 

Nun, ich habe Ihnen diese Schrift von Sir Oliver Lodge iiber Ray- 
mond Lodges Seele vorgefuhrt aus dem Grunde, um Ihnen zu zeigen, 
wie dasjenige Sehnen nach der geistigen Welt beschaffen ist, das ja vor- 
handen ist, das man aber eine materialistische Art dieses Sehnens nen- 



nen kann. Oliver Lodge ist eben materialistischer Gelehrter. Wenn er 
auch nach der geistigen Welt strebt, er will doch die geistige Welt nach 
Art der physikalischen oder chemischen Welt kennenlernen. Wie er die 
chemischen Gesetze erforscht im Laboratorium, so will er auch das 
augenscheinlich vor sich haben, was sich auf die geistige Welt bezieht. 
Und ganz feme liegt ihm jener Weg, den wir als den richtigen anerken- 
nen miissen, der Weg, den die Seele auf innerliche Art hin nach der gei- 
stigen Welt nimmt, und den wir ja so oft beschrieben haben, wie wir 
nicht minder beschrieben haben, was da die Seele kennenlernt als zu- 
nachst uns heute in der Gegenwart angehend und der Welt der physi- 
schen Sinne, in der wir leben, zugrunde liegend. Gerade an den Bestre- 
bungen, die auf materialistische Art nach der geistigen Welt hingehen, 
kann man den ganzen materialistischen Charakter unserer Zeit kennen- 
lernen. Und wenn unsere Bewegung einen Sinn haben soli, das heifit, 
den Sinn haben soli, der fur sie folgen mufi aus dem notwendigen Ent- 
wickelungsgesetz der Menschheit, dann mufi sie gerade scharf betonen 
das Geistig- Innerliche, das wirklich Spirituelle gegeniiber diesem mate- 
rialistischen Streben, das heifit absurden Streben nach der geistigen Welt. 

Und warum mufi denn in der Gegenwart eine ganz andere Art als die 
materialistische es ist, namlich eine rein geistige Art, wirklich die Men- 
schenherzen ergreifen? Diese Frage miissen wir im Zusammenhang be- 
trachten mit einer Tatsache, auf die wir ofter hingewiesen haben im 
Laufe der Jahre, und die uns gerade besonders in diesen Tagen, in die- 
sen Leidens- und Priifungstagen nahegehen mufi. Wir haben hingewie- 
sen darauf, wie dieses zwanzigste Jahrhundert die Anschauung des 
atherischen Christus unter die Menschheit bringen mufi. Und so wahr, 
wir haben das oft gesagt, als zur Zeit des Mysteriums von Golgatha der 
Christus physisch unter den Menschen gewandelt hat an einer bestimm- 
ten Statte der Erde, so wahr wird iiber die ganze Erde hin im zwanzigsten 
Jahrhundert der atherische Christus unter den Menschen wandeln. Und 
nicht darf, wenn gegen der Erde Heil nicht gesiindigt werden soil, die 
Menschheit unaufmerksam an diesem Ereignis vorbeigehen; sondern sie 
mufi die notwendige Aufmerksamkeit haben, damit eine genugende 
Anzahl von Menschen vorbereitet sein werden, den Christus wirklich 
zu schauen, der da kommen wird und der geschaut werden mufi. 



Solch ein Ereignis, es kommt nicht ganz plotzlich, wie das Ereignis 
von Golgatha auch nicht plotzlich gekommen ist, sondern sich auch 
durch dreiunddreiftig Jahre vorbereitet hat. Und so nah ist der Zeit- 
punkt, wo etwas, aber jetzt geistig, geschehen wird, was eine ahnliche 
Bedeutung haben wird fur die Menschheit wie das Ereignis von Golga- 
tha auf dem physischen Plan. Daher werden Sie es nicht unglaubhaft 
finden, wenn Sie im allgemeinen die oben beriihrte Tatsache zugeben, 
wenn gesagt wird, daft er eigentlich in der Form, in der er geschaut 
werden wird im grofien Augenblick der Entwickelung im zwanzigsten 
Jahrhundert, schon da ist, dafi sich vorbereitet der grofie Augenblick. 
Nicht unglaubhaft werden Sie es finden, wenn eben im Angesicht des 
grofien Augenblickes gesagt wird: Dieser Augenblick bereitet sich 
schon vor. Ja, man kann sagen: So weit die Menschheit in ihren heuti- 
gen Taten entfernt zu sein scheint von dem Durchtranktsein mit dem 
Christus-Geist auf dem physischen Plan, so nahe ist den Seelen, wenn 
sie sich nur offnen wollten, der Christus, der da kommt. Und der Ok- 
kultist kann geradezu darauf hindeuten, wie seit dem Jahre 1909 unge- 
fahr in deutlich vernehmbarer Weise sich vorbereitet dasjenige, was da 
kommen soli; daft wir seit dem Jahre 1909 innerlich in einer ganz be- 
sonderen Zeit leben. Und es ist heute moglich, wenn es nur gesucht 
wird, dem Christus ganz nahe zu sein, den Christus in ganz anderer 
Art zu finden, als ihn friihere Zeiten gefunden haben. 

Eines kann einem auffallen, was ich Ihnen, so einfach es klingen mag, 
sagen mufi aus einer tiefen Zeitempfindung heraus. Leider macht man 
sich ja gewohnlich nicht genug griindliche Vorstellungen iiber dasjeni- 
ge, was vergangen ist, namentlich was vorgegangen ist mit den mensch- 
lichen Seelen in friiheren Jahrhunderten. Von der Starke des Eindrucks, 
den in den ersten christlichen Jahrhunderten, wenn auch auf einen ge- 
ringeren Kreis als spater, vielleicht nicht die heute bekannten Evange- 
lien, aber dasjenige, was in den heute bekannten Evangelien steht, ge- 
macht hat, von dem unendlich Starken des innerlichen Ergriffenseins 
der Seele macht man sich heute keine rechte Vorstellung mehr. Ja, 
mit den zunehmenden Jahrhunderten wurde wirklich der Eindruck, 
den das Innerliche der Evangelien machte, immer geringer. Und heute 
darf man schon sagen, wenn man sich keinen Illusionen hingibt: Der 



einzelne, wenn er gewisse Intuitionen hat, gewisse ahnende Krafte hat, 
kann durchdringen durch das Wort der Evangelien zu einer Vorstellung 
desjenigen, was geschehen ist in der Zeit des Mysteriums von Golgatha; 
aber die ungeheure Kraft des Evangelien- Wortes selber, sie wurde ge- 
ringer und immer geringer, und sie wirkt heute, wenn man sich eben 
keiner Illusion hingibt, in den weitesten Kreisen der Menschen nur noch 
schwach. Man will sich soldi eine Tatsache nicht mehr gestehen; aber 
es ware gut, weil es die Wahrheit ist, wenn man es sich gestehen wollte. 
Wie kommt das? 

Nun, so wahr es ist, dafi dasjenige, was durch die Evangelien pulst, 
nicht Erdenwort ist, sondern Kosmos-Wort, Himmels-Wort, eine un- 
vergleichlich grofiere innere Kraftmoglichkeit hat als irgend etwas an- 
deres auf der Erde, ebenso wahr ist es, dafi der Form, in der dieses 
Wort niedergelegt ist in den Evangelien, aus der Zeit des Mysteriums 
von Golgatha heraus, die Menschen in ihren Seelen sich entfremdet 
haben in dieser Zeit. Denken Sie doch nur nach dariiber, wie unendlich 
schwer es Ihnen ist, die Sprache, wenn sie zufallig an Sie herankommt, 
in einem Zustand zu verstehen, wie sie vor vier, fiinf Jahrhunderten war. 
Ein Herviberiibersetzen gibt ja durchaus nicht dasjenige, was wirklich 
da ist. Die Evangelien in der Gestalt, in der sie heute ein Mensch haben 
kann, sind eben nicht die urspriinglichen Evangelien, haben nicht die 
urspriingliche Kraft. Man kann zu ihnen durchdringen durch eine ge- 
wisse Intuition, wie ich sagte; aber sie haben eben nicht dieselbe Kraft. 
Und der Christus, der hat das Wort gesprochen, das zutiefst in die 
Menschenseele sich eingraben soil: Ich bin bei euch alle Tage bis ans 
Ende der Erdenzeit. - Dies ist eine Wahrheit, dies ist eine Wirklichkeit. 
In verschiedener Form, in einer der Menschenseele besonders nahen 
Form, wird er es sein in der angedeuteten Zeit des zwanzigsten Jahr- 
hunderts. 

Nun, aus dem, was ich gesagt habe, konnen Sie entnehmen, dafi der- 
jenige, der sich in diesen Dingen als Okkultist drinnenstehend fuhlt, 
sagt: Er ist da! So ist er da, dafi wir von ihm deutlich wissen, dafi er 
nun mehr noch will mit seinen Menschenkindern, als er in verflossenen 
Jahrhunderten gewollt hat. Die Evangelien haben bisher innerlich zu 
den Menschen gesprochen. Sie sollten die Seelen ergreifen. Daher 



konnte man auch mit dem Glauben sich begniigen, nicht zum Wissen 
fortschreiten. Diese Zeit ist voriiber, diese Zeit liegt hinter uns. Der 
Christus hat noch ganz anderes vor mit seinen Menschenkindern. Er 
hat das vor, daft das Reich, von dem er gesagt hat «Mein Reich ist nicht 
von dieser Welt», wirklich in diejenigen Teile der Menschenwesenheit 
einziehe, die selber nicht von dieser Welt sind, die von einer anderen 
Welt sind. Denn in jedem von uns liegt der Teil des Menschen, der 
nicht von dieser Welt ist. Und der Teil des Menschen, der nicht von 
dieser Welt ist, der mufi in intensiver Weise gerade suchen das Reich, 
von dem der Christus gesagt hat, es sei nicht von dieser Welt, 

In der Zeit, in der dies verstanden werden mufi, leben wir. Und 
manche solcher Dinge in der Menschheitsentwickelung kiinden sich ge- 
rade an durch den tiefsten Kontrast. Und auch in unserer Zeit kiindigt 
sich ein Grofies, Bedeutsames durch den Kontrast an. Denn die Zeit 
wird kommen mit dem kommenden Christus, mit dem daseienden 
Christus, wo die Menschen lernen werden, nicht nur fur ihre Seelen, 
sondern fur das, was sie begriinden wollen durch ihr unsterbliches Teil 
hier auf Erden, den Christus zu befragen. Der Christus ist nicht nur ein 
Menschen-Herrscher, er ist ein Menschen-B ruder, der befragt werden 
will, besonders in den kommenden Zeiten befragt werden will fur alle 
Einzelheiten des Lebens. Was die Menschen begriinden wollen, durch 
den Kontrast wird es begriindet heute. Heute scheinen sich Ereignisse 
zu vollziehen, bei denen die Menschen am allerfernsten zu stehen 
scheinen der Frage an den Christus. Wer fragt bei demjenigen - so 
miissen wir uns fragen -, was heute geschieht: Was sagt der Christus 
Jesus dazu? - Wer fragt es? Manche sagen, daft sie es fragen, aber es ware 
gotteslasterlich, zu glauben, daft sie es fragen, daft in der Form, wie sie 
heute gestellt werden, die Fragen wirklich an den Christus gestellt wer- 
den. Und dennoch, die Zeit mufi kommen, sie darf nicht feme sein, wo 
die Menschenseele in ihrem unsterblichen Teil fur dasjenige, was sie be- 
griinden will, die Frage an den Christus stellt: Soli es geschehen, soli es 
nicht geschehen? - wo die Menschenseele den Christus als sie liebenden 
Genossen im Einzelfalle des Lebens neben sich sieht und nicht nur 
Trost, nicht nur Kraft bekommt von der Christus- Wesenheit, sondern 
auch Auskunft bekommt iiber dasjenige, was geschehen soil. Das Reich 



des Christus Jesus ist nicht von dieser Welt, aber es muE wirken in die- 
ser Welt, und die Menschenseelen miissen die Werkzeuge des Reiches 
werden, das nicht von dieser Welt ist. Von diesem Standpunkte aus miis- 
sen wir Umschau halten danach, wie wenig heute die Frage aufgewor- 
fen wird, die an den Christus fur die einzelnen Taten und Ereignisse ge- 
stellt werden muft. Lernen aber mufi die Menschheit, den Christus zu 
befragen. 

Wie soli das geschehen? Das kann nur dadurch geschehen, dafi wir 
seine Sprache lernen. Derjenige, der den tieferen Sinn dessen, was un- 
sere Geisteswissenschaft will, einsieht, der sieht in ihr nicht blofi ein 
theoretisches Wissen iiber allerlei Menschheitsprobleme, iiber die Glie- 
der der Menschennatur, iiber Reinkarnation und Karma, sondern er 
sucht in ihr eine ganz besondere Sprache, eine Art und Weise, sich iiber 
geistige Dinge auszudriicken. Und dafi wir lernen, durch die Geistes- 
wissenschaft innerlich im Gedanken mit der geistigen Welt zu sprechen, 
das ist viel wichtiger, als dafi wir uns theoretische Gedanken aneignen. 
Denn der Christus ist bei uns alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten. 
Seine Sprache sollen wir lernen. Und durch die Sprache - und scheint 
sie noch so abstrakt zu sein -, durch die wir von Saturn, Sonne, Mond 
und Erde und auf der Erde von verschiedenen Perioden und verschie- 
denen Zeiten und von verschiedenen anderen Geheimnissen der Ent- 
wickelung horen, durch diese sogenannte Lehre lehren wir uns selber 
eine Sprache, in die wir die Fragen giefien konnen, die wir stellen an die 
geistige Welt. Und wenn wir lernen, so recht in der Sprache dieses gei- 
stigen Lebens innerlich zu sprechen, dann, meine lieben Freunde, dann 
wird sich entwickeln, dafi der Christus neben uns stent und uns Ant- 
wort gibt. Das ist etwas, das wir als eine Gesinnung aus unseren gei- 
steswissenschaftlichen Bestrebungen aufnehmen sollen, als eine Emp- 
findung, als ein Gefiihl. Warum befassen wir uns mit Geisteswissen- 
schaft? Es ist, wie wenn wir das Vokabularium derjenigen Sprache ler- 
nen sollen, durch die wir an den Christus herankommen. Und wer sich 
bemiiht, iiber die Welt denken zu lernen, wie sich die Geisteswissen- 
schaft bemiiht, wer sich bemiiht, seinen Kopf so anzustrengen, dafi er, 
so wie die Geisteswissenschaft es will, in die Weltengeheimnisse hinein- 
sieht, an den wird aus dem diister-dunklen Grunde der Weltengeheim- 



nisse die Gestalt des Christus Jesus herantreten und ihm die starke 
Kraft sein, in der er leben wird, briiderlich fiihrend an seiner Seite ste- 
hend, auf dafi er mit Herz und Seele stark und kraftig sein konne, den 
Aufgaben der zukiinftigen Menschheitsentwickelung gewachsen zu 
sein. Suchen wir daher nicht blofi als Lehre, suchen wir als eine Sprache 
uns die Geisteswissenschaft anzueignen, und warten wir dann, bis wir 
in dieser Sprache die Fragen finden, die wir an den Christus stellen diir- 
fen. Er wird antworten, ja er wir d antworten! Und reichliche Seelen- 
krafte, Seelenstarkungen, Seelenimpulse wird derjenige davontragen, 
der aus grauer Geistestiefe heraus, die in der Menschheitsentwickelung 
dieser Zeit liegt, die Anweisung des Christus veraehmen wird, die die- 
ser dem, der sie sucht, geben will in der allernachsten Zukunft. 



ZWEITER VORTRAG 
Berlin, 13. Februar 1917 



Die Betrachtungen, die wir vor acht Tagen hier anstellten, gipfelten 
darin, dafi es dem Geistesforscher wohl bekannt ist, wie wir gegenwar- 
tig, trotzdem in der Aufienwelt gewissermafien der Hohepunkt, der 
Kulminationspunkt materialistischer Anschauung, materialistischer 
Gesinnung herrscht, wie wir trotzdem geistig in dem Anfangszeitlaufe 
einer Entmaterialisierung der Gedanken, der Vorstellungswelten stehen, 
was dann im Laufe der Zeit auch zu einer Vergeistigung, zu einem 
Durchdringen mit dem Geiste des Erdenlebens als solchem fuhren 
mufi. Denn dasjenige, was das aufiere Leben des physischen Planes er- 
greifen soli, es mufi ja zuerst ergriffen werden von einigen und dann 
von immer mehr und mehr Menschen im geistigen Begreifen, im geisti- 
gen Erfassen. Und Geisteswissenschaft soli in dieser Beziehung ein An- 
fang davon sein, dafi die Menschen sich erheben in ihren Seelen zu 
dem, wozu sich heute schon die Seelen erheben konnen, wenn sie wol- 
len, und wovon das aufiere physische Leben noch kein Abbild ist, was 
es aber werden muf5, wenn die Erde nicht gewissermafien versumpfen 
soli im Niedergang der materialistischen Entwickelung. Man konnte die 
Situation des heutigen Menschen dadurch bezeichnen, dafi man sagt, 
seine Seele ist eigentlich im allgemeinen ganz nah der geistigen Welt; 
aber die Vorstellungen und namentlich die Empfindungen, die aus der 
materialistischen Weltauffassung und materialistischen Weltgesinnung 
kommen, haben einen Schleier vor dasjenige gewoben, was im Grunde 
genommen heute ganz nahe vor der menschlichen Seele steht. Der Zu- 
sammenhang des physischen Erdendaseins - in dem doch der heutige 
Mensch, trotz mancherlei Deklamationen, die nach anderer Richtung 
hin gemacht werden, steht, mit seinem ganzen Wesen steht -, der Zu- 
sammenhang zwischen diesem materialistischen Erdendasein und der 
geistigen Welt kann von den Menschen gefunden werden, wenn der 
Mensch versucht, innere, mutvolle Krafte zu entwickeln, urn nicht nur 
dasjenige zu begreifen, was er begreifen kann dadurch, daft es sich vor 
seine aufieren Sinne als Natur malt, sondern auch dasjenige zu begrei- 



fen, was unsichtbar bleibt, was ubersinnlich bleibt, womit man sich 
aber vereinigen und es erleben kann, wenn man die innere Kraft der 
Seele so weit aufriittelt, dafi man merkt, daft in dieser inneren Kraft der 
Seele ein iibermenschliches Geistiges mitlebt. 

Dieser Zusammenhang darf nun nicht so gesucht werden, wie heute 
menschliche Zusammenhange gesucht werden und menschliche Zu- 
sammenhange verfolgt werden im groben aufieren Sinnesdasein. Denn 
der Zusammenhang zwischen der Menschenseele und der geistigen Welt 
wird gefunden werden in intimen Kraften der menschlichen Seele; in 
Kraften, welche diese menschliche Seele entwickelt, wenn sie Aufmerk- 
samkeit entfaltet, innere, stille, ruhige Aufmerksamkeit, zu der sich der 
Mensch erst wiederum erziehen muf5, nachdem er im materialistischen 
Zeitalter gewohnt worden ist, Aufmerksamkeit auf dasjenige allein zu 
verwenden, was sich ihm mit Wucht von aufien aufdrangt, was gewis- 
sermafien an das Auffassungsvermogen heranschreit. Der Geist, der im 
Innern erlebt werden soli, der schreit nicht, der lafit auf sich warten, 
und man kommt ihm nahe, wenn man versucht, sich vorzubereiten auf 
dieses Nahekommen. Wenn man sagen kann gegemiber den Dingen der 
Aufienwelt, die vor unsere Sinne sich hinstellen, die der aufieren Wahr- 
nehmung sich aufdrangen: sie kommen heran, sie sprechen zu uns, so 
kann man ein ahnliches Wort nicht anwenden auf die Art und Weise, 
wie der Geist, die geistige Welt, an uns herankommt. Da die heutige 
Sprache, wie ich oft schon gesagt habe, mehr oder weniger gepragt ist 
fur die aufiere physische Welt, so ist es ja schwierig, Worte zu finden, 
die ein genaues Abbild desjenigen sind, was in der geistigen Welt vor 
der Seele steht. Aber man kann annaherungsweise doch versuchen zu 
zeigen, wie andersartig das Geistige an den Menschen herankommt als 
das Physische. Man mochte da sagen, das Geistige wird erlebt, indem 
man in jenem Augenblick, da man es erlebt, das Gefuhl hat: man ver- 
dankt sich ihm. Fassen Sie dieses Wort genau auf: Man verdankt sich 
der geistigen Welt. 

Der physischen Welt stehen wir so gegeniiber, dafi wir sagen: Vor 
unseren Sinnen breitet sich aus das Mineralreich, aus demselben her- 
vorgehend das Pflanzenreich, das Tierreich, und dann unser eigenes 
Reich, das menschliche. Und innerhalb des menschlichen fiihlen wir 



uns gewissermafien als obenstehend in der Aufeinanderfolge dieser au- 
fieren Reiche. Gegeniiber den geistigen Reichen fiihlen wir uns unten- 
stehend und die anderen Reiche iiber uns sich erhebend, die Reiche der 
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Und man fiihlt sich so, 
dafi man sich in jedem Augenblick gegeniiber diesen Reichen fiihlt als 
von ihnen erhalten und im Grunde fortwahrend ins Leben gerufen. 
Man verdankt sich diesen Reichen. Man blickt zu ihnen auf, indem man 
sagt: Das eigene Leben, der eigene Seeleninhalt flieflt aus den willens- 
vollen Gedanken der Wesen dieser Reiche hernieder und bildet uns 
fortwahrend. Dieses Gefiihl des Sich-Verdankens den hoheren Reichen 
sollte bei den Menschen ebenso lebendig entwickelt werden wie das 
Gefiihl, sagen wir, dafi man von auflen Eindriicke bekommt in der phy- 
sischen Wahrnehmung. Wenn diese beiden Empfindungen - die aufie- 
ren sinnlichen Dinge wirken auf uns, und dasjenige, was im Mittelpunkt 
unseres Wesens lebt, ist verdankt den hoheren Hierarchien -, gleich le- 
bendig in unserer Seele sind, dann ist die Seele in jenem Gleichgewicht, 
wo sie fortdauernd wahrnehmen kann in der rechten Weise das Zu- 
sammenwirken des Geistigen und des Physischen, das ja fortdauernd 
stattfindet, das aber ohne das Gleichgewicht dieser beiden charakteri- 
sierten Empfindungen eben nicht wahrgenommen werden kann. 

Die Entwickelung in die Zukunft hinein mufi nun so geschehen, dafi 
der Erdenentwickelung durch das Vorhandensein dieser beiden Emp- 
findungen in der Menschenseele Krafte zuwachsen, welche ihr in der 
heutigen materialistischen Zeit nicht zuwachsen konnen. Wir wissen ja, 
dasjenige, was hier gemeint ist, das deutet auf etwas hin, das sich gar 
sehr im Laufe der Menschheitsentwickelung geandert hat. Der Zusam- 
menhang mit der geistigen Welt war in einer, allerdings dumpf bewufi- 
ten Form, nur in der Urzeit der Menschheitsentwickelung vorhanden. 
Die Menschen hatten in der Urzeit ihrer Entwickelung nicht nur die 
beiden Zustande, die sie jetzt haben, Wachen und Schlafen und dazwi- 
schen ein chaotisches Traumen, sondern sie hatten einen die Wirklich- 
keit vermittelnden dritten Zustand, der nicht blofi ein Traumen war, 
sondern ein Auffassen in Bildern, wenn auch das Bewufitsein herabge- 
dampft war; ein Auffassen in Bildern, aber in Bildern, welche entspra- 
chen einer geistigen Wirklichkeit. Zur Entwickelung des menschlichen 



Erdenvollbewufitseins mufite, wie wir wissen, diese Art der Auffassung 
der Welt beim Menschen zuriicktreten. Der Mensch ware nicht frei ge- 
worden, wenn dieser Zustand verblieben ware. Der Mensch ware nicht 
frei geworden, wenn er nicht alien Gefahren und Anfechtungen und 
Versuchungen des Materialismus ausgesetzt gewesen ware. Aber der 
Mensch mufi auch wiederum den Weg zuriickfinden zur geistigen Welt, 
die er ergreifen mufi im vollen irdischen Bewufksein. 

Dies hangt zusammen mit ganz weiten Vorstellungskomplexen, die 
sich mit alledem geandert haben im Laufe der Menschheitsentwicke- 
lung, was sich so geandert hat, wie wir es jetzt angedeutet haben. Das 
Zusammenleben mit den aus diesem physischen Dasein hinweggegan- 
genen Seelen war einfach fur die Urzeit der Menschen ein selbstver- 
standliches, das man nicht zu beweisen brauchte, denn in jenem Be- 
wufttseinszustand, wo die Menschen in Bildern die geistige Welt wahr- 
nahmen, lebten sie auch zusammen mit denjenigen, die irgendwie durch 
Karma mit ihnen verbunden waren im Leben und durch des Todes 
Pforte in die geistige Welt hinein gegangen waren. Sie wuflten einfach: 
Die Toten sind vorhanden; sie sind nicht tot, sie leben; sie leben nur in 
einer anderen Form des Daseins. - Dasjenige, was man wahrnimmt, 
braucht nicht erst bewiesen zu werden. Uber Unsterblichkeit brauchte 
man in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht nachzudenken, 
denn man erlebte die sogenannten Toten. Aber weitgehende andere 
Wirkungen hatte dieses Zusammenleben mit den Toten. Die Toten fan- 
den die Mdglichkeit leichter als in der Gegenwart - ich sage nicht, dafi 
sie sie in der Gegenwart nicht finden, aber ich sage, sie fanden die Mog- 
lichkeit leichter als in der Gegenwart durch die Menschen, denn dies 
ist der Weg, auf dem das geschehen kann, hier auf der Erde mitzuwir- 
ken bei dem, was auf der Erde geschieht. So dafi dasjenige, was auf der 
Erde geschieht, in jenen Urzeiten der Menschheit so geschehen ist, dafi 
in den Willensimpulsen der Menschen, in dem, was die Menschen sich 
vornahmen, was sie taten, mit die Toten wirkten. 

Der Materialismus hat wahrhaftig nicht nur materialistische Vorstel- 
lungen heraufgebracht - das ware der allergeringste Schaden, denn ma- 
terialistische Vorstellungen als solche schaden am allerwenigsten -, der 
Materialismus hat eine ganz andere Form des Zusammenseins mit der 



geistigen Welt heraufgebracht. Es ist in viel geringerem Mafte moglich 
geworden, daft die sogenannten Toten durch die sogenannten Lebendi- 
gen sich hier in der Evolution der Erde betatigen. Auch zu diesem Zu- 
sammenhang mit den Toten mufi die Menschheit wiederum zuriickkeh- 
ren. Das wird aber nur moglich, wenn die Menschheit gewissermaften 
lernt, die Sprache der Toten zu verstehen. Und die Sprache, in der man 
sich mit den Toten verstandigen kann, ist eben keine andere als die 
Sprache der Geisteswissenschaft. Gewift, es schaut zunachst so aus, als 
ob dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft vermittelt, von mehr 
oder weniger blofi zu einer geistigen Gelehrsamkeit sprechenden Dingen 
handelt, von Weltenentwickelung, von Menschheitsentwickelung, von 
der Gliederung der Menschennatur, was vielleicht Dinge sind, von de- 
nen mancher sagen mochte, es interessiere ihn nicht; er wolle etwas an- 
deres haben, was sein Herz, sein Gemiit warm macht. Gewifi, das letz- 
tere ist eine gute Forderung, es handelt sich darum, wie weit man im 
ganzen Zusammenhang mit einer gewissen Art der Befriedigung einer 
solchen Forderung kommt. Wir lernen scheinbar nur kennen, wie sich 
die Erde auf Saturn, Sonne, Mond entwickelt hat, wie sich die ver- 
schiedenen Kulturepochen auf der Erde entwickelt haben, wie sich die 
Menschenwesenheit gliedert. Aber indem wir uns den Gedanken an 
diese nur scheinbar abstrakten, in Wirklichkeit sehr konkreten Dinge 
hingeben, indem wir uns bemuhen, so zu denken, daft diese Dinge 
wirklich in Bildern vor unseren Seelen stehen, lernen wir, mit einer be- 
stimmten Art uns in Gedanken und Vorstellungen zu bewegen, die wir 
auf eine andere Weise nicht unserer Seele beibringen konnen. Wenn wir 
richtig fiihlen, wie unser ganzes Vorstellen anders wird dadurch, daft 
wir uns mit solchen geisteswissenschaftlichen Dingen beschaftigen, 
dann kommt eine Zeit, wo wir es ebenso absurd finden, zu sagen: uns 
interessiert nicht, uns mit diesen Dingen zu beschaftigen, wie wir es bei 
dem Kinde absurd finden wiirden, wenn es sagte, mich interessiert es 
nicht, das gleichgultige ABC kennenzulernen, sondern ich will spre- 
chen konnen! Gegeniiber dem, was die lebendige Sprache uns vermit- 
telt, ist dasjenige, was das Kind mit seinem leiblichen Dasein vereinigen 
mufi im Sprechenlernen, ebenso ein Abstraktes, wie ein Abstraktes ist 
dasjenige, was an Vorstellungen die Geisteswissenschaft liefert zu dem, 



was aus dem Denken, aus dem ganzen Vorstellen und Empfinden der 
Seele wird unter dem Einfluft dieser geisteswissenschaftlichen Vorstel- 
lungen. 

Dazu allerdings ist notwendig, daft man Geduld hat und dafi man 
dasjenige, was die Geisteswissenschaft enthalt, nicht seinem abstrakten 
Inhalt nach, sondern seinem Lebensinhalt nach annimmt. Das liegt nun 
dem heutigen Menschen mit Bezug auf dasjenige, was wir jetzt in Aus- 
sicht nehmen, ganz besonders fern. In anderer Beziehung freilich na- 
turgemafi auch wiederum nahe. Denn der heutige Mensch ist gewohnt, 
moglichst zufrieden zu sein, wenn er sich eine gewisse Sache, ein 
Kunstwerk auf irgendeinem Gebiete oder irgendeinen wissenschaftli- 
chen Inhalt, einmal vor die Seele geriickt hat. Und wenn ein zweites 
Mai dasselbe vor die Seele tritt, liegt es heute so nahe, zu sagen, das 
kenne ich ja schon, damit habe ich mich schon einmal befaftt. - Das ist 
das Leben in Abstraktion. Auf einem anderen Gebiete, wo man das 
Leben seinem Lebensinhalte nach nimmt, seiner Lebenswirklichkeit 
nach, verfahrt man nicht so. Denn man wird nicht leicht einen Men- 
schen treffen, dem man ein Mittagsmahl vorsetzt, und der sich damit 
entschuldigt, nicht essen zu wollen, da er ja gestern oder vorgestern ge- 
gessen habe. Da vollfuhrt der Mensch immer wieder und wiederum 
dasselbe. Das Leben lebt in Wiederholung des Gleichen. Soil das Gei- 
stige auch wirkliches Leben werden - und ohne dafi es Leben wird, 
kann es uns nicht in Zusammenhang bringen mit der universellen gei- 
stigen Welt -, so muft es in unserer Seele gewissermafien nachgebildet 
werden dem, was die Gesetze des Lebens in der ja auch aus dem Geiste 
heraus gebildeten, aber erstarrten physischen Welt sind. Und insbeson- 
dere werden wir gewahr, dafi mit unserer Seele viel vorgeht, wenn wir 
in einer gewissen rhythmischen Regelmafiigkeit solche Eindriicke auf 
die Seele wirken lassen, welche eine gewisse Freiheit des Denkens, eine 
gewisse Emanzipiertheit des Denkens von der physischen Welt voraus- 
setzen. Alles Heil, konnte man sagen - wenn man dieses sentimentale 
Wort anwenden darf -, alles Heil der geistigen Entwickelung des Men- 
schen hangt davon ab, dafi der Mensch sich dazu bequeme, das Geistige 
wirklich nicht in dem Sinne blofi zu nehmen, wie es heute blofl ge- 
nommen wird, was charakterisiert werden kann mit dem: Oh, das 



kenne ich schon, damit habe ich mich schon beschaftigt sondern es 
im Lebenssinne zu nehmen, was immer verkniipft ist mit Wiederho- 
lung, mit einem, ich mochte sagen, Hintreten derselben Wirkung an 
dieselbe Stelle. Gerade wenn wir uns angelegen sein lassen, unsere Seele 
von geistigem Leben also zu durchsetzen, dann steigert sich auch unsere 
geistige innere Aufmerksamkeitsfahigkeit. Sie wird so intim, dafi wir 
jene wichtigen Momente innerlich seelisch ins Auge fassen konnen, in 
denen die, ich mochte sagen, am meisten zum Herzen sprechenden 
Zusammenhange mit der geistigen Welt sich entwickeln konnen. 

Zum Beispiel ist ein bedeutungsvoller Augenblick fiir den Verkehr 
mit der geistigen Welt derjenige des Einschlafens und derjenige des 
Aufwachens. Nun, der Augenblick des Einschlafens, der wird ja weni- 
ger fruchtbar sein fiir die meisten Menschen im Anfang ihrer geistigen 
Entwickelung, weil man eben hinterher eingeschlafen ist und damit das 
Bewufltsein so herabgetriibt ist, dafi man das Geistige nicht wahr- 
nimmt. Aber sehr fruchtbar kann werden der Augenblick des Uber- 
gehens aus dem Schlafen in das Wachen, wenn wir uns angewohnen, 
diesen Augenblick nicht einfach unaufmerksam zu iibertauchen, sondern 
wenn wir versuchen, Aufmerksamkeit auf inn zu wenden, wenn wir 
versuchen, aufzuwachen so, dafi das Bewufitsein gekommen ist, aber 
die Aufienwelt nicht gleich mit ihrer groben Brutalitat an uns herantritt. 
In dieser Beziehung liegt in Volksgebrauchen, die aus alten Zeiten her- 
stammen, viel Richtiges, das man heute noch wenig versteht. Das einfa- 
che Volk, das noch nicht beleckt ist von der intellektuellen Kultur, 
sagt: Wenn man aufwacht, soli man nicht gleich ins Licht schauen. - 
Also nicht gleich von aufien einen brutalen Eindruck haben, sondern 
etwas in dem Zustand bleiben des Erwachtseins, aber noch nicht Ein- 
driicke bekommen von der aufieren Welt. 

Wenn man dieses beobachtet, bleibt die Moglichkeit, gerade in diesem 
Moment des Aufwachens zu sehen, wie die karmisch mit uns verbun- 
denen Toten an uns herankommen. Sie kommen nicht nur in diesem 
Augenblick an uns heran, aber dieser Augenblick ist derjenige, wo 
wir sie am besten wahrnehmen konnen. Und wir nehmen in diesem 
Augenblick nicht nur das wahr, sondern wir nehmen auch wahr, was 
in der Zeit aufier diesem Augenblick zwischen den Toten und uns 



vorgeht. Denn die Wahrnehmung, die Perzeption der geistigen Welt, 
ist nicht in der gleichen Weise an die Zeit gebunden wie die Wahr- 
nehmung der physischen Welt. Hierin liegt sogar eine Schwierigkeit 
in bezug auf das Auffassen der geistigen Welt und ihrer Wesenheit. 
Ein Augenblick des Wahrnehmens kann uns aus der geistigen Welt 
etwas iiber einen weiten Zeitraum sich Erstreckendes eben ganz mo- 
mentan, ganz augenblicklich enthullen. Die Schwierigkeit liegt darin, 
Geistesgegenwart genug zu haben, um dasjenige, was iiber weitere 
Zeitraume ausgedehnt ist, im Moment aufzufassen. Denn der Moment 
kann, wie dies meistens der Fall ist, im Status nascens voriibergehen. 
Im Entstehen ist zugleich die Sache wieder vergessen. Das ist iiber- 
haupt eine Schwierigkeit des Erfassens der geistigen Welt. Wurde diese 
Schwierigkeit nicht vorliegen, so wiirden, namentlich in der Gegenwart, 
sehr viele Menschen die Eindriicke der geistigen Welt schon empfangen. 

Aber auch in anderen Lebensmomenten ist die Moglichkeit da, daft 
die geistige Welt in uns hineindringt. Zum Beispiel jedesmal, wenn wir 
einen Gedanken so entwickeln, daft der Gedanke aus uns entspringt. 
Wenn wir uns einfach dem Leben iiberlassen, wenn wir so im Leben 
hinschwimmen, dann ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daft die 
echte, die wahre, die innerlich lebendige geistige Welt in uns herein- 
wirkt; aber in dem Moment, wo wir innerlich eine Initiative ergreifen, 
wo wir vor eine Entscheidung gestellt sind, daft wir uns selbst ent- 
schlieften miissen, sei es auch in den kleinsten Dingen, da ist auch wie- 
derum der gunstigste Zeitpunkt da, daft namentlich die karmisch mit 
uns verbundenen Toten in unsere Bewufttseinssphare hereinkommen. 
Es brauchen solche Augenblicke nicht wichtige Augenblicke in dem 
Sinne zu sein, was man so «wichtig» nennt im aufteren materiellen Le- 
ben. Es ist wirklich so, daft zuweilen dasjenige, was fur die geistige Er- 
fahrung wichtig ist, nicht wichtig erscheint im aufteren Leben. Aber fur 
den, der solche Dinge durchschaut, scheint es aufterordentlich klar zu 
sein, daft solche, vielleicht aufterlich unwichtige, innerlich aufterordent- 
lich wichtige Ereignisse, die da eintreten, tief karmisch bedingt sind. So 
ist es schon notwendig, intimere Seelenvorgange zu betrachten, wenn 
man zum Verstandnis der geistigen Welt kommen will. So zum Beispiel 
kann es sich herausstellen, daft ein Mensch auf der Strafte geht oder in 



seinem Zimmer sitzt und irgendein unerwarteter Knall, ein unerwarte- 
ter Schall sich ereignet. Er erschrickt. Er kann einen Moment des Be- 
sinnens nach diesem Erschrecken ha ben, der ihm zeigt: Wahrend dieses 
Erschreckens ist ihm aus der geistigen Welt Wichtiges geoffenbart wor- 
den. Man mufi auf solche Dinge nur die Aufmerksamkeit wenden. Zu- 
meist wendet der Mensch deshalb nicht die Aufmerksamkeit auf diese 
Dinge, weil er sich nur mit dem Erschrecken beschaftigt. Er denkt nur, 
wie er erschrocken ist. Daher ist es so wichtig, in der Weise, wie Sie es 
angedeutet finden konnen in meinem Buche «Theosophie» am Schlusse, 
oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», sich 
Gleichgewicht der Seele zu erwerben. Denn erwirbt man sich dieses 
Gleichgewicht der Seele, ist man nicht so perplex nach dem Erschrek- 
ken, daft man nur diesem Erschrecken sich hingibt, dann wird sich 
schon aufdrangen, wenn auch in intimer Weise, was man gerade in 
einem solchen, eben scheinbar unwichtigen, innerlich aber durchaus 
wichtigen Augenblick erlebt hat. 

Das alles sind natiirlich Anfange, die sich weiter entwickeln miissen. 
Denn indem wir diese Dinge entwickeln: Aufmerksamkeit auf den 
Moment des Aufwachens, Aufmerksamkeit auf den Moment, wo wir 
aufgeriittelt werden von auften nach der einen oder anderen Seite -, ler- 
nen wir wieder auf finden den Zusammenhang mit dem groften Kosmos, 
der stofflich und geistig ist, in dem wir als ein Glied drinnen stehen und 
aus dem wir herausgekommen sind; herausgekommen allerdings sind 
dazu, um freie Menschen zu werden, aber wir sind eben herausgekom- 
men. In Wahrheit ist es schon so, wie der Mensch auch in der Urzeit 
angenommen hat, daft er nicht so verloren, gewissermaften wie ein Wei- 
ten-Eremit, auf der Erde herumgeht, was jetzt geglaubt wird. Sondern 
wahr ist es schon, was der Mensch der Urzeit angenommen hat, daft er 
ein Glied ist in dem ganzen groften kosmischen Zusammenhang, wie 
ein Finger ein Glied ist an unserem Organismus. Dieses Gefiihl hat man 
heute nicht mehr, wenigstens die Mehrzahl der Menschen hat es nicht, 
ein Glied zu sein im groften Weltenorganismus, soweit er als Geistiges 
sich in einem Sichtbaren auslebt. Trotzdem konnte heute ein gewohn- 
liches wissenschaftliches Nachdenken den Menschen schon lehren, daft 
er mit seinem Leben ein solches Glied der ganzen Weltenordnung ist, 



in der er als Organismus drinnensteht. Nehmen Sie etwas sehr Einfa- 
ches, was jeder durch eine einfache Rechnung sich sagen kann. 

Nicht wahr, wir wissen alle, dafi die Sonne im Friihling, am 21. Marz, 
an einem bestimmten Punkt des Himmels aufgeht. Wir nennen diesen 
Punkt den Friihlingspunkt. Wir wissen aber auch, daft dieser Friih- 
lingspunkt nicht jedes Jahr derselbe ist, sondern dafi er fortriickt. Wir 
wissen, daft jetzt die Sonne in den Fischen aufgeht. Vor dem funfzehn- 
ten Jahrhundert ist sie im Widder aufgegangen. Die Astronomie hat das 
beibehalten, «im Widder» zu sagen, aber das stimmt nicht mit der 
Wirklichkeit. - Diese Nebenbemerkung ist in diesem Augenblick nicht 
wichtig. - Also dieser Friihlingspunkt riickt vor; immer ein Snick wei- 
ter vorgeriickt im Tierkreis geht die Sonne im Friihling auf. Daraus ist 
leicht zu sehen, dafi sie in einer gewissen Zeit durch den ganzen Tier- 
kreis wandelt, daft der Aufgangspunkt durch den ganzen Tierkreis 
wandelt. Nun, die Zeit, die notwendig ist, damit die Sonne so durch 
den ganzen Tierkreis wandelt, ist etwa 25 920 Jahre. Also wenn Sie den 
Friihlingspunkt in einem gewissen Jahr nehmen: im nachsten Jahr ist er 
vorgeriickt, im nachsten Jahr wieder vorgeriickt. Vergehen 25 920 Jahre, 
so kommt der Friihlingspunkt wieder auf denselben Punkt zuriick. Also 
25 920 Jahre ist ein fur unser Sonnensystem aufierordentlich bedeu- 
tungsvoller Zeitraum: Die Sonne vollendet einen Weltenschritt, mochte 
ich sagen, indem sie in ihrem Friihlingsaufgang auf denselben Punkt 
zuriickkehrt. Nun hat Plato, der grofie griechische Philosoph, diese 
25 920 Jahre ein Weltenjahr genannt - das grofie platonische Welten- 
jahr. Merkwiirdig ist nun - schon sehr merkwiirdig, aber wenn man auf 
diese ganze Merkwiirdigkeit eingeht, unendlich tief bedeutungsvoll 
erscheinend - das Folgende. 

Normal hat der Mensch in der Minute 18 Atemzuge. Sie andern sich: 
In der Kindheit sind sie etwas zahlreicher, im Alter weniger zahlreich, 
aber durchschnittlich sind beim normalen Menschen 18 Atemzuge rich- 
tig. Rechnen wir uns einmal aus, wieviel das Atemzuge in einem Tage 
macht. Es ist eine einfache Rechnung: 18 mal 60, dann haben wir in 
einer Stunde 1080; das mal 24, die Stunden am Tage, ergibt 25 920 
Atemzuge in einem Tage. Sie sehen daraus, dafi dieselbe Zahl gewis- 
sermafien regiert den menschlichen Tag mit Bezug auf seine Atemzuge, 



wie das grofie Weltenjahr durch diese Zahl regiert wird im Umgang des 
Friihlingspunktes durch den Tierkreis. 

Das ist eines der Zeugnisse, welches uns zeigt, dafi wir nicht blofi so 
eine allgemeine, verschwommene, dunkel-mystische Redensart gebrau- 
chen, wenn wir sagen: Mikrokosmos - Abbild des Makrokosmos, son- 
dern dafi der Mensch wirklich in einer wichtigen Tatigkeit, von der sein 
Leben in jedem Augenblick abhangt, von derselben Zahl regiert wird, 
von demselben Mafi regiert wird, wie der Sonne Umlauf, in den er 
hineingestellt ist. 

Aber jetzt nehmen wir einmal noch etwas anderes: Nicht wahr, das 
Patriarchenalter, wie es gewdhnlich genannt wird, ist 70 Menschenjah- 
re. 70 Menschenjahre sind naturlich nicht eine unbedingt bindende Zahl 
fur den Menschen. Man kann selbstverstandlich viel alter werden, aber 
der Mensch ist eben ein freies Wesen und iibersteigt zuweilen weit sol- 
che Grenzpunkte. Aber halten wir uns an diese Patriarchenzeit und sa- 
gen wir: Der Mensch lebt durchschnittlich, normal, 70 bis 71 Jahre. 
Und untersuchen wir, wieviel Tage das sind, dann haben wir, nicht 
wahr, 365,25 Tage fur das Jahr. Nehmen wir zunachst dieses mal 70, da 
haben wir 25 567,5; und nehmen wir 71, so hatten wir 365,25 mal 71 = 
25 932,75. Sie sehen, bei 70 Jahren bekommen wir 25 567,5 Tage, bei 
71 Jahren 25 932,75 Tage. Daraus ersehen Sie aber, dafi zwischen 70 
und 71 Jahren eben der Zeitpunkt liegt, wo das menschliche Leben ge- 
nau 25 920 Tage umfafit, so dafi das Patriarchenalter eben dasjenige ist, 
welches 25 920 Tage umfafit. Sie haben also den menschlichen Tag 
dadurch bestimmt, dafi er 25 920 Atemziige hat. Sie haben die mensch- 
liche Lebenszeit dadurch bestimmt, da!5 sie 25 920 Tage zahlt. 

Nun wollen wir noch etwas untersuchen. Und das ist jetzt nicht 
schwer. Sie werden leicht einsehen, dafi, wenn ich 25 920 Jahre, die der 
Sonnen-Friihlingspunkt braucht, um durch den Tierkreis hindurchzu- 
gehen, dividiere durch 365,25, so mufi ich herausbekommen ungefahr 
70 oder 71. Da bekomme ich 70 bis 71 heraus, denn ich habe es durch 
Multiplikation auch erhalten. Das heifit, wenn ich das platonische Jahr 
so behandle, dafi es eben ein grofies Jahr ist, und ich es dividiere, so 
dafi ich einen Tag herausbekomme, so werde ich bekommen, was dann 
der Tag fur das platonische Jahr ist. Was ist das? Das ist ein menschli- 



cher Lebenslauf . Ein menschlicher Lebenslauf verhalt sich zum platoni- 
schen Jahr wie ein Tag des Menschen zu einem Jahr. 

Die Luft ist um uns herum. Wir atmen sie ein und atmen sie aus. Sie 
ist zahlenmafiig so geregelt, daft sie, indem sie 25 920 mal geatmet wird, 
unseren Lebenstag abgibt. Was ist denn aber eigentlich dasjenige, was 
nun ein Lebenstag ist? Ein Lebenstag besteht ja darin, daft wiser Ich 
und Astralleib aus unserem physischen Leib und Atherleib herausgehen 
und wieder hineingehen. So daft Tag auf Tag sich das folgt: Das Ich 
und der Astralleib gehen hinaus, gehen hinein, gehen hinaus, gehen 
hinein, so wie der Atem aus- und eingeht. Viele unserer Freunde wer- 
den sich erinnern, daft ich sogar, um die Sache klarzumachen, in offent- 
lichen Vortragen diesen Wechsel von Wachen und Schlafen mit einem 
langen Atemzug verglichen habe. So wie wir beim Atemzug die Luft 
aus- und einatmen, so gehen, indem wir aufwachen und einschlafen, 
Astralleib und Ich in den Atherleib und physischen Leib hinein und 
hinaus. Damit aber ist nichts anderes gesagt, als: Es gibt ein Wesen, es 
kann ein Wesen vorausgesetzt werden, welches atmet, so wie wir atmen 
in einer achtzehntel Minute, ein Wesen, welches atmet, und dessen 
Atmen unser Aus- und Eingehen des Astralleibes und des Ich bedeutet. 
Dieses Wesen ist nichts anderes als das wirklich lebendige Erdenwesen. 
Indem die Erde Tag und Nacht erlebt, atmet sie, und ihr Atemprozeft 
tragt unser Schlafen und Wachen auf seinen Flugeln. Das ist der At- 
mungsprozefi eines grofteren Wesens. Und jetzt nehmen Sie den At- 
mungsprozeft eines grofteren Wesens, der Sonne, die da herumgeht. So 
wie die Erde einen Tag zubringt mit dem Herauslassen und Hereinho- 
len des Ich und Astralleibes in den Menschen, so bringt das grofte, aber 
geistig der Sonne entsprechende Wesen uns Menschen hervor; denn die 
70 bis 71 Jahre sind ja, wie wir nachgewiesen haben, ein Tag des Son- 
nenjahres, des groften platonischen Jahres. Unser gesamtes Menschen- 
leben ist eine Aus- und Einatmung dieses groften Wesens, dem das pla- 
tonische Jahr zugeteilt ist. Sie sehen: Wir haben einen kleinen Atem in 
einer achtzehntel Minute, der unser Leben regelt; wir stehen im Leben 
der Erde drinnen, deren Atemzug Tag und Nacht umfafit: das ent- 
spricht unserem Hinaus- und Hereingehen des Ich und Astralleibes in 
den physischen und Atherleib; und wir sind selber hereingeatmet von 



dem grofien Wesen, dem der Sonnenumlauf entspricht als sein Leben, 
und unser Leben ist ein Atemzug dieses grofien Wesens. Nun sehen 
Sie, wie wir im Makrokosmos drinnenstehen, wirklich drinnenstehen 
als ein Mikrokosmos, derselben Gesetzmafligkeit in bezug auf die uni- 
versellen Wesen unterliegend, wie der Atemzug in uns unserem 
menschlichen Wesen unterliegt. Da regiert Zahl und Mafi. Aber was 
das Groftartige, Bedeutungsvolle und uns tief zu Herzen Gehende ist: 
Zahl und Mafi regiert in gleicher Art den grofien Kosmos, den Makro- 
kosmos und den Mikrokosmos. Es ist nicht eine blofie Redensart, es ist 
nicht blofi etwas mystisch Erf unites, sondern etwas, was uns gerade die 
weisheitsvolle Betrachtung der Welt lehrt, daft wir als Mikrokosmos in 
dem Makrokosmos drinnenstehen. 

Wenn man solche ja ganz einfache Rechnungen macht - denn sie sind 
naturlich mit den allergebrauchlichsten wissenschaftlichen Zahlen zu er- 
reichen -, und hat nicht ein Herz wie ein Holzklotz, sondern ein fur 
die Geheimnisse des Weltendaseins fiihlendes Herz, dann hort auch der 
Satz: Wir sind in das Weltenall hineingestellt - auf, ein blofi abstrakter 
Satz zu sein; er wird ein sehr lebendiger. Ein Wissen bluht auf, ein 
Fuhlen, und tragt seine Friichte in den Willensimpulsen, und der ganze 
Mensch lebt das grofie Leben des gottlichen Weltenseins mit. Das ist 
aber der Weg, auf dem wir gewissermaflen den Anschlufi finden in die 
geistige Welt hinein, und der mufi gefunden werden in der Zeit, auf die 
wir ja hinwiesen in der letzten Betrachtung, in der der Christus auf der 
Erde atherisch wandelt. Ich habe letzthin sogar auf das Jahr hingewie- 
sen, in dem er begonnen hat, atherisch auf unserer Erde zu wandeln. Er 
mufi gefunden werden! Die Menschen mussen sich nur gewohnen, den 
Zusammenhang, den intimen Zusammenhang erst wahrzunehmen, der 
schon aus dem Weltendasein heraus sich ergibt und der bewirken raufi, 
wenn er wahrgenommen wird, daft das Bedurfnis, der intensive Trieb 
entsteht, diesen Anschlufi an die geistige Welt zu suchen. Denn es wird 
gar nicht mehr lange dauern, dann werden die Menschen wenigstens 
gezwungen sein, eines einzusehen, das ist das Folgende. 

Man kann zwar die geistige Welt ableugnen, wenn man durch den 
Materialismus abgestumpft ist, aber man kann nicht in sich die Krafte 
ertoten, die fahig sind, mit der geistigen Welt einen Zusammenhang zu 



suchen. Hinwegtauschen kann man sich iiber die Existenz einer geisti- 
gen Welt, aber ertoten kann man die Krafte in der Seele nicht, welche 
geeignet sind, den Menschen mit der geistigen Welt zusammenzubrin- 
gen. Das aber hat etwas sehr Bedeutsames im Gefolge, und etwas, was 
man wohl beriicksichtigen sollte gerade in unserer Zeit: Krafte, die da 
sind, wirken, auch wenn man sie ableugnet. Der Materialist verbietet 
den nach dem Spirituellen gehenden Kraften in seiner Seele nicht, dafi 
sie wirken; er kann es ihnen nicht verbieten; sie wirken. Also kann 
einer Materialist sein, konnen Sie sagen, und die nach dem Spirituellen 
gehenden Krafte wirken doch in ihm. Ja, es ist so. Sie wirken in ihm. 
Es hilft nichts, sie wirken in ihm. Und was bewirken sie denn? Krafte, 
die da sind, konnen zwar in bezug auf ihre ureigene Wirksamkeit un- 
terdruckt werden; dann verwandeln sie sich aber in andere Krafte. Und 
wenn man die Krafte, die nach dem Spirituellen gehen, nicht verwen- 
det, um Verstandnis zu suchen des Spirituellen - ich sage jetzt nur 
«Verstandnis» zu suchen des Spirituellen, mehr braucht man zunachst 
nicht -, wenn man diese Krafte nicht dazu verwendet, dann verwandeln 
sie sich in Illusionskraft im menschlichen Leben. Dann wirken sie so, 
daft der Mensch sich im gewohnlichen Leben in bezug auf die aufiere 
Welt alien moglichen Illusionen hingibt. Das ist in unserer Zeit nicht so 
unbedeutsam einzusehen, denn in keiner Zeit haben die Menschen ge- 
wissermafien mehr phantasiert als in unserer Zeit, obwohl sie die Phan- 
tasie nicht lieben. Das Phantasieren erstreckt sich nicht nur auf be- 
stimmte Gebiete. Und man konnte, wenn man anfinge, Beispiele zu 
geben, was die Leute phantasieren, da sie doch nur Realisten, Materiali- 
sten sein wollen, wirklich auf alle moglichen Gebiete Licht werfen; man 
kame an kein Ende. Man konnte anfangen - nun, wir wollen nicht ket- 
zerisch sein, aber wenn man zum Beispiel begonne damit, den Blick zu 
werfen auf das, was gewisse, sagen wir Staatsmanner, iiber den wahr- 
scheinlichen Gang der Ereignisse in der Welt, vielleicht nur vor Wo- 
chen, vorausgesagt haben und was dann eingetroffen ist; wenn man 
diese Dinge vergleicht, wird man finden, dafi die Illusionsfahigkeit 
schon seit vielen Jahren nicht gar klein ist. 

Nun, man kann alle Gebiete des Lebens in dieser Weise durchfor- 
schen, es ist ganz merkwiirdig, wie man iiberall, Iiberall heute die Illu- 



sionsf'ahigkeit ganz bedeutsam entwickelt findet. Diese Illusionsfahig- 
keit gibt gerade den Lebensauffassungen und Lebensgesinnungen der 
materialistisch gestimmten Leute zuweilen etwas Kindliches, um nicht 
zu sagen Kindisches. Wenn man heute sieht, was dazu gehort, damit 
Menschen das eine oder andere begreifen, was dazu gehort, sie mit der 
Nase drauf zu stofien, dann wird man schon einen Begriff davon be- 
kommen, was hier als «kindlich» um nicht zu sagen «kindisch», ge- 
meint ist. Nun, so ist es. Wenn die Menschen sich abwenden von der 
geistigen Welt, dann miissen sie es damit bezahlen, dafi sie illusions- 
fahig werden, dafi sie die Fahigkeit verlieren, zutreffende Begriffe iiber 
die aufiere physische Wirklichkeit und ihren Gang zu haben. Sie miis- 
sen auf einem anderen Gebiet phantasieren, weil sie an die Wahrheit - 
jetzt Wahrheit, ob sie nun auf das geistige oder physische Leben sich 
bezieht - sich nicht halten wollen. 

Ich habe Ihnen ein naheliegendes Beispiel einmal angefuhrt, und wenn 
es auch pro domo gesprochen ist, so ist es doch ein typisches Beispiel: 
Man kann immer wiederum ganz verurteilende Besprechungen finden 
iiber diejenige Geisteswissenschaft, die von mir vertreten wird. Warum, 
das begriinden die Betreffenden damit, dafi sie sagen: Der phantasiert ja 
nur alles! Und das ist nicht erlaubt, nur zu phantasieren! - Also die 
Menschen wollen nicht mitgehen in die wirkliche geistige Welt, weil sie 
das fur Phantasterei halten, und das Phantasieren verachten sie. Und 
dann schliefien sie daran allerlei Auseinandersetzungen, die mit der 
Wirklichkeit so ubereinstimmen wie das Weifie mit dem Schwarzen, 
zum Beispiel iiber meine Abstammung, iiber die Art und Weise dessen, 
was ich da oder dort getan habe. Da entwickeln sie die kuhnste Phanta- 
sie. Da sehen Sie es unmittelbar nebeneinander gestellt: Flucht vor der 
geistigen Welt mit Befahigung zur Illusion! Das bemerkt der Betref- 
fende nicht, aber das ist ganz gesetzmafiig. Ein gewisses Quantum von 
Kraft ist da gerichtet nach der geistigen Welt; ein gewisses Quantum 
von Kraft ist da gerichtet nach der physischen Welt. Wird das nach der 
geistigen Welt gerichtete Quantum nicht angewendet, so lenkt es sich 
dann nach der physischen Welt, nicht, um dort das Wirkliche und 
Wahre zu erfassen, sondern um dort den Menschen in Lebensillusionen 
zu stiirzen. 



Dies laftt sich nicht im einzelnen Falle gleich so beobachten, daft man 
sagen kann: Aha, da ist der; der wird durch seine Abneigung vor der 
geistigen Welt in Illusionen gesturzt! - Solche Beispiele findet man 
schon, aber man muft sie suchen; daft es aber im Leben nicht so ohne 
weiteres sich nachweisen laftt, das kommt davon her, weil das Leben 
kompliziert ist und eines das andere beeinfluftt. Es ist immer so, daft 
durchaus die starkere Seele die schwachere Seele beeinfluftt. So liegt, 
wenn man bei einer Seele ein Stuck Illusionsfahigkeit findet, schon ir- 
gendwie der Grund zu dieser Illusionsfahigkeit in einem Haft oder einer 
Abneigung vor der geistigen Welt; es braucht nicht in der Seele, die 
illusioniert ist, selber zu liegen, sondern es kann suggeriert sein. Denn 
auf geistigen Gebieten ist die Ansteckungskraft viel grofter als auf 
irgendeinem physischen Gebiete. 

Wie das mit dem allgemeinen Menschheitskarma zusammenhangt, 
wie diese Dinge iiberhaupt, wenn man sie betrachtet und dieses wich- 
tige Gesetz der Metamorphose der Seelenkrafte ins Auge faftt, eine Me- 
tamorphose, eine Umwandlung der nach dem Geistigen gewendeten 
Krafte zur Illusionskraft, im ganzen Zusammenhang des Lebens wirken 
und mit den Entwickelungsbedingungen unserer Gegenwart und der 
nachsten Zukunft zusammenhangen, das wird dann Gegenstand der 
nachsten Betrachtung sein, wo wir fortfahren werden, dies Heutige 
auszufuhren und dann anzuknupfen an das Christus- und auch an das 
gegenwartige Zeit-Mysterium, um dann einige Ausblicke wiederum zu 
gewinnen fur die Bedeutung der geistigen Anschauung im allgemeinen. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 20. Februar, 1917 



So recht praktisch gestalten im edelsten Sinne, was wir als Frucht der 
Geisteswissenschaft haben konnen, das kann dazu fiihren, zu empfin- 
den, wie der Mensch in seinem gewohnlichen aufSeren Menschen den 
inneren Menschen, fur die gewohnliche Vorstellung einen durchaus 
zweiten Menschen, tragt. In dieser Beziehung bestehen wir wirklich 
alle als Menschen aus zwei Wesenheiten, wovon die eine Wesenheit, 
welche sich zusammensetzt mehr aus unserem physischen Leib und aus 
unserem atherischen Leib, demjenigen angehort, was Auftenwelt ist; 
Aufienwelt in dem Sinne, dal5 dieser physische Leib und in gewissem 
Sinne auch der atherische Leib Ausgestaltungen und Abbilder, Offen- 
barungen sind der uns immer umgebenden gottlich-geistigen Wesenhei- 
ten. Unser physischer Leib und unser Atherleib in ihrer wahren We- 
senheit, nicht wie wir sie als Menschen zunachst kennen, sind Bilder, 
nicht von uns, nicht von unserer Wirklichkeit, sondern Bilder, konnen 
wir sagen, der Gotter, die sich ausleben, indem sie so, wie wir Men- 
schen unsere Handlungen hervorbringen, hervorbringen unseren physi- 
schen Leib und unseren Atherleib und diese beiden zur Entwickelung 
bringen. Der innere Mensch ist so, dafi ihm naherliegt der astralische 
Leib und das Ich. Dieses Ich und der Astralleib sind fur das Weltenall 
junger als der physische Leib und Atherleib. Das wissen wir ja aus den 
Mitteilungen, die auch in der «Geheimwissenschaft» verzeichnet sind. 
Dieses Ich und der Astralleib, sie sind dasjenige, was gleichsam ruht in 
dem Bette, das uns zubereitet wird von den gottlich-geistigen Wesenhei- 
ten, die das aufiere Universum durchdringen und offenbaren. Und die- 
ses Ich und der Astralleib sollen durch die Erfahrungen, durch die Er- 
lebnisse, durch die Priifungen, durch die Schicksalswendungen, die sie 
durchmachen durch den physischen und atherischen Leib, allmahlich 
aufsteigen zu den Entwickelungsstufen, die wir ja auch schon kennen- 
gelernt haben. 

Nun stehen wir, wie ich Ihnen schon angedeutet habe das letzte Mai, 
in innigsten Beziehungen zu dem ganzen Universum, zu dem ganzen 



Kosmos; in solchen Beziehungen, die, wie wir aus einer fliichtigen 
Rechnungsskizze das letzte Mai gesehen haben, sogar berechnet werden 
konnen, in Zahlen ausgedriickt werden konnen; die sich naturlich in 
vielem, vielem anderen noch aufiern, aber, ich mochte sagen, zu unse- 
rer Oberraschung in solchen Zahlen sich ausdriicken lassen, wie diese 
ist, dafi die Zahl der Atemziige, die der Mensch in einem Tage macht, 
gleichkommt der Zahl, welche der Friihlingspunkt der Sonne braucht 
an Jahren, um wiederum an seine alte Stelle zuriickzukommen. Solche 
zahlenmafiigen Entdeckungen, wenn wir sie gefuhlsmafiig durchdrin- 
gen, konnen uns erfiillen mit einem Schauer, mit einem heiligen 
Schauer iiber unsere Zusammengehorigkeit mit dem gottlich-geistigen 
Universum, wie es sich in alien aufteren Erscheinungen offenbart. 

Viel defer aber zeigt sich aus dieser Tatsache, daft wir der Mikro- 
kosmos, die kleine Welt sind, die herausgestaltet, herausgeoffenbart ist 
aus dem Makrokosmos, aus der grofien Welt, wenn wir solche Tatsa- 
chen ins Auge fassen, wie wir sie heute vor unsere Seele riicken wollen, 
solche Tatsachen, die ich nennen mochte die drei Begegnungen der 
Menschenseele mit den Wesen des Universums. Also sprechen mochte 
ich Ihnen heute von den drei Begegnungen der Menschenseele mit den 
Wesen des Universums. 

Wir wissen ja alle, dafi wir zunachst, so wie wir als Erdenmenschen 
wandeln, an uns tragen den physischen Leib und den Atherleib, den 
Astralleib und das Ich. Jede von diesen zwei Wesenheiten, die wir an- 
gefuhrt haben, tragt wiederum, ich mochte sagen, zwei Unterwesenhei- 
ten in sich: der mehr aufiere Mensch den physischen Leib und Ather- 
leib, der mehr innere Mensch das Ich und den Astralleib. Nun wissen 
wir aber, dafi der Mensch sich weiterentwickeln wird. Die Erde wird 
einen Abschlufi erlangen. Die Erde wird sich weiterentwickeln durch 
eine Jupiter-, Venus-, durch eine Vulkan-Planetenentwickelung. Da 
wird der Mensch von Stufe zu Stufe aufsteigen. Zu seinem Ich, wissen 
wir, wird sich hinzuentwickeln eine hohere Wesenheit, die sich in ihm 
offenbaren wird: das Geistselbst, das so recht sich offenbaren wird 
wahrend der Jupiterentwickelung, die auf unsere Erdenentwickelung 
folgen wird. Der Lebensgeist wird sich voll offenbaren im Menschen 
wahrend der Venuszeit, und der eigentliche Geistesmensch wird sich 



offenbaren wahrend der Vulkanzeit. Wir sehen also, indem wir der 
grofien kosmischen Menschenzukunft entgegenblicken, auf diese drei- 
stufige Entwickelung des Geistselbst, des Lebensgeistes, des Geistes- 
menschen. Aber diese drei, die uns gewissermafien erwarten in unserer 
Zukunftsentwickelung, sie stehen heute schon in einer gewissen Bezie- 
hung zu uns, wenn sie auch noch gar nicht entwickelt sind; denn sie 
liegen beschlossen im Schofle der gdttlich-geistigen Wesenheiten, die wir 
als hohere Hierarchien kennen gelernt haben. Sie werden uns herausge- 
spendet aus diesen hoheren Hierarchien. Und heute schon stehen wir in 
Beziehung zu diesen hoheren Hierarchien, die uns in der Zukunft das 
Geistselbst, den Lebensgeist, den Geistesmenschen bescheren werden. 
So dafi wir einfach sagen konnen, statt dafi wir den komplizierten 
Ausdruck gebrauchen «Wir stehen in Beziehung zur Hierarchie der 
Angeloi»: «Wir stehen in Beziehung zu dem, was da kommen soli in 
der Zukunft, zu unserem Geistselbst. » Und statt dafi wir sagen: «Wir 
stehen in Beziehung zu den ArchangeIoi», sagen wir: «Wir stehen in 
Beziehung zu dem in der Zukunft kommenden Lebensgeist» und so 
weiter. 

Und in der Tat, wir Menschen sind in einer gewissen Beziehung 
mehr, jetzt schon der Anlage nach mehr - und in der geistigen Welt be- 
deuten Anlagen etwas weit Hoheres als in der physischen Welt -, als 
blofi dieser viergliedrige Mensch: physischer Leib, Atherleib, Astralleib 
und Ich. Wir tragen als Keim schon das Geistselbst in uns, auch den 
Lebensgeist, auch den Geistesmenschen. Entwickeln aus uns werden sie 
sich spater, aber wir tragen sie als Keim in uns. Und nicht nur so ab- 
strakt, dafi wir sie als Keim in uns tragen, ist das zu sagen, sondern die- 
ses In-uns-Tragen ist ganz konkret gemeint, denn wir haben mit diesen 
hoheren Gliedern unserer Wesenheit Begegnungen, wirkliche Begeg- 
nungen. Und diese Begegnungen, die liegen in der folgenden Weise: 
Wir wiirden als Menschen immer mehr und mehr dahin kommen, eine 
gewisse fur die gegenwartige Entwickelung des Menschen schwer er- 
tragliche Entfremdung von allem Geistigen zu fiihlen, wenn wir nicht 
von Zeit zu Zeit begegnen konnten unserem Geistselbst. Unser Ich 
mufi jenem Hoheren, jenem Geistselbst begegnen, das wir erst entwik- 
keln werden und das in einer gewissen Beziehung gleichartig ist mit 



Wesenheiten aus der Hierarchie der Angel oi. So dafi man in der popu- 
laren Sprache auch sagen kann, wenn wir christlich sprechen: Wir miis- 
sen von Zeit zu Zeit begegnen einem Wesen aus der Hierarchie der An- 
geloi, das uns besonders nahesteht, weil dieses Wesen, indem es uns 
begegnet, an uns geistig dasjenige vornimmt, was uns in die Lage ver- 
setzt, einstmals ein Geistselbst aufzunehmen. Und wir miissen eine Be- 
gegnung haben mit einem Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi, 
weil dieses Wesen dann mit uns etwas vornimmt, was dazu fiihrt, dafi 
der Lebensgeist einstmals entwickelt wird und so weiter. 

Ob wir im christlichen Sinne dieses Wesen versetzen in die Hierar- 
chie der Angeloi, oder ob wir mehr im antiken Sinne sprechen von 
dem, was die alteren Volker gemeint haben, wenn sie von dem Genius, 
von dem fiihrenden Genius des Menschen sprachen, das ist im Grunde 
genommen ganz gleich. Wir wissen, wir leben in einer Zeit, wo es nicht 
vielen, sondern nur wenigen Menschen gestattet ist - aber diese Zeit 
wird bald anders werden -, hineinzuschauen in die geistige Welt, die 
Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt zu schauen. Die Zeit ist 
vorbei, aber sie war da, wo man in einem viel umfanglicheren Sinne all- 
gemein die Wesenheiten der geistigen Welt und auch die verschiedenen 
Entwickelungsvorgange der geistigen Welt geschaut hat. Und in der 
Zeit, in der man gesprochen hat von dem Genius eines jeden Menschen, 
da hat man auch ein unmittelbar konkretes Anschauen von diesem Ge- 
nius gehabt. Dieses konkrete Anschauen war in einer nicht so fern zu- 
riickliegenden Vergangenheit so stark noch, dafi die Menschen es be- 
schreiben konnten in aller Konkretheit, in aller Sachlichkeit; in einer 
Sachlichkeit, die die gegenwartige Menschheit fur Dichtung halt, die 
aber nicht als Dichtung gemeint ist. So schildert Plutarch - und ich 
mochte die Stelle wortlich mitteilen - das Verhaltnis des Menschen zu 
seinem Genius in der folgenden Art [Siehe Hinweise]. Plutarch, der 
griechische Schriftsteller, sagt, dafi aufier dem in den irdischen Leib ver- 
senkten Teil der Seele ein anderer, reiner Teil derselben auflerhalb, tiber 
dem Haupte des Menschen schwebend bleibt, als ein Stern sich darstel- 
lend, der mit Recht sein Damon, sein Genius, genannt wird, welcher 
ihn leitet, und dem der Weise willig folgt. - Also so konkret schildert 
Plutarch das, was er nicht als eine Dichtung, sondern als eine konkrete 



aufiere Wirklichkeit meint, dafi er ausdriicklich darauf hinweist: Fiir 
das iibrige ist der geistige Teil des Menschen gewissermafien mit dem 
physischen Leibe zugleich zu schauen, so dafi der geistige Teil den phy- 
sischen in demselben Raume normalerweise ausfiillt; aber, was den Ge- 
nius betrifft, den leitenden, fiihrenden Geist des Menschen, der ist noch 
als etwas Besonderes aufierhalb des Hauptes fiir jeden Menschen zu se- 
hen. - Und Paracelsus, einer der letzten, die ohne besondere Anleitung 
oder ohne besondere Veranlagung kraftige Kunde von diesen Dingen 
hatten, sagte aus sich heraus ungefahr das gleiche iiber diese Erschei- 
nung. Und viele andere. Dieser Genius ist nichts anderes als das 
werdende Geistselbst, getragen allerdings von einem Wesen aus der 
Hierarchie der Angeloi. 

Es ist sehr bedeutsam, sich ein wenig in diese Dinge zu vertiefen; 
denn mit dem Sichtbarwerden dieses Genius hat es seine besondere Be- 
wandtnis, und die lernt man verstehen, wenn man unter anderem - es 
konnte auch von einem ganz anderen Gesichtspunkte zu der Sache ge- 
fuhrt werden, aber nehmen wir den einen Gesichtspunkt - das Verhalt- 
nis der Menschen in ihrem gegenseitigen Verkehr untereinander auf- 
fafit. Dieses Verhaltnis der Menschen in ihrem gegenseitigen Verkehr 
untereinander, das lehrt uns etwas. Es lehrt uns etwas keineswegs Un- 
bedeutsames im Hinblick auf die geistigen Glieder der menschlichen 
Wesenheit. Wenn zwei Menschen sich begegnen, und der Mensch nur 
imstande ist, mit seinem physisch-sinnlichen Auge diese Begegnung zu 
beobachten - nun, da merkt er, dafi sie aufeinander loskommen, dafi sie 
sich vielleicht begriifien und dergleichen. Wenn der Mensch aber in der 
Lage ist, den Vorgang geistig zu beobachten, so findet er, dafi mit jeder 
menschlichen Begegnung wirklich verkniipft ist ein geistiger Vorgang, 
der sich unter anderem darin auftert, daft der Teil des Atherleibes, der 
den Kopf bildet, so lange als zwei Menschen nebeneinander stehen, ein 
Ausdruck wird fiir die auch feinste Sympathie und Antipathie, welche 
diese zwei Menschen, die zusammenkommen, einander entgegenbrin- 
gen. Nehmen wir an, zwei Menschen begegnen einander, die einander 
nicht ausstehen konnen. Nehmen wir den extremen Fall, aber er 
kommt ja vor im Leben: Zwei Menschen begegnen einander, die sich 
nicht ausstehen konnen, und zwar sei dieses Gefiihl der hervorragenden 



Antipathie gegenseitig. Da tritt das ein, daft der Teil des Atherleibes, 
der den Kopf bildet, bei beiden Menschen sich aus dem Kopf heraus- 
neigt, und die Atherleiber des Kopfes sich zusammenneigen. Gleichsam 
wie ein fortdauerndes Kopfneigen mit Bezug auf den atherischen Men- 
schen, so stellt sich die Antipathie heraus, wenn zwei Menschen sich 
begegnen, die sich eben nicht ausstehen konnen. - Wenn zwei Men- 
schen zusammenkommen, die sich lieben, so merkt man einen ahnli- 
chen Vorgang. Dann tritt nur der Atherkopf zuriick, beugt sich ab nach 
riickwarts. Und auf diese Weise entsteht in beiden Fallen - ob sich 
dann, wenn man sich nicht ausstehen kann, der Atherleib gleichsam 
gruftartig nach vorne neigt, oder ob er sich nach riickwarts neigt, wenn 
man sich liebt -, in beiden Fallen entsteht gewissermaften das, daft durch 
das Herausneigen des Atherleibes des Kopfes der physische Kopf freier 
wird, als er sonst ist. Es ist immer nur relativ; es geht der Atherleib 
nicht ganz heraus, aber er verlagert sich und geht zuriick, so daft man 
eine Fortsetzung erblickt. Aber dadurch fiillt jetzt ein diinnerer Ather- 
leib das Haupt aus, als wenn man allein steht. Das hat zur Folge, daft 
durch diesen diinneren Atherleib, der den Kopf ausfiillt, im Haupte der 
Astralleib, der dableibt, deutlicher sichtbar wird fur das hellsichtige 
Anschauen. So daft nicht nur diese Bewegung des Atherleibes eintritt, 
sondern daft tatsachlich mit dem Haupte des Menschen eine astralische 
Lichtveranderung vor sich geht. Darauf, wiederum nicht auf einer 
Dichtung, sondern auf einer tatsachlichen Wahrheit, beruht das, 
daft man, wo man von den Dingen etwas versteht, Menschen, die in der 
Lage sind, vieles selbstlos zu lieben, abbilden muft mit einer Kopfaura, 
was man einen Heiligenschein nennt. Denn wenn zwei Menschen ein- 
ander einfach begegnen, wobei in der Liebe immer ein starker Ein- 
schlag von Egoismus ist, so ist die Erscheinung nicht so auffallig. Wenn 
aber ein Mensch der Menschheit sich gegeniiberstellt in Augenblicken, 
wo er es nicht mit sich und seiner personlichen Beziehung zu einem an- 
deren Menschen zu tun hat, sondern mit etwas allgemein Menschli- 
chem, mit etwas, das mit allgemeiner Menschenliebe zusammenhangt, 
so treten auch die Dinge ein. Dann aber wird der Astralleib in der 
Hauptesgegend machtig sichtbar. Und sind Leute da, die imstande 
sind, selbstlose Liebe an einem Menschen hellsichtig zu schauen, dann 



sehen sie den Heiligenschein und sind gedrangt, den Heiligenschein als 
eine Realitat zu malen, oder wie man es eben dann macht, Diese Dinge 
hangen durchaus mit objektiven Tatsachen der geistigen Welt zusam- 
men. Was da objektiv vorhanden ist, was als fortdauernde Wirklichkeit 
der Menschheitsentwickelung vorhanden ist, das ist aber noch mit etwas 
anderem verbunden. 

Der Mensch mufi wirklich von Zeit zu Zeit eine innigere Gemein- 
schaft mit seinem Geistselbst eingehen, mit dem Geistselbst, das nun 
auch in der astral ischen Aura, die so sichtbar wird in dem, was ich Ih- 
nen angedeutet habe, veranlagt, nicht entwickelt ist, die gleichsam von 
oben, von dem Zukunftigen iiberstrahlt wird, der Mensch mufi mit sei- 
nem Geistselbst von Zeit zu Zeit zusammentreffen. Und wann ge- 
schieht dieses? 

Da kommen wir auf die erste Begegnung, von der wir zu sprechen 
haben. Wann geschieht dies? Es geschieht einfach jedesmal ungefahr 
beim normalen Schlafe in der Mitte zwischen Einschlafen und Aufwa- 
chen. Bei den Menschen, die dem Naturleben naherstehen, bei den ein- 
fachen Landleuten, die mit der sinkenden Sonne schlafen gehen und 
entsprechend mit der aufgehenden Sonne aufstehen, fallt diese Mitte der 
Schlafenszeit auch wiederum mit der Mitte der Nacht mehr oder weni- 
ger zusammen. Bei dem Menschen, der sich herausreifit aus den Natur- 
zusammenhangen, ist das weniger der Fall. Aber darauf beruht ja die 
menschliche Freiheit, daft dies moglich ist. Der Mensch der modernen 
Kultur kann sich sein Leben einrichten, wie er will; zwar nicht, ohne 
daft das von einem gewissen Einfluft ist auf dieses Leben, aber er kann 
es sich in gewissen Grenzen einrichten, wie er will. Dann kann er doch 
in der Mitte einer langeren Schlafenszeit das erleben, was man nennt ein 
innigeres Zusammensein mit dem Geistselbst, also mit den geistigen 
Qualitaten, aus denen das Geistselbst genommen sein wird, eine Be- 
gegnung mit dem Genius. Diese Begegnung mit dem Genius findet also 
beim Menschen, cum grano salis gesprochen, jede Nacht, das heiftt jede 
Schlafenszeit, statt. Und dies ist wichtig fur den Menschen. Denn was 
wir auch haben konnen an einem die Seele befriedigenden Gefiihl iiber 
den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, es beruht 
darauf, daft diese Begegnung wahrend der Schlafenszeit mit dem Genius 



nachwirkt. Das Gefiihl, das wir im wachen Zustand bekommen konnen 
von unserem Zusammenhang mit der geistigen Welt, ist eine Nachwir- 
kung dieser Begegnung mit dem Genius. Das ist die erste Begegnung 
mit der hoheren Welt, von der man als zunachst etwas Unbewufttem 
fur die meisten Menschen heute sprechen kann, das aber immer bewuft- 
ter und bewuftter werden wird, je mehr die Menschen die Nachwir- 
kung gewahr werden dadurch, daft sie ihr waches Bewufttseinsleben in 
den Empfindungen durch Aufnahme der Ideen und Vorstellungen der 
Geisteswissenschaft so verfeinern, daft die Seele eben nicht zu grob ist, 
um die Nachwirkung aufmerksam zu betrachten. Denn nur darauf 
kommt es an, daft die Seele fein genug ist, in ihrem inneren Leben intim 
genug ist, um diese Nachwirkungen zu betrachten. In irgendeiner Form 
kommt diese Begegnung mit dem Genius bei jedem Menschen oftmals 
zum Bewufttsein, nur ist die heutige materialistische Umgebung, das 
Erfiilltsein mit den Begriffen, die aus der materialistischen Weltanschau- 
ung kommen, namentlich das von der materialistischen Gesinnung 
durchzogene Leben, nicht geeignet, die Seele aufmerksam sein zu lassen 
auf dasjenige, was durch diese Begegnung mit dem Genius hergestellt 
wird. Es wird einfach dadurch, daft die Menschen sich mit geistigeren 
Begriffen, als der Materialismus ihnen liefern kann, vertiefen, die An- 
schauung von dieser Begegnung mit dem Genius in jeder Nacht etwas 
mehr und mehr Selbstverstandliches fur den Menschen. 

Eine hohere Begegnung ist die zweite, von der wir nun zu sprechen 
haben. 

Sehen Sie, schon aus der Andeutung, die ich gegeben habe, konnen 
Sie entnehmen, daft diese erste Begegnung mit dem Genius zusammen- 
hangt mit dem Tageslauf. Sie wiirde, wenn wir unser aufteres Leben 
ganz anpassen wiirden als mehr unfreie Menschen, als wie wir sie sind 
wahrend der modernen Kultur, zusammenfallen mit der Mitternachts- 
stunde. In jeder Mitternachtsstunde wiirde der Mensch diese Begeg- 
nung mit dem Genius haben. Aber darauf beruht die Freiheit des Men- 
schen, daft sich das verschiebt. Also das, wo das Ich sich mit dem Ge- 
nius begegnet, das verschiebt sich. Dagegen kann sich viel weniger ver- 
schieben die zweite Begegnung. Denn dasjenige, was mehr an den 
astralischen Leib und Atherleib gebunden ist, das verschiebt sich weni- 



ger gegeniiber der makrokosmischen Ordnung. Was mit dem Ich und 
physischen Leib verbunden ist, das verschiebt sich fiir den heutigen 
Menschen sehr stark. Die zweite Begegnung ist daher schon mehr an 
die grofte makrokosmische Ordnung gebunden. Diese zweite Begeg- 
nung ist nun ebenso an den Jahreslauf gebunden, wie die erste an den 
Tageslauf gebunden ist. Und da muE ich aufmerksam machen auf man- 
ches, was ich ja uber diese Sache schon von anderen Gesichtspunkten 
aus angedeutet habe. 

Das Leben des Menschen in seiner Ganzheit verlauft tatsachlich nicht 
im ganzen Jahreslauf in gleichmafiiger Art, sondern der Mensch macht 
Veranderungen durch wahrend des Jahreslauf es. 

In der Sommerzeit, wenn die Sonne ihre hdchste Warmeentfaltung 
hat, da ist der Mensch viel mehr seinem physischen Leben anheimgege- 
ben, und damit auch dem physischen Leben der Umgebung, als wah- 
rend der Winterzeit, wo der Mensch gewissermafien kampfen mufi ge- 
gen die aufieren elementarischen Erscheinungen, wo er mehr auf sich 
angewiesen ist. Da reifit sich auch mehr sein Geistiges los - von sich 
und auch von der Erde -, und er ist mit der geistigen Welt, mit der 
ganzen geistigen Umgebung verbunden. 

Daher ist die eigentiimliche Empfindung, die wir mit dem Weih- 
nachtsmysterium und dem Weihnachtsfest verbinden, keineswegs etwas 
Willkurliches, sondern sie hangt zusammen mit der Festsetzung des 
Weihnachtsfestes. In jenen Wintertagen, an denen das Fest angesetzt 
ist, da ist der Mensch in der Tat, wie die ganze Erde, dem Geiste hin- 
gegeben. Da durchlebt der Mensch gewissermafien ein Reich, wo der 
Geist ihm nahesteht. Und die Folge davon ist eben das, dafi um die 
Weihnachtszeit, so bis zu unserem heutigen Neujahr hin, der Mensch 
ebenso eine Begegnung seines Astralleibes mit dem Lebensgeist durch- 
macht, wie er fiir die erste Begegnung die Begegnung des Ich mit dem 
Geistselbst durchmacht. Und auf dieser Begegnung mit dem Lebens- 
geist beruht das Nahesein dem Christus Jesus. Denn durch den Lebens- 
geist offenbart sich der Christus Jesus. Er offenbart sich durch ein 
Wesen aus dem Reiche der Archangeloi. Selbstverstandlich ist er ein 
unendlich viel hoheres Wesen, aber nicht darauf kommt es jetzt an, 
sondern darauf, daft er sich offenbart durch ein Wesen aus dem Reiche 



der Archangeloi. So dafi wir durch diese Begegnung fiir die heutige 
Entwickelung, fiir die Entwickelung seit dem Mysterium von Golgatha, 
eben dem Christus Jesus besonders nahestehen, und dafi wir die Begeg- 
nung mit dem Lebensgeist in gewisser Beziehung auch die in den tiefen 
Untergriinden der Seele vor sich gehende Begegnung mit dem Christus 
Jesus nennen konnen. Wenn nun der Mensch - sei es durch die Ent- 
wickelung des GeistesbewufStseins im Bereiche der religiosen Vertie- 
fung und der religiosen Obung, oder sei es, diese religiose Ubung und 
religiose Empfindung erganzend, auch noch durch Aufnahme von Vor- 
stellungen der Geisteswissenschaft wenn nun der Mensch sein Emp- 
findungsleben vertieft, vergeistigt auf die geschilderte Weise, dann wird 
er ebenso, wie er im wachen Leben die Nachwirkung der Begegnung 
mit dem Genius erleben kann, erleben die Nachwirkung der Begegnung 
mit dem Lebensgeist, beziehungsweise mit dem Christus. Und es ist 
tatsachlich so, dafi in der Zeit, die nun auf die angedeutete Weihnachts- 
zeit folgt, bis zur Osterzeit hin, die Verhaltnisse ganz besonders giin- 
stig liegen, um sich zum Bewulksein zu bringen die Begegnung des 
Menschen mit dem Christus Jesus. 

In tiefsinniger Weise - und man sollte das nicht durch eine abstrakte 
materialistische Kultur heute verwischen - ist die Weihnachtszeit ge- 
bunden an Vorgange der Erde, weil der Mensch mit der Erde die 
Weihnachtsveranderung der Erde durchmacht. Die Osterzeit ist be- 
stimmt nach den Vorgangen am Himmel. Der Ostersonntag soli festge- 
setzt werden auf den ersten Sonntag, der folgt auf den ersten Voll- 
mond nach der Fruhlingstagundnachtgleiche-Zeit. Wahrend also die 
Weihnachtszeit durch Verhaltnisse der Erde festgesetzt ist, ist von oben 
herunter bestimmt die Festsetzung der Osterzeit. Denn ebenso wahr, 
wie wir durch all dasjenige, was wir geschildert haben, mit den Erden- 
verhaltnissen zusammenhangen, ebenso wahr hangen wir zusammen 
durch dasjenige, was ich jetzt zu schildern habe, mit den Himmelsver- 
haltnissen, mit den grofien, kosmisch-geistigen Verhaltnissen. Denn die 
Osterzeit, das ist diejenige Zeit im konkreten Jahresablauf, in der alles 
dasjenige, was durch die Begegnung mit dem Christus in der Weih- 
nachtszeit in uns veranlafit worden ist, wiederum sich mit unserem 
physischen Erdenmenschen so recht verbindet. Und das grofie Myste- 



rium, das Karfreitagsmysterium, das dem Menschen das Mysterium 
von Golgatha zur Osterzeit vergegenwartigt, hat neben allem anderen 
auch noch diese Bedeutung, dafi der Christus, der gleichsam neben uns 
einherwandelt, in der Zeit, die ich beschrieben habe, sich nun uns am 
meisten nahert, gewissermafien, grob gesprochen, in uns selber ver- 
schwindet, uns durchdringt, so dafi er bei uns bleiben kann fur die Zeit 
nach dem Mysterium von Golgatha, in der Zeit, die jetzt kommt als 
Sommerzeit, in der sich in alten Mysterien zu Johanni die Menschen 
mit dem Makrokosmos haben verbinden wollen auf eine andere Weise, 
als das nach dem Mysterium von Golgatha sein muft. 

Sie sehen, wir sind in dieser Beziehung der Mikrokosmos, der einge- 
gliedert ist in den Makrokosmos in einer tief bedeutsamen Weise. Und 
es ist jedesmal ein Zusammengehen mit dem Makrokosmos im Jahres- 
lebenslauf da, das aber gebunden ist, weil es mehr innerlich ist im Men- 
schen, an den Jahreslebenslauf. So versucht uns nach und nach die 
Geisteswissenschaft zu enthullen, was der Mensch an Vorstellungen, an 
geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sich aneignen kann iiber den 
seit dem Mysterium von Golgatha unser Erdenleben durchsetzenden 
und durchdringenden Christus. 

Und ich glaube an dieser Stelle eine Einschaltung machen zu sollen, 
die wichtig ist, und die gerade von den Freunden unserer Geisteswis- 
senschaft recht gut verstanden werden sollte. 

Man sollte nicht die Sache so darstellen, als ob geisteswissenschaftli- 
che Bestrebungen ein Ersatz sein sollten fiir die religiose Ubung und 
das religiose Leben. Geisteswissenschaft kann im hochsten Mafie und 
insbesondere auch mit Bezug auf das Christus-Mysterium eine Stiitze, 
eine Unterbauung des religiosen Lebens und der religiosen Ubung sein; 
aber man sollte Geisteswissenschaft nicht geradezu zur Religion ma- 
chen, sondern man sollte sich klar sein dariiber, dafi Religion in ihrem 
lebendigen Leben, in ihrem lebendigen Geiibtwerden innerhalb der 
menschlichen Gemeinschaft das Geistbewufitsein der Seele entfacht. 
Soli dieses Geistbewufitsein im Menschen lebendig werden, so kann der 
Mensch nicht bei abstrakten Vorstellungen von Gott oder Christus ste- 
hen bleiben, sondern er mufi immer erneut in der religiosen Ubung, in 
der religiosen Betatigung, die ja fur die verschiedenen Menschen die 



verschiedensten Formen annehmen kann, darinnenstehen als in etwas, 
was ihn als ein religioses Milieu umgibt, was als ein religioses Milieu zu 
ihm spricht. Und ist dieses religiose Milieu tief genug, findet dieses re- 
ligiose Milieu die Mittel, die Seele genugend anzuregen, so wird diese 
Seele schon Sehnsucht empfinden, gerade dann Sehnsucht empfinden 
auch zu jenen Vorstellungen hin, welche in der Geisteswissenschaft 
entwickelt werden. Ist in objektiver Beziehung Geisteswissenschaft 
ganz sicherlich eine Stiitze der religiosen Erbauung, so ist in subjektiver 
Beziehung heute die Zeit gekommen, von der wir sagen miissen, dafi 
ein recht religios empfindender Mensch gerade durch das religiose 
Empfinden hingetrieben wird, auch zu erkennen. Denn im religiosen 
Empfinden wird das Geistbewulksein, in der Geisteswissenschaft die 
Geist-Erkenntnis, so wie in der Naturwissenschaft die Naturerkennt- 
nis, errungen; und das Geistbewulksein fiihrt zu dem Drange, Geist- 
Erkenntnis sich zu erwerben. Subjektiv kann man sagen, daft gerade ein 
inniges religioses Leben den heutigen Menschen zur Geisteswissen- 
schaft treiben kann. 

Eine dritte Begegnung ist diejenige, in welcher der Mensch heran- 
kommt, nahekommt dem ganz spat in der Zukunft zu entwickelnden 
eigentlichen Geistesmenschen, vermittelt durch ein Wesen der Hierar- 
chie der Archai. Wir konnen sagen: Die Alten, und auch noch die Men- 
schen der Gegenwart - nur dafi die Menschen der Gegenwart meist, 
wenn sie von diesen Dingen sprechen, nicht mehr ein Bewulksein von 
der tieferen Wahrheit der Sache haben -, sie empfanden und empfinden 
diese Begegnung als die Begegnung mit dem, was die Welt durchdringt, 
was wir kaum mehr unterscheiden konnen in uns selbst und in der 
Welt, sondern wo wir aufgehen mit unserem Selbst in der Welt als in 
einer Einheit. Und so wie man bei der zweiten Begegnung zugleich 
sprechen kann von einer Begegnung mit dem Christus Jesus, so kann 
man bei der dritten Begegnung sprechen von der Begegnung mit dem 
Vater-Prinzip, mit dem «Vater» als dem der Welt zugrunde Liegenden; 
mit dem, was man empfindet, wenn man richtig empfindet, als das, was 
in den Religionen mit dem «Vater» gemeint ist. Diese Begegnung, die 
ist nun wiederum so, dafi sie unser intimes Verhaltnis zum Makrokos- 
mos, zum gottlich-geistigen Universum offenbart. Der tagliche Verlauf 



der universellen Vorgange, der Weltenvorgange, schliefit ein fiir uns die 
Begegnung mit dem Genius. Der jahrliche Verlauf schliefit ein fiir uns 
die Begegnung mit dem Christus Jesus. Und der Verlauf des ganzen 
Menschenlebens, dieses Menschenlebens, das normalerweise eben als 
das Patriarchenleben von 70 Jahren bezeichnet werden kann, schliefit 
sich zusammen mit der Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Wir werden 
eine gewisse Zeit unseres physischen Erdenlebens, mit Recht durch die 
Erziehung heute vielfach unbewulSt, aber doch eben darauf vorbereitet 
und erleben dann - zumeist fiir die Menschen zwischen dem 28. und 
42. Jahre unbewufit, aber in den intimen Tiefen der Seele vollwertig - 
die Begegnung mit diesem Vater-Prinzip. Dann kann die Nachwirkung 
in das spatere Leben hineinragen, wenn wir feine Empfindungen genug 
entwickeln, um auf das zu achten, was so in unser Leben aus uns selber 
kommend als Nachwirkung der Begegnung mit dem Vater-Prinzip her- 
einspielt. 

Eine gewisse Zeit unseres Lebens, wo wir vorbereitet werden, sollte 
daher die Erziehung dahin wirken - durch die mannigfaltigsten Mittel 
kann das geschehen -, dem Menschen recht tief moglich zu machen 
diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Es kann dadurch geschehen, 
wenn der Mensch wahrend seiner Erziehungszeit angetrieben wird, so 
recht das GefUhl zu entwickeln von der Herrlichkeit der Welt, der 
GrofSe der Welt, der Erhabenheit der Weltvorgange. Wir entziehen 
dem heranwachsenden Menschen viel, wenn wir ihn zu wenig merken 
lassen, so dafi es auf ihn iibergeht, dafi wir fiir all das, was sich offen- 
bart an Schonheit und Grofie in der Welt, die hingebungsvollste Ehr- 
furcht und Ehrerbietung haben. Und indem wir so recht den Gefiihls- 
zusammenhang des menschlichen Herzens mit der Schonheit, mit der 
Grofte der Welt den heranwachsenden Menschen fiihlen lassen, bereiten 
wir ihn vor fiir eine rechte Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Denn 
diese Begegnung mit dem Vater-Prinzip bedeutet viel fiir das Leben, 
das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlauft. Dieses 
Begegnen mit dem Vater-Prinzip, das in den angedeuteten Jahren 
normalerweise eintritt, bedeutet, dafi der Mensch eine starke Kraft 
und Stiitze hat, wenn er, wie wir wissen, zuriickzuleben hat, nachdem 
er durch die Todespforte geschritten ist, im Riicklauf seelisch seinen 



Lebensgang, sein Erdenleben, indem er durch die Seelenwelt geht. 
Und stark und kraftig, wie es eigentlich der Mensch soil, kann er 
diese Riickwanderung - die, wie wir wissen, einen dritten Teil der 
Zeit bedeutet, die wir zubringen zwischen der Geburt und dem Tode - 
erleben, wenn er immer wieder schaut: Da, an dieser Stelle bist 
du begegnet demjenigen Wesen, das der Mensch stammelnd, ahnend 
ausdriickt, wenn er von dem Vater der Weltenordnung spricht. Das 
ist eine wichtige Vorstellung, die neben der Vorstellung des Todes 
selber der Mensch, nachdem er durch die Todespforte geschritten ist, 
immer haben soil. 

Naturlich entsteht in Anbetracht dessen, was wir gerade besprochen 
haben, eine wichtige Frage. Es gibt Menschen, welche, bevor sie des 
Lebens Mitte, wo normalerweise die Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
geschieht, durchlaufen haben, sterben. Wir miissen den Fall ins Auge 
fassen, dafi der Mensch eben dann durch Veranlassung von aufien, 
durch Krankheit - die ja auch eine Veranlassung von aufien ist -, durch 
Schwache stirbt. Wenn durch dieses friihe Sterben die Begegnung mit 
dem Vater-Prinzip in den tiefen unterbewufiten Seelengriinden noch 
nicht hat stattfinden konnen, dann findet sie in der Todesstunde statt. 
Mit dem Tode wird diese Begegnung zugleich erlebt. Und hier ist es, wo 
wir anders ausdriicken konnen etwas, was ja, eben wieder anders, im 
entsprechenden Zusammenhang schon ausgedruckt ist zum Beispiel in 
meiner «Theosophie», wo von der ja immer im hochsten Grade betriibli- 
chen Erscheinung gesprochen ist, daft Menschen durch ihren eigenen 
Willen ihrem Leben ein Ende machen. Das wiirde keiner tun, der die 
Bedeutung einer solchen Tat einsieht. Und wenn einmal Geisteswissen- 
schaft wirklich in die Empfindungen der Menschen ubergegangen sein 
wird, wird es keinen Selbstmord mehr geben. Denn dafi der Mensch in 
der Todesstunde, wenn dieser Tod vor der Lebensmitte eintritt, zu- 
gleich wahrnehmen kann das Vater-Prinzip, das hangt davon ab, dafi 
eben der Tod von aufien an ihn herankommt, nicht dafi er ihn sich 
selbst gibt. Und die Schwierigkeit, die die Menschenseele hat, die von 
einem anderen Gesichtspunkt in meiner «Theosophie» geschildert wird, 
konnte nun von dem Gesichtspunkt, von dem wir heute sprechen, auch 
so geschildert werden, da/5 wir sagen konnten: Der Mensch entzieht sich 



durch den eigenwilligen Tod eventuell der Begegnung mit dem Vater- 
Prinzip in der entsprechenden Inkarnation. 

Deshalb, weil sie so intim in das Leben eingreifen, sind die Wahrhei- 
ten, welche uns die Geisteswissenschaft iiber das Menschenleben selbst 
zu sagen hat, so unendlich ernst in besonders wichtigen Fallen. Sie kla- 
ren uns in ernster Weise iiber das Leben auf , und dieses ernste Aufkla- 
ren iiber das Leben, das braucht der Mensch in der Zeit, in der er sich 
wiederum wird herauswinden miissen aus dem Materialismus, der die 
heutige Weltordnung und Weltanschauung, insofern sie von Menschen 
abhangt, beherrscht. Es wird starker Krafte bediirfen, um die starke 
Verbindung mit den blofi materiellen Machten, die in der Gegenwart 
die Menschen ergriffen hat, zu iiberwinden, um dem Menschen wieder 
die Moglichkeit zu geben, aus der unmittelbaren Lebenserfahrung her- 
aus seinen Zusaramenhang mit der geistigen Welt zu erkennen. 

Und wenn man in mehr abstrakter Weise von den Wesen der hoheren 
Hierarchien spricht, so kann man in konkreterer Weise sprechen da- 
von, dafi der Mensch selber, in zunachst unbewufken, aber zum Be- 
wufitsein zu bringenden Erlebnissen schon wahrend seines Lebens zwi- 
schen Geburt und Tod aufsteigen, drei Stufen hinaufschreiten kann: 
durch die Begegnung mit dem Genius, durch die Begegnung mit dem 
Christus Jesus, durch die Begegnung mit dem Vater. Natiirlich hangt 
sehr viel davon ab, dafi wir moglichst viele zur Empfindung drangende 
Vorstellungen gewinnen, die unser Leben, unser inneres Seelenleben so 
verfeinern, dafi wir nicht achtlos und unaufmerksam an diesen Dingen 
vorbeigehen, die einfach als Realitat, wenn wir aufmerksam sind, in un- 
ser Leben hereinspielen. In dieser Beziehung wird insbesondere die Er- 
ziehung viel, viel, gerade in der nachsten Zeit zu tun haben. 

Eine Vorstellung mochte ich noch erwahnen. Denken Sie, wie 
unendlich das Leben vertieft wird, wenn man zu dem allgemeinen Wis- 
sen iiber das Karma solche Einzelheiten hinzufugen kann wie diese, dafi 
bei einem verhaltnismafiig friihen Lebensende der Mensch im Tode die 
Begegnung mit dem Vater-Prinzip hat. Denn dann zeigt sich, dafi eben 
im Karma des Menschen es notwendig gewesen ist, den friihen Tod 
herbeizufuhren, damit eine abnorme Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
stattfindet. Denn was findet denn eigendich statt, wenn eine solche anor- 



male Begegnung mit dem Vater-Prinzip stattfindet? Der Mensch wird 
ja dann von aufien zerstort; sein physisches Wesen wird von auflen un- 
tergraben. Auch bei einer Krankheit ist das in Wahrheit der Fall. Dann 
ist der Schauplatz, auf dem sich die Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
abspielt, hier noch die physische Welt. Dadurch, daft diese aufiere phy- 
sische Erdenwelt den Menschen zerstort hat, dadurch offenbart sich an 
der Zerstorungsstatte selbst, im Riickblick natiirlich spater immer wie- 
der sichtbar, die Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Dadurch aber auch 
gewinnt der Mensch die Moglichkeit, durch sein ganzes Leben, das er 
durchschreitet, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist, 
festzuhalten den Gedanken an die Statte hin, das heifit an die Erde, von 
Himmelshohen herunter, wo die Begegnung mit dem Vater-Prinzip 
stattgefunden hat. Das aber bringt den Menschen dazu, von der geisti- 
gen Welt viel hereinzuwirken in die physische Erdenwelt. 

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte einmal unsere heutige 
Zeit und versuchen wir, eine solch wichtige Empfindung, wie wir sie 
heute auch wieder in der Erwahnung der Begegnung mit dem Vater- 
Prinzip entwickelt haben, als Empfindung zu erleben, nicht blofi als ab- 
strakte Vorstellung, versuchen wir mit dieser Empfindung auf die zahl- 
reichen fruhzeitigen Tode hinzublicken, dann miissen wir sagen: In ih- 
nen liegt die Predestination, die Vorbereitung dazu, dafi in der kom- 
menden Zeit viel gewirkt werden kann von der geistigen Welt herunter 
in die physische Erdenwelt. Und da haben Sie von einem anderen Ge- 
sichtspunkte dasjenige, was ich jetzt unter den Eindriicken der trauri- 
gen Ereignisse schon seit Jahren gesagt habe, dafi diejenigen Menschen, 
die friihzeitig heute durch die Pforte des Todes gehen, ganz besondere 
Heifer werden sollen fur die kiinftige Entwickelung der Menschheit, 
die starke Krafte braucht, um sich aus dem Materialismus herauszu- 
winden. Aber das alles mufi uns zum Bewufitsein gebracht werden; das 
alles soil ja nicht im Unbewufiten oder Unterbewufiten vor sich gehen. 
Und es ist deshalb schon notwendig, daft hier auf der Erde die Seelen 
sich dafur empfanglich machen - ich habe es schon einmal angedeutet -, 
sonst gehen die Krafte, die entwickelt werden aus der geistigen Welt, 
nach anderen Seiten hin. Damit der Erde fruchtbar werden konnen 
diese Krafte, die pradestiniert sind, die da sein konnen, dazu ist not- 



wendig, dafi auf der Erde Seelen sind, welche sich mit Erkenntnis der 
geistigen Welt durchdringen. Und immer mehr und mehr mussen 
Seelen sein, die sich mit der Erkenntnis der geistigen Welt durchdringen. 
Versuchen wir deshalb fruchtbar zu machen dasjenige, was ja schon 
einmal durch Worte gesagt werden mufi, namlich den Inhalt der Gei- 
steswissenschaft. Und versuchen wir mit Hilfe der Sprache - ich habe 
das Wort im vorletzten Vortrage hier gebraucht -, die wir durch die 
Geisteswissenschaft lernen, wieder zu beleben solche alten Vorstellun- 
gen, die nicht umsonst hereinverwoben werden in unser gegenwartiges 
Leben - versuchen wir zu beleben, was wir horen von so einem Plut- 
arch: daft der Mensch, sonst eben als physischer Mensch, durchdrun- 
gen ist von dem geistigen Menschen, dafi aber noch im besonderen 
normalerweise ein hoheres Glied auflerhalb des Hauptes zum Menschen 
dazugehort geistig, das seinen Genius darstellt, dem der Weise willig 
folgt. Versuchen wir zu, ich mochte sagen, Hilfsempfindungen zu 
kommen, um nicht in Unaufmerksamkeit diesen Erscheinungen des 
Lebens gegeniiberzustehen. 

Und zum Schlusse lassen Sie uns heute eine Hilfsvorstellung, eine 
Hilfsempfindung unserer Seele besonders nahegelegt sein: Es ist leider 
schwierig fur viele Menschen heute in unserem modernen materialisti- 
schen Leben, etwas zu empfinden, das ja die traurige Priifungszeit mil- 
dert, aber die nicht nur gemildert bleiben sollte - was ja kaum zu hof- 
fen ist, wenn der Materialismus in der Starke andauern sollte, in der er 
da ist, das sehr, sehr erhoht und mehr und mehr erhoht werden sollte -, 
es ist fur viele Menschen in unserer materialistischen Zeit sehr, sehr 
schwierig, dasjenige zu empfinden, was ich nennen mochte: die Heilig- 
keit des Schlafes. Wenn erlebt wird, daft geradezu die in der Mensch- 
heit geltende Intelligenz alien Respektes entbehrt fur die Heiligkeit des 
Schlafes, so ist das eine weittragende Kulturerscheinung. Solche Dinge 
sollen ja nicht getadelt werden, sie sollen auch nicht in dem Sinne hier 
aufgezahlt werden, da!5 sie zu einer nun einmal nicht durchzufuhrenden 
Asketik fuhren. Wir mussen mit der Welt leben, aber wir mussen 
sehend mit der Welt leben. Denn nur dadurch reifien wir unsere Korper- 
lichkeit. . . [Liicke im Stenogramm]. Man denke nur, wieviele Menschen, 
die mit rein dem Materiellen Zugewendeten die Abendstunden verbrin- 



gen, sich dann dem Schlafe ubergeben, ohne die Empfindung zu ent- 
wickeln - sie wird ja nicht recht lebendig aus der materialistischen Ge- 
sinnung heraus -, ohne die Empfindung zu entwickeln: Der Schlaf ver- 
einigt uns mit der geistigen Welt, der Schlaf schickt uns hiniiber in die 
geistige Welt. - Und wenigstens sollten die Menschen nach und nach 
dasjenige entwickeln, was sie sich mit den Worten sagen konnen: Ich 
schlafe ein. Bis zum Aufwachen wird meine Seele in der geistigen Welt 
sein. Da wird sie der fiihrenden Wesensmacht meines Erdenlebens be- 
gegnen, die in der geistigen Welt vorhanden ist, die mein Haupt um- 
schwebt, da wird sie dem Genius begegnen. Und wenn ich aufwachen 
werde, werde ich die Begegnung mit dem Genius gehabt haben. Die 
Fliigel meines Genius werden herangeschlagen haben an meine Seele. 

Ob man eine solche Empfindung lebendig macht, wenn man an sein 
Verhaltnis zum Schlafe denkt, oder ob man es nicht tut, davon hangt 
sehr, sehr viel ab in bezug auf die Uberwindung des materialistischen 
Lebens. Diese Uberwindung des materialistischen Lebens kann nur 
durch die Erregung intimer, aber auch der geistigen Welt entsprechen- 
der Empfindungen geschehen. Nur wenn wir recht rege machen solche 
Empfindungen, dann wird das Leben im Schlafe so intensiv sein, dafi 
anderseits die Beriihrung mit der geistigen Welt so stark ist, dafi nach 
und nach auch unser waches Leben sich erkraften kann, und wir da 
nicht blofi die sinnliche Welt, sondern die geistige Welt um uns haben, 
die doch die wirkliche, die wahrhaft wirkhche Welt ist. Denn diese 
Welt, die wir gewdhnlich die wirkliche nennen, ist ja, wie ich selbst in 
dem letzten offentlichen Vortrage ausgefiihrt habe, nur ein Abbild der 
wirklichen Welt. Die wirkliche Welt ist die des Geistes. Und die kleine 
Gemeinde, die sich heute der anthroposophisch orientierten Geisteswis- 
senschaft widmet, die wird die ernsten Symptome unserer Zeit, die 
schweren Leiden unserer Zeit dann unter dem besten Eindruck emp- 
fangen, wenn sie zu allem iibrigen, mit dem der Mensch heute gepriift 
werden kann, noch das hinzutut, dafi sie diese Zeit als eine Priifung 
empfindet, ob man mit geniigender Seelenstarke und mit wahrem Her- 
zensmut, mit seinem ganzen Menschen vereinigen kann dasjenige, was 
wir aufnehmen mxissen durch unseren Verstand, durch unsere Ver- 
nunft, als Geisteswissenschaft. 



Mit diesen Worten wollte ich heme noch einmal bekraftigen, was ich 
schon ofter hier gesagt habe: Geisteswissenschaft findet erst ihre rechte 
Stelle im Menschenherzen, wenn sie nicht bloft Theorie, nicht blofi 
Wissen ist, sondern wenn sie - symbolisch gesprochen - wie das Herz- 
blut der Seele unser ganzes Wesen so innig durchdringt und lebendig 
macht, wie unser physisches Blut unser leibliches Wesen innig durch- 
dringen und lebendig machen mufi. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 27. Februar 1917 



Ich habe Ihnen das vorige Mai gesprochen von den drei Begegnungen, 
welche die menschliche Seele mit den Regionen der geistigen Welt hat. 
Ich werde iiber diesen Gegenstand noch einiges mehr zu sagen haben, 
und bei dieser Gelegenheit wird sich dann auch die Moglichkeit erge- 
ben, eine Frage zu beantworten, welche von unseren Freunden gestellt 
worden ist im Anschlufi an den letzten offentlichen Vortrag im Archi- 
tektenhaus beziiglich der Krafte, welche zur Verwirklichung des Karma, 
des Schicksals, des aufieren Schicksals, aus einer friiheren Inkarnation 
fuhren. Es ist mir gesagt worden, dafi dies eine schwer verstandliche 
Sache sei. Ich will also im Laufe der Vortrage auf dieses Thema zu- 
ruckkommen. Allein es wird sich empfehlen, das erst zu tun, nachdem 
wir einiges besprochen haben, wodurch vielleicht dann das voile Ver- 
standnis dieser Sache herbeigefiihrt werden kann. Heute will ich aber, 
damit die Besprechung der drei Begegnungen in der geistigen Welt noch 
viel klarer werden kann, gewissermafien episodisch etwas einfugen, das 
mir besonders wichtig erscheinen mufi, gerade in dieser unmittelbar ge- 
genwartigen Zeit zu Ihnen gesprochen zu werden. 

Wenn wir uberblicken, welche Ideen, welche Vorstellungen sich be- 
sonders in die Seelen aller Menschen, der Menschen aller Bildungsgra- 
de, durch die geistige Entwickelung der letzten Jahrhunderte einge- 
schlichen haben, so miissen wir aufmerksam machen darauf, wie diese 
geistige Erziehung der letzten Jahrhunderte machtig hingedrangt hat, 
die Weltentwickelung und das Hineingestelltsein des Menschen in diese 
Weltentwickelung nur nach Mafigabe naturwissenschafdicher Vorstel- 
lungen zu bilden. GewifS, es gibt heute sehr viele Menschen noch, wel- 
che der Meinung sind, dafi sie ihr Gemut, ihre Seele nicht nach natur- 
wissenschaftlichen Vorstellungen gebildet haben. Aber diese Menschen 
bemerken nicht die tieferen Grundlagen ihrer Gemutsbildung; sie wis- 
sen nicht, wie eben naturwissenschaftliche Vorstellungen in einseitiger 
Weise sich eingeschlichen haben in die Gemiiter und nicht nur alles 
Denken, sondern namentlich alles Fuhlen in einer gewissen Weise be- 



stimmen. Wer heute namlich nachdenkt nach den gangbaren Begriffen, 
die jeder Mensch in denjenigen Gegenden hat, welche allgemeine 
Schulbildung haben, wer sein Gemiit bildet im Zusammenhang mit die- 
sen Begriffen, ausgehend von diesen Begriffen, der kommt heute gar 
nicht dazu, das rechte, das wahre Verhaltnis zu fuhlen zwischen dem, 
was wir die moralische Welt, die Welt der moralischen Empfindungen 
nennen, und der Welt der aufieren Tatsachen. Wenn wir heute im 
Sinne unserer Zeit nachdenken, wie sich die Erde, ja, wie sich das 
ganze Himmelsgebaude entwickelt haben kann, und wie es zu einem 
gewissen Endzustand kommen konnte, so denken wir im Sinne rein 
aufterer sinnenfalliger Tatsachen nach. Denken Sie nur, wie tief be- 
deutsam es fiir die Seelen ist, wenn sie sich das auch nicht immer klar 
machen, daft es die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie von der 
Weltentstehung gibt: Aus einem rein materiellen Weltennebel - denn 
rein materiell wird er vorgestellt - habe sich nach rein physikalischen 
und auch chemischen Gesetzen die Erde, ja das Weltengebaude gebil- 
det, habe sich im Sinne dieser Gesetze entwickelt und wird, so denken 
die Menschen, nach diesen Gesetzen auch sein Ende finden. Es wird 
einmal ein Zustand kommen, in dem dieses Weltengebaude gerade so 
mechanisch schlieften wird, wie es mechanisch entstanden ist. 

Gewifi, ich wiederhole es noch einmal: Es gibt viele Menschen, die 
wehren sich heute dagegen, die Sache nur gerade so zu denken. Aber 
darauf kommt es nicht an; denn es kommt ja nie auf die Vorstellungen 
an, die wir uns bilden, sondern auf die Impulse des Gemuts, aus denen 
diese Vorstellungen gebildet sind. Die Vorstellung, die ich eben ent- 
wickelt habe, ist eine rein materialistische; sie ist eine solche, von der 
Herman Grimm sagt, daft ein Stuck Aasknochen, um das ein hungriger 
Hund seine Kreise herummacht, ein appetitlicherer Anblick ist als dieses 
Weltengebaude nach Kant-Laplaceschen Begriffen. Aber es hat entste- 
hen konnen, es hat sich bilden konnen. Und nicht nur, daft es sich hat 
bilden konnen, sondern es ist fiir die weitaus groftte Zahl der Men- 
schen, an die es herandringt, etwas Einleuchtendes. Und nur wenige 
Menschen giot es, die so fragen wie Herman Grimm, wie sich kiinftige 
Gelehrten-Generationen damit abfinden werden, nachzudenken dar- 
iiber, wie iiberhaupt, wie er meint, dieser Wahnsinn in unserer Zeit hat 



entstehen konnen; wie es moglich war, dafi in irgendeiner Epoche die- 
ser Wahnsinn iiber die Weltentstehung hat einleuchtend sein konnen 
fur viele Menschen. Es gibt eben wirklich wenige Personlichkeiten, 
welche so fragen, aus einer gesunden Gemiitslage der Seele heraus so 
fragen. Und diejenigen, die so fragen, nun, die werden halt angesehen - 
wenigstens auf diesen Gebieten - als eine Art verschrobener Kopfe. 
Aber wie gesagt, auf die Vorstellungen, die so gebildet sind, kommt es 
nicht an; auf die Gemiitsimpulse kommt es an. Aus gewissen Gemiits- 
tendenzen heraus haben sich Vorstellungen ergeben, und wenn sie 
auch von Gelehrten ausgegangen sind und heute so an die Menschen 
herangebracht werden, dafi die meisten Menschen doch noch glauben, 
dafi nicht allein durch solche mechanischen Impulse die Welt entstan- 
den ist, sondern dafi da allerlei gottliche Impulse noch mitgespielt ha- 
ben, so ist es doch eben moglich gewesen, daft solche Vorstellungen 
sich gebildet haben. Und es ist moglich gewesen, dafi das Gemiit der 
Menschen, die Seelenverfassung der Menschen eine solche Gestalt an- 
genommen hat, dafi eben uber die Weltentstehung eine rein mechani- 
sche Vorstellung sich hat bilden konnen. Das heifk: Auf dem Grunde 
der menschlichen Seelen ist die Neigung, materialistisch geartete Vor- 
stellungen sich zu bilden. Und diese Neigung, die ist nun nicht nur bei 
den wenigen Gelehrten und anderen Menschen vorhanden, die daran 
glauben, sondern sie ist in breitem Umkreis bei alien moglichen Men- 
schen vorhanden. Nur daft die meisten Menschen heute noch eine zu 
grofie Scheu haben, mutig, nun, ich mochte sagen, Haeckelianer zu 
werden und alles Geistige nur unter der Form des Materiellen vorzu- 
stellen. Die Menschen haben nicht den Mut. Sie lassen ja so etwas da- 
neben noch gelten, was geistig ist; denken nicht nach. 

Wenn diese Vorstellung gilt, die charakterisiert worden ist, dann ist 
nur in einer gewissen Weise Platz fur das Geistige, namentlich nur in 
einer gewissen Weise Platz fur das Moralische. Denn denken Sie nur 
einmal nach: Wenn die Welt wirklich so entstanden ware, wie die 
Kant-Laplacesche Theorie sich das vorstellt, und wenn die Welt nur 
durch physikalische Krafte ihr Grab fande und in diesem Grabe eben 
begraben waren alle Menschen mit ihren Ideen, Empfindungen, Willens- 
impulsen, was ware dann zum Beispiel, ich will von allem ubrigen ab- 



sehen, die ganze moralische Weltordnung? Was ware aus ihr geworden? 
Was bedeutete es dann, wenn wir einmal gesagt hatten - nehmen wir 
einmal an, der Zustand des allgemeinen Grabes ware gekommen -: Das 
ist gut, das ist bose; das ist recht, das ist unrecht? Vergessene Vorstel- 
lungen bedeutete es, hinweggeweht als etwas, was vielleicht nicht ein- 
mal, ja, wenn diese Weltordnung richtig ist, nicht einmal in irgendeiner 
Seelenerinnerung fortleben konnte. Das heifk, die Sache wiirde so lie- 
gen: Durch rein mechanische Ursachen, durch physikalische, viel- 
leicht durch chemische Krafte ist die Welt entstanden, geht sie zugrun- 
de. Aus diesen Kraften treiben sich wie Blasen Erscheinungen auf, wel- 
che Menschen darstellen. Innerhalb dieser Menschen entstehen morali- 
sche Begriffe von Recht und Unrecht, Gut und Bose. Aber die ganze 
Welt geht wieder in Grabesstille iiber. Das ganze Recht und Unrecht, 
Gut und Bose ist eben eine Illusion der Menschen gewesen, vergessen 
und versunken, wenn die Welt «Grab» geworden ist. Das einzige, was 
dann fur die moralische Weltordnung bleibt, es ist doch das, dafl die 
Menschen fiihlen, solange wie die Episode wahrt, die da verlauft vom 
Anfangszustand bis zum Endzustand: sie brauchen solche Begriffe zum 
Zusammenleben, sie mussen sich eben moralische Begriffe ausbilden, 
aber diese moralischen Begriffe konnen in einer rein mechanischen 
Weltordnung nirgends verankert sein. Nicht wahr, eine naturliche 
Kraft, die Warme, die Elektrizitat, die greift ein in den Naturzusam- 
menhang, die macht sich darin geltend; die moralische Kraft, die ware, 
wenn die mechanische Weltenordnung richtig ware, nur in der Vorstel- 
lung der Menschen da, die wiirde nicht eingreifen in die Naturordnung. 
Sie ware nicht etwas wie die Warme, welche die Korper ausdehnt, oder 
das Licht, welches die Korper erleuchtet, sichtbar macht, die Welt, den 
Raum durchdringt; sondern sie ist da, diese moralische Kraft, sie 
schwebt gewissermafien als eine grofie Illusion iiber der mechanischen 
Weltordnung und vergeht, verweht, wenn die Welt ins Grab sich ver- 
wandelt. 

Man denkt diesen Gedanken nur nicht geniigend durch. Daher wehrt 
man sich nicht gegen eine mechanische Weltordnung, sondern lafit sie, 
ich will nicht sagen aus Gutmiitigkeit, aber aus Bequemlichkeit eben 
bestehen. Und wenn man ein gewisses Gemutsbedurfnis hat, so sagt 



man dann: Ja, das Wissen, das macht halt, dafi wir eine solche mechani- 
sche Weltordnung ausdenken miissen; der Glaube fordert von uns et- 
was anderes, also stellen wir den Glauben neben das Wissen, glauben 
wir aufier der mechanischen Natur noch an irgend etwas, woran zu 
glauben wir eben ein gewisses inneres Gemutsbediirfnis haben. - Das 
ist bequem. Man braucht sich nicht aufzulehnen gegen das, was zum 
Beispiel Herman Grimm wie einen Wahnsinn der gegenwartigen Wis- 
senschaft empfindet, man braucht sich nicht aufzulehnen. Aber es hat 
wirklich keine innere Berechtigung fiir denjenigen, der seine Gedanken 
zu Ende denken will, der wirklich mit seinen Gedanken zu Ende kom- 
men will. 

Und wenn man sich fragt, woher es denn kommt, dafi die Menschen 
heute so blind in einer gedanklichen UnmogHchkeit leben, dafi sie eine 
solche gedankliche UnmogHchkeit hinnehmen, so liegt es - so sonder- 
bar dies, wenn man zum erstenmal sich mit dem Gedanken vertraut 
machen soli, auch klingt - darin, dafi die Menschen mehr oder weniger 
im Laufe der letzten Jahrhunderte schon verlernt haben, das Christus- 
Mysterium, welches im Zentrum des neuzeitlichen Lebens stehen 
mufke, in seinem wahren, realen Sinne zu denken. Denn die Art, wie 
der Mensch der neueren Zeit iiber das Christus-Mysterium denkt, die 
ist so, dafi sie auf sein ganzes iibriges Denken und Fuhlen ausstrahlt. 
Und es ist nun einmal so - wir werden ja vielleicht gerade iiber diese 
Tatsache in der nachsten Zukunft noch zu sprechen haben -, dafi die 
Art, wie sich der Mensch zu dem Christus-Mysterium stellt seit dem 
Mysterium von Golgatha, eine Art, ich mochte sagen, Wertmesser ist 
fiir seine gesamte Begriffs- und Empfindungswelt. Kann er das 
Christus-Mysterium nicht als ein wirklich Reales auffassen, dann kann er 
auch mit Bezug auf die iibrige Weltanschauung keine Vorstellungen 
und Begriffe entwickeln, welche von Wirklichkeit getrankt sind, welche 
wahrhaftig in die Wirklichkeit eingreifen. 

Dies ist es, was wir uns vor alien Dingen heute einmal ganz klar vor 
die Seele stellen wollen. Wenn der Mensch wirklich so denkt, wie ich es 
dargestellt habe und wie eigentlich mehr oder weniger unbewufit die 
meisten Menschen der Gegenwart denken, dann zerfallt die Welt auf 
der einen Seite in die mechanische Naturordnung, auf der anderen Seite 



in die moralische Weltordnung. Nun wird von zaghaften Seelen, die 
sich aber oftmals sehr mutig diinken, das Christus-Mysterium in die 
rein moralische Weltordnung hereingenommen; und es wird von alien 
in die rein moralische Weltordnung hineingenommen, welche in diesem 
Christus-Mysterium nichts anderes sehen, als dafi zu einer bestimmten 
Zeit ein grofier, sagen wir sogar auch der grofite Lehrer der Erdenwelt 
aufgetreten ist, und da& es zunachst auf seine Lehre ankommt. Wenn 
man aber den Christus bloft als den, sei es auch grofiten Lehrer der 
Menschheit ansieht, so ist diese Anschauung in einer gewissen Weise 
durchaus vereinbar mit dieser Zweispaltung der Welt in Naturordnung 
und moralische Weltordnung. Denn naturlich konnte, auch wenn die 
Erde sich so gebildet hat, wie die mechanische Weltordnung das dar- 
stellt, und so zugrunde gehen wiirde, daft sie einmal ein allgemeines 
Grab ware, einmal doch ein grofter Lehrer auftreten, der ja wirklich 
viel wirken konnte, die Menschen zu bessern und zu belehren. Seine 
Lehre konnte erhaben sein, aber es wiirde nichts daran andern, daft 
einmal, nach dem Ende der Dinge, das Ganze ein Grab ware, und auch 
die Lehre Christi eben verweht und verwischt ware, nicht einmal als 
Erinnerung in irgendeiner Wesenheit vorhanden ware. Daft man das 
nicht denken will, das macht die Sache nicht aus. Wenn man sich nur 
uberhaupt bekennt zur blofien mechanischen Weltordnung, dann 
miiftte man das so denken. 

Nun kommt alles darauf an, daft man einsieht, daft mit dem Myste- 
rium von Golgatha etwas sich vollzogen hat, was nicht allein der mora- 
lischen Weltordnung, sondern der ganzen, gesamten Weltordnung an- 
gehort; was nicht allein der moralischen Wirklichkeit, die es ja im Sinne 
der mechanischen Weltordnung gar nicht geben kann, sondern der 
gesamten intensiven Wirklichkeit angehort. 

Sehen Sie, am besten werden wir dazu kommen, einzusehen, um was 
es sich da handelt, wenn wir nunmehr an die drei Begegnungen, die ich 
das letztemal erwahnt habe, ein wenig denken, aber in anderem Sinne, 
als ich das neulich ausgefuhrt habe. Jedesmal, sagte ich, wenn der 
Mensch schlaft, in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen, 
begegnet er Wesen der geistigen Welt; Wesen der geistigen Welt, die 
mit seinem Geistselbst, wie wir es gewohnt sind zu nennen, substantiell 



gleichartig sind. Das heifit: Der Mensch kommt aus dem Schlafe, wenn er 
aufwacht, so heraus, dafi er geistigen Wesen begegnet ist und die Nach- 
wirkung der Begegnung, wenn es ihm auch unbewufit bleibt, in das auftere 
physische Leben hineintragt. Sehen Sie, was sich da in der Seele abspielt, 
wahrend wir diese alltagliche Begegnung haben, das bezieht sich in einer 
gewissen Weise durchaus auf die menschliche Zukunft. Der Mensch, der 
sich nicht mit Geisteswissenschaft befaflt, weifi heute ja noch wenig iiber 
dasjenige, was eigendich in den Tiefen der Seele vorgeht, wenn der 
Mensch schlaft. Die Traume, die fur das gewohnliche Leben etwas ver- 
raten konnten von diesen Vorgangen im Schlafe, sie verraten zwar etwas, 
aber sie verraten es auf eine solche Weise, dafi die Wahrheit doch nicht 
so leicht an den Tag treten kann. Wenn der Mensch im Traum oder aus 
Traumen heraus aufwacht oder sich an Traume erinnert, so hangen 
diese Traume doch meist zusammen mit irgendwelchen Vorstellungen, 
die er sich schon im Leben angeeignet hat, mit Reminiszenzen. Das 
aber ist doch nur das Gewand desjenigen, was im Traume eigentlich 
lebt, respektive im Schlafzustand lebt. Wenn Sie sich den Traum in sol- 
che Vorstellungen kleiden, die aus Ihrem Leben sind, so sind diese Vor- 
stellungen nur das Gewand; denn im Traume kommt umkleidet das zum 
Vorschein, was wahrend des Schlafes eigentlich in der Seele vorgeht. 
Und was wahrend des Schlafes in der Seele vorgeht, das bezieht sich 
weder auf die Vergangenheit noch sogar auf die Gegenwart, sondern 
das bezieht sich auf die Zukunft. Im Schlafe werden die Krafte ausge- 
bildet, die sich fur die menschliche Wesenheit vergleichen lassen mit 
den Keimeskraften, die sich in der Pflanze entwickeln fur eine nachste 
Pflanze. Wenn die Pflanze so heranwachst, dann entwickeln sich ja in 
der Pflanze immer schon fur die nachste Pflanze die Keimeskrafte fur 
das nachste Jahr. Diese Keimeskrafte gipfeln dann in der Samenbil- 
dung; da werden sie sichtbar. Aber wenn die Pflanze so wachst, heran- 
wachst, sind schon die Keimeskrafte fur die nachste Pflanze vorhanden. 
So sind die Keimeskrafte, sei es fur die nachste Inkarnation, sei es aber 
auch fur die Jupiter-Periode, im Menschen, und der Mensch bildet sie 
vorzugsweise aus im Schlafzustand. Was er da an Kraften ausbildet, das 
bezieht sich nicht gleich auf einzelne Ereignisse, es bezieht sich mehr 
auf die Grundkrafte der nachsten Inkarnation zum Beispiel, aber doch 



eben auf diese Krafte der nachsten Inkarnation. Also im Schlafe arbeitet 
der Mensch an seinen Keimen fiir die nachste Inkarnation, iiberhaupt 
in die Zukunft hiniiber. So dafi der Mensch, wenn er schlaft, schon in 
der Zukunft ist. 

Ich mochte doch in bezug auf diese Sache keine allzu grofie Unklar- 
heit in Ihrer Seele lassen, deshalb sage ich zunachst: Es ist mit der nach- 
sten Inkarnation fiir diesen Schlafzustand so, wie es mit dem Wissen 
des nachsten Tages ist. Wir wissen vom nachsten Tag, einfach aus der 
Erfahrung, dafi die Sonne wieder aufgehen wird, auch ungefahr wie er 
verlaufen wird, wenn wir auch nicht wissen werden, welches Wetter 
wird, oder wie einzelne Ereignisse in unser Leben eingreifen. So ist die 
Seele zwar ein Prophet im Schlafe, aber wie ein Prophet, der nur auf 
das Grofie, Kosmische sieht, und nicht auf das Wetter. Also wer gar so 
sehr die Vorstellung hatte, dafi die Einzelheiten der kommenden Inkar- 
nation der Seele im Schlafe sich vorstellig machen, der wiirde in den 
Fehler verfallen, den derjenige macht, der glauben wiirde, er konnte, 
weil er ganz gewifi weifi, dafi am nachsten Sonntag die Sonne aufgehen 
und untergehen wird, und weil er gewisse allgemeine Dinge weifi, auch 
wissen, wie das Wetter ist. Das alles aber andert doch nichts daran, dafi 
wir es wahrend des Schlafes mit unserer Zukunft zu tun haben. So dafi 
an unserer Zukunftsgestaltung die Krafte arbeiten, die substantiell 
gleichartig unserem Geistselbst, uns begegnen in der Mitte der Schla- 
fenszeit. 

Eine andere, weitere Begegnung - wenn ich die zweite Begegnung 
auslasse - ist dann die dritte Begegnung, von der ich das letztemal gesagt 
habe, dafi sie einmal eintritt im ganzen Verlauf des menschlichen Lebens, 
in der Lebensmitte. Wenn der Mensch in den Dreifiigerjahren ist, dann 
begegnet er dem, sagte ich, was man das Vater-Prinzip nennen kann, 
wahrend er jede Nacht dem Geist-Prinzip begegnet. Dieses Begegnen 
mit dem Vater-Prinzip, das hat eine sehr grofie Bedeutung aus dem 
Grunde, weil - und Sie wissen, denn ich habe es erklart, dafi es auch 
fiir denjenigen eintreten muE, der vor dem dreiftigsten Jahre stirbt; nur 
wenn man die Dreifiigerjahre erlebt, tritt es im Laufe des Lebens ein, 
sonst tritt es mit einem friihzeitigen Tode eben vorher ein -, weil durch 
dieses Zusammentreffen der Mensch in die Lage kommt, sich die Erleb- 



nisse des gegenwartigen Lebens so tief einzupragen, dafi sie in die nach- 
ste Inkarnation hiniiberwirken konnen. Also das, was Begegnung tnit 
dem Vater-Prinzip ist, das hat es zu tun gerade wiederum mit dem Er- 
denleben der nachsten Inkarnation, wahrend unser Begegnen mit dem 
Geist-Prinzip fur die ganze Zukunft, iiber das ganze zukunftige Leben 
ausstrahlt, auch iiber dasjenige Leben, das sich zwischen Tod und neuer 
Geburt abspielt. 

Die Sache ist so, daft die Gesetze, in welche eingesponnen ist diese 
Begegnung, die wir einmal im Leben haben, nicht irdische Gesetze 
sind, sondern Gesetze, die innerhalb der Erdenentwickelung so ge- 
blieben sind, wie sie in der Mondenentwickelung waren. Und diese 
Gesetze hangen zusammen nach der physischen Seite hin mit unserer 
physischen Abstammung, iiberhaupt mit alledem, was die physische 
Vererbung bedeutet. Diese physische Vererbung ist ja nur die eine 
Seite der Sache; ihr liegen geistige Gesetze zugrunde, wie ich das hin- 
langlich schon angedeutet habe. So daft all dasjenige, was sich abspielt 
so, dafi es die Begegnung mit dem Vater-Prinzip notig hat, in die 
Vergangenheit zuriickweist. Das ist Erbstuck der Vergangenheit; das 
weist in die Mondenentwickelung zuriick, in die friiheren Inkarnatio- 
nen zuriick, wie in die Zukunft weist dasjenige, was bei jedem Schlaf 
sich abspielt. Wie das, was sich im Schlafe abspielt, den Keim ausbildet 
fur die Zukunft, so ist das, was sich abspielt, indem die Menschen als 
Nachkommen ihrer Vorfahren geboren werden und auch hiniibertragen 
aus friiheren Inkarnationen dasjenige, was aus diesen friiheren Inkarna- 
tionen eben heriibergetragen werden mufi, etwas, was von der Vergan- 
genheit geblieben ist. Beides nun, dasjenige, was sich auf die Zukunft 
bezieht, und dasjenige, was sich auf die Vergangenheit bezieht, strebt 
gewissermafien aus der Naturordnung heraus. Der Bauer geht noch mit 
Sonnenuntergang schlafen und steht mit Sonnenaufgang auf. Aber in- 
dem der Mensch weiterschreitet in der sogenannten Kultur, macht er 
sich los von der Naturordnung. Und in den Stadten lernt man auch 
schon Leute kennen - wenn das auch nicht haufig ist -, die morgens 
sich schlafen legen und abends aufstehen. Der Mensch macht sich los 
von dieser bloften Naturordnung; das liegt schon in der Moglichkeit 
seiner Freiheitsentwickelung. Da ist also der Mensch gewissermafien, 



weil er eine Zukunft vorbereitet, die noch nicht da ist, herausgerissen 
aus der Naturordnung. Auch indem er die Vergangenheit, namentlich 
die Mondenvergangenheit, in die Gegenwart hereintragt, ist er heraus- 
gerissen aus der Naturordnung. Denn niemand kann aus allgemeinen 
Naturgesetzen heraus irgendeine Notwendigkeit angeben dafiir, dafi 
Hans Miiller gerade, sagen wir im Jahre 1914 geboren wird; da herrscht 
nicht eine solche Notwendigkeit wie beim Aufgang der Sonne oder bei 
sonstigen Naturvorgangen, weil darin die Naturordnung des Mondes 
herrscht. Da war alles so wie die Ordnung unseres Geborenwerdens auf 
Erden; wahrend der Mondenzeit war alles so. 

Aber so recht in die Naturordnung hineingestellt ist der Mensch in 
bezug auf das, was fur seine Gegenwart unmittelbar Bedeutung hat, 
was sich unmittelbar auf sein Erdendasein bezieht. Wahrend er in bezug 
auf das Vater-Prinzip und in bezug auf das Geist-Prinzip Vergangenheit 
und Zukunft in sich tragt, ist er in bezug auf jene Begegnung, von der 
ich gesagt habe, daft sie sich im Jahreslauf vollzieht und noch zusam- 
menhangt auch nun mit der Begegnung mit dem Christus, an die Na- 
turordnung gebunden. Ware er nicht an die Naturordnung gebunden, 
so wiirde die Folge sein, daft der eine Weihnachten im Dezember, der 
andere Weihnachten im Marz feierte und so weiter. Aber trotzdem sich 
die Volker in verschiedener Weise unterscheiden, schon mit Bezug dar- 
auf, wie sie das Weihnachtsfest begehen, irgend etwas von einer Fest- 
lichkeit, die immer irgendwie einen Bezug hat auf diese Begegnung, auf 
das, was ich meinte, fallt doch in die letzten Dezembertage. In bezug 
auf diese Begegnung, die in den Jahreslauf eingefiigt ist, steht also der 
Mensch, und zwar weil dieses seine Gegenwart ist, in unmittelbarem 
Zusammenhang mit dem Naturlaufe; da fiigt er sich dem Naturlaufe, 
wahrend er mit Bezug auf Vergangenheit und Zukunft aus dem Natur- 
lauf herausgetreten ist, seit Jahrtausenden schon herausgetreten ist. 

In alten Zeiten fugte sich der Mensch allerdings auch in bezug auf 
Vergangenheit und Zukunft dem Naturlaufe. So war nach dem Natur- 
laufe in alten Zeiten zum Beispiel in den germanischen Landern die Ge- 
burt geregelt. Denn die Geburt durfte nur stattfinden, weil sie von den 
Mysterien aus geregelt wurde, zu einer ganz bestimmten Jahreszeit. Da 
war sie eingefiigt in die Jahreszeit. Und geregelt wurde Empfangnis und 



Geburt in alten Zeiten, in weit zuriickliegenden vorchristlichen Zeiten, 
in den germanischen Landern durch dasjenige, was sich nur in schwa- 
chen Nachklangen erhalten hat als Mythe, durch den Hertha-Dienst. 
Der Hertha-Dienst umfafite namlich nichts Geringeres in alten Zeiten, 
als daft nur zu der Zeit, als die Hertha mit ihrem Wagen sich den Men- 
schen naherte, die Tage der Empfangnis da waren; und wenn sie sich 
wieder zurtickgezogen hatte, dann durften sie nicht mehr sein. Das be- 
wirkte allerdings, dafi dazumal als ehrlos gait - weil er aus dem Natur- 
lauf herausfiel in bezug auf sein Menschendasein - derjenige, der nicht 
innerhalb einer gewissen Jahreszeit geboren war. Das war geradeso in 
alten Zeiten dem Naturlaufe angepalk, wie angepalk war diesem Natur- 
laufe das Schlafen und Wachen. Man ging eben, wenn die Sonne unter- 
ging, schlafen und wachte auf mit der Morgenrote. Aber diese Dinge 
haben sich verschoben. Nicht verschieben aber kann sich das Mittlere, 
die Anpassung an den Jahreslauf. Durch diese Anpassung an den 
Jahreslauf soil namlich und mufi im menschlichen Gemiit etwas erhalten 
bleiben. 

Was ist denn der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung? 
Das ist der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung, dafi sich 
der Mensch an die Erde anpalk, dafi er die Bedingungen der Erden- 
entwickelung in sich aufnimmt; dafi er hineintragt in die Zukunft seiner 
Entwickelung dasjenige, was die Erde ihm geben kann - ich meine jetzt 
nicht blofi in einer Inkarnation, sondern durch alle Inkarnationen hin- 
durch -, fur die spatere Entwickelung ihm geben kann. Das ist der Sinn 
der Erdenentwickelung. Dieser Sinn der Erdenentwickelung, er kann 
nur verwirklicht werden dadurch, dafi der Mensch gewissermafien auf 
der Erde nach und nach vergessen lernte seinen Zusammenhang mit den 
kosmischen, mit den himmlischen Machten. Der Mensch lernte verges- 
sen seinen Zusammenhang mit den himmlischen Machten. Wir wissen 
ja, dafi in alten Zeiten die Menschen ein atavistisches Hellsehen hatten, 
aber gerade innerhalb dieses atavistischen Hellsehens wirkten ja die 
himmlischen Machte in die Menschen hinein. Da hatte der Mensch 
noch seinen Zusammenhang mit den himmlischen Machten; da ragte 
gewissermafien das Himmelreich in das menschliche Gemiit hinein. Das 
mulke anders werden, damit der Mensch seine Freiheit entwickeln 



kann. Der Mensch mufite in seiner Anschauung, in seiner unmittelba- 
ren Wahrnehmung nichts mehr haben von dem himmlischen Reich, 
damit er der Erde verwandt werde. Aus diesem Grunde aber ist auch 
die Moglichkeit allein gegeben gewesen, dafi der Mensch in der extrem- 
sten Zeit der Erdenverwandtschaft eben materialistisch wurde, im fiinf- 
ten Zeitraum, in dem wir selber drinnenstehen. Der Materialismus ist 
nur der radikalste, extremste Ausdruck der Verwandtschaft des Men- 
schen mit der Erde. Das aber wiirde bedingen, dafi der Mensch wirk- 
lich der Erde verfiele, wenn nichts anderes eintreten wiirde. Der 
Mensch mufite der Erde verwandt werden, nach und nach ganz das 
Schicksal der Erde teilen. Er mufite die Wege nehmen, die die Erde sel- 
ber nimmt, er mufite sich ganz einfiigen der Erdenentwickelung, wenn 
nichts anderes eintreten wiirde. Er mufite gleichsam mit der Erde sich 
losreifien vom ganzen Kosmos und sein Schicksal ganz mit dem Schick- 
sal der Erde verbinden. 

Das war aber nicht so gemeint fur die Menschheit, sondern es war fur 
die Menschheit anders gemeint. Der Mensch sollte auf der einen Seite 
sich richtig mit der Erde verbinden, aber es sollte Botschaft aus der 
himmlischen, geistigen Welt herunterkommen, die ihn, trotzdem er 
durch seine Natur erdenverwandt wird, wiederum hinwegtragt iiber 
diese Erdenverwandtschaft. Und dieses Herunterbringen der Himmels- 
botschaft, das geschah durch das Mysterium von Golgatha. Daher 
mufite auf der einen Seite das Wesen, das durch das Mysterium von 
Golgatha ging, Menschenwesenheit annehmen, aber auf der anderen 
Seite in sich Himmelswesenheit tragen. Das heifit aber: Wir diirfen uns 
den Christus Jesus nicht blofi so vorstellen, dafi er innerhalb der 
Menschheitsentwickelung nicht als auch einer sich entwickelt, und sei er 
auch der Hochste, sondern dafi er sich als einer entwickelt, der auf- 
nimmt himmlische Wesenheit, der nicht blofi eine Lehre verbreitet, 
sondern der in die Erde hereintragt dasjenige, was aus dem Himmel 
kommt. Daher ist es wichtig, zu verstehen, was eigentlich die Johannes- 
Taufe im Jordan ist: dafi das nicht blofi eine moralische Handlung ist - 
ich sage nicht «nicht» eine moralische Handlung ist, sondern «nicht 
blofi » eine moralische Handlung ist -, sondern eine reale Handlung ist; 
dafi da etwas geschieht, das so wirklich ist, wie die Naturereignisse 



wirklich sind, das so wirklich ist, wie wenn ich mit irgendeinem War- 
mequell etwas erwarme und die Warme iibergeht in das Erwarmte, daft 
die Christus-Wesenheit iibergeht in den Menschen Jesus von Nazareth 
bei der Johannes-Taufe. Das ist gewifi im hochsten Grade ein Morali- 
sches, aber auch im Naturlaufe ein Wirkliches, wie die Naturerschei- 
nungen wirklich sind. Und darauf kommt es an, dafl das verstanden 
wird, daf? man es nicht nur mit irgend etwas zu tun hat, was aus ratio- 
nalistischen menschlichen Begriffen heraus stammt, die immer nur 
ubereinstimmen mit dem mechanischen, dem physischen oder chemi- 
schen Naturlaufe, sondern daft es etwas ist, was als Idee zu gleicher 
Zeit so in der realen Wirklichkeit drinnensteht, wie die Naturgesetze in 
der realen Wirklichkeit oder eigentlich die Naturkrafte in der realen 
Wirklichkeit drinnenstehen. 

Von da aus, wenn man das erfalk, werden dann auch andere Begriffe 
viel realer werden, als sie in der Gegenwart sind. Sehen Sie, der alte Al- 
chimist - wir wollen uns jetzt nicht iiber Alchimie unterhalten, aber wir 
wollen auf das, was der Alchimist im Auge hatte, blicken; ob das be- 
rechtigt oder unberechtigt ist, dariiber wollen wir uns nicht unterhal- 
ten, das kann vielleicht Gegenstand einer anderen Betrachtung sein -, er 
hatte im Auge, dafi durch seine Vorstellungen nicht blofi etwas vorge- 
stellt wird, sondern etwas geschieht. Sagen wir: Er raucherte. Und 
hatte er dann die Vorstellung oder sprach sie aus, so versuchte er, in 
diese Vorstellung eine solche Kraft hineinzubringen, daft die Raucher- 
substanz wirklich Formen annahm. Er suchte solche Begriffe, die die 
Macht haben, in die aufiere Naturrealitat einzugreifen, nicht bloft in- 
nerhalb des Egoistischen des Menschen zu bleiben, sondern in die Na- 
turrealitat einzugreifen. Warum? Weil er auch noch von dem Myste- 
rium von Golgatha die Vorstellung hatte, daft da etwas geschah, was in 
den Naturlauf der Erde eingreift, das ebenso eine Tatsache ist, wie ein 
Naturvorgang eine Naturtatsache ist. 

Sehen Sie, auf diesem beruht ein bedeutungsvoller Unterschied, der 
in der zweiten Halfte des Mittelalters und gegen die neuere Zeit, gegen 
unsere fiinfte, auf die griechisch-lateinische folgende Weltenperiode 
eintrat. In der Kreuzzugszeit, der Zeit des 12., 13., 14., 15., ja 16. 
Jahrhunderts gab es insbesondere Frauennaturen, welche ihr Gemiit in 



eine solche Mystik brachten, daft sie dieses innere Erlebnis, das ihnen 
die Mystik brachte, wie eine Hochzeit empfanden mit dem Geistigen, 
sei es mit dem Christus, oder sonst etwas. Mystische Hochzeiten feier- 
ten zahlreiche asketische Nonnen und so weiter. Ich will mich heute 
nicht iiber das Wesen dieser innerlichen mystischen Vereinigungen er- 
gehen; aber es war eben ein innerhalb des Gemiits Verlaufendes, das 
dann nur mit Worten ausgesprochen werden konnte, das gewisserma- 
ften innerhalb der Vorstellungen, der Empfindungen und noch des 
Wortes, in das die Empfindungen gekleidet werden konnen, verlief. 
Dem setzte dann aus gewissen Vorstellungen und geisteswissenschaftli- 
chen Zusammenhangen heraus Valentin Andreae seine «Chymische 
Hochzeit des Christian Rosenkreutz» entgegen. Diese chymische 
Hochzeit, wir wiirden heute sagen chemische Hochzeit, sie ist auch ein 
menschliches Erlebnis. Aber wenn Sie sie durchlesen, diese Chymische 
Hochzeit des Christian Rosenkreutz, so werden Sie sehen, daft es sich 
da nicht blofi um ein Gemiitserlebnis handelt, sondern um etwas, was 
den ganzen Menschen ergreift, nicht bloft sich in Worten ausspricht; 
was nicht bloft hereingestellt ist wie ein Gemiitserlebnis in die Welt, 
sondern wie ein realer Vorgang, ein Naturvorgang, wo der Mensch mit 
sich etwas macht, das wie ein Naturvorgang wird. Also etwas, was 
mehr von Wirklichkeit durchtrankt ist, meint Valentin Andreae mit 
seiner «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz», als eine 
bloft mystische Hochzeit etwa der Mechthild von Magdeburg, die eine 
Mystikerin war. Durch die mystische Hochzeit der Nonnen wurde nur 
etwas getan fur die Subjektivitat des Menschen; durch die chymische 
Hochzeit gab sich der Mensch der Welt hin, durch ihn sollte etwas fur 
die ganze Welt geleistet werden, so wie durch die Naturvorgange etwas 
fur die ganze Welt geleistet wird. Dies ist nun wiederum im eminent 
chrisdichen Sinne gedacht. Begriffe wollten die Menschen, die realer 
dachten - sei es nun selbst in dem einseitigen Sinne der alten Alchimi- 
sten -, Begriffe wollten sie, durch die sie die Wirklichkeit in richtiger 
Art meistern konnten, durch die sie in die Wirklichkeit richtiger ein- 
greifen konnten, solche Begriffe, die nun wirklich etwas mit der Wirk- 
lichkeit zu tun haben. Die materialistische Zeit hat zunachst iiber solche 
Begriffe einen Schleier geworfen. Und die Menschen, wahrend sie heute 



meinen, gerade recht iiber die Wirklichkeit zu denken, leben viel mehr 
in Illusionen als die von ihnen verachteten Menschen zum Beispiel der 
Alchimistenzeit, welche Begriffe anstrebten, durch die die Wirklichkeit 
gemeistert werden kann. 

Was konnen denn heute die Menschen mit ihren Begriffen? Das erle- 
ben wir ja gerade in unserem Zeitalter, was die Menschen mit ihren Be- 
griffen erreichen konnen: Illusionen, Begriffshiilsen. Das ist dasjenige, 
dem die Menschen heute wie Gotzen nachjagen: Begriffshiilsen, die 
nichts zu tun haben mit der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit er- 
langt man nur dadurch, dafi man untertaucht eben in die Wirklichkeit, 
aber nicht dadurch, dafS man sich in beliebiger Weise Begriffe ausbildet. 
Und doch, an den gewohnlichsten Dingen des Tages kann man den Un- 
terschied von wirklichkeitsgesattigten Begriffen und unwirklichen Be- 
griffen erkennen. Nur erkennen das die meisten Menschen heute nicht. 
Sie sind so unendlich befriedigt von blofien Begriffsschatten, die keine 
Wirklichkeit haben. Denken Sie sich zum Beispiel, dafi heute jemand 
sich hinstellt und eine Rede halt, in der er sagt, nun, nehmen wir an, es 
sagte jemand: Es miisse eine neue Zeit kommen, sie kiindige sich schon 
an, eine ganz neue Zeit, in welcher der Mensch nur nach seinem eige- 
nen Werte gemessen werden miisse, wo jeder Mensch kraft dessen, was 
er leisten kann, gewertet wird! - Nun, wer wiirde heute nicht sagen: 
Das ist einmal etwas, das nun aus dem tiefsten Verstandnis unserer Zeit 
heraus gesprochen ist! Aber solange die Begriffe Hiilsen bleiben, kann 
es noch so schon sein, es ist eben nicht wirklichkeitsdurchtrankt. Denn 
es kommt nicht darauf an, daft jemand dem Prinzip nachjagt, dafi jeder 
Mensch nach seinen Kraften an den betreffenden Ort gestellt werden 
soil, wenn er nachher davon iiberzeugt ist, daft gerade sein Neffe derje- 
nige ist, der der Tiichtigste ist. Es kommt nicht darauf an, was man fur 
Begriffe, fur Vorstellungen hat, sondern dafi man vermag, in die Wirk- 
lichkeit mit seinen Begriffen hineinzudringen, Wirklichkeit zu erken- 
nen! Prinzipien haben, Ideale haben, das tut sehr wohl, ist eine grofie 
Wollust, und sie auszusprechen, ist oftmals eine noch grofiere Wollust. 
Aber das, was not tut, ist: wirklich untertauchen in die Wirklichkeit, die 
Wirklichkeit erkennen und durchdringen das Wirkliche. Wir kommen 
immer tiefer hinein in dasjenige, was unsere unendlich traurige Zeit 



herbeigefiihrt hat, wenn wir diesen Gotzendienst gegeniiber den Be- 
griffshiilsen und Begriffsschatten immer weitertreiben, wenn wir nicht 
uns hineinfinden in die Anschauung, daft schone Begriffe haben und 
schone Vorstellungen haben, schone Begriffe aussprechen und schone 
Vorstellungen aussprechen, nicht einen Schufi Pulver wert ist, wenn es 
nicht verbunden ist mit dem Willen, in die Wirklichkeit unterzutau- 
chen, die Wirklichkeit zu erkennen. Und taucht man in die Wirklich- 
keit unter, dann findet man in dieser Wirklichkeit nicht blofi das Mate- 
rielle, sondern dann findet man eben auch den Geist. Das bringt allein 
vom Geiste ab, daft man mit Begriffsschatten, mit Begriffshulsen heute 
Gotzendienst treibt. Das ist aber auch das unermeftliche Ungluck unse- 
rer Zeit, daft die Menschen an schonen Worten sich berauschen. Und 
das ist zugleich das Unchristliche; denn das Grundprinzip des 
Christentums ist, daft der Christus in den Jesus von Nazareth nicht nur 
Lehren hineingegossen hat, sondern selber in ihn hineingezogen ist, das 
heiftt, sich mit der irdischen Wirklichkeit so verbunden hat, in diese 
irdische Wirklichkeit eingezogen ist, und dadurch die lebendige Bot- 
schaft aus dem Kosmos geworden ist. 

Dasjenige Buch, welches, wenn es richtig gelesen wird, das wunder- 
barste Erziehungsmittel fur die Wirklichkeit ist, das ist nun doch das 
Neue Testament. Nur muft nach und nach dieses Neue Testament in 
unsere Sprache ubertragen werden. Die heutigen Ubersetzungen sind 
nicht mehr so, daft sie den urspriinglichen Sinn vollig geben, aber wenn 
in die unmittelbare Sprache des Tages der alte Sinn ubertragen wird, 
dann ist das Evangelium das allerbeste Mittel, die Menschen zu wirk- 
lichkeitsdurchtranktem Denken zu bringen, weil dieses Evangelium in 
jeder Zeile selber nicht solche Gedankenformen hat, welche zu Be- 
griffsschatten und Begriffshulsen fiihren. Man mufi nur die Dinge in 
ihrer tieferen Realitat heute fassen. Es konnte schon fast trivial klingen, 
wenn man vom Sich-Berauschen an Begriffen spricht, aber dieses Be- 
rauschen an Begriffen ist nun eben einmal heute so ungeheuer verbrei- 
tet, daft es weniger auf die Vorstellungen, auf die Ideen, und wenn sie 
noch so schon klingen, ankommt, sondern darauf , daft der, der die Vor- 
stellungen und Ideen ausspricht, in der Wirklichkeit steht. Das kann 
man so unendlich schwer heute begreifen. Man beurteilt ja fast alles, 



was in die Offentlichkeit tritt, heute bloft nach dem Inhalt, und zwar 
nach dem Begriffsinhalt. Sonst wiirde man nicht die ideenleersten Do- 
kumente - ich will nur sagen zum Beispiel die sogenannte Friedensnote 
des Professor Wilson, ich will sagen des Prasidenten Wilson, eine Hiil- 
se, eine blofie Zusammenstoppelung von Begriffsschatten -, man wiirde 
sie nicht fur irgend etwas gehalten haben, was Tragkraft hat fur die 
Realitat. Wer Empfindung hat fur Begriffsschattigkeit, der konnte aus 
dieser Zusammenstellung von blofien Begriffsschatten wissen, daft das 
hochstens als Absurditat wirken konnte, die dann eine gewisse Realitat 
sein konnte. Denn das, was not tut, ist heute eben: wirklichkeitsgesat- 
tigte Begriffe sich zu holen, zu suchen. Das aber setzt voraus, daft die 
Menschen tief , tief verwandt werden konnen mit der Wirklichkeit, daft 
sie selbstlos genug sind, sich mit dem, was in der Wirklichkeit lebt und 
webt, zu verbinden. Denn man kann vieles sehen in der Gegenwart, das 
gerade von diesem Suchen nach der Wirklichkeit abfiihrt, ganz hinweg- 
fiihrt, und man merkt diese Dinge nicht. 

Mancherlei fur den Kenner traurigste Dinge gehen vor sich. Zum 
Beispiel ist es in der Gegenwart moglich, daft die Menschen ergriffen 
werden, rein durch die Wortzusammenstellung, von einer Anzahl von 
Reden, die auch gedruckt worden sind; einer Anzahl von Reden, wel- 
che fur denjenigen, der nicht auf die Worte, sondern auf die Wirklich- 
keiten geht, geradezu grauenvoll sind. Da sind Reden gehalten worden 
von einer sehr angesehenen Personlichkeit der Gegenwart, die gleich in 
einer der ersten Reden den Standpunkt vertritt: Ja, mit Bezug auf die 
eine Seite des Menschen gehort der Mensch durchaus der Naturord- 
nung an, und die Theologen tun nicht gut, wenn sie nicht die Natur- 
ordnung den reinen Naturforschern uberlassen. — Dann fiihrt der Red- 
ner weiter aus: In bezug auf die Naturordnung ist der Mensch rein ein 
Mechanismus; aber von diesem Mechanismus hangen auch die Verrich- 
tungen der Seele ab. - Und was er nun als Verrichtungen der Seele an- 
gibt, das ist ungefahr alles, was die Seele uberhaupt an Verrichtungen 
hat. Das soli nun auch den Naturforschern uberlassen werden. Und fur 
die Theologie bleibt dann nichts anderes als der Trost: Es ist alles an die 
Naturwissenschaft abgetreten, aber wir sollen nur noch reden! Dann 
kann man allerdings nur noch in Worthulsen reden. Dabei sind die Re- 



den so gefafit, daft sie Diskontinuitaten haben - ich werde auf das ganze 
Faktum in den nachsten Vortragen noch einmal zuriickkommen und 
darauf naher eingehen -, daft der nachste Gedanke, wenn er wirklich 
durchschaut wird, mit dem vorhergehenden Gedanken, mit dem er in 
Zusammenhang gebracht wird, nicht einmal irgendwie zusammen ge- 
dacht werden kann. Aber das Ganze klingt wunderschon. Und in der 
Vorrede zu diesen Vortragen iiber sogenannte «Lebensgestaltung» 
steht, daft diese Vortrage vor Tausenden von Menschen vor kurzer Zeit 
gehalten worden sind, und daft jedenfalls noch viele Tausende das Be- 
dtirfnis haben werden, sich an diesen Vortragen einen Seelentrost in 
ernster Zeit zu suchen. Diese Vortrage sind von dem beruhmten Theo- 
logen Hunzinger und sind in der Quelle- und Meyer-Sammlung, ich 
glaube «Wissenschaft und Bildung» heifit sie, erschienen und sind gera- 
dezu etwas, was zu dem Gefahrlichsten in der Gegenwart gehort, weil 
es bei einem schon klingenden Inhalt, bei einem berauschend klingen- 
den Inhalt, das Gedankenleben der Menschen geradezu verwirrt, weil 
die Gedanken keinen Zusammenhang haben, und weil das Ganze ei- 
gentlich, sobald man es der berauschenden Worte entkleidet, nichts an- 
deres ist als ein Nonsens. Dennoch, die Lobrednereien iiber diese 
Dinge erfullen ungeheuer weite Kreise - ich werde Ihnen in einem der 
nachsten Vortrage im einzelnen nachweisen, welche Gedankenkonfu- 
sionen darinnen sind - und niemand laftt sich darauf ein, die Gedanken- 
formen zu priifen, sondern jeder bleibt stehen bei den Wortschatten. 

Ja, dasjenige, was auftere Wirklichkeit ist, hangt durchaus zusammen 
mit demjenigen, was der Mensch innerlich entwickelt. Entwickelt er 
wirklichkeitsfremde Begriffe, dann muft die Wirklichkeit in Verwirrung 
kommen, und dann entstehen Zustande wie die heutigen. An dem, was 
als auftere Zustande einem entgegentritt, kann man nicht mehr die Sa- 
che beurteilen, sondern an dem muft man es beurteilen, was sich oft- 
mals nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte, vielleicht noch langer vorher 
in den menschlichen Gemiitern entwickelt. Da liegt es, was die Ursache 
ist. Da hinein muft man schauen. Alles aber hangt daran, daft der Chri- 
sms nicht bloft seinem Lehrinhalt nach genommen werde, sondern 
daft das Mysterium von Golgatha in seiner Realitat, in seiner Wirklich- 
keit geschaut wird, daft geschaut wird, daft da tatsachlich etwas Uber- 



irdisches durch die Person des Jesus von Nazareth sich mit dem Irdi- 
schen verbunden hat. Denn dann wird man darauf kommen, dafi das 
Moralische nicht blofi dasjenige ist, was verweht und vergeht, wenn die 
Erde oder selbst das Himmelsgebaude ein Grab geworden ist, sondern 
dafi die gegenwartige Erde und das gegenwartige Himmelsgebaude ein 
Grab werden kann, wie die gegenwartige Pflanze zu Staub wird. Aber 
wie in der gegenwartigen Pflanze der Keim zu der nachsten darinnen- 
steckt, so steckt in der gegenwartigen Welt der Keim zu der nachsten 
darinnen. Und die Menschen sind mit diesem Keim verbunden. Nur 
bedarf dieser Keim des Zusammenhanges mit dem Christus, damit er 
nicht, wie etwa der Pflanzenkeim, wenn er nicht befruchtet wird, mit 
dem Staub der Pflanze zerfallt, so mit dem Grabe der Erde zerfallt. 
Daft die moralische Weltenordnung in der Gegenwart die Keimkraft 
kunftiger Naturordnung ist, das ist der realste Gedanke, den es geben 
kann. Das Moralische ist nicht blofi etwas Ausgedachtes; das Morali- 
sche ist jetzt, wenn es wirklichkeitsgetrankt ist, als Keim vorhanden fur 
spatere aufiere Realitaten. 

Zu diesem Gedanken kommt keine solche Weltanschauung, von der 
Herman Grimm sagte, dafi ein Stuck Aasknochen, um den ein hungri- 
ger Hund herumschleicht, ein appetitlicherer Anblick sei als die Kant- 
Laplacesche Weltordnung. Zu diesem Gedanken, dafi das Moralische in 
sich die Kraft hat, ein Naturliches zu werden, dafi es der Keim des Na- 
tiirlichen ist, des Natiirlichen der Zukunft, zu dem dringt die mechani- 
sche Weltenordnung niemals. Und warum nicht? Ja, sie mufi ja in der 
Tauschung leben. Denn stellen Sie sich vor, das Mysterium von Golga- 
tha hatte nicht stattgefunden, dann ware es so, wie die Kant-Laplace- 
sche Theorie es sich vorstellt. Sie brauchen blofi das Mysterium von 
Golgatha von der Erde wegzudenken, dann ware diese Theorie richtig. 
Denn die Erde mufite in einen Zustand einmal kommen, der, wenn er, 
sich selbst uberlassen, weiterlaufen wiirde, das Menschliche in der Gra- 
besode enden liefie. Das mufite so geschehen, damit der Mensch durch 
Erdenverwandtheit die Freiheit erringen konne. Er findet dieses Grab 
nicht, weil die Erde in dem Augenblick, in dem die Krisis war, be- 
fruchtet wurde durch den Christus, weil der Christus heruntergestiegen 
ist - und weil der Christus die umgekehrte Kraft ist gegeniiber der zum 



Grabesende fiihrenden, das namlich, was Keimeskraft ist -, hinaufzu- 
tragen den Menschen in die geistige Welt; das heiflt, wenn die Erde 
Grab wird, wenn sie ihrem Schicksal nach der Kant-Laplaceschen 
Theorie folgt, das nicht mit zugrunde gehen zu lassen, was als Keim in 
ihr liegt, sondern es hiniiberzutragen in die Zukunft. So dafi die christ- 
lich-moralische Weltordnung dasjenige denkt, was Goethe die «hohere 
Natur in der Natur» nennt, und man sagen kann: Wer das Mysterium 
von Golgatha in der richtigen Weise als eine Realitat denken kann, der 
kann auch real denken, der kann sich audi wirklichkeitsgesattigte 
Begriffe machen. 

Das aber ist notwendig, und das ist auch dasjenige, was die Men- 
schen vor alien Dingen lernen mussen. Denn die Menschen haben in 
dieses funfte nachatlantische Zeitalter herein entweder Begriffe sich bil- 
den wollen, welche sie berauschen, oder Begriffe sich bilden wollen, 
welche sie blind machen. Begriffe, welche berauschen, sind vielfach auf 
religiosen Gebieten gemacht worden; Begriffe, welche blind machen, 
sind vielfach auf naturwissenschaftlichem Gebiet gemacht worden. Be- 
rauschen mufi ein Begriff, welcher, indem er gelten lafit auf der anderen 
Seite die rein natiirliche Ordnung, blofi an irgend etwas Moralisches 
denkt, wie Kant, der diese zwei Welten nebeneinanderstellt, die eine 
dem Wissen, die andere dem Glauben auslieferte. Solche Begriffe, die 
man dann ausbildet auf moralischem Gebiete, konnen berauschen, und 
durch den Rausch merkt man dann nicht, dafi man dann eigendich un- 
weigerlich verfallen ist der Grabesstille der Welt, mit der verklungen und 
versunken ist all dasjenige, was moralische Weltenordnung ist. Oder 
Begriffe konnen blind machen, wie es die naturwissenschaftlichen, die 
nationalokonomischen und - verzeihen Sie, es schluckt sich schwer - 
die politischen Begriffe der Gegenwart sind. Blind machen diese Begrif- 
fe, wenn sie nicht gebildet werden so, dafi sie in Zusammenhang stehen 
mit der geistig begriffenen Welt, sondern nur aus den Fetzen der aufie- 
ren sogenannten tatsachlichen, das heifk sinnlich-tatsachlichen Wirk- 
lichkeit heraus gebildet sind. So dafi jeder nur so weit sieht, als seine 
Nase reicht, das heifit blind nur aus dem heraus urteilt, was er zwischen 
Geburt und Tod mit seinen Augen sehen und mit angelernten Begrif- 
fen umfassen kann, ohne dafi er sich Begriffe ausbildet, die deshalb 



wirklichkeitsgetrankt sind, weil sie durchtrankt sind vom Geistigen, 
von Erfassung der geistigen Wirklichkeit. 

Man mufi immer wieder und wiederum auf dasjenige hinweisen, was 
unserer Zeit so ganz besonders not tut, wirklich not tut. Denn selbst 
das Historische wirkt in unserer Zeit oftmals nur mehr wie Begriffs- 
schatten. Wieviel wird deklamiert heute, ich will sagen, von dem, was 
Fichte zum deutschen Volk gesprochen hat! Was Fichte zum deutschen 
Volk gesprochen hat, begreift man erst, wenn man das ganze Leben 
Fichtes, dieses so tief in der Wirklichkeit stehende Leben Fichtes sich 
ansieht. Deshalb habe ich versucht, in meinem Buch «Vom Menschen- 
ratsel» die Personlichkeit Fichtes hinzustellen, wie sie geworden ist, wie 
sie schon von Kindheit auf verkniipft war mit der Wirklichkeit. Und 
man mochte so gerne, dafi gerade solche Worte wie diese von dem 
Durchtranktsein der Vorstellungen und Ideen mit Wirklichkeiten, daft 
gerade diese heute nicht oberflachlich nur angehort werden, sondern 
tief innerlich genommen werden; wirklich tief innerlich genommen 
werden. Nur dann wird man sich ein freies, offenes Auge, ich meine 
Seelenauge, aneignen fur dasjenige, was unserer Zeit so sehr not tut. 
Und jedem Menschen tut not ein solches freies, offenes Seelenauge. Der- 
jenige, der es sich nicht besonders zur Aufgabe machte, gerade iiber 
diese hiermit beriihrten Fakten nachzudenken, der achtet viel zu wenig 
darauf, wie in unserer Zeit mit Begriffsschatten, mit Worthulsen ge- 
wirtschaftet wird, und wie alles darauf angelegt ist, den Menschen ent- 
weder in die berauschenden oder in die blind machenden Begriffe zu 
fiihren. 

Nehmen Sie so etwas, wie ich es heute gesagt habe, nicht in dem 
Sinne eines Agitatorischen, sondern in dem Sinne von etwas, das aus- 
sprechen will, was ist. Der Mensch mufi gewift mit seiner Zeit leben, 
und soli mit seiner Zeit leben, und er soil nicht, wenn irgend etwas cha- 
rakterisiert wird, das so auffassen, als ob man damit meinte, daft alles 
und alles damit abgewiesen werde. Aber es soli das Gegengewicht ge- 
schaffen werden. Es ist heute nur natiirlich, daft die Welt vor Impulsen 
steht, die ganz in den Materialismus hineinfuhren. Das kann nicht auf- 
gehalten werden, denn dieses Hineinfuhren in den Materialismus, das 
hangt zusammen mit dem tief en Bedurfnis unserer Zeit. Aber ein Ge- 



gengewicht mufi geschaffen werden. Ich mochte sagen, alle Machte stel- 
len es darauf ab, den Menschen ganz fest in den Materialismus einzu- 
fiihren. Das kann nicht aufgehalten werden; es gehort zura Wesen des 
fiinften nachatlantischen Zeitraumes. Aber das Gegengewicht mufi ge- 
schaffen werden. Ein besonders hervorragendes Mittel, den Menschen 
in den Materialismus hineinzujagen, ist das, was von diesem Gesichts- 
punkte aus kaum bemerkt wird: der Kinematograph. Es gibt kein bes- 
seres Erziehungsmittel zum Materialismus als den Kinematographen. 
Denn das, was man in dem Kinematographen schaut, das ist nicht 
Wirklichkeit, wie sie der Mensch sieht. Nur eine Zeit, welche so wenig 
Begriff hat von der Wirklichkeit wie diejenige, welche die Wirklichkeit 
als Gotzen im Sinne des Materialismus anbetet, kann glauben, dafi der 
Kinematograph eine Wirklichkeit bietet. Eine andere Zeit wiirde dar- 
iiber nachdenken, ob der Mensch auf der Strafie so geht wie im Kine- 
matographen; und dann, wenn er sich fragt: Was hast du gesehen? - ob 
er wirklich das so im Bilde hatte, wie der Kinematograph es ihm vor- 
stellt. Fragen Sie sich einmal ehrlich, aber tief ehrlich: Ist dasjenige, was 
Sie gesehen haben auf der Strafie, naher dem Bilde, das sich nicht be- 
wegt, das ein Maler Ihnen macht, oder dem schauderhaften funkelnden 
Bilde des Kinematographen? Wenn Sie sich ehrlich fragen, so werden 
Sie sich sagen: Das, was der Maler in Ruhe gibt, das gleicht viel mehr 
dem, was Sie selber auf der Strafie sehen. Daher aber auch nistet sich, 
wahrend der Mensch vor dem Kinematographen sitzt, das, was ihm der 
Kinematograph bietet, nicht in das gewohnliche Wahrnehmungsvermo- 
gen ein, sondern in eine tiefere materielle Schicht, als wir sonst im 
Wahrnehmen haben. Der Mensch wird atherisch glotzaugig. Er bekommt 
Augen wie ein Seehund, nur viel grofier, wenn er sich dem Kinemato- 
graphen hingibt. Atherisch meine ich das. Da wirkt man nicht nur auf 
dasjenige, was der Mensch im Bewufitsein hat, sondern auf sein tiefstes 
Unterbewufkes wirkt man materialisierend. Fassen Sie das nicht auf wie 
eine Brandrede gegen den Kinematographen. Es soil ausdrucklich noch 
einmal gesagt werden: Es ist ganz naturlich, daf$ es Kinematographen 
gibt; die Kinematographenkunst wird noch immer mehr und mehr aus- 
gebildet werden. Das wird der Weg in den Materialismus sein. Ein Ge- 
gengewicht mufi geschaffen werden. Das kann nur darin bestehen, dafi 



der Mensch mit der Sucht nach der Wirklichkeit, die im Kinemato- 
graphen entwickelt wird, etwas verbindet. Wie er da mit der Sucht 
entwickelt ein Heruntersteigen unter die sinnliche Wahrnehmung, so 
muE er ein Heraufsteigen iiber die sinnliche Wahrnehmung, das heifit 
in die geistige Wirklichkeit, entwickeln. Dann wird ihm der Kinemato- 
graph nichts schaden; da mag er sich dann die kinematographischen 
Bilder ansehen, wie er will. Aber gerade durch solche Dinge wird der 
Mensch dahin gefuhrt - indem kein Gegengewicht geschaffen wird 
nicht so, wie es notwendig ist, erdenverwandt zu werden, sondern im- 
mer erdenverwandter, erdenverwandter zu werden und zuletzt vollig 
abgeschniirt zu werden von der geistigen Welt. 



FUNFTER VORTRAG 
Berlin, 6. Marz 1917 



Ich habe Ihnen gesprochen von den drei Begegnungen, denen die Men- 
schenseele unterworfen ist im Verlaufe ihres Lebens zwischen Geburt 
und Tod, und die sie schon im Verlaufe dieses Lebens zwischen Geburt 
und Tod in Verbindung bringen mit den geistigen Welten. Auf diesen 
Gegenstand, den wir das letzte Mai episodisch vorbereitend gewisser- 
mafien von aufien beriihrt haben, werden wir heute noch einmal zu- 
riickkommen, wir werden ihn iiberhaupt genauer betrachten. 

Wir haben bemerkt, dafi der Mensch in jener Zeit, in der er den 
Wechselzustanden von Schlafen und Wachen unterliegt, eine Begeg- 
nung hat, in der Regel in der Mitte seines Schlafzustandes. In der Regel 
sage ich deshalb, weil das der Schlafzustand sein soil, der der normale 
Nachtzustand ist. Also der Mensch hat in der Regel zwischen Schlafen 
und Aufwachen seine Begegnung mit derjenigen Welt, der unser Geist- 
selbst verwandt ist, mit derjenigen Welt, in die wir versetzen die We- 
senheiten aus jener Klasse der Hierarchien, die wir als die Angeloi be- 
zeichnen. Wir kommen da also gewissermafien jedesmal, wenn wir 
durch den Schlaf gehen, durch jene Welt durch, in welcher sich diese 
Wesen aufhalten; durch jene Welt, die die nachste - nach oben - ist zu 
unserer physischen Welt, und erfrischen, erstarken gewissermafien 
unser ganzes geistiges Wesen durch diese Begegnung. Weil das so ist, 
weil man es also im Schlafzustand zu tun hat mit einem Verhaltnis 
des Menschen mit der geistigen Welt, wird auch niemals eine blofi 
materialistische Erklarung des Schlafzustandes, wie sie von der 
aufieren Wissenschaft versucht wird, irgendwie befriedigen konnen. 
Man kann vieles, das im Menschen vorgeht, erklaren aus den 
Veranderungen, die der Leib durchmacht vom Aufwachen bis zum 
Einschlafen, und man kann dann aus diesen Veranderungen den 
Schlaf erklaren wollen, aber es wird immer etwas Unbefriedigendes 
dabei bleiben, weil es sich im Schlaf e eben um die angedeutete 
Begegnung, also um eine Beziehung des Menschen zur geistigen Welt 
handelt. Gerade wenn wir also den Schlafzustand betrachten, kon- 



nen wir sehen, wie der Mensch, wenn er keine Beziehung sucht in 
seinem Bewufltsein zur geistigen Welt, dann zu halbwahren Begriffen 
kommt, zu jenen halbwahren Begriffen, welche - da Begriffe, Vorstel- 
lungen sich ins Leben umsetzen - das Leben verfalschen und auch die 
groften Katastrophen des Lebens eigentlich in Wahrheit zuletzt doch 
herbeifiihren. 

Halbwahre Begriffe! Sie sind aus dem Grunde ingewisser Beziehung 
sogar schlimmer als die ganz falschen Begriffe, weil die Menschen, wel- 
che sich halbwahre Begriffe, halbwahre Vorstellungen bilden, auf die- 
sen halbwahren Vorstellungen bestehen, denn sie konnen sie ja bewei- 
sen; da sie halb wahr sind, lassen sie sich beweisen. Es wird ihnen auch 
eine Widerlegung nicht einleuchten, da die Begriffe eben halb wahr 
sind. Solche Begriffe verfalschen wirklich das Leben noch mehr als die 
ganz falschen, denen man ihre Falschheit ja eben sofort ansieht, aner- 
kennt. Eine solche halbwahre Vorstellung ist diejenige, die heute zum 
Teil von der aufieren Wissenschaft verlassen ist, aber zum Teil, zum 
grofien Teil sogar von dieser aufieren Wissenschaft noch immer vertre- 
ten wird. Es ist die Vorstellung, auf die ich schon ofter aufmerksam 
gemacht habe: dafi wir schlafen, weil wir ermiidet sind. Es ist, wir 
konnen wirklich sagen, eine halbwahre Vorstellung, und sie wird 
gestiitzt durch eben auch eine halbwahre Beobachtung, auf die sich die 
Menschen berufen: daft das Leben des Tages den Korper ermiidet, und 
dafi man daher, weil man ermiidet ist, schlafen musse. Nun, ich habe 
schon darauf aufmerksam gemacht in friiheren Vortragen, daft sich 
durch diese Erklarung des Schlafes niemals erklaren liefte, warum Ren- 
tiers, die gar nicht gearbeitet haben, oftmals bei den anregendsten Din- 
gen, die von der Auftenwelt kommen, sofort einschlafen, wenn sie die- 
ses oder jenes horen. Daft sie ermiidet sind, wird man ganz gewift nicht 
nachweisen konnen; und daft sie durchaus schlafen miissen, weil sie 
nun so abgerackert sind, das ist eben nur eine falsche, also eine halb- 
wahre Beobachtung. Wir Menschen beobachten eben da, wenn wir 
glauben, daft wir durch die Ermudung zum Schlafen gezwungen wer- 
den, nur halb. Und man sieht, worin die Halbheit besteht, erst dann, 
wenn man dasjenige, was von der einen Seite beobachtet wird, ver- 
gleicht mit dem, was von der anderen Seite beobachtet werden kann, 



wo man der anderen Halbheit begegnet. Sie werden gleich sehen, was 
ich damit meine. 

Schlafen und Wachen ist im einzelnen menschlichen Leben etwas, 
was rhythmisch abwechselt. Nur ist der Mensch ein Wesen, das auf 
Freiheit gestellt ist, und das daher auch mit Bezug auf den Rhythmus 
von Schlafen und Wachen eingreifen kann - hier mehr durch die Ver- 
haltnisse als durch dasjenige, was man Freiheit nennt, aber diese Ver- 
haltnisse sind eben die Grundlage der Freiheit -, eingreifen kann bei 
dem Gang der Ereignisse, und manchmal bei dem Rhythmus des Schla- 
fens und Wachens nur allzu gerne eingreift. Ein anderer Rhythmus, den 
wir oft zusammengestellt haben mit Schlafen und Wachen, wenn er 
auch im gewohnlichen Bewufitsein falsch zusammengestellt wird, ist 
der, welcher im Jahreslauf eintritt: der Wechsel von Sommer und Win- 
ter, wenn wir die Zwischenjahreszeiten unberiicksichtigt lassen. Nie- 
mand wird es dabei einf alien zu sagen: Nun, wahrend des Sommers 
strengt sich die Erde an und entfaltet diejenigen Krafte, welche dazu 
fiihren, daft die Pflanzen wachsen, Krafte, welche zu manchem anderen 
noch fiihren; da ermudet sie, und es mufi daher eine Winterruhe eintre- 
ten. - Ein jeder wird eine solche Vorstellung als absurd abweisen und 
wird sagen: Daft der Winter eintritt, hat gar nichts zu tun mit der 
sommerlichen Anstrengung der Erde, sondern er tritt halt deshalb ein, 
weil die Sonne in ein anderes Raumesverhaltnis zu dem Fleck Erde 
kommt, auf dem gerade der Winter eintritt. - Da wird man alles von 
Aufierem ableiten, beim Schlafen und Wachen alles von der Ermiidung, 
vom Inneren. Nun ist das eine genau ebenso falsch wie das andere, oder 
man konnte auch sagen, es ist das eine gerade so halb wahr wie das an- 
dere. Denn der Rhythmus von Schlafen und Wachen ist gerade ein sol- 
cher Rhythmus wie derjenige zwischen Winter und Sommer. Es ist 
ebensowenig wahr, dafi wir nur deshalb schlafen, weil wir ermudet 
sind, wie es wahr ist, dafi der Winter eintritt, weil die Erde sich wah- 
rend des Sommers abgerackert hat, sondern beides beruht auf selbstan- 
digem Wirken eben eines Rhythmus, der hervorgebracht wird durch 
gewisse Verhaltnisse. Der Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen 
wird eben dadurch hervorgebracht, dafi die Menschenseele es notig hat, 
die Begegnung mit der geistigen Welt immer wieder und wiederum 



herbeizufiihren, dafi sie immer wiederum ihre Begegnung mit der gei- 
stigen Welt braucht. Und wenn wir sagen wiirden, wir wollen schlafen, 
und deshalb fiihlen wir Ermudung, oder wenn wir sagen wiirden: wir 
treten in das Stadium ein, wo wir nach dem einen Teil des Rhythmus, 
nach dem Schlafzustand verlangen, und deshalb fiihlen wir Ermudung, 
dann wiirden wir etwas Richtigeres sagen als: weil wir ermudet sind, 
miissen wir schlafen. 

Die Sache wird uns noch klarer werden, wenn wir einfach fragen: Ja, 
was tut denn die Seele eigentlich, wenn sie schlaft? Fur die Beantwor- 
tung einer solchen Frage hat die heutige geistlose Wissenschaft kein 
rechtes Verstandnis, auch keine rechte Moglichkeit. Sehen Sie, im Wa- 
chen, da geniefien wir - denn Genufi ist beim ganzen Leben immer 
vorhanden -, da geniefien wir die aufiere Welt. Wir geniefien ja nicht 
blofi die aufiere Welt, wenn wir eine gute Speise durch unseren Gau- 
men fiihlen, wo wir das Wort «geniefien», weil die Sache eben radikal 
wirkt, anwenden, sondern wir geniefien wahrend des ganzen Wachzu- 
standes die aufiere Welt, und alles Leben ist zu gleicher Zeit Genufi. 
Wenn es viel Unlust in der Welt gibt und das scheinbar kein Genufi ist, 
so ist das nur eine Tauschung, von der wir im spateren Zusammenhang 
in nachsten Vortragen einmal sprechen werden. Im Wachen geniefien 
wir die aufiere Welt, im Schlafen geniefien wir uns selbst. Geradeso wie 
wir, wenn wir mit unserer Seele im Leibe sind, durch den Leib die au- 
fiere Welt geniefien, so geniefien wir, wenn wir mit unserer Seele aufier 
dem Leibe sind, unseren eigenen Leib; denn wahrend des Lebens zwi- 
schen Geburt und Tod sind wir mit dem Leibe doch zusammenhan- 
gend, auch aufierhalb des Leibes. Darin besteht im wesentlichen der 
Schlafzustand, der gewohnliche normale Schlafzustand, dafi wir uns in 
unseren Leib vertiefen, dafi wir unseren Leib geniefien. Von aufien ge- 
niefien wir unseren Leib. Und die Traume, die gewohnlichen chaoti- 
schen Traume wird derjenige richtig deuten, der sich sagt, sie sind Wi- 
derspiegelung desjenigen Leibesgenusses, den der Mensch hat, wenn er 
im traumlosen Schlaf ist. 

Diese Erklarung des Schlafes kommt schon naher dem Schlafbediirf- 
nis, von dem ich gesprochen habe beim Rentier. Denn dafi er ermudet 
ist, das werden wir ihm nicht so leicht glauben; dafi er aber seinen Leib 



so gerne hat, dafi er ihn Heber geniefien will als das, was ihm oftmals 
aus der aufieren Welt entgegenkommt, das werden wir gerade beim 
Rentier leicht glauben konnen. Er hat sich ja in der Regel so unendlich 
gern und geniefit sich so gern, er geniefit vielleicht sich viel lieber als, 
urn nicht zu sagen einen Vortrag, den er schandenhalber anhort, son- 
dern vielleicht zu sagen, irgendein schwierigeres, besseres Musikstiick, 
bei dem er sofort einschlaft, wenn er es sich anhoren soil. Schlaf ist 
Selbstgenufi. Dadurch nun, dafi wir im Schlafe, im normalen Schlafe, 
die Begegnung mit der geistigen Welt haben, dadurch wird dieser Schlaf 
nicht blofier Selbstgenufi sein, sondern auch Selbstverstandnis sein; bis 
zu einern gewissen Grade Selbstverstandnis, Selbstauffassung. In dieser 
Beziehung ist tatsachlich unserer geistigen Bildung notwendig, dafi die 
Menschen begreifen lernen, dafi sie wirklich im normalen Schlaf unter- 
tauchen in den Geist und im Aufwachen wiederum auftauchen aus dem 
Geiste, daft sie lernen Ehrfurcht zu haben vor dieser Begegnung mit 
dem Geiste. 

Nun, damit wir nicht unvollstandig sind, mochte ich noch einmal auf 
das sogenannte Ermudungsratsel zuruckkommen. Denn hier wird ja 
das triviale Bewufitsein am allerleichtesten einhaken konnen. Es wird 
sagen: Nun ja, wir erfahren aber doch, dafi wir ermiidet sind, und mit 
der Ermudung tritt das Schlafbediirfnis ein. - Hier ist ein Punkt, wo 
man wirklich genau unterscheiden muE. Wir ermiiden tatsachlich bei 
des Tages Arbeit, und wahrend wir schlaf en, sind wir in der Lage, die 
Ermudung fortzuschaffen. Also dieser Teil der Sache ist wahr: Wir sind 
in der Lage, durch den Schlaf die Ermudung wegzuschaffen. Aber der 
Schlaf besteht nicht darin, daft er etwa eine Wirkung der Ermudung ist, 
sondern er besteht darin, dafi man sich selbst geniefit. Und in diesem 
Selbstgenusse erwirbt sich der Mensch die Krafte, durch die er die ein- 
getretene Ermudung fortschafft. Also soweit ist die Sache wahr, dafi 
der Schlaf Ermudung wegschaffen kann. Daraus folgt aber nicht, dafi 
jeder Schlaf Ermudung wegschafft; wahr ist, dafi jeder Schlaf ein 
Selbstgenufi ist, wahr ist aber nicht, dafi jeder Schlaf Ermudung weg- 
schafft. Denn derjenige, der unnotig schlaf t, der bei jeder Gelegenheit 
einschlaft und unnotig schlaft, der kann auch eben wirklich ein Schlafen 
vollbringen, in dem keine Ermudung weggeschafft wird, in dem blofi 



Selbstgenufi vorliegt. Durch einen solchen Schlaf wird man zwar - weil 
man gewohnt ist vom normalen Leben her, durch den Schlaf die Ermii- 
dung wegzuschaffen -, durch einen solchen Schlaf wird man zwar sich 
fortwahrend anstrengen, auch Ermudung wegzuschaffen. Wenn sie 
aber nicht da ist, die Ermudung, wie das beim Rentier der Fall ist, 
wenn er im Konzert einschlaft, wird er blofi an seinem Leibe herum- 
wirtschaften, so wie man sonst herumwirtschaftet, wenn man Ermii- 
dung fortschaffen will. Aber da die Ermudung nicht da ist, wird er un- 
notig herumwirtschaften, und die Folge wird sein, dafi er allerlei Folge- 
zustande in seinem Leibe ausbriitet. Daher solche schlaf end en Rentiers 
gerade am argsten geplagt sind von allerlei Dingen, die man als Neur- 
asthenic, oder wie sie sonst heifien, die schonen Dinge, zusammenfafit. 

Es ist eben doch durch den Zusammenhang mit der geistigen Wissen- 
schaft beim Menschen ein Zustand denkbar, in dem er sich bewufit ist: 
Du lebst in einem Rhythmus, der dich in Abwechslung dazu bringt, in 
der physischen Welt zu sein und in der geistigen Welt zu sein. In der 
physischen Welt hast du deine Begegnung mit der aufieren physischen 
Natur; in der geistigen Welt hast du deine Begegnung mit den Wesen 
eben, die in der geistigen Welt leben. 

Nun werden wir vollstandig die Sache verstehen, wenn wir etwas tie- 
fer auf die ganze Wesenheit des Menschen von einem gewissen Ge- 
sichtspunkte eingehen. Sehen Sie, fur die aufiere Wissenschaft, die man 
die Biologie nennt, ist der Mensch gewohnlich als Einheit betrachtet, 
und man teilt ihn notdiirftig in Kopf, Brustteil und Unterleibsteil mit 
daran befindlichen Gliedern, In jenen alten Zeiten, in den en man noch 
ein atavistisches Wissen hatte, verband man schon mehr Vorstellungen 
mit dieser Teilung, mit dieser Gliederung des Menschen. Der grofie 
Plato , der griechische Philosoph, er weist dem Kopfe, dem Haupte die 
Weisheit zu, dem Brustteil das Mutartige im Menschen, dem Unterleibs- 
teil weist er zu dasjenige, was niederste Regungen der menschlichen 
Natur sind. Und veredelt kann dasjenige, was dem Brustteil zugewiesen 
ist, werden, wenn Weisheit sich vereinigt mit dem Mutartigen, das an 
den Brustteil gekniipft ist, zum weisheitsvollen Mut, zur weisheitsvol- 
len Aktivitat. Und dasjenige, was als die niedere Gliedrigkeit des Men- 
schen zu betrachten ist, was an dem Unterleib haftet - wenn es durch- 



sonnt wird von der Weisheit, so nennt es Plato die Besonnenheit. Also 
da sehen wir schon, wie die Seele gegliedert und bezogen wird auf die 
verschiedenen Leibesteile. Heute, wo wir die Geisteswissenschaft ha- 
ben, die fur Plato noch nicht in derselben Weise zuganglich war, kon- 
nen wir iiber diese Dinge ja viel genauer sprechen. 

Indem wir von dem gesamten Menschen sprechen, sprechen wir zu- 
nachst, wenn wir von oben beginnen in der Viergliedrigkeit des Men- 
schen, von seinem Ich. Alles dasjenige, was der Mensch seelisch-geistig 
sein eigen nennt, wirkt in seinem physischen Dasein zwischen Geburt 
und Tod durch die Werkzeuge des physischen Leibes. Wir konnen uns 
bei jedem Gliede des Menschen fragen: Durch welche Partien der phy- 
sischen Leiblichkeit wirkt das betreffende Glied? Und da zeigt sich uns 
bei einer durchgreifenden geistigen Beobachtung, dafi dasjenige was wir 
das Ich des Menschen nennen, tatsachlich, so wie der Mensch ist zwi- 
schen Geburt und Tod, gebunden ist - so grotesk es klingt, aber die 
Wahrheiten sind gewohnlich verschieden von dem, was das Trivialbe- 
wufitsein sich vorstellt leiblich gebunden ist an dasjenige, was wir 
Unterleib nennen. Denn dieses Ich ist ja, wie ich oftmals gesagt habe, 
gegemiber der menschlichen Natur das Baby. Der physische Leib hat 
seine Anlage schon bekommen in der alten Saturnzeit, der Atherleib in 
der alten Sonnenzeit, der Astralleib in der alten Mondenzeit, das Ich 
erst wahrend der Erdenzeit. Es ist das jiingste unter den Gliedern der 
menschlichen Wesenheit. Es wird erst zur kunftigen Vulkanzeit auf der 
Stufe stehen, auf der der physische Leib jetzt wahrend der Erdenzeit 
steht. Das Ich ist gebunden an die niedrigste Leiblichkeit des Men- 
schen, und diese niedrigste Leiblichkeit, die schlaft eigentlich fortwah- 
rend. Sie ist nicht so organisiert, dafi sie dasjenige, was in ihr verlauft, 
ins Bewufttsein herauftragt. Was in der niederen Leiblichkeit des Men- 
schen geschieht, das ist auch im gewohnlichen Wachzustand dem 
Schlafe unterworfen. Unser Ich, das kommt uns als solches in seiner 
Wahrheit, in seiner wirklichen Wesenheit ebensowenig zum Bewufit- 
sein, wie uns die Vorgange unserer Verdauung zum Bewulksein kom- 
men. Was uns als Ich zum Bewulksein kommt, ist die Reflexvorstel- 
lung, die Spiegelvorstellung, die in unser Haupt hinaufgeworfen wird. 
Wir sehen oder nehmen unser Ich eigentlich niemals wahr, weder im 



Schlafe, wo wir iiberhaupt bewufklos sind im normalen Zustand, noch 
im Wachen, denn das Ich schlaft auch wahrend des Wachens. Das 
wirkliche Ich kommt nicht ins Bewufksein herein, sondern nur der Be- 
griff, die Vorstellung vom Ich, die wird heraufgespiegelt. Dagegen in 
der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da kommt wirklich die- 
ses Ich zu sich selber, nur wird der Mensch im normalen tiefen Schlafe 
nichts davon wissen, weil er eben noch unbewulk ist wahrend des Er- 
denzustandes in diesem tiefen Schlafe. Dieses Ich ist also im Grunde 
genommen an die niederste Leiblichkeit des Menschen gebunden, und 
zwar wahrend des Tages, wahrend des Tagwachens von innen, wahrend 
des Schlafes von auften. 

Gehen wir nun zu dem zweiten Gliede der menschlichen Natur, zu 
demjenigen, was wir als den Astralleib bezeichnen, dann finden wir 
diesen Astralleib in bezug auf die Werkzeuge, durch die er wirkt, von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus gebunden an den Brustteil des 
Menschen. Und im Grunde genommen konnen wir von dem, was in 
diesem Astralleib vorgeht und durch den Brustteil wirkt, eigentlich nur 
traumen. Vom Ich konnen wir nur, so wie wir sind als Erdenmenschen, 
schlafend etwas wahrnehmen, das heifk eben bewufit nichts wahrneh- 
men. Von dem, was der Astralleib in uns wirkt, konnen wir traumen. 
Daher traumen wir im Grunde genommen fortwahrend iiber unsere 
Gefuhle, iiber dasjenige, was als Empfindungen in uns lebt. Die fiihren 
in der Tat ein traumhaftes Dasein in uns. So steht das Ich des Menschen 
aufierhalb des Gebietes, das wir Menschen mit unserem gewohnlichen 
sinnlichen Bewufksein umfassen, denn das Ich schlaft forwahrend. Der 
Astralleib steht auch noch in einer gewissen Beziehung aufierhalb des- 
sen, was wir mit unserem sinnlichen Bewufksein umfassen, denn er 
kann nur traumen. Mit beiden stehen wir also im Grunde genommen 
fortwahrend, ob wir wachen oder schlafen, in der geistigen Welt drin- 
nen, wirklich in der geistigen Welt drinnen. 

Dasjenige aber, was wir den Atherleib nennen, das ist mit Bezug auf 
seine Leiblichkeit gebunden an das Haupt, an den Kopf. Und das ist 
dasjenige, was zunachst durch die eigentumliche Organisation des Kop- 
fes in uns fortwahrend wachen kann, beziehungsweise fortwahrend wa- 
chen kann, wenn es im Leibe ist, also wenn es mit der Leiblichkeit des 



Kopfes verbunden ist. So dafi wir sagen konnen: Das Ich ist mit den 
niedersten Gliedern unseres Leibes verbunden, der Astralleib mit unse- 
rem Brustteil. Das Herz, von dessen Vorgangen wir nicht ein voiles 
Bewufksein, sondern fortwahrend nur ein TraumbewufStsein haben, das 
schlagt, pulst unter dem Einflufi unseres Astralleibes. Wenn der Kopf 
denkt, so denkt er unter dem Einflufi des Atherleibes. Und dann kon- 
nen wir noch den ganzen physischen Leib unterscheiden, die Zusam- 
menfassung von allem; der hat nun seine Verbindung mit der gesamten 
Aufienwelt. 

Jetzt sehen Sie einen merkwiirdigen Zusammenhang: Das Ich ist an 
die niederen Glieder des Leibes gebunden, der Astralleib an den Herz- 
teil, der Atherleib an den Kopfteil, der physische Leib an die ganze 
Aufienwelt, an die Umgebung. Dieser ganze physische Leib steht auch 
wirklich fortwahrend im wachen Zustande mit der aufieren Umgebung 
im Verhaltnis. Geradeso, wie wir mit dem ganzen Leibe mit der aufieren 
Umgebung im Verhaltnis stehen, so steht unser Atherleib mit unserem 
Haupt, der Astralleib mit dem Herzen und so weiter in Verbindung. 
Daraus aber werden Sie erkennen, wie, ich mochte sagen, wirklich ge- 
heimnisvoll die Zusammenhange sind, in denen der Mensch in der Welt 
lebt. In Wirklichkeit verhalten sich die Dinge geradezu umgekehrt ge- 
geniiber dem, was wir im Trivialbewufttsein leicht glauben konnen. Es 
sind eben die niedersten Glieder der menschlichen Natur heute beim 
Menschen noch unvollkommene Ausbildungen seines Wesens; daher 
entsprechen sie auch als Leibesglieder eben dem, was wir das Baby 
genannt haben: dem Ich. 

In dem, was ich damit gesagt habe, sind unzahlige Geheimnisse des 
menschlichen Lebens verborgen, unzahlige Geheimnisse. Vor alien 
Dingen werden Sie, wenn Sie in diese ganze Sache eingehen, verstehen, 
wie aus dem Geiste heraus der ganze Mensch gebildet ist, nur, mochte 
ich sagen, auf verschiedenen Stufen. Das Haupt des Menschen ist aus 
dem Geist heraus gebildet, allein es ist mehr ausgepragt, es hat eine spa- 
tere Bildungsstufe als die Brust, von der wir ja sagen konnen, sie sei 
ebenso eine Metamorphose fur das Haupt, wie das Blatt im Sinne der 
Goetheschen Metamorphosenlehre eine Metamorphose fur die Blute 
ist. Und wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus den Rhythmus zwi- 



schen Schlafen und Wachen betrachten, dann werden wir sagen: Das 
Ich weilt wahrend des Wachens in der Tat bei all den Tatigkeiten im 
menschlichen Leibe, die die niedersten Tatigkeiten sind, die zuletzt gip- 
feln in der Blutbereitung. Bei diesen Tatigkeiten weilt das Ich wahrend 
des Wachens. Das sind diejenigen Tatigkeiten des Leibes, die gewisser- 
mafien auf der untersten Stufe der Geistigkeit stehen, denn alles Leibli- 
che ist ja auch geistig: aber das, wovon wir jetzt reden, steht auf der 
untersten Stufe der Geistigkeit. Dadurch aber, dafi das Ich wahrend des 
Wachens auf der untersten Stufe der Geistigkeit steht, steht es wahrend 
des Schlafes - beachten Sie das wohl! - mit Bezug auf den Menschen 
in der hochsten Stufe der Geistigkeit. Denn bedenken Sie folgendes: 
Wenn wir das Haupt ansehen, so wie wir es als Menschen auf uns tra- 
gen, so ist es in bezug auf seine auftere Bildung am meisten den Geist 
offenbarend. Das Haupt ist am meisten Abbild des Geistes, am meisten 
Offenbarung des Geistes; der Geist ist am weitesten in die Materie ein- 
gegangen. Dadurch aber hat er am wenigsten zuriickgelassen im Geiste 
selber. Indem der Mensch am Haupte so viel Arbeit darauf verwendet 
hat, die aufiere Leiblichkeit vergeistigt zu offenbaren, ist wenig zuriick- 
geblieben im Geiste. Indem in den niederen Gliedern der menschlichen 
Leiblichkeit dasjenige, was nach aufien sich gebildet hat, am wenigsten 
vergeistigt ist, am wenigsten geistig ausgearbeitet ist, ist in bezug auf 
diese niederen Glieder am meisten im Geistigen zuriickgeblieben. Dem 
Kopf als Kopf entspricht am wenigsten Geistiges, weil er am meisten 
Geist in sich hat; dem Unterleib entspricht am meisten Geist, weil er 
am wenigsten in sich hat. Aber in diesem meisten Geist, der nicht in 
der Leiblichkeit lebt, da lebt das Ich wahrend des Schlafens drinnen. 

Denken Sie diesen wunderbaren Ausgleich: Wahrend also der 
Mensch eine niedere Natur hat in bezug auf seine Leiblichkeit, und das 
Ich in diese niedere Natur untertaucht mit dem Aufwachen, ist diese 
niedere Natur nur deshalb niedere Natur, weil der Geist am wenigsten 
gearbeitet hat, weil der Geist so viel zuriickbehalten hat im geistigen 
Gebiet. Aber in dem, was er zuriickbehalten hat, da ist das Ich wah- 
rend des Schlafes drinnen. So also ist das Ich wahrend des Schlafes mit 
demjenigen heme schon zusammen, was der Mensch erst in spaterer 
Zeit ausbilden wird, was der Mensch erst in der Zukunft zur Entwicke- 



lung, zur Entfaltung bringen wird, was heute noch wenig, ich mochte 
sagen nur erst angedeutet ist, noch wenig ausgebildet ist in des Men- 
schen Leiblichkeit. Wird daher das Ich bewufit des Zustandes, in dem 
es sich wahrend des Schlafes befindet, wird es sich dieses Zustandes in 
Wahrheit bewufit, dann kann es sich sagen: Ich bin wahrend des Schlafes 
in demjenigen, was meine heiligste menschliche Anlage ist. Und indem 
ich aus dem Schlafe heraustrete, indem ich aufwache, gehe ich aus der 
Welt meiner heiligsten Anlagen in dasjenige iiber, was heute nur eine 
schwache Andeutung dieser heiligsten Anlage ist. 

Ja, solche Dinge miissen durch die Geisteswissenschaft sich in unser 
Gefiihl, in unsere Empfindungen einleben. Dann wird uns das Leben 
selber durchgeistigt werden von einem Zauberhauch der Heiligkeit. Und 
dann werden wir einen bestimmten, einen positiven Begriff verbinden 
mit demjenigen, was die Gnade des Geistes, des Heiligen Geistes ge- 
nannt wird. Dann werden wir mit diesem Gesamtdasein des Menschen, 
das verlauft in dem Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen, die Vor- 
stellung verbinden: Du darfst teilnehmen an der geistigen Welt, du 
darfst darinnen sein. - Und haben wir einmal so recht gefiihlt diesen 
Begriff, diese Vorstellung: Du darfst darinnen sein in der geistigen 
Welt, du wirst begnadet, indem du durchsetzt wirst mit der geistigen 
Welt, die dir durch dein gewohnliches Erdenbewufitsein nicht zugang- 
lich ist - haben wir das einmal so recht durchdrungen, dann haben wir 
auch gelernt, aufzublicken zu dem Geiste, der sich uns, ich mochte sa- 
gen, zwischen den Zeilen des Lebens offenbart, und der sich uns da 
ebenso offenbart, wie durch die aufieren Augen, die aufieren Ohren 
sich uns die auftere Natur offenbart. Aber das materialistische Zeitalter 
hat den Menschen in seinem Bewufitsein entfernt, von der Gnade des 
Geistes in seinem Gesamtdasein uberstrahlt und durchdrungen zu sein. 
Daft das wiederum zuriickerobert werde, das ist von so ungeheurer 
Wichtigkeit. Denn mehr als man denkt, fuhlt das Tiefere unserer Seele 
in unserem Zeitalter den allgemeinen Materialismus unseres Zeitalters, 
nur ist die Menschenseele in diesem Zeitalter in der Regel viel zu 
schwach, um diejenigen Vorstellungen in sich zur Empfindung zu brin- 
gen, welche iiber den Materialismus hinausfuhren. Aber dies ware eine 
solcjie Vorstellung, die von der Heiligkeit des Schlafes. Denn haben wir 



sie einmal verstanden, diese Heiligkeit des Schlafes, dann schreiben wir 
auch all dasjenige, was uns im wachen Leben an Gedanken, an Vorstel- 
lungen, die uns nicht an die Materie binden, zufallt, der Einwirkung 
des Geistes, die wahrend des Schlafes erfolgt, zu. Wir sehen dann ge- 
wissermafien nicht nur in unserem Wachzustand, der uns mit der Mate- 
rie verbindet, dasjenige, was fiir uns Menschen wichtig ist - was gera- 
deso ware, als wenn wir nur die Winterszeit als fiir die Erde wichtig be- 
trachteten -, sondern wir sehen die Ganzheit. Fiir die Erde sehen wir 
die Ganzheit, wenn wir den Winter im Zusammenhang mit dem Som- 
mer betrachten; fiir den Menschen sehen wir die Ganzheit, wenn wir 
den Tag, das heifit die Verbindung mit der Materie, in Zusammenhang 
betrachten mit dem Schlafe, das heilk der Verbindung mit dem Geiste. 

Nun kann man bei oberflachlicher Betrachtung sagen: Also ist der 
Mensch, wahrend er wacht, mit der Materie verbunden, kann also 
nichts wissen von dem Geiste; aber er weift doch etwas von dem Gei- 
ste, wahrend er wacht! - Nun, der Mensch hat ein Gedachtnis, und 
dieses Gedachtnis wirkt nicht nur im Bewulksein, sondern auch im Un- 
terbewufitsein. Hatten wir kein Gedachtnis, dann wiirde uns aller 
Schlaf nichts helfen. Und das ist etwas sehr Wichtiges, das bitte ich Sie, 
sich recht zu Gemute zu fiihren - dann wiirde uns aller Schlaf nichts 
helfen. Denn dann waren wir ohne Gedachtnis unweigerlich zu jenem 
Glaubensbekenntnis gefiihrt, das da sagt: Es gibt nichts anderes als das 
stoffliche Dasein. Nur weil wir im Unterbewuftten das Gedachtnis an 
dasjenige bewahren, wenn wir auch nichts davon wissen im Oberbe- 
wufttsein, was wir wahrend des Schlafes durchmachen, dadurch denken 
wir iiberhaupt nicht blofi materialistisch. Wenn der Mensch nicht bloft 
materialistisch denkt, wenn er iiberhaupt geistige Vorstellungen hat 
wahrend des Tages, so riihrt das davon her, dafi sein Gedachtnis wirkt. 
Denn so, wie der Mensch jetzt als Erdenmensch ist, kommt er mit dem 
Geiste nur wahrend des Schlafes zusammen. 

Nun handelt es sich darum, dafi, wenn wir auf der anderen Seite ein 
so starkes Bewufttsein entwickeln konnten von dem, was mit uns wah- 
rend des Schlafes vorgeht, wie es fiir gewisse Zustande die Menschen 
der Vorzeit entwickeln konnten, wie es die Menschen in alten Zeiten 
entwickeln konnten, so wiirden wir gar nicht darauf kommen, den 



Geist zu bezweifeln, sondern dann wiirden wir uns nicht nur unterbe- 
wufit, sondern auch bewufit dessen erinnern, dem wir im Schlafe be- 
gegnet sind. Wenn der Mensch das bewufit durchmachte, was er im 
Schlafe durchmacht, dann wiirde es ebenso absurd sein, den Geist zu 
leugnen, wie es absurd ware fur den Wachenden, Tische und Stuhle zu 
leugnen. Nun handelt es sich darum, daft die Menschheit wiederum 
dazu komme, die Begegnung mit dem Geiste im Schlafe wirklich richtig 
einzuschatzen. Das kann sie nur dadurch, daft sie die Tagesvorstellun- 
gen stark genug macht dazu; und das geschieht durch Vertiefung in die 
Geisteswissenschaft. In der Geisteswissenschaft beschaftigen wir uns 
mit Vorstellungen, die aus der geistigen Welt herausgeholt sind. Wir 
strengen unseren Kopf, das heifk den Atherleib in unserem Kopfe an, 
sich Dinge vorzustellen, die nicht mit der aufieren Stofflichkeit zu tun 
haben, die in der Welt des Geistigen nur Wirklichkeit haben. Dazu ist 
eine starkere Anstrengung notwendig als dazu, sich Dinge vorzustellen, 
die in der stofflichen Welt ihre Wirklichkeit haben. Und das ist ja der 
wahre Grund, warum die Leute nicht eingehen auf die Geisteswissen- 
schaft. Sie erfinden allerlei Ausfluchte gegen die Geisteswissenschaft. 
Sie sagen, sie sei nicht logisch. Wenn sie angehalten wiirden, das Unlo- 
gische zu beweisen, so wiirden sie straucheln; denn das Unlogische der 
Geisteswissenschaft lafk sich nicht beweisen. Aber die Abweisung der 
Geisteswissenschaft, die Nichtanerkennung der Geisteswissenschaft, 
die beruht auf etwas ganz anderem, die beruht namlich - ich weifi 
nicht, ob man, wenn es sich blofi um wissenschaftliche Auseinanderset- 
zungen handelt, auch unhoflich sein darf - blofi auf seelischer Faulheit. 
Und wenn gewisse Gelehrte auch noch so fleifiig mit Bezug auf alle die 
Vorstellungen sind, die sich auf die aufiere Stofflichkeit beziehen, mit 
Bezug auf jene Kraft, die man an wend en mufi, um den Geist zu fassen, 
sind sie eben faul, trage. Und darauf, dafi sie nicht die Kraft aufbringen 
wollen, den Geist zu fassen, beruht es, da!5 sie die Geisteswissenschaft 
nicht anerkennen. Denn es gehdrt eben einfach mehr Kraft dazu, die 
geisteswissenschaftlichen Vorstellungen zu denken, als die gewohnli- 
chen, an den Stoff gebundenen Vorstellungen zu denken. Die gewohn- 
lichen, an den Stoff gebundenen Vorstellungen, die denken sich eigent- 
lich von selber; die nicht an den Stoff gebundenen Vorstellungen, die 



mufi man denken, da muft man sich aufraffen, da muE man sich an- 
strengen. Und auf dieser Scheu vor der Anstrengung beruht die Abnei- 
gung gegeniiber der Geisteswissenschaft. Das ist etwas, was man ins 
Auge fassen mufi. Indem man aber also sich anstrengt, solche nicht an 
den Stoff gebundenen Vorstellungen aufzunehmen, sie durchzudenken, 
versetzt man die Seele in eine solche Regsamkeit, daft sie allmahlich 
schon dazu kommen wird, wirklich das Bewufttsein zu entwickeln fiir 
das, was da vorgeht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen: daft da 
eine Begegnung mit dem Geiste stattfindet. Allerdings, ein gewisses 
Umlernen in bezug auf bestimmte Vorstellungen ist notig. Denken Sie 
doch, wie wenig gerade manche Fuhrer des geistigen Lebens heute dazu 
geeignet sind, solche Vorstellungen zu entwickeln. Denken Sie - jetzt 
hat das ja schon ein biftchen aufgehort, aber diejenigen, die heute Fuh- 
rer geworden sind, waren zum groftten Teil w'ahrend ihrer Lehrzeit, 
man nennt das Studentenzeit, so verbunden mit dem Leben, daft sie ge- 
lernt haben, wie man das nennt, Bettschwere sich anzutrinken: es wird 
so viel getrunken, daft die notige Bettschwere da ist. Ja, da wird eine 
Vorstellung und damit eine Empfindung, eine Summe von Gefuhlen 
iiber das Untertauchen in den Schlaf entwickelt, die allerdings nicht ge- 
eignet sind, sich die ganze Bedeutung des Schlafes klarzumachen. Da 
kann man dann ein grofter Gelehrter sein mit Bezug auf all dasjenige, 
was an den Stoff gebunden ist, aber Einblick gewinnen in das, was ei- 
gentlich mit dem Menschen vorgeht zwischen Einschlafen und Aufwa- 
chen, das kann man ja naturlich dann nicht. 

Indem die Menschen sich also anstrengen werden, Vorstellungen, die 
nicht an die Materie gebunden sind, durchzudenken, werden sie Ver- 
standnis sich entwickeln fiir dasjenige, was ich die erste Begegnung, die 
Begegnung mit dem Geiste wahrend des Schlafens, genannt habe. Die- 
ses Verstandnis aber muft in einer nicht allzu fernen Zukunft, wenn die 
Welt nicht in die Dekadenz kommen soil, das Leben durchleuchten, 
das Leben durchsonnen. Denn, kommen die Menschen nicht zu diesen 
Vorstellungen, ja, wodurch konnen sie sich dann nur Vorstellungen 
verschaffen? Dann konnen sie sich nur Vorstellungen verschaffen durch 
die Beobachtung der aufteren Verhaltnisse, durch die Beobachtung der 
aufteren Welt. Solche Vorstellungen, die bloft durch die Beobachtung 



der aufieren Welt gewonnen werden, die lassen aber das Innere des 
menschlichen Wesens, das seelische Wesen trage sein. Das, was sich 
sonst anstrengen mufi in geistigen Vorstellungen, das bleibt trage, bleibt 
unbenutzt, das verkommt. Was ist die Folge davon? Die Folge davon 
ist, daft der Mensch in seinem ganzen Verhaltnis zur Welt blind wird, 
geistig blind wird. Dadurch, daft man nur Vorstellungen, Begriffe unter 
dem Einflufi der aufteren Verhaltnisse sich entwickelt, unter dem Ein- 
flufi der aufieren Eindriicke, dadurch wird man geistig blind. Und gei- 
stige Blindheit, das ist dasjenige, was vorzugsweise das materialistische 
Zeitalter auszeichnet. In der Wissenschaft ist es nur gradweise schad- 
lich, im praktischen Leben ist es aber von eminentem Schaden, dieses 
Blindsein mit Bezug auf die wirkliche Welt. Sehen Sie, je weiter wir ins 
Materielle heruntersteigen, desto mehr korrigieren sich im materialisti- 
schen Zeitalter die Dinge. Wenn man eine Briicke baut, da wird man 
durch die Verhaltnisse gezwungen, richtige Vorstellungen zu gewinnen, 
richtig zu bauen, sonst wird bei dem ersten Wagen, der dariiber fahrt, 
die Briicke einstiirzen. Wenn man einen Menschen kurieren will, lassen 
sich schon eher falsche Vorstellungen anwenden, denn es laftt sich nie 
nachweisen, wodurch ein Mensch gestorben ist oder gesund geworden 
ist. Da ist es durchaus nicht etwa notwendig, daft immer richtige Vor- 
stellungen mitgespielt haben. Im Geistigen, wenn man wirken soil im 
Geistigen, da steht aber die Sache noch viel schlimmer. Und daher 
stent es ganz besonders schlimm in dem, was man gewdhnlich die prak- 
tischen Wissenschaften nennt, die Nationalokonomie oder dergleichen. 
Im materialistischen Zeitalter haben sich die Menschen auch gewohnt, 
mit Bezug auf die Volkswirtschaftslehre sich nach den Eindriicken, den 
Vorstellungen, die aus der Auftenwelt gebildet sind, zu richten; daher 
sind die Begriffe blind geworden. Alles was an Nationalokonomie ent- 
wickelt wird, das sind zum groften Teil geistig blinde Begriffe. Daher, 
und das muft als notwendige Folge eintreten, werden die Menschen mit 
ihren blinden Begriffen nur am Gangelband der Ereignisse hingezogen, 
sie iiberlassen sich den Ereignissen. Und wenn sie eingreifen in die Er- 
eignisse, dann wird es auch danach! 

Das ist die eine Art, wie man, ohne daft man Geisteswissenschaft 
aufnimmt, zu Begriffen kommt, namlich zu blinden Begriffen. Die an- 



dere Art, wie man zu Begriffen kommen kann, die ist diese, daft man 
nun, statt von auften, jetzt von innen sich zu Begriffen anregen laftt, das 
heiftt nur dasjenige, was in den Emotionen, in den Leidenschaften lebt, 
gewissermaften heraufsteigen laftt in die Seele. Dadurch bekommt man 
allerdings nicht blinde Begriffe, aber dasjenige, was man Rauschbegriffe, 
Rauschvorsteliungen nennen kann. Und fortwahrend pendeln die Men- 
schen der Gegenwart, die sich zum Materialismus bekennen, zwischen 
blinden Begriffen und Rauschbegriffen hin und her. Blinde Begriffe, in- 
dem sie eigentlich von allem, was geschieht, sich gangeln lassen, und 
wenn sie eingreifen, das in der moglichst ungeschicktesten Weise tun! 
Rauschbegriffe, indem sie sich nur ihren Affekten, ihren Leidenschaften 
iiberlassen und sich der Welt so gegemiberstellen, daft sie eigentlich die 
Dinge nicht begreifen, sondern entweder alles lieben oder alles hassen, 
alles nur nach Liebe oder Haft, nach Sympathie und Antipathie beurtei- 
len. Das ist insbesondere im materialistischen Zei taker so. Denn nur 
dadurch, daft der Mensch auf der einen Seite seine Seele anstrengt, um 
zu geistigen Begriffen zu kommen, und auf der anderen Seite seine Ge- 
fuhle entwickelt an den groften Angelegenheiten der Welt, dadurch 
kommt er zu klarsehenden Begriffen und Vorstellungen. Wenn wir uns 
erheben zu dem, was uns die Geisteswissenschaft sagt von den groften 
Zusammenhangen, iiber die heute die materialistische Weltanschauung 
lacht, iiber Saturnzeit, Sonnenzeit, Mondenzeit, iiber unseren Zusam- 
menhang mit dem Weltenall, wenn man seine moralischen Empfindun- 
gen an diesen groften Menschheitszielen befruchtet, dann kommt man 
iiber die bloften Affekte, die in Sympathie und Antipathie sich iiber 
alles ergehen, was uns in der Welt umgibt, hinaus; aber auch nur 
dadurch. 

Allerdings, notwendig ist, daft durch Geisteswissenschaft vieles ge- 
lautert wird, was in unserer Zeit lebt. Denn so ganz laftt sich der 
Mensch ja doch nicht von der geistigen Welt abschlieften. Er laftt sich 
iiberhaupt nicht abschlieften, er laftt sich nur scheinbar abschlieften. 
Und wie er sich scheinbar abschlieften laftt, darauf habe ich ja auch 
schon aufmerksam gemacht. Wenn der Mensch auf der einen Seite nur 
auf den Stoff schwort und auf die Eindriicke von der Auftenwelt, so 
bleiben die Krafte doch in ihm, die nach dem Geiste gerichtet sind, nur 



daft er dann den Geist auf einem falschen Gebiet anwendet, sich allerlei 
Illusionen hingibt. Daher sind im Grunde genommen die allerprak- 
tischsten, materialistischsten Leute die starksten Illusionare, die Men- 
schen, die sich den starksten Illusionen hingeben. Da sehen wir manche 
Leute durch das Leben gehen, indem sie alien Geist ableugnen und 
furchtbar lachen, wenn einer davon spricht, daft jemand Geistiges 
wahrnimmt. «Ach, der sieht Gespenster!» sagen sie, und damit haben 
sie schon den Stab gebrochen, wenn sie von jemand sagen konnen: 
«Ach, der sieht Gespenster!» Sie sehen allerdings, wie sie meinen, keine 
Gespenster. Aber sie meinen nur, daft sie keine Gespenster sehen, denn 
sie sehen fortwahrend Gespenster, richtig fortwahrend Gespenster. Man 
kann einen Menschen, der nun wirklich so recht fuftt auf seiner derb 
materialistischen Weltanschauung, priifen und kann sehen, wie er sich 
uber das, was der morgige Tag eventuell bringen kann, den allerargsten 
Illusionen hingibt. Dieses Sich-Illusionen-Hingeben, das ist nur ein Er- 
satz dafur, daft er alles Geistige ableugnet. Er mufi in Illusionen kom- 
men, wenn er alles Geistige ableugnet; er mull notwendig in Illusionen 
kommen. Nur lassen sich, wie gesagt, die Illusionen auf den verschie- 
denen Gebieten des Lebens nicht leicht nachweisen, aber vorhanden 
sind sie iiberall, richtig iiberall. Aber die Menschen sind so geneigt, sich 
Illusionen hinzugeben. Man kann es zum Beispiel alle Augenblicke 
einmal erleben, daft jemand sagt: Soil ich mein Geld in diese oder jene 
Unternehmung hineinstecken? Da wird ja Bier gebraut. Zu so was ver- 
wende ich mein Geld nicht; ich werde mich daran nicht beteiligen. - Er 
tragt es auf die Bank. Die Bank steckt, selbstverstandlich ohne daft er es 
weift, das Geld in die Bierbrauerei hinein. Es macht keinen Unter- 
schied, es macht durchaus keinen Unterschied in der Objektivitat; aber 
er ist in der Illusion, daft er zu so niederen Dingen sein Geld nicht 
hergibt. 

Nun kann man sagen: das, was ich da sage, ist etwas Hergeholtes. Es 
ist nichts Hergeholtes, es ist etwas, was das ganze Leben beherrscht. 
Die Menschen gehen heute nicht darauf aus, das Leben wirklich ken- 
nenzulernen, es zu durchschauen. Das hat aber eine grofte Bedeutung. 
Denn es ist ungeheuer wichtig, daft man dasjenige kennenlernt, in dem 
man wirklich drinnensteckt. Es ist heute nicht leicht, weil das Leben 



kompliziert geworden ist; aber wahr ist es doch, worauf ich aufmerk- 
sam gemacht habe. Denn sehen Sie, unter gewissen Umstanden fallt 
einem eine Absurditat leicht auf . Ich will Sie auf etwas hinweisen durch 
ein Beispiel. Einmal wurde ein Brandstifter - ich erzahle einen wirkli- 
chen Fall - abgefafit, der aus einem Hause herauslief, das er soeben in 
Brand gesteckt hatte. Er hatte es so eingerichtet, dafi er noch gerade 
herauslaufen konnte. Er wurde abgefaik und zur Verantwortung gezo- 
gen. Und da sagte er: Ja, er habe ein sehr gutes Werk getan, denn er 
habe gar nicht die Schuld, daf$ das Haus in Brand geraten sei, sondern 
die Arbeiter, die eben weggegangen seien von dem Haus, die hatten in 
der Dammerung ein brennendes Licht stehenlassen. Wenn das in der 
Nacht heruntergebrannt ware, so ware das Haus dadurch wahrend der 
Nacht in Brand gekommen. So habe er aber noch wahrend des Tages 
das Haus angeziindet. Das Haus ware auf jeden Fall in Brand gekom- 
men; und er habe das nur getan, um die Moglichkeit herbeizufuhren - 
denn wenn das Haus am Tage in Brand komme, so sei es doch moglich -, 
den Brand rasch zu loschen; in der Nacht sei das kompliziert, da 
wiirde das ganze Haus verbrennen, bei Tage konne man das Feuer 
schnell loschen. - Da hat man ihn gefragt: Ja, warum haben Sie denn 
das Licht nicht ausgeloscht? - Da sagte er: Ja, ich bin ein Padagoge fur 
die Menschheit. Hatte ich das Licht ausgeloscht, so waren die Arbeiter, 
die beteiligt waren, unvorsichtig geblieben, so aber sehen sie, was dar- 
aus wird, wenn sie vergessen, das Licht auszuloschen. 

Man lacht iiber ein solches Beispiel, weil man nur nicht beobachtet, 
wann man fortwahrend solche Dinge macht. Solche Dinge, wie die, die 
der Mensch gemacht hat, der das Licht nicht ausgeloscht hat, sondern 
das Haus angeziindet hat, solche Dinge macht man fortwahrend. Man 
merkt es nur dann nicht, wenn sich die ganze Sache auf die geistige 
Welt bezieht und einen die Affekte, die Leidenschaften triiben und ei- 
nem Rauschvorstellungen vorfiihren. Wenn man die Seele zu jener Ela- 
stizitat, zu jener Biegsamkeit gewohnt, die notwendig ist, um geistige 
Vorstellungen zu hegen, dann wird man auch das Denken so ausbilden, 
dafi es sich wirklich durch das Dasein hindurchfindet, sich anpafit 
dem Dasein. Wenn man das vermeidet, wird das Denken nie dem Da- 
sein angepafit sein, sondern das Denken wird gewissermafien von dem 



Dasein gar nicht beriihrt, nur von seiner Oberflache beriihrt sein. Da- 
her kommt es, dafi das materialistische Zeitalter - um jetzt die Sache zu 
vertiefen - die Menschen wirklich hinwegfiihrt von allem Zusammen- 
hang mit der geistigen Welt. Geradeso wie man das Leibesleben unter- 
grabt, wenn man nicht in der richtigen Weise schlaft, so untergrabt man 
das Seelenleben, wenn man nicht in der richtigen Weise wacht. Und 
man wacht nicht in der richtigen Weise, wenn man sich nur den aufie- 
ren Eindriicken hingibt, wenn man ohne ein Bewufitsein des Zusam- 
menhanges mit der geistigen Welt lebt. Geradeso wie derjenige, der sich 
im Schlafe durch gewisse Verhaltnisse herumwirft, seine physische Ge- 
sundheit untergrabt, so untergrabt derjenige seine geistige Gesundheit, 
welcher sich im Wachen nur den aufieren Eindriicken der Welt hingibt, 
nur dem physischen Stoff hingibt. Dadurch wird aber verhindert, daft 
der Mensch in der richtigen Weise jene Begegnung, jene erste Begeg- 
nung, von der ich gesprochen habe, mit der geistigen Welt habe. Da- 
durch aber verliert der Mensch die Moglichkeit, mit der geistigen Welt 
iiberhaupt zusammenzuhangen, in der richtigen Weise zusammenzu- 
hangen wahrend des physischen Daseins. Und dadurch wird durch- 
schnitten der Zusammenhang mit derjenigen Welt, in welcher wir die 
andere Zeit sind, wenn wir nicht im physischen Leibe verkorpert sind, 
der Zusammenhang mit derjenigen Welt, in die wir selber eingehen, 
wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. 

Und ein Verstandnis mufi wiederum erworben werden von den Men- 
schen, dafi wir nicht blofi da sind, um am physischen Weltenall zu 
bauen wahrend unseres physischen Daseins, sondern ein Verstandnis 
mufi erworben werden, dafi wir wahrend unseres gesamten Daseins mit 
der gesamten Welt verbunden sind. Diejenigen, die durch die Pforte des 
Todes gegangen sind, wollen mitwirken an der physischen Welt. Dieses 
Mitwirken ist nur scheinbar ein physisches Mitwirken, denn alles Phy- 
sische ist nur ein aufierer Ausdruck des Geistes. Das materialistische 
Zeitalter hat die Menschen der Welt der Toten entfremdet; die geistige 
Wissenschaft mufi die Menschen der Welt der Toten wiederum be- 
freunden. Eine Zeit mufi wiederum kommen, wo wir es den Toten 
nicht dadurch unmoglich machen, ihre Arbeit auch hier fur die Vergei- 
stigung der physischen Welt zu tun, dafi wir uns ihnen entfremden. 



Denn der Tote kann nicht mit Handen angreifen die Dinge hier in der 
physischen Welt und physische Arbeit unmittelbar verrichten. Das 
ware ein unsinniger Glaube. Der Tote kann auf geistige Weise wirken. 
Dazu braucht er aber die Werkzeuge, die ihm dazu zur Verfugung ste- 
hen; dazu braucht er das Geistige, das hier in der physischen Welt lebt. 
Wir sind nicht nur Menschen, sondern wir sind auch zu gleicher Zeit 
Werkzeuge, die Werkzeuge fur die Geister, die durch die Pforte des 
Todes gegangen sind. Wir bedienen uns, solange wir im physischen 
Leibe verkorpert sind, der Feder oder des Hammers oder der Axt; sind 
wir nicht mehr im physischen Leibe verkorpert, dann sind unsere 
Werkzeuge die menschlichen Seelen selber. Und das beruht ja auf der 
eigentiimlichen Wahrnehmungsart der Toten, die ich hier noch einmal 
erwahnen will. Ich habe es hier schon friiher einmal erwahnt. Sehen 
Sie, nehmen Sie an, Sie haben vor sich - na, irgend etwas, ein*Gefafi- 
chen mit Salz; das sehen Sie. Sie sehen das Salz als weifte Korner, als 
weifies Pulver. Dafi Sie das Salz als weifies Pulver sehen, das hangt von 
Ihrem Auge ab. Der Geist kann nicht das Salz als weifies Pulver sehen; 
wenn Sie aber das Salz auf die Zunge bringen und es schmecken, den 
eigentumlichen Salzgeschmack haben, dann beginnt fur den Geist die 
Moglichkeit der Wahrnehmung. Ihren Geschmack des Salzes kann je- 
der Geist wahrnehmen. All dasjenige, was durch die Aufienwelt im 
Menschen vorgeht, das kann jeder Geist, auch die Menschenseele, die 
durch die Pforte des Todes gegangen ist, wahrnehmen. Wie die Natur 
zu uns heraufreicht bis dahin, wo wir sie schmecken und riechen und 
sehen und horen, so reicht die Welt der Toten herunter bis in unser 
Gehortes, Geschautes, Geschmecktes und so weiter. Was wir in der 
physischen Welt erleben, das erleben die Toten mit; es handelt sich aber 
darum, daft es nicht nur unserer Welt, sondern auch ihrer Welt ange- 
hdrt. Es gehort dann ihrer Welt an, wenn wir das, was wir von der Au- 
fienwelt empfangen, durchgeistigen eben mit geistigen Vorstellungen. 
Sonst wird dasjenige, was wir nur erleben als Wirkung des Stoffes, fur 
den Toten etwas sein, was ihm wie unverstandlich ist, wie dunkel ist. 
Eine Seele, die geistentfremdet ist, die ist fur den Toten eine dunkle 
Seek. Dadurch ist wahrend der materialistischen Zeit eine Entfremdung 
der Toten eingetreten gegeniiber unserem Erdenleben. Diese Entfrem- 



dung mu£ wiederum hinweggeschafft werden. Ein inniges Zusammen- 
leben der sogenannten Toten mit den sogenannten Lebendigen mufi 
stattfinden. Das wird aber nur sein konnen, wenn die Menschen dieje- 
nigen Krafte in der Seeie entwickeln, die aktive, geistige sind, das heifit 
diejenigen Vorstelhmgen, Begriffe, Ideen entwickeln, die vom Geisti- 
gen handeln. Dadurch, dafi der Mensch sich anstrengt, zum Geiste zu 
kommen im Gedanken, wird er audi allmahlich zum Geiste in der 
Wirklichkeit kommen. Das heifit: Es wird eine Briicke geschlagen wer- 
den zwischen der physischen und der geistigen Welt. Das aber kann al- 
lein aus dem Zeitalter des Materialismus in jene Zeitalter hinuberfiihren, 
in denen die Menschen wiederum weder blind noch berauscht der 
Wirklichkeit gegeniiberstehen werden, sondern sehend und gelassen. 
Sehend und gelassen dadurch, dafi sie durch den Geist sehend geworden 
sind, und dadurch, dafi sie durch jene Empfindungen und Gefuhle, 
welche die grofien Angelegenheiten der Welt betreffen, zum rechten 
Gleichmafi zwischen Sympathie und Antipathie kommen auch mit Be- 
zug auf all dasjenige, was die nachste Umgebung von uns will. 

An diese Dinge wollen wir dann das nachste Mai ankniipfen und die 
Vorstellungen, die wir iiber die geistige Welt gewinnen konnen, gerade 
von diesem Gesichtspunkte aus noch mehr vertiefen. 



SECHSTER VORTRAG 



Berlin, 13. Marz 1917 



Wir wollen noch etwas verweilen bei den Betrachtungen, die wir liber 
die sogenannten drei Begegnungen angestellt haben. Wir haben gesagt, 
daft die Wechselzustande, in denen der Mensch lebt in dem kurzen Ver- 
lauf von vierundzwanzig Stunden, indem er mit dem Schlaf- und 
Wachzustand abwechselt, nicht nur dasjenige sind, als was sie aufterlich 
dem physischen Leben erscheinen, sondern daft innerhalb dieser Wech- 
selzustande jedesmal fur den Menschen die Begegnung mit der geistigen 
Welt eintritt, indem wir angedeutet haben, daft dasjenige, was sich ab- 
sondert von dem physischen und dem Atherleib wahrend des Schlaf ens, 
was gewissermaften beim Einschlafen in die geistige Welt hinaus ausge- 
atmet und beim Aufwachen wiederum eingeatmet wird - das Ich und 
der astralische Leib -, daft diese wahrend des Schlafzustandes ihre Be- 
gegnung haben mit derjenigen Wesenswelt, die wir zu der Hierarchie 
der Angeloi gerechnet haben, der auch angehoren wird das eigene 
menschliche Seelenwesen, wenn einmal das Geistselbst ausgebildet sein 
wird, und in welcher waltet als hochstes dirigierendes Prinzip dasjeni- 
ge, was man im religiosen Leben gewohnt geworden ist, den Heiligen 
Geist zu nennen. Wir haben einiges Genauere iiber diese Begegnung in 
der geistigen Welt besprochen, die also fur den Menschen in jedem 
normalen Schlafzustand eintritt. 

Nun mussen wir uns durchaus klar sein, daft mit der Entwickelung 
des Menschengeschlechts im Laufe der Erdenentwickelung in bezug auf 
diese Dinge Veranderungen eingetreten sind. Was ist es denn eigentlich, 
was da vorgeht, indem der Mensch schlaft? Nun, ich mochte sagen, in- 
nermenschlich habe ich Ihnen das das letzte Mai auseinandergesetzt. Im 
Verhaltnis zum Weltenall betrachtet, ahmt der Mensch gewissermaften 
nach jenen Rhythmus der Weltenordnung, die dadurch fur irgendeinen 
Fleck der Erde eintritt, daft in der einen Halfte der vierundzwanzig- 
stiindigen Zeit Tag, in der anderen Halfte Nacht ist. Gewifi ist es im- 
mer irgendwo auf der Erde Tag, allein der Mensch bewohnt ja nur ei- 
nen Fleck der Erde, und fur diesen Fleck kommt das in Betracht, was 



da auseinandergesetzt ist. Fur diesen Fleck ahmt der Mensch nach in 
seinem eigenen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen den Rhyth- 
mus zwischen Tag und Nacht. Daft dies auseinanderfallt fiir das neuere 
Leben, das heiftt, daft der Mensch nicht gezwungen ist, just bei Tag zu 
wachen und in der Nacht zu schlafen, das hangt damit zusammen, daft 
der Mensch sich im Laufe der Entwickelung uberhaupt heraushebt aus 
dem objektiven Weltengang, und daft nur derselbe Rhythmus in ihm 
ist, nicht aber, daft zwei Rhythmen, sein Schlafens- und Wachens- 
Rhythmus und der Tag- und Nacht-Rhythmus, gleichmaftig parallel 
gehen. Sie sind gewissermafien das eine Mai fiir das Weltenall, fiir den 
Makrokosmos, das andere Mai fiir den Menschen, den Mikrokosmos, 
dasselbe, aber sie verschieben sich gegeneinander. Dadurch allein ist ja 
der Mensch ein vom Makrokosmos in gewisser Beziehung unabhangi- 
ges Wesen. 

Nun, in alteren Zeiten, in jenen alteren Zeiten, in denen, wie wir 
wissen, fiir die Menschen ein gewisses atavistisches Hellsehen vorhan- 
den war, da paftten sich auch die Menschen in bezug auf diesen 
Rhythmus mehr dem groften Gang der Weltenordnung an. In alteren 
Zeiten wurde durchaus so geschlafen, daft eben bei Tag gewacht und in 
der Nacht geschlafen wurde. Dadurch aber war in jenen alteren Zeiten 
auch der ganze Erfahrungskreis des Menschen ein anderer, als er jetzt 
ist. Es muftte gewissermaften der Mensch herausgehoben werden aus 
dem Parallelismus mit dem Makrokosmos, um eben durch dieses Her- 
ausheben, durch diese Losreiftung, ein regeres inneres selbstandiges Le- 
ben zu entwickeln. Man kann nicht sagen, daft die Hauptsache dieses 
sei, daft der Mensch in alteren Zeiten so geschlafen hat, daft er die 
Sterne eigentlich wenig beobachtet hat. Das hat er namlich wirklich ge- 
tan, trotzdem die aufiere Wissenschaft von Sternendienst fabelt, der 
aber etwas ganz anderes ist. Sondern das Wesentliche war, daft der 
Mensch in die ganze Weltenordnung ganz anders hineingeordnet war, 
indem er mit seinem Ich und astralischen Leib, wahrend die Sonne auf 
der anderen Seite der Erde war - also nicht unmittelbar ihre Wirkung 
auf seinen Fleck Erde ausiibte -, daft er da in der Zeit mit dem Ich und 
astralischen Leib, die aufter dem physischen und atherischen Leib wa- 
ren, den Sternen hingegeben war. Dadurch nahm er auch nicht die phy- 



sischen Sterne bloft wahr, sondern er nahm wahr dasjenige, was geistig 
zu den physischen Sternen gehdrt. Die physischen Sterne sah er sich ei- 
gentlich nicht mit aufteren Augen an, sondern was geistig zu den physi- 
schen Sternen gehort, das sah er sich an. Daher miissen wir dasjenige, 
was vom alten Sternendienst erzahlt wird, nicht so auffassen, als ob 
diese alten Menschen die Sterne beguckt und dann symbolisiert hatten, 
allerlei schone Bilder und Symbole ausgestaltet hatten. Man sagt da 
leicht im Sinne der modernen Wissenschaft: Nun, in alteren Zeiten war 
eben die Phantasie der Menschen rege; sie haben sich unter Saturn, 
Sonne, Mond Gotter vorgestellt; sie haben sich in die Tierkreisbilder 
hinein durch ihre Phantasie Tiergestalten gedacht. - Was rege ist auf 
diesem Gebiet, ist nur die Phantasie der modernen Gelehrten, die derlei 
Dinge erfinden! Was aber wahr ist, ist das, daft in jenem Bewufttseins- 
zustande, in dem das Ich und der astralische Leib dieser alten Menschen 
waren, die Dinge wirklich so erschienen sind, wie sie da beschrieben 
worden sind, so daft wirklich das geschaut, wahrgenommen worden ist, 
was da beschrieben wird. Dadurch hat aber der Mensch unmittelbare 
Anschauung gehabt von dem Geiste, der das Weltenall durchseelt; er 
hat mit diesem Geiste, der das Weltenall durchseelt, gelebt. 

Wir sind wirklich nur mit unserem physischen Leib und atherischen 
Leib eigentlich an die Erde so recht angepaftt. So wie unser Ich und 
Astralleib ist, so sind diese angepaftt an den Geist, der das Weltenall in 
der eben beschriebenen Weise durchseelt. Wir konnen sagen, unser Ich 
und unser astralischer Leib gehoren diesem Gebiete des Weltenalls an, 
aber der Mensch soli sich so entwickeln, daft er dasjenige, was innerstes 
Wesen seines Ich und seines astralischen Leibes ist, auch wirklich aus 
diesem Ich und diesem Astralleib heraus erfahren kann. Dazu muftte 
die auftere Erfahrung, die in alten Zeiten vorhanden war, eine Weile 
verschwinden, muftte getriibt werden. Die Bewufttseins-Kommunika- 
tion mit den Sternen muftte zuriickgehen, abgedammert werden, damit 
das Innere des Menschen so gestarkt werde, daft er in einer gewissen 
Zukunft lernen miisse, dieses Innere so zu erkraften, daft er nun als 
Geist den Geist finden konne. Ebenso aber, wie der altere Mensch ver- 
bunden war im Laufe jedes Nachtschlafes mit dem Geiste der Sternen- 
welt, so war der Mensch im Jahreslauf verbunden wiederum mit dem 



Geiste der Sternenwelt; nur kam er jetzt wahrend des Jahreslaufes in 
Beriihrung mit einem hoheren Geiste der Sternenwelt, mit dem, was 
gewissermafien in der Sternenwelt vor sich geht. Wahrend des Nacht- 
schlafes wirkten auf ihn namentlich die Formen der Sterne in ihrer 
Ruhe; im Laufe des Jahres wirkte jene Veranderung, die zusammen- 
hangt mit dem Gang der Sonne wahrend des Jahres und zusammen- 
hangt, man kann sagen, durch den Gang der Sonne mit dem Schicksal 
der Erde im Laufe eines Jahres, das sie durchmacht durch die Jahreszei- 
ten, namentlich durch Sommer und Winter hindurch. 

Ja, sehen Sie, wenn verhaltnismaflig noch gewisse Traditionen ge- 
blieben sind in bezug auf die Erfahrungen, die der Mensch in alten Zei- 
ten mit dem Nachtschlafe gemacht hat, so sind verhaltnismafiig wenig 
Traditionen - besser gesagt, denen man ihren Ursprung nur wenig an- 
merkt - geblieben von jenen noch alteren Zeiten, in denen der Mensch 
mitgemacht hat die Geheimnisse des Jahreslaufes. Aber sie haben sich 
erhalten, die Nachklange dieser Erfahrungen iiber die Geheimnisse des 
Jahreslaufes, nur werden sie wenig verstanden. Suchen Sie sich unter 
den Mythen der verschiedenen Volker diejenigen, welche immer wieder 
und wiederum bezeugen, dafi man iiberall etwas gewufit hat von einem 
Kampf des Winters mit dem Sommer, des Sommers mit dem Winter. 
Wiederum sieht die aultere Gelehrsamkeit darin symbolisierend die 
schaffende Phantasie der alten Menschen, iiber die man hinweggekom- 
men ist in der Zeit, in der man es so herrlich weit gebracht hat. Auch 
das waren wiederum wirkliche Erfahrungen, die der Mensch durchge- 
macht hat, Erfahrungen, die durchaus eine bedeutsame, tiefe Rolle ge- 
spielt haben in dem ganzen geistigen Kulturzusammenhang der alten 
Zeiten. Es hat Mysterien gegeben, in denen man durchaus gerechnet hat 
mit dem Bekanntwerden der Jahresgeheimnisse. Wir wollen uns einmal 
vorstellen, was fur eine Bedeutung solche Mysterien hatten. Sie waren 
anders in ganz alten Zeiten und anders in denjenigen Zeiten, in welche 
die altagyptische Geschichte hineinragt, aber auch noch die altgriechi- 
sche Geschichte hineinragt, sogar die alteste romische Geschichte noch 
etwas wenigstens hineinragt. Wir wollen also von denjenigen Mysterien 
sprechen, die gewissermaften vergehen mit der alteren agyptischen, 
griechischen und romischen Kultur. 



Diese Mysterien, die hatten durchaus noch ein Bewufttsein des Zu- 
sammenhanges der Erde mit dem ganzen Weltenall. Daher suchte man 
geeignete Personlichkeiten aus - heute wiirde ein solches Verfahren 
selbstverstandlich nicht mehr statthaft sein -, aber damals suchte man 
geeignete Personlichkeiten aus, die man einer ganz bestimmten psychi- 
schen Behandlung unterwarf, und die man dann in einer bestimmten 
Zeit - es war eine Reihe von Tagen wahrend der Winterszeit - in be- 
stimmten dazu hergerichteten Lokalitaten verwendete, damit sie gewis- 
sermaften als Aufnahmestation dienen sollten fur dasjenige, was das 
Weltenall, das aufterirdische Weltenall, gerade in diesen Zeiten der Erde 
verraten kann, wenn die Erde eine geniigende Aufnahmestation bietet. 
Es ist fur altere Zeiten nicht unsere jetzige Weihnachtszeit unmittelbar 
die maftgebende gewesen, sondern eine mehr oder weniger in der Nahe 
liegende. Allein darauf kommt es jetzt nicht an. Nehmen wir unsere 
Weihnachtszeit, nehmen wir die Zeit vom 24., 25. Dezember bis in den 
Januar hinein. Diese Zeit ist durchaus eine solche, in welcher durch die 
besondere Konstellation der Sonne zur Erde das Weltenall etwas ande- 
res der Erde mitteilt als in anderen Zeiten. Es ist die Zeit, in welcher 
das Weltenall intimer mit der Erde spricht als in anderen Zeiten. Aber 
dieses intimere Sprechen beruht gerade darauf, daft die Sonne ihre 
Sommerkraft in dieser Zeit nicht entfaltet, daft diese Sommerkraft der 
Sonne in gewisser Beziehung zuriickgetreten ist. Diese Zeit nun ver- 
wandten die Vorsteher der alten Mysterien dazu, in eigens dazu einge- 
richteten Lokalitaten mit geschulten Personlichkeiten dasjenige vorzu- 
nehmen, was die Moglichkeit bot, daft intime Geheimnisse aus dem 
Weltenall, welche da auf die Erde herabkommen in diesem intimen 
Zwiegesprach des Weltenalls mit der Erde, von ihnen aufgefangen wer- 
den konnten. Heute konnen wir das ja vergleichen mit etwas viel Tri- 
vialerem, aber man kann es ja doch vergleichen. Sie wissen, es beruht 
die sogenannte drahtlose Telegraphie darauf, daft elektrische Wellen 
erregt werden, und daft diese elektrischen Wellen sich ohne Draht fort- 
pflanzen, und daft man an bestimmten Stellen Apparate aufstellt - Ko- 
harer nennt man diese -, die durch ihre besondere Anordnung die 
Moglichkeit bieten, gerade in der Station die elektrischen Wellen aufzu- 
fangen und die Koharerapparate in Bewegung zu setzen. Da beruht das 



ganz einfach auf der Durchorganisierung, ich mochte sagen auf der 
Durchformung der Spane, der Metallspane im Koharer, die wiederum 
zuriickgeschiittelt werden, wenn die Welle durchgegangen ist. Denken 
Sie sich nun: Die Geheimnisse des Weltenalls, des aufierirdischen 
Weltenalls, gehen zu dieser bestimmten Zeit, die ich angedeutet habe, 
durch die Erde hindurch. Da braucht man nur einen Auffang-Apparat; 
denn die elektrischen Wellen wiirden auch wesenlos an der Aufnahme- 
station vorbeigehen, wenn man nicht den Aufnahme-Apparat mit dem 
Koharer hatte. Man brauchte sozusagen einen Koharer fur dasjenige, 
was aus dem Weltenall herauskommt. Als solche Koharer benutzten die 
alten Griechen ihre Pythien, ihre Priesterinnen, die dazu geschult wur- 
den, und die dadurch, daft sie ausgesetzt wurden dem, was aus dem 
Weltenall herunterkam, verraten konnten diese Geheimnisse des Welten- 
alls. Diese Geheimnisse des Weltenalls aber deuteten dann diejenigen, 
die vielleicht in diesen Zeiten langst selber nicht mehr in der Lage wa- 
ren, die Auf nahme station zu bieten. Aber es waren die Geheimnisse des 
Weltenalls verraten. Das alles ist selbstverstandhch im Zeichen heilig- 
sten Mysteriums verrichtet worden, in einem Zeichen, von dem die 
heutige Zeit, der alles Heilige abhanden gekommen ist, keine Ahnung 
mehr hat. Denn unsere heutige Zeit wiirde ja selbstverstandhch vor 
alien Dingen darauf aus sein, den Mysterien-Priester zu interviewen. 

Nun, um was handelte es sich denn da eigentlich fur diese Mysterien- 
Priester? Darum handelte es sich, daft sie in einer gewissen Weise 
wuftten: Wenn sie jene Befruchtung des irdischen Lebens, welche da 
aus dem Weltenall herunterstromt, in ihr Wissen, namentlich in ihr so- 
ziales Wissen aufnahmen, so konnten sie durch dasjenige, um was sie 
gescheiter geworden sind, fur die nachste Zeit die Maftregeln treffen; 
die gesetzlichen und sonstigen Maftregeln fur das nachste Jahr. Es gab 
schon Zeiten auf der Erde, in denen man nicht wiirde soziale Maftre- 
geln oder Gesetzesmafiregeln ergriffen haben, ohne erst in dieser Weise 
durch diejenigen, welche sie zu ergreifen hatten, die Geheimnisse des 
Makrokosmos erkundet zu haben. Spatere Zeiten haben sich in aber- 
glaubischen Vorstellungen diistere, zweifelhafte Nachklange an dieses 
Grofte erhalten. Wenn am Silvesterabend Blei gegossen wird, und man 
daraus die Zukunft des nachsten Jahres erfahren will, so ist das der 



aberglaubische Rest jener grofien heiligen Sache, von der ich Ihnen eben 
gesprochen habe. Bei der handelte es sich wirklich darum, den Geist - 
den Geist der Menschen - in der Weise zu befruchten, dafi auf die Erde 
iibertragen wurde dasjenige, was nur aus dem Weltenall erfliefien kann, 
weil man wollte, dafi der Mensch auf der Erde so leben sollte, dafi sein 
Leben nicht blofi ein Ergebnis dessen ist, was man auf der Erde erfah- 
ren kann, sondern ein Ergebnis dessen, was man aus der Welt erfahren 
kann. Ebenso wufite man, dafi wahrend der Sommerzeit die Erde in ei- 
nem ganz anderen Verhaltnis zum Weltenall steht, dafi wahrend der 
Sommerzeit gewissermafien die Erde keine intimen Mitteilungen aus 
dem Weltenall empfangen kann. Darauf beruhten dann die Sommer- 
mysterien, die auf ganz anderes abzielten, das wir aber heute nicht zu 
besprechen brauchen. 

Nun, wie gesagt, von diesen Dingen, die sich auf die Geheimnisse 
des Jahreslaufes beziehen, sind noch weniger Traditionen erhalten als 
von denjenigen Dingen, die sich auf den Rhythmus von Tag und Nacht, 
von Schlafen und Wachen beziehen. Aber in jenen alten Zeiten, in 
denen der Mensch noch jenen hoheren Grad des atavistischen Hellsehens 
hatte, durch den er im Laufe des Jahres erfahren konnte die Intimi- 
taten, die eintraten zwischen dem Weltenall und der Erde, in jenen alten 
Zeiten wufiten die Menschen, dafi dasjenige, was sie da erfahren, her- 
riihrt davon, dafi der Mensch da die Begegnung hatte - diese Begeg- 
nung hatte er naturlich zu alien Zeiten, dazumal wurde sie nur wahrge- 
nommen durch atavistisches Hellsehen - mit derjenigen geistigen Welt, 
die er nun nicht in jedem Schlafe haben kann: die Begegnung mit der 
geistigen Welt, in der diejenigen geistigen Wesenheiten leben, die wir 
zu der Hierarchie der Archangeloi rechnen, jene Welt, in welcher der 
Mensch mit seinem innersten Wesen sein wird, wenn einmal wahrend 
der Venuszeit entwickelt sein wird sein Lebensgeist; jene Welt, in wel- 
cher man sich als das dirigierende, herrschende Prinzip in alten Zeiten zu 
denken hatte den Christus, den Sohn. So dafi man eben auch nennen 
kann diese Begegnung, die der Mensch im Jahreslaufe hat mit der geisti- 
gen Welt auf irgendeinem Punkte der Erde in derjenigen Zeit, in der es 
fur diesen Punkt der Erde eben die Weihnachts-Winterzeit ist, dafi man 
diese Begegnung auch nennen kann die Begegnung mit dem Sohn. So 



daft der Mensch im Laufe eines Jahres wirklich durchmacht einen 
Rhythmus, der nachgebildet ist dem Jahresrhythmus selber und in dem 
er eine Vereinigung hat mit der Welt des Sohnes. 

Nun aber wissen wir ja, dafi durch das Mysterium von Golgatha jene 
Wesenheit, die wir als den Christus bezeichnen, sich mit dem Erden- 
laufe selber vereinigt hat. Gerade in der Zeit, als diese Vereinigung ge- 
schah, war - wie ja aus den Ausfuhrungen, die ich eben gemacht habe, 
hervorgeht - das unmittelbare Schauen der geistigen Welt herabgetriibt. 
Wir sehen die objektive Tatsache: Das Ereignis von Golgatha hangt zu- 
sammen mit der Veranderung der Menschheitsentwickelung auf der 
Erde selber. Aber wir durfen daher auch sagen: Es gab Zeiten in der 
Erdenentwickelung, in denen die Menschen im Sinne alten atavistischen 
Hellsehens durch das Bekanntwerden mit dem intimen Zwiegesprach der 
Erde mit dem Makrokosmos in ein Verhaltnis zu dem Christus kamen. 
Und darauf beruht dasjenige, was mit einem gewissen Rechte manche 
verniinftige neuere Gelehrte, Religionsforscher, annehmen: dafi es eine 
Uroffenbarung der Erde gegeben hat. So aber, wie ich es geschildert 
habe, so kam sie zustande. Eine Uroffenbarung. Und die einzelnen Re- 
ligionen uber die Erde hin sind die in die Dekadenz gekommenen 
Fragmente aus jener Uroffenbarung. 

Diejenigen aber, welche das Geheimnis von Golgatha angenommen 
haben, in welcher Lage sind sie denn eigentlich? In der Lage sind sie, 
dafi sie das innerste Bekenntnis zum Geistinhalte des Weltalls so aus- 
driicken konnen, dafi sie sagen konnen: Was in alten Zeiten noch er- 
schaut werden mufite durch ein Zwiegesprach von der Erde aus nach 
dem Kosmos, das ist heruntergestiegen und ist in einem Menschen, in 
dem Menschen Jesus von Nazareth erschienen im Verlaufe des Myste- 
riums von Golgatha. Wiedererkenntnis in dem Christus, der in Jesus 
von Nazareth lebte, desjenigen Wesens, das fruher auch durch atavisti- 
sches Hellsehen den Menschen sichtbar geworden ist im Jahreslaufe, 
das ist etwas, was nun immer mehr und mehr betont werden sollte fur 
die geistige Menschheitsentwickelung. Denn dadurch wiirde man die 
zwei Elemente des Christentums verbinden, die eigentlich miteinander 
verbunden werden miissen, wenn auf der einen Seite das Christentum 
in der richtigen Weise sich weiterentwickeln soil, und auf der anderen 



Seite die Menschheit in richtiger Weise sich weiterentwickeln soil. Da- 
mit hangt es ja zusammen, dafi aus alten christlichen Traditionen heraus 
die Legende des Christus Jesus alljahrlich als Feier des Weihnachts- 
festes, des Osterfestes, des Pfingstfestes in den Jahreslauf eingeschaltet 
wird. Und damit, wie ich schon in einer vorigen Stunde sagte, hangt es 
zusammen, wie als ein standiges Fest das Weihnachtsfest gefeiert wird, 
als ein Fest aber, das nach Himmelskonstellationen bestimmt wird, das 
Osterfest. Daft das Weihnachtsfest gefeiert wird nach Erdenverhaltnis- 
sen, nach der standigen tiefsten Winterzeit, das hangt damit zusam- 
men, dafi die Begegnung mit dem Christus, mit dem Sohne, wirklich in 
diese Zeit hineinfallt. Dafi aber der Christus ein Wesen ist, das dem 
Makrokosmos angehort und hinuntergestiegen ist aus dem Makrokos- 
mos, das einer Wesenheit mit dem Makrokosmos 1st, das wird eben da- 
durch ausgedriickt, daft von der Friihlings-, Sonnen- und Mondenkon- 
stellation es abhangen soil, wann das Osterfest ist, jenes Jahresfest, das 
besagen soil, daft der Christus der ganzen Welt angehort; so wie das 
Weihnachtsfest anzeigen soil, da!5 der Christus seinen Abstieg zur Erde 
gemacht hat. Und so wird eingeschaltet in den Jahreslauf mit Recht 
dasjenige, was diesem Jahreslauf durch den Rhythmus des Menschen- 
lebens im Jahreslauf selber angehort. Und weil dies etwas so Tiefes ist in 
bezug auf das Menscheninnere, so ist es auch gerechtfertigt, daft mit 
Bezug auf dieses Einschalten der Feste, die sich auf das Mysterium von 
Golgatha beziehen, der Mensch dabei bleibt, diese Feste im Einklang 
mit dem Rhythmus des grofien Weltenalls zu vollziehen, nicht sie zu 
verschieben, wie er in den neueren Stadten Schlafen und Wachen ver- 
schiebt. 

Also da haben wir es zu tun mit etwas, worin der Mensch noch nicht 
so frei ist, wo er sich noch nicht so herausheben soil aus dem objekti- 
ven Gang des Weltenalls, wo ihm jedes Jahr zum Bewufitsein kommen 
soil, jetzt, wo er nicht mehr durch das atavistische Hellsehen mit dem 
Weltenall verkehren kann, daft in ihm etwas lebt, das dem Weltenall 
angehort, das im Jahreskreislauf seinen Ausdruck findet. 

Nun, unter denjenigen Dingen, welche vielleicht gerade von gewissen 
religiosen Bekenntnissen her an der Geisteswissenschaft am meisten ge- 
tadelt werden, ist dieses, daft durch die Geisteswissenschaft der Chri- 



stus-Impuls wiederum angekniipft werden mufi an das ganze Weltenall. 
Geisteswissenschaft nimmt nichts - das habe ich ofter betont - demje- 
nigen, was religiose Uberlieferungen iiber das Christus Jesus-Myste- 
rium haben; aber sie fiigt hinzu dasjenige, was dieses Christus Jesus- 
Mysterium an Verhaltnissen um sich hat von der Erde zum ganzen 
Weltenall. Sie sucht den Christus nicht nur auf der Erde, sie sucht ihn 
im ganzen Weltenall. Eigentlich ist es ja schwer zu begreifen, wie man 
von gewissen religiosen Bekenntnissen aus immer wieder und wiederum 
gerade dieses Ankniipfen des Christus-Impulses an kosmische Ereig- 
nisse tadelt; denn verstandlich ware es nur, wenn die Geisteswissen- 
schaft den berechtigten Traditionen des Christentums etwas wegnahme; 
wenn sie etwas hinzufiigt, so sollte das offenbar nicht getadelt werden. 
Aber nun, die Dinge sind einmal so, und die Griinde liegen ja darin, daft 
man zu gewissen Traditionen durchaus nichts hinzugefugt haben will. 

Aber die Sache hat einen tiefernsten Hintergrund, einen Hinter- 
grund, der insbesondere fur unsere Zeit wichtig ist, aufierordentlich 
wichtig ist. Sehen Sie, ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht, und 
im ersten meiner Mysteriendramen ist es ja auch besprochen, daft wir 
entgegenleben der Zeit, in der wir sprechen konnen von einer geistigen 
Wiederkunft des Christus. Ich brauche dies heute nicht weiter auszu- 
malen, es ist ja alien unseren Freunden wohl bekannt. Dieses Chri- 
stus-Ereignis wird aber nicht blofS ein Ereignis sein, welches die trans- 
zendentale Neugierde der Menschen befriedigt, sondern es wird vor 
alien Dingen ein Ereignis sein, welches an die Menschengemiiter die 
Anforderung zu einem neuen Verstandnis stellen wird, zu einem neuen 
Verstandnis des ganzen Christus-Impulses. Gewisse Grundworte des 
Christentums, die wie heilige Impulse durch die ganze Welt gehen soli- 
ten - wenigstens durch die ganze Welt derjenigen, welche den Chri- 
stus-Impuls in sich aufnehmen wollen -, werden doch nicht tief genug 
verstanden. Ich mochte da nur erinnern an das bedeutsame, einschnei- 
dende Wort «Mein Reich ist nicht von dieser Welt». Dieses Wort, es 
wird - wenn der Christus erscheinen wird in einem Reiche, das wirklich 
nicht von dieser Welt ist, namlich nicht von der Welt der Sinne -, die- 
ses Wort wird eine erneute Bedeutung bekommen. Denn das wird eine 
tiefe Eigentumlichkeit der christlichen Weltauffassung werden miissen, 



daft diese christliche Weltauffassung Verstandnis wird entgegenbringen 
konnen alien anderen Auffassungen der Menschen, bloft mit Ausnahme 
des groben, rohen Materialismus. Wenn man sich klar ist dariiber, daft 
die Religionen Reste sind von alten Schauungen, alle Religionen iiber 
die Erde hin Reste sind von alten Schauungen, dann wird es darauf an- 
kommen, daft dies ganz ernst genommen werde. Was da geschaut wor- 
den ist - und weil die Menschheit spater nicht mehr fiir das Schauen 
eingerichtet war, ist es nur in fragmentarischer Gestalt bei den ver- 
schiedenen religiosen Bekenntnissen vorhanden — , das kann gerade 
durch das Christentum wiedererkannt werden. Und so kann man sich 
durch das Christentum aneignen ein tiefes Verstandnis fur jede Form re- 
ligiosen Bekenntnisses auf der Erde, nicht nur fiir die grofien Religio- 
nen, sondern fiir jede Form religiosen Bekenntnisses auf der Erde. Das 
ist freilich etwas, was leicht gesagt ist, aber so leicht es gesagt ist, so 
schwer wird es eigentlich wirklich Gesinnung der Menschen. Und es 
wird Gesinnung der Menschen werden mussen, Gesinnung der Men- 
schen iiber die ganze Erde hin. Denn, so wie das Christentum zunachst 
auf der Erde aufgetreten ist bisher, ist es eine Religion unter anderen, 
ein Bekenntnis unter anderen Bekenntnissen. Dazu ist es nicht gestiftet. 
Das Christentum ist schon dazu gestiftet, iiber die ganze Erde Ver- 
standnis zu verbreiten. Der Christus ist nicht fur einen beschrankten 
Bezirk von Menschen gestorben, geboren worden, sondern fiir alle 
Menschen. Und es ist in gewissem Sinne ein Widerspruch zwischen 
der Forderung, die im Christentum liegt, fur alle Menschen zu gelten, 
und der Tatsache, daft es Einzelbekenntnis geworden ist. Aber es ist 
nicht veranlagt dazu, Einzelbekenntnis zu sein. Einzelbekenntnis kann 
es nur werden, wenn man es nicht in seinem ganz tiefen Sinne auffafk. 
Und zu diesem tiefen Sinne gehort auch die kosmische Auffassung. 

Ja, fiir gewisse Wahrheiten ringt man heute noch nach Worten, weil 
sie den Menschen eigentlich so ferneliegen heute, daft Worte nicht da 
sind, um sie auszudriicken. Man kann sie oftmals nur vergleichsweise 
ausdriicken, die groften Wahrheiten. Aber erinnern Sie sich daran, daft 
ich ofter ausgefiihrt habe, daft man den Christus nennen kann den 
Sonnengeist. Aus solchen Betrachtungen, wie ich sie heute angestellt 
habe, aus der Betrachtung iiber den Jahres-Sonnenlauf, kann man 



schon ersehen, dafi die Berechtigung in gewissem Sinne vorliegt, den 
Christus als Sonnengeist gelten zu lassen; als den Sonnengeist. Diesen 
Sonnengeist wird man aber gar nicht als Sonnengeist vorstellen konnen, 
wenn man nicht das kosmische Verhaltnis des Christus ins Auge fafit, 
wenn man nicht eben das Mysterium von Golgatha als ein wirkliches 
Christus-Mysterium auffalk, als etwas, was zwar auf dieser Erde ge- 
schehen ist, was aber fur das ganze Weltenall eine Bedeutung hat, fur 
das ganze Weltenall ein Geschehen ist. 

Nun, die Menschen streiten sich um vieles auf der Erde, veruneinigen 
sich wegen vielem. Sie haben sich veruneinigt mit Bezug auf ihre reli- 
giosen Bekenntnisse, sie meinen veruneinigt zu sein durch ihre Nationa- 
litaten und noch durch andere Dinge. Und diese Veruneinigungen fiih- 
ren Zeiten herauf , wie diejenige ist, in der wir zum Beispiel jetzt leben. 
Die Menschen veruneinigen sich; sie sind auch veruneinigt mit Bezug 
auf das Mysterium von Golgatha. Denn es wird kein Chinese oder kein 
Inder so ohne weiteres dasjenige annehmen, was ein europaischer Mis- 
sionar iiber das Mysterium von Golgatha sagt. Fur denjenigen, der die 
Verhaltnisse ins Auge faflt, wie sie sind, wird dies nicht weiter eine auf- 
fallige Tatsache sein. Aber iiber eines haben sich die Menschen bis jetzt 
noch nicht veruneinigt. Man sollte es fast nicht glauben, aber es ist 
eine triviale Wahrheit, und man mufi es glauben. Wenn man bedenkt, 
wie heute die Menschen auf der Erde gegeneinander leben, dann mufi 
man sich fast wundern, dafi sie noch iiber etwas nicht veruneinigt sind. 
Aber es gibt doch noch Dinge, iiber die die Menschen nicht verunei- 
nigt sind, und das ist zum Beispiel die Meinung, die die Menschen iiber 
die Sonne haben. Die Japaner, die Chinesen, selbst die Amerikaner und 
die Englander glauben nicht, dafi ihnen eine andere Sonne auf- und un- 
tergeht als den Deutschen. An eine gemeinsame Sonne glauben die 
Menschen noch; iiberhaupt glauben die Menschen noch an das Gemein- 
same in bezug auf dasjenige, was das Aufierirdische ist. In bezug darauf 
machen sie sich nicht einmal die Dinge streitig, kampfen keine Kriege 
aus wegen dieser Dinge. Und lassen Sie sich das eine Art Vergleich sein. 

Man kann, wie gesagt, diese Dinge nur vergleichsweise ausdriicken. 
Wird man einmal den Zusammenhang des Christus mit diesen Dingen 
erfassen, iiber die die Menschen nicht streiten, dann wird man auch 



liber den Christus nicht streiten, dann wird man ihn schauen in dem 
Reiche, das nicht von dieser Welt ist und das sein Reich ist. Aber nicht 
friiher wird Einigkeit herrschen mit Bezug auf die Dinge, iiber die Ei- 
nigkeit herrschen sollte iiber die ganze Erde hin, bis die Menschen er- 
kannt haben die kosmische Bedeutung des Christus. Denn iiber die 
kosmische Bedeutung des Christus werden Sie zu dem Juden, zu dem 
Chinesen, zu dem Japaner, zu dem Inder sprechen konnen, wie Sie zu 
dem christlichen Europaer sprechen. Und damit eroffnet sich eine un- 
geheuer bedeutungsvolle Perspektive, auf der einen Seite fur die Wei- 
terentwickelung des Christentums auf der Erde, auf der anderen Seite 
fur die Weiterentwickelung der Menschheit auf der Erde. Denn Wege 
miissen gesucht werden zu solchen Seeleninhalten, die wirklich alle 
Menschen in gleicher Weise verstehen konnen. Das aber wird eine For- 
derung werden der Zeit, in der die Wiederkunft, die geistige Wieder- 
kunft des Christus erfolgen wird. Und ein tieferes Verstandnis wird 
ausgehen miissen von dieser Zeit gerade in bezug auf das Wort «Mein 
Reich ist nicht von dieser Welt», ein tiefes Verstandnis dafiir, dafi im 
Menschenwesen nicht nur Irdisches lebt, sondern Oberirdisches; Uber- 
irdisches, das da lebt im Jahressonnenlauf. Ein Gefiihl muR man be- 
kommen davon, daft so, wie im einzelnen menschlichen Leben das 
Seelische das Leibliche beherrscht, so alles dasjenige, was da draufien 
geschieht in den auf- und untergehenden Sternen, in dem leuchtenden 
und abdammernden Sonnenlicht, dafi in ailed em Geistiges lebt; dafi, 
wie wir mit unseren Lungen in die Luft eingeschaltet sind, wir mit un- 
serer Seele in das Geistige des Weltenalls eingeschaltet sind, aber nicht 
in das abstrakt Geistige des verwaschenen Pantheismus, sondern in das 
konkret Geistige, das in einzelnen Wesen sich auslebt. Und so werden 
wir finden, da£ in innigem Zusammenhang mit dem, was in dem Jah- 
reslaufe so lebt, wie in einem Menschen die Atemziige, etwas Geistiges 
lebt, das der Menschenseele angehort, das die Menschenseele selber ist; 
dafi dem Jahreslaufe in seinen Geheimnissen das Christus- Wesen, das 
durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, angehort. Man wird 
schon zu einem Zusammenhalten desjenigen sich aufschwingen miissen, 
was geschichtlich auf der Erde sich vollzogen hat im Mysterium von 
Golgatha, mit den groflen Weltengeheimnissen, mit den makrokosmi- 



schen Geheimnissen. Dann aber wird von diesem Verstandnis etwas 
ausgehen, was ungeheuer wichtig ist: Es wird von diesem Verstandnis 
wiederum Erkenntnis ausgehen fiir das, was die Menschen sozial brau- 
chen. Soziale Wissenschaft zum Beispiel wird in unserer Zeit viel ge- 
trieben, viel wird auch getrieben von allerlei sozialen Idealen. Gewift, 
dagegen soil gar nichts eingewendet werden, aber alle diese Dinge sol- 
len befruchtet werden, und werden befruchtet werden rriiissen durch 
dasjenige, was dem Menschen aufgehen wird dadurch, daft er sich den 
Jahreslauf selber wieder vergeistigt. Denn dadurch, daft man gewisser- 
maften parallel dem Jahreslauf lebendig erlebt das Abbild des Myste- 
riums von Golgatha in jedem Jahr, dadurch inspiriert man sich erst 
wiederum mit dem, was soziales Wissen, soziales Fuhlen sein kann. 

Das, was ich jetzt sage, erscheint gewift fiir die Menschen der Ge- 
genwart als etwas vollig Vertracktes, aber wahr ist es doch. Wird wie- 
derum in einer allgemein menschlichen Weise der Jahreslauf so emp- 
funden werden, daft er im innerlichen Zusammenhang mit dem Myste- 
rium von Golgatha empfunden wird, dann wird von diesem Hineinstel- 
len des Gefiihles der Seele in den Jahreslauf und in das Geheimnis des 
Mysteriums von Golgatha zugleich wirkliches soziales Fuhlen liber die 
Erde hin ausgegossen werden. Das wird die wahre Losung oder wenig- 
stens Weiterfiihrung desjenigen sein, was man heute so toricht mit Be- 
zug auf das, was man dabei im Auge hat, die soziale Frage nennt. Aber 
man wird eben durch Geisteswissenschaft sich eine Erkenntnis des 
Zusammenhanges des Menschen mit dem Weltenall aneignen miissen. 
Dazu wird allerdings gehoren, daft man nun schon einmal in diesem 
Weltenall mehr sieht, als was der heutige Materialismus darin sieht. 

Gerade diejenigen Dinge sind die wichtigsten, auf die heute der we- 
nigste Wert gelegt wird. Die heutige materialistische Biologie, die mate- 
rialistische Naturwissenschaft, vergleicht den Menschen mit dem Tier. 
Sie findet, nun, eben einen gradweisen Unterschied. Selbstverstandlich 
hat sie auf ihrem Gebiete recht. Aber was sie vollstandig aufter acht 
laftt, das ist das Verhaltnis des Menschen zu den Richtungen im Welten- 
all. Das tierische Riickgrat - und hier sind wirklich die Ausnahmen 
die Regel bestatigend -, das tierische Riickgrat ist parallel der Erdober- 
flache in das Weltenall hinausgerichtet. Das menschliche Riickgrat ist 



zur Erde gerichtet. Dadurch ist fur den Menschen oben und unten et- 
was ganz anderes als fur das Tier. Dadurch ist dieses Oben und Unten 
dasjenige, welches ihn in seiner ganzen Wesenheit bestimmt. Beim Tier 
ist das Riickgrat hinausgerichtet in die unendlichen Fernen des Makro- 
kosmos, beim Menschen der obere Teil des Hauptes, das Gehirn, und 
der Mensch ist eingeschaltet in den ganzen Makrokosmos. Dies bedeu- 
tet etwas Ungeheures. Denn dadurch ist dasjenige bedingt, was ein 
Verhaltnis des Geistigen und des Leiblichen im Menschen darstellt. 
Dadurch ist sein Geistiges, sein Leibliches auch in das Verhaltnis von 
oben und unten gestellt. Wir werden iiber diese Dinge noch einiges 
sprechen; aber ich will sie heute zunachst einmal skizzieren. Durch die- 
ses Oben und Unten ist charakterisiert, was wir nennen konnen das 
Herausgehen des Ich und des astralischen Leibes wahrend der Schla- 
fenszeit. Denn in der Tat ist der Mensch mit dem Ich und astralischen 
Leibe in seinem physischen Leibe und seinem Atherleibe mit der Erde 
zusammengeschaltet wahrend des Wachens. Nach oben wird er gewis- 
sermafien eingeschaltet wahrend der Nachtzeit, er wird nach oben ein- 
geschaltet mit seinem Ich und Astralleib. 

Und jetzt fragen wir: Ja, wie ist es denn, es gibt ja noch andere Ge- 
gensatze im Makrokosmos? Da ist eben gleich der Gegensatz, der be- 
zeichnet werden kann fur den Menschen mit vorne und riickwarts. Nur 
ist der Mensch mit Bezug auf vorne und riickwarts wiederum anders 
eingeschaltet in den ganzen Makrokosmos als zum Beispiel das Tier 
oder gar die Pflanze. Der Mensch ist so eingeschaltet, daft diese Ein- 
schaltung nach vorne und riickwarts in der Tat einer Einschaltung in die 
Sonnenbahn entspricht. Und dieses Vorne und Riickwarts, das ist die 
Richtung, die da entspricht dem Rhythmus, den der Mensch durch- 
macht im Leben und Sterben. So wie der Mensch im Schlafen und Wa- 
chen gewissermafien das lebendige Verhaltnis des Oben und Unten 
ausdriickt, so driickt er aus im Leben und Sterben das Verhaltnis von 
vorne und riickwarts. Aber dieses Vorne und Riickwarts ist zugeordnet 
dem Lauf der Sonne, so dafi «vorae» fur den Menschen bedeutet: gegen 
Osten, und «riickwarts»: gegen Westen. Und Osten und Westen, das ist 
die zweite Raumesrichtung, und sie ist diejenige Raumesrichtung, von 
der wir in Realitat sprechen konnen, wenn wir davon sprechen, dafi des 



Menschen Seele - jetzt nicht im Schlafe, sondern im Tode - den Men- 
schenleib verlafit. Denn da verlafit sie den Menschenleib in der Rich- 
tung nach dem Osten. Das ist nur noch in denjenigen Traditionen vor- 
handen, wo man von dem Sterben des Menschen als von seinem «Ein- 
gehen in den ewigen Osten» spricht. Solche alten traditionellen Worte, 
sie wird die Gelehrsamkeit auch einmal, vielleicht tut sie es schon heu- 
te, als Symbolisierungen bezeichnen. Man wird zum Beispiel einmal die 
Trivialitat sagen: Im Osten geht die Sonne auf, das ist etwas Schones; 
also bezeichnet man die Ewigkeit auch, indem man vom Osten spricht! 
Aber es entspricht dieses einer Realitat, und zwar der Realitat noch 
mehr des Jahreslaufes der Sonne als des Tageslaufes. 

Der dritte Unterschied aber ist der des Inneren und des Aufteren. 
Oben und unten, Ost und West, Inneres und Aufieres. Wir leben ein 
inneres Leben, wir leben ein aulkres Leben. Auch iibermorgen im 6f- 
fentlichen Vortrage werden wir iiber dieses innere und aufSere Leben 
unter dem Thema: «Menschenseele und Menschenleib» zu sprechen ha- 
ben. Wir leben ein inneres, wir leben ein aufieres Leben. Fur den Men- 
schen ist dieses Innere und Aufiere ebenso ein Gegensatz wie oben und 
unten, Ost und West. Wahrend im Jahreslauf der Mensch es mehr zu 
tun hat mit einer, ich mochte sagen, reprasentativen Darstellung des 
ganzen Lebenslaufes, kann man sagen: Verbunden mit dem menschli- 
chen Leben und Sterben haben wir es zu tun, wenn wir vom Inneren 
und Aufieren sprechen, mit dem ganzen Lebenslauf des Menschen, ins- 
besondere mit dem Lebenslauf, insofern er absteigende und aufstei- 
gende Entwickelung hat. Sie wissen: Der Mensch erfahrt bis zu einem 
gewissen Jahr ungefahr eine aufsteigende Entwickelung. Dann hort sein 
gesamtes Wachstum auf, bleibt eine Zeitlang stille, dann geht es zuriick. 

Nun, mit diesem gesamten Lebenslauf des Menschen hangt es 
zusammen, dafi der Mensch im Beginn seines Lebens am meisten auf 
naturgemafie, elementarische Art in seinem ganzen Leibhchen zusam- 
menhangt mit dem Geistigen. Der Mensch ist, ich mochte sagen, gerade 
umgekehrt konstituiert beim Lebensbeginn, als er konstituiert ist eben, 
wenn er in der Lebensmitte, im Hohepunkt der aufsteigenden Entwik- 
kelung angelangt ist. In der ersten Zeit seines Lebens wachst der 
Mensch, gedeiht, nimmt zu; dann fangt er an, in eine absteigende Ent- 



wickelung einzutreten. Das hangt damit zusammen, dafi dann die phy- 
sischen Krafte des Menschen in sich selber nicht mehr Wachstumskrafte 
sind, sondern dafi sich diesen Wachstumskraften auch Verfallskrafte 
zumischen. Da steht das Innere des Menschen in einem ahnlichen Ver- 
haltnis zu dem Weltenall, wie beim Lebensbeginn, bei der Geburt, das 
Aufiere, das Leibliche zum Weltenall steht. Eine vollstandige Umkeh- 
rung findet statt. Daher macht im Unbewuiken heute der Mensch die 
Begegnung durch zu dieser Zeit, in der Mitte des Lebens, mit dem 
Vater-Prinzip, mit derjenigen Geisteswesenheit, die wir zu der Hierarchie 
der Archai zahlen; mit derjenigen geistigen Welt, in der der Mensch 
sein wird, wenn er seinen Geistesmenschen voll entwickelt haben wird. 

Wir konnen nun fragen: Hangt auch dies wiederum mit dem gesam- 
ten Weltenall irgendwie zusammen? Haben wir im Leben des Welten- 
alls etwas, was so, wie mit der Geist-Begegnung der Rhythmus von 
Tag und Nacht, mit der Sohn-Begegnung der Rhythmus im Jahr, zu- 
sammenhangt mit der Lebenslauf -Begegnung, mit der Vater-Begegnung 
in der Mitte des Lebenslauf es? So konnen wir fragen. Nun, das miissen 
wir schon festhalten: in bezug auf diese Vater-Begegnung ist der 
Mensch wiederum, wie auch mit Bezug auf die Geist-Begegnung, aus 
dem Rhythmus herausgehoben. Der Rhythmus lauft nicht ganz paral- 
lel. Denn die Menschen werden nicht zu gleicher Zeit geboren, sondern 
zu verschiedenen Zeiten; dadurch konnen ja die Lebenslauf e nicht par- 
allel sein, aber sie konnen innerlich nachbilden irgendein geistiges, 
ein kosmisches Geschehen. Tun sie das? 

Nun, wenn wir uns vergegenwartigen, was in der kleinen Schrift 
«Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissen- 
schaft» und auch in anderen Schriften und Zyklen enthalten ist, so wis- 
sen wir: In den ersten sieben Lebensjahren ungefahr bildet der Mensch 
seinen physischen Leib besonders aus, in den nachsten sieben Jahren 
den Atherleib, in den nachsten sieben Jahren den Astralleib, in den 
nachsten sieben Jahren die Empfindungsseele, dann die Verstandes- 
oder Gemiitsseele vom 28. bis zum 35. Jahre. In diese Zeit hinein fallt 
auch die Begegnung mit dem Vater-Prinzip. Sie ist iiber diese Jahre hin 
ausgedehnt - nicht als ob sie sich erstreckte iiber diese Jahre, sie trifft in 
diesen Jahren ein -, so dafi man sagen kann: Der Mensch ist dafur vor- 



bereitet, prapariert mit dem 28., 29., 30. Jahr. Da tritt die Begegnung 
auch £iir die meisten Menschen unten in den tiefen Untergriinden der 
menschlichen Seele ein. Da mufken wir also auch vermuten, dafi dieser 
Zeit irgend etwas entspricht aus dem Weltenall heraus, das heiik: wir 
muflten im Weltenall etwas finden, was einen Kreislauf, einen Rhyth- 
mus darstellt, Ahnlich wie der Rhythmus von Tag und Nacht gleich 24 
Stunden ist, wie der Jahreslauf gleich 365 Tagen ist, so miifiten wir im 
Weltenall etwas finden, nur miifite das umf as sender sein. Es bezieht 
sich ja alles dieses auf die Sonne oder mindestens auf das Sonnensystem. 
Es miifite also etwas, ich mochte sagen, Grofieres fur die Sonne vor sich 
gehen, was umfassender ware in demselben Mafte, in dem umfassender 
sind die 28, 29, 30 Jahre im Verhaltnis zu den 24 Stunden, den 365 Ta- 
gen; irgendein Umlauf . Nun, mit Recht haben die Alten als den aufier- 
sten Planeten unseres Sonnensystems den Saturn angesehen. Er ist der 
aufierste Planet. Dafi noch Uranus, Neptun dazukommen, das ist ja 
gewift vom Standpunkte der materialistischen Astronomie vollstandig 
gerechtfertigt, aber sie haben einen anderen Ursprung, sie gehoren 
nicht zum Sonnensystem, so dafi wir schon davon sprechen konnen, 
dafi der Saturn das Sonnensystem begrenzt. Fragen Sie sich also: Wenn 
der Saturn das Sonnensystem begrenzt, so konnten wir sagen: Dann 
also, indem der Saturn herumgeht, geht er eigentlich um die aufierste 
Grenze des Sonnensystems herum. Nicht wahr, wenn Sie den Saturn 
nehmen, und er geht herum, kommt wiederum an seinen Punkt zu- 
riick, so beschreibt er die aufierste Grenze des Sonnensystems. Und da, 
wenn er um die Sonne herumgeht, steht er, wenn er wiederum an den- 
selben Punkt zuriickkommt, in demselben Verhaltnis zur Sonne, wie er 
beim Ausgangspunkt gestanden hat. Nun beschreibt der Saturn seinen 
Lauf - nach dem kopernikanischen Weltensystem kann man das heute 
sagen - in einer Zeit von 29 bis 30 Jahren, die dieser Zeit entspricht. Da 
haben Sie in dem heute noch nicht verstandenen Umlauf des Saturn 
um die Sonne - die Sache verhalt sich ja ganz anders, aber das koperni- 
kanische Weltensystem ist heute noch nicht weit genug, um das zu ver- 
stehen - die Beziehung, die bis zum aufiersten Ende des Sonnensystems 
geschieht, das Ereignis, das sich ausdriickt im aufiersten Saturnumgang 
um die Sonne, mit dem nun der Lebenslauf des Menschen in Zusam- 



menhang steht, so daft es ein Abbild ist dieses Saturnumlaufes, insofern 
dieser Lebenslauf den Menschen bis zu der Vater-Begegnung fiihrt. 
Auch das fiihrt uns hinaus in den Makrokosmos. 

Damit glaube ich gezeigt zu haben, daft wirklich das Innerste des 
Menschenwesens nur verstanden werden kann, wenn man es in seiner 
Beziehung denkt zu dem Aufierirdischen. Dieses Aufierirdische ist 
dann als Geistiges, ich mochte sagen, organisiert in dem, was es uns 
zuwendet, auch gewissermaften sichtbar zuwendet. Aber dasjenige, was 
es uns sichtbar zuwendet, ist eben nur der Ausdruck des Geistigen. 
Und die Erhebung des Menschen vom Materialismus wird erst dann 
eintreten, wenn man die Erkenntnis so weit bringen wird, daft sie sich 
hinweghebt von dem Auffassen der bloft irdischen Verhaltnisse und 
wiederum hinauferhebt zum Erfassen der Sternenwelten und der Sonne. 

Ich habe schon einmal angedeutet, daft viele Dinge, von denen sich 
die heutige Schulweisheit noch wenig traumen laftt, mit diesen Dingen 
zusammenhangen. Heute denken sich die Menschen, sie werden einmal 
im Laboratorium aus unorganischem Stoff Lebewesen erzeugen kon- 
nen. Heute nutzt der Materialismus die Sache aus. Man braucht nicht 
Materialist zu sein, um zu glauben, daft man laboratoriumsgemaft aus 
unorganischem Stoff ein Lebewesen machen kann; das bezeugt der 
Glaube der Alchimisten - die gewift keine Materialisten waren -, daft 
sie Homunculusse machen konnen. Heute wird es im materialistischen 
Sinne ausgedeutet. Aber es wird einmal die Zeit kommen, da wird wahr 
werden, das heiftt innerlich gefuhlt werden, wenn man zu einem Men- 
schen ins Laboratorium kommt - denn es wird dazu kommen, daft man 
Lebendiges aus Unlebendigem laboratoriumsgemaft wird erzeugen 
konnen -, daft man wird zu sagen haben zu dem Menschen, der das tut: 
«Willkommen zu dem Stern der Stunde!» weil nicht zu jeder beliebigen 
Stunde das wird eintreten konnen, sondern es wird abhangen von der 
Sternenkonstellation. Denn ob Leben aus Leblosem entsteht, das hangt 
ab von den Kraften, die nicht auf der Erde sind, sondern die aus dem 
Weltenall hereinkommen. 

Vieles hangt mit diesen Geheimnissen zusammen. Nun ist es ja mog- 
lich - und wir werden in den nachsten Zeiten liber solche Dinge spre- 
chen -, schon mancherlei iiber diese Dinge zu sagen, iiber diese Dinge, 



von denen auch Saint-Martin, der sogenannte unbekannte Philosoph, 
an verschiedenen Stellen seines Buches iiber Wahrheiten und Irrtiimer 
sagt, dafi er Gott dankt, dafi sie in tiefes Geheimnis gehullt sind. Sie 
konnen nicht in tiefes Geheimnis gehullt bleiben, weil die Menschen sie 
zur Fortentwickelung brauchen werden; aber notwendig ist, daft zu all 
diesen Dingen die Menschen sich wiederum jenen Ernst aneignen und 
jenes Gefiihl fiir Heiligkeit, ohne die man von diesen Erkenntnissen fur 
die Welt allerdings nicht den richtigen Gebrauch machen wird. 
Von diesen Dingen wollen wir dann das nachste Mai weiter sprechen. 



SIEBENTER VORTRAG 
Berlin, 20. Marz 1917 



Ich mochte heute eine Art geschichtlicher Betrachtung in den Fortgang 
unserer Auseinandersetzungen einschalten, weniger um diese Betrach- 
tung als eine geschichtliche Betrachtung anzustellen, aus der Geschichte 
etwas herauszuholen gleichsam, sondern vielmehr, weil durch die Be- 
trachtung, die wir anstellen wollen, uns mancherlei im Geistesgehalt 
der Gegenwart, in dem uns unmittelbar umgebenden Geistesgehalte, 
dies oder jenes nahegebracht werden kann. 

Es war 1775, da ist ein sehr merkwiirdiges Buch erschienen in Lyon, 
ein Buch, welches sehr bald, schon 1782, Eingang gefunden hat in ge- 
wisse Kreise auch des deutschen Geisteslebens, und dessen Wirkung 
viel grower ist, als man gewohnlich meint; dessen Wirkung aber vor al- 
ien Dingen eine solche war, dafi sie mehr oder weniger zuruckgedrangt 
werden mufite gerade durch dasjenige, was den hauptsachlichsten Im- 
puls der Geistesentwickelung des neunzehnten Jahrhunderts bildet. Das 
Buch ist gerade fur denjenigen von hochstem Interesse, der geisteswis- 
senschaftlich sich orientieren will uber dasjenige, was eigentlich von 
jiingsten Zeiten her bis in unsere Tage herein vorgegangen ist. Ich 
meine das Buch «Des erreurs et de la verite» von Saint- Martin. Dieses 
Buch, wenn es heute jemand, sei es in seiner Ursprache, sei es in der 
von dem «Wandsbecker Boten» Matthias Claudius besorgten deutschen 
Ausgabe, die mit einem schonen Vorworte von Matthias Claudius ver- 
sehen ist, in die Hand nimmt, ist fur den heutigen Menschen im 
Grunde genommen aufierordentlich schwer verstandlich, ja, selbst fur 
Matthias Claudius, also fur die Zeit am Ende des achtzehnten Jahrhun- 
derts schon etwas schwer verstandlich, wie Matthias Claudius selber ge- 
steht. Er sagt in seiner, wie gesagt, sehr schon geschriebenen Vorrede: 
Die meisten werden dieses Buch nicht verstehen. Ich verstehe es eigent- 
lich auch nicht. Aber es ist sein Inhalt mir so tief ins Herz gegangen, 
dafi ich meine, daft es in den weitesten Kreisen auf genommen werden 
mufi, - Insbesondere wird mit dem Inhalt dieses Buches derjenige gar 
nichts anfangen konnen, der ausgeht von jenen physikalischen, chemi- 



schen und sonstigen Weltvorstellungen - ohne selbstverstandlich in die- 
sen Dingen auch nur einen Anflug von Gelehrsamkeit zu haben -, die 
man heute durch die Schule oder so durch die allgemeine Bildung auf- 
nimmt. Auch wird derjenige nichts mit dem Buche anzufangen wissen, 
der sich seine heutige - wie soli man es nennen? - sagen wir Zeitan- 
schauung, um das Wort «Politik» nicht zu beriihren, aus den gewohnli- 
chen Zeitungen holt oder dem, was sich um diese Zeitungen herum in 
den die heutige Bildung spiegelnden Zeitschriften spiegelt. 

Es hat mehrere Griinde, dafi ich gerade heute, nachdem die beiden 
offentlichen Vortrage vom letzten Donnerstag und letzten Sonnabend 
verflossen sind, in Ankniipfung an dieses Buch zu Ihnen spreche. In 
diesen beiden Vortragen sprach ich ja iiber die Natur und Gliederung 
des Menschen, iiber den Zusammenhang von Menschenseele und Men- 
schenleib in dem Sinne, wie man iiber diesen Zusammenhang einmal 
sprechen wird, wenn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die man 
heute schon haben kann, aber nicht verwerten kann, in der richtigen 
Weise werden angeschaut werden. Dafi man dann nicht mehr in dersel- 
ben Weise iiber die Beziehungen des Vorstellungslebens, des Gefuhls- 
und Willenslebens zum menschlichen Organismus sprechen wird, wie 
man das heute noch tut, wenn man die naturwissenschaftlichen Er- 
kenntnisse recht verwertet haben wird, das mufi die Uberzeugung des 
wirklich die Geisteswissenschaft erkennenden Geisteswissenschafters 
sein. Daher meine ich auch, ist mit dem Inhalte dieser beiden Vortrage 
ein Anfang gemacht fur dasjenige, was kommen mufi, was vielleicht in 
der aufieren Welt bei den grofien Widerstanden, welche nicht die Wis- 
senschaft, aber die Wissenschafter solchen Dingen bereiten, noch lange 
dauern wird. Wenn es auch lange dauern wird, so wird es doch so 
kommen, dafi man das Verhaltnis von Menschenseele und Menschen- 
leib in dieser Weise anschauen wird, wie es in diesen beiden Vortragen 
skizziert worden ist. 

Nun ist in diesen beiden Vortragen von mir so gesprochen worden, 
wie man eben, ich mochte sagen, sprechen mufi iiber diese Dinge im 
Jahre 1917. Ich meine damit, wie man sprechen mufi, nachdem man be- 
riicksichtigt all dasjenige, was an naturwissenschaftlichen Forschungen 
und an sonstigen beziiglichen menschlichen Erlebnissen vorgegangen 



ist. Nicht so hatte man iiber all diese Dinge sprechen konnen zum Bei- 
spiel im achtzehnten Jahrhundert. Im achtzehnten Jahrhundert wiirde 
man iiber alle diese Dinge ganz anders gesprochen haben. Man beriick- 
sichtigt eben immer nicht geniigend, welche ungeheure Bedeutung die- 
ses hatte, was ich oftmals auseinandergesetzt habe: daft ungefahr mit 
dem Ende des ersten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, in den 
dreiftiger, vierziger Jahren, geistig gesehen mit der europaischen 
Menschheitsentwickelung eine aufterordentlich starke Krisis vorgegan- 
gen ist. Ich habe das ofter charakterisiert, indem ich sagte: Dazumal 
gingen die Wogen des Materialismus zu ihrem Hohepunkte. Und das 
habe ich ja ofter auseinandergesetzt, auch ofter darauf aufmerksam ge- 
macht, daft man sehr haufig die triviale Redensart ho it: Unsere Zeit ist 
eine Obergangsepoche ! Selbstverstandlich ist jede Zeit eine Uber- 
gangsepoche, und dieser Ausspruch «Unsere Zeit ist eine Ubergangs- 
epoche» ist aufterordentlich billig, weil das jede Zeit ist. Aber nicht 
darum handelt es sich, daft man feststellt, irgendeine Zeit ist eine Ober- 
gangsepoche; sondern darauf kommt es an, festzustellen, worin der 
Ubergang besteht. Dann allerdings wird man an bestimmte Zeitwenden 
kommen, welche tief einschneidende Obergange in der Menschheits- 
entwickelung darstellen. Und ein solcher tief einschneidender Obergang 
in der Menschheitsentwickelung - wenn er auch heute nicht bemerkt 
wird — lag in dem angegebenen Zeitpunkte, Daher mufi es erklarlich 
sein, daft iiber gerade die den Menschen unmittelbar angehenden Ratsel 
heute mit ganz anderen Worten, mit ganz anderen Wendungen gespro- 
chen werden mu8, gewissermaften die Gesichtspunkte von ganz ande- 
ren Seiten her genommen werden miissen, als das der Fall sein konnte 
im achtzehnten Jahrhundert. 

Im achtzehnten Jahrhundert hat nun vielleicht keiner mit einem so 
intensiven Hinlenken der Aufmerksamkeit zu den damaligen naturwis- 
senschaftlichen Vorstellungen gesprochen iiber ganz ahnliche Fragen, 
wie diejenigen sind, iiber die wir hier sprechen, als Saint-Martin. 
Saint-Martin steht aber mit all dem, was er spricht, eben durchaus 
noch nicht, wie wir jetzt, in der Morgendammerung einer neuen Zeit, 
sondern er steht in der Abenddammerung der alten Zeit und spricht mit 
der Abenddammerung der alten Zeit. So daft es, wenn nicht der Ge- 



sichtspunkt hauptsachlich in Betracht kame, von dem ich gleich nach- 
her sprechen werde, heute fast gleichgiiltig scheinen konnte, ob man 
sich iiberhaupt mit Saint-Martin befafk, ob man diese eigentiimliche 
Ausgestaltung der durch Jakob Bobme angeregten Ideen bei Saint- 
Martin wirklich in sich aufnimmt oder nicht. Es konnte, sage ich, gleich- 
giiltig erscheinen, wenn nicht ein viel anderer, tief bedeutsamer Gesichts- 
punkt in Frage kame, den ich im Verlaufe der heutigen Betrachtung er- 
wahnen werde. 

Saint-Martin spricht, um einiges Konkrete hervorzuheben, indem er 
versucht darzulegen, welchen Irrtumern die Menschen unterworfen 
sein konnen bei ihrer Weltanschauung, und welches die Wege der 
Wahrheit sein konnen - «Des erreurs et de la verite» heifit ja sein Buch -, 
er spricht durchaus so, dafi er gewisse Begriffe und Ideen, die inner- 
halb gewisser Kreise bis ins achtzehnte Jahrhundert herein gang und 
gabe waren, in der denkbar sachgemafiesten Weise handhabt. So spricht 
er, dafi man sieht, dafi er ganz darinnensteht in der Handhabung dieser 
Begriffe und Ideen. So finden wir, dafi, indem Saint-Martin daran geht, 
das Verhaltnis des Menschen zum ganzen Kosmos und zum sittlichen 
Leben ins Auge zu fassen, er da handhabt die drei Hauptideen, die ja 
auch bei Jakob Bdhme, bei Paracelsus eine so grofie Rolle spielen, die 
drei Hauptideen, durch die man dazumal die Natur und auch den Men- 
schen zu begreifen suchte: Merkur, Schwefel, Salz. Durch diese drei 
Elemente, Merkur, Schwefel, Salz, versuchte man dazumal den Schlus- 
sel zu gewinnen zum Verstandnis der aufieren Natur und zum Ver- 
standnis des Menschen. So, wie diese Ideen dazumal gebraucht worden 
sind, kann sie der heutige Mensch, der in demselben Sinne sprechen 
wiirde, wie ein Naturwissenschafter der Gegenwart spricht - und das 
mufi man ja tun, sonst geht man zuriick -, gar nicht mehr so handha- 
ben, weil es einfach unmoglich ist, bei den drei Worten Merkur, 
Schwefel, Salz dasselbe zu denken, was noch ein Mensch des achtzehn- 
ten Jahrhunderts gedacht hat. Man stellte dazumal, indem man von 
Merkur, Schwefel, Salz sprach, eine Dreiheit hin, die der heutige 
Mensch, wenn er mit naturwissenschaftlicher Einsicht spricht, nur dann 
wiederum richtig hinstellen wird, wenn er so den Menschen gliedert, 
wie ich es getan habe: in den Stoffwechselmenschen, den Atmungsmen- 



schen und den Nervenmenschen, woraus der ganze Mensch zusam- 
mengesetzt erscheint. Denn alles gehort irgendwie zu einem dieser drei 
Glieder. Und wenn man meint, es gehore nicht dazu, wie man es von 
den Knochen denken kann, so ware das nur scheinbar. Ebenso aber 
verstand der Mensch des achtzehnten Jahrhunderts, dafl das ganze 
menschliche Wesen begriffen werden kann, wenn man die umfassende 
Vorstellung von Merkur, Schwefel, Salz hat. Nun, natiirlich, wenn der 
heutige Tagesmensch oder auch der Chemiker von Salz spricht, dann 
spricht er von den weifien Kornern, die er auf dem Tische hat, oder von 
den Salzen, die der Chemiker in seinem Laboratorium verarbeitet. 
Wenn er von Schwefel spricht, denkt der Tagesmensch an die Ziindhol- 
zel, und der Chemiker an alle die Experimente, die er mit der Retorte 
und dem Auf fang gemacht hat iiber die Verwandlung des Schwefels. 
Beim Merkur denkt man an gewdhnliches Quecksilber und so weiter. 

So dachten die Menschen des achtzehnten Jahrhunderts nicht. Und 
es ist sogar heute schon schwer, sich zu vergegenwartigen, was alles in 
der Seele lebte bei einem solchen Menschen noch des achtzehnten Jahr- 
hunderts, wenn er von Merkur, Schwefel, Salz sprach. So legte sich in 
seiner Art dazumal auch Saint-Martin die Frage zurecht: Wie gliedere 
ich den Menschen, wenn ich seine Leiblichkeit als Abbild seines See- 
lenhaften betrachte? Und da sagte er: Da betrachte ich den Menschen 
zunachst mit Bezug auf die Werkzeuge, die Organe seines Denkens - er 
spricht sich dariiber etwas anders aus, aber wir miissen schon ein wenig 
iibersetzen, es wiirde sonst die Auseinandersetzung zu lange dauern -, 
ich betrachte zunachst den Menschen mit Bezug auf die Organe seines 
Hauptes. Was ist da die Hauptsache? Was kommt da in Betracht? Was 
ist das eigentlich wirkende Agens im Haupte, wir wiirden heute sagen, 
im Nervensystem? Da sagt er: das Salz. Und er versteht unter dem Salz 
zunachst nicht die weifien Korner, auch nicht das, was die Chemiker 
unter dem Salz verstehen, sondern die Summe derjenigen Krafte vor- 
zugsweise, die im menschlichen Haupte wirken, wenn der Mensch vor- 
stellt. Und alles dasjenige, was aufiere Salzwirkung ist, das betrachtet er 
nur als Manifestation, als eine aufiere Offenbarung derselben Krafte, 
die sonst im menschlichen Haupte wirken. Dann fragt er: Welches Ele- 
ment wirkt vorzugsweise in der menschlichen Brust? Bei meiner letzt- 



donnerstaglichen Gliederung des Menschen wiirden wir dafur setzen: 
Was wirkt im Atmungsmenschen? Saint-Martin sagt: Da wirkt der 
Schwefel. So daft alles dasjenige, was mit den Brustfunktionen zusam- 
menhangt, bei Saint-Martin in der Gewalt derjenigen Aktionen steht, 
die im Schwefel, im Schwefligen ihren Ursprung haben. Und dann fragt 
er: Was wirkt alles in dem ubrigen Menschen? Wir wiirden heme sagen: 
im Stoffwechselmenschen. Und er sagt: Da wirkt der Merkur. - Und 
nun hat er in seiner Art auch den ganzen Menschen beisammen. Aller- 
dings, in der Art, wie er nun spricht, wie er die Dinge zusammenwirft 
bisweilen, sieht man, daft er in der Abenddammerung dieses ganzen 
Denksystems steht. Aber auf der anderen Seite sieht man, daft er, in- 
dem er in der Abenddammerung steht, noch eine ungeheure Fiille von 
Riesenwahrheiten iibernommen hat, die dazumal noch verstanden wur- 
den und die heute verschuttet sind; die er ausdriicken kann, indem er 
seinerseits handhabt dasjenige, was in den drei Begriffen Merkur, 
Schwefel, Salz gegeben ist. So gibt er in diesem Buche «Des erreurs et 
de la verzte» eine sehr schone Abhandlung - die natiirlich fur den heuti- 
gen Physiker ein kompletter Unsinn ist -, eine sehr schone Abhandlung 
iiber das Gewitter, iiber den Blitz und den Donner, indem er zeigt, wie 
man auf der einen Seite verwenden kann Merkur, Schwefel, Salz, urn 
den Menschen zu erklaren in bezug auf seine Leiblichkeit; wie man auf 
der anderen Seite Merkur, Schwefel, Salz in ihrem Zusammenwirken 
verwenden kann, um solche atmospharischen Erscheinungen zu erkla- 
ren. Das eine Mai wirken die Dinge im Menschen zusammen, das an- 
dere Mai drauften in der Welt. Im Menschen erzeugen sie dasjenige, 
was aufleuchtet vielleicht als ein Gedanke oder als ein Willensimpuls; 
drauften in der Welt erzeugen dieselben Elemente zum Beispiel Blitz 
und Donner. 

Wie gesagt, dasjenige, was da Saint-Martin ausfuhrt, ist fur das acht- 
zehnte Jahrhundert etwas, was derjenige voll noch verstehen kann, der 
drinnensteckt in der damaligen Denkweise. Fur den heutigen Physiker 
ist es ein kompletter Unsinn. Aber gerade mit Blitz und Donner hat es 
ja in der heutigen Physik, ich mochte sagen, einen gewissen Haken. 
Denn mit Blitz und Donner macht sich es ja die heutige Physik ein bift- 
chen bequem, wenn sie etwas erklaren will. Da mufi man zum Beispiel 



lehren, dafi der Blitz entsteht und in seinem Gefolge der Dormer, wenn 
zwischen zwei Wolken, von denen die eine positiv, die andere negativ 
geladen ist, nun sich die Elektrizitaten ausgleichen. Der Schulbub, der 
etwa ein biftchen vorwitzig ware und gerade vorher gesehen hat, wie 
der Lehrer, wenn er elektrische Experimente macht, sorgfaltig alle 
Feuchtigkeit abwischt, damit die Instrumente trocken sind, weil es mit 
der Elektrizitat, wenn Feuchtigkeit da ist, so nicht geht, der Schulbub 
kann da sagen: Ja, aber Herr Lehrer, die Wolken sind doch so feucht, 
wie kann denn da drinnen die Elektrizitat so wirtschaften, wie Sie da 
sagen? - Da wiirde der Lehrer sagen: Du bist ein dummer Bub, du 
verstehst das nicht! - Anderes wiifite er namlich heute kaum zu sagen. 

Saint-Martin versucht klarzumachen, wie in einer besonderen Weise 
durch das Salzige in der Luft gebunden sein kann das Merkurialische 
und das Schweflige, und versucht zu zeigen, wie nun in einer ahnlichen 
Weise, wie durch Kohle Salpeter und Schwefel im Schiefipulver gebun- 
den sind, so durch eine besondere Umsetzung des Merkurialischen und 
des Schwefligen mit Hilfe des Salzes Explosionen entstehen konnen. 
Und diese Auseinandersetzung ist im Sinne der damaligen Zeit mit 
Verwendung der damaligen Begriffe von dem Merkurialischen, Schwef- 
ligen und Salzigen eine aufierordentlich geistreiche. Nun, ich kann 
nicht naher darauf eingehen, aber wir wollen die Sache ja auch mehr ge- 
schichtlich betrachten. Und insbesondere zeigt sehr schdn Saint-Mar- 
tin, wie mit gewissen Eigenschaften der Luft nach dem Gewitter gerade 
die eigentumliche Beziehung des Blitzes zum Salz - was er das Salz 
nennt - sich bewahrheitet. Kurz, Saint-Martin bekampft in seiner Art 
den eben heraufziehenden Materialismus, indem er hinter sich hat die 
Grundlage iiberlieferter Weisheit, die einen ungeheuer bedeutsamen 
Bearbeiter in ihm gefunden hat. Dabei strebt Saint-Martin nach einer 
Welterklafung im ganzen und geht iiber, nachdem er solche Erklarun- 
gen gegeben, in denen er die Elemente verwendet hat, von denen wir 
eben gesprochen haben, zu einer Erklarung des Erdenwerdens. Da ist 
er nicht so toricht wie die Nachgeborenen, welche an den Urnebel 
glauben und meinen, dal$ man mit physikalischen Begriffen an den An- 
fang der Welt kommt; sondern da nimmt er sogleich seine Zuflucht, in- 
dem er das Urwerden der Erde erklaren will, zu Imaginationen. Und 



eine wunderbare Fiille von imaginativen Vorstellungen finden wir da in 
dem genannten Buche, wo er iiber das Erdenwerden sprechen will, von 
wirklichen Imaginationen, die ebenso wie seine physikalischen Vorstel- 
lungen nur aus seinem Zeitalter heraus zu begreifen sind. Wir wiirden 
heute nicht mehr dieselben Imaginationen verwenden konnen, aber sie 
zeigen, da!5 er von einem gewissen Punkte an die Dinge mit dem imagi- 
nativen Erkennen begreifen will. 

Dann, nachdem er dies versucht hat, geht er dazu iiber, das ge- 
schichtliche menschliche Leben zu begreifen. Und da versucht er fest- 
zustellen, wie das geschichtliche Leben nur dadurch zu verstehen ist, 
dafi immer von Zeit zu Zeit wirklich geistige Impulse von der geistigen 
Welt in die Welt des physischen Planes hier eingegriffen haben. Und 
dann versucht er anzuwenden dieses Ganze auf die tiefere Natur des 
Menschen, indem er zeigt, wie dasjenige, was die biblische Legende als 
den Sundenfall des Paradieses darstellt, wie das gerade nach seiner ima- 
ginativen Erkenntnis auf bestimmten Tatsachen beruht, wie der Mensch 
aus einem Urstande zu seinem jetzigen Stande ubergegangen ist. Er ver- 
sucht nun, die geschichtlichen Erscheinungen seiner Zeit und uberhaupt 
der geschichtlichen Zeit zu begreifen gewissermafien aus dem Fall des 
geistigen Lebens in die Materie. - Das alles soli nicht verteidigt, son- 
dern nur geschildert werden. Ich will ja selbstverstandlich die Saint- 
Martinsche Lehre nicht an die Stelle der Geisteswissenschaft, unserer 
Anthroposophie, setzen; ich will nur Geschichte erzahlen, um zu zei- 
gen, wie dazumal Saint-Martin weitergeschritten ist. 

Bei alledem lesen wir immer wieder und wiederum von Kapitel zu 
Kapitel in dem Buche «Des erreurs et de la verite» eine merkwiirdige 
Bemerkung. Man sieht namlich, wenn man das Buch von Saint-Martin 
vornimmt, dafi er aus einer reichen Fiille des Wissens heraus spricht, 
und dafi dasjenige, was er gibt, ich mochte sagen, nur die auftersten 
Ranken sind eines Wissens, das in seiner Seele lebt. Aber er deutet es 
auch an mehreren Stellen seines Buches an. Ungefahr so sagt er da: 
Wenn ich an dieser Stelle noch tiefer gehen wiirde, so wiirde ich Wahr- 
heiten aussprechen miissen, die ich nicht aussprechen darf. An einer 
Stelle sagt er sogar: Wenn ich hier zu Ende reden sollte, so wiirde ich 
Wahrheiten aussprechen miissen, die am besten fur die Mehrzahl der 



Menschen in das tiefste Dunkel der Nacht gehiillt werden. - Der wirk- 
liche Geisteswissenschafter weifi mit all diesen Bemerkungen sehr viel 
anzufangen, weifS auch, warum an bestimmten Stellen bestimmter Ka- 
pitel diese Bemerkungen auftauchen. Ober bestimmte Dinge kann man 
eben nicht von alien Voraussetzungen aus sprechen. Es wird erst mog- 
lich sein, iiber gewisse Dinge zu sprechen, wenn die Impulse, die durch 
die Geisteswissenschaft gegeben sind, sittliche Impulse geworden sein 
werden; wenn die Menschen eine gewisse Hochgesinnung sich errungen 
haben werden durch die Geisteswissenschaft, so dafi man iiber gewisse 
Fragen anders sprechen kann als in einem Zeitalter, in dem merkwur- 
dige wissenschaftliche Gestalten herumwandeln, ich brauche nur an 
Freud und Konsorten zu erinnern. Aber diese Dinge werden schon er- 
reicht werden. 

In dem letzten Drittel seines Buches geht Saint-Martin iiber zu der 
Besprechung gewisser politischer Dinge. Da lalk sich in unserer Ge- 
genwart kaum an diesem One auch nur andeuten, wie man die Art, wie 
dazumal Saint-Martin denkt, in Verhaltnis bringen soil zu dem, wie 
jetzt die Menschheit, nun, sagen wir «denkt». Denn das ist ja verboten, 
dariiber zu sprechen. Ich kann nur sagen, daft die ganze Haltung, die 
Saint-Martin in diesem letzten Drittel seines Buches annimmt, eine 
aufterordentlich merkwiirdige ist. Liest man dieses Kapitel, so mufi man 
es heute lesen, indem man sich immer klar macht: Dieses Kapitel ist mit 
dem ganzen Buche 1775 erschienen, die Franzosische Revolution folgte 
erst, nachdem dieses Kapitel geschrieben war. Man mufi dieses Kapitel 
im Zusammenhang mit der Franzosischen Revolution denken; man 
mufi gerade dieses Kapitel lesen, indem man da wirklich vieles zwischen 
den Zeilen liest. Aber Saint-Martin geht, ich mochte sagen, als Okkul- 
tist vor. Derjenige, der kein Organ hat, die tiefen Impulse zu erkennen, 
die gerade in diesem Kapitel von Saint-Martin vorhanden sind, der wird 
wahrscheinlich sein Gemiit recht befriedigen an der Einleitung, die 
Saint-Martin zu diesem Kapitel macht. Denn in diesem Kapitel sagt 
Saint-Martin: Es soil nur ja niemand glauben, dafi ich irgend jemand 
nahetreten will. Jemand, der irgendwie mit den regierenden Machten 
der Erde etwas zu tun hat, der an irgend etwas regierungsmafiig betei- 
ligt ist, soli nur ja nicht glauben, daft ich ihm nahetrete. Ich bin ein 



Freund von alien, alien, alien. - Aber nachdem diese Entschuldigung 
verflossen ist, sagt er doch Dinge, gegen die wahrhaftig Rousseau's 
Bemerkungen Kinderspiel sind. Nun, auch iiber diese Dinge kann ich ja 
nicht weiter sprechen. 

Kurz, wir haben es mit einer tief einschneidenden Bedeutung dieses 
Mannes zu tun, der eine Schule hinter sich hatte, und ohne den Herder, 
Goethe, Schiller und die deutsche Romantik gar nicht zu denken sind, 
wie er nicht zu denken ist ohne Jakob Bohme. Und dennoch, liest man 
ihn heute, laftt man ihn auf sich wirken, so ist es so, wie ich eben gesagt 
habe: Es hatte nicht den geringsten Wert, in Saint-Martinschen Formen 
etwa zu dem Publikum so zu sprechen, wie ich es letzten Donnerstag 
und Sonnabend getan habe - und es auch nachsten Donnerstag wieder 
tun werde -, indem ich versuchte, ein Weltbild zu entwerfen, das auf 
der einen Seite voll gerecht wird den geisteswissenschaftlichen Grund- 
lagen, auf der anderen Seite voll gerecht wird auch den minuziosesten 
naturwissenschaftlichen Entdeckungen der Gegenwart. In die Art und 
Weise, wie man heute zu denken hat, wie man mit Recht heute die 
Dinge zu formulieren hat, pafit eben die Vorstellungsart des Saint-Mar- 
tin nicht mehr hinein. Wie fur jemanden, der aus einem Sprachgebiet in 
ein anderes kommt, nicht die Sprache des ersten Sprachgebietes pafit, 
sondern die des zweiten, so ware es heute ein Unsinn, in den Gedan- 
kenformen des Saint-Martin die Dinge erortern zu wollen; und haupt- 
sachlich ein Unsinn, weil eben jene gewaltige Scheidewand in der Gei- 
stesentwickelung zwischen uns und ihnen liegt, welche in das Jahr 1 842 
fallt, also am Ende des ersten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts. 

Sie sehen daraus: In der Geistesentwickelung der Menschheit liegt 
eine Moglichkeit, mit einer gewissen Denkungsart in die Abenddamme- 
rung hereinzukommen. Aber nun hat man nicht etwa das Gefiihl, wenn 
man auf Saint-Martin sich einlafit: da ist nun alles schon herausgeholt. 
Dies ist durchaus nicht der Fall, sondern man hat im Gegen teil das Ge- 
fiihl: Da ist eine solche Unsumme von noch ungehobenen Weisheits- 
schatzen darinnen, daft sehr viel herausgeholt werden konnte. Und 
dennoch ist es auf der anderen Seite eine Notwendigkeit, dafi in dem 
Fortschreiten der Geistesentwickelung der Menschheit diese Art zu 
denken aufhore und eine andere beginne. Das liegt also vor. Denn mit 



der anderen steht die aufiere Welt ja noch ganz im Anfang, sie ist ja erst 
bei der aufiersten materialistischen Phase angekommen. Daher wird 
man so recht verstehen konnen, was da eigentlich geschehen ist, erst 
dann, wenn man grofiere Zeitraume iiberblickt, wo dasjenige, was die 
Geisteswissenschaft heute erst anregen will, iiber einen grofieren Zeit- 
raum hin verlaufen ist. Denn natiirlich hat sich dasjenige, was Saint- 
Martin am Ende des achtzehnten Jahrhunderts geaufiert hat, als es in 
seiner Morgendammerung war, auch anders ausgenommen, als es sich 
heute ausnimmt. 

Nun ist dazumal in dieser ganzen Zeit uberhaupt etwas zu Ende ge- 
gangen. Nicht nur das ist zu Ende gegangen, dafi solche Begriffe, die 
Jakob Bohme, Paracelsus, Saint-Martin und andere beherrscht haben 
noch in verhaltnismafiig spaterer Zeit in der Abenddammerung, un- 
moglich weiter gehandhabt werden konnen; nicht nur das ist vorgegan- 
gen, sondern es ist auch mit der Fuhlweise etwas sehr Bedeutsames 
vorgegangen. Zeigt sich uns, ich mochte sagen, der mehr auf die Natur 
hinaus gerichtete Menschengeist in bezug auf dieses Abenddamme- 
rungs-Phanomen gerade anschaulich in Saint-Martin, so zeigt sich die- 
selbe Erscheinung in etwas anderer Art, wenn wir unseren Blick wer- 
fen auf eine in der Zeit fast parallelgehende Erscheinung, auf die 
Abenddammerung der Theosophie, auf das Herabdammern, Herunter- 
dammern, der theosophischen Weltanschauung. Gewifi, Saint-Martin 
wird auch gewohnlich Theosoph genannt, aber ich meine jetzt, indem 
ich Saint-Martin charakterisiere, eine mehr nach dem Naturwissenschaft- 
lichen hin gerichtete Theosophie, und mit dem, was ich jetzt charakte- 
risieren will, eine mehr religiose Theosophie, die dazumal Theosophie 
genannt wurde, als sie herrschte. Sie herrschte allerdings in dieser be- 
sonders prazisen Ausgestaltung, so daft sie da einen Hohepunkt er- 
reichte, in - ja, man kann eigentlich nicht einmal gut Suddeutschland 
sagen - im Schwabenland, wo herausragen aus dieser allgemeinen theo- 
sophischen Niedergangsepoche, die aber gerade ihre besondere Reife 
erlangte in dieser Abenddammerungs-Epoche, unter den verschiedenen 
Gestalten die beiden: Bengel und Oetinger. Sie sind umgeben von einer 
ganzen Anzahl anderer. Ich will nur diejenigen nennen, die mir naher 
bekannt sind: Friedrich Daniel Schubart, der Mathematiker Hahn, 



dann Steinhofer, dann der Schulmeister Hartmann s der einen grofien 
Einflufi auf Jung-Stilling hatte, auch auf Goethe einen gewissen Einflufi 
hatte, sogar mit Goethe personlich bekannt war, dann Johann Jakob 
Moser - eine grofie Anzahl bedeutender Geister in verhaltnismafiig be- 
scheidenen Stellungen, die einen nicht einmal zusammenhangenden 
Kreis bildeten, aber die alle lebten in der Zeit, in der auch das Gestirn 
Oetingers leuchtete. Oetinger war ja derjenige, der fast das ganze acht- 
zehnte Jahrhundert mitmachte. 1702 ist er geboren und 1782 als Pralat 
in Murrhardt gestorben; eine hochst merkwiirdige Personlichkeit, in 
der sich in gewisser Beziehung konzentrierte dasjenige, was sich in die- 
sem ganzen Kreise zugetragen hat. 

Einen Nachklang zu dieser Theosophie des achtzehnten Jahrhunderts 
bildete dann der auch an anderen Universitaten lehrende, aber vor- 
zugsweise in Heidelberg lehrende Richard Rothe , der eine sehr schone 
Vorrede geschrieben hat zu einem Buche, das Carl August Auberlen 
herausgegeben hat iiber «Die Theosophie Friedrich Christoph Oetin- 
gers», in welcher Vorrede sich gerade Richard Rothe, der ja einen 
Nachklang darstellt, der sich die Traditionen bewahrt hat aus diesem 
Kreise, aus seiner theosophischen Oberzeugung heraus auf der einen 
Seite noch immer erinnert an die Theosophie jener grofien Theosophen, 
von denen ich eben die Namen genannt habe, auf der anderen Seite aber 
so spricht, daft man genau erkennt, wie gerade Richard Rothe fiihlt, 
daft er hinter einer Dammerungsperiode steht auch mit Bezug auf dieje- 
nigen Lebensgeheimnisse, die er gerade als Theologe im Auge hat. Und 
so spricht denn Richard Rothe iiber Oetinger in dieser Vorrede. Und 
eine Stelle aus dieser Vorrede mochte ich Ihnen hier zur Verlesung 
bringen. Die Vorrede selber ist geschrieben 1847. Ich mochte sie Ihnen 
zur Verlesung bringen, damit Sie sehen, wie in Richard Rothe - dazu- 
mal war er in Heidelberg - ein Mensch lebte, der zuriickdachte an 
Oetinger, und der in Oetinger noch einen Menschen gesehen hat, der sich 
bemiiht hat, vor alien Dingen die Schrift des Alten und Neuen Testa- 
mentes in seiner Art zu lesen; zu lesen aber mit theosophischem Welt- 
verstandnis. Und auf diese besondere Art, die Schrift zu lesen, blickt 
Richard Rothe zurttck und vergleicht diese Art, die Schrift zu lesen, mit 
der Art, wie er sie auch nun schon - er ist ja erst in den sechziger Jah- 



ren gestorben, er ist ein Nachklang -, wie er sie gelernt hat, wie sie urn 
ihn herum iiblich war. Mit dieser Art, die Schrift zu iesen, vergleicht er 
dasjenige, was die Bengel, Oetinger, Steinhofer, der Mathematiker- 
Astronom Hahn und and ere angestrebt haben. 

Da sagt Richard Rothe ganz merkwiirdige Worte: 

«Unter den Mannern dieser Richtung nun, denen auch Bengel mit 
seiner Apokalyptik bestimmt angehort, steht Oetinger in vorderster 
Reihe. Unbefriedigt von der Schultheologie seiner Zeit, diirstet er nach 
einem reicheren und volleren, eben damit dann aber freilich auch reine- 
ren Verstandnis der christlichen Wahrheit. Die orthodoxe Theologie 
geniigt ihm nicht, sie diinkt ihn schal; er verlangt iiber sie hinaus, nicht 
weil sie seinem Glauben zu viel zumutet, sondern weil sein tiefer Geist 
mehr bedarf als sie zu geben hat. Nicht an ihrem Supranaturalismus» - 
an dem Supranaturalismus der landlaufigen Theologie - «stolk er sich, 
sondern daran, dafi sie das Ubernaturliche nicht reell genug nimmt. Der 
ihr gelaufige Spiritualismus, der die Realitaten der Welt des christlichen 
Glaubens zu blassen Abstraktionen, zu blofien Gedankenbildern depo- 
tenziert, widerstrebt ihm in der innersten Seele. Daher sein Feuereifer 
gegen alien Idealismus. . .» 

Solch ein Satz konnte sonderbar erscheinen, aber man mull ihn ver- 
stehen. Unter Idealismus versteht ja der Deutsche ein System, das nur 
in Ideen lebt, wahrend Oetinger, und mit ihm Rothe, wirkliches Gei- 
stesleben anstrebte: wirkliche Geister, die die Geschichte vorriicken 
machen, nicht das, was die Rankes und dann die anderen alle mit ihren 
blassen Ideen, als die sogenannten historischen Ideen geschildert haben. 
Als ob Ideen - ja, man weifi da nicht ein Wort, wenn man « reell » reden 
will - so durch die Geschichte wandeln konnten, und nun die Sache 
vorwarts bringen konnten. Das Lebendige wollten diese Leute setzen 
an die Stelle des Abstrakt-Toten. «Daher sein Feuereifer gegen alien 
Idealismus, sein, freilich, wiewohl wider seine Absicht, in den Materia- 
lismus hiniiberspielender Realismus, sein energisches Dringen auf 
<massive> Begriffe.» 

Das sind Begriffe, die das Geistige wirklich ergreifen, die nicht davon 
reden, dafi ein ideelles Urbild den Dingen zugrunde liegt, sondern die 
die Geister suchen - massive Gedanken und Begriffe. 



«Auch sein Zug zu der Natur und den Naturwissenschaften hin 
hangt innig zusammen mit dieser seiner wissenschaftlichen Grundrich- 
tung. Die verachtliche Geringschatzung, mit welcher der Idealist so 
leicht die Natur behandelt, war ihm fremd; er ahnte hinter ihrer groben 
Materialitat ein reales Sein und war tief durchdrungen von der Uber- 
zeugung, dafi es ohne Natur liberall kein wahres, weil kein reales Sein 
geben konne, es sei nun das gottliche oder das geschopfliche. Es ist da- 
bei uberraschend und eine neue Legitimation der historischen Berechti- 
gung der Richtung, von welcher wir hier reden, wie in diesem Durst nach 
einem wirklichen Verstandnis der Natur nicht blofi in unserm Oetinger, 
sondern auch in den friiheren und den gleichzeitigen protestanti- 
schen Theosophen, am gewaltigsten in Jakob Bohme, die urspriingliche 
wissenschaftliche Tendenz des Reformationszeitalters, wie sie sich in 
seinen philosophischen Bestrebungen darstellt, von neuem durchbricht. 
Ein soldier Realismus, nach dem Oetinger schmachtete, ist dem Chri- 
stenthum in seinem innersten Wesen angeboren;» - sagt Richard Rothe 
- «auf eine andere Geistesrichtung gepflanzt, mufi es sich stets Ab- 
schwachungen gefallen lassen, und gerade in seinen eigentumlichsten 
Lehrpunkten am meisten. Er vermag dann auch eine ganz anders reiche 
christliche Wunderwelt zu tragen als der uns alien von klein auf aner- 
zogene Idealismus, der iiberall von der Furcht geangstet wird, die gott- 
lichen Dinge zu reell zu denken und die gottlichen Worte zu eigentlich 
und zu buchstablich zu nehmen. Ja dieser christliche Realismus fordert 
geradezu eine solche Wunderwelt, wie sie insbesondere in der Lehre 
von den letzten Dingen sich entfaltet. Er lafit sich daher auch nicht irre 
machen in seinen eschatologischen Hoffnungen durch das mitleidi- 
ge Kopfschutteln der sich allein verstandig Diinkenden; er begreift 
es vielmehr nicht, wie doch ein gedankenmafiiges Verstandnis der ge- 
schaffenen Dinge und ihrer Geschichte moglich sein sollte ohne einen 
klaren und deutlichen Gedanken von dem letztlichen Resultate der 
Weltentwickelung, das ja als Zweck und Ziel der Schdpfung allein 
iiber ihren Begriff und Sinn Licht geben kann. Er schreckt endlich 
auch nicht zuriick vor den Gedanken einer reellen, einer leibhaf- 
tigen und darum wirklich lebendigen Geisterwelt und einer ebenso reel- 
len Beriihrung des Menschen auch schon in seinem jetzigen Zustande 



mit ihr. Der Leser sagt sich selbst, wie genau dies alles bei Oetinger 
zutrifft.» 

Da haben Sie den Hinweis auf eine Zeit, in der gesucht wurde nicht 
nach den Ideen der Natur, sondern nach einer lebendigen Geisterwelt; 
und in der Tat, Oetinger hat alles, was ihm zuganglich war an Schatzen 
des Wissens der Menschheit in seinem Leben zusammenzutragen 
versucht, um eine lebendige Beriihrung mit der geistigen Welt zu 
erlangen. Und was stand hinter diesem Manne? Der Mann war noch 
nicht ein solcher, wie ein Mann, der in der Gegenwart lebt. Der 
Mensch der Gegenwart hat vor alien Dingen die Aufgabe, zu zeigen, 
wie die moderne Naturwissenschaft sich korrigieren lassen mufi durch 
Geisteswissenschaft, damit ein wirkliches Wissen zustande komme. 
Oetinger strebte noch etwas anderes an: er strebte an, zu zeigen eine 
Erlangung der lebendigen Geisterwelt, um zum Verstandnis der Bibel, 
der Schrift, namentlich des Neuen Testamentes zu kommen. Und dar- 
uber spricht nun auch sehr schon Richard Rothe: 

«Um indes diesen zu verstehen, mufi man ganz besonders auch noch 
seine Stellung oder vielmehr seine Stimmung» - namlich Oetingers 
Stimmung - «gegeniiber von der heiligen Schrift mit in Rechnung brin- 
gen, sein lebendiges Bewufitsein darum, dafi das rechte, das heifit das 
ganze und voile und deshalb auch das wirklich reine Verstandnis der 
Bibel noch fehle, dafi es namentlich in der kirchlichen Auslegung der- 
selben noch nicht gegeben sei. Ich kann, was ich hiermit von Oetinger 
sagen will, vielleicht am deutlichsten machen, wenn ich erzahle, wie es 
mir selbst seit nun mehr als dreifiig Jahren mit der heiligen Schrift er- 
geht,» - so spricht Richard Rothe - «vorziiglich mit dem Neuen 
Testament und in diesem wieder vor allem mit den Reden des Erlosers 
und den paulinischen Briefen. Der Eindruck, den die Schrift mir gibt, 
wenn ich mit unsern Kommentaren an sie herantrete, ist das je langer 
desto lebendigere Bewufitsein um ihre Uberschwanglichkeit, nicht etwa 
blofi was das freilich nie auszuschopfende Meer der Empfindung be- 
trifft, das sie durchwogt (die Tiddrj Sacrae Scripturae, wie Bengel es 
nennt), sondern nicht minder auch in Ansehung des in ihrem Wort 
niedergelegten Gedankeninhalts. Ich stehe vor ihr mit einem Schliissel, 
den mir die Kirche als einen lange Jahrhunderte hindurch erprobten in 



die Hand gegeben. Ich kann nicht geradezu sagen, dafi er nicht paflt, 
aber noch weniger, daft er der rechte ist. Er schliefit notdiirftig auf, 
aber nur mit Hiilfe der Gewalt, die ich dem Schlofi antue. Unsre tradi- 
tionelle Exegese— ich meine nicht die neologische - lafk mich die Schrift 
verstehen, aber sie reicht nicht aus, um mich sie ganz und rein verste- 
hen zu lassen. Den allgemeinen Inhalt ihrer Gedanken weifi sie wohl 
hervorzuziehen, aber die eigentiimlkhe Gestalt, in der diese Gedanken 
in ihr auftreten, weifi sie nicht zu motivieren. Es liegt mir immer noch 
wie ein Flor iiber dem Texte auch nach geschehener Auslegung. Dieser 
bleibt an dem Schriftwort als ein irrationaler Rest zuriick, der, wenn 
anders sie ihr Geschaft tuchtig ausgerichtet hat, die biblischen Verfasser 
und diejenigen, deren Rede diese selbst erst wieder referieren, in eine 
sehr ungiinstige Lage bringt. In der Tat, haben der Herr und seine 
Apostel nur das und genau gerade das sagen wollen, was die Ausleger 
sie sagen lassen, so haben sie sich sehr ungelenk und unbequem oder, 
richtiger geredet, sehr wunderlich ausgedriickt, und denen, die sie hor- 
ten und die sie lesen, hochst unnotigerweise das Verstandnis erschwert. 
Die unabsehliche Bibliothek unserer exegetischen Literatur ist in diesem 
Falle eine ernste Anklage wider sie, daft sie so wenig klar und deutlich, 
so wenig rund heraus und mit reinlicher Zunge gesprochen haben von 
so unvergleichlich wichtigen Dingen und zu einem so unvergleichlich 
wichtigen Zweck. Aber wer fiihlte nicht, daft diese Anklage sie nicht 
trifft? Der rechte Leser der Bibel empfangt den vollig unzweideutigen 
Eindruck, daft die Rede gerade so die rechte ist, wie sie lautet, - daft 
das keine bedeutungslosen Schnorkel sind, was unsre Exegese von der 
Fassung der Schriftgedanken immer erst als wilde Reben wegschneiden 
mufi, ehe sie in ihren Gehalt eindringen kann, - daft die langgewohnte 
Art der Exegeten, das Schriftwort, weil es so alt und verlegen sei, erst 
abzustauben, bevor sie es verdolmetschen, darauf hinauslauft, zuerst 
den unnachahmlichen Schmelz von ihm abzuwischen, durch den es nun 
schon seit Jahrtausenden in unverganglichem Fruhlingsglanze ewiger 
Jugend strahlt. Die Meister der Bibelauslegung mogen lacheln, wie sie 
wollen, es bleibt doch dabei, - es steht nun einmal etwas zwischen den 
Zeilen ihres Textes geschrieben, was sie mit aller ihrer Kunst zu lesen 
nicht imstande sind, was man aber gerade vor allem miifite lesen kon- 



nen, um die durchaus eigentiimlkhe Fassung zu verstehen, in welcher 
die unter uns allgemein anerkannten Gedanken der gottlich geoffenbar- 
ten Wahrheit eben nur in der heiligen Schrift, im charakteristischen Un- 
terschiede von alien sonstigen Darstellungen derselben, uns begegnen. 
Unsre Interpreten deuten uns nur die im Vordergrunde stehenden Figu- 
ren des Schriftgemaldes, aber den Hintergrund desselben mit seinen 
fernen wunderbar geformten Bergziigen und seinem glanzvoilen tief- 
blauen Wolkenhimmel ignorieren sie. Und doch fallt gerade von diesem 
aus auf jene das in seiner Art vollig einzige magische Licht, in dem sie 
eine Verklarung erhalten, die fur uns das eigentlich Ratselhafte an ihnen 
ist. Die eigentiimlichen Fundamentalgedanken und Fundamentalan- 
schauungen, die der Art und Weise, wie die Schrift redet, als unausge- 
sprocbene Voraussetzung zum Grunde liegen, fehlen uns; mit ihnen 
aber fehlt uns nicht weniger als eben das alles Einzelne der Schriftge- 
danken organisch zusammenhaltende Band, die eigentliche Seele, der 
innere Zusammenhang der einzelnen Elemente des biblischen Gedan- 
kenkreises. Kein Wunder dann, dafi wir es bei hundert Dingen in unse- 
rer Bibel, die eben deshalb immerwahrende cruces interpretum bleiben, 
nicht zu einem genauen Verstandnis bringen konnen, nicht zu einem 
Verstandnis, welches das Detail des Textes vollstandig in alien seinen 
kleinen Ziigen als motiviert erkennt. Kein Wunder, dafi wir bei so vie- 
len Stellen ein ganzes Heer von verschiedenen Auslegungen haben, die 
nun schon seit undenklichen Zeiten miteinander im Streit liegen, ohne 
dafi es zum Ausschlag des Kampfes gekommen ware. Kein Wunder; 
denn sie werden wohl alle falsch sein, weil alle ungenau, alle nur unge- 
fahr, nur in Bausch und Bogen den Sinn treffend. Wir treten mit dem 
Alphabet unsrer Grundbegriffe von Gott und der Welt vor den bibli- 
schen Text hin, wir unterstellen in gutem Glauben, wie wenn es sich 
von selbst verstande und gar nicht anders sein konnte, das der bibli- 
schen Verfasser, welches hinter allem, was sie Einzelnes denken und 
schreiben, als stillschweigende Voraussetzung im Hintergrunde steht 
und durch alles hindurchleuchtet, werde dasselbe sein. Aber das ist lei- 
der eine Tauschung, von der die Erfahrung uns langst geheilt haben 
solite. Unser Schlussel schlielk eben nicht, der rechte Schlussel ist ab- 
handen gekommen, und bis wir uns wieder in seinen Besitz gesetzt, 



wird unsre Schriftauslegung auf keinen griinen Zweig kommen. Das in 
der Schrift selbst nicht ausdriicklich vorgetragene, sondern nur voraus- 
gesetzte System der biblischen Grundbegriiie fehlt uns, es ist nun ein- 
mal nicht das unsrer Schulen, und so lange wir ohne dasselbe exegesie- 
ren, mufi uns die Bibel ein M&verschlossenes Buch bleiben. Mit ande- 
ren Grundbegriffen als die uns gelaufigen, welche wir fur die einzig 
moglichen zu halten pflegen, miissen wir in sie eintreten; und welche 
diese auch immer sein, und wo sie auch immer zu suchen sein mogen, 
das Eine wenigstens ist wohl unzweifelhaft nach dem ganzen Klange 
der Melodie der Schrift in ihrer naturlichen Fiille, dafi sie realistischere, 
<massivere> sein miissen. Ich habe hier lediglich meine individuelle Er- 
fahrung berichtet. Fern davon, sie denen aufdringen zu wollen, wel- 
chen sie fremd ist, darf ich doch zuversichtlich glauben, Oetinger 
wurde mich verstehen und mir bezeugen, gerade dies sei auch sein Fall 
gewesen. Aber auch unter den Zeitgenossen rechne ich auf solche, die 
mir hierin, bei alien sonstigen Protestationen gegen mich, beitreten 
werden. Ich nenne statt vieler nur Einen, den vortrefflichen Dr. Beck in 
Tubingen. » 

Oetinger hat eben versucht, zum Verstandnis der Bibel zu kommen 
dadurch, dafi er - er lebte in der Abenddammerung, geradeso wie 
Saint-Martin - die in dieser Abenddammerung noch lebendigen Be- 
griffe fur sich zu beleben suchte, dafi er in einen lebendigen Zusammen- 
halt zu kommen suchte mit der geistigen Welt, denn dann erst hoffte 
er, dafi ihm die wirkliche Sprache der Bibel aufgehen konne. Denn 
seine Voraussetzung war fest diese, dal$ man mit bloft abstrakten 
Verstandesbegriffen eben an dem Wichtigsten der Bibel vorbeiliest, 
besonders des Neuen Testamentes, und dafi man dem wahren Sinn 
des Neuen Testamentes nur nahekommt, wenn man zu verstehen 
vermag, dafi dieses Neue Testament aus dem unmittelbaren Anschau- 
en der geistigen Welt selber hervorgegangen ist, dafi es da keiner 
Auslegung bedarf, keiner Exegese, sondern dafi es vor alien Dingen 
dessen bedarf, dieses Neue Testament lesen zu konnen. Zu diesem 
Zwecke suchte er eine Philosophia sacra. Das sollte nicht eine Philo- 
sophic sein nach dem Muster derjenigen, die nachher gekommen 
sind, sondern eine solche, in der geschrieben steht dasjenige, was 



der Mensch wirklich erleben kann, wenn er mit der geistigen Welt zu- 
sammenlebt. 

Geradeso wie wir, wenn wir naturwissenschaftlich beleuchten wollen 
geisteswissenschaftliche Voraussetzungen, heute nicht sprechen konnen 
im Sinne Saint-Martins, so konnen wir nicht, wenn wir heute von den 
Evangelien sprechen, im Sinne Oetingers, noch weniger im Sinne Ben- 
gels sprechen. Fruchtbar wird immer noch sein die Ausgabe des Neuen 
Testamentes, die Bengel gemacht hat; aber mit demjenigen, was Bengel 
besonders nahegelegen hat, wird der moderne Mensch zunachst gar 
nichts anzufangen wissen: mit der Apokalyptik. Oetinger selber lag die 
Apokalyptik feme; dem Alteren, Bengel, lag die Apokalyptik sehr 
nahe. Und da hat er in seiner Apokalyptik besonderen Wert gelegt auf 
Rechnungen; er hat so die Perioden der Geschichte entsprechend ausge- 
rechnet. Und er hat eine Zahl fur besonders wichtig gehalten. Und dafi 
er diese Zahl besonders wichtig gehalten hat, das geniigt selbstverstand- 
lich ganz allein fur die modern denkenden Menschen - jetzt sage ich 
selbstverstandlich «modern denkende Menschen» in Gansefiifichen -, 
Bengel fur einen Wirrkopf, fur einen Phantasten, fur einen Narren zu 
halten; denn nach seinen Rechnungen sollte das Jahr 1836 ein besonders 
wichtiges in der Menschheitsentwickelung sein. Er hat grofiartige 
Rechnungen angestellt. Er lebte ja in der ersten Halfte des achtzehnten 
Jahrhunderts, also er war noch durch ein Jahrhundert getrennt von die- 
sem Jahr 1836. Das hat er nun ausgerechnet, allerdings noch in seiner 
Art sich die Dinge geschichtlich vorgestellt. Wenn man sie aber an- 
schaut und tiefer eingeht auf die Dinge und nicht die Klugheit hat eines 
modernen Geistes, dann weifi man, dafi sich der gute Bengel nur um 
sechs Jahre geirrt hat. Dieser Irrtum beruht auf einem falschen Ansatz 
des Jahres der Begriindung Roms; das lafit sich leicht nachweisen. Was 
er mit seiner Rechnung gemeint hat, ist das Jahr 1842, das Jahr, das wir 
anzugeben haben fur die materialistische Krisis. Den tiefen Einschnitt 
hat er gemeint, Bengel, der Lehrer Oetingers. Er hat nur, weil er in der 
Sucht nach massiven Begriffen zu weit gegangen, sie zu massiv gedacht 
hat, sich den aufieren Geschichtsverlauf vorgestellt, als ob da etwas Be- 
sonderes geschehen wiirde, was wie ein jungster Tag ware; das hat er 
sich so vorgestellt. Es war nur ein jungster Tag fur die alte Weisheit! 



So sehen wir gar nicht so lange getrennt von uns ein theosophisches 
Zeitalter untergehen. Und wenn heute einer Geschichte oder Philosophic 
schreibt, dann wird er, wenn er uberhaupt diese Leute nennt, ihnen 
hochstens einige Zeilen widmen, die gewdhnlich hochst wenig besagen. 
Trotzdem haben diese Leute einen tiefgehenden Einflufl ausgeiibt. Und 
wenn heute jemand nach dem Sinn des zweiten Teiles des Goetheschen 
«Faust» fragt und diesen Sinn so findet, wie ihn viele Kommentatoren 
finden, dann kann man sich nur wundern, daft «dem Kopf nicht alle 
Hoffnung schwindet, der immerfort an schalem Zeuge klebt, mit gier- 
ger Hand nach Schatzen grabt und froh ist, wenn er Regenwurmer fin- 
det». In diesem zweiten Teil des «Faust» steckt eine Unsumme von ok- 
kulter Weisheit und Wiedergabe von okkulten Tatsachen, allerdings 
ausgedriickt in wirklich dichterischer Gestalt. Das alles ware undenk- 
bar, wenn nicht die Welt vorangegangen ware, die ich Ihnen nur in 
zwei hauptsachlichen Erscheinungen charakterisieren wollte. Der heu- 
tige Mensch macht sich gar keine Vorstellung, wieviel man in verhalt- 
nismafiig noch gar nicht so lange zuriickliegender Zeit von der geistigen 
Welt noch gewufit hat, wieviel in den allerletzten Jahrzehnten erst ver- 
schiittet worden ist. Allerdings, es ist auflerordentlich wichtig, auf diese 
Tatsache einmal das Augenmerk zu lenken - denn man wird gerade das 
Evangelium lesen lernen, auch mit dem, was wir heute von der Gei- 
steswissenschaft geben konnen -, die Tatsache, dafi nur ein allererster 
Anfang gemacht ist im Wiederlesen des Evangeliums. 

Bei Oetinger liegt die Sache auch so merkwiirdig. In Oetingers 
Schriften findet sich ein Satz, der immer wieder zitiert, aber immer 
wieder nicht verstanden wird, ein Satz, der allein geniigen wiirde fiir 
einen Einsichtigen, zu sagen: Dieser Oetinger ist einer der grolken Gei- 
ster der Menschheit. Das ist der Satz: Die Materie ist das Ende der 
Wege Gottes. - Solch eine Definition der Materie zu geben, die so sehr 
entspricht demjenigen, was der Geisteswissenschafter auch wissen kann, 
ist nur moglich bei einer ungeheuer entwickelten Seele, nur mog- 
lich, wenn man imstande ist zu begreifen, wie die gottlich-geistigen 
Schopferkrafte wirken, sich konzentrieren, um zustandezubringen ein 
materielles Gebilde, wie es zum Beispiel der Mensch ist, das in seiner 
Form ausdriickt ein Ende einer ungeheuren Konzentration von Kraf- 



ten. Wenn Sie lesen, was sich im Gesprach zwischen Capesius und Be- 
nedictus im zweiten Mysteriendrama am Anfang entwickelt von der 
Beziehung des Makrokosmos zum Menschen, woran da der Capesius 
krankt, dann werden Sie einen Begriff davon sich verschaffen, wie man 
im Sinne der heutigen Geisteswissenschaft diese Dinge, umgesetzt in 
unsere Worte, ausdriicken kann, fiir die in seinem Sinne Oetinger das 
bedeutsame Wort, das man eben nur versteht, wenn man die Sache 
wiedergefunden hat, aussprechen konnte: Die Materie stellt dar das 
Ende der Wege Gottes. - Aber auch eben bei ihm ist es so: man kann 
nicht mehr in seinen Worten sprechen, ebensowenig wie in den Worten 
Saint-Martins. Wer die spricht, der mulS eben eine Vorliebe zur Konser- 
vierung desjenigen haben, was heute nicht mehr verstanden werden 
kann. 

Aber nicht nur haben die Vorstellungen eine solche Umgestaltung er- 
fahren; auch die Gefuhle, eine ungeheure Umgestaltung auch die Ge- 
fuhle. Denn man denke sich nur so einen richtigen Menschen unserer 
modernen Zeit. Denken Sie ein richtiges Prachtexemplar eines solchen 
Menschen der modernen Zeit, und denken Sie sich, was sich der fiir 
eine Vorstellung machen sollte, wenn er nun den Saint-Martin «Des er- 
reurs et de la verite» aufschlagt und da zufallig findet den Satz: Der 
Mensch ist bewahrt worden davor, das Prinzip seiner aufieren leibli- 
chen Korperlichkeit zu kennen; denn wiirde er das Prinzip seiner leibli- 
chen Korperlichkeit kennen, so wiirde er vor Schamgefuhl niemals ei- 
nen entblofken Menschen sehen konnen. - In dem Zeitalter, in dem man 
Nacktkultur auf den Biihnen ersehnt - das tun ja gerade die Pracht- 
exemplare der modernen Menschheit -, kann man ja selbstverstandlich 
mit einem solchen Satz nichts anfangen. Denken Sie, da tritt ein grower 
Philosoph, Saint-Martin, begreifend die Welt, auf und erklart: Es ge- 
hort zum hoheren Schamgefuhl, daft man eigentlich errotet, wenn man 
eine menschliche Gestalt anschaut. - Und doch, fiir Saint-Martin ist 
dies eine absolut begreifliche Sache. Eine absolut begreifliche Sache! 

Sehen Sie, ich habe zunachst heute hinweisen wollen erstens darauf, 
dafi da etwas verschuttet ist, das ungeheuer bedeutsam ist, dann aber 
habe ich besonders aufmerksam machen wollen, dafi da in einer Sprache 
geredet wird, die wir nicht mehr sprechen konnen. Wir miissen anders 



sprechen. Es sind eben Moglichkeiten des Denkens verloren gegangen, 
urn noch in dieser Sprache heute zu sprechen. Aber sowohl bei Oetin- 
ger wie bei Saint-Martin finden wir, dafi die Dinge durchaus nicht zu 
Ende gedacht sind; sie konnen weitergedacht werden. Man kann sich 
iiber sie weiter unterhalten, aber nicht mit einem modernen Menschen. 
Ich mochte noch weiter gehen und sagen: Man braucht sich iiber sie 
nicht einmal zu unterhalten, wenn man heute nach den Ratseln der 
Welt fragt, weil wir uns ja selber begreifen miissen nicht mit alten Be- 
griffen, sondern mit Begriffen der Gegenwart. Darum wird hier so viel 
darauf gehalten, dafi wir gerade mit Begriffen der Gegenwart verbinden 
alles, was geisteswissenschaftliche Bestrebungen anlangt. Das ist eine 
merkwiirdige Erscheinung: Man kann ungeheuer viel Wert darauf le- 
gen, gar nicht mehr in diese Begriffe zuriickzufallen, aber sie sind nicht 
ausgedacht; sie zeigen durch sich selbst, daft noch ungeheuer viel mit 
ihnen zu denken ist. Man hat gar keine Vorstellung, wie nun diese Be- 
griffe wiederum mit dem allgemeinen Bewufttsein zusammenhangen, 
weil man heute der sonderbaren Idee nachgeht, daft man eben eigentlich 
immer so gedacht hat wie heute. 

Das Prachtexemplar, von dem ich vorher gesprochen habe, das 
denkt: Nun, ich nenne die weifien Broselchen, die da sind, das weifte 
Pulver im Salzfafi, das nenne ich Salz. Nun weifi dieses Prachtexemplar, 
dafi Salz verschiedene Namen in verschiedenen Sprachen hat, aber daft 
man darunter immer dasselbe verstanden hat, was der heutige Mensch 
darunter versteht. Das setzt man natiirlich immer voraus. Aber das ist 
eben nicht wahr. Selbst der Bauer, selbst der ungebildetste Mensch hat- 
te, wenn er «Salz» aussprach im siebzehnten, achtzehnten Jahrhundert, 
sogar noch lange Zeit nachher, eine viel umfassendere Vorstellung. Er 
hatte vielmehr eine Vorstellung, von der die Saint-Martinsche Vorstel- 
lung eine konzentrierte war; er hatte nicht diese materialistische Vor- 
stellung, er hatte etwas, was mit dem spirituellen Leben zusammen- 
hangt, wenn er von Salz sprach. Die Worte waren schon nicht so mate- 
riell wie heute, beschaftigten sich nicht blofi mit dem, was das unmit- 
telbare, einzelne Materielle ist. Und nun lese man im Evangelium, wie 
der Christus zu den Jiingern sagt: «Ihr seid das Salz der Erde.» Ja, 
wenn das heute mit den heutigen Worten gesprochen wird: «Ihr seid 



das Salz der Erde», so ist es eben nicht das, was der Christus gespro- 
chen hat, weil man unwillkiirlich bei dem Worte «Salz» die Empfin- 
dung, die ganze Seelenkonfiguration hat, die heute ein Mensch bei dem 
Worte «Salz» hat; er mag ja recht weite Begriffe haben, aber das niitzt 
alles nichts. Man mufi das iibersetzen, dafi da gar nicht Salz steht, son- 
dern etwas anderes, urn bei dem heutigen Menschen dieselbe Empfin- 
dung hervorzurufen, die damals mit der damaligen Wertigkeit gesetzt 
worden ist mit dem Worte «Salz». Und so mufi man es mit Bezug auf 
sehr viele Urkunden schon machen, am meisten mit der Heiligen 
Schrift. Und sehr viel ist gesiindigt worden mit Bezug auf die Heilige 
Schrift gerade in dieser Beziehung. Und so ist es gar nicht unbegreif- 
lich, dafi Oetinger versuchte, unendliche historische Studien zu ma- 
chen, um hinter die Valeurs der Worte zu kommen, hinter das richtige 
Fiihlen der Worte zu kommen. Natiirlich gilt solch ein Kopf, wie 
Oetingers Kopf ist, heute als verriickt, weil sich Oetinger einschlielk in 
sein Laboratorium, und dort nicht wochen-, sondern monatelang 
alchimistische Experimente macht und kabbalistische Biicher studiert, 
blofi um darauf zu kommen, wie die Worte eines Satzes eigentlich zu 
verstehen sind; denn sein ganzes Bestreben geht auf die Worte der Satze 
der Heiligen Schrift. 

Nun, um von dem einen Gesichtspunkte auszugehen, zu zeigen, dafi 
heute, weil in einer Morgendammerung, anders gesprochen werden 
mufi als damals in einer Abenddammerung, aber um auch noch von ei- 
nem anderen Gesichtspunkte auszugehen, habe ich von den Dingen ge- 
sprochen, von denen ich heute hier gesprochen habe. Da mochte ich 
noch einmal zuruckkommen auf die eigentiimliche Tatsache, dafi es ge- 
genuber dem, was heute der Zeitgehalt ist, aus dem hier sich auch das 
Geisteswissenschaftliche herausentwickeln mufi, gleichgiiltig erscheinen 
konnte, sich zu vertiefen in die Vorstellungsart der damaligen Zeit, des 
Bengel, Oetinger, Saint-Martin und anderer. Denn spricht man zu der 
heutigen Bildung, mufi man vom Stoffwechselleib sprechen, vom At- 
mungsleib, vom Nervensystemleib; man kann nicht sprechen vom 
Merkurialleib, vom schwefligen Leib, vom Salzleib. Denn diese Begrif- 
fe, die noch im Paracelsus-Zeitalter, im Jakob Bohme-Zeitalter, in 
Saint-Martins Zeitalter, in Oetingers Zeitalter fiir diejenigen, die sich 



mit ihnen beschaftigt haben, verstandlich waren, sind heute nicht mehr 
verstandlich. Dennoch, es ist keineswegs wertlos, sich mit diesen Din- 
gen zu befassen, und es ware nicht wertlos, selbst wenn man iiberhaupt 
gar keine Moglichkeit hatte, zu der heutigen Bildung noch irgendwie 
mit diesen Begriffen zu sprechen. Ja, ich gebe Ihnen sogar noch mehr 
zu: Es ware sogar unklug, solche alten Begriffe von Merkur, Schwefel, 
Salz heute in das heutige Denken hineinzuwerfen. Ich finde es unklug; 
es ist gar nicht gut. Und derjenige, der den Pulsschlag seiner Zeit ver- 
steht, wird nicht darauf verfallen, diese alten Begriffe wiederum reno- 
vieren zu wollen, wie es gewisse sogenannte okkulte Gesellschaften 
tun, die darauf besonders viel geben, sich alte Vignetten anzuhangen. 
Und dennoch, es ist von ungeheuer grofier Bedeutung, sich jene Spra- 
che anzueignen, die eigentlich heute nicht mehr gesprochen wird, die 
aber noch nicht zu Ende gesprochen ist bei Saint-Martin, bei Oetinger 
oder in alteren Zeiten bei Paracelsus, bei Jakob Bohme. 

Warum? Ja, warum? Die Menschen der Gegenwart sprechen ja nicht 
so, da konnte man sich ja diese Sprache abgewdhnen, und man konnte 
hochstens das historische Phanomen ins Auge fassen: Wie konnte so 
eine historische Epoche sich nicht ausleben, wie kommt es, daft da noch 
etwas ist, was weitergehen konnte, was aber aufhort, trotzdem es wei- 
tergehen konnte? Wie kommt das? Was liegt da zugrunde? Es konnte ja 
richtig sein, dafi man sich iiberhaupt mit niemand verstandigt, wenn 
man alles das, was man zu lernen hat, auch ohne diese Begriffe lernen 
kann. 

Hier aber erweist sich etwas, was ungeheuer bedeutungsvoll ist: Die 
Lebenden sprechen nicht mehr von diesen Begriffen, haben nicht davon 
zu sprechen, brauchen nicht davon zu sprechen; um so wichtiger ist die 
Sprache dieser Begriffe fur die Toten, fur diejenigen, die durch des To- 
des Pforte gegangen sind. Und hat man notig, sich mit Toten irgendwie 
zu verstandigen, oder mit sonstigen gewissen Geistern der geistigen 
Welt, dann lernt man erkennen, dafi man in gewisser Beziehung not- 
wendig hat, sich jene unausgesprochene Sprache, die damals fur das ir- 
dische physische Leben des physischen Planes zu Ende gegangen ist, 
anzueignen. Und gerade unter denjenigen, die durch des Todes Pforte 
gegangen sind, wird allmahlich dasjenige, was in diesen Begriffen lebt, 



rege und lebendig, wird eine ihnen gelaufige Sprache, die sie suchen. 
Und je besser es versucht wird, sich so, wie es aber nun dazumal ge- 
dacht und empfunden und gefuhlt und vorgestellt worden ist, sich in 
diese Begriffe hineinzuleben, desto mehr gelingt es einem, sich mit den 
Geistern, die durch des Todes Pforte gegangen sind, zu verstandigen. 
Man lernt dann um so besser sie verstehen. Und da stellt sich dann das 
eigentiimliche, das merkwurdige Geheimnis heraus, daft eine gewisse 
Art der Gedankenformen auf dieser Erde lebt, aber nur bis zu einem 
gewissen Punkte, dann aber nicht mehr auf der Erde weitergebildet 
wird, sondern unter denjenigen, die dann in das Leben eingehen zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, weitergebildet wird. Man darf 
allerdings nicht glauben, dalS man nur von dem, was man heute auf- 
nehmen kann aus der Biidung von Schwefel, Quecksilber - Merkur ist 
nicht Quecksilber -, von Schwefel, Quecksilber, Salz, einen Nutzen 
hat. Wenn man nur diese Begriffe hat, dann nutzen einem diese Begriffe 
nichts, um mit den Toten in Beziehung zu kommen in ihrer Sprache. 
Aber wenn man diese Begriffe so aufnimmt, wie sie Paracelsus, wie sie 
Jakob Bohme hatte, namentlich so, wie sie, ich mochte sagen, in einer 
gewissen Oberfruchtigkeit Saint-Martin, Bengel, Oetinger hatten, dann 
merkt man, wie hierdurch eine Briicke geschlagen wird zwischen dieser 
Welt und der anderen Welt. Und hier mogen die Leute noch so lachen 
liber Bengels Berechnungen - sie haben ja auch selbstverstandlich fur 
das aufiere physische Leben keinen greifbaren Wert, aber fur diejeni- 
gen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen, haben diese 
Berechnungen erst recht einen grofien Sinn, einen bedeutungsvollen 
Sinn. Denn dort sind solche Einschnitte, wie der, den Bengel auszu- 
rechnen versuchte, beziiglich dessen er sich nur um sechs Jahre geirrt 
hat, von tiefgehender Bedeutung. 

Sie sehen: Die Welt hier auf dem physischen Plan und die Welt des 
Geistes, sie hangen nicht nur so zusammen, daft man den Zusammen- 
hang mit abstrakten Formeln iiberbriicken kann, sondern sie hangen in 
sehr konkreter Art zusammen, Dasjenige, was hier gewissermafien sei- 
nen Sinn verliert, das geht selber hinauf in die geistige Welt, lebt dort 
mit den Toten weiter, wenn es bei den Lebenden wiederum durch eine 
andere Phase ersetzt werden mufi. - Davon das nachste Mai weiter. 



BAUSTEINE ZU EINER ERKENNTNIS 
DES MYSTERIUMS VON GOLGATHA 



ACHTER VORTRAG 
Berlin, 27. Marz 1917 



In dieser Zeit mufi ich wiederholt aufmerksam machen auf einen Zug 
der Betrachtung, welcher durch unsere ganze Geisteswissenschaft in der 
Gegenwart gehen mufi. Ich habe diesen Zug der Betrachtung einen sol- 
chen genannt, dafi wir iiberall darauf sehen miissen, dafi hinter den Be- 
griffen und Vorstellungen und Ideen, die sich der Mensch bildet und in 
denen er lebt, nicht blofi dasjenige stent, was man oftmals im Leben 
Logik nennt, sondern dafi in den Begriffen und Vorstellungen der Men- 
schen dasjenige lebt, was man Wirklichkeit nennen kann. Nach wirk- 
lichkeitsgesattigten Begriffen mufi gesucht werden. Und es kann immer 
wiederum und wiederum nicht unnotig sein, gerade bei den Betrach- 
tungen, die nun hinauslaufen sollen auf ein ganz bestimmtes Ziel, das 
ich gleich bezeichnen werde, darauf aufmerksam zu machen, wie be- 
greiflich es werden kann, dafi ein Begriff, irgendeine Vorstellung, die 
im Leben vorhanden ist, zwar in einer gewissen Art wahr sein kann, 
aber nicht in die Wirklichkeit hinunterlangen kann. Gewifi, was eigent- 
lich mit diesen wirklichkeitsgesattigten Begriffen gemeint ist, das wird 
erst allmahlich klar werden; aber man kann sich auch, ich mochte 
sagen, durch einfache Vergleiche allmahlich dahin bringen, die Vor- 
stellung des Wirklichkeitsgesattigten zu haben. Daher will ich heute ein- 
leitungsweise durch einen Vergleich wiederum einmal auf das, was ich 
eigentlich meine, aufmerksam machen. 

Das, was ich jetzt sagen will, hat scheinbar, aber nur scheinbar, kei- 
nen Zusammenhang mit den nachfolgenden Betrachtungen, sondern ist 
nur eine einleitende Auseinandersetzung. Bis zum Jahre 1839 haben seit 
dem sechzehnten Jahrhundert alle romischen Kardinale einen wichtigen 
Schwur ablegen miissen. Es hatte namlich in den Jahren seiner papstli- 
chen Regierungszeit der Papst Sixtus V. - er regierte vom Jahre 1585 
bis 1590 - in der Engelsburg 5 Millionen Scudi niedergelegt als einen 
Schatz, der fur schlimme Falle da sein sollte. Und weil man das fur so 
wichtig hielt, dafi ein solcher Schatz fur schlimme Falle da sei, liefi man 
immer die Kardinale schworen, dafi sie diesen Schatz sorgfaltig behiiten 



wiirden. Im Jahre 1839 unter der Regierung des Papstes Gregor XVI. 
hat der spatere Kardinal Acton gegen diesen Schwur Einspruch erho- 
ben; er wollte die Kardinale nicht mehr schworen lassen, daft sie diesen 
Schatz bewahren wollen. - Wenn man nun von dieser Geschichte nichts 
anderes hort, so konnte man alle moglichen schonen Hypothesen auf- 
stellen dariiber, warum denn dieser merkwiirdige Acton die Kardinale 
nicht schworen lassen will, wie es in der damaligen Zeit noch verlangt 
wurde, den Schatz, der fur die papstliche Regierung so wichtig sein 
konne, zu bewahren. Und alles, was man dariiber sagt, konnte viel 
Logik enthalten. Aber alles, was man eventuell sehr schon sagen konnte 
dariiber, wird verschwinden gegeniiber dem, was Acton durch gewisse 
Tatsachenzusammenhange wufite, und die Kardinale nicht wufiten. Er 
wufite namlich, daft dieser Schatz seit dem Jahre 1797 gar nicht mehr 
vorhanden war, daft er bereits weg war. So hatte man die Kardinale 
schworen lassen, daft sie einen Schatz bewahren werden, der aber gar 
nicht mehr da war, und Acton wollte sich einfach nicht herbeilassen, 
einen Schwur iiber etwas, was gar nicht vorhanden ist, ablegen zu las- 
sen. Sie sehen, alle schonen Diskussionen und Hypothesen, die etwa 
derjenige aufstellen wurde, der nicht weift, daft der ganze Schatz nicht da 
war, daft er unter Pius VI. bereits aufgebraucht worden war - alle diese 
Hypothesen wiirden in nichts zerfallen. 

An einem solchen Beispiel konnte man, wenn man ein wenig dariiber 
meditiert - es scheint manchmal unnotig, iiber solche Dinge zu meditie- 
ren, die so auf der flachen Hand liegen, aber man mufi dariiber meditie- 
ren und so etwas auf der Hand Liegendes mit manchen anderen Dingen 
in der Welt vergleichen -, gerade durch dasjenige, was sich ergibt aus 
einer solchen Tatsache, konnte man darauf kommen, was es eigentlich 
mit wirklichkeitsgesattigten und nicht-wirklichkeitsgesattigten Begrif- 
fen fur eine Bewandtnis hat. Nun mufi ich aufmerksam machen auf die- 
ses Nicht- Wirklichkeitsgesattigtsein von Vorstellungen der Gegenwart 
aus dem einfachen Grunde, weil dies, wie Sie spater, vielleicht erst das 
nachste Mai, sehen werden, gerade mit dem Thema zusammenhangt, 
welches in der gegenwartigen Zeit von unserem Gesichtspunkte aus 
wiederum einmal besprochen werden mufi. Ich will mich namlich be- 
streben, die Betrachtungen, die wir schon angestellt haben, auslaufen 



zu lassen in die Besprechung eines besonderen Verhaltnisses, das sich 
auf das Christus-Mysterium bezieht. Was ich das letzte Mai hierzu her- 
beigetragen habe, wird Ihnen eine Unterstiitzung gerade derjenigen 
Seite des Christus-Mysteriums sein konnen, die wir jetzt betrachten 
wollen. Ich mochte nur heute manches, was scheinbar noch keinen Be- 
zug zu unserem eigentlichen Thema hat, vor Ihre Seele fuhren, weil es 
uns als eine Grundlage bedeutsame Dienste wird leisten konnen. 

Sie wissen ja, ich habe behutsam begonnen hinzuweisen auf eine ge- 
wisse Art der Betrachtung des Christus-Mysteriums in meinem nun 
schon vor langerer Zeit erschienenen Buch «Das Christentum als mysti- 
sche Tatsache». Dieses « Christentum als mystische Tatsache» - wel- 
ches, das sei nur nebenbei gesagt, eines der letzten Bucher war, das 
noch das alte Regime in Rutland vor wenigen Wochen in seiner neuen 
Auflage konfisziert hat - ist, ich mochte sagen, ein erster Anhub, das 
Christentum selbst zu begreifen vom geistigen Standpunkte aus; vom 
Standpunkte, der im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der christlichen 
Entwickelung des Abendlandes selber mehr oder weniger verschwun- 
den ist. Nun mochte ich vorerst eines besonders hervorheben, was ja 
eigendich so liegt, dafi alle Ausfiihrungen des Buches «Das Christen- 
tum als mystische Tatsache» damit stehen und fallen. Eine bestimmte 
Anschauung iiber die Evangelien ist darin vertreten. Auf diese An- 
schauung soil weiter nicht eingegangen werden. Sie konnen sie ja in 
dem Buche nachlesen. Aber wenn diese Anschauung berechtigt ist, so 
ist gleichzeitig notwendig vorauszusetzen, dafi die Evangelien keines- 
wegs so spat entstanden sind, als man heute oftmals auch in der christ- 
lichen Theologie annimmt, sondern dafi die Evangelien in unbestimmter 
Weise friih in ihrer Entstehung angesetzt werden miissen. Sie wissen ja, 
dafi nach dieser Anschauung die Elemente der evangelischen Lehre in 
den alten Mysterienbuchern zu suchen sind, und dafi es sich nur darum 
handelt, das Mysterium von Golgatha als eine Erfullung desjenigen, 
was in den alten Mysterienbuchern enthalten ist, zu erkennen. Nun 
wird man gerade mit einer solchen geistigen Auffassung des Christen- 
tums in der gegenwartigen Zeit auch gegeniiber manchen theologisch- 
historischen Ausfiihrungen auf Widerspruch stolen. Es wird eine sol- 
che Ausfuhrung auch gerade von den modernsten Theologen vielleicht 



als historisch unbegriindet angesehen werden; es soil ja gewissermafien 
klar sein, dafi die Evangelien im ersten Jahrhundert, oder wenigstens in 
den ersten zwei Dritteln des ersten Jahrhunderts, noch keine besondere 
Rolle gespielt haben. Und sogar theologische Vertreter des Christen- 
tums gibt es schon, welche anzweifeln, dafi irgendein Beweis dafiir er- 
bracht werden konne, dafi im ersten Jahrhundert der christlichen Zeit- 
rechnung Leute, auf die es ankommt, an die Person des Christus Jesus 
gedacht oder, wie man es nennen will, geglaubt haben. 

Nun, es wird sich immer mehr und mehr herausstellen, dafi, wenn 
die nur scheinbar so sorgfaltige Forschung der Gegenwart nach alien 
Seiten hin ausgreifen wird und nicht nur sorgfaltig, sondern allseitig 
sein wird, dann gerade viele Bedenken der sorgfaltigen Forschung zer- 
fallen werden. Natiirlich kann man heute iiber die Fragen, die sich 
ergeben aus gewissen Widerspriichen zwischen den christlichen Urkun- 
den und den jiidischen Urkunden zum Beispiel, allerlei Schliisse ziehen. 
Aber diesen Schliissen steht das entgegen, dafi die aufierchristlichen 
Urkunden, das heifk die nicht offiziell als christlich anerkannten Ur- 
kunden, sehr wenig bekannt sind, und namentlich von christlichen 
Theologen wenig beriicksichtigt werden. Ein grower Teil der Nicht- 
Beriicksichtigung liegt eigentlich daran, dafi man das Christentum und 
namentlich das Mysterium von Golgatha selbst nicht geistig genug 
aufgefalk hat; dafi man keinen rechten Begriff verbinden konnte mit 
der paulinischen Vorstellung, die da unterscheidet zwischen dem psy- 
chischen Menschen und dem pneumatischen Menschen. Nehmen Sie 
nur unsere elementarste Gliederung des Menschen in Leib, Seele und 
Geist. Im Grunde genommen hat Paulus, der bekannt war mit alten 
Mysterienwahrheiten in ihrem atavistischen Charakter, mit seinem 
Unterscheiden des psychischen und des pneumatischen Menschen nichts 
anderes gemeint, als was wir in erneuerter Form wiederum meinen 
miissen, wenn wir von der Seele und vom Geiste als zwei Gliedern der 
menschlichen Natur sprechen. Aber gerade diese Unterscheidung des 
psychischen und pneumatischen Menschen, diese Unterscheidung von 
Seele und Geist, sie ist der abendlandischen Betrachtung mehr oder 
weniger ganz abhanden gekommen. Man kann aber das Mysterium von 
Golgatha in seiner eigentlichen Wesenheit nicht betrachten, wenn man 



nicht Begriffe hat iiber den pneumatischen Menschen im Unterschied 
von dem psychischen Menschen. 

Nun mdchte ich zunachst nur einiges anfiihren, was ich in friiheren 
Jahren auch schon angefuhrt habe, einiges, was Ihnen zeigen kann, daft 
man manches auch rein auflerlich Historische doch falsch sieht, 
namentlich da, wo man von der Leben-Jesu-Forschung spricht in der 
allerletzten Zeit. Ich will sagen, man spricht davon, dafi die Evangelien 
spat entstanden sind. Ja, sehen Sie, dem kann auch manches rein Histo- 
rische entgegengehalten werden. Dem kann zum Beispiel entgegenge- 
halten werden, daft der Rabbi Gamaliel II. im Jahre 70 des ersten Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung einen Prozefi hatte. Bei diesem Prozefl 
handelte es sich um folgendes. Der Rabbi Gamaliel II. war der Sohn 
des Rabbi Simeon, welcher der Sohn war des Gamaliel, desjenigen Ga- 
maliel, dessen Schuler Paulus war; und jener Gamaliel II. hatte eine 
Schwester, und mit dieser Sch wester kam er in einen Erbschaftsprozefi. 
Sie wurden vor den Richter gefuhrt, und der Richter war ein dem 
Christentum geneigter Romer, vielleicht auch ein dem Christentum ge- 
neigter Jude, das ist schwer festzustellen. Nun machte Gamaliel gel- 
tend, dafi er alleiniger Erbe sei, weil nach dem mosaischen Gesetze 
Tochter nicht erben konnen. Da wandte der Richter ein: Seit ihr Juden 
euer Land verloren habt, gilt nicht mehr die Thora Mosis, sondern es 
gilt das Evangelium und nach dem Evangelium mufi auch die Schwester 
erben. - Da war zunachst nichts zu machen auf geradem Wege. Doch 
was geschah? Gamaliel II., der nicht nur erbschaftssuchtig, sondern 
auch schlau war - man wiirde heute sagen: er stellte den Antrag auf 
Vertagung des Prozesses. Und das kam auch zustande. Der Prozefi 
wurde zunachst vertagt, und Gamaliel II. bestach in der Zwischenzeit 
den Richter. Bei der zweiten Verhandlung stand er also vor dem besto- 
chenen Richter, und der entschied nun anders und sagte: Ja, er habe 
sich beim ersten Prozefi geirrt. Es sei zwar das Evangelium auf solche 
Prozesse anzuwenden, aber im Evangelium stunde, dafi nicht aufgeho- 
ben werden solle durch das Evangelium die Thora Mosis. Und dabei 
wird zur Bekraftigung zitiert der Vers, der heute bei Matthaus 5., Vers 
17 steht vom Nichtaufheben des Gesetzes in der Fassung, die er auch 
heute hat, selbstverstandlich mit den Abweichungen, die sich ergeben 



aus der griechischen Sprache und derjenigen Sprache, in der damals das 
Evangelium vorhanden war, als im Jahre 70 dieser Richterspruch gefallt 
wurde. Aber bei diesem Richterspruch wird einfach von dem 
Matthaus-Evangelium gesprochen, und der Talmud, der diese Dinge 
mitteilt, redet wie von etwas ganz Selbstverstandlichem von diesem 
Matthaus-Evangelium. 

So konnte gar mancherlei angefuhrt werden, was zeigen wiirde, dafi 
man bei einer Erweiterung der ja sonst sehr sorgfaltigen Forschung 
auch rein aufierlich historisch nicht auf einem so ganz sicheren Boden 
steht, wenn man nicht die Entstehung der Evangelien weit zuriickver- 
setzt. Auch die aufiere historische Forschung wird durchaus einmal 
dasjenige rechtfertigen, was ja aus ganz anderen, namlich aus rein gei- 
stigen Quellen heraus die Unterlage meines Buches «Das Christentum 
als mystische Tatsache» bildet. 

Nun birgt tatsachlich alles dasjenige, was Bezug hat auf das Myste- 
rium von Golgatha, auch fur die heutige Zeit noch tiefste Geheimnisse, 
die sich losen werden, wenn geisteswissenschaftliche Anschauung 
immer weiter und weiter vorschreiten wird. Viele Dinge konnen die 
Menschen heute darauf hinweisen, dafi die Fragen doch nicht so einfach 
liegen, wie man sie gerade heute sehr haufig sich vorstellt. So beriick- 
sichtigt man zum Beispiel heute wenig das Verhaltnis des damaligen Ju- 
dentums zu den Anschauungen iiber den Christus Jesus fur das erste 
christliche Jahrhundert. Es gibt Theologen, welche gewisse jiidische 
Schriften studieren, um mancherlei zu zeigen. Allein man kann leicht 
nachweisen, dafi diese jiidischen Schriften, auf die so manches gestiitzt 
wird, im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung noch gar 
nicht vorhanden waren. Aber eines scheint auch historisch durchaus 
nachweisbar zu sein: das ist, dafi im ersten Jahrhundert, namentlich im 
zweiten Drittel des ersten Jahrhunderts, ein gutes, ein verhaltnismafiig 
gutes Verhaltnis bestanden hat zwischen dem Judentum und dem 
Christentum, wenn man das Wort fiir jene Zeit schon gebrauchen will; 
daft im allgemeinen, wenn gewisse aufgeklarte Juden der damaligen Zeit 
in Diskussionen kamen mit Anhangern des Christus Jesus iiber gewisse 
Fragen, es nicht allzu schwierig war, eine Obereinstimmung der An- 
schauungen herzustellen. Man braucht dabei nur zu erinnern an solche 



Falle, wie etwa, daft der beriihmte Rabbi Elieser kennenlernte um 
die Mitte des ersten Jahrhunderts einen gewissen Jakob - wie er ihn 
nennt -, welcher sich dazu bekannte, ein Schuler Jesu zu sein, und der 
heilte auf den Namen des Christus Jesus. Der beriihrnte Rabbi Elieser 
besprach sich mit jenem Jakob, und er kam im Gesprach dazu zu sagen: 
Eigendich ist es durchaus nicht gegen den inneren Geist des Judentums, 
was da dieser Jakob sagt, und namentlich nicht, dafi er auf den Namen 
Jesu Kranke heilt. 

Man kann nun sehen, daft diese mehr oder weniger vorhandene 
leichte Ubereinstimmbarkeit der alteren Zeit namentlich gegen das Ende 
des ersten Jahrhunderts schwindet; dafi mit anderen Worten auch auf- 
geklarte Juden furchtbare Gegner, Hasser alles Chrisdichen werden. 
Und so kam es auch, dafi, als im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrech- 
nung die ja heute fur wichtig geltenden jiidischen Schriften verfafit 
wurden, in die Abfassung dieser jiidischen Schriften eine ganz andere 
Stimmung hereinkam, als eigendich gerade im Judentum mit Bezug auf 
das Christentum im ersten Jahrhundert vorhanden war. Man kann die 
Dinge wirklich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt so verfolgen, dafi man 
sieht: ein gewisser Hafi des Christentums bildet sich besonders im 
Judentum erst heraus. Damit geht Hand in Hand ein Umschwung im 
Judentum selber. Man kann eigentlich sagen: Wenn auch die heutigen 
Vertreter des Judentums das Alte Testament natiirlich kennen in ihrer 
Art, aber nicht kennen dasjenige, was zur Zeit des Mysteriums von 
Golgatha im Judentum aufierdem noch gelebt hat, so verkennen auch 
sie vielfach dasjenige, um was es sich der Hauptsache nach bei einer 
wirklich geschichtlichen Betrachtung eigentlich handelt. Man mull sich 
klar sein dariiber, daft das Alte Testament auch noch im ersten christli- 
chen Jahrhundert ganz anders gelesen worden ist, als es heute auch von 
den gelehrtesten jiidischen Rabbinern gelesen werden kann. Besonders 
seit dem neunzehnten Jahrhundert ist die Moglichkeit des Lesens alter 
Schriften mehr oder weniger verlorengegangen. Denn bei gewissen 
Dingen, die sogar noch im achtzehnten Jahrhundert als eine geheime 
Tradition an alten atavistischen Hellseher-Wahrheiten vorhanden wa- 
ren, wufite sich der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts schon gar 
nichts mehr vorzustellen. Und der heutige Mensch weifi sich nichts an- 



deres mehr vorzustellen, als daft er diejenigen, die von solchen Dingen 
sprechen, auch wenn sie der friiheren Zeit angehoren - nun, fur ver- 
wirrte Kopfe halt! 

Ich habe Sie das letzte Mai aufmerksam gemacht auf ein bedeutsames 
Buch, auf das Buch «Des erreurs et de la verite» von Saint-Martin . Die- 
ses Buch ist ja gewift ein Spatprodukt seiner Art, insofern ein Spatpro- 
dukt seiner Art, als es aus schon recht schattenhaft gewOrdenen Tradi- 
tionen von alten Einsichten heraus spricht, aber eben doch noch aus 
diesen Traditionen heraus spricht. Nun habe ich Ihnen schon neulich 
mancherlei angefiihrt aus diesem Buche, bei dem der moderne Mensch 
nicht recht etwas sich denken kann. Aber wenn man nun folgende An- 
schauung nimmt, die sich bei Saint-Martin findet, so wird man erst 
recht sehen, wie bei Saint-Martin eben Dinge leben, die dem modernen 
Menschen, wenn man sie nicht als Dichtung nehmen darf - und als 
Dichtung nimmt man ja heute ungefahr alles -, der hellste Wahnsinn 
sind. So gibt Saint-Martin die Andeutung, daft das Menschenge- 
schlecht, wie es jetzt ist, aus einem alten, uralten Zustand herunterge- 
sunken ist in den gegenwartigen Zustand. Mit einer gewissen Abstrakt- 
heit lassen sich ja das heute manche Menschen, die nicht auf die mate- 
rialistische Weltanschauung schworen, noch gef alien, daft man das heu- 
tige Menschengeschlecht zuriickverfolgt in altere Zeiten, in denen es 
gewissermaften mit einem Teil seines Wesens hoher stand. Es gibt ja 
immerhin, trotz der materialistischen Farbung des Darwinismus, die 
da annimmt, daft der Mensch sich bloft von der Tierheit herauf ent- 
wickelt hat, noch andere Menschen, die der Meinung sind, daft der 
Mensch von einer gewissen Ursprungshohe, in der es ja, wie ich aus- 
gefuhrt habe, gottliche Urtraditionen gegeben hat, heruntergestie- 
gen sei. Aber wenn es iiber dieses Abstrakte hinausgeht und zu solchen 
konkreten Behauptungen kommt, wie sie bei Saint-Martin sich fin- 
den, und bei Saint-Martin nur deshalb sich finden, weil sie an uralte 
Traditionen ankniipfen aus der alten Hellseherzeit, dann, ja dann 
kann sich eben der moderne Mensch bei solchen Dingen gar nichts 
mehr vorstellen. 

Was soli sich denn der heutige Mensch, der seine Chemie, seine Geo- 
logie, seine Biologie, Physiologie und so weiter von Grund aus kennt 



und auch jenes merkwiirdige Gebilde, das man heute Philosophic 
nennt, in sich aufgenommen hat, was soli er sich denn vorstellen, wenn 
Saint-Martin sagt: So wie das Menschengeschlecht heute ist, so ist es 
erst nach dem Fall geworden; es war ursprunglich ganz anders. Der 
Mensch hatte ursprunglich eine Art undurchdringlicher Riistung. Diese 
Riistung ist ihm verlorengegangen. Sie gehorte ursprunglich zu seiner 
organischen Wesenheit. Mit dieser Riistung konnte er den grofien Streit 
bestehen, der ihm eigentlich auferlegt war in der Urzeit. Und es hatte 
der Mensch in der Urzeit eine eherne Lanze. Diese eherne Lanze 
konnte so verwunden, wie Feuer verwundet. Und mit dieser ehernen 
Lanze konnte der Mensch jenen Streit bestehen gegen ganz andere als 
menschliche Wesen, der ihm auferlegt war in jener Zeit. Und es hatte 
der Mensch zu seiner Verfugung an jenem Orte, wo er ursprunglich 
war, sieben Baume. Jeder dieser Baume hatte 16 Wurzeln und 490 
Zweige. Diesen Ort hat der Mensch verlassen. Er ist heruntergesunken. 

Ich glaube nicht, dafi man vom modernen Menschen fur noch voll- 
sinnig angesehen wiirde, wenn man dasselbe tate, was Saint-Martin 
ganz zweifellos tat: fiir diese seine Anschauung eine so vollwertige Rea- 
litat zu verlangen, wie der Geologe sie fiir die schonen Konstruktionen, 
die er fiir die Urzeit macht, verlangt. Man miiftte schon mit allerlei ab- 
strakten Aliegorien oder Symbolen kommen, dann wiirde einem die 
Geschichte ein biftchen verziehen werden. Aber das meint Saint-Martin 
nicht, sondern Saint-Martin meint Wirklichkeiten, die ursprunglich da 
waren. Es war natiirlich fiir Saint-Martin notwendig, dafi er fiir gewisse 
Dinge, die damals vorhanden waren, als die Erde in ihrem Ursprung 
noch geistiger war als spater, Imaginationen wahlte. Allein Imaginatio- 
nen sind Darstellungen von Wirklichkeiten; man darf sie nicht symbo- 
lisch auslegen, sondern man mufi sie in ihrem imaginativen Inhalte 
nehmen, wie sie sind. - Ich wollte dies anfuhren, nicht um auf diese Sa- 
che jetzt einzugehen, sondern nur um Ihnen zu zeigen, wie grundver- 
schieden noch im achtzehnten Jahrhundert die Sprache war, in der 
solch ein Buch wie «Des erreurs et de la verite» geschrieben ist, von der 
Sprache, die man heute als die allein wirkliche gelten lassen will. Diese 
Art zu lesen, die man bei Saint-Martin noch findet, die ist eben wirk- 
lich ausgestorben. 



Aber da zum Beispiel das Alte Testament in seiner Tiefe nur gelesen 
werden kann, wenn man entweder noch oder wieder beherrscht gewisse 
Dinge, die mit den imaginativen Vorstellungen zusammenhangen, so 
konnen Sie begreifen, dafi msbesondere mit dem neunzehnten Jahr- 
hundert die Moglichkeit verlorengegangen ist, das Alte Testament zu 
lesen. Aber je weiter man zuriickgeht, desto mehr findet man, dafi tat- 
sachlich gerade im Judentum lebendig war zur Zeit, als das Mysterium 
von Golgatha sich abgespielt hat, neben dem aufieren Alten Testament 
dasjenige, was man nennen kann eine Mysterienanschauung, eine wirk- 
liche Mysterienanschauung. Und vieles in dieser Mysterienanschauung 
bestand eben darin, daft sie einem die Moglichkeit gab, das Testament 
in der richtigen Weise zu lesen. Nun liegt keine Moglichkeit vor, das 
Testament in der richtigen Weise zu lesen, wenn man es nicht in seinen 
Behauptungen nimmt auf dem Hintergrund von geistigen Tatsachen. 

Am abgeneigtesten gerade der besonderen Farbung der jiidischen 
Geheimlehre war nun zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das 
Romertum. Und, man kann sagen, es hat vielleicht grofiere Gegensatze 
kaum gegeben in der Erdenentwickelung, als den Gegensatz zwischen 
Romertum und der in Palastina von den Eingeweihten behuteten My- 
sterienanschauung. Doch darf man naturlich diese Mysterienanschau- 
ung, die in Palastina lebte, nicht so nehmen, wie sie damals in Palastina 
lebte, denn man wiirde dann nicht in ihr das Christentum finden, 
sondern nur etwas wie eine prophetische Vorverkiindigung des Christen- 
tums. Aber auf der anderen Seite ist doch dasjenige, was im Christen- 
tum pulsiert hat, nur dann verstandlich, wenn man es auf dem histori- 
schen Hintergrund der in Palastina vorhandenen Mysterienlehre 
anschauen kann. Diese Mysterienlehre war aber nun voll von Geheimnis- 
sen iiber den pneumatischen Menschen, war voll von demjenigen, was 
die menschliche Erkenntnis darauf hinweist, den Weg zu suchen in die 
geistige Welt hinein. Vieles von dem, was in dieser Geheimlehre lebte, 
lebte mehr oder weniger in Verzweigungen auch in den griechischen 
Mysterien. Aber wenig lebte davon in den romischen Mysterien. Das 
Romertum konnte nicht brauchen gerade den Grundnerv der palasti- 
nensischen Mysterien. Diesen Grundnerv konnte es nicht brauchen, 
denn das Romertum entwickelte ein solches Zusammensein der Men- 



schen, eine solche besondere Art des menschlichen Zusammenseins, die 
nur bestehen kann, wenn man sich um den pneumatischen Menschen 
nicht kummert. Das ist das eigentliche Geheimnis der romischen Ge- 
schichte, dafi in dieser romischen Geschichte begrundet werden sollte 
ein Zusammenleben der Menschen, durch welches der pneumatische 
Mensch mehr oder weniger ausgeschaltet wurde. Es sollte etwas be- 
grundet werden, demgegeniiber es keinen Sinn hat, vom Menschen in 
seiner dreigliedrigen Wesenheit zu sprechen: Leib, Seele und Geist. Je 
weiter man zuriickgeht, desto mehr sieht man, dafi gerade die in den al- 
ten Zeiten vorhandene Auffassung des Mysteriums von Golgatha ba- 
siert, begrundet ist auf dieser Unterscheidung des Gesamtmenschen in 
Leib, Seele und Geist, wie Paulus eben noch durchaus vom psychischen 
und pneumatischen Menschen spricht, vom seelischen und geistigen 
Menschen. Aber das mufite im hochsten MafSe Anstofi erregen gegen- 
iiber alien Empfindungen, die ein Romer hatte. Und damit ist auch der 
Grund fur vieles ausgesprochen, was in der Folgezeit eintrat. 

Sie wis sen ja: Jene Anschauung, welche heute nicht mehr brauchbar 
ist, aber dazumal retten wollte die Gliederung des Menschen und der 
Welt iiberhaupt in Leib, Seele und Geist, ist die Gnosis. Sie wurde in 
der Weiterentwickelung mehr oder weniger vollstandig ausgeschaltet, 
richtig ausgeschaltet, zuriickgedrangt, so da!5 die Gnosis ganz ver- 
schwindet. Ich will gar nicht sagen, daft sie sich hatte erhalten sollen, 
sondern ich will nur die geschichtliche Tatsache feststellen, daft die 
Gnosis noch den Ausblick enthalt auf eine geistige Auffassung des My- 
steriums von Golgatha und zuriickgedrangt wird. Es ergibt sich nun 
eine sehr eigentumliche Entwickelung: es ergibt sich, dafl das Chri- 
stentum immer mehr und mehr hineinfliefit in das romische Wesen. 
Aber in demselben Mafie, in dem es hineinfliefit in das romische 
Wesen, wird es mit Bezug auf sein Verhaltnis zum pneumatischen Men- 
schen von diesem romischen Wesen nicht verstanden. Und es erregte 
immer mehr und mehr Anstofi, dafi gewisse gnostische Vertreter des 
Christentums noch immer sprachen von Leib, Seele und Geist. Man 
versuchte in den Kreisen, in denen das Christentum auf romische Art 
offiziell geworden ist, immer mehr und mehr zu kaschieren, zu unter- 
driicken den Geist, den Begriff des Geistes. Man hatte das Gefuhl, man 



solle den Menschen nicht auf den Geist hinweisen, denn dadurch konn- 
ten alle die Anschauungen - so glaubte man - wieder aufleben von der 
Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. 

Und so ging denn die Entwickelung weiter. Und wenn man die er- 
sten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung wirklich genau be- 
trachtet, dann findet man, daft vieles, was gewohnlich anders erklart 
wird, dadurch sich im rechten Lichte darstellt, daft man weift: Es ist 
dem romisch werdenden Christentum immer mehr und mehr darum zu 
tun, den Begriff des Geistes vollig verschwinden zu lassen. Unendlich 
viele Gewissensfragen, Erkenntnisfragen, gewinnen erst dadurch das 
rechte Licht, wenn man auf dieses Bediirfnis des europaisch geworde- 
nen Christentums eingeht, den Geist abzusetzen. Und diese Entwicke- 
lung fuhrt ja zuletzt dahin, daft in dem achten okumenischen Konzil in 
Konstantinopel 869 eine Formel, ein Dogma aufgestellt wird, das viel- 
leicht in seinem Wortlaut noch nicht so klar spricht, das aber dann dazu 
gefuhrt hat, so ausgelegt zu werden, daft es unchristlich sei, von Leib, 
Seele und Geist zu sprechen; daft es einzig und allein christlich sei, nur 
zu sagen, der Mensch bestehe aus Leib und Seele. Das achte okumeni- 
sche Konzil hat zunachst die Sache nur so dargestellt, daft die Formel 
lautete: Der Mensch hat eine denkende und eine geistige Seele. Um 
vom Geiste nicht als besonderer Wesenheit sprechen zu miissen, wurde 
die Formel gepragt: Der Mensch hat eine vorstellende und eine geistige 
Seele. Aber alles lief darauf hinaus, den Geist herauszudrangen aus der 
Weltanschauung. 

Mit diesem ist vieles verkniipft, was die Leute nicht wissen. Unsere 
heutigen Philosophen stellen noch immer ihre Betrachtungen so an, daft 
sie untersuchen auf der einen Seite das Leibliche, auf der anderen Seite 
das Seelische. Wenn Sie diese Leute, zum Beispiel Wundt oder ahnliche 
Kopfe, fragen wiirden, worauf das beruht, so wiirden sie selbstver- 
standlich glauben, daft das auf Wirklichkeiten beruht, auf einer wirkli- 
chen Beobachtung, die darauf hinausgeht, daft es keinen Sinn habe zu 
sprechen von Leib, Seele und Geist, sondern bloft vom Leib, der nach 
auften gerichtet ist, und von der Seele, die nach innen gerichtet ist. Was 
wurde so ein Wundt anderes sagen als: Das ergibt ja selbstverstandlich 
die Anschauung! - Er hat keine Ahnung davon, daft das alles die Folge, 



ist von dem, was das achte okumenische Konzil festgelegt hat. Die Phi- 
losophen der Gegenwart sprechen noch immer nicht vom Geiste, denn 
sie folgen dem Dogma des achten okumenischen Konzils. Warum ei- 
gentlich, wenn auch nicht mit deutlichen Worten, die modernen Philo- 
sophen den Geist abschworen, das wissen sie wahrhaftig ebensowenig, 
wie die romischen Kardinale gewuftt haben, auf was sie eigentlich 
schworen, als sie geschworen haben zu bewahren den Schatz, der langst 
nicht mehr da war. Die fortzeugenden Dinge in der Geschichte, die 
wirklichen Krafte, die beriicksichtigt man oftmals eben so furchtbar 
wenig. Und so kann man heute als unwissend gelten, wenn man nicht 
zustimmt der «voraussetzungslosen» Wissenschaft - wie man es nennt -, 
dafi der Mensch nur aus Leib und Seele bestiinde, blofi weil diejeni- 
gen, die die voraussetzungslose Wissenschaft vertreten, nicht wissen, 
dafi die Voraussetzung dazu die Festsetzungen des achten okumeni- 
schen Konzils im Jahre 869 sind. Und so ist es mit sehr, sehr vielen 
Dingen. Man mochte sagen: Dieses achte Konzil ist zu gleicher Zeit ein 
wichtiges Fenster, durch das man hineinschauen kann in ein gutes Stuck 
abendlandischer Entwickelung. 

Sie wissen ja, dafi ein tiefer Rifi durch die abendlandische Entwicke- 
lung geht mit Bezug auf die Spaltung in diejenigen Religionsformen, die 
heute in der russisch-orthodoxen Kirche fortleben, und diejenigen Reli- 
gionsformen, die in der romisch-katholischen Kirche fortleben oder die 
von ihnen herausentwickelt sind. Rein dogmatisch genommen - natiir- 
lich liegen hinter diesen Dingen andere, viel tiefergehende Impulse -, 
aber rein dogmatisch genommen, gehort zu dem Unterschiede, wie Sie 
wissen, das ja beruhmte «filioque». Die romisch-katholische Kirche er- 
kennt nach dem spateren Konzil - die russische Kirche erkennt ja nur 
die ersten sieben Konzilien an - die Formel an, dafi der Heilige Geist 
ausgehe, wie man sagt: «sowohl vom Vater wie vom Sohn»; nicht nur 
vom Vater, sondern auch vom Sohn. Das wurde ja von Konstantinopel 
aus als ketzerisch erklart. Die russische Kirche - wie gesagt, dahinter 
liegen viel tiefere Impulse, aber das soli heute nur konstatiert werden - 
erkennt an, dafi der Heilige Geist vom Vater ausgeht. - Die grofie Ver- 
wirrung in bezug auf dieses Dogma hat naturlich nur dadurch entstehen 
konnen, dafi man iiberhaupt iiber den Begriff des Geistes in Verwirrung 



kam, daft man den Begriff des Geistes nach und nach uberhaupt ganz 
verlor. Allerdings hangt das ja zusammen damit, daft gegen die fiinfte 
nachatlantische Kulturperiode herauf der Mensch eine Zeitlang von der 
Anschauung des Geistes ausgeschlossen sein sollte. Gegenuber dieser 
Wahrheit ist dasjenige, was da geschah, man mochte sagen, das an der 
Oberflache sich abspielende Spiegelbild. Aber man mufi doch dasjenige, 
was in diesem Spiegelbild liegt, durchschauen, wenn man zu einer giil- 
tigen wirklichkeitsgesattigten Anschauung kommen will. 

Nun ist die Entwickelung nicht abgeschlossen, welche ein wichtiges 
Moment in der dogmatischen Festsetzung hatte, daft es keinen Geist 
gibt, daft der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. Die christlichen 
Theologen des Mittelalters, die noch mitten drinnen lebten in den fort- 
laufenden Traditionen - denn eigentlich war es nur rechtglaubige Kir- 
chenlehre, daft der Mensch aus Leib und Seele besteht, wahrend die Al- 
chimisten und die anderen Leute, die noch mit den alten Traditionen 
vertraut waren, selbstverstandlich wuftten, daft der Mensch aus Leib, 
Seele und Geist besteht sie wuftten aufierordentlich schwer den Weg 
zu finden, rechtglaubig zu sein auf der einen Seite und auf der anderen 
Seite doch anerkennen zu miissen, daft hinter den ketzerischen Lehren, 
die iiberall lebten von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und 
Geist, etwas steckt. Wir sehen iiberall, wie sich gerade die christlichen 
Theologen des Mittelalters wenden und drehen und nicht zurechtkom- 
men, um, wie sie sagten, die sogenannte Trichotomie, die Gliederung 
des Menschen in drei Teile, zu vermeiden. Wer die christliche Theolo- 
gie des Mittelalters nicht auf diese Schwierigkeiten hin, welche die 
Theologie hatte, die Trichotomie zu vermeiden, studiert, der kann sie 
uberhaupt gar nicht verstehen. 

Nun ist aber diese Entwickelung, die damit angedeutet ist, noch 
lange nicht abgeschlossen, denn sie entspricht einem aufierordentlich 
wichtigen Impulse in der abendlandischen Kulturentwickelung. Und 
weil im zwanzigsten Jahrhundert sich so manches ahspielen wird, von 
dem man wissen muft, wenn man die jetzige Zeit verstehen will, so 
mufi auch auf dieses wieder hingewiesen werden. Sehen Sie, urspriing- 
lich - also wenn wir dasjenige, was in dieser verhaltnismafiig spateren 
Zeit entstanden ist, «ursprunglich» nennen -, gliederte man den Men- 



schen in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung war so weit gedie- 
hen, dafi im neunten Jahrhundert der Geist abgeschafft werden konnte. 
Nun aber geht die Sache weiter. Man merkt sie nur heute noch nicht 
ordentlich, weil man ja iiberhaupt solche gewichtigen Dinge, wie die 
ganze Umwandlung des Denkens zum Beispiel von Saint-Martin bis 
heute gar nicht ins Auge faflt. Die Sache geht weiter, und es ist nicht 
allein damit getan, dafi der Geist nur abgeschafft worden ist, die 
Menschheit tendieit dahin, auch die Seele abzuschaffen. Nach dieser 
Richtung sind ja bis jetzt nur Praliminarien geschehen, Vorboten, aber 
die Zeit ist heute schon reif auch fur das Abschaffen der Seele. Nur 
macht sich der Mensch solche wichtigen Tendenzen, die in der Zeit lie- 
gen, nicht klar. Wir haben schon gewichtige Entwickelungsmomente, 
welche vorbereiten das Abschaffen der Seele. Konzilien wird man ja 
nicht so wie im neunten Jahrhundert veranstalten, die Dinge vollziehen 
sich heute anders. Ich mufi immer wieder bemerken: ich kritisiere diese 
Dinge nicht, ich stelle nur die Tatsachen vor Ihre Seele. 

Ein sehr weitgehender Anfang zur Abschaffung der Seele liegt auf 
den verschiedensten Gebieten vor. So ist im neunzehnten Jahrhundert 
das heraufgezogen, was man den historischen Materialismus nennt, der 
die grundlegende geschichtliche Anschauung fur die heutige Sozialde- 
mokratie geworden ist. Wenn man in Engels und Marx die hauptsach- 
lichsten - ja, wie soli man sagen, ein altes Wort darf man vielleicht nicht 
anwenden, aber vielleicht unter uns doch -, diese hauptsachlichsten 
«Propheten» des historischen Materialismus ins Auge fafit, so sind sie 
die direkten, die unmittelbaren Nachkommen - historisch gefafit - der 
Vater vom achten okumenischen Konzil. Da haben Sie die kontinuierli- 
che Fortentwickelung. Was die Vater dazumal getan haben in der Ab- 
schaffung des Geistes, das setzten die Marx und Engels fort in ihrem 
schon sehr weitgehenden Versuche der Abschaffung der Seele. Nicht 
wahr, alle seelischen Impulse gelten ja nach dieser Anschauung nicht 
mehr, sondern dasjenige, was die Geschichte vorwartstreibt, sind nur 
die materiellen Impulse, ist der Kampf um materielle Giiter. Und das 
Seelische ist nur, wie man es ausgedriickt hat, der Oberbau zu dem ei- 
gentlichen Grundbau des rein materiell fortschreitenden Geschehens. 
Aber ganz besonders wichtig ist die Erkenntnis der echten Katholizitat, 



der Katholizitat von Marx und Engels. Das ist vor alien Dingen wich- 
tig, dafi man in diesen Bestrebungen des neunzehnten Jahrhunderts die 
echte, wahre Fortsetzung desjenigen sieht, was mit Bezug auf die Ab- 
schaffung des Geistes geschehen ist. 

Ein weiterer Impuls zur Abschaffung der Seele liegt ja in der Entwik- 
kelung der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Die 
naturwissenschaftliche Weltanschauung - ich meine jetzt nicht die 
Naturwissenschaft, sondern die naturwissenschaftliche Weltanschauung, 
welche vor alien Dingen nur das Korperliche als real gelten lassen will, 
und alles Seelische nur wie eine Erscheinung, auch wie so einen Ober- 
bau des Korperlichen gelten lassen will -, sie ist die direkte Fortsetzung 
jener Entwickelung, die wir eben in den wichtigen Momenten erfafit 
haben beim achten okumenischen Konzil. Nur wird vielleicht ein gro- 
wer Teil der Menschheit an die Sache nicht glauben, bis, von gewissen 
Zentren der Erdenentwickelung herkommend, die Abschaffung der 
Seele Gesetzeskraft erlangen wird; mehr oder weniger Gesetzeskraft er- 
langen wird. Denn es wird gar nicht lange dauern, so werden in man- 
cherlei Staaten Gesetze entstehen, welche darauf hinauslaufen werden, 
jeden, der im Ernste von einer Seele spricht, als nicht vollsinnig zu er- 
klaren, und fur einen ganz vollsinnigen Menschen nur denjenigen zu 
erklaren, welcher die «Wahrheit» einsieht, dafi Denken, Fiihlen und 
Wollen aus gewissen Vorgangen des Leibes entstehen auf ganz notwen- 
dige Weise. Begonnen hat ja nach dieser Richtung Verschiedenes, aber 
solange das, was da begonnen hat, nur theoretische Anschauung ist, so 
lange hat es nicht seine grofie, tief einschneidende Wirkung und Bedeu- 
tung. Es erlangt diese tief einschneidende Wirkung und Bedeutung, 
wenn es in die soziale Ordnung, in das soziale Leben der Menschen 
ubergeht. Und da wird kaum die erste Halfte dieses Jahrhunderts zu 
Ende gehen, ohne daft auf diesen Gebieten dasjenige geschieht, was fur 
den Einsichtigen ein Furchtbares ist: eben ein solches Perhorreszieren 
der Seele, wie dazumal im neunten Jahrhundert der Geist perhorres- 
ziert worden ist. 

Man kann immer wieder und wiederum nur sagen: Dasjenige, urn 
was es sich handelt, ist die Einsieht in solche Dinge, ist die Einsieht in 
die Impulse, innerhalb welcher der Mensch im Laufe der geschichtli- 



chen Entwickelung lebt: die Einsicht in diese Dinge. Denn nur allzu- 
sehr gilt es fur die Menschheit der Gegenwart, dafi sie unter der Erzie- 
hung, welche die rein materialistische Weltanschauung gibt, sich einem 
gewissen Schlafzustand uberlalk. Die materialistische Weltanschauung 
schliefit in einer gewissen Weise den Menschen vom wirklichen Denken 
ab, vom wirklich gesunden Anschauen der Wirklichkeit ab, lullt ihn ein 
in bezug auf Wichtiges, was in der geschichtlichen Entwickelung wirk- 
lich lebt. Und so ist heute noch immer, auch bei denjenigen, die gern 
einer bestimmten Sehnsucht nach Geist-Erkenntnis nachgehen wollen, 
kein starker Wille vorhanden, aufzuwachen iiber gewisse Impulse, die 
in unserer Entwickelung drinnenliegen, wirklich aufzuwachen; wirklich 
zu versuchen, die Dinge in ihren Zusammenhangen anzuschauen, wie 
sie sind. 

Es gab also in Palastina driiben eine Art Geheimlehre, welche vorbe- 
reitet hat das Mysterium von Golgatha, der gegeniiber das Mysterium 
von Golgatha wie eine Erfiillung war. Ich habe das ja so ausgesprochen, 
dafl ich sagte, das Mysterium von Golgatha stellte das grofite Geheim- 
nis der Erdenzeit auf den historischen Schauplatz heraus. Wenn das so 
ist, dann kann man die Frage aufwerfen: Warum entwickelte sich eine 
so starke Antipathie des Romertums gegeniiber dem, was sich da als 
Christentum in Ankniipfung an das Mysterium von Golgatha ergeben 
hat? Und warum ergab es sich aus diesen Impulsen heraus, dafi gera- 
dezu der Geist abgeschafft worden ist? 

Die Dinge haben immer viel tiefere Zusammenhange, als man eigent- 
lich merkt, wenn man sie blofi ihrer Oberflache nach betrachtet. Denn, 
dafi Marx und Engels Kirchenvater sind, werden nicht viele Leute heute 
zugeben wollen; aber das ist noch keine ganz besonders tiefe Wahrheit. 
Auf eine tiefere Wahrheit fuhrt es schon, wenn man folgendes ins Auge 
faftt: Im Gerichtshofe, durch den der Christus Jesus verurteilt worden 
ist, wirkten vorzugsweise Sadduzaer, diejenigen, die man Sadduzaer 
nannte. Was waren die in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha 
sich ab spiel te? Was waren die eigentlich, die dazumal mit Recht mit 
dem Namen Sadduzaer bezeichnet worden sind? Es waren diejenigen 
Leute, welche alles, was aus dem Mysterium kam, hinwegeskamotieren 
wollten, hihweghaben, hinwegschaffen wollten. Diese Sadduzaer waren 



geradezu diejenigen, wekhe einen gewissen Horror, einen Schrecken, 
Schauder hatten vor allem Mysterienkult. Sie waren aber diejenigen, die 
den Gerichtshof in Handen hatten. Und sie waren es auch, die die 
Verwaltung dazumal in Palastina in Handen hatten. Sie standen aber 
ganz unter dem Einflufl des romischen Staates, durchaus unter dem 
Einflufi des romischen Staates. Sie waren im Grunde die Knechte des 
romischen Staates, was sich aufierlich schon dadurch ausdriickte, daf$ 
sie ihre Stellen durch Riesensummen erkauften, und dann wiederum 
diese Riesensummen erprefiten von der jiidischen Bevolkerung Palasti- 
nas. Sie waren es, deren Blick sich vor alien Dingen darauf richtete - 
weil sie, man konnte sagen, ihr ahrimanischer Materialismus zu diesem 
Blick gescharft hatte -, sie waren es, deren Blick sich vor alien Dingen 
darauf richtete, zu sehen, da!5 eine grofie Gefahr fur das Rdmertum 
vorliege, wenn dasjenige irgendwie Geltung bekame, was mit dem 
Christus im Einklange mit dem Mysterienwesen geschahe. Sie hatten 
eine instinktive Ahnung davon, dafi vom Christentum etwas ausgeht, 
was das Romertum allmahlich zertrummern wird. Und damit hangt es 
zusammen, dafl im Grunde genommen im Laufe des ersten Jahrhun- 
derts und auch noch in spatere Jahrhunderte hinein von seiten des R6- 
mertums aus diese furchtbaren Vernichtungskriege gefiihrt wurden ge- 
gen das palastinensische Judentum. Und diese Vernichtungskriege, die 
furchtbarer Art waren, sie wurden hauptsachlich gefiihrt unter dem Ge- 
sichtspunkte, mit den hinzuschlachtenden Juden auch auszurotten alle 
diejenigen, welche etwas wufiten von der Tradition und der Wirklich- 
keit der Mysterien. Es sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden 
dasjenige, was sich an das Mysterienwesen angliederte, das gerade in 
Palastina vorhanden war. 

Und mit dieser Ausrottung hangt es vielfach zusammen, dafi auch die 
Anschauung vom pneumatischen Menschen, der Weg zum pneumati- 
schen Menschen, zunachst, ich mochte sagen, verschlagen, vermauert 
wurde. Es ware gefahrlich geworden fiir diejenigen, die auch spater von 
Rom aus, aus dem romanisierten Christentum heraus, den Geist ab- 
schaffen wollten, es ware gefahrlich fiir sie geworden, wenn noch viele 
vorhanden gewesen waren, die aus den alten Schulen Palastinas heraus 
etwas gewufit hatten iiber die Wege zum Geiste hin, die noch Zeugnis 



davon hatten ablegen konnen, dafi der Mensch aus Leib, Seele und 
Geist besteht. Denn es mufite mit demjenigen, was vom Romertum 
ausging, etwas in bezug auf die aufiere Menschenordnung begriindet 
werden, bei dem der Geist nichts zu suchen hatte. Es mufite eine Ent- 
wickelungsstromung eingeleitet werden mit Ausschlufi spiritueller Im- 
pulse. Das ware nicht gegangen, wenn zu viele Menschen etwas gewufit 
hatten von der Mysterieninterpretation des Mysteriums von Golgatha. 
Denn instinktiv fiihlte man, dafi dasjenige, was sich aus dem romischen 
Staate entwickeln sollte, nichts vom Geist in sich haben durfte. Die 
Kirche und der romische Staat gingen eine Ehe ein, gliederten ja insbe- 
sondere dann aus dieser Ehe heraus auch noch die Jurisprudenz ein. Bei 
alledem durfte der Geist kein Wort mitreden. Das war wichtig. 

Aber ebenso wichtig ist es, dafi eingesehen werde, dafi wir jetzt in 
dem Zeitalter leben, in dem der Geist wiederum aufgerufen werden 
mufi, angerufen werden mulS, damit er bei den Angelegenheiten der 
Menschen mitrede. Nun konnen Sie sich denken, wie schwierig das 
werden wird, da die Dinge doch so tief sitzen. Ich glaube, dafi ein wei- 
ter Weg sein wird bis dahin, wo man in weiteren Kreisen anerkennen 
wird, dafi die materialistische Geschichtsforschung eine richtige Fort- 
setzung ist des achten okumenischen Konzils. Ich glaube auch, dafi ein 
weiter Weg sein wird bis dahin, wo man verstehen wird, was eigentlich 
in den paar Buchstaben liegt, durch die sich das ostliche Christentum in 
Europa von dem westlichen Christentum in Europa unterscheidet. 
Heute begnugt man sich, iiber alle diese Dinge nur an der Oberflache 
zu sprechen, nur an der Oberflache Urteile zu fallen. Von der Empfin- 
dung wird manches ausgehen miissen, und die Empfindung kann gut 
geleitet werden, wenn man eines beriicksichtigt. Die Empfindung, die 
ich meine, mit der ich heute abschliefie, ist diese: 

Wer die wirkliche Geschichte Europas seit der Entstehung des 
Christentums studiert und sich nicht begnugt mit jener Fable convenue, 
welche in so entsetzlicher Weise heute als Geschichte gelehrt wird und 
von vielem Unheil die geheime Schuld ist, wer einen Sinn hat fur das 
wirkliche Studium der Geschichte, wer den Mut hat, in genugend star- 
ker Weise jene entsetzliche Fable convenue, die man heute Geschichte 
nennt, von sich zu weisen, der wird gerade mit Bezug auf die Entwik- 



kelung des Christentums eben zu einer Empfindung kommen, die ein 
Leitmotiv im Suchen der Gegenwart sein kann. Er wird namlich finden, 
daft nichts so viele Hemmnisse, nichts so viele Verdunklungen und Ent- 
stellungen erfahren hat, als die Entwickelung des Christentums. Nichts 
ist so schwierig geworden als das, daft sich das Christentum fortge- 
pflanzt hat. Und daraus entsteht dann die weitere Empfindung, daft es 
iiberhaupt, wenn man von Wundern sprechen will, kein grofteres 
Wunder gibt als dieses, daft das Christentum sich erhalten hat, daft das 
Christentum da ist. Aber es ist nicht bloft da, sondern wir leben heute 
in einer Zeit, wo sich dieses Christentum zwar durchzusetzen haben 
wird auch gegen die Abschaffung der Seele, nicht nur gegen die Ab- 
schaffung des Geistes, wo es sich aber durchsetzen wird! Denn gerade 
zur Zeit des groftten Widerstandes wird das Christentum seine groftte 
Kraft entwickeln! Und in dem Widerstande, der entwickelt werden 
mufi gegen die Abschaffung der Seele, wird auch die Kraft gefunden 
werden, den Geist wieder zu erkennen. Wenn aus dem Geiste - verzei- 
hen Sie jetzt die uneigentliche Anwendung des Wortes — , wenn aus dem 
Geiste, der die Gegenwart beherrscht, jene Gesetze entstehen werden, 
wodurch diejenigen Menschen, welche die Seele als etwas Wirkliches 
ansehen, fur nicht vollsinnig erklart werden - naturlich werden die Ge- 
setze nicht so lauten, daft derjenige fur nicht vollsinnig erklart wird, der 
die Seele anerkennt, aber sie werden so sein, daft unter der brutalen 
naturwissenschaftlichen Weltanschauung solches stattfindet -, wenn die- 
ser moderne verwandelte, metamorphosierte Konzilsbeschluft da sein 
wird, dann wird auch die Zeit da sein, dem Geiste wiederum sein Recht 
zu verschaffen. 

Dann wird man allerdings einsehen miissen, daft es mit schattenhaf- 
ten Begriffen nicht geht, wenn man nicht die tieferen Urspriinge, die 
Gefuhlsuntergriinde dieser schattenhaften Begriffe sieht. Denn in den 
schattenhaften Begriffen birgt sich manchmal dasjenige, was der mo- 
derne Mensch sich ganz und gar nicht gestehen will, dem er aber un- 
terworfen ist. Weil er sich es nicht gestehen will, weil er das aufterlich 
nicht anerkennt, tritt es in seinen Begriffen zur Strafe auf. Doch 
Saint-Martin sagt an wichtigeren Stellen: Uber diese Dinge kann man 
nicht reden. - Gewift, man wird noch lange Zeit iiber manche Dinge 



nicht reden konnen, aber manche Dinge miifite man doch schon als 
eherne Tafeln aufstellen, um die Menschheit heute darauf hinzuweisen, 
was eigentlich ist. Und eine solche Tafel wird einstmals zeigen, in nicht 
allzu ferner Zeit, aus welchen geheimen Neigungen die materialistische 
Ausdeutung des Darwinismus hervorgegangen ist, aus welchen sinnli- 
chen, perversen Neigungen der materialistisch geartete Darwinismus 
entstanden ist. 

Doch ich will Ihre Gemuter nicht bedrucken mit etwas, das Ihnen 
die heutige Nacht verderben konnte, daher will ich den Satz nicht wei- 
ter zu Ende fiihren, sondern will nur die Empfindungen auf solche 
Dinge hinlenken. Das nachste Mai wollen wir dann ein Gebaude we- 
nigstens zu skizzieren versuchen, zu dem ich Bausteine vor Ihre Seelen 
hinlegen wollte, als Grundlage fur eine besondere Betrachtung des My- 
steriums von Golgatha. 



NEUNTER VORTRAG 



Berlin, 3. April 1917 

Das Mysterium von Golgatha wird in dieser Zeit den Gegenstand unse- 
rer Betrachtung bilden. Vorbereitet wurde diese Betrachtung durch das- 
jenige, was ich in den letzten Vortragen vorgebracht habe. 

Rufen wir uns einmal das Allerhauptsachlichste, was dabei in Be- 
tracht kommt, ins Gedachtnis. Das letzte Mai habe ich es angefiihrt, 
da& zu einer jeglichen wirklichen, die Menschenseele befriedigenden 
Welterkenntnis die Einsicht gehort, dafi sowohl die Weltengliederung 
als auch die Menschheitsgliederung, die Gliederung des Wesens des 
Menschen, nach den drei Prinzipien von Leib, Seele und Geist vorge- 
nommen werden mufl. Das ist ja dasjenige, was insbesondere auf un- 
serm anthroposophischen Gebiete in der Gegenwart in allerintensivster 
Weise erkannt werden mufi. Deshalb darf ich aufmerksam machen dar- 
auf, dafi schon in meiner «Theosophie», und zwar auch in ihrer ersten 
Auflage, der Nerv der ganzen Auseinandersetzung aufgebaut ist auf 
dieser Dreigliederung. Sie werden ja alle diese «Theosophie» gelesen 
haben und werden wissen, dafi gewissermaflen das Skelett des ganzen 
Buches in dieser Dreigliederung liegt, die dann noch insbesondere in 
den Worten ausgesprochen ist: 

«Unverganglich ist der Geist; Geburt und Tod walten nach den Ge- 
setzen der physischen Welt in der Korperlichkeit; das Seelenleben, das 
dem Schicksal unterliegt, vermittelt den Zusammenhang von beiden 
wahrend eines irdischen Lebenslaufes.» 

Das heifit, es mufite dazumal als notwendig erachtet werden, auf 
diese Dreigliederung in moglichst deutlichen Worten hinzuweisen. 
Denn mit der ganz besonderen, ich mochte sagen, zentralen Betonung 
dieser Dreigliederung steht man eigentlich erst auf dem Boden, auf den 
man sich stellen mufi, wenn in unserer Zeit Weltverstandnis und inner- 
halb dieses Weltverstandnisses das Verstandnis des Zentralgeschehens 
unserer Erdenentwickelung erf afit, beziehungsweise dessen Erfassung an- 
gestrebt werden soil: das Zentralereignis des Mysteriums von Golgatha. 

Nun habe ich Ihnen gerade das letzte Mai auseinandergesetzt, was 



alles sich entgegenstemmt, wenn in unserer Zeit angestrebt werden soil, 
Welt und Mensch so zu erkennen, dafi nicht nur in nebensachlicher 
Erwahnung, sondern, wie auf eine Zentralidee hinweisend, die Gliede- 
rung vorgenommen wird in Leib, Seele und Geist. Ich habe Ihnen aus- 
gefuhrt, was in der abendlandischen Geistesentwickelung dem entge- 
gengestellt wurde, habe Ihnen ausgefiihrt, wie verlorengegangen ist fiir 
diese abendlandische Entwickelung der Begriff des Geistes. Ich habe 
erwahnt, dafi durch das achte okumenische Konzil zu Konstantinopel 
der Geist, beziehungsweise natiirlich die Idee des Geistes, geradezu 
ausgeschaltet worden ist aus dem abendlandischen Denken, und daft 
diese Ausschaltung der Idee des Geistes nicht nur etwa auf die Entwik- 
kelung der religiosen Ideen und Empfindungen ihren Einflufi geiibt hat, 
sondern tief hineingewirkt hat in alles Denken der neueren Zeit, so dafi 
es gewissermaflen heute noch unter den offiziellen Philosophien keine 
gibt, welche in richtiger Weise unterscheiden kann Seele und Geist. 
Und iiberall begegnet man, auch bei den Leuten, die da glauben aufzu- 
bauen auf einer vorurteilslosen Grundlage, der vorurteilsvollen, das 
heifit nur durch das achte allgemeine Konzil herbeigefiihrten Behaup- 
tung, der Mensch bestiinde aus Leib und Seele. Wer das Geistesleben, 
nicht nur, wie es in den oberflachlicheren philosophischen Gebieten 
liegt, sondern wie es sich hineingenistet hat in das Denken und Fiihlen 
aller Menschen, auch derjenigen, die nicht daran denken, sich irgendwie 
um philosophische Ideen zu kummern, wer dieses Geistesleben des 
Abendlandes wirklich kennt, der sieht iiberall den Einflufi der Aus- 
schaltung der Idee des Geistes. Und als in der letzteren Zeit die Ten- 
denz entstand, einiges heriiberzunehmen aus der morgenlandischen 
Weisheit, um von da aus einiges zu korrigieren innerhalb der abendlan- 
dischen Weisheit, da wurde, was herubergenommen wurde, in einem 
Lichte dargestellt, in dem man kaum ahnen kann, dafi der Welt und der 
Menschheit zugrunde liege die Gliederung: Leib, Seele, Geist. Denn in 
der rein aus der astralischen Beobachtung hervorgegangenen Gliede- 
rung des Menschen in dichten Leib, atherischen Leib, astralischen Leib, 
sthula sharira, linga sharira - prana, wie man dann sagte -, kama, 
kama-manas, und all die Dinge die da heriibergezogen sind aus dem 
Orient in den Okzident - in all diesen Gliederungen, die so prinzipien- 



los sieben Prinzipien aneinanderreihen, ist nichts zu merken von dem, 
was das Wichtigste ware: zu durchdringen unsere Weltanschauung mit 
der Gliederung in Leib, Seele und Geist. 

So konnte man geradezu sagen: Verschiittet worden ist diese Gliede- 
rung in Leib, Seele und Geist. Gewifi wird von dem Geiste auch heute 
viel gesprochen, aber was gesprochen wird, sind Worte. Nur konnen 
die Leute heute nicht mehr Worte von Dingen unterscheiden. Daher 
werden Ausfuhrungen ernst genommen, welche in blofien, ich mochte 
sagen, Kaleidoskop-Wortzusammensetzungen bestehen, wie etwa die 
Euckensche Philosophic 

Nun kann das Wesen des Mysteriums von Golgatha nicht verstanden 
werden, wenn man verzichten will auf die Dreigliederung in Leib, Seele 
und Geist. Dogmatisch geworden ist der Verzicht auf den Geist aller- 
dings, wie ich das letzte Mai ausgefuhrt habe, mit dem achten allgemei- 
nen Konzil; aber vorbereitet hat sich die Sache seit langerer Zeit. Und 
daf$ sie gekommen ist, hangt im Grunde zusammen mit einer notwen- 
digen Entwickelung im abendlandischen Geistesleben. Man wird viel- 
leicht am leichtesten hineinkommen gerade in die Art, wie man auf 
diese Weise sich nahern kann dem Mysterium von Golgatha, dem Ver- 
stehen des Mysteriums von Golgatha, wenn man sich ein Bild davon 
macht, wie der auf der Hohe des griechischen Denkens stehende Aristo- 
teles sich sein Bild von der Seele machte. Denn Aristoteles ist zu glei- 
cher Zeit der tonangebende Philosoph des ganzen Mittelalters gewesen, 
und von mittelalterlichen Begriffen zehrt das heutige Denken noch im- 
mer, so wenig die Leute das auch zugeben wollen. Aufierdem sehen wir 
ja daran, dafi, was in der Menschheitsgeschichte sich entwickelt hat, ein 
paar Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha in Aristoteles sich 
gezeigt hat, und daft man dann versucht hat, mit Hilfe der Ideen des 
Aristoteles bei den tonangebenden Geistern des Mittelalters das Myste- 
rium von Golgatha zu begreifen. In diesen Dingen liegt etwas so aufier- 
ordentlich Bedeutungsvolles, dafi man wirklich sich einmal die Miihe 
nehmen muft, diese Dinge unbefangen anzuschauen. 

Wie denkt Aristoteles iiber die menschliche Seele? Ich will ohne Um- 
schweife einfach hinstellen, wie Aristoteles iiber die menschliche Seele 
denkt, was also in Aristoteles das griechische Denken iiber die mensch- 



Hche Seele ergeben hat, in einem erleuchteten Geiste also ergeben hat. 
Aristoteles - und damit haben wir ungefahr dasjenige, was der bedeu- 
tendste Europaer ein paar Jahrhunderte vor dem Mysterium von Gol- 
gatha iiber die Seele denkt -, Aristoteles denkt sich: Wenn ein Mensch 
in die Weltentwickelung eintritt, ein einzelner Mensch durch die Ge- 
burt oder sagen wir durch die Empfangnis in die Weltentwickelung ein- 
tritt, dann verdankt er sein physisches Dasein zunachst Vater und Mut- 
ter. Aber von Vater und Mutter kann nur kommen, so meint Aristote- 
les, dasjenige, was das leibliche Dasein ausmacht; niemals konnte durch 
blofie Vereinigung von Vater und Mutter der ganze Mensch entstehen. 
Also der ganze Mensch kann nicht durch Vereinigung von Vater und 
Mutter im Sinne des Aristoteles entstehen, denn dieser ganze Mensch 
hat eine Seele. Und diese Seele, sie hat einen Teil - fassen wir das wohl 
auf, dafi Aristoteles in der Seele zunachst zwei Teile unterscheidet -, 
diese ganze Seele hat einen Teil, der vollig an den Leib gebunden ist, 
der sich durch den Leib aufiert, der durch die Sinnesbetatigung des Lei- 
bes seine Eindriicke von der Aufienwelt bekommt. Dieser Teil der 
Seele, der entsteht als notwendiges Mitentwickelungsprodukt durch die 
materielle Entwickelung des Menschen, die von Vater und Mutter 
kommt. Nicht so ist es bei dem geistigen Teil der Seele, oder - wie Ari- 
stoteles die Worte noch pragt - bei dem denkenden Teil der Seele, bei 
jenem Teil der Seele, der teil hat an dem allgeraeinen Geistesleben der 
Welt durch das Denken, der teil hat an dem «nus», an dem Denken der 
Welt. Dieser Teil der Seele ist fur Aristoteles immateriell, nicht stoff- 
lich, und er konnte sich niemals aus dem ergeben, was fur den Men- 
schen entsteht aus Vater und Mutter, sondern er kann sich nur dadurch 
ergeben fur den Menschen, dafi mitwirkt in dem Entstehen des Men- 
schen durch Vater und Mutter der Gott - «das G6ttliche» wiirde man 
besser sagen, wenn man bei aristotelischen Ausdriicken stehenbleibt -, 
dafi mitwirkt das Gottliche. 

So also entsteht der Mensch, der ganze Mensch. Das ist sehr wichtig, 
dafi man das Wort gerade so pragt fur den Aristoteles: Es entsteht der 
ganze Mensch durch die Zusammenwirkung des Gottes mit Vater und 
Mutter. Durch den Gott erhalt der Mensch seinen geistigen, oder im 
Sinne des Aristoteles konnte man auch sagen, denkerischen Seelenteil. 



Dieser denkerische Seelenteil, der also bei jeder Entwickelung des ein- 
zelnen physischen Menschen durch den Gott entsteht, durch die Mit- 
wirkung des Gottes entsteht, der ist in Entwickelung wahrend des 
Lebens zwischen Geburt und Tod. Indem der Mensch durch die Todes- 
pforte schreitet, wird das Leibliche der Erde iibergeben, und mit diesem 
Leiblichen derjenige Teil der Seele, welcher an die Organe des Leibes 
gebunden ist; dagegen bleibt erhalten dasjenige, was der geistige Teil 
der Seele ist. Dies, was nun der geistige Teil der Seele ist, lebt geistig 
weiter im Sinne des Aristoteles, lebt geistig weiter so, daft es gewisser- 
mafien in eine andere Welt entriickt ist als diejenige ist, mit der man in 
Verbindung steht durch die korperlichen Organe, und lebt nun eben 
weiter ein unsterbliches Dasein. Lebt ein unsterbliches Dasein so im 
Sinne des Aristoteles, dafi der Mensch, der sich im Leben, im Leibe, 
diesem oder jenem Guten hingegeben hat, zuriickzuschauen vermag auf 
dieses Gute, das er dem Weltenbau eingefugt hat, das im Weltenbau 
drinnen ist, aber in diesem Weltenbau, in den es hineingestellt ist, nicht 
zu andern ist. Ja, man versteht den Aristoteles wohl nur dann recht, 
wenn man seine Ideen so annimmt, dafi er gedacht habe: in alle Ewig- 
keit nach dem Tode habe die Seele zuriickzublicken auf irgendein Gu- 
tes, das sie verrichtet hat, auf irgendein Boses, das sie verrichtet hat. 

Es ist gerade im neunzehnten Jahrhundert die denkbar grofite An- 
strengung gemacht worden von verschiedenen Seiten her, den Aristote- 
les, der durch seine Ausdrucksweise zuweilen schwer zu verstehen ist, 
in dieser Idee klar zu verstehen. Und man kann schon sagen: Der vor 
kurzem verstorbene Franz Brentano hat in seinem Streite mit Eduard 
Zeller durch sein ganzes Leben hindurch versucht, alle Bausteine zu- 
sammenzutragen, welche dahin fuhren konnen, eine klare Idee iiber 
dasjenige zu haben, was Aristoteles iiber das Verhaltnis des geistigen 
Teiles der Menschenseele zu dem ganzen Menschen gedacht hat. Aber 
das, was Aristoteles so gedacht hat, das ist iibergegangen in die Philo- 
sophic, welche gelehrt worden ist das ganze Mittelalter hindurch bis in 
die neuere Zeit hinein, und auf gewissen Gebieten des kirchlichen Le- 
bens noch immer gelehrt wird. Franz Brentano, der sich wirklich inten- 
siv beschaftigt hat mit diesen Ideen, insofern sie aus Aristoteles quellen, 
hat sich folgendes klargemacht. 



Er hat sich klargemacht: Aristoteles war ein Geist, der wirklich 
durch seine innere Denker-Gesinnung erhaben war iiber den Materia- 
lismus, daher nicht verfallen konnte in den Glauben, dafi der geistige 
Teil der Seele etwas Materielles sei; nicht verfallen konnte in den alber- 
nen Glauben, dafi der geistige Teil der Seele sich aus dem entwickele, 
was der Mensch durch Vater und Mutter erhalt. Daher, meint Brenta- 
no, gab es fur Aristoteles nur zwei Moglichkeiten, iiber den geistigen 
Teil der Seele zu denken. Die eine Moglichkeit war diese: den geistigen 
Teil der Seele durch eine unmittelbare Schopfung Gottes im Zusam- 
menwirken mit dem, was von Vater und Mutter kommt, entstehen zu 
lassen, so dafi der geistige Teil der Seele entsteht durch die Einwirkung 
Gottes in den menschlichen Embryo; dafi aber dieser geistige Teil der 
Seele nicht zugrunde geht im Tode, sondern, indem der Mensch durch 
die Pforte des Todes geht, ein immerwahrendes Leben antritt. Was 
ware denn Aristoteles iibriggeblieben, so sagt Brentano, wenn er diese 
Idee nicht entwickelt hatte? Und Brentano sieht es eben als richtig an, 
dafi Aristoteles diese Idee fur sich angenommen hat. Was ware ihm, 
sagt er, iibriggeblieben, wenn er diese Idee nicht entwickelt hatte? Nur 
eine zweite Moglichkeit. Eine dritte Moglichkeit gibt es nicht, sagt 
Brentano. Und diese zweite Moglichkeit ist diese: anzunehmen, dafi die 
Seele des Menschen praexistiert, nicht blofi postexistiert, sondern praexi- 
stiert; existiert im Geistigen vor der Geburt, beziehungsweise vor der 
Empfangnis. Dann aber, sobald man nur iiberhaupt - das erkennt Bren- 
tano sehr klar sobald man nur iiberhaupt zugibt, dafi die Seele vor 
der Empfangnis irgendwie praexistiert, vorher existiert, dann bleibt 
nichts anderes iibrig, meint Brentano, als anzunehmen, dafi diese Seele 
sich nicht nur einmal im Leben verkorpert, sondern in wiederholten 
Erdenleben immer wieder erscheint. Es gibt iiberhaupt keine andere 
Moglichkeit. Und da, meint Brentano, Aristoteles in seiner reiferen 
Zeit die Palingenesis, also die wiederholten Erdenleben, abgelehnt hat, 
so bleibt ihm nichts anderes iibrig als der Kreatianismus, die Schopfung 
der Menschenseele, die vollstandige Neuschopfung der Menschenseele 
mit jeder embryonalen Erzeugung des Menschen, die nicht der Postexi- 
stenz widerspricht, wohl aber der Praexistenz. Franz Brentano war ur- 
sprunglich Priester und war noch ganz, ich mochte sagen, als einer der 



letzten Geister in dem darinnenstehend, was als die gute Seite der ari- 
stotelischen scholastischen Philosophic sich entwickelt hat, daher er- 
scheint ihm vor alien Dingen als verniinftig von Aristoteles, die Lehre 
von den wiederholten Erdenleben abzuweisen und den Kreatianismus 
mit der Postexistenz allein gelten zu lassen. 

Und diese Anschauung bildet ja dennoch, trotz aller Variationen, den 
Grundnerv aller christlichen Philosophic, sofern sich diese christliche 
Philosophic gegen die wiederholten Erdenleben wendet. Es ist merk- 
wiirdig, ich mochte sagen schauerlich-reizvoll, zu sehen, wie ein so 
eminent gesinnungstiichtiger Denker wie Franz Brentano, der ja den 
Priesterrock ausgezogen hat, danach ringt, immer klarer und klarer zu 
werden iiber diesen Kreatianismus der Seele, und wie gar keine Mog- 
lichkeit fur ihn vorhanden ist, die Briicke heriiberzuschlagen zu der 
Lehre von den wiederholten Erdenleben. Warum ist das? Das ist dar- 
um, weil trotz aller tiefen Gesinnungstiichtigkeit Brentanos, trotz seines 
energischen und scharfsinnigen Denkerlebens, ihm der Begriff des Gei- 
stes verschlossen war, er niemals zu dem Begriff des Geistes und seiner 
Abtrennung von dem Begriff der Seele hat kommen konnen. Es gibt 
keine Moglichkeit zum Begriff des Geistes zu kommen, ohne zum Be- 
griff der wiederholten Erdenleben zu kommen. Man kann die Lehre 
von den wiederholten Erdenleben nur verlieren, wenn man den Begriff 
des Geistes iiberhaupt verliert. Und im Grunde genommen war schon 
zur Zeit des Aristoteles der Begriff des Geistes, ich mochte sagen, ins 
Wackeln gekommen. Man merkt es den entscheidenden Stellen in 
Aristoteles 5 Schriften an, wie er immer unklar wird, wenn er von der 
Praexistenz spricht. Er wird immer unklar. 

Aber all das hangt mit etwas ungeheuer Bedeutungsvollem und Tiefe- 
rem zusammen; es hangt zusammen mit der realen Entwickelung der 
Menschheit. Es hangt damit zusammen, dafi die Menschheit in der Zeit 
der Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha in ein Entwicke- 
lungsstadium eingetreten war, in dem, ich mochte sagen, sich etwas wie 
Nebel um die Seele lagerte, wenn vom Geist gesprochen worden ist. Es 
lagerte sich dazumal um die Seele des Menschen noch nicht so stark wie 
heute, wenn vom Geist gesprochen worden ist, aber es fing schon der 
ganze Korruptionsprozefi des Denkens in bezug auf den Geist eben 



damals an. Und das, meine lieben Freunde, hangt zusammen damit, 
dafi in der Tat die Menschheit im Lauf der Zeiten eine Entwickehing 
durchgemacht hat, dafi gewissermaften die Seele im Lauf der Zeiten et- 
was anderes geworden ist, als sie in den Urzeiten der menschlichen Er- 
denentwickelung war. In diesen Urzeiten der menschlichen Erdenent- 
wickelung war dadurch, dafi das atavistische Hellsehen da war, eine 
unmittelbare Erfahrung vom Geiste da. Da konnte man an dem Geist 
nicht zweifeln. Man konnte ebensowenig an dem Geist zweifeln, wie 
man an der aufleren Sinneswelt zweifeln kann. Es handelt sich immer 
nur darum, ob die Menschen mehr oder weniger zu der Anschauung 
des Geistes kommen sollten. Aber dafi der Weg zum Geiste der 
menschlichen Seele moglich ist, daran konnte in gewissen alteren Zeiten 
der Menschheitsentwickelung niemand zweifeln. Ebensowenig konnte 
jemand daran zweifeln, dafi wahrend des Erdenlebens zwischen Geburt 
und Tod der Geist in der Seele des Menschen darinnen lebt, so dafl ge- 
wissermafien durch diesen geistigen Inhalt die Menschenseele teil hat an 
dem gottlichen Leben. Daran konnte niemand zweifeln. Und diese auf 
das unmittelbare Bewufitsein vom Geist gegriindete Uberzeugung, die 
driickte sich in den Mysterien und ihrer Pflege iiberall aus. Aber merk- 
wiirdig ist es, dafi schon einer der altesten griechischen Philosophen, 
der alte Heraklit, von den Mysterien so spricht, dafi man sieht, er weift 
davon, daf5 die Mysterien in noch alteren Zeiten etwas ungeheuer Be- 
deutungsvolles fiir den Menschen waren, aber im Grunde -genommen 
von ihrer Hohe schon heruntergekommen waren. Also schon sehr friih 
sprechen gerade erleuchtete Griechen davon, dafi die Mysterien von ih- 
rer Hohe schon heruntergekommen waren. 

In diesen Mysterien wurde mancherlei gepflogen. Uns kann heute in 
unserem Zusammenhang vorzugsweise aber nur die zentrale Idee dieser 
Mysterien besonders interessieren. Bei dieser zentralen Idee der Myste- 
rien, wie sie bis in die Zeiten des Mysteriums von Golgatha herein 
geiibt wurden, wie sie noch zu Zeiten des Kaisers Julian des Apostaten 
geiibt wurden - bei dieser Zentralidee wollen wir einmal einen Augen- 
blick verweilen. Denn zum Teil ist ja manches aus der Pflege dieser 
Mysterien in der letzten Zeit immer wiederum hervorgehoben worden, 
ich mochte sagen, im antichrisdichen Sinne hervorgehoben worden. Es 



ist darauf aufmerksam gemacht worden, wie dasjenige, was erzahlt wird 
als die Osterlegende, als das Mysterium von Golgatha, also die eigentli- 
che Zentrallegende von dem Leiden und dem Tod und der Auferste- 
hung des Christus, in den Mysterien iiberall gelebt hat. Und daraus 
sind dann die Schliisse gezogen worden dahingehend, daft das Osterge- 
heimnis des Christentums im Grunde genommen nur eine Art Obertra- 
gung alter Mysterienbrauche ware, alter heidnischer Mysterienbrauche 
auf die Person des Jesus von Nazareth. Und so sprechend scheinen 
manchen Menschen die Dinge zu sein, die man da sagen kann, daft sie 
gar nicht zweiflen an der Wahrheit der Idee, die sie also aussprechen 
wollen: Was die Christen erzahlen dariiber, daft der Gott Christus ge- 
litten hat, dem Tod zugefuhrt worden ist, auferstanden ist, daft sich an 
diese Auferstehung kniipft Hoffnung und Heilsehnsucht der Menschen, 
was Christen sich als solche Ideen gebildet haben, das, sagen diese Leu- 
te, lebte in den Mysterien, in den verschiedensten Mysterienkulten. Die 
heidnischen Brauche seien zusammengetragen worden und seien zur 
Osterlegende verschmolzen worden und iibertragen worden auf die 
Personlichkeit des Jesus von Nazareth. 

In der neueren Zeit ist man ja sogar noch weitergegangen, merkwiirdi- 
gerweise sogar auf offiziell christlichen Gebieten, indem man-man braucht 
nur an gewisse Bremenser Stromungen zu erinnern - das historische Da- 
sein des Jesus von Nazareth uberhaupt gleichgultig findet und sagt: Durch 
das soziale Leben seien zusammengetragen worden die verschiedenen 
Mysterienlegenden und Mysterienkulte, seien gleichsam zentralisiert 
worden, und es hatte sich in der christlichen Urgemeinschaft eben die 
Christus-Sage aus der alten heidnischen Sage herausgebildet. Bei einer Dis- 
kussion, die vor Jahren einmal hier in Berlin gepflogen worden ist - durch 
diese leidensvollen letzten Jahre ist ja dasjenige, was vorhergegangen ist, 
vielfach zur My the ge worden und erscheint uns furchtbar weit zuriick- 
liegend, aber die Diskussion war erst vor wenigen Jahren -, bei dieser 
Diskussion konnte man sehen, wie von offiziellen Vertretern des Christen- 
tums die Anschauung vertreten worden ist, daft es sich eigentlich gar 
nicht handeln konne um einen historischen Jesus von Nazareth, sondern 
nur um eine «Idee des Christus», der gewissermaften in der christlichen 
Urgemeinde durch allerlei soziale Impulse als Idee entstanden sei. 



Man darf sagen: Unendlich Verfiihrerisches liegt in der Betrachtung 
der heidnischen Mysterienkulte und ihrer Vergleichung mit dem, was 
sich als das christliche Ostermysterium herausgebildet hat. Denn neh- 
men Sie nur einmal eine, wie man sagen kann, getreuliche Schilderung 
der phrygischen Festfeiern, die da in Betracht kommt. Und ebenso wie 
man die phrygischen Festfeiern anfuhren konnte, so konnte man andere 
Festesfeiern anfuhren; denn in ahnlicher Weise waren diese Festesfeiern 
sehr verbreitet. Firmicus erzahlt zum Beispiel in einem Brief an die 
Sonne Konstantins von der phrygischen Festfeier: Das Bild des Attis, 
also eines gewissen Gottes - wir brauchen gar nicht weiter einzugehen, 
welchen Gottes — , das Bild des Gottes sei an einen Baumstamm be- 
festigt worden, feierlich mit diesem Baumstamm in Prozession herumge- 
tragen worden in mitternachtigem Ritual, und dann seien auch die Lei- 
den des Gottes zelebriert worden; dabei war neben dem Baum ein 
Lamm aufgestellt. Am Tage darauf wurde die Auferstehung des Gottes 
verkiindet. Und wahrend man am Tage vorher, da man den Gott an 
den Baumstamm geheftet, also gleichsam dem Tod ubergeben hatte, 
ritualmafiig in die furchtbarsten Klagen ausbrach, verwandelte sich 
die Klage dann plotzlich am nachsten Tage, da die Auferstehung des 
Gottes gefeiert wurde, in ausgelassenste Freude. Anderwarts, so erzahlt 
Firmicus, wurde das Bild des Gottes Attis begraben. In der Nacht, 
wenn die Trauer ihren Hohepunkt erreicht hatte, wurde plotzlich 
Licht angezundet, das Grab wurde geoffnet, der Gott war aufer- 
standen. Und der Priester sprach die Worte: Getrost, ihr Frommen, 
da der Gott gerettet ist, so wird auch euch das Notige, die Rettung 
werden. 

Wer konnte leugnen, dafi diese Ritualfeiern, die Jahrhunderte und 
Jahrhunderte vor dem Ablauf des Mysteriums von Golgatha iiberall 
gefeiert worden sind, grofie Ahnlichkeit haben mit demjenigen, was in 
das Ostergeheimnis mit eingelaufen ist innerhalb des Christentums? 
Weil es so verfuhrerisch war, so zu denken, hat man eben geglaubt: 
Nun, da wurden eben diese Anschauungen von dem leidenden, ster- 
benden, auferstandenen Gotte iiberall verbreitet, und man hat sie ge- 
wissermaflen zentralisiert unter den Christen und auf den Jesus von 
Nazareth iibertragen. 



Nun ist es wichtig zu verstehen, woher alle diese Festesfeiern, diese 
heidnischen, diese vorchristlichen Festesfeiern, eigentlich kommen. 
Denn sie gehen weit zuriick, weit zuriick in diejenigen Zeiten, in denen 
man die Mysterien so bildete, dafi man sie herausentwickelte aus tief- 
sten urspriinglichen Einsichten iiber das Wesen des Menschen und sei- 
nen Zusammenhang mit der Welt, wie einem das vorlag in dem atavisti- 
schen Hellsehen. Gewifi, in der Zeit, als man so die phrygischen Feiern 
gemacht hat, da hat man iiber den eigentlichen Sinn dieser Sache unge- 
fahr so viel gewufit, nun, wie man heute in gewissen Freimaurertem- 
peln weifi von den Zeremonien, die da vorgenommen werden. Aber 
trotzdem gehen diese Dinge zuriick auf ein urspriinglich grofiartiges 
Wissen iiber Welt und Menschen, auf ein Wissen, das wirklich heute 
aufierordentlich schwer verstandlich zu machen ist. Denn bedenken 
Sie nur, der Mensch lebt ja wirklich nicht blofi mit seinem aufieren 
physischen Leibe in seiner Umgebung, ist nicht blofi mit Bezug auf den 
physischen Leib von seiner Umgebung abhangig, sondern der Mensch 
lebt auch mit seiner Seele und mit seinem Geiste in der aufieren Umge- 
bung. Er nimmt die Ideen und Vorstellungen dieser aufieren Umgebung 
auf, die werden ihm gelaufig, werden ihm gewohnheitsmafiig, und aus 
den verschiedenen Riicksichten kann er nicht von ihnen ab. So dafi man 
viel guten Willen haben kann und dennoch Schwierigkeiten, gewisse 
Dinge zu verstehen, die eben aus den schon angefiihrten und aus noch 
anderen Griinden der geistigen Menschheitsentwickelung verlorenge- 
gangen sind. 

Dasjenige, was heute Wissenschaft ist - ich brauche nicht bei jeder 
Gelegenheit zu sagen, dafi ich es bewundere, ich bewundere es gewifi, 
aber trotzdem -, das haftet ja an der alleralleraufiersten Oberflache der 
Dinge; das haftet ja an demjenigen, was zum Wesen im allergeringsten 
Mafie nur irgendwie fiihrt. Dafi man trotzdem auf gewissen Gebieten 
mit dieser Wissenschaft sehr weit gekommen ist, das liegt ja nur daran, 
dafi man manchmal unter dem «weit gekommen» eben auch - nun, eben 
dies oder jenes versteht. Gewifi, man kann es bewundern, dafi diese 
Wissenschaft zur drahtlosen Telegraphie und noch zu manchem ande- 
ren, was in unseren Tagen eine grofie Rolle spielt, gekommen ist, und 
man kann die Frage aufwerfen: Was hatten wir, wenn wir zu dem nicht 



gekommen waren? Wiirde man in die Erorterung dieser Fragen einge- 
hen, so wiirde man ja schon hart an dasjenige stoften, was heute zu be- 
sprechen uberhaupt verboten ist. Dasjenige, was so gegenwartig Wis- 
senschaft ist, fur das ist naturlich die Weisheit, die dann ihre letzten 
Auslaufer, ihre schon korrumpierten Auslaufer gehabt hat in den an- 
gefuhrten Mysterienbrauchen, einfach Unsinn, einfach Torheit. Mag 
sein. Schon Paulus hat ja erwahnt, dafi dasjenige, was die Menschen als 
Torheit ansehen, gar oftmals Weisheit sein konnte vor Gott. 

Eine wirkliche Einsicht in das Wesen von Menschheit und Welt er- 
gibt unter vielem anderen - ich will heute die Gesichtspunkte hervorhe- 
ben, die uns fur das Verstandnis des Mysteriums von Golgatha wichtig 
sind - eine gewisse Anschauung iiber den menschlichen Organismus, 
die heute naturlich der Wissenschaft vollig verriickt erscheint. Dieser 
menschliche Organismus unterscheidet sich namlich ganz wesendich 
von dem Organismus des Tieres. Nun, wir haben viele Unterschiede 
schon angefiihrt, wir wollen heute denjenigen gerade anfuhren, der uns 
fur das Mysterium von Golgatha interessieren mull. Der menschliche 
Organismus unterscheidet sich ganz wesentlich von dem tierischen 
Organismus, denn der tierische Organismus, wenn man ihn wirklich stu- 
diert mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, tragt in sich den selbst- 
verstandlichen, den natiirlichen Impuls des Todes. Das heifit mit ande- 
ren Worten: Lernen Sie wirklich mit den Mitteln der Geisteswissen- 
schaft den tierischen Organismus kennen, so konnen Sie sich aus der 
Beschaffenheit des tierischen Organismus erklaren, dafi der tierische 
Organismus durch den Tod so gehen mufi, wie er eben geht, daft das 
Tier eines Tages zerfallt und den Elementen der Erde ubergeben wird. 
Der Tod des Tieres ist nichts Unbegreifliches, sondern er ist aus dem 
Studium des tierischen Organismus ebenso begreiflich, wie aus dem 
Studium desselben begreiflich ist, dafi das Tier fressen und trinken 
mufi. Das Wesen des tierischen Organismus ergibt die Notwendigkeit 
des tierischen Todes. 

Das ist nicht der Fall fiir das Wesen des menschlichen Organismus. 
Da kommen wir naturlich auf das Gebiet, das der modernen Wissen- 
schaft vollig unverstandlich bleiben mufi. Wenn Sie mit alien Mitteln 
der Geisteswissenschaft den menschlichen Organismus studieren, so 



gibt es im menschlichen Organismus drinnen selber nichts, was die 
Notwendigkeit des Todes erklart, unbedingt erklart. Es gibt nichts, was 
die Notwendigkeit des Todes erklart. Man muft beim Menschen den Tod 
als etwas, was man einfach erfahrt, hinnehmen, und kann sich gar nicht 
erklaren, warum eigentlich der Mensch stirbt. Denn der Mensch ist ur- 
spriinglich nicht fur den Tod geboren, auch nicht als aufterer Organis- 
mus fur den Tod geboren. Daft der Tod von innen heraus beim Men- 
schen auftreten kann, das ist nicht aus der menschlichen Wesenheit 
selber zu erklaren. So wie diese menschliche Wesenheit als menschliche 
Wesenheit ist, so ist es nicht zu erklaren. 

Ich weift sehr wohl, daft dies heute wirklich als vollig toricht angese- 
hen wird von all denen, die auf der wissenschaftlichen Hohe stehen 
wollen. Es ist ja im allgemeinen recht schwierig, iiber alle diese Dinge 
sich auseinanderzusetzen, denn diese Dinge hangen eigentlich zusam- 
men mit Gebieten tiefster Mysterien. Und auch heute stoftt man noch 
immer, wenn man im Zusammenhang solche Dinge erklaren will, auf 
etwas, was eben doch nicht anders ausgesprochen werden kann, als so, 
wie sich Saint-Martin, iiber den ich hier letzthin geredet habe, mehr- 
mals in seinem Buche «Des erreurs et de la verite» auftert. So sagt 
Saint-Martin an einer wichtigen Stelle, wo er davon spricht, welche 
Folgen fur die Menschheitsentwickelung es gehabt hat, daft ein gewisser 
Vorgang stattgefunden hat im geistigen Gebiete, bevor der Mensch zum 
erstenmal sich physisch verkorpert hat, als er reden will iiber diesen 
uberirdisch-geistigen Vorgang, die Worte, die jeder versteht, der mit 
solchen Dingen intimer bekannt ist: 

«So sehr ich aber wiinsche, daft man dahin komme, ebenso sehr un- 
tersagen mir meine Verbindlichkeiten die geringste Erlauterung iiber die- 
sen Punkt; und iibrigens, um meines eigenen Besten willen, errote ich 
lieber iiber die Vergehungen des Menschen, als daft ich davon rede.» 

In diesem Falle miiftte Saint-Martin von einem Vergehen des Men- 
schen, bevor er in die erste Erdeninkarnation eingetreten ist, sprechen. 
Das kann er nicht. Nun kann man ja aus gewissen Griinden - keines- 
wegs weil die Menschen besser geworden sind seit Saint-Martins Zei- 
ten, aber aus manchen anderen Griinden - heute manches sagen, was 
Saint-Martin noch nicht sagen konnte. Aber wollte man eine solche 



Wahrheit, wie die, dafi der Mensch eigentlich nicht fiir den Tod gebo- 
ren ist, im Zusammenhang mit allem dabei in Betracht Kommenden er- 
ortern, so wiirden auch Dinge beriihrt werden miissen, die vom heuti- 
gen Ohr noch nicht gehdrt werden konnen im allgemeinen. Der 
Mensch ist nicht fiir den Tod geboren, und dennoch stirbt er! Damit 
wird etwas ausgesprochen, was selbstverstandlich fiir die sehr weisen 
Leute der heutigen Wissenschaft eine Torheit ist, was aber fiir den, der 
zum wirklichen Weltverstandnis vordringen will, gerade zu den tiefsten 
Geheimnissen zahlt. Der Mensch ist nicht fur den Tod geboren, und 
dennoch stirbt er. 

Sehen Sie, dieses Bewufitsein, dafi der Mensch nicht fiir den Tod ge- 
boren ist und dennoch stirbt, das ist es im Grunde genommen, das wie 
ein geheimnisvoller Impuls durch jene alten Mysterien geht, auch die 
Attis-Mysterien, auf die ich hingedeutet habe. Es wurde in diesen My- 
sterien gesucht gewissermafien eine Moglichkeit des Verstandnisses fur 
dieses: Der Mensch ist nicht fiir den Tod geboren, und dennoch stirbt 
er. - Die Mysterien sollten gewissermaflen auf dieses Geheimnis eine 
Antwort geben. Warum beging man denn diese Mysterien? Man beging 
sie, um sich jedes Jahr von neuem etwas sagen zu lassen. Etwas, was 
man horen wollte, was man empfinden wollte, was man in seiner Seele 
durchmachen wollte, das wollte man sich jedes Jahr von neuem sagen 
lassen. Das wollte man sich sagen lassen, dafi die Zeit noch nicht heran- 
gekommen sei, in der der Mensch wirklich ernsthaftig auf seinen uner- 
klarlichen Tod hinzuschauen habe. Was erwartete denn eigentlich so 
ein Glaubiger von dem Attis-Priester? So ein Glaubiger hatte die in- 
stinktive Gewifiheit: Es kommt einmal fiir die Erde eine Zeit, wo es 
ernst werden wird, ganz ernst werden wird, auf den unerklarlichen Tod 
hinzuschauen. Aber diese Zeit wird erst kommen. Und indem der 
Priester zelebrierte die Leiden des Gottes und die Auferstehung des 
Gottes, wurde dieses Zelebrieren ein Trost: Die Zeit ist noch nicht da, 
wo man ernst machen mufi mit dem Begreifen des Todes. 

Denn diese alten Zeiten wufiten alle, dafi jenes, nun, meinetwillen 
nennen wir es «symbolisch», geschilderte Ereignis der Bibel gleich im 
Beginn des Alten Testamentes auf eine Wirklichkeit hindeutet. Das 
wulken diese alten Menschen instinktiv. Erst der moderne Materialis- 



mus ist dariiber hinausgekommen, dies instinktiv zu fiihlen, daft die 
Darstellung der Versuchung durch Luzifer auf ein wirkliches Ereignis 
hindeutet. Gewifi, die Gedanken-Sodomiterei, welche in der materiali- 
stischen Ausdeutung des Darwinismus liegt, die unterscheidet sich ja 
sehr erheblich von dem, was in solchem Zusammenhang als Wahrheit 
angesehen werden mufi. Denn diese Gedanken-Sodomiterei, die denkt: 
In alten Zeiten hat es eben Tiere gegeben gewisser Sorte, urtd die haben 
sich allmahlich heraufentwickelt zu dem heutigen Menschen. In dieser 
materialistischen Deutung des Darwinismus hat natiirlich die Paradie- 
ses-Versuchungsgeschichte keinen Platz. Denn es bediirfte ja schon ei- 
nes ganz degenerierten Verstandes, etwa zu glauben, daft ein Ur-Affe 
oder eine Ur-Affin von dem Luzifer versucht worden sein konnte. 

Nun, eine instinktive Gewiftheit war also vorhanden, daft hinter 
dem, was da am Ausgangspunkte des Alten Testamentes erzahlt wird, 
eine einstige Tatsache stande. Und wie wurde diese Tatsache empfun- 
den? So wurde diese Tatsache empfunden, daft man sich sagte: So wie 
der Mensch eigentlich ursprunglich physisch organisiert gewesen ist, so 
war er nicht sterblich; aber durch diese Tatsache ist seiner urspriingli- 
chen Organisation etwas hinzugefugt worden, was korrumpierend ein- 
tritt in seine Organisation, und was macht, daft nun auch in ihm ein 
Impuls der Sterblichkeit ist. Durch einen moralischen Vorgang wurde 
der Mensch sterblich, durch dasjenige, was eben - wir werden noch 
darauf zuriickkommen - in dem mysteriosen Worte der Erbsiinde liegt. 
Der Mensch wurde nicht sterblich, so wie die anderen Naturwesen 
sterblich geworden sind, er wurde sterblich nicht durch die natiirlichen 
Vorgange, nicht durch die materiellen Vorgange, sondern der Mensch 
wurde sterblich durch einen moralischen Vorgang. Von der Seele aus ist 
der Mensch sterblich geworden. 

Die Tierseele als Gattungsseele ist unsterblich; als Gattungsseele. Sie 
verkorpert sich im einzelnen Individuum des Tieres, das durch seine 
Organe sterblich ist. Die Gattungsseele geht aus dem sterblichen Tiere 
so hervor, wie sie sich in ihm verkorpert hatte. Aber die tierische Or- 
ganisation ist von vorneherein als Individualorganisation auf das Ster- 
ben eingerichtet. Die menschliche Organisation nicht in gleichem 
Mafte. Die menschliche Organisation ist so, daft dasjenige, was dieser 



Organisation als Gattungsseele zugrunde liegt, als Menschen-Gruppen- 
seele, im einzelnen Menschen zum Ausdruck kommen wiirde und ihn 
unsterblich machte als aufiere Menschheitsorganisation. Sterblich 
konnte der Mensch nur werden von der Seek aus durch eine morali- 
sche Tat. In einer gewissen Weise mufi die Seele beschaffen sein, damit 
der Mensch sterblich sein konne. Sobald man solche Dinge heute so 
nimmt, wie man abstrakte Begriffe nimmt, versteht man die ganze Sa- 
che nicht. Erst wenn man sich aufschwingt zum konkreten, tatsachli- 
chen Erfassen der Sache, versteht man diese Dinge. 

Nun hatte man in alten Zeiten - in den Zeiten auch noch kurz vor 
dem Mysterium von Golgatha, als diese alten Mysterien gefeiert wurden 
- das intensivste Wissen: Die Seele des Menschen macht es, dafi der 
Mensch stirbt. Diese Seele des Menschen ist in einer fortwahrenden 
Entwickelung durch die Zeiten hindurch. Worinnen besteht denn diese 
Entwickelung? Darinnen besteht diese Entwickelung, dafi immer mehr 
und mehr diese Seele den Organismus korrumpiert, den Organismus 
verdirbt und immer mehr und mehr teilnimmt an der Korruption, 
durch die sie vernichtend auf den Organismus wirkt. Der Mensch sah in 
alte Zeiten hinauf und sagte sich: Da hat ein moralisches Ereignis statt- 
gefunden, durch das ist die Seele so geworden, dafi, wenn sie nun durch 
die Geburt im Leibe wohnt, sie diesen Leib verdirbt, aber dadurch, dafi 
sie den Leib verdirbt, nicht so lebt zwischen Geburt und Tod, wie sie 
leben wiirde, wenn sie ihn unverdorben liefie. Das ist immer schlimmer 
und schlimmer geworden im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende. 
Die Seele verdirbt immer mehr und mehr den Leib! So sagten sie. - Da- 
mit aber findet die Seele immer weniger und weniger die Moglichkeit, 
ihren Ruckweg in den Geist anzutreten. Sie korrumpiert, je weiter die 
Menschheitsentwickelung geht, den Leib immer mehr und mehr; da- 
durch impft sie diesem Leibe immer intensiver und intensiver den Tod 
ein. Und ein Zeitpunkt mufi kommen, wo die Seelen keine Moglichkeit 
mehr finden, nachdem sie ihr Dasein so lange zugebracht haben zwi- 
schen Geburt und Tod, wiederum den Ruckweg zu finden in die gei- 
stige Welt. 

Diesen Zeitpunkt erwartete man in alten Zeiten mit Schauern und 
Schrecken. Man sagte sich: Generation nach Generation wird vergehen, 



und die Generation wird einmal kommen, die solche Seelen hat, welche 
ihren Leib so korrumpieren und ihm den Tod so intensiv einimpfen, 
dafi es gar nicht mehr mdglich sein wird, zum Gottlichen den Weg 
wiederum zuriickzufinden. Diese Generation wird kommen! - So sag- 
ten sie. Und man wollte sich iiberzeugen, ob der Zeitpunkt schon mehr 
oder weniger herannaht. Deshalb hatte man die Attis- und anderen Ge- 
brauche. Man probierte gleichsam, ob noch so viel Gottliches in den 
Menschenseelen ist, dafi die Zeit noch nicht da ist, wo die Menschen- 
seelen alles Gottliche abgestreift haben und nicht mehr den Weg zum 
Gotte zuruckfinden konnen. Deshalb hatte es eine ungeheure Bedeu- 
tung, wenn der Priester sprach: Seid getrost, ihr Frommen; da der Gott 
gerettet ist, so wird auch fur euch die notige Rettung werden! - Damit 
wollte er sagen: Seht ihr, der Gott, der hat noch Einflufi auf die Welt, 
die Seelen haben es noch nicht so weit gebracht, dafi sie sich ganz abge- 
schniirt hatten von dem Gotte; der Gott, der aufersteht noch! - Das 
wollte ihnen der Priester verkiinden; Trost war es, was der Priester 
verkiindete, Der Gott ist noch in euch! - das sagte er. 

Man beruhrt, wenn man diese Dinge beriihrt, so unendlich tiefe 
Empfindungs- und Gefuhlszuge, die einmal vorhanden waren in der 
Entwickelung der Menschheit, dafi der heutige Mensch, der seine Inter- 
essen ganz veraufierlicht hat, gar keine Ahnung mehr hat, womit die 
Menschen einmal gerungen haben. Mogen sie sonst nichts gewufit 
haben von dem, was man heute Kultur nennt, mogen sie noch so sehr 
Analphabeten gewesen sein, solche Gefiihle haben sie gehabt. Und in 
den Priesterschulen, wo man die letzten Traditionen bewahrte, die aus 
alter hellsichtiger Weisheit herstammten, da sagte man den einzuweihen- 
den Schiilern das Folgende: Wenn die Entwickelung so fortgehen wiir- 
de, wie sie unter dem Eindruck jenes moralischen Ereignisses im Be- 
ginne der Erdenentwickelung geht, dann miifite man sich darauf gefafit 
machen, dafi die Seelen der Menschen ihren Weg finden wiirden von 
Gott ab, hinein in die Welt, die sie selber erzeugen, indem sie den 
menschlichen Organismus zum Tode hin, zum immer intensiveren 
Tode hin korrumpieren. Die Seelen wiirden sich verbinden mit der 
Erde und durch die Erde mit dem, was man die Unterwelt nennt. Die 
Seelen wiirden verlorengehen. Aber da man selbstverstandlich in die- 



sen Schulen die Weisheit vom Geiste noch hatte, wuftte man, dafi der 
Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Das, was ich Ihnen jetzt 
sage, das sagte man von der Seele, nicht vom Geiste. Denn der Geist ist 
an sich ewig und hat seine eigenen Gesetze. Vom Geiste wufke man 
das, was einen notigte so zu sagen: Die Seelen werden verschwinden in 
die Unterwelt hinein, aber der Menschengeist wird in immer wieder- 
holten Erdenleben erscheinen. Und eine Zukunft der Erdenentwickelung 
stiinde bevor, in der die Menschengeister sich wiederum verkorpern 
wiirden, aber zuriickblicken wiirden auf all das verlorene Seelenhafte, 
das einstmals im Erdenwerden war. Die Seelen wiirden verlorengehen. 
Nicht mehr wiirden Seelen kommen. Geister wiirden sich wiederver- 
korpern, die wie automatisch den Menschenleib bewegen wiirden, 
ohne dafi die Art und Weise, wie sie den Menschenleib bewegen, 
gefuhlt wiirde, empfunden wiirde in seelischem Erleben. 

Was war nun demgegeniiber die Empfindung derjenigen, die zum 
christlichen Ostermysterium hindrangten? Die Empfindung derjenigen, 
die zum christlichen Ostermysterium hindrangten, war die: Wenn auf 
der Erde nichts anderes geschieht als dasjenige was von alters her ge- 
schehen ist, dann entstehen in der Zukunft seelenlose Menschen in den 
wiederholten Erdenleben. - Sie warteten daher auf das Andere. Sie war- 
teten auf dasjenige, was nicht innerhalb des Erdenwerdens selber sich 
bilden konnte, was von aufien in dieses Erdenleben hereinkommen soll- 
te. Sie warteten, mit anderen Worten, auf das Mysterium von Golga- 
tha. Sie warteten darauf, dafi in das Erdenwerden ein Wesen herein- 
komme, welches das Seelische wieder rettet, welches das Seelische ent- 
reifit dem Tode. Den Geist brauchte man nicht dem Tode zu entreifien, 
aber das Seelische mufite man dem Tode entreiflen. Dieses Wesen, wel- 
ches in die Erdenentwickelung nun von aufien sich eingefiigt hat durch 
den Leib des Jesus von Nazareth, das empfand man als den Christus, 
der erschienen war zur Rettung der Seelen. So dafi der Mensch in dem 
Christus etwas hat, mit dem er sich verbinden kann in der Seele, auf 
dafi die Seele durch diese Verbindung mit dem Christus ihre korrum- 
pierende Kraft fiir den Leib verliert und nach und nach all das, was ver- 
loren war, wiederum zuruckgewonnen werden kann. Daher steht das 
Mysterium von Golgatha in der Mitte der Erdenentwickelung. Vom 



Beginn der Erdenentwickelung bis zum Mysterium von Golgatha geht 
immer mehr und mehr verloren, indem immer mehr und mehr kor- 
rumpierende Kraft in der Seele Platz greift, um die Menschen zu Au- 
tomaten des Geistes zu machen. Und von dem Mysterium von Golga- 
tha bis zum Ende des Erdendaseins ist diejenige Zeit, wo nach und nach 
wiederum gesammelt wird dasjenige, was verlorengegangen war bis 
zum Mysterium von Golgatha. So dafi, wenn die Erde am Ende ihrer 
Entwickelung angekommen sein wird, die Menschengeister sich in letz- 
ten Leibern verkorpern werden, in denjenigen Leibern, die wiederum 
unsterblich sind. Die wiederum unsterblich sind! So empfand man das 
Ostergeheimnis. 

Dazu aber war es notwendig, dafi die Macht uberwunden wurde, 
welche der Seele die moralische Korruption moglich macht. Diese 
Macht, die ist uberwunden worden in dem, was das Christentum emp- 
findet als das eigentliche Ereignis von Golgatha. Die eigentlichen mit 
den Dingen bekannten ursprunglichen Christen - wie klang ihnen ein 
wichtiges Wort? Sie erwarteten ja von aufien ein Ereignis, durch das 
eintreten kann die Moglichkeit, dafi die die Seele korrumpierende Kraft 
ihre Macht verliere. Da klang ihnen das Wort von Christus: «Es ist 
vollbracht!» als das Zeugnis dafur, dafi nun die Zeit beginnt, wo die 
korrumpierende Kraft der Seele voriiber ist. 

Ein merkwurdiges Ereignis, ein Ereignis, das ungeheure, ungeahnte 
Geheimnisse einschliefit. Denn solche ungeheuren Fragen stehen auf im 
Hinblicke auf das Mysterium von Golgatha. Wir werden sehen, indem 
wir in der Betrachtung weiterschreiten, dafi das Mysterium von Golga- 
tha nicht zu denken ist ohne den auferstandenen Christus. Christus der 
Auferstandene - das ist das Wesentliche! Und es gehort zu den tiefsten 
Worten das paulinische Wort: «Ware der Christus nicht auferstanden, 
so ware unsere Predigt eitel, und eitel auch euer Glaube.» Der aufer- 
standene Christus gehort einmal ins Christentum. Und ohne den aufer- 
standenen Christus kann es kein Christentum geben. Der Tod gehort 
auch hinein, der Tod des Christus. Aber denken Sie, wie wird die Sache 
dargestellt? Und wie mufi sie dargestellt werden? Der Schuldlose wird 
zum Tode gefuhrt, ins Leiden gefuhrt, zum Tode gefiihrt. Diejenigen, 
die ihn zum Tode fiihren, laden eine schwere Schuld offenbar auf sich. 



Denn ein Unschuldiger wird zum Tode gefuhrt. Sie laden eine schwere 
Schuld auf sich. Dennoch, was ist diese Schuld fiir die Menschheit? 
Das Heil der Menschheit! Denn ware der Christus nicht gestorben, so 
ware das Heil der Menschheit nicht eingetreten. Man steht, indem man 
dem Ereignis von Golgatha gegenubersteht, dem einzigartigen Ereignis 
gegeniiber, dafi man sich sagen mufi: Das grofite Heil, das der Erden- 
menschheit passiert ist, ist das, dafi der Christus getotet worden ist. Die 
grofite Schuld, die auf sich geladen worden ist, ist die, daft der Christus 
getotet worden ist. Hier fallt das hochste Heil mit der tiefsten Schuld 
zusammen. 

Gewifi, oberflachlicher Sinn kann iiber so etwas hinweggehen. Fiir 
denjenigen, der nicht an der Oberflache der Dinge haftet, fur den be- 
deutet dies ein tiefstes Ratsel. Der ungeheuerlichste Mord in der Ent- 
wickelung der Menschheit ist zum Heile der Menschheit ausgeschlagen! 
Fiihlen Sie dieses Ratsel. Auch dieses Ratsel mufi, wenn man dem My- 
sterium von Golgatha Verstandnis entgegenbringen will, wenigstens 
versucht werden zu verstehen. Und es klingt, wenn auch in einem pa- 
radigmatischen Worte, so doch der Antrieb zur Losung auch vom 
Kreuze herunter: «Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie 
tun!» Wir werden sehen, in dem rechten Verstandnis dieses Wortes 
liegt die Antwort auf die bedeutungsvolle Ratselfrage: warum der un- 
geheuerlichste Mord das Heil der Menschheitsentwickelung ist. 

Wenn Sie dies alles bedenken, dann werden Sie anfangen zu verste- 
hen, dafi man herankommen mufi an das Mysterium von Golgatha mit 
den Begriffen von Leib, Seele und Geist. Denn fur die Seelen der Men- 
schen ist der Christus gestorben. Die Seelen der Menschen holt er wie- 
der zuriick in die geistige Welt, von der sie abgeschniirt gewesen waren, 
wenn er nicht gekommen ware. Das Moralische ware verschwunden 
aus der Welt. Der Geist ware im automatischen Leibe von einer moral- 
freien Notwendigkeit getrieben. Damit hatte man seelisch nichts erle- 
ben konnen. Der Christus soil die Seelen wiederum zuruckwenden. 
Braucht man sich zu wundern, dafi drei Jahrhunderte vor dem Myste- 
rium von Golgatha der erleuchtetste Grieche, Aristoteles, nicht richtig 
iiber die Seele und ihren Zusammenhang mit dem Geiste zu reden wufi- 
te, da gerade die Krisis der Seele bevorstand? Braucht man sich zu 



wundera, wo den Seelen dies bevorstand, und Aristoteles nicht wissen 
konnte, dafi der Retter der Seelen kommen werde, dafi er irre redete 
uber die Seele? Man braucht sich nicht dariiber zu wundern! Eine an- 
dere Erklafung wird allerdings notwendig sein dafiir, dafi so lange im 
Sinne des Aristoteles irre geredet worden ist iiber den Zusammenhang 
von Seele und Geist. Was der Christus fur die Menschenseele bedeutet, 
das tritt einem entgegen in dem Lichte, das uns den Menschen wie- 
derum in seiner dreigliedrigen Wesenheit als Leib, Seele und Geist 
zeigt, und in der innigen Verbindung, die besteht zwischen dem objek- 
tiven wirklichen Geschehen und dem moralischen Geschehen; welchen 
Zusammenhang man nie in seiner wahren Gestalt erkennen wird, wenn 
man nicht die Dreigliedrigkeit des Menschen, Leib, Seele und Geist, 
erkennt. 

Ich habe Ihnen auch heute nur eine Vorbereitung geben konnen zu 
der Erorterung, in welche Tiefen der Menschenseele man hineinsteigen 
mufi, wenn man nur einigermafien das Mysterium von Golgatha verste- 
hen will. Ich glaube, dafi es uns sehr naheliegen mufi, sehr nahegehen 
mufi, gerade in unserer Zeit, iiber diese Dinge zu sprechen und viel- 
leicht gerade dieses Osterfest zu benutzen, um in diese Dinge tiefer 
hineinzuschauen, soweit es in der gegenwartigen Zeit den Menschen 
moglich ist. Dadurch kann vielleicht manches zu unseren Empfindun- 
gen zunachst gesprochen werden, das ein Same sein kann, der erst in 
zukiinftigen Zeiten innerhalb der Menschheitsentwickelung aufgehen 
kann. Denn iiber vieles miissen wir so denken, dafi wir erst nach und 
nach vollig wach werden, dafi wir in einer Zeit leben, in der wir man- 
ches nicht in volligem Wachen auffassen, manches von diesen und man- 
ches von jenen Dingen. Das zeigt sich selbst darin, wie schwer es dem 
Menschen heute gemacht wird, bei volligem Wachen unmittelbar an 
uns herantretende Ereignisse richtig ins Auge zu fassen. Es ist leider 
nicht moglich, auch nur mit wenigen Strichen hinzudeuten, wie man 
wachend ins Auge fassen wiirde das schmerzliche Ereignis, von dem 
heute erst unter unseren Zeitereignissen die Menschheit Europas oder 
wenigstens Mitteleuropas Kunde erhalten hat. Solche Dinge werden 
heute vielfach wie im Schlafe erlebt. Aber es ist ja hier nicht moglich, 
Naheres iiber solche Dinge zu sagen. 



Heute wollte ich eigentlich nur Fragen anregen, um in Ankniipfung 
daran das nachste Mai iiber das Mysterium von Golgatha zu sprechen. 



ZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 10. April 1917 



Ich mochte heute zunachst darauf hinweisen, dafl man in unserer Zeit 
sehr leicht das Wesen des Mysteriums von Golgatha verkennen kann, 
insofern als man nicht leicht aufmerksam darauf wird, wie schwierig es 
der gewohnlichen Erkenntnis, die man heute sucht, iiberhaupt wird, 
ein Verhaltnis, ein tieferes Verhaltnis zu diesem Mysterium von Golga- 
tha zu gewinnen. Man kann zum Beispiel sehr leicht glauben: Vertiefst 
du dich mystisch, suchst du ein mystisches Innenleben, den Gott in 
deinem Innern, so findest du den Christus. Die meisten Menschen, die 
in unserer Gegenwart und schon seit langerer Zeit so sprechen, finden 
auf diesem Wege den Christus nicht. Man findet nicht den Christus, 
wenn man etwa wie manche, die sich Theosophen nennen, sagt, man 
miisse in seinem eigenen Innern gewahren das mit diesem eigenen In- 
nern verbundene Gottliche, dann ginge der Christus in dem Menschen 
auf. Das ist nicht der Fall. Dasjenige, was dann hochstens aufgehen 
kann, was im Innern gewissermafien als ein inneres Licht erscheinen 
kann, das kann niemals, richtig verstanden, der Christus genannt wer- 
den, sondern das konnte nur ein gottliches Wesen im allgemeinen ge- 
nannt werden. Und nur weil man sich heute nicht gewdhnt, auch nur 
theoretisch die Dinge zu unterscheiden, glauben manche Mystiker, 
durch das, was man gewohnlich Mystik nennt, durch die gewisserma- 
fien sich selbst iiberlassene Mystik, zu dem Christus kommen zu kon- 
nen. Das ist nicht der Fall. Und es ist wichtig, einmal dies vor seine 
Seele hinzustellen, ebenso wie es wichtig ist, darauf zu achten, dafi ja 
auch die Philosophien des abgelaufenen Zeitraumes des neunzehnten 
Jahrhunderts bis in unsere Zeit herein, als Teile von sich, Religionsphi- 
losophien erzeugt haben, und dafi diese Philosophien gar oftmals glau- 
ben, vom Christus reden zu konnen. In Wahrheit konnen sie nichts an- 
deres finden - und man findet auch in diesen Philosophien nichts ande- 
res - ais dasjenige, was ein gottliches Wesen im allgemeinen, aber nicht 
der Christus genannt werden kann. Nehmen Sie selbst einen Philoso- 
phen, der nach einer gewissen Vertiefung gesucht hat, wie Lotze. Lesen 



Sie seine Religionsphilosophie und Sie werden finden: er spricht von 
einem gdttlichen Wesen im allgemeinen, aber er spricht nicht so, dafi 
er dieses gottliche Wesen, von dem er denkt, sinnt, mit dem Christus- 
Namen bezeichnen konnte. - Noch weniger kann man auf den Wegen, 
die durch solche Mystik, durch solche Philosophic gesucht werden, 
das Wesen des Mysteriums von Golgatha finden. Wir wollen uns, urn 
dies naher einzusehen, einmal einige Eigenschaften der Vorstellungen 
vom Mysterium von Golgatha vor die Seele fiihren. Ich mochte sagen, 
zunachst wie blofie Behauptungen wollen wir uns diese Vorstellungen 
des Mysteriums von Golgatha vor die Seele fiihren. 

Zunachst gehort es, wenn das Mysterium von Golgatha iiberhaupt 
das sein soil, was der Menschheit in ihrer geschichtlichen Erdenent- 
wickelung notig ist, zu dem Wesen dieses Mysteriums von Golgatha, 
dafi diejenige Wesenheit, also die Christus-Wesenheit, die durch das 
Mysterium von Golgatha gegangen ist, mit dem Mysterium von Golga- 
tha etwas verrichtet hat, das seine Beziehung hat zur ganzen Weltord- 
nung. Wenn wir den Ausdruck nicht gebrauchen wollen, konnen wir 
sagen, zur ganzen kosmischen Ordnung. Sieht man bei dem Wesen, das 
durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, ab von einer Bezie- 
hung zur ganzen Welt, dann hat man nicht mehr dieses Wesen, dann 
kann man von irgendeinem gdttlichen Wesen im allgemeinen sprechen, 
aber man kann nicht von dem Christus-Wesen sprechen. 

Es sind viele Dinge, die verstanden werden miissen, wir wollen einige 
heute anfuhren. Ein weiteres, das verstanden werden mufi, wenn man 
richtig an das Mysterium von Golgatha herankommen will, ist dies: 
Welches ist eigentlich die Vorstellung von dem, was der Christus Jesus 
selber den Glauben, das Vertrauen nennt? Man hat heute eine viel zu 
theoretische, viel zu abstrakte Vorstellung von dem Glauben. Denken 
Sie einmal, was sich heute der Mensch sehr haufig vom Glauben vor- 
stellt, wenn er von dem Gegensatze des Glaubens zum Wissen redet. 
Da stellt er sich vor: Dasjenige, was man durch irgend etwas beweisen 
kann, das ist ein Wissen; was man nicht durch irgend etwas beweisen 
kann, aber was man doch fur wahr halt, das ist ein Glaube. Es kommt 
dem Menschen darauf an, auf eine gewisse Art etwas zu erkennen, et- 
was einzusehen. Nur, wenn er dieses Erkennen, dieses Einsehen einen 



Glauben nennt, denkt er daran, daft man dieses Erkennen, dieses Ein- 
sehen nicht voilstandig beweisen kann. 

Vergleichen Sie einmal ganz oberflachlich diese Glaubensvorstellung 
mit jener Vorstellung, die der Christus Jesus hervorruft. Ich will nur 
einmal hinweisen auf die Evangelienstelle: Wenn ihr glaubet, der Berg, 
der vor euch steht, soli sich ins Meer stiirzen, und ihr habt den wirkli- 
chen Glauben, so wird er sich ins Meer stiirzen! - Welch gewaltiger 
Abstand ist zwischen dieser Glaubensvorstellung der heutigen Mensch- 
heit, die eigentlich eine blofie Surrogat- Vorstellung fur das Wissen ist, 
und jener Glaubensvorstellung, die, ich mochte sagen, vielleicht para- 
dox, aber radikal in diesem Christus- Worte ausgedriickt ist! Aber man 
kann gleich herausfinden, wenn man nur ein wenig aufmerksam ist, 
worin das Wesentliche der Glaubensvorstellung, die der Christus gibt, 
eigentlich liegt. Was soil der Glaube? Er soli etwas bewirken, etwas 
hervorbringen. Er soli nicht blofi eine Vorstellung, ein Wissen erwek- 
ken; wenn man ihn hat, den Glauben, soil etwas geschehen konnen 
durch den Glauben. Sehen Sie sich daraufhin das Evangelium an. Ober- 
all, wo Sie es aufschlagen konnen, und wo Sie die Ausdriicke «Vertrau- 
en» und «Glauben» finden, werden Sie uberall finden, dafi es sich um 
diese tatige Vorstellung handelt, dafi man etwas haben soil, wodurch 
etwas verrichtet, etwas getan wird, wodurch etwas geschieht. Das ist 
aufierordentlich wichtig. 

Und von all dem Wichtigen will ich noch ein Drittes heute anfiihren. 
In den Evangelien wird sehr haufig gesprochen von den Geheimnissen 
des Reiches Gottes oder des Reiches der Himmel, von den Mysterien 
des Reiches Gottes, dem Mysterium des Reiches der Himmel. In wel- 
chem Sinne wird hier von Geheimnissen gesprochen? In welchem Sinne 
wird gesprochen von dem Reiche Gottes oder dem Reiche der Himmel? 
Dies ist eine Vorstellung, zu der man schon etwas schwierig kotnmt. 
Aber derjenige, der sich viel, gerade vom okkultistischen Standpunkte 
aus, mit den Evangelien befaflt hat, kommt immer mehr und mehr zu 
der Anschauung: In den Evangelien ist jeder Satz wie von Granit hin- 
gebaut, und nicht einmal der Schnorkel eines Satzes ist irgend etwas 
Gleichgultiges, sondern etwas ungeheuer Wichtiges. Alle Kritik, die 
man begreifen kann, wenn sie bei einer Anschauung iiber die Evangelien 



einsetzt, alle Kritik hort dann auf, wenn man tiefer und immer tiefer 
gerade vom geisteswissenschaftlichen Erkenntnisstandpunkt in die 
Evangelien eindringt. Nun will ich Sie, um von diesem Geheimnis, von 
diesem Mysterium, von dem da die Rede ist, sprechen zu konnen, gleich 
hinweisen auf etwas aufierordentlich Charakteristisches. 

Ich habe schon bei friiheren Besprechungen der Evangelien hingewie- 
sen auf jene bedeutsame Stelle, wo es sich handelt um die Heilung, oder 
man konnte sie auch eine Erweckung nennen, des zwolfjahrigen Toch- 
terchens des Jairus. Wir reden ja hier unter Erwachsenen, daher kann 
ich diese, ich mochte sagen, tiefere medizinisch-okkulte Erkenntnis, die 
sich an diese Erweckung fur den, der geisteswissenschaftlich in sie ein- 
dringt, ergibt, anfiihren. Zwolfjahrig ist das Tochterchen. Der Christus 
Jesus naht sich ihr - Sie konnen die naheren Umstande ja in den Evan- 
gelien lesen -, um sie, die schon fiir tot gehalten wird, zu heilen. Es ist 
merkwiirdig, dafi man gerade bei solchen Dingen niemals zu einem 
Verstandnis kommen kann, wenn man solch eine Stelle nicht priift nach 
dem, was vorhergeht, und auch nach dem, was nachfolgt. Man reifk ge- 
rade beim Evangelium gern zu stark die einzelnen Partien heraus, liest 
immer das oder jenes, aber sie hangen miteinander zusammen. Unmit- 
telbar vorher - Sie werden sich erinnern - steht in den Evangelien jene 
Stelle, da der Christus eben sich hinbegibt, gerufen zu dem zwolfjahri- 
gen Tochterchen des Jairus, wo er beriihrt wird, sein Mantel beriihrt 
wird von dem sogenannten blutflussigen Weibe, von der Frau, die 
zwolf Jahre den Blutflufi hatte. Sie beriihrt sein Kleid. Was geschieht? 
Sie wird geheilt. Er fuhlt, dafi eine Kraft von ihm ausstromt. Das Wort 
fallt wiederum, das man nur versteht, wenn man die vorher eben ange- 
fiihrte Glaubensvorstellung richtig versteht: Dein Vertrauen, dein 
Glaube hat dich gesund gemacht. - Nun ist tiefsinnig an dieser Stelle 
des Evangeliums gesagt: Zwolf Jahre hatte sie die Krankheit; und das 
Tochterchen ist zwolf Jahre alt, lebte zwolf Jahre hier auf der physi- 
schen Erde. Was hatte das Tochterchen des Jairus nicht, was fehlte ihr? 
Sie kann nicht reif werden, sie kann nicht zur Reife gelangen; sie kann 
zu dem nicht gelangen, was die Frau zwolf Jahre zu viel hatte. Und in- 
dem er die Frau heilt, die zwolf Jahre das zu viel hat, fuhlt er die Kraft 
von sich ausstromen. Die iibertragt er nun, indem er hingeht, auf das 



zwolfjahrige Tochterchen, gibt ihr die Moglichkeit, reif zu werden, das 
heifit, weckt in ihr die Kraft auf, ohne die sie hinwelken miifite, und er- 
weckt sie gewissermafien dadurch zum Leben. Was liegt da vor? Es 
liegt nichts Geringeres vor, als daft der Christus mit seiner ganzen sub- 
stantiellen Wesenheit nicht in sich lebt, sondern in seiner ganzen Umge- 
bung lebt, und die Krafte von einer Person auf die andere zu iibertragen 
vermag; daft er die Krafte, in denen er selbstlos nach auften hin lebt, 
von einer Person auf die andere himiber verwandelt. Das liegt da vor. 
Er kann aus sich herausgehen, tatig aus sich herausgehen. Das liegt in 
der Kraft, die er gerade verspiirt, wie sie in ihm entsteht, als das Weib 
seinen Mantel beriihrt und das grofie Vertrauen hat. 

Mit diesem hangt es zusammen, daft er ofters zu den Jiingern sagte: 
Ihr, die ihr meine Schiiler seid, ihr diirft erfahren die Geheimnisse des 
Reiches der Himmel, des Reiches Gottes; aber diejenigen, die draufien 
stehen, diirfen das nicht erfahren. - Nehmen Sie an, das Geheimnis, 
von dem wir jetzt gesprochen haben - ich meine nicht blofi die theore- 
tische Schilderung, sondern dasjenige, was zu tun ist, um diese Ver- 
wandlung hervorzubringen -, nehmen wir an, das Geheimnis teilte er 
den Schriftgelehrten und Pharisaern mit. Was wiirde geschehen, wenn 
die wiirden verwandeln konnen Krafte, die an dem einen Menschen 
haften? Sie wiirden sie nicht immer richtig verwandeln. Man sieht, 
wenn man das Evangelium durchliest, daft der Christus das nicht immer 
voraussetzt von den Pharisaern, noch weniger von den Sadduzaern und 
anderen. Nicht immer wiirden sie die Krafte dazu verwenden, um, 
wenn sie sie von dem einen Menschen nehmen, sie dem anderen richtig 
zu geben, sondern sie wiirden Unheil iiber Unheil anrichten. Denn das 
liegt in ihrer Gesinnung. Deshalb mufi es das Geheimnis der Einge- 
weihten bleiben, dasjenige, was er meint. Ich wollte es an einem beson- 
ders drastischen Beispiel erlautern, um was es sich dabei handelt. 

Sehen Sie, da haben wir vor alien Dingen drei wichtige Dinge. Ich 
konnte noch viele anfuhren. Ubermorgen werden wir noch einiges dazu 
sagen, aber ich will nur zu dem Wichtigsten hiniiberleiten. Da haben 
wir drei Dinge, die wir charakterisieren miissen, wenn wir von alledem 
sprechen, was mit der grofien, iiberragenden Weltbedeutung des My- 
steriums von Golgatha zusammenhangt. Ich werde genotigt sein, um we- 



nigstens einigermafien einiges beizubringen zu unserem Thema, an die- 
sem Abend mehr aphoristisch zu sprechen. 

Ich sagte eben, wir miissen uns eine Vorstellung machen von dem, 
was in dem Worte liegt: das Mysterium von dem Reiche der Himmel. 
Das ist etwas sehr Konkretes, wie wir es an dem Beispiel haben erlau- 
tern konnen. Nun sagt Johannes der Taufer bei der Gelegenheit, da er 
die Taufe vornimmt: die Reiche der Himmel oder die Reiche Gottes 
seien nahe. Da haben wir diese Vorstellung. Und was tut Johannes der 
Taufer? Offenbar - das geht aus dem ganzen Zusammenhang hervor -, 
weil die Reiche der Himmel, die Reiche des Gottes nahe sind, tut er 
folgendes. Er tauft mit Wasser, wie er selbst definiert. Er tauft mit 
Wasser zur Vergebung der Sunden; und er sagt vorher, dafi da kommen 
wird Einer, der mit dem Heiligen Geiste taufen wird. Was ist der Un- 
terschied zwischen der Taufe, die Johannes der Taufer vornimmt, und 
der Taufe, von der er spricht, daft sie die Taufe mit dem Heiligen 
Geiste ist? 

Man versteht nicht, was eigentlich mit der Wassertaufe - die Art, wie 
sie vorgenommen wurde, habe ich ja ofter erzahlt - gemeint ist, worauf 
angespielt ist, wenn man nicht eben gerade versucht, geisteswissen- 
schaftlich sich der Sache zu nahern. Ich habe mich jahrelang bemiiht, 
gerade hinter diese Dinge ein wenig zu kommen mit Hilfe derjenigen 
Mittel, die eben die Geisteswissenschaft an die Hand gibt. Da geht ei- 
nem plotzlich auf , dafi die ganze Charakteristik, in der uns der Taufer 
Johannes entgegentritt, etwas sehr, sehr Bedeutsames ist. Was sind es 
eigentlich letzten Endes fur Wasser, mit denen Johannes tauft? Selbst- 
verstandlich, aufierlich sind es die Wasser des Jordan. Aber wir wissen 
ja: die betreffenden Tauflinge wurden ganz untergetaucht, so dafi in der 
Tat wahrend des Untertauchens eine Art Lockerung ihres Atherleibes 
von dem physischen Leibe stattfand, daft sie fur einen Augenblick sich 
hellsichtig sehen konnten. Das ist ja die wirkliche Bedeutung der Jo- 
hannes-Taufe und ahnlicher Taufen gewesen. Aber Johannes meint 
nicht das allein, indem er von der Wassertaufe spricht, sondern er meint 
vor alien Dingen einen Hinweis auf jene Stelle des Alten Testamentes, 
wo gesagt wird: Der Geist der Gotter schwebte iiber den Wassern. 
Denn was soil erreicht werden durch die Wassertaufe im Jordan? 



Durch die Wassertaufe im Jordan soli das erreicht werden, dafi die Tauf- 
linge in ihrem Bewufitsein durch jene Lockerung des Atherleibes, 
durch all dasjenige, was mit ihnen vorgeht, sich zuriickversetzt fiihlen 
in die Zeit vor dem, was man den Siindenfall nennt. Es soil gewisser- 
mal5en aus ihrem Bewufitsein ganz ausgeloscht werden all dasjenige, 
was seit dem Siindenfall vorgegangen ist; sie sollen in den Unschulds- 
Urzustand zuriickversetzt werden, damit sie sehen, was der Mensch 
vor dem Siindenfall gewesen ist. Gewissermafien soli den Tauflingen 
klar werden: Der Mensch hat durch den Siindenfall einen Irrweg ein- 
geschlagen, und wenn er auf diesem Irrweg weitergeht, so kann es mit 
ihm nicht gut ausgehen. Er muf5 umkehren bis zum Anfang, er mufi 
gewissermafien aus seiner Seele ausreifien alles dasjenige, was durch den 
Irrweg in diese Seele hineingekommen ist. 

Es war ein Zug bei sehr vielen Menschen der damaligen Zeit - die 
Geschichte schildert hier keineswegs genau -, sich zuriickzuversetzen 
in die Zeit der Unschuld, abzustreifen das, was die Irrwege gebracht 
haben, das Leben der Erde gewissermafien noch einmal zu beginnen 
von dem Anfangspunkte aus, bevor die Erbsiinde begangen worden ist; 
nicht zu erleben dasjenige, was sich abgespielt hat und festgelegt hat in 
der sozialen und volkischen Ordnung seit dem Siindenfall und bis zu 
jenem romischen Reiche oder bis zu jenem Judenreiche, in welchem 
Johannes der Taufer lebte. Daher ziehen sich solche Menschen, die die- 
ser Anschauung sind, dafi man sich eigentlich herausreiflen miisse aus 
dem, was die Welt gebracht hat nach dem Siindenfall, zuriick in Wiisten 
und Einsamkeit, fiihren ein monchisches Leben. Das wird uns an Jo- 
hannes dem Taufer sehr genau geschildert, indem er uns dargestellt 
wird als lebend in der Wiiste und nur sich ernahrend von Honig und 
Tieren, wie man sie in der Wuste findet, mit einem Fell von Kamel- 
haaren bekleidet. So richtig als der Wiistenmensch, der Einsamkeits- 
mensch, wird der Taufer Johannes hingestellt. 

Vergleichen Sie mit dem eine breite Stromung in der damaligen Zeit, 
die das, was im Johannes-Evangelium angedeutet ist, in der verschie- 
densten Weise zum Ausdruck brachte. Man sagte, man miisse sich zu- 
riickziehen von der Materie, man miisse sich vergeistigen. In der Gno- 
sis hat das noch, ich mochte sagen, seinen geistigsten Nachklang, dieses 



Nicht-mit-der-Welt-leben-Wollen. Und im Monchtum ist es zum Aus- 
druck gekommen. Ja, aber warum denn das? Warum kam gerade dieser 
starke Johannes-Zug - er war verhaltnismalSig nicht alt -, warum kam 
dieser Zug iiber die Welt? Die Antwort liegt in dem Satze: Das Reich 
der Himmel oder das Reich des Gottes ist nahe. 

Und hier miissen wir verstehen das, was wir das letztemal gesagt ha- 
ben von den Seelen, die seit dem Sundenfall immer schlechter und 
schlechter geworden sind, die immer weniger und weniger geeignet wa- 
ren, dem menschlichen Leibe dasjenige zu sein, was sie ihm sein sollen, 
die gewissermafien immer mehr und mehr korrumpiert worden sind. 
Das konnte eine gewisse Wegstrecke der Erdenentwickelung gehen, 
aber das mufke einmal ein Ende finden, dann ein Ende finden, wenn 
diese ganze Erdenentwickelung ergriffen wird von der Himmelsentwik- 
kelung, wenn die Himmelsentwickelung sich bemachtigt der Erdenent- 
wickelung. Das sahen solche Menschen wie Johannes prophetisch vor- 
aus : Jetzt kommt die Zeit, wo es nicht mehr geht, daft die Seelen geret- 
tet werden; jetzt kommt die Zeit, daft die Seelen verfallen miissen, 
wenn nicht irgend etwas Besonderes eintritt. Entweder miissen die See- 
len sich zuriickziehen vom ganzen Leben seit der Erbsiinde, welche 
dasjenige gebracht hat, wodurch die Seelen korrumpiert worden sind - 
also die Erdenentwickelung mufi vergeblich sein -, oder es mufi etwas 
anderes geschehen! Das driickte Johannes der Taufer eben aus, indem 
er sagte: Es wird einer kommen, der da mit dem Heiligen Geiste taufen 
wird. Johannes konnte die Menschen nur erretten vor den Folgen des 
Siindenfalles, indem er sie herausrifi aus der Welt. Der Christus Jesus 
wollte sie auf eine andere Weise erretten; er wollte sie drinnen lassen in 
der Welt und sie dennoch retten. Er wollte sie nicht zuriickfiihren zu 
dem Zeitpunkt vor dem Sundenfall, sondern er wollte sie die weiteren 
Wegstrecken der Erdenentwickelung durchlaufen lassen und dennoch 
sie Anteil nehmen lassen an dem Reiche der Himmel. 

Ein wei teres, was man nun verstehen muft, ist: Was lag denn eigent- 
lich in dem Willen des Christus? Es pulsiert das schon durch die Evan- 
gelien hindurch, was in dem Willen des Christus Jesus liegt, aber man 
mufi es nur mit allem tiefen, tiefsten Ernste wirklich fuhlen. Sie wissen, 
wir haben die vier Evangelien. Jedes dieser vier Evangelien enthalt trotz 



alien scheinbaren Widerspriichen einen gewissen Grundstock von Tat- 
sachen und Wahrheiten, die durch den Christus Jesus getan oder ver- 
kiindet worden sind, aber es enthalt jedes Evangelium, ich mochte sa- 
gen, eingegossen diesen Grundstock in eine ganz bestimmte Stimmung. 
Und da kommt wirklich das in Betracht, was ich Ihnen angefuhrt habe, 
als ich Sie auf Richard Rothe hinwies. Da kommt in Betracht, dafi man 
die Evangelien anders lesen muft, als man das heute tut: da!5 man sie 
lesen mufi mit jenem Hauche, der sie durchzieht, mit jener eigentiimli- 
chen Stimmung, die in ihnen waltet. Man liest allerdings die Evangelien 
heute so, dafi man hineintraumt dasjenige, was man als so ein allgemei- 
nes menschliches Ideal ansieht. In der Zeit der Aufklarung hat man 
einen aufgeklarten Menschen in dem Christus Jesus gesehen; aus prote- 
stantenvereinlerischen Stromungen ist ein Jesus-Bild hervorgegangen, 
wo Jesus ein richtiger Protestanten-Vereinler des neunzehnten Jahr- 
hunderts ist; Ernst Haeckel hat es sogar zustande gebracht, aus dem Je- 
sus einen richtigen Monisten seiner Sorte zu machen. Das sind Dinge, 
iiber die die Menschheit wird hinauskommen mussen. Das, worum es 
sich handelt, ist, wirklich mit der Atmosphare der Zeit richtig zu fuh- 
len, was in den Evangelien gelegen ist. Aber das muE mehr oder weni- 
ger empfunden werden. 

Nehmen Sie zunachst das Matthaus-Evangelium. Man kann die Frage 
aufwerfen: Mit welchem Ziel ist es geschrieben, was will das Mat- 
thaus-Evangelium? Man kann sich sehr leicht tauschen lassen durch af- 
lerlei Dinge, die man gerne annimmt in diesen Evangelien, die man aber 
falsch interpretiert. Trotzdem der Satz drinnen steht - ja, eben weil ge- 
rade der Satz drinnen steht: Von dem Gesetze soli kein Jota und Hak- 
chen geandert werden trotzdem gilt doch: Das Matthaus-Evangelium 
ist von seinem Verfasser geschrieben in der Absicht, voile Gegnerschaft 
gegen das herkommliche Judentum zu entwickeln. Es ist eine Gegen- 
schrift gegen das herkommliche Judentum. Der Verfasser des Mat- 
thaus-Evangeliums nimmt es auf mit dem ganzen herkommlichen 
Judentum und erklart, dafi es der Wille des Christus Jesus war, das 
herkommliche Judentum voll zu unterbinden. 

Und das Markus-Evangelium? Das Markus- Evangelium ist fur R6- 
mer geschrieben, gegen dasjenige, was im aufieren Romischen Reiche, 



im Reiche der Welt, sich herausgebildet hatte. Es ist gegen die Geset- 
zesordnung des Romischen Reiches, gegen die soziale Ordnung des 
Romischen Reiches geschrieben; es ist eine Gegenschrift gegen das R6- 
mische Reich. Jene Juden wufken ganz gut, was sie meinten, oder ei- 
gentlich, besser gesagt, was sie fiihlten, die da sagten: Wir miissen ihn 
toten, denn sonst wird das ganze Volk sein Anhanger, und dann kom- 
men die Romer und nehmen uns Land und Reich. - Gegen das Juden- 
tum, gegen das Romertum sind Matthaus- und Markus-Evangelium ge- 
schrieben. Richtige opponierende Schriften ernstester Art, nicht gegen 
das Judentum seinem Wesen nach, selbstverstandlich, auch nicht gegen 
das Romertum seinem Wesen nach, sondern gegen dasjenige, was Juden- 
tum und Romertum aufierlich geworden sind, was sie als Reiche der 
Welt gegeniiber dem Reiche der Himmel oder des Gottes in der dama- 
ligen Zeit waren. Man nimmt diese Dinge allerdings auch in unserer 
Zeit, wie ahnliche Dinge, wahrhaftig nicht mit jenem Ernste, mit dem 
sie genommen werden wollen; man weifi es gar nicht einmal, dafi man 
sie nicht mit dem Ernste nimmt, mit dem sie genommen werden wol- 
len. Der Zar, der jetzt abgesetzt worden ist, schrieb wenige Jahre vor 
dem Krieg auf einen seiner Erlasse die folgenden eigenhandigen Worte: 
Riesen des Gedankens und der Tat werden erscheinen, ich vertraue fest 
darauf, und werden das Heil und die Wohlfahrt Ruftlands bringen! - 
Denken Sie, wenn das gekommen ware, auf das der Zar fest vertraut 
hat: Riesen des Gedankens und der Tat - in die Peter-Pauls-Festung 
hatte er sie geschickt oder nach Sibirien, selbstverstandlich! Das ist der 
Ernst, der heute hinter den Worten lebt. Aber mit diesem Ernste ver- 
steht man die Tiefen der Evangelien nicht. 

Und das Lukas-Evangelium, das dritte Evangelium? Sein Ernst kann 
einem schon aufgehen, wenn man nur nimmt die Stelle, die da steht, 
nachdem Jesus in der Synagoge sich hat geben lassen den Jesajas, nach- 
dem er eine Stelle aus dem Jesajas gelesen hat, und dann, ankniipfend 
an die Jesajas-Stelle, die Worte sprach: 

«Der Geist des Herrn liegt auf mir, dieweil er mich gesalbt hat, und 
er hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen, den Ge- 
fangenen Freiheit, den Blinden das Gesicht, den Niedergebeugten die 
Befreiung.» 



Dann aber legte er das aus, was er eigentlich meinte; besser gesagt, er 
legte die ganze Tiefe aus, die er meinte, in diesen Worten. Und indem 
er es auslegte, kontrastierte er das, was lebte in den Worten, mit dem, 
was ringsherum lebte. Er wollte sprechen aus dem Reiche der Himmel 
im Gegensatz zu den Reichen der Welt und charakterisierte das, indem 
er zunachst zu dem Reiche der Welt der Juden redete, indem er sprach 
in der Synagoge der Juden. Er sagte: 

«Ihr werdet mir freilich das Sprichwort entgegenhalten: Arzt, hilf dir 
selber! Was in Kapernaum geschehen sein soli, das tue auch hier in dei- 
ner Vaterstadt. - Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner 
Vaterstadt anerkannt. Es waren viele Witwen in Israel zu Elias Zeiten, 
als der Himmel drei Jahre und sechs Monate keinen Regen hergab, und 
eine grofie Hungersnot in das Land kam; aber zu keiner wurde Elias 
gesandt, als nur zu einer Witwe in Sarepta im Lande Sidon. Und es gab 
viele Aussatzige in Israel zu der Zeit des Propheten Elisaus, und keiner 
wurde gereinigt, als nur der Syrer Naeman.» 

Keiner der Juden wurde weder von Elias, noch von Elisaus gereinigt 
und geheilt, sondern diejenigen, die nicht Juden waren. Das sagte er 
zur Interpretation seiner Worte, um die Umwelt zu charakterisieren im 
Gegensatz zum Reiche der Himmel. Und was geschah? 

«Alle diejenigen, die in der Synagoge waren, gerieten in Wut, als sie 
das horten, standen auf und stiefien ihn zur Stadt hinaus, fuhrten ihn an 
den Steil-Absturz des Berges, auf dem die Stadt erbaut war, und woll- 
ten ihn hinabsturzen. Er aber entwich ihnen unter den Handen.» 

Sehen Sie, das ist der ganze Gegensatz hier im Lukas-Evangelium - 
jetzt nicht blofi wie im Matthaus-Evangelium zu den Juden, nicht wie 
im Markus-Evangelium zu den Romern -, das ist der ganze Gegensatz 
zu den Leidenschaften, den Emotionen der Menschen im allgemeinen, 
wie sie rings um den Christus Jesus herum lebten. Daher mufi man den 
ganzen groften, bedeutsamen Impuls nehmen, der in den Worten des 
Christus Jesus lag. Jenen Impuls, der nicht mit der Welt ging, sondern 
der aus dem Reiche der Himmel herausging. 

Das Johannes-Evangelium, der Impuls des Johannes-Evangeliums 
geht noch weiter. Im Johannes-Evangelium wird nicht blofi gegen ein 
kleines Volk wie die Juden, oder ein grofies wie die Romer, oder die 



ganze Menschheit, so wie sie mit ihren Eigenschaften seit der Erbsiinde 
lebt, gesprochen, sondern im Johannes-Evangeiium wird auch gespro- 
chen gegen die hinter der physischen Welt lebenden Geister, insofern 
diese abgefallen sind vom richtigen Wege. Und das Johannes-Evange- 
iium versteht man nur richtig, wenn man weifi: So wie im Mat- 
thaus-Evangelium mit den Juden, im Markus-Evangelium mit den R6- 
mern, im Lukas-Evangelium mit den unter dem Siindenfall stehenden 
Menschen, so wird mit den Geistern der Menschen und noch mit den 
der Menschheit angrenzenden Geistern, die mit der Menschheit zu- 
sammen gefallen sind, im Johannes-Evangeiium gesprochen. Auch mit 
der Geisteswelt selbst rechnet der Christus Jesus ab. - Es kann sehr 
leicht diese materialistische Zeit finden: wer so spricht, sei ein Fanati- 
ker. Das mufi man sich gefallen lassen, wenn man das sagt, aber die 
Wahrheit ist es doch! Und es zeigt sich immer mehr und mehr, je mehr 
man auf diese Dinge eingeht, dafi es die Wahrheit ist. 

Dieser bedeutsame Impuls, der also vierfach zum Ausdruck kommt, 
er zeigt uns, daft durch den Christus wirklich etwas in die Welt hinein- 
gebracht werden soil, was nicht in ihr ist. Das liebt ja die Welt nicht. 
Sie liebte es zu keiner Zeit. Aber das mufi zu verschiedenen Zeiten ge- 
geben werden. Und es wird uns hinlanglich gerade in den Evangelien 
gezeigt, dafi richtig das Wort dieser Evangelien nur verstanden wird, 
wenn man es in den ganzen Kosmos hineinstellt, wenn man es als dem 
kosmischen Geschehen angehorend betrachtet. Das zeigt sich ja am be- 
sten - nehmen Sie das kiirzeste, das pragnante Markus-Evangelium zur 
Hand -, wenn Sie sich aus dem Markus-Evangelium die Frage beant- 
worten: Wer erkennt denn eigentlich zuallererst, dafi durch den Chri- 
stus Jesus etwas in die Welt hereingekommen ist, was ein grandioser 
Impuls von der Art ist, wie es eben gesagt worden ist? Wer erkennt es? 
Man konnte sagen: der Taufer Johannes. Aber der ahnt es mehr; das 
zeigt sich insbesondere bei der Schilderung der Begegnung des Christus 
Jesus mit dem Johannes im Johannes-Evangeiium. Wer erkennt es denn 
zuerst? Die Damonen in den Besessenen, die Jesus der Christus heilt. 
Die sind es, die zuerst aussprechen: «Du bist der Gottgesandte» oder 
«Du bist der Sohn des Gottes» oder dergleichen. Die Damonen sind es. 
Den Damonen mufi der Christus zunachst verbieten, dafi sie ihn verra- 



ten. Geistige Wesen sind es zuerst. Da sehen Sie, dafi wir zuerst auf ein 
Verhaltnis des Christus-Wortes zu der geistigen Welt hingewiesen wer- 
den. Bevor die Menschen auch nur ein Jota wissen von dem, was durch 
den Christus in der Welt lebt, sagen es die Damonen aus ihrer iiber- 
sinnlichen Erkenntnis heraus. Sie wissen es aus der Tatsache, dafi er sie 
vertreibt, vertreiben kann. 

Kniipfen wir nun an dasjenige an, was ich vorhin in einem konkreten 
Falle charakterisiert habe, an die Geheimnisse des Reiches der Himmel, 
aus denen heraus also der Christus Jesus solche Impulse gab. Sehen Sie, 
wenn wir uns fragen, so nach der Methode des heutigen Wissens uns 
fragen: Worm lag denn die besondere Zauberkraft, durch die der Chri- 
stus Jesus wirkte? - so wird man mit den Mitteln, die die heutige ge- 
schichtliche Wissenschaft gewohnlich aufsucht, wenn sie erkennen will, 
nichts erreichen. Man wird dam it nichts erreichen, denn die Zeiten ha- 
ben sich viel, viel mehr geandert, als man heute voraussetzt. Heute 
setzt man voraus: Nun ja, vor zweitausend, viertausend Jahren haben 
doch die Menschen ungefahr so ausgeschaut wie jetzt, sie sind zwar un- 
geheuer viel gescheiter geworden, aber so im allgemeinen waren doch 
die Menschenseelen so, wie sie jetzt sind. Und dann rechnet man zu- 
riick, und da kommt man zu Millionen Jahren. Ich habe ja neulich 
schon im dffentlichen Vortrage gesagt: Man rechnet die Jahrmillionen 
weiter und kommt zu einem Weltenende. Man hat sehr schon ausge- 
rechnet, wie da die einzelnen Substanzen sein werden: wie Milch fest 
sein wird, aber leuchten wird - ich mochte wissen, wie diese Milch ge- 
molken wird, aber das wollen wir nicht weiter beriihren -, Eiweifi wird 
man verwenden, indem man die Wande damit anstreicht, weil es leuch- 
ten wird, so daft man dabei Zeitung lesen kann. Dewar in der Royal In- 
stitution brachte das vor einigen Jahren vor, indem er das Erdenende, 
so wie es die Physiker ausgerechnet haben, auseinandersetzte. Nun, ich 
hatte damals einen Vergleich gebraucht, indem ich sagte: Solche Berech- 
nungen der Physiker sind geradeso, wie wenn jemand hergeht und be- 
obachtet, was fur Veranderungen vor sich gehen mit dem menschlichen 
Magen oder dem menschlichen Herzen in zwei, drei Jahren, und dann 
multipliziert und ausrechnet, was fur Veranderungen dann vorgehen 
werden in zweihundert Jahren, wie also der menschliche Leib in zwei- 



hundert Jahren aussehen wird. Sie sind genau ebenso geistreich: nur, der 
Mensch wird langst verstorben sein in zweihundert Jahren. So ist es aber 
auch mit unserer Erde. Was da die Physiker so schon ausrechnen, was 
geschehen wird nach Jahrmillionen, das ist richtig gerechnet, nur wird 
die Menschheit der Erde als physische Menschheit langst vorher abge- 
storben sein. Und was die Geologen zuriickrechnen fiir Jahrmillionen, 
das ist ebenso, nach derselben Methode gerechnet, wie wenn man einen 
Magen nehmen wiirde und zuriickrechnet, nachdem das Kind sieben 
Jahre alt geworden ist, wie dann der Organismus des Kindes vor fiinf- 
undsiebzig Jahren gewesen ist. Nur merken es die Menschen nicht, was 
sie eigentlich in ihrem Denken anrichten, denn in denjenigen Zeiten, zu 
denen die Geologen zuriickrechnen, hat die Menschheit als physische 
Menschheit noch nicht einmal existiert. Man mufi, weil starke Arzeneien 
notig sind gegen viele Irrtumer unserer Zeit, die mit grofier Autoritat 
auftreten, sich schon nicht scheuen, manchmal auch eine starke Arzenei 
fur diejenigen, die sie brauchen konnen, gegen diese Dinge zu setzen. 
Starke Arzeneien wie die, daft man etwa sagt: Du rechnest aus, wie ein 
menschlicher Organismus nach seinen Veranderungen in zweihundert 
Jahren sein wird; aber er wird naturlich als menschlicher Organismus in 
zweihundert Jahren nicht mehr leben! Dem kann man, wie sich mir aus 
rein okkulten Forschungen ergeben hat, entgegensetzen - ich weifi selbst- 
verstandlich, das gilt der heutigen Wissenschaft als Narretei, aber wahr 
ist es daft, so wie die Menschheit jetzt ist, sie von heute an in 4000 
Jahren nicht mehr wird sein konnen, ebensowenig wie ein Mensch nach 
zweihundert Jahren, der heute zwanzig Jahre alt ist, noch leben wird. 
Denn man kann es herausfinden durch okkulte Forschung, daft im Laufe 
des sechsten Jahrtausends die Menschenfrauen, wie sie heute organisiert 
sind, unfruchtbar sein werden, keine Kinder mehr gebaren werden. Und 
eine ganz andere Ordnung wird eintreten im sechsten Jahrtausend! Das 
zeigt uns die okkulte Forschung. Ich weifi, daft es dem, der im Sinne der 
heutigen Wissenschaft denkt, als etwas ganz Unsinniges erscheinen wird, 
das auszusprechen; aber es ist schon einmal so. Und so muft man sagen: 
Das, was Geschichte ist, was geschichtlicher Verlauf im Erdenwerden ist, 
dariiber macht man sich gerade heute im materialistischen Zeitalter die 
konfusesten Begriffe. Deshalb versteht man auch selbst aufierlich durch 



die Geschichte auf uns gekommene feine Anspielungen auf anders ge- 
artete Seelenkonstitutionen in verhaltnismafiig gar nicht weit zuriicklie- 
gender Zeit nicht mehr. 

Sehen Sie, da gibt es eine sehr schone Stelle bei dem Kirchenschrift- 
steller Tertullian, um die Wende des zweiten, dritten Jahrhunderts, 
zwei, drei Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha. Er sagt, er 
hatte selber noch gesehen die Lehrstiihle der Apostel, wo deren Nach- 
folger an den verschiedenen Orten vorgelesen haben aus den Briefen 
der Apostel, die noch in der eigenen Handschrift der Apostel waren. 
Und indem sie vorgelesen wurden, sagt Tertullian, wurde lebendig die 
Stimme der Apostel. Und indem man die Briefe anschaute, wurden vor 
dem Geist lebendig die Gestalten der Apostel. - Wer diesen Dingen 
okkult nachforscht, fur den ist das keine Phrase. Es saften die Glaubi- 
gen vor diesen Lehrstiihlen so, daft sie aus dem Timbre der Stimme der 
Nachfolger der Apostel den Klang der Stimme der Apostel heraushor- 
ten, und daft sie aus der Handschrift sich Vorstellungen machen konn- 
ten iiber die Gestalten der Apostel. So daft man noch, als das dritte 
Jahrhundert begann, auch ganz aufterlich lebendig machen konnte die 
Gestalten der Apostel und in ubertragener Bedeutung ihre Stimmen 
horen konnte. Und noch Clemens I. , der romische Papst, der von 92 
bis 101 den papstlichen Stuhl innehatte, der kannte selber noch Apo- 
stelschiiler, kannte solche, die den Christus Jesus noch gesehen haben. 
Wir haben schon eine fortlaufende Tradition in dieser Zeit! Und durch 
diese Stelle klingt etwas durch, was man wiederum okkult nachpriifen 
kann. Diejenigen, die als Apostelschuler die Apostel anhorten, horten 
aus dem Klang der Worte die Art heraus, wie der Ton war, in dem der 
Christus Jesus sprach. Und das ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Denn 
man muft vor alien Dingen reflektieren auf diesen Klang, auf dieses 
ganze eigentumliche Wesen, das in dem Sprechen des Christus Jesus 
war, wenn man einsehen will, warum die Zuhorer davon sagten, daft 
eine besondere Zauberkraft seinen Worten innewohnte. Es war etwas 
wie elementare Gewalt, was die Zuhorer ergriff, etwas von einer so 
elementaren Gewalt der Worte, wie das sonst nicht der Fall war 
bei irgendeinem anderen. Aber warum das? Warum denn eigent- 
lich das? 



Ich habe Ihnen von Saint-Martin gesprochen. Saint-Martin ist einer 
noch von denjenigen, welche den Ausdruck in den Worten des Chri- 
stus-Geistes verstanden haben. Man sieht, er versteht ihn. Freimaurer- 
gesellschaften des neunzehnten Jahrhunderts verstanden ihn nicht. Man 
sieht, Saint-Martin versteht ihn, den Ausdruck in jenen Worten, jener 
Sprache, die alien Menschen einmal gemeinschaftlich war, alien Wesen 
der Erde, die sich erst differenziert hat in verschiedene einzelne Spra- 
chen; die nahestand dem, was das innere Wort ist. Aufierlich mulke 
sich der Christus Jesus natiirlich so ausdriicken, wie es in der Sprache 
derer war, die ihm zuhdrten; aber was er als innerliches Wort vor seiner 
Seele hatte, das war so, dafi es nicht stimmte mit dem, wie die Sprach- 
worte auflerlich gepragt sind, sondern dafi es in sich hatte die verlorene 
Worteskraft, die undifferenzierte Sprachkraft. Und ohne dafi man sich 
eine Vorstellung bildet von dieser von den einzelnen differenzierten 
Sprachen unabhangigen Kraft, die im Menschen ist, wenn das Wort ihn 
ganz durchgeistigt, kann man nicht aufsteigen zu der Kraft, die in dem 
Christus lebte, und auch nicht zu der Bedeutung desjenigen, was ei- 
gentlich gemeint ist, wenn geradezu von dem Christus als von dem 
«Wort» gesprochen wird, mit dem er sich ganz identifiziert hat, durch 
das er wirkte, durch das er auch seine Heilungen und die Damonenaus- 
treibungen vollbrachte. Dieses Wort mufite selbstverstandlich verloren- 
gehen; denn das liegt in der Entwickelung der Menschheit seit dem My- 
sterium von Golgatha. Es mu(5 nur wieder gesucht werden, dieses 
Wort. Aber zunachst sind wir in einer Entwickelung darinnen, die noch 
nicht sehr viel Aussicht erweckt, dafi man den Weg zuriickfinden wird. 

Ich erinnere Sie nur an eines. Eine bedeutsame Tatsache geht durch 
das ganze Evangelium, die man gerade sehr stark hervorheben mufi. 
Das ist die, daft der Christus Jesus nie etwas aufgeschrieben hat. Es gibt 
nichts, was er aufgeschrieben hat! Man hat sich ja sogar dariiber gestrit- 
ten unter den Gelehrten, ob er uberhaupt hat schreiben konnen, und 
diejenigen, die bejahen wollen, dafi er hat schreiben konnen, wissen nur 
anzufiihren die Stelle von der Ehebrecherin, wo er Zeichen in den Erd- 
boden hinein gemacht hat. Aber sonst gibt es keine Zeugnisse, dafi er 
hat schreiben konnen. Aber davon ganz abgesehen, jedenfalls hat er 
nicht wie andere Religionsstifter seine Lehren aufgeschrieben. Das ist 



kein Zufall, sondern das hangt innig zusammen mit der Gewalt des 
Wortes, der vollen Macht des Wortes. 

Man muft das allerdings, sonst wird man zu anzuglich gerade mit Be- 
zug auf unsere Zeit, nur mit Bezug auf den Christus Jesus charakteri- 
sieren. Sehen Sie, hatte der Christus Jesus geschrieben, aufgeschrieben 
seine Worte, sie umgesetzt in diejenigen Zeichen, die dazumal die 
Sprache hatte, so wiirde Ahrimanisches eingeflossen sein; denn das ist 
Ahrimanisches, was in irgendeiner Form iiberhaupt fixiert wird. Die 
aufgeschriebenen Worte wirken anders, als wenn die Schulerschar 
herumsteht und einzig und allein angewiesen ist auf die eigene Kraft des 
Geistes. Man darf sich nicht vorstellen, daft der Schreiber des Johan- 
nes-Evangeliums daneben gesessen hat, wenn der Christus Jesus ge- 
sprochen hat, und seine Worte nachstenographiert hat wie die Herr- 
schaften hier. Gerade daft es nicht geschah, darauf beruht eine unge- 
heure Kraft, eine ungeheure Bedeutung. Diese Bedeutung, die sieht 
man erst dann ganz ein, wenn man, ich mochte sagen, aus der Akasha- 
Chronik heraus verstehen lernt, was eigentlich in den Worten liegt, 
die der Christus Jesus immer gerade gegen Schriftgelehrte, gegen dieje- 
nigen einzuwenden hat, die ihre Weisheit aus den Schriften haben. Er 
hat das gegen sie einzuwenden, daft sie sie eben aus den Schriften ha- 
ben, daft sie in ihren Seelen nicht unmittelbar zusammenhangen mit 
jenem Quell, aus dem das lebendige Wort unmittelbar ausflieftt. 
Darinnen sieht er die Verfalschung des lebendigen Wortes, und muft sie 
sehen. 

Aber man versteht nicht die ganze Bedeutung der Tatsache, wenn 
man sich das Gedachtnis der Menschen, die in jener Zeit, um das My- 
sterium von Golgatha herum, gelebt haben, so vorstellt, wie jenes See- 
lensieb, das man heute Gedachtnis nennt. Diejenigen, die da horten die 
Worte des Christus Jesus, die bewahrten sie treulich im Herzen und 
wuftten sie wortwortlich. Denn die Gedachtniskraft war in jener Zeit 
eine ganz, ganz andere als heute; dafiir war aber auch die Kraft der 
Seele eine ganz andere. Aber es war iiberhaupt eine Zeit, in der in kur- 
zem grofte Wandlungen vor sich gegangen sind. Das beachtet man 
heute nicht. Nicht wahr, man beachtet heute iiberhaupt nicht: Die 
morgenlandische Geschichte wurde ja schon so geschrieben, daft die 



Menschen dasjenige in sie hineingesehen haben, was sie entweder heute 
auch haben, oder was sie hochstens aus der griechischen Geschichte 
ubernommen haben. Die griechische Geschichte verlief schon so, daft 
sie mit der jiidischen Geschichte eine grofte Ahnlichkeit hatte; aber die 
morgenlandische Geschichte verlief ganz anders, das heifit in der mor- 
genlandischen Zeit waren die Fahigkeiten der Seele ganz andere. Und 
so macht man sich gar keine Vorstellung davon, wie in kurzer Zeit ge- 
waltige Anderungen vor sich gegangen sind, wie jene Riesenkraft des 
Gedachtnisses, die dazumal die Menschen hatten in diesem Dammerzu- 
stand des alten atavistischen Hellsehens, verhaltnismaftig schnell verlo- 
rengegangen ist, so daft dann die Notwendigkeit an die Menschen her- 
antrat, die Jesus- Worte aufzuschreiben. Damit wurden diese Jesus- 
Worte demselben Schicksal iiberliefert, das der Christus Jesus bei den 
Schriftgelehrten fand, gegen die er sich auflehnte. Und ich iiberlasse es 
Ihnen, nachzudenken, was geschehen wiirde, wenn irgendein, dem 
Christus Jesus irgendwie nur von feme ahnelnder Schuler heute auf- 
treten wiirde, und wiirde mit demselben Impuls sprechen, mit dem 
der Christus Jesus in der damaligen Zeit gesprochen hat. Ob diejeni- 
gen, die sich heute Christen nennen, sich anders als die damaligen Ho- 
henpriester benehmen wurden, dariiber nachzudenken iiberlasse ich 
Ihnen. 

Nun handelt es sich aber darum, daft wir auch das Geheimnis des 
Wohnens des Christus in dem Jesus selber gerade von diesen Voraus- 
setzungen aus etwas naher ins Auge fassen. Da miissen wir eben uns 
darauf besinnen, wie wir sagten, es komme darauf an, den Weg, der seit 
dem achten Konzil 869 gemacht worden ist, in gewissem Sinne wieder 
zuriickzugehen, Leib, Seele und Geist als die Glieder der Menschenwe- 
senheit wiederzufinden. Ohne daft man dies ins Auge faftt, wird man an 
das Mysterium von Golgatha nicht herankommen konnen. 

Leib: Wir beobachten dasjenige, was menschlicher Leib ist, von 
auften. Es tritt uns ja nur in der Aufienwelt entgegen. ;Und wenn wir un- 
seren eigenen Leib selber beobachten, beobachten wir ihn ja auch nur 
von auften. Wahrnehmung von auften liefert uns den Leib. Und die 
Wissenschaft, das, was man Wissenschaft nennt, beschaftigt sich mit 
diesem Leib. 



Seele: Ich versuchte Sie hinzufiihren zu dem Seelischen, indem ich Sie 
auf Aristoteles hinwies. Wenn man es mit dem Seelischen zu tun hat, 
dann mufi man sogar sich klar sein dariiber, dafi die Vorstellungen des 
Aristoteles nicht so ganz falsche sind. Denn das Seelische, das, was man 
Seelisches nennen kann, entsteht in der Tat mehr oder weniger mit je- 
dem einzelnen Menschen. Nur lebt Aristoteles in einer Zeit, in der er 
schon nicht mehr vollstandig einsehen kann, welchen Zusammenhang 
die Seele mit dem Kosmos hat. Daher sagt er: Indem ein Mensch ge- 
zeugt wird, entsteht mit dem physischen auch das seelische Dasein. Er 
vertritt dasjenige, was man Kreatianismus nennen kann, aber er laftt die 
Seele nach dem Tode weiterleben in unbestimmter Art. Dariiber spricht 
sich Aristoteles nicht weiter aus, denn die Seelenerkenntnis war in sei- 
ner Zeit schon getriibt. Wie dieses Seelische weiterlebt nach dem Tode, 
das hangt in der Tat mit dem zusammen, was man nun mehr oder we- 
niger symbolisch - oder wie man es nennen will, auf diese Dinge 
kommt es ja so ganz und gar nicht an - die Erbsiinde nennt. Denn das 
hat wirklich gewirkt auf das Seelische, was man die Erbsiinde nennt. 
Und das hat bewirkt, dafi um die Zeit, in der das Mysterium von Gol- 
gatha eintrat, die Seelen der Menschen in Gefahr waren, so weit kor- 
rumpiert waren, dafi sie den Weg in die Reiche der Himmel nicht 
zuriickfinden konnten, dafi sie verbunden waren mit dem Erdensein, 
beziehungsweise mit dem, was mit dem Erdensein wird. Also dieses 
Seelische geht eigene Wege. Wir werden sie weiter charakterisieren in 
diesen Vortragen. 

Das Dritte ist das Geistige. Das Leibliche finden wir, wenn wir den 
Weg verfolgen: Vater - Sohn. Der Sohn wird wieder Vater, der Sohn 
wird wieder Vater und so weiter, da vererben sich die Eigenschaften 
von Generation zu Generation. Das Seelische, das wird geschaffen als 
solches mit der Entstehung eines Menschen, bleibt bestehen nach dem 
Tode. Sein Schicksal hangt davon ab, wie verwandt bleiben kann die 
Seele mit dem Reiche der Himmel. Das Dritte ist der Geist. Der Geist 
lebt in wiederholten Erdenleben. Sehen Sie, fur den Geist hangt es davon 
ab, welche Leiber er findet bei seinen wiederholten Erdenleben. Es geht 
ja auf der einen Seite unten die Vererbungslinie vor sich. Gewifi, er 
wirkt da mit; aber die Vererbungslinie ist durchzogen von den phy- 



sisch vererbten Eigenschaften. Welche Eigenschaften die Geister finden, 
die sich verkorpern bei den Wiederverkorperungen, das hangt davon 
ab, wie die Menschheit aufsteigt oder degeneriert. Man kann nicht 
vom Geiste aus die Leiber machen, wie man sie will. Man kann sich 
diejenigen wahlen, die relativ am besten zu dem Geiste passen, der 
sich verkorpern will; aber man kann sie nicht machen, wie man will. 

Das ist dasjenige, was ich in meiner «Theosophie» aussprechen woll- 
te, als ich die Stelle hinschrieb, die ich Ihnen neulich vorlas, von den 
drei Wegen: Geist, Seele, Leib. Hier liegt etwas vor, was man genau 
einsehen mufi. Denn man kommt zur allgemeinen Gottes-Idee immer, 
wenn man nur den Weg der aufieren Betrachtung zu Ende geht, indem 
man das Leibliche betrachtet. Indem man das Leibliche betrachtet, 
kommt man zur allgemeinen Gottes-Idee, zu jener Idee, welche diese 
Mystik, die ich heute im Beginne genannt habe, und diese Philosophic 
allein findet. Will man aber die Seele betrachten, dann braucht man den 
Weg zu derjenigen Wesenheit, die man den Christus nennt, den man 
nicht in der Natur finden kann, obwohl er Beziehungen zur Natur hat; 
den man in der Geschichte als ein geschichtliches Wesen finden mufi. 
Die Selbstbetrachtung bezieht sich dann auf den Geist und auf die wie- 
derholten Erdenleben des Geistes. 

Betrachtung des Kosmos und der Natur fiihrt zu dem gottlichen We- 
sen im allgemeinen, das zugrunde liegt unserem Geborenwerden: Ex 
deo nascimur. 

Die Betrachtung der wirklichen Geschichte fiihrt zu der Erkenntnis 
des Christus Jesus, wenn wir nur weit genug gehen; zu der Erkenntnis, 
die wir brauchen, wenn wir wissen wollen iiber das Schicksal der Seele: 
In Christo morimur. 

Innenanschauung, geistiges Erleben, fiihrt zu der Erkenntnis des We- 
sens des Geistes in wiederholten Erdenleben und fiihrt, wenn sie in 
Verbindung gebracht wird mit dem, worinnen sie lebt, mit dem Spiri- 
tuellen, zu der Betrachtung des Heiligen Geistes: Per spiritum sanctum 
reviviscimus. 

Es liegt nicht nur die Trichotomie Leib, Seele und Geist zugrunde, es 
liegt die Trichotomie auch den Wegen zugrunde, die wir gehen miissen, 
wenn wir wirklich mit der Welt zurechtkommen wollen. Sehen Sie, un- 



sere Zeit, die chaotisch denkt, kommt natiirlich mit diesen Dingen 
nicht leicht zurecht und sucht es oftmals gar nicht. Sie wissen, es gibt 
Atheisten, Gottes-Leugner; es gibt auch Jesus-Leugner; es gibt Geist- 
Leugner, Materialisten. Atheist werden, das ist eigentlich nur moglich, 
wenn man keine Anlage hat, die Vorgange der aufieren Natur, der 
Leiblichkeit, klar zu beobachten. Das kann man aber wiederum nur, 
wenn die leiblichen Krafte zu stumpf sind. Denn sind die leiblichen 
Krafte nicht stumpf, so kann man eigentlich nicht Atheist werden; man 
erlebt ja den Gott fortwahrend. Atheismus ist eine wirkliche Seelen- 
krankheit. - Jesus Christus leugnen ist nicht eine Krankheit, denn man 
mufi ihn finden im Werden der Menschheitsentwickelung. Findet man 
ihn nicht, so findet man diejenige Kraft nicht, welche die Seele rettet 
tiber den Tod hinaus. Das ist ein Ungliick der Seele. Atheist sein ist 
eine Krankheit der Seele, eine Krankheit des menschlichen Selbstes. Je- 
sus-Leugner sein, Christus-Leugner sein, ist ein Ungliick der menschli- 
chen Seele. Merken Sie wohl den Unterschied. - Den Geist leugnen ist 
Selbsttauschung. 

Diese drei Begriffe einmal sich durchzumeditieren ist wichtig: Atheist 
sein ist Krankheit der Seele; Jesus-Leugner sein ist ein Ungliick der See- 
le; Geist- Leugner sein ist Selbsttauschung. So haben Sie wiederum die 
drei bedeutsamen Irrwege der menschlichen Seele: Seelenkrankheit, 
Seelenungliick, Seelentauschung - Selbsttauschung. 

Alles das ist im Grunde notwendig, wenn man Bausteine zusammen- 
tragen will, um sich dem Mysterium von Golgatha zu nahern, denn 
man mufi kennenlernen die Beziehung des Christus Jesus zu der 
menschlichen Seele. Dann muE man aber die Schicksale der menschli- 
chen Seele selber im Laufe des Erdenwerdens wohl betrachten. Dann 
wiederum muE man die Zuriickwirkung jenes Impulses, der von dem 
Christus auf die menschliche Seele ausgeht, auf den menschlichen Geist 
ins Auge fassen. 

Nun kann ich Ihnen heute zum Schlufi, damit wir alle bis ubermor- 
gen dariiber ein wenig nachdenken konnen, am besten vielleicht in fol- 
gender Art etwas zur Vorbereitung geben, um das Tiefere des Myste- 
riums von Golgatha hier zu betrachten. 

Sehen Sie, der Mensch betrachtet heute nach seiner Erziehung die 



Natur. Sie verlauft nach ihren natiirlichen Gesetzen. Man denkt nach 
diesen natiirlichen Gesetzen iiber Erdenanfang, Erdenmitte, Erdenen- 
de. Man betrachtet alles nach diesen natiirlichen Gesetzen. Daneben hat 
man die moralische Weltordnung. Gewifi, man fiihlt sich - gerade Kan- 
tianer tun das zum Beispiel - dem kategorischen Imperativ unterwor- 
fen: man fiihlt sich verbunden der moralischen Weltordnung. Aber 
denken Sie, wie schwach schon in unserer Zeit geworden ist der Ge- 
danke, die Vorstellung, daft diese moralische Weltordnung eine objek- 
tive Realitat fur sich hat, wie die Natur. Nicht wahr, selbst der Haek- 
kely selbst der Arrhenius und so weiter, wenn sie noch so sehr Materia- 
listen sind, sie denken: Gewifl, die Erde, sie geht einem Vereisungs- 
prozefi oder einem ahnlichen Prozefi oder einer Entropie entgegen, 
oder wie man es heifien will. Aber sie denken: die kleinen Gotzen, die 
sie Atome nennen, die werden auseinandertreiben, doch die erhalten 
sich wenigstens. Also auch die Erhaltung der Materie, des Stoffes! Da 
ist es ja so ziemlich in Ordnung bei der gegenwartigen Weltanschau- 
ung. Aber es lassen diese Vorstellungen iiber den Stoff die Erwagung 
nicht zu: Wenn die Erde einmal vereist ist oder bei der Entropie ange- 
langt sein wird, was wird dann mit der moralischen Weltordnung? Im 
ganzen so gedachten Erdensein hat sie keinen Platz! Wenn das physi- 
sche Menschengeschlecht einmal verschwunden ist, wo ist dann die 
ganze moralische Weltordnung? Das heifit: Die moralischen Vorstel- 
lungen, an die man sich gebunden fiihlt, zu denen das Gewissen sich 
hindrangt, den Menschen hindrangt, diese moralischen Vorstellungen 
erscheinen gewift notwendig; aber mit der Naturordnung, mit dem, 
was real notwendig, von der Naturanschauung notwendig genannt 
wird, hat es keinen Zusammenhang, wenn man ganz ehrlich ist! Sie 
sind schwach geworden, die Vorstellungen. Sie sind so stark, dafi man 
seine Taten danach einrichtet; so stark sind sie, dafi man sich an diese 
Vorstellungen durch sein Gewissen gebunden fiihlt; aber sie sind nicht 
so stark, dafi man denken konnte: Was du heute dir ausdenkst iiber ir- 
gendeine Moralidee, das ist ein real Wirksames! Dazu braucht es etwas, 
damit das real wirksam sein kann. Wo ist das, was dasjenige, was in un- 
serer moralischen Idee lebt, real wirksam macht? Das ist der Christus - 
das ist der Christus! Das ist eine Seite des Christus- Wesens! 



Lassen Sie all dasjenige, was in Stein, Pflanze, Tier, im Menschen- 
leibe lebt, was im Warme- und im Luftelement der Erde lebt, lassen Sie 
das die Wege gehen, von denen die Naturforschung spricht, und lassen 
Sie alle Menschenleiber das Grab finden am Erdenende - nach der Na- 
turforschung miifite dasjenige, wonach wir moralisch gelebt haben, 
dann, ja, man kann nicht einmal sagen, zerstoben sein, denn das ware 
schon eine zu starke Vorstellung -, nach der christlichen Vorstellung 
liegt in dem Christus-Wesen die Kraft, welche unsere moralischen Vor- 
stellungen nimmt und eine neue Welt daraus bildet: «Himmel und Erde 
werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Es ist die 
Kraft, welche zum Jupiter hiniibertragt das Moralische der Erdenwelt. 

Nun, stellen Sie sich die Erde vor als physische Natur, so wie Sie sich 
die Pflanze vorstellen, die moralische Ordnung wie den Keim der 
Pflanze, und die Christus- Kraft als dasjenige, was den Keim aufgehen 
lafit als die kiinftige Erde, als den Jupiter: Sie haben dann die ganze 
Evangelienvorstellung aus der Geisteswissenschaft wiederum auferbaut! 

Aber wie kann das sein? Wie kann dasjenige, was nur im Gedanken 
lebt nach den naturalistischen Vorstellungen, was nur eine Vorstellung 
ist, zu der man sich moralisch verbunden fiihlt, wie kann das umgesetzt 
werden in solche Realitat, wie diejenige ist, die in der Steinkohle brennt 
oder mit der Flintenkugel in die Luft fliegt? Wie kann das eine dichte 
Vorstellung sein, was so dunn ist als moralische Vorstellung? Dazu 
braucht es eines Impulses. Es muE ergriffen werden diese moralische 
Vorstellung von einem Impulse. Wo ist er, dieser Impuls? Jetzt erinnern 
Sie sich an das, was wir vorher gesagt haben: Der Glaube soli nicht 
blofS ein Surrogat des Wissens sein; der Glaube soli etwas wirken. Das, 
was er wirken soil, ist: er soil unsere moralischen Vorstellungen real 
machen. Er soli sie hinubertragen und eine neue Welt daraus bilden. 
Darauf kommt es an, dafi die Glaubensvorstellungen nicht blofi ein un- 
bewiesenes Wissen sind, etwas, was man glaubt, weil man es nicht 
weifi, sondern darauf kommt es an, dafl in dem, was man glaubt, die 
Kraft liegt, welche imstande ist, den Keim «Moral» zum Weltenkorper 
zu realisieren. Diese Kraft mu&te durch das Mysterium von Golgatha in 
die Erdenentwickelung hereingetragen werden. Diese Kraft mufite in 
die Seele der Junger hereingesenkt werden, indem ihnen gesprochen 



wurde von dem, was diejenigen nicht mehr hatten, die nur die Schrift 
hatten. Auf die Kraft des Glaubens kommt es an. Und wenn man nicht 
versteht, was der Christus hereinbringt, gerade indem das Wort «Ver- 
trauen», «Glaube» so oftmals ausgesprochen wird, versteht man nicht, 
was in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eintrat, in die Er- 
denentwickelung hereinkam. 

Und jetzt sehen Sie auch, dafi es sich um eine kosmische Bedeutung 
handelt. Denn dasjenige, was wir als auflere Naturordnung haben, es 
geht seinen Naturweg. Aber so, wie auf einer gewissen Stufe der Ent- 
wickelung die naturliche Pflanze ihren Keim in sich entwickelt, so trat 
das Mysterium von Golgatha auf als ein neuer Keim, der da wird zu der 
kiinftigen Jupiter-Entwickelung, die dann der sich wiederverkorpernde 
Mensch mitmachen wird. 

Da haben Sie, ich mochte sagen, aus der Betrachtung der eigenen Na- 
tur der Christus- Wesenheit angedeutet, wie diese Christus-Wesenheit 
im ganzen Kosmischen darinnensteht, wie sie an einem bestimmten 
Punkte des Erdenwerdens in dieses Erdenwerden eine junge Kraft her- 
eintragt. Das kommt zuweilen grandios zum Vorschein, allerdings nur 
fiir denjenigen, der in imaginativer Erkenntnis solches ergreift. Aber 
das tat zum Beispiel der Schreiber des Markus-Evangeliums. Als auf 
des Judas Verrat hin Christus gefangen wird, als der Schreiber des 
Markus-Evangeliums hinschaut auf diese Szene im Geist, sieht er, wie 
unter den Fliehenden ein Jiingling ist, nur mit einem Hemde bekleidet. 
Das Hemd wird ihm herabgerissen, aber er reifit sich los und entflieht. 
Das ist derselbe Jiingling, der dann gerade im Markus-Evangelium am 
Grabe im Talar, im weifien Kleide ankiindigt, dafi der Christus aufer- 
standen ist. Es ist die Stelle so aus imaginativer Erkenntnis gerade im 
Markus-Evangelium enthalten. Da haben Sie das Zusammentreffen des 
alten Leibes des Christus- Jesus und des neuen Keimes einer neuen 
Weltenordnung in imaginativer Erkenntnis erschaut. 

Fuhlen Sie das im Zusammenhang - damit wollen wir fiir heute die 
Betrachtung abschliefien fuhlen Sie das im Zusammenhang mit dem, 
was ich neulich sagte, dafl eigentlich der Menschenleib in seiner ur- 
spriinglichen Bedeutung nicht zum Sterben organisiert ist, sondern daft 
er als Leib zur Unsterblichkeit organisiert ist. Und denken Sie das im 



Zusammenhang mit der Wahrheit, dafi das Tier durch seine Organisa- 
tion sterblich ist, dafi aber der Mensch nicht durch seine Organisation 
sterblich ist, sondern durch seine Seele, die korrumpiert ist, deren Kor- 
ruption aber durch den Christus wiederum hinweggenommen wird. 
Denken Sie das, dann werden Sie begreifen, dafi gerade mit dem Men- 
schenleibe einmal etwas geschehen mufi durch die reale Kraft, die durch 
das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung ausgegossen 
wird. Am Ende der Erdenentwickelung wird die Kraft, die verlorenge- 
gangen ist durch den Sundenfall, die den Menschenleib auflost, wieder- 
gewonnen sein, wird durch die Kraft des Christus wieder zuriickgege- 
ben sein, und die Menschenleiber werden dann wirklich in ihrer physi- 
schen Gestalt erscheinen. Erkennt man die Trichotomie Leib, Seele und 
Geist, dann gewinnt auch die « Auferstehung des Fleisches» ihre Bedeu- 
tung. Sonst kann man sie nicht einsehen. Gewifi, der heutige Aufklarer 
wird gerade das fur eine der reaktionarsten Ideen halten, aber derjenige, 
der aus der Wahrheit Quell heraus die wiederholten Erdenleben er- 
kennt, erkennt auch die reale Bedeutung der Auferstehung der mensch- 
lichen Leiber am Ende des Erdendaseins. Und hat Paulus mit Recht 
gesagt: «Ist der Christus nicht auferstanden, so ist eitel unsere Predigt 
und eitel euer Glaube», so bezeugt dieses - wie wir ja auch aus den gei- 
steswissenschaftlichen Betrachtungen wissen -, es bezeugt dieses die 
Wahrheit. Ist dieses wahr, so ist auch auf der anderen Seite das andere 
wahr: Fiihrte die Erdenentwickelung nicht zur Konservierung der Ge- 
stalt, die der Mensch innerhalb des Erdenwerdens leiblich ausbilden 
kann, ginge diese Gestalt im Erdenwerden zugrunde, konnte der 
Mensch nicht auferstehen durch die Christus-Kraft, dann ware das My- 
sterium von Golgatha eitel, und eitel der Glaube, den es gebracht hat. - 
Das ist die notwendige Erganzung des Paulus- Wortes. 



ELFTER VORTRAG 



Berlin, 12. April 1917 



Beschaftigt man sich geisteswissenschaftlich immer weiter und weiter 
nach den Prinzipien, die Ihnen bekannt sind, mit dem Mysterium von 
Golgatha, so kommt man dazu, anzuerkennen, daf$ kommende Zeiten 
immer tiefer und tiefer werden eindringen miissen in dieses Mysterium 
von Golgatha; wie in einen natiirlichen Gang der Ereignisse werden sie 
immer tiefer und tiefer eindringen miissen. Und in bezug auf vieles 
wird man einsehen, dafi dasjenige, was bisher von dem Mysterium von 
Golgatha erfafit werden konnte, ja, auch dasjenige, was heute erfafit 
werden kann, nur eine Art von Vorbereitung ist zu dem, was iiber die- 
ses Mysterium von Golgatha erfafk werden mufi, und vor alien Dingen, 
was von der Erdenmenschheit durch das Mysterium von Golgatha 
wird gelebt werden miissen. Es ist ganz zweifellos richtig, dafi dasjeni- 
ge, was wir heute noch gezwungen sind innerhalb der geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung in einer komplizierten, wie manche vielleicht 
sagen «schwerverstandlichen» Weise durch Heraufholung von allem 
Moglichen auseinanderzusetzen, dafi das einmal einfach, wie man sagen 
konnte «einfaltig», in einer geringen Anzahl von Worten an die 
Menschheit wird iiberliefert werden konnen. Das ist durchaus voraus- 
zusetzen, dafi es wird so sein konnen. Aber das ist einmal der Gang des 
Geisteslebens, dafi die grofien, einfachen, in wenigen Worten zu umfas- 
senden Wahrheiten erst errungen werden miissen, erst erarbeitet wer- 
den miissen; dafi man nicht zu jeder Zeit tiefste Wahrheiten auch gleich 
in einfachste Formeln bringen kann. Und daher miissen wir es schon als 
unser Zeitenkarma betrachten, dafl wir heute noch manches zusammen- 
tragen miissen, urn die ganze Schwere und die ganze Gewichtigkeit des 
Mysteriums von Golgatha einmal an unsere Seelen heranzufiihren. 

Nun mochte ich zunachst heute in dieser wieder aphoristisch gehal- 
tenen Besprechung davon ausgehen, dafi es notwendig ist, die An- 
schauung, die Vorstellung von «Vertrauen», von «Glauben» als etwas 
Kraftgetragenem, wie wir letzthin auseinandersetzten, durchaus sehr 
bedeutsam zu nehmen. 



Man mufi sich schon klarmachen, dafi die auflere materialistische 
Weltanschauung, wenn wir sie so nennen durfen, auf dem Wege ist, aus 
der Weltbetrachtung herauszuwerfen die moralische Betrachtung der 
Dinge. Ich habe es ja mehrfach auseinandergesetzt, wie bestrebt nicht 
nur das gelehrte, sondern auch das populare, das einfachste Denken un- 
serer Zeit ist, aus seiner Anschauung iiber den Werdegang der Welt das 
Moralische herauszuwerfen. Man stellt sich das heute so vor, dafi man 
nur darauf Rucksicht nimmt, durch welche physikalischen, chemischen 
Gesetze am Anfang des Erdenbeginns aus einem Weltennebel heraus 
sich das irdische Dasein gebildet haben konnte, und man strebt danach 
zu begreifen, wie diese physikalischen Gesetze es bedingen werden, 
einmal eine Art Erdenende herbeizufiihren. Unsere moralischen Vor- 
stellungen gewinnen wir gewissermafien neben diesen physischen Vor- 
stellungen. Und ich deutete schon an, sie sind nicht stark genug, um 
Realitat in sich zu haben. Dazu sind wir gewissermaflen in der Gegen- 
wart verurteilt. Und diese Entwickelung innerhalb solcher Vorstellun- 
gen wird noch immer weiter und weitergehen. Es gilt doch heute dem 
Menschen, der feststehen will auf dem Boden der naturwissenschafdi- 
chen Anschauung, naturlich als etwas geradezu Phantastisches, Aber- 
glaubisches, sich vorzustellen, daft am Ausgange unseres Erdendaseins 
eine Tat oder ein Geschehen steht, das moralisch zu beurteilen ist, wie 
es in der biblischen Geschichte vom Siindenfall der Fall ist. Und es 
reicht die heutige Vorstellung der Menschen nicht aus, um von dieser 
Vorstellung aus an das Ende des Erdendaseins eine moralische Entwicke- 
lung zu setzen, so dafi gewissermafien das, was physisch-chemisch in 
unserem Erdendasein vorgeht, durch etwas Moralisches herausgeho- 
ben wiirde zu einem anderen planetarischen Dasein, zu einem Jupiter- 
Dasein. Es stehen nebeneinander naturwissenschaftliche Vorstel- 
lungen iiber Physisches und Vorstellungen iiber Moralisches; sie kon- 
nen einander sozusagen nicht gegenseitig tragen. Die Naturwissen- 
schaft strebt darauf hin, das Moralische ganz aus ihrer Betrachtungs- 
weise zu beseitigen, und das Moralische beginnt, ich mochte sagen, 
sich damit abzufinden, daft ihm keine physisch tragenden Krafte 
innewohnen. Sogar die Dogmatik gewisser Religionsbekenntnisse 
sucht solche Vorstellungen auszubilden, die eine Art Kompromifi 



schliefien mit der Naturwissenschaft, indem der Naturwissenschafter 
darauf aufmerksam macht, dafl man das Moralische recht reinlich tren- 
nen soil von dem, was physisch, chemisch, geologisch und so weiter 
geschieht. 

Nun werde ich heute den Ausgangspunkt nehmen von etwas, was 
scheinbar mit unserer Betrachtungsweise gar nicht zusammenhangt, 
aber uns gerade recht in dieselbe hereinfuhren wird. Ich mochte zu- 
nachst einmal darauf aufmerksam machen, dafl nicht alle Menschen, 
welche sich Weltenbetrachtungen hingegeben haben, so veranlagt wa- 
ren, dafi sie gewissermafien alle moralischen Urteile ausschlossen, wenn 
sie sich an die aufiere Natur und an das Naturgeschehen gewandt haben. 
Das ist etwas aufierordentlich Interessantes. Dem heutigen Botaniker 
wird gar nicht einfallen, moralische Begriffe anzuwenden, wenn er die 
Gesetze studieren will, nach denen die Pflanzen wachsen. Ja, er wiirde 
es als kindisch ansehen, wenn er moralische Mafistabe an die Vegetation 
der Pflanzen anlegen sollte, wenn er gewissermafien die Pflanzen um 
ihre Moral fragen wiirde. Denken Sie nur einmal, wie jemand angese- 
hen wiirde, der nur Miene machte, so irgend etwas geltend zu machen. 
Aber nicht alle Menschen waren immer so. Und ich mochte Ihnen ein 
charakteristisches Beispiel eines Menschen geben, der nicht so war, ei- 
nes Menschen, der von vielen nicht als ein Christ angesehen wird, der 
aber ein besserer Christ war in seiner Weltenbetrachtung als viele ande- 
re. Sie konnen insbesondere katholische Betrachtungen iiber Goethe 
aufschlagen, und Sie werden darin finden, dafi Goethe - nun, er wird ja 
zuweilen, weil er doch eine gewisse Grofie war, nachsichtig behandelt - 
es mit dem Christentum nicht ernst genommen habe. Das wird insbe- 
sondere in katholischen Betrachtungen iiber Goethe recht kraftiglich 
hervorgehoben. In Goethe steckte jedoch seiner ganzen Veranlagung 
nach etwas tief Chrisdiches, etwas viel tiefer Christliches als in sehr vie- 
len solchen Christen, die nach einem bekannten Ausspruche bei jeder 
Gelegenheit das «Herr, Herr» auf der Zunge haben. Dieses «Herr, 
Herr» hatte Goethe allerdings nicht immer auf der Zunge, aber seine 
Betrachtungsweise der Welt hat einen Zug von tiefer Christlichkeit. 
Und da mochte ich auf etwas aufmerksam machen, auf das nicht sehr 
haufig bei Goethe aufmerksam gemacht wird. 



Goethe hat ja bekanntlich versucht, in seiner Metamorphosenlehre 
Vorstellungen zu gewinnen iiber das Wachstum der Pflanzen. Sie wis- 
sen, ich habe ofter aufmerksam gemacht: er kam iiber diese Metamor- 
phosenlehre einmal in ein Gesprach mit Schiller, als die beiden einen 
Vortrag des Jenenser Professors Batsch gehort hatten. Da gefiel Schiller 
die Art, wie Batsch von den Pflanzen sprach, nicht sehr, und er sagte, 
man brauche nicht alles so zu zerstiickeln, man konne sich eine ganz 
andere Betrachtungsweise denken. Goethe zeichnete dann mit einigen 
Strichen die Idee seiner Metamorphose der Pflanzen auf, urn zu zeigen, 
was man sich gleichsam als geistiges Band der einzelnen Pflanzener- 
scheinungen denken konne. Und Schiller sagte: Das ist keine Erfah- 
rung, das ist eine Idee. Keine aufiere erfahrungsgemafie Wirklichkeit, 
sondern eine Idee. - Goethe verstand diesen Ein wand nicht recht, son- 
dern er sagte: Das kann mir sehr lieb sein, daft ich Ideen habe ohne es 
zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe. - Also er verstand das nicht, 
wie das eine Idee bedeuten solle, was doch aus der Wirklichkeit, wie 
ein Ton oder eine Farbe aufgenommen wird. Er behauptete, er sehe 
seine Ideen mit Augen. Das verrat schon, daft Goethe das Geistige mit- 
zusehen versuchte, innerhalb des Pflanzenwachstums zum Beispiel. 

Nun, sehen Sie, Goethe war sich immer klar dariiber, daft er das, was 
er eigentlich zu sagen hatte, doch nur bis zu einem gewissen Grade sei- 
ner Mitwelt beibringen konne; dafi fur gewisse Dinge die Zeit doch zu 
wenig reif sei. Und da stellte es sich denn heraus, daft auch andere sich 
anregen liefien, die nun spezielle Naturforscher waren. Zum Beispiel 
Schelver, der Botaniker, Henschel, sie liefien sich anregen von Goethes 
Metamorphosenlehre. Und Schelver, Henschel schrieben merkwiirdige 
Dinge iiber das Pflanzenwachstum, ganz merkwiirdige Dinge, die aber 
Goethe mit grofiem Wohlgefallen betrachtete. Fur den heutigen Bota- 
niker ist diese ganze Geschichte, die da verhandelt wurde zwischen 
Goethe, Schelver und Henschel, der hellste Wahnsinn. Aber man muE 
sich bei einer solchen Gelegenheit immer an das Paulus-Wort erinnern, 
dafi die Torheit der Menschen grofite Weisheit sein kann vor Gott. Und 
Goethe schrieb dann auch einige aphoristische Dinge auf iiber dasjeni- 
ge, was er als Eindruck bekommen hat von der Schelverschen Darstel- 
lungsweise. 



Nun mufi ich mit ein paar Worten anfiihren, was denn dieser Schel- 
ver eigentlich wollte. Diesem Schelver wurde zuwider die ganze Art, 
wie die Menschen, die Botaniker, die Pflanzen betrachten. Und er sagte 
ungefahr so: Seht ihr, da stellen sich die Menschen Pflanzen vor; die 
gedeihen so, dafi sie auf der einen Seite in der Bliite den Fruchtknoten 
entwickeln, auf der anderen Seite die Staubgefafte. Und der Fruchtkno- 
ten wird nach Anschauung der Menschen durch die Staubgefafie 
befruchtet, und dadurch entsteht eine neue Pflanze. - Das war nun dem 
Schelver ganz und gar nicht recht, sondern er sagte: Das ist eigentlich 
keine im Sinne des Pflanzenreiches gehaltene Idee, sondern die Wirk- 
lichkeit besteht darinnen, dafi jede Pflanze rein dadurch, dafi sie eine 
Pflanze ist, auch ihresgleichen wieder hervorbringen kann. Und dafi 
eine Befruchtung geschehen muE, das betrachtete er als eine mehr 
nebensachliche Erscheinung, eine Erscheinung, die Schelver eigentlich, 
man konnte schon sagen, als etwas Falsches, wie einen Irrtum der Na- 
tur betrachtete. Das Richtige der Natur wiirde Schelver darin gesehen 
haben, dafi jede Pflanze ohne weitere Befruchtung aus sich selbst eine 
weitere Pflanze hervorbrachte, nicht dafi blofi der Antherenstaub durch 
den Wind an den Fruchtknoten geworfen werden mufi und dadurch 
die ganze Pflanzenwelt sich fortentwickelt. 

Goethe, der ja seine Aufmerksamkeit immer auf solche Erscheinungen 
gewendet hat, wo die Pflanze sich umwandelt, das Blatt in die Bliite, 
der wollte das durchaus als etwas Selbstverstandliches betrachten, daft 
die ganze Pflanze in Metamorphose eine neue Pflanze hervorbringen 
kann. Da gefiel ihm diese Schelversche Idee. Und alien Ernstes schrieb 
nun Goethe einen Aphorismus, der aufierordentlich interessant ist, der 
von ihm ganz ernsthaftig gemeint ist, aber selbstverstandlich fur einen 
heutigen Botaniker der hellste Wahnsinn ist. Goethe schrieb zum Bei- 
spiel unter anderem in dem Aufsatz, den er liber Schelver schrieb: 

«Diese neue Verstaubungslehre ware nun beim Vortrag gegen junge 
Personen und Frauen hochst willkommen und schicklich; denn der per- 
sonlich Lehrende war bisher durchaus in grofier Verlegenheit. Wenn 
sodann auch solche unschuldige Seelen, um durch eigenes Studium wei- 
terzukommen, botanische Lehrbucher in die Hand nahmen, so konnten 
sie nicht verbergen, daft ihr sittliches Gefiihl beleidigt sei; die ewigen 



Hochzeiten, die man nicht los wird, wobei die Monogamie, auf welche 
Sitte, Gesetz und Religion gegriindet sind, ganz in eine vage Liistern- 
heit sich aufldst, bleiben dem reinen Menschensinne vollig unertraglich.» 

Also denken Sie sich: Goethe wirft den Blick hin iiber die Pflanzen- 
welt und findet es unertraglich, dafi da die ewigen Hochzeiten gefeiert 
werden sollen, dafi da ewige Befruchtung stattfinden soil, oder er findet 
es - wie er sich grazios ausdriickt - schicklicher, wenn man nicht mehr 
davon sprechen miifite, sondern sagen konnte, dafi die Pflanze aus ei- 
gener Kraft ihresgleichen hervorbrachte. Und er fiihrt das dann weiter 
aus. Er sagt: 

«Man hat sprachgelehrten Mannern oft, und nicht ganz ungerecht, 
vorgeworfen, dafi sie, um wegen der unerfreulichen Trockenheit ihrer 
Bemiihungen sich einigermafien zu entschadigen, gar gerne an verfang- 
liche, leichtfertige Stellen alter Autoren mehr Miihe als billig verwen- 
den. Und so lieften sich auch Naturforscher manchmal betreten, daft 
sie, der guten Mutter einige Blofien abmerkend, an ihr, als an der alten 
Baubo, hochst zweideutige Belustigung fanden. Ja, wir erinnern uns, 
Arabesken gesehen zu haben, wo die Sexualverhaltnisse innerhalb der 
Blumenkelche auf antike Weise hochst anschaulich vorgestellt waren.» 

Also Goethe betrachtet es als eine hochst wiinschenswerte Idee, dafi 
diese Sexualbetrachtung mit Bezug auf die Pflanzenwelt entfernt wer- 
den konnte. Das war schon zu seiner Zeit eine verriickte Idee, selbst- 
verstandlich; heute, im Zeitalter der Psychoanalyse, wo man anstrebt, 
dafi alles womoglich aus der Sexualitat erklart werde, ist es eine noch 
grofiere Verriicktheit, wenn jemand sagt, was das fur eine schone Na- 
turbetrachtung ware, wenn man nicht diese unmoralische Einmischung 
des Sexualprinzipes hatte. Goethe sagt ausdriicklich: «Wie man jetzt 
nach alien Seiten hin Ultras hat, liberale sowohl als konigische, so war 
Schelver ein Ultra in der Metamorphosenlehre; er brach den letzten 
Damm noch durch, der sie innerhalb des friiher gezogenen Kreises ge- 
fangen hielt»; aber er sagt nicht, dafi ihm ein solcher Ultra irgendwie 
unangenehm ware, sondern im Gegenteil, er begriifit das Auftreten mit 
grofier Freude. 

Nun mufi man schon etwas tiefer in Goethes Seele hineinschauen, ich 
mochte sagen, in Goethes christliche Seele hineinschauen, um zu er- 



kennen, was da eigentlich zugrunde liegt. Denken Sie sich einmal: Der- 
jenige, der die Natur betrachtet, so wie sie ist, mit der Gesinnung, wel- 
che die heutige Naturwissenschaft hat, der kann natiirlich mit solchen 
Vorstellungen iiberhaupt nichts machen, denn zu solchen Vorstellungen 
sind gewisse Voraussetzungen notwendig. Die Voraussetzung ist die, 
daft eigentlich so, wie die Pflanzen jetzt sind, sie ihrer Anlage, ihrer ur- 
spriinglichen Anlage widersprechen, daft eigentlich fiir den, der sich so 
recht vertieft in die Pflanzenwelt, die Notwendigkeit vorliegt, zu sagen: 
Ja, wenn ich auf die erste Anlage des Pflanzenwachstums sehe, dann 
stimmt die Art und Weise, wie da der Blutenstaub herumfliegt und be- 
fruchtet, nicht zu der urspriinglichen Anlage der Pflanzen. Das sollte 
anders sein! - Da gibt es nichts anderes, als sich bekanntzumachen da- 
mit, daft allerdings das ganze Pflanzenreich, so wie es um uns herum 
ausgebreitet ist, heruntergestiegen ist von einer urspriinglich anderen 
Gestalt zu der Gestalt, die es jetzt hat, und daft eine solche Naturbe- 
trachtung, wie die Goethes war, in dem, wie die Pflanzen heute sind, 
noch eine Ahnung davon bekam, wie das Pflanzenreich, sagen wir, vor 
dem Sundenfall war, um diesen symbolischen Ausdruck zu gebrauchen. 
Und in der Tat, man versteht die Goethesche Metamorphosenlehre nicht, 
wenn man nicht ihre Unschuld versteht, ihre Kindlichkeit versteht, 
wenn man nicht versteht, daft Goethe schon mit der Metamorphosen- 
lehre sagen wollte: Seht, was da im Pflanzenreich vorgeht, das war ihm 
urspriinglich nicht vorbestimmt, dazu ist es erst gelangt, nachdem die 
Erdenentwickelung von einer gewissen Sphare in ihre jetzige herunter- 
gesunken ist. 

Von da ausgehend, werden Sie sich auch die Vorstellung bilden kon- 
nen - die ich jetzt nicht genauer ausfiihren kann, aber alle diese Dinge 
konnten und werden ja einmal von uns ausgefuhrt werden -, daft es 
ebenso mit dem Mineralreich ist, daft das auch nicht so ist, wie es ur- 
spriinglich war. Und derjenige, der diese Dinge nun wirklich wissen- 
schaftlich betrachtet, kommt auch dazu einzusehen, daft das, was ich jetzt 
sagte, richtig ist bis in das Tierreich hinein, insofern wir es mit den soge- 
nannten kaltbliitigen, auch wechselwarm genannten, also nicht mit warm- 
bliitigen Tieren zu tun haben. Also Mineralreich, Pflanzenreich und das 
Reich der kaltbliitigen Tiere, die nicht innere Leibeswarme haben, wel- 



che standig die auftere Warme iiberragt, diese Reiche sind nicht so, wie 
sie urspriinglich veranlagt waren. Sie sind heruntergestiegen aus einer 
Sphare in die andere und sind dasjenige erst geworden, was heute not- 
wendig macht, dafi das Sexualitatsprinzip in ihnen waltet. Man kann 
sagen, diese Reiche kommen nicht zur volligen Ausbildung der Anla- 
gen, die sie in sich haben, sondern es mufi nachgeholfen werden. Die 
Pflanze hat in sich die urspriingliche Anlage, wie sie ist fur sich, nicht 
nur sich zu metamorphosieren vom Blatt zur Bliite, sondern auch eine 
ganz neue Pflanze hervorzubringen. Aber es fehlen ihr die Krafte, dazu 
zu kommen; dazu bedarf es einer aufieren Anregung, weil die Region 
verlassen worden ist, in der das Pflanzenreich war. Auch mit dem 
Mineralreich wiirde es anders sein, und mit dem Reich der kaltbliitigen 
Tiere. Diese Wesen sind dazu verurteilt, gewissermaften auf halbem 
Wege stehenzubleiben. 

Und sehen wir das andere Ende der Natur an: das Reich der warm- 
bliitigen Tiere, das Reich derjenigen Pflanzen, die es bis zur Verhol- 
zung bringen, die Baume - denn die, von denen ich gesprochen habe, 
welche die Metamorphose regelmafiig haben, das sind Pflanzen, die 
griine Laubblatter und Stengel hervorbringen, nicht die verholzenden 
Pflanzen -, und sehen wir uns an die warmbliitigen Tiere und das phy- 
sische Menschengeschlecht. Ich habe schon im vorletzten Vortrage 
aufmerksam gemacht, dafi der physische Mensch, so wie er ist, seiner 
Anlage nicht entspricht, daft er eigentlich zur Unsterblichkeit seines 
Leibes die Anlage hat. Aber diese Erkenntnis geht viel weiter. Nicht 
nur der physische Mensch, der also zur Unsterblichkeit geschaffen ist, 
hat nicht seine Anlage in sich, sondern auch die anderen Wesen, die 
verholzenden Gewachse und die warmbliitigen Tiere tragen schon den 
Tod in sich. Sie sind nicht so, wie sie urspriinglich waren; nicht als ob 
sie schon unsterblich geschaffen waren: sie sind heruntergestiegen. Da- 
durch aber ist fur sie etwas anderes eingetreten. Ich sagte: Die Wesen 
des Mineralreiches, des Pflanzenreiches und des kaltbliitigen Tierrei- 
ches, die kommen mit ihren Anlagen nicht zu Ende, sie brauchen einen 
aufteren Einflufi. Die Wesen des warmbliitigen Tierreiches, der sich 
verholzenden Pflanzen, also der rinden- und holzbildenden Pflanzen, 
und das Menschenreich, die sind so, daft sie in der Gestalt, wie sie jetzt 



leben, nicht ihren Ursprung offenbaren, ihren Anfang nicht offenbaren. 
Also die ersteren Wesen kommen mit ihrer Entwickelung nicht zu Ende; 
sie bediirfen eines anderen Einflusses. Die Wesen, die ich als zweite 
Gruppe genannt habe, die verholzenden Pflanzen, die warmbliitigen 
Tiere und die Menschen, die verleugnen in der Art, wie sie jetzt sind, 
ihren Anfang; die offenbaren ihren Anfang nicht. Die anderen kommen 
nicht zu Ende, und diese Wesen zeigen sich heute so, daft man aus 
dem, wie sie sind, nicht unmittelbar ihren Anfang erkennen kann. 

Wenn Sie dies nehmen, so haben Sie ungefahr das, was Vorhersage ist 
einer gewissen Richtung, welche die Naturbetrachtung in der Zukunft 
nehmen mufi. Sie wird durchaus unterscheiden miissen zwischen dem, 
wie die Wesen veranlagt sind, und dem, wie sie jetzt sind. 

Nun entsteht die Frage: Woher ist denn das alles so gekommen? Wir 
haben ja ungefahr die ganze um uns liegende Natur, die, auch naturwis- 
senschaftlich betrachtet, nicht so ist, wie sie sein sollte. Woher ist denn 
das eigentlich gekommen? Was liegt da zugrunde? Wer ist an alledem 
schuld? Und da bekommt man dennoch die Antwort: Der Mensch ist 
an alledem schuld! Und die Schuld des Menschen besteht eben in dem 
Erliegen der luziferischen Versuchung, wie ich sie immer geschildert 
habe, in dem, was am Ausgangspunkt der biblischen Darstellung die 
Erbsunde, die Erbschuld genannt wird. Es ist fur die Geisteswissen- 
schaft eben ein wirkliches, ein echtes Faktum, aber ein solches Faktum, 
das sich nicht nur beim Menschen abgespielt hat, sondern das sich ab- 
gespielt hat zwar zunachst im Menschen, aber der Mensch war dazumal 
noch so machtig, so stark, dafi er die ganze tibrige Natur hineingezogen 
hat. Der Mensch hat mit sich gezogen die Entwickelung der Pflanzen, 
so dafi sie nicht zu Ende kommen konnen mit ihrer Entwickelung, dafl 
sie einen aufieren Anstofi brauchen. Der Mensch hat es dahin gebracht, 
dafi neben den kaltbliitigen Tieren noch die warmbliitigen sind, das 
heifk solche, die mit ihm gleichen Schmerz erleiden konnen. Also die 
warmbliitigen Tiere hat der Mensch mit sich hereingezogen in die 
Sphare, in die er selbst sich gezogen hat dadurch, dafi er der luziferi- 
schen Versuchung verfallen ist. 

Man stellt sich heute vor, dafi der Mensch immer in einem solchen 
Verhaltnis zur Welt war wie heute, daft er sozusagen nichts machen 



kann mit Bezug auf die iibrige Natur, dafi die Tiere neben ihm entste- 
hen, die Pflanzen neben ihm entstehen, scheinbar ohne seinen EinflufL 
Aber so war es nicht immer, sondern ehe die Naturordnung eingetreten 
ist, die die jetzige ist, war der Mensch ein machtiges Wesen, das in je- 
ner Tat, die man die luziferische Versuchung nennt, nicht nur sich beta- 
tigte, sondern wirklich die ganze iibrige Natur der Erde hineingezogen 
hat und das machte, was zuletzt darin gipfelte, dafi die moralische 
Ordnung vollig abrifi von der Naturordnung. 

Wenn man heute das so ausspricht, wie ich es jetzt ausspreche, so 
sagt man naturlich etwas, was nicht im geringsten verstandlich ist fur 
den, der naturwissenschaftlich denkt. Und dennoch, es wird verstand- 
lich werden miissen! Es wird verstandlich werden miissen! Die heutige 
Naturwissenschaft ist nur eine Episode. Trotz aller ihrer Verdienste, 
trotz aller ihrer grofien Errungenschaften: sie ist eine Episode. Sie wird 
ersetzt werden durch eine andere, welche erst wieder erkennen wird, 
dafi es eine hohere Weltbetrachtung gibt, innerhalb welcher das Natiir- 
liche und das Moralische zwei Seiten ein und desselben Wesens sind. 
Aber mit einer pantheistischen Verschwommenheit kommt man nicht 
zu einer solchen Betrachtung; da mufi man schon konkret hinsehen, 
wie wirklich das aufiere Dasein zeigt, dafi es anders veranlagt gewesen 
ist, als es sich heute in der gewohnlichen Naturordnung zeigt. Da muE 
man den Mut haben, moralische Mafistabe auch an das aufiere Naturda- 
sein anlegen zu konnen. Diejenige Weltbetrachtung, die sich heute die 
monistische nennt, und die ihre Glorie darin sieht, iiberall das Morali- 
sche auszuschliefien, die tut das aus Feigheit, aus Erkenntnisfeigheit, 
weil sie nicht tief genug eindringen will bis dahin, wo wirklich, wie es 
bei Goethe der Fall war - in solchen Grenzen, wie ich es dargestellt 
habe - die Notwendigkeit, moralische Mafistabe anzulegen, ebenso ein- 
tritt, wie fur eine aufiere Betrachtung die Notwendigkeit eintritt, rein 
aufierliche naturwissenschaftliche Mafistabe anzulegen. 

Aber dieses, was ich nun sage, die Moglichkeit, die Welt wiederum 
durchmoralisiert zu denken, diese Moglichkeit, die ware gerade dem 
Menschen verlorengegangen, wenn im Beginne unserer Zeitrechung 
nicht das Mysterium von Golgatha eingetreten ware. Denn wir haben 
jetzt gesehen, dafi im Grunde alles, was blofi natiirliche Ordnung ist, in 



gewissem Sinne korrumpiert ist, aus einer anderen Region in die jetzige 
erst heruntergestiegen ist, dafi es in einer Weltanschauungs-Hohenlage 
liegt, aus der es sich wieder erheben muE. So ist es mit unserer Weltan- 
schauung, daft sie in einer Weltanschauungs-Hohenlage liegt, aus der 
sie sich wieder erheben mufi. Zu diesem Naturgemafien gehort nun 
wirklich auch unser Denken selber. Und wenn die heutigen Du Bois- 
Reymonds und andere davon sprechen, daft unser Denken nicht in die 
Wirklichkeit hineinkommen kann, daft sie das Ignorabimus feststellen, 
dafi man nicht erkennen kann, so ist das in einem gewissen Sinne wahr, 
aber warum wahr? Ja, weil unser Denken eben auch aus seiner ur- 
spriinglich veranlagten Region herausgekommen ist und erst wiederum 
den Weg zuriickfinden mufi. Alles steht unter dem Einflusse des Ab- 
stieges des Denkens selber. So dafi man sagen kann: Gewifi, ihr, die ihr 
behauptet, das Denken kann nicht eindringen in die Wirklichkeit, ihr 
habt bis zu einem gewissen Grade recht; aber es ist dieses Denken sel- 
ber mit den anderen Wesenheiten korrumpiert, es mufi sich erst wie- 
derum erheben. Der Impuls selbst zu der Erhebung dieses Denkens 
liegt in dem Mysterium von Golgatha, das heifit in dem, was als ein 
Impuls in die Menschheit durch das Mysterium von Golgatha eingezo- 
gen ist. Selbst unser Denken unterliegt gewissermaflen der Erbsiinde 
und mufi von ihr erlost werden, um wiederum in die Wirklichkeit ein- 
zudringen. Und unsere Naturwissenschaft, so wie sie heute dasteht mit 
ihrer morallosen Notwendigkeit, ist nur das Produkt jenes Denkens, 
das korrumpiert ist, das heruntergestiegen ist. Hat man nicht den Mut, 
dieses zu bekennen, so steht man uberhaupt nicht innerhalb, sondern 
aufierhalb der Wirklichkeit. 

Was in dem Mysterium von Golgatha liegt, um dasjenige, was aus ei- 
ner hoheren Region in eine tiefere heruntergestiegen ist, wieder herauf- 
zubringen, das wird einem insbesondere klar, wenn man einzelne kon- 
krete Dinge ins Auge fafit, wenn man sich die Frage vorlegt: Was 
wiirde denn geschehen mit der Erdenentwickelung, die durch den Men- 
schen in die Naturordnung heruntergebracht worden ist — das sage ich 
nicht aus irgendeinem Ausspintisieren heraus, sondern ich sage es als 
ein ebensolches geisteswissenschaftliches Ergebnis, wie es die naturwis- 
senschaftlichen Tatsachen sind: Was wiirde geschehen mit der Erdenent- 



wickelung, nachdem sie durch die Menschen heruntergesunken ist, 
wenn das Mysterium von Golgatha nicht einen neuen Impuls gegeben 
hatte? So wahr, wie eine Pflanze sich nicht fortentwickeln kann, wenn 
man den Fruchtknoten abreifit, so wahr hatte die Erde nicht ihre Ent- 
wickelung finden konnen, wenn das Mysterium von Golgatha nicht da- 
gewesen ware! 

Heute stehen wir ja erst im funften nachatlantischen Zeitraume. Im 
vierten, in seinem ersten Drittel, trat das Mysterium von Golgatha ein. 
Die eine Stromung, die abwartsgehende, ist durchaus da, und derjenige, 
der nicht blind ist, kann auch durchaus beurteilen, dafi sie da ist. Oh, 
es hat mit dem in die Tiefen des Wesens der Dinge eindringenden Den- 
ken sehr, sehr stark einen Niedergang genommen! Es ist gar sehr ein 
Abstieg zu bemerken in dem Denken, in dem Empfinden iiber das We- 
sen der Dinge, das in die Tiefe geht. Die kopernikanische Weltanschau- 
ung und ahnliche Dinge, sie sind gewifi grofiartige Erscheinungen in 
bezug auf die Oberflachenerkenntnis der Dinge, aber sie dringen nicht 
in die Tiefe, sie sind gerade dadurch zustandegekommen, daft man eine 
Zeitlang nicht in die Tiefe eingedrungen ist. Dieses Nicht-in-die-Tiefe- 
Dringen wiirde immer weiter und weiter gehen. Und man kann schon 
heute einzelne konkrete Dinge angeben - so sehr man auch, wenn man 
sie angibt, als ein Phantast angesehen wird -, zu denen es kommen 
miiftte, wenn die Richtung glatt so fortginge, die gewissermafien schon 
veranlagt ist, die aufgegeben werden mufi dadurch, daft der Impuls des 
Mysteriums von Golgatha immer machtiger und machtiger gemacht 
wird. 

Ich bitte, sehen Sie mit mir fur einige Augenblicke wie durch ein 
Fenster in die Entwickelungsmoglichkeiten, und vergessen Sie, indem 
ich Sie durch ein Fenster blicken lasse, fur die Aufienwelt, was ich ge- 
sagt habe, damit Sie nicht zu stark durch das Schildern einer Tatsache 
ausgelacht werden. Denn naturlich erhebt sich heute noch ein Hohnge- 
lachter der Holle, wenn man so etwas ausspricht. Wenn die Gesinnung, 
die heute zum Beispiel herrscht auf dem Boden der reinen Universi- 
tats-Naturwissenschaft, weiter so fortgeht, wenn sie sich ausbreiten 
wiirde, namentlich wenn sie intensiver und intensiver werden wiirde - 
wir leben im funften nachatlantischen Zeitraum, und zwar erst im An- 



fang, es wird ein sechster, ein siebenter kommen -, da wiirden gewisse 
Dinge, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eine vertiefte Auffas- 
sung erfiihre, ganz sonderbare Formen annehmen. Heute nun, wenn 
einer von einer neuen wissenschaftlichen Anschauung iiber den Siinden- 
fall so redet, wie es hier geschehen ist, so reden wiirde aufierhalb eines 
vorbereiteten Kreises, aufierhalb eines Kreises, der sich durch Jahre an- 
geeignet hat Vorstellungen, die ihm beweisen, dafi die Sachen ganz wis- 
senschaftlich bewiesen werden konnen, so wiirde er im Beginne dieses 
unseres fiinften nachatlantischen Zeitraumes eben blofi fur einen Nar- 
ren gehalten werden, selbstverstandlich; er wiirde ausgelacht werden, 
verhohnt werden. Man wiirde ihm ganz sicher, wenn man nur merken 
wiirde, dafi er solche Anschauungen hat, draufien in der materialisti- 
schen Welt kein sonderliches Vertrauen entgegenbringen, in der Welt, 
die aufierhalb des Christentums steht. Aber im sechsten nachadanti- 
schen Zeitraum wiirde es noch ganz anders werden, und es wird auch 
anders werden bei einem Teil der Menschheit; es wird harte Kampfe 
geben, um den Christus-Impuls durchzufiihren. 

Heute denkt man, mit der Zuchtrute des Hohnes, mit der Zuchtrute 
der Verspottung oder, wie man es oftmals nennt, der Zuchtrute der 
Kritik, zu begegnen demjenigen, der versucht, aus den geisteswissen- 
schaftlichen Erkenntnissen die Wahrheit zu sagen. Im sechsten Zeit- 
raum wird man anfangen, diese Leute zu heilen - zu heilen! Das heifit, 
man wird bis dahin Arzneien erfunden haben, die man denen zwangs- 
gemafi beibringen wird, welche davon reden, dafi es eine Norm des 
Guten und des Bosen gibt, dafi Gut und Bose etwas anderes ist als 
Menschensatzung. Es wird eine Zeit kommen, da wird man sagen: Wie 
redet ihr von Gut und Bose? Gut und Bose, das macht der Staat. Was 
in den Gesetzen steht, dafi es gut ist, das ist gut; was in den Gesetzen 
steht, dafi es unterlassen werden soli, das ist bose. Wenn ihr davon re- 
det, dafi es ein moralisches Gut und Bose gibt, so seid ihr krank! - Und 
man gibt ihnen Arzneien, und man wird die Leute kurieren. Das ist die 
Tendenz. Das ist keine Ubertreibung, das ist nur das Fenster, durch das 
ich Sie blicken lassen mochte. Dahin geht der Lauf der Zeit. Und was 
im siebenten nachadantischen Zeitraum folgen wiirde - durch dieses 
Fenster will ich Sie vorlaufig nicht blicken lassen. Aber wahr ist es. 



Kommen wird eine Zeit, denn das lafk sich ja nicht zuriickschrauben, 
was in der Menschennatur ist, es wird schon auf eine solche Weise 
allmahlich zum Ausdruck kommen, dafi man nach den Begriffen der 
naturwissenschaftlichen Weltanschauung die Menschen wird fur krank 
ansehen konnen, und die notwendige Heilung wird herbeizufuhren ver- 
suchen. Das ist nicht eine Phantasie. Gerade die allerniichternste Be- 
trachtung der Wirklichkeit, die gibt das, von dem da gesprochen wird. 
Und wer nur Augen hat zu sehen und Ohren zu horen, der sieht iiber- 
all die Anfange dazu. 

Da handelt es sich darum, in aller Tiefe einzusehen und allmahlich 
ins Leben uberzufuhren, dafi dasjenige, was menschlicher Atherleib ist, 
nicht so ist - und darum handelt es sich ja eigentlich, denn davon geht 
alles iibrige aus -, zunachst nicht so ist, wie es urspriinglich fur den 
Menschen bestimmt war. Denn dieser menschliche Atherleib, der 
enthalt unter dem verschiedenen Atherischen, das er urspriinglich 
enthielt - und er enthielt urspriinglich alle Athersorten in volliger Leben- 
digkeit -, heute die Warme. Daher hat der Mensch mit den Tieren, die 
er in seinen «Fall» mit hineingebracht hat, warmes Blut. Da hat der 
Mensch die Moglichkeit, den Warmeather in besonderer Weise zu ver- 
arbeiten. Aber schon mit dem Lichtather ist es nicht so. Den Lichtather 
nimmt der Mensch zwar auf, aber er strahlt ihn so aus, dafi nur ein 
gewisses niederes Hellsehen dazu kommt, in der Aura die atherischen 
Farben im Menschen zu sehen. Die sind vorhanden. Aber aufierdem 
ist der Mensch auch fur einen eigenen Ton veranlagt gewesen, in der 
ganzen Harmonie der Spharen mit seinem eigenen Ton und mit einem 
urspriinglichen Leben, so dafi der Atherleib immer die Moglichkeit 
gehabt hatte, den physischen Leib unsterblich zu erhalten, wenn dieser 
Atherleib seine urspriingliche Lebendigkeit beibehalten hatte. Es 
wiirden andere Dinge nicht gekommen sein. Denn ware dieser Ather- 
leib in seiner urspriinglichen Gestalt geblieben, so ware der Mensch 
ja in der oberen Region geblieben, von der er in die untere herunter- 
gestiegen ist. Er ware dann nicht der luziferischen Versuchung verfallen. 
In dieser oberen Region waren ganz andere Verhaltnisse gewesen. Die 
waren aber einmal. Und solche Geister wie Saint-Martin hatten noch 
ein gewisses Bewufitsein, daft solche Verhaltnisse einmal waren. Daher 



sprechen sie von diesen Verhaltnissen wie von einer einstmaligen 
Realitat. 

Lassen wir nur eines von diesen Verhaltnissen einmal vor unsere 
Seek treten. So, wie der Mensch heute spricht, hatte er nicht sprechen 
konnen, denn er hatte sein Wort niemals so gepragt, dafi die Sprache in 
verschiedene Sprachen differenziert worden ware. Denn dafi die Spra- 
che in verschiedene Sprachen differenziert worden ist, das riihrt nur 
davon her, dafi die Sprache etwas Bleibendes wurde. Aber die Sprache 
war dazumal nicht veranlagt, etwas Bleibendes zu sein, sondern sie war 
zu etwas ganz anderem veranlagt. Sie mussen sich nur lebendig vorstel- 
len, wozu der Mensch veranlagt war. Wird einmal wirklich ein Funke 
von Goethescher Weltanschauung - ich meine jetzt nicht blofi der 
Theorie, sondern der Seele nach - in der Menschheit sein, so wird man 
einsehen, was mit einem solchen Satz gemeint ist, auch aus der Goethe- 
schen Weltanschauung heraus. Stellen Sie sich nur einmal vor, der 
Mensch hatte die urspriinglichen Anlagen, die ihm zugedacht waren. 
Da wurde er hingeschaut haben auf dasjenige, was von aufien auf ihn 
Eindriicke machen kann. Aber es wiirden nicht blofi Farben, Tone her- 
ankommen an ihn, nicht blofi dasjenige, was von aufien die Eindriicke 
sind, sondern es wurde iiberall Geist herausfliefien aus den Dingen: mit 
der roten Farbe zugleich der Geist des Rot, mit der griinen Farbe der 
Geist des Grim und so weiter. Uberall wiirde der Geist an ihn heran- 
kommen, wovon Goethe nur eine Ahnung hatte, indem er sagte: Ja, 
wenn diese Pflanze nur eine Idee sein soil, so sehe ich meine Ideen, 
dann sind sie draufien wie Farben. - Das ist eine ahnungsvolle Idee. 
Dies bitte ich Sie, sich in konkreter, vollsubstantieller Wirklichkeit vor- 
zustellen: dafi wirklich der Geist lebendig herankommt. Wenn aber die 
aufieren Eindriicke so lebendig herangekommen waren, dann wiirde - 
es begegnet sich immer mit dem, was durch unser Haupt, durch unsere 
Sinne hereinkommt, dasjenige, was in unserer Atmung lebt -, es wiirde 
sich mit jedem aufieren Eindruck der Atmungsprozefi begegnen. Ein 
Rot: der Eindruck kommt von aufien herein; von innen kommt ihm die 
Atmung entgegen, die aber dann Ton ware. Mit jedem einzelnen Ein- 
druck wiirde der Ton aus dem Menschen entspringen. Eine Sprache, 
die bleibt, gabe es nicht, sondern es wiirde immer jedes Ding, jeder 



Eindruck unmittelbar mit einer tonenden Geste von innen beantwortet. 
Man stiinde mit dem Worte ganz in der aufieren Wesenheit darinnen. 
Von dieser lebendig-fliissigen Sprache ist dasjenige, was sich als Sprache 
dann ausgebildet hat, nur die irdische Projektion, das Heruntergefalle- 
ne, das Abgefallene. Und an diese urspriingliche Sprache, die man 
spricht mit der ganzen Welt, erinnert der Ausdruck, der heute so wenig 
verstanden wird, der Ausdruck von dem «verlorengegangenen Wort». 
Aber an diesen urspriinglichen Geist, wo der Mensch nicht nur Augen 
hatte zu sehen, sondern Augen hatte, den Geist wahrzunehmen, und 
wo er im Innern seines Atmungsprozesses auf die Wahrnehmung des 
Auges antwortete mit der tonenden Geste - an dieses lebendige Mit- 
dem-Geiste-Zusammensein erinnert das Wort: «Im Urbeginne war das 
Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.» Von 
diesem Leben in dem Gottlichen spricht der Beginn des Johan- 
nes- E vangeliums . 

Ja, das ist das eine. Das andere aber ist das: Beim Atmungsprozefi, 
insofern er sich nach dem Haupte hinauf fortsetzt, indem wir einatmen 
und ausatmen, geht ja nicht blofi im Wechselverkehr mit der Auflen- 
welt etwas vor sich, sondern da kommt eine Pulsation unseres ganzen 
Organismus zustande. Es begegnet sich der Atmungsprozefi im Haupte 
mit den Eindrucken, die wir von aufien haben. Aber auch im unteren 
Organismus begegnet sich der Atmungsprozefi mit dem Stoffwechsel- 
prozefi. Hatte der Mensch die urspriingliche Belebung seines Atherlei- 
bes noch, dann wiirde mit dem Prozefi des Atmens etwas ganz anderes 
noch verbunden sein, als heute damit verbunden ist. Denn das, was der 
Stoffwechselprozefi ist, ist nicht so ganz unabhangig vom Atmungs- 
prozefi, nur liegt die Abhangigkeit, ich mochte sagen, hinter den Kulis- 
sen des Daseins, im Okkulten. Aber sie wiirde auf einem ganz anderen 
Plane liegen, wenn der Mensch seinen urspriinglich belebten Atherleib 
weiter behalten hatte, wenn der nicht gewissermafien abgedampft wor- 
den ware in seinem Leben, was ja auch von innen heraus, nicht nur 
durch den aufieren physischen Leib, sondern von innen heraus, gerade 
den Tod bewirkt. Hatte der Mensch seine urspriingliche Veranlagung 
beibehalten, dann wiirde er einen solchen Stoffwechsel haben, dafl her- 
vorgebracht wiirde etwas Substantielles durch den Menschen. Und die- 



ses Substantielle wiirde der eine Pol sein. Nicht Absonderungen blofi 
wiirde der Mensch hervorbringen, sondern ein Substantielles durch den 
Stoffwechsel. Das wiirde der eine Pol sein. Der andere Pol wiirde die 
vom Menschen ausgeatmete Luft sein, die aber Formgewalten in sich 
haben wiirde. Das Substantielle, das der Mensch entwickelt, wiirde er- 
griffen von den Formgewalten seines Ausgeatmeten. Das wiirde in sei- 
ner Umgebung durch ihn dasjenige hervorbringen, was die Tierwelt ur- 
spriinglich hat werden sollen. Denn die Tierwelt ist eine Absonderung 
vom Menschen, sollte eine Absonderung sein, damit der Mensch gewis- 
sermafien die Herrschaft seines Daseins iiber sich hinaus verbreitete. Die 
Tiere sind durchaus so zu denken. Das geht ja aus all den Betrachtun- 
gen, die ich Ihnen gegeben habe, hervor. 

Darauf kommt iibrigens heute schon ein wenig die Naturwissen- 
schaft, daft die Tiere urspriinglich viel verwandter waren mit dem Men- 
schen, wie ich es auch schon erwahnt habe; also nicht so, wie es sich 
der grobe materialistische Darwinismus vorstellt, dafi der Mensch her- 
aufgestiegen ist, sondern die Tiere sind herabgestiegen. Heute kann 
man dem ganzen Zusammenhang des Menschen mit der Tierwelt nicht 
den urspriinglichen Geist mehr ansehen. So wie die Pflanzenwelt nicht 
an ihr Ende kommt mit der Entwickelung, so offenbart die Tierwelt 
nicht ihren Ursprung. Die Tiere sind da neben dem Menschen. Die Na- 
turforscher denken nach, wie sie sich hatten entwickeln konnen. Die 
Griinde, warum sie da sind neben dem Menschen, die liegen erst in der 
Region, aus welcher der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann man 
sie nicht finden da, wo sie Darwin und seine materialistischen Ausleger 
suchen. Sie liegen in den grofien vorgeschichtlichen Ereignissen. 

Und nehmen Sie dazu die Tatsache, die ich Ihnen neulich sagte, dafi 
fur denjenigen, der die Dinge geisteswissenschaftlich durchschaut, das 
klar wird, dafi im sechsten, siebenten Jahrtausend die Menschheit in ih- 
rem gegenwartigen Sinne anfangt, unfruchtbar zu werden. Die Frauen, 
sagte ich, werden unfruchtbar. Es wird auf die gegenwartige Art die 
Menschheit sich nicht fortpflanzen konnen. Das mufi eine Metamor- 
phose durchmachen, das muf5 wieder den Anschlufi finden an eine ho- 
here Welt. Damit dies geschehen kann, dafi die Welt nicht nur in die 
Dekadenz kommt, wo «geheilt» wiirde alles Gesinntsein zum Guten 



und Bosen, damit das Gute und Bose, alles Sich-Bekennen zum Guten 
und Bosen, nicht blofi als Staats-, als Menschensatzung angesehen wiir- 
de, damit das nicht zustande komme in der Zeit, wo die gegenwartige 
Naturordnung innerhalb des Menschengeschlechts mit Notwendigkeit 
aufhort, ein Menschengeschlecht zu erhalten - denn mit derselben 
Notwendigkeit, mit der bei der Frau in einem gewissen Alter eine 
Fruchtbarkeit aufhort, so hort in der Erdenentwickelung mit einem be- 
stimmten Zeitpunkte die Moglichkeit auf, dafi die Menschen sich fort- 
pflanzen in der bisherigen Weise -, damit das nicht eintrete, dazu kam 
der Christus-Impuls. 

Da haben Sie den Christus-Impuls hineingestellt in die ganze Erden- 
entwickelung. Und ich mochte den kennen, der glauben kann, dafi der 
Christus-Impuls irgend etwas von seiner Hoheit, von seiner Erhabenheit 
verliert, wenn man ihn so in die ganze Weltenordnung hineinstellt, 
wenn man, mit anderen Worten, diesem Christus-Impuls wirklich sei- 
nen kosmischen Rang wieder zuriickgibt, wenn man wirklich denkt: im 
Anfang der Erdenentwickelung und am Ende der Erdenentwickelung 
liegt eine andere Ordnung, als heute die Naturordnung ist und die 
nichts Physisches in sich enthaltende moralische Ordnung. Aber dafi 
am Ende der Erdenentwickelung dasjenige liege, was des Anfanges der 
Erdenentwickelung wiirdig ist, dazu muJtke der Christus-Impuls kom- 
men. So stellt sich der Christus-Impuls in unsere Erdenentwickelung 
hinein. So mufi er aber auch eingesehen werden, Und wer nicht aufter- 
lich die Worte der Evangelien nimmt, sondern wer wirklich auch den 
von dem Christus geforderten echten Glauben aufbringt, der kann 
schon in den Evangelien finden alle Anlagen, alle Veranlagung, allmah- 
lich immer mehr und mehr solches Verstandnis des Christus-Impulses 
herbeizufuhren, das dann auch wiederum der aufieren Betrachtung ge- 
wachsen ist, das den Christus-Impuls wieder anknupfen kann an die 
ganze kosmische Weltenordnung. Man versteht nur gewisse Dinge in 
der Bibel erst, wenn man an sie herangeht mit der zugrunde gelegten 
geisteswissenschaftlichen Forschung. 

Sehen Sie, da steht geschrieben: Es soil kein Jota und kein Hakchen 
geandert werden an dem Gesetz. - Das erklaren manche Ausleger so, 
als ob gemeint ware, der Christus habe alles so, wie es eben im Juden- 



turn war, lassen und nur seinerseits noch etwas hinzutun wollen. Das 
ware der eigentliche Sinn dieser Stelle, daft er sich gegen das Judentum 
eigentlich nicht auflehnen, sondern nur so noch etwas dazutun wollte. - 
Das ist zunachst nicht mit dieser Stelle gemeint, und es darf auch keine 
Stelle im Evangelium herausgerissen werden aus ihrem Zusammenhang, 
sondern es ist gerade der intensivste Zusammenhang im Evangelium zu 
finden. Wer diesen Zusammenhang studiert - ich kann in diesem Au- 
genblick nicht auf alle Einzelheiten eingehen, die zwingen, dasjenige 
anzuerkennen, was ich nun aussprechen will -, wer diesen Zusammen- 
hang studiert, der findet das Folgende. Der Christus will sagen in die- 
sem Augenblick, da, wo er von Jota und Hakchen spricht: Damals, in 
alteren Zeiten, als das Gesetz entstanden ist, da war die Menschheit 
noch mit den alten Erbgutern jener Erdenweisheit ausgestattet, war 
noch nicht so weit heruntergekommen, wie sie jetzt ist, wo das Reich 
des Gottes nahe ist, wo die Umkehr stattfinden mufi, eine Sinnesande- 
rung. Damals, in alten Zeiten, da gab es noch die prophetischen Man- 
ner, die Prophetenpersonlichkeiten, die aus dem Geiste heraus das Ge- 
setz finden konnten. Ihr aber, die ihr jetzt im Reiche der Welt hier her- 
um lebt, ihr seid nicht mehr fahig, irgend etwas zum Gesetze hinzuzufii- 
gen oder zu andern. Es darf nicht ein Jota und nicht ein Hakchen gean- 
dert werden, wenn das Gesetz echt bleiben soli. Denn um Gesetzesan- 
derungen zu machen auf diesen Wegen, dazu ist jetzt nicht mehr die 
Zeit; das muf? so stehenbleiben, wie es ist. Im Gegenteil, man mufi ver- 
suchen, mit dem Neu-Errungenen den alten Sinn wieder zu erkennen. 
Ihr seid die Schriftgelehrten, aber ihr seid nicht fahig, irgend etwas von 
der Schrift zu erkennen. Denn ihr miifitet zu dem Geiste, in dem sie 
ursprunglich geschrieben ist, kommen. Ihr seid draufien im Reiche der 
Welt; da entstehen nicht neue Gesetze. Diejenigen, die herinnen sind 
im Geistigen, sie sind es, denen der Impuls gegeben wird, der Impuls 
der lebendigen Kraft, von dem ich letzthin sagte, daft er sogar so gege- 
ben werden muftte, daft er nicht auf geschrieben wurde von dem Chri- 
stus. Ihr aber, ihr nehmt etwas, was nicht ins Gesetz geschrieben wer- 
den soil, das unmittelbar leben mufi, ihr nehmt etwas ganz anderes. Ihr 
miiftt anfangen damit, iiberhaupt die Welt ganz anders zu beurteilen, 
als sie zunachst als auftere Sinneswelt ausschaut. 



Damit war zuerst der grofie Impuls gegeben, die Welt anders zu be- 
urteilen, als wie sie als aufiere Sinneswelt ausschaut. Das kann sich nur 
langsam und allmahlich einleben. Manchmal, ich mochte sagen, hat ein 
Mensch so einen Anfall, im christlichen Sinne zu sprechen; dann lacht 
man ihn aus. Schelling, Hegel haben manchmal sich verleiten lassen - 
wenn sie auch wiederum, besonders von katholischer Seite, nicht als die 
richtigen Christen angesehen werden -, sie haben sich verleiten lassen, 
etwas echt Christliches zu sagen. Aber gerade das konnen Sie auf die 
scharfste Weise getadelt finden. Man hat ihnen eingewendet: Ja, aber 
das ist nicht so in der Natur, wie ihr das sagt! - Und da liefien sich 
Schelling und Hegel einmal verleiten zu sagen: Um so schlimmer fur die 
Natur! - Das ist zwar nicht naturwissenschaftlich im heutigen Sinne 
gesprochen, aber christlich ist es gesprochen, ebenso wie es christlich 
gesprochen ist, wenn der Christus Jesus selber sagt: Wenn die Schrift- 
gelehrten noch so viel von Gesetzen sprechen, das ist nicht das Gesetz. Es 
ist nicht nur ein Jota und Hakchen, es ist da vieles vom Gesetz gean- 
dert; denn die reden aus der aufieren Welt, nicht aus dem Reiche Gottes 
heraus. Wer aus dem Reiche Gottes heraus redet, der redet von einer 
Weltenordnung, von der die Naturordnung nur ein untergeordneter 
Teil ist. - Darauf mufi man erwidern: Um so schlimmer fur die Natur! 
Denn Goethe wiirde auch gesagt haben, wenn man ihm eingewendet 
hatte: Du sagst, der Pflanzenwelt liege die Sexualitat nicht zugrunde, 
aber sieh dir die Pflanze an; die Naturforschung zeigt dir, dafi iiberall 
der Wind den Antherenstaub treiben mufi auf die Fruchtknoten, - er 
wiirde gesagt haben, wenn er seine innerste Gesinnung ausgesprochen 
hatte: Um so schlimmer fur die Pflanzenwelt, dafi es so weit gekommen 
ist innerhalb der Naturordnung! 

Aber auf der anderen Seite werden solche Geister auch immer beto- 
nen: Es mul? ausgehen von der menschlichen Auffassung, es mufi sich 
einleben in die menschliche Empfindung so, dafi es die Menschen den- 
ken, empfinden, erleben konnen, es mufi wiederum Realitat werden 
konnen - bis in das sechste, siebente Jahrtausend hinein mufi es so Rea- 
litat werden konnen -, daft dasjenige, was der Mensch spricht, das 
Wort, eine solche Kraft wiederum haben kann auf die Aufienwelt, wie 
es heute der Same hat. Das Wort mu!5 wiederum die Kraft gewinnen; 



das Wort, das heute abstrakt ist, es mufi schopferische Kraft gewinnen, 
das Wort, das im Urbeginne war. Und wer sich nicht getraut, aus gei- 
steswissenschaftlichen Grundlagen heraus heute das Wort des Johan- 
nes-Evangeliums zu erganzen, indem er nicht nur sagt: «Im Urbeginne 
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das 
Wort», sondern hinzufiigt: «Es wird einstmals das Wort wieder 
sein!» der redet nicht in dem Sinne, den der Christus Jesus gemeint hat. 
Denn der Christus Jesus hat schon seine Worte so gesetzt, daft sie gar 
sehr der Aufienwelt widersprechen. Aber natiirlich: Er hat den Impuls 
gegeben. Ich mochte sagen, die schiefe Ebene nach abwafts ist mittler- 
weile noch weiter gegangen, und es mufi eine immer grofiere und gro- 
fiere Kraft aufgewendet werden im Christus-Impuls, um die Erde in 
die Aufwartsbewegung hineinzubringen. In gewisser Beziehung sind 
wir durchaus ein Stuck nach aufwarts gekommen seit dem Mysterium 
von Golgatha, aber zumeist ist es ohne das denkende Bewufltsein ge- 
schehen. Es miissen die Menschen aber auch lernen, in bewufiter Weise 
wiederum mitzuwirken in dem Weltenprozefi. Sie miissen lernen nicht 
blofi zu glauben: Wenn ich denke, da geht etwas in meinem Gehirn 
vor, sondern lernen zu erkennen: Wenn ich denke, da geschieht etwas 
im Kosmos! - Und sie miissen lernen so zu denken, dafi anvertraut 
werde das Denken dem Kosmos, dafi mit dem Kosmos das Menschen- 
wesen selber wiederum in demselben Mafie verbunden werde. 

Was im aufieren Leben wird eintreten miissen, damit der Christus- 
Impuls wirklich leben kann auch im aufieren sozialen Leben, davon 
werden diejenigen Menschen, die heute schon etwas davon wissen, 
heute noch nichts sagen, denn es gibt gewisse Griinde, die das zuruck- 
halten. Nur unter bestimmten Voraussetzungen kann man davon spre- 
chen. Ich mochte sagen, man kann nur charakterisieren. Aber nehmen 
Sie den Zeitpunkt, auf den hin ich Sie habe durch ein Fenster blicken 
lassen wollen, wo man medizinisch behandeln wird diejenigen Men- 
schen, die etwas anderes anerkennen als Staatssatzungen. Nehmen Sie 
diesen Zeitpunkt! Bis zu diesem Zeitpunkt wird aber auch eine Gegen- 
wirkung geschehen sein. Jenes wird zwar bei einem Teil der Mensch- 
heit eintreten, aber ein anderer Teil der Menschheit wird den Christus- 
Impuls in die Zukunft hineintragen, und es wird eine Gegenwirkung 



geschehen. Es wird ein Kampf stattfinden zwischen dem niedergehen- 
den und dem aufgehenden Reiche. Und der Christus-Impuls wird 
lebendig bleiben. Wenn in unserem Jahrhundert der atherische Christus 
kommt, so wird von da ausgehend der Christus-Impuls in einer Weise 
lebendig werden, daft er imstande sein wird, solche Impulse in der 
Menschenseele zu erzeugen, die es allmahlich unmoglich machen wer- 
den, daft regiert werde so, daft dem Regieren werden zugrunde liegen 
Ehrgeiz oder Eitelkeit und selbst Vorurteile oder Irrtum sogar. Es gibt 
eine Moglichkeit, solche Regierungsgrundsatze zu finden, welche die 
Eitelkeit, die Ruhmsucht, die Vorurteile, und sogar Kopflosigkeit und 
den Irrtum ausschlieften. Aber nur auf dem Wege der richtigen, kon- 
kreten Erfassung des Christus-Impulses gibt es das. Parlamente werden 
diese Impulse nicht beschlieften, das wird auf andere Weise in die Welt 
kommen. Aber die Stromung geht dahin. Dahin geht dasjenige, was 
man nennen konnte die Sehnsucht, neben der Erfassung des Christus in 
der Weltenentwickelung, einzuleben den Christus in die soziale Ent- 
wickelung der Menschheit. Dazu gehort aber das Umdenken in vieler 
Beziehung. Und Starkung wird dazu gehoren, die wirklich so etwas 
ernst zu nehmen vermag, wie das, was ich Ihnen angefuhrt habe fur den 
Christus. Als er sprach, was er eigentlich zu sagen hatte, da sind die 
anderen so in Wut gekommen, daft sie ihn haben zum Berge herunter- 
werfen wollen. Man soli sich wirklich die Weltenentwickelung nicht 
allzu leicht vorstellen. Man soli sich nur schon klar daruber sein, daft 
derjenige, der iiber manche Dinge das Richtige zu sagen hat, schon sol- 
dier Stimmung begegnet sein kann, wie diejenige war, die dazumal dem 
Christus Jesus entgegentrat, als er den Berg heruntergeworfen werden 
sollte. 

In einer Zeit, wo allerdings die Menschen so denken: Nur ja nicht 
viel iiber das oder jenes hinausgehen! Nur ja nicht anstoften! Nur ja 
nicht in den Geruch kommen, gegen das eine oder andere Rebellion zu 
machen! - in einem solchen Zeitalter bereitet sich das vor, und 
vielleicht gerade in einem solchen Zeitalter mit Recht. In den Unter- 
griinden des Bewufttseins bereitet es sich vor; aber es ist eben an der 
Oberflache wenig zu sehen davon. An der Oberflache herrscht das un- 
christliche Prinzip der Opportunist, das unchristliche Prinzip, das sich 



nirgends zu der christgemaflen Anklage erheben kann: Fiir euch, ihr 
Schriftgelehrten und Pharisaer, ist allerdings das Reich Gottes nicht! - 
Nur mufi man erst verstehen, was heute an der Stelle steht, die Christus 
gedeutet hat, als er damals von den Schriftgelehrten und Pharisaern 
sprach. Entschuldigende Worte hat man ja viele fiir dasjenige, was der 
Christus Jesus gesagt hat. Und ein moderner Prediger, allerdings kei- 
ner, der innerhalb einer positiven Kirchengemeinde steht, der hat man- 
cherlei Schones iiber den Christus Jesus gesagt, aber er hat sich doch 
nicht enthalten konnen zu sagen: Ein praktischer Mensch war er eigent- 
lich nicht, denn er hat ja geraten zum Beispiel, so zu leben wie die V6- 
gel in der Luft: sie saen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die 
Scheunen und damit kame man doch in der heutigen Welt nicht gerade 
weit. - Dieser Prediger, er hat sich nur nicht sehr angestrengt, den Im- 
puls, der in den Evangelien liegt, wirklich zu begreifen. Es macht ja 
manchmal Schwierigkeiten, so das Wort zu horen, das Wort zu lesen: 
Schlagt dich einer auf die eine Backe, so halte ihm auch die andere hin. 
Nimmt dir einer den Mantel, so lafi ihm auch den Rock. Will jemand 
etwas von dir haben, so gib es ihm. Nimmt dir einer dein Eigentum, so 
fordere es nicht zuriick. 

Nun, wenn man all das liest, was zur milden Auffassung dieser nicht 
sehr beliebten Stelle vorgebracht worden ist, so mufi man sagen: Im 
Verzeihen gegeniiber dem Christus Jesus, dafi er so sonderbare Worte 
manchmal gesprochen hat, hat es ja die moderne Menschheit ein wenig 
weit gebracht. Verziehen hat man schon manches, damit man nur das 
Evangelium erhalten kann, nach seiner Fasson erhalten kann. Aber bei 
alien diesen Dingen handelt es sich viel mehr darum, die Dinge zu ver- 
stehen. Nun ist das wiederum schwer, weil alle diese Dinge im vollen 
Zusammenhang drinnenstehen. Aber ahnen kann man wenigstens den 
Zusammenhang, wenn man nur weiterliest, nachdem da steht: Nimmt 
dir einer dein Eigentum, so fordere es nicht zuriick - und es kommt der 
Satz im Lukas-Evangelium, im Matthaus-Evangelium ist es noch klarer: 
Wie ihr von den anderen behandelt zu werden wunscht, so behandelt 
auch sie. - Das ist natiirlich auf das Vorhergehende anzuwenden. Der 
Christus verlangt die Kraft des Glaubens, das Vertrauen zu den 
Dingen. 



Ja, wenn der Christus Jesus nur diejenigen Begriffe entwickeln wiir- 
de, die in der Aufienwelt an der Oberflache so unmittelbar leben, dann 
hatte er natiirlich niemals sagen konnen: Wenn dir jemand den Mantel 
nimmt, so gib ihm auch noch den Rock. - Aber er redet ja nicht von 
dem, was da draufien herrschen soil, denn das ist fur die Schriftgelehrten, 
was da draufien herrschen soil, das ist fur die Hohenpriester; er redet 
von dem Reiche der Himmel, und er will an dieser Stelle besonders 
klarmachen, dafi da andere Gesetze waken als in der aufieren Welt. 
Und vergleichen Sie die Stelle, wie sie hier steht, mit der Art, wie sie im 
Matthaus-Evangelium steht - es miissen diese Dinge auch einmal einer 
richtigen Ubersetzung unterliegen -, da werden Sie sehen, dafi der 
Christus Jesus etwas sagen will, was eine Glaubensgesinnung in dem 
Menschen anregt, die vor alien Dingen unnotig macht alles dasjenige, 
was an Gesetzesbestimmungen, an menschlichen Satzungen aufgestellt 
wird uber das Stehlen von Rock und Mantel. Denn dadurch, dafi man 
blofi lehrt - so will der Christus Jesus sagen -: «Du sollst nicht stehlen», 
ist nichts getan. Sie wissen, er sagt: Von dem Gesetz soil kein Jota ge- 
nommen werden; aber so in der urspriinglichen Fassung ist es heute kein 
Impuls mehr. Man mufi wirklich die Kraft in sich entwickeln, unter 
Umstanden, solange uberhaupt die Ordnung da ist, daft jemand einem 
den Mantel nehmen kann, ihm auch noch den Rock zu geben. Denn unter 
dem Einflufi der Gesinnung: Wie du nicht von anderen behandelt zu 
werden wunschest, so behandle auch sie nicht! - unter dem Einflufi der 
Gesinnung, wenn man vor alien Dingen diese Gesinnung zu einer all- 
gemeinen macht, wird keiner einem den Mantel nehmen konnen. Aber 
es nimmt einem nur dann keiner den Mantel, wenn derjenige, dem der 
Mantel genommen werden soil, wirklich die Kraft der Gesinnung hat: 
Sobald er mir den Mantel nimmt, gebe ich ihm auch den Rock. 

Das mufi soziale Ordnung sein. Ist das soziale Ordnung, dann wird 
nicht gestohlen. Das will der Christus sagen, weil das das Reich Gottes 
ist gegeniiber dem Reiche der Welt. In einer Welt, wo jener Grundsatz 
herrscht: ich gebe dem den Rock, der mir den Mantel nimmt! — in die- 
ser Welt wird nicht gestohlen. Aber man mufi die Kraft des Glaubens 
entwickeln, das heifit die Sittlichkeit mufi beruhen auf dieser inneren 
Kraft des Glaubens, das heifit, sie mufi ein Wunder sein. Jede sittliche 



Tat raufi ein Wunder sein; sie darf nicht blofi eine Naturtatsache sein, 
sie mufi ein Wunder sein. Der Mensch mufi des Wunders fahig sein. 
Weil die urspriingliche Weltenordnung aus ihrer Hohe hat herunterge- 
holt werden konnen in eine niedere Region, mufi der blofien Naturord- 
nung wiederum eine iibernatiirliche moralische Ordnung entgegenge- 
setzt werden, die mehr tut, als die blofie Naturordnung befolgen. Es ist 
nicht genug, wenn ihr blofi die alten Gebote, die unter anderen Voraus- 
setzungen gegeben worden sind, haltet, auch nicht, wenn ihr sie um- 
wandelt, sondern wenn ihr euch in die andere Ordnung, die nicht die 
Naturordnung ist, einlebt: dafi, wenn mir jemand den Mantel nimmt, 
ich so gesinnt bin, dafi ich ihm auch den Rock gebe, dafi ich ihn nicht 
zu Gericht schleife. Im Matthaus-Evangelium ist ausgedriickt, dafi der 
Christus Jesus die Gerichte ausschalten will. Aber es hatte gar keinen 
Sinn, an die Stelle von Mantel und Rock unmittelbar anschliefien zu las- 
sen «Wie ihr von anderen behandelt zu werden wiinscht, so behandelt 
auch sie», wenn nicht die Sache auf ein anderes Reich gemiinzt ware, 
auf das Reich, in dem Wunder geschehen. Denn der Christus Jesus hat 
die Zeichen, die Wunder getan aus seiner grofien, seiner iiberirdischen 
Glaubenskraft. Niemand, der den Menschen blofi betrachtet als Na- 
turwesen, der nicht die Kraft aufbringt, ihn als etwas anderes zu be- 
trachten als ein Naturwesen, kann das tun, was der Christus getan hat. 
Nun verlangt der Christus als Anschauung, dafi, wenigstens im morali- 
schen Gebiet, in der Vorstellung mehr lebt als in der aufieren Wirklich- 
keit. In der aufieren Wirklichkeit heifit es so: Wenn dir jemand deinen 
Mantel nimmt, so nimm ihn wieder zuriick! Aber mit diesem Grund- 
satz begriindet man keine soziale Ordnung im Sinne des Christus- 
Impulses. Da mufi man mehr haben in der Vorstellung als dasjenige, was 
blofi der Aufienwelt entspricht. Sonst wiirde ein sonderbarer Zusam- 
menhang zwischen diesen einzelnen Satzen zustande kommen. Denn 
denken Sie einmal, wenn Sie die Sache so durchfuhren: «Schlagt dich 
einer auf die eine Backe, so halte ihm auch die andere hin. Nimmt dir 
einer den Mantel, so lafi ihm auch den Rock. Will jemand etwas von dir 
haben, so gib es ihm. Nimmt dir einer dein Eigentum, so fordere es 
nicht zuriick. » - Und: «Wie ihr von den anderen behandelt zu werden 
wiinscht, so behandelt auch sie!»: «Schlagst du einen auf die eine Bak- 



ke, so setze nur gleich voraus, dafi er dir die andere auch reicht, damit 
du deine Lust an der zweiten auch befriedigen kannst; nimmst du ei- 
nem den Mantel, so bleibe nicht dabei, sondern nimm ihm auch den 
Rock weg; willst du von jemand etwas haben, so sorge dafiir, dafi er es 
dir gibt» und so weiter - das wiirde die Umkehrung des Satzes sein, un- 
ter dem Einflufi des Nachsatzes «Wie ihr von den anderen behandelt zu 
werden wunschet, so behandelt auch sie!» 

Sehen Sie, irdisch gesprochen, hat das ganze keinen Sinn. Es ist ein- 
fach sinnlos diese Aufeinanderfolge der Satze. Sie gewinnt erst Sinn, 
wenn man die Voraussetzung macht: Derjenige, der sich beteiligen 
wiirde an jener Rettung der Welt, die durch den Christus-Impuls einge- 
leitet werden soli, wodurch die Welt wiederum hinaufgetragen werden 
soli in die hoheren Regionen, der mufi mehr als die Aufienwelt von 
Grundsatzen ausgehen, die sich nicht blofi decken mit der Aufienwelt; 
dann wird das geschehen, was den moralischen Ideen, den moralischen 
Vorstellungen wiederum physische Kraft geben kann. 

Zur Erfassung des Evangeliums im Sinne des Mysteriums von Golga- 
tha gehort vor alien Dingen ein innerer Mut der Seele, den heute die 
Menschen sich aneignen mussen. Es gehort dazu, die Dinge ernst zu 
nehmen vor alien Dingen, bei denen von dem Christus Jesus im Gegen- 
satz zu dem Reiche, das sich allmahlich herausgebildet hatte unter der 
herabsteigenden Stromung, zu dem Reiche der Welt, die Reiche der 
Himmel hinzugefiigt werden, ihm entgegengesetzt werden. Ja, dem, 
der in solchen Zeiten, wie die jetzigen es sind, Ostern so erlebt, dem 
konnen schon, meine lieben Freunde, Sehnsuchten kommen dahinge- 
hend, dafi das Mysterium von Golgatha wiederum mit Mut verstanden 
werde, dafi man sich verbinde mit dem Impuls von Golgatha mit Mut. 
Denn das Evangelium spricht in jedem seiner Teile: Mut! - enthalt in 
jedem seiner Teile den Aufruf, nichts anderem zu folgen als jenem Im- 
puls, den der Christus Jesus wirklich einpragt der Erdenentwickelung. 

Ich wollte Ihnen durch eine solche Schilderung heute das Mysterium 
von Golgatha ein wenig nahebringen, um gerade einmal diese Seite tie- 
fer zu betonen, die da zeigt, wie das Mysterium von Golgatha in die 
ganze kosmische Ordnung wiederum hineingestellt werden mufi, und 
nur verstanden werden kann, wenn man auch das Evangelium so 



nimmt, als wenn eine hohere Form der Sprache durch dasselbe sprache, 
nicht die Sprache der Menschen. Das neunzehnte Jahrhundert hat in 
seiner theologischen Entwickelung, da, wo Theologie waltet als ge- 
lehrte Theologie, gerade versucht, das Evangelium herunterzuholen ins 
Menschenwort. Die nachste Aufgabe ist diese, das Evangelium wieder 
zu lesen vom Standpunkte des Gottes-Wortes. In dieser Beziehung 
wird Geisteswissenschaft dem Verstandnisse des Evangeliums dienen. 



ZWOLFTER VORTRAG 



Berlin, 14. April 1917 



In verschiedenen Zusammenhangen mit der neueren Geistesgeschichte 
habe ich ofter den Namen Herman Grimm genannt. Nun mdchte ich 
die heutigen Betrachtungen ankniipfen an eine von den verschiedenen, 
man mochte sagen, instinktiven Bemerkungen, die Herman Grimm 
machen konnte iiber dasjenige, was Bediirfnis der neueren Geistesge- 
schichte ist, ohne daft er in der Lage war, seine instinktive, wie gefuhlte 
Ahnung in Erkenntnis umzusetzen. Ich mochte an eine der vielen Be- 
merkungen, die er instinktiv in dieser Richtung machte, ankniipfen. Sie 
betrifft eine Art Opposition, in welcher Herman Grimm stand gegen- 
iiber der ganzen modernen Geschichtsbetrachtung, indem er ein richti- 
ges Gefuhl davon hatte, daft diese Geschichtsbetrachtung unbewuftt, 
selbstverstandlich auch wiederum instinktiv, vor alien Dingen darauf 
ausgeht, aus dem Laufe der geschichtlichen Menschheitsbetrachtung 
das Christus-Ereignis auszuschlieften, die Geschichte so zu betrachten, 
wie man sie betrachten kann, ohne daft man darauf Riicksicht nimmt, 
daft sich in den Verlauf der Menschheitsentwickelung das Christus- 
Ereignis als etwas in allererster Linie Bestimmendes hineinstellt. 
Herman Grimm wollte im Gegenteil eine Geschichtsbetrachtung ha- 
ben, welche den Christus als einen wesentlichen Faktor hinein- 
stellt in den geschichtlichen Verlauf der Menschheit, so daft an 
einer solchen Geschichtsbetrachtung oder durch eine solche Geschichts- 
betrachtung ersichtlich worden ware oder ersichtlich wurde, welcher 
bedeutsame Impuls eingegriffen hat in den Entwickelungsgang der 
Menschheit durch das Mysterium von Golgatha. Wie gesagt, bei 
Herman Grimm ist es aus seinem instinktiven Darinnenstehen in dem, 
was man die Goethesche Weltanschauung nennen kann, aber zu 
gleicher Zeit - bei seiner mangelnden Einsicht in die geistigen Wel- 
ten - ist es instinktiv geblieben, mehr eine Ahnung, die er nicht 
durchdenken konnte. 

Es erscheint paradox, wenn man sagt, daft die geschichtliche Betrach- 
tung vor alien Dingen sich zur Aufgabe macht, das Christus Jesus- 



Ereignis aus der historischen Betrachtung herauszutilgen. Und dennoch 
ist es eine Wahrheit. Eine Wahrheit, welche so instinktiv eingewurzelt 
ist in der modernen Weltanschauung, daft manche Leute gar viel tun in 
Weltanschauungsfragen, um dieses Christus-Ereignis nur ja nicht seiner 
wahren, tieferen Bedeutung nach hereinkommen zu lassen in den ge- 
schichtlichen Verlauf der Menschheitstatsachen. Und unter diesem in- 
stinktiven Impuls, der in den Seelen so stark lebt, stellt sich das heraus, 
daft im allgemeinen Menschheitsbewufttsein viel, viel Finsternis verbrei- 
tet wird iiber diejenigen Jahrhunderte, welche vorangegangen sind und 
nachfolgen dem Mysterium von Golgatha. Nicht allein, daft man nicht 
versucht - das liefte sich ja begreifen aus mancherlei, das wir auch schon 
anfiihren konnten im Laufe unserer geisteswissenschaftlichen Betrach- 
tungen -, nicht allein, daft man nicht versucht, das Mysterium von 
Golgatha selber in seiner Geschichtlichkeit vollstandig zu betrachten, 
sondern man sucht auch dasjenige, was vorher und nachher geschehen 
ist, gewissermaften einzutauchen in solche Vorstellungen, daft man an 
der Betrachtung dieser Jahrhunderte nicht merkt, was da eigentlich in- 
nerhalb dieser Jahrhunderte zur Zeit des Mysteriums von Golgatha ge- 
schehen ist. Man konnte sagen, es wird alles angestellt, um die Ge- 
schichte dieser Jahrhunderte so zu betrachten, daft man nicht merkt, 
daft an den Ereignissen dieser Jahrhunderte deutlich zutage tritt, wie 
gewaltig das Mysterium von Golgatha eingegriffen hat. Wenn man da- 
bei bedenkt, wie abhangig unsere von aller Autoritat selbstverstandlich 
unabhangige Zeit vom Autoritatsglauben ist, wie so sehr abhangig, 
dann kann man auch ermessen, wie griindlich es gelungen ist, moglichst 
wenig Bewufttsein entstehen zu lassen von dem, was sich in jenen Jahr- 
hunderten eigentlich mit der Menschheitsentwickelung abgespielt hat. 
Und wenn dann einmal ein solcher Geist da ist, wie es Goethe war, von 
dem wir das letzte Mai ein besonderes Beispiel seiner Naturbetrachtung 
anfiihren konnten, die direkt hineinfuhrt in eine Weltauffassung, wel- 
che Moralismus und Naturalismus in einem schaut - wenn einmal eine 
solche Personlichkeit da war, so sucht man, wiederum instinktiv, wo- 
moglich dasjenige bei diesem Menschen abzuschwachen, abzulehnen, 
was gerade bei einer solchen Personlichkeit, wenn es angefafit wiirde in 
der richtigen Weise, hineinfuhren wiirde, in bewundernswiirdiger, 



grandioser Weise hineinfuhren wiirde in eine geisteswissenschaftliche 
Weltbetrachtung. 

Da kann man das Merkwiirdigste erleben. Sehen sie, ich habe Ihnen 
angefiihrt: Goethe geniigte nicht die gewohnliche Botanik, sondern er 
wollte eine vergeistigte Botanik haben, kam aber dadurch gerade dazu, 
den Geist zu finden, wie er sich im Pflanzenreiche offenbart, jenen 
Geist zu finden, bis zu dem das Pflanzenreich in seiner heutigen Gestal- 
tung selber nicht kommen kann, weil es seine Anlage nicht vollig ausbil- 
den kann, wie ich es das letztemal ausgefuhrt habe. Also Goethe ver- 
suchte, tiefer zu schauen in die Anlagen des Pflanzenreiches - er ver- 
suchte das auch beim Mineralreiche -, tiefer zu schauen als die blofle 
Sinnesbeobachtung gestattet, die ja nur das gibt, bis zu dem eben das 
Pflanzenreich gekommen ist. Daher war es Goethe besonders ungele- 
gen, dafi zu seiner Zeit die Hallersche Anschauung auftauchte, die 
Hatter so schon zusammengefafit hat in den Worten: 

«Ins Innere der Natur 
Dringt kein erschaffner Geist. 
Gluckselig! wem sie nur 
Die aufiere Schale weist!» 

Sie wissen - ich habe es oft zitiert -, Goethe sagt gegeniiber diesem 
Ausspruch «Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist, gluck- 
selig, wem sie nur die aufiere Schale weist»: 

«Das hor* ich sechzig Jahre wiederholen, 
Und fluche drauf, aber verstohlen; 
Sage mir tausend tausendmale: 
Alles gibt sie reichlich und gern; 
Natur hat weder Kern 
Noch Schale, 

Alles ist sie mit einemmale; 
Dich priife du nur allermeist, 
Ob Du Kern oder Schale seist?» 

Also Goethe, man kann sagen, lehnt sich gerade mit aller Macht auf ge- 
gen die Anschauung: Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner 



Geist. - Warum tut er das? Ja, sehen Sie, weil Goethe iiberall den gro- 
fien geistigen Hintergrund in seinen Erkenntnis-Instinkten hatte, jenen 
geistigen Hintergrund, den mehr oder weniger das neunzehnte Jahr- 
hundert so recht unter Schutt und Trummer zu begraben versuchte. 
Wie gelaufig ist dem Weltbetrachter des neunzehnten Jahrhunderts das 
Schopenhauersche Wort geworden: «Die Welt ist meine Vorstellung», 
«Keine Farbe, kein Licht ohne Auge». - Goethe setzt von sich aus dem 
ganz konsequent entgegen: Gewifi, kein Licht ohne Auge ist wahrzu- 
nehmen; gewifi, waren nicht die Augen da, die Welt ware finster und 
stumm! - Ich habe ofter, sogar in offentlichen Vortragen, auf diese An- 
schauung des neunzehnten Jahrhunderts aufmerksam gemacht. Aber 
Goethe setzt dem entgegen: Ohne Licht kein Auge, denn das Licht hat 
das Auge gebildet fur das Licht. Aus unbestimmten Organen, sagte 
Goethe, hat das Licht hervorgezaubert das Auge! — Will man tiefer in 
die Sache eindringen, so stellt sich da etwas ganz Eigentumliches her- 
aus. 

Nicht wahr, das Pflanzenreich war nach den Andeutungen, die ich 
das letztemal gemacht habe, eigentlich dazu berufen, aus sich selbst 
heraus, ohne Befruchtung, immer seinesgleichen durch die Metamor- 
phose hervorzubringen. Die Befruchtung hatte einen ganz anderen Sinn 
haben sollen, als sie ihn jetzt hat fur das Pflanzenreich. Goethe ahnte 
das. Daher gefiel ihm die Schelversche Ausfiihrung iiber den Befruch- 
tungsvorgang so aufierordentlich, und er hatte den Mut, bei der Pflan- 
zenbetrachtung zu moralisieren. Er hatte diesen Mut. Das Pflanzen- 
reich lebt eben in einer anderen Sphare als in derjenigen, in der es die 
Metamorphose reinlich ausbilden wurde. Das ist durch jenes grofte 
Ereignis gekommen, wodurch die Menschheit von einer hoheren Sphare 
in eine tiefere durch die luziferische Versuchung heruntergekommen 
ist. Aber das, was da in den Pflanzen wirksam ware, wenn sie die Me- 
tamorphose vollig zum Ausdruck brachten, wenn also aus der Pflanze 
die nachfolgende einfach herauswuchse und nicht die sinnliche Befruch- 
tung eintreten wurde, die Krafte, die da leben wiirden, die sind geistig 
geworden, leben geistig in unserer Umgebung, und die machen es, dalS 
der Mensch seine sinnlichen Organe so hat, wie er sie jetzt hat. Indem 
Luzifers Wort dahinging: «Eure Augen werden aufgetan sein», meinte 



er damit: «Ihr werdet als Menschen in eine andere Sphare versetzt wer- 
den.» Diese andere Sphare hatte notwendig im Gefolge, daft die Pflan- 
zenwesen ihre Anlage nicht voll entwickeln konnten, aber die mensch- 
Hchen Augen wurden aufgetan. Das Licht wirkte so, da!5 es wirklich im 
Goetheschen Sinne die Augen auftun konnte. Aber allerdings, dieses 
Auftun der Augen war in anderer Beziehung ein Zumachen. Denn in- 
dem die Menschen ihre Augen richten konnten, iiberhaupt ihre Sinne 
richten konnten auf die aufiere Sinneswelt, drang der Geist nicht in sie 
ein, der in der Sinneswelt lebte. Sie wurden geschlossen fur die Offen- 
barung des Geistes, diese Augen. Und so kam jene merkwurdige An- 
schauung zustande, die insbesondere im neunzehnten Jahrhundert ihre 
wilden Triebe getrieben hat, indem man sagte: Der Mensch sieht ja nur 
die aufiere Sinneswelt und er kann nicht hinter diese Sinneswelt schau- 
en. «Ins Innere der Natur dringt kein erschafmer Geist, gluckselig, 
wem sie nur die aufiere Schale weist,» Man meint, der Mensch konne 
nicht da hiniiberschauen. Mit einem erhdhten, gereinigten Bewufksein 
kann er es, und Goethe wuflte das. Es kam diese merkwurdige, ich 
mochte sagen finstere Lehre, dafi man sagte: Der Mensch sieht nur das- 
jenige, was in seiner sinnlichen Umgebung ist. Die Lehre, die auf na- 
turwissenschaftlichem Felde bloft verderblich ist, aber in ihrer Verderb- 
lichkeit brauchbar ist, auf kunstlerischem Felde ist sie so, dafi, wenn 
jemals ihr Analogon einen Kiinstler ergreifen wiirde, wenn der Kiinstler 
nicht gegen diese Anschauung arbeiten wiirde, ich meine, schaffen 
wiirde, so wiirde er iiberhaupt durch diese Anschauung in seiner kiinst- 
lerischen Phantasie ertotet werden. Denn diese Anschauung gleicht kei- 
ner anderen als der, wenn man sagt: Goethes «Faust», der ist ja nur in 
Biichern erhalten; da sehen wir die Buchstaben; aber der «Faust» ist 
jenseits der Buchstaben; ins Innere dieser Buchstaben dringt keiner; 
gluckselig, wem sie nur die Schale weisen, die Buchstaben! - Nun, man 
kann ja von gewissen Philologen zugeben, dafi sie in dieser Gluckselig- 
keit leben, dafi ihnen der «Faust» nur die aufieren Buchstaben weist. 
Aber man kann schon sagen: Diese Buchstaben miissen ja da sein, aber 
fur das Verstandnis des «Faust» sind sie dasjenige, durch das man 
gerade durchsieht, an dem man nicht haften bleibt; das da sein mufi, 
von dem man aber nicht weiter redet. Man merkt gar nicht, wie man 



widerspricht der alleralltaglichsten Tatsache mit dem, was sozu- 
sagen in Fleisch und Blut eingezogen ist in unserem materialistischen 
Zeitalter. 

Aber zu einer anderen Anschauung wiirde man eben nur kommen, 
wenn man ein wenig hatte mitempfinden konnen die Worte, an die wir 
wiederum erinnern: 

Das hor* ich sechzig Jahre wiederholen, 
Und fluche drauf, aber verstohlen. . . 
Natur hat weder Kern 
Noch Schale, 

Alles ist sie mit einemmale; 
Dich priife du nur allermeist, 
Ob du Kern oder Schale seist? 

Denn, sehen Sie, es waltet das merkwurdige Geheimnis in der 
Menschheitsentwickelung, dafi, wenn man sich emanzipiert von dieser 
Goetheschen Anschauung und sich bekennt zu der Hallerschen An- 
schauung, dann kann man die Geschichte vor dem Mysterium von 
Golgatha so betrachten, daft man nichts merkt von der eigentlichen Be- 
deutung des Mysteriums von Golgatha, und man kann die Geschichte 
nach dem Mysterium von Golgatha so betrachten, dafi man wiederum 
nichts merkt von der eigentlichen Bedeutung des Mysteriums von Gol- 
gatha. Das klingt zunachst paradox; aber es ist doch so. Es ist so, dafi, 
wenn man die Anti-Goethesche Weltanschauung anwendet auf den ge- 
schichtlichen Verlauf, dann wird unter dem Einflufi dieser Anti-Goe- 
theschen Weltanschauung die vorchristliche Zeit so, dafi man hochstens 
dazu kommt, irgendein historisches Ereignis anzunehmen im Beginne 
unserer christlichen Zeitrechnung, aber den ganzen starken Impuls des 
Mysteriums von Golgatha mufi man dann, nun, ins Innere verlegen, zu 
dem kein erschaffener Geist vordringen soli. Man merkt dann nicht, 
dafi, indem die Geschichte sich abwickelt bis zum Mysterium von Gol- 
gatha hin, da etwas hereinkommt, was einen wirklich gewaltigen Wen- 
depunkt, und zwar den grofiten Wendepunkt in der irdischen Mensch- 
heitsentwickelung bedeutet; und man merkt auch nicht, wenn man das 



auf die nachchristliche Geschichte anwendet, daft dieser Wendepunkt 
drinnensteckt, in seiner Nachwirkung drinnensteckt. Daher besteht das 
instinktive Bediirfnis, die Goethesche Weltanschauung ein wenig un- 
vermerkt herauszueskamotieren aus dem gegenwartigen Denken, sie ja 
nicht im gegenwartigen Denken gar zu groft werden zu lassen. 

Man kann manchmal die Leute abfangen bei diesem instinktiven Be- 
streben. Das, was ich sage, soil keine moralische Anklage wider irgend 
jemanden sein, denn selbstverstandlich kenne ich den Einwand, der 
gemacht werden kann: Ja, solch ein Mensch, der da die Goethe-Welt- 
anschauung hinauskomplimentieren mochte aus der gegenwartigen Be- 
trachtung der Welt, er hat doch das Beste gemeint! Nun, man kennt ja 
Shakespeares bekannte Antonius-Worte: «Ehrenwerte Manner sind sie 
alle!», es wird dies von vornherein zugegeben, selbstverstandlich; aber 
es kommt ja nicht darauf an, daft man von einem Menschen sagen kann, 
er habe diese oder jene Absicht nicht gehabt, sondern darauf, wie das- 
jenige, was von ihm ausgeht, wirkt, wie sich das einlebt in die Mensch- 
heitsentwickelung. Und sehen Sie, da kann man eben manchmal ein 
bifichen, ich mochte sagen, die Leute abfangen bei diesem wohllobli- 
chen Vorhaben, das Christus-Ereignis dadurch herauszukomplimentie- 
ren aus der Geschichte, daft man die Goethesche Weltanschauung nicht 
aufnimmt in seine Betrachtungsweise, die, wenn wir sie heute aufneh- 
men, einfach zur Geisteswissenschaft fortgebildet werden mufi. Und da 
kommt einem ein Biichelchen, das groften Einflufi in der Gegenwart 
gehabt hat, in die Hande, in dem Betrachtungen angestellt werden iiber 
Geschichte, insofern sie Bezug hat auch auf den Christus Jesus. Und 
instinktiv soil herausgeworfen werden aus der Geschichtsbetrachtung die 
Moglichkeit, das Mysterium von Golgatha ordentlich zu beurteilen als 
den groftten Wendepunkt der Erdenmenschheit. Das kann der Mann 
nur dadurch, daft er nun auch die ganze Geschichtsbetrachtung in die 
Perspektive hineinstellt, daft man ins Innere der Geschichte nicht drin- 
gen kann, daft man da nur an der Schale bleiben kann; daft auch die Ge- 
schichte so betrachtet werden muft, daft man zu dem wichtigsten Ereig- 
nis sagen muft: Nun, man kann eben nicht ins Innere der Geschichte 
hineindringen. - Was tut der Mann? Ich werde Ihnen seine Worte vor- 
lesen, sie sind sehr interessant. 



«Und da ist es notig, vor allem auf den fragmentarischen Charakter 
aller unserer auch der vollstandigsten historischen Erkenntnisse auf- 
merksam zu machen. Der Reichtum des Geschehenen, die geschichtli- 
che Wirklichkeit in der Vergangenheit ist nach Inhalt und Umfang 
unendlich viel grofier, als unser Wissen davon jemals sein wird, und 
wenn wir noch Jahrtausende forschten. Denn aus der uniibersehbaren 
Masse der Geschehnisse konnen dem Historiker nur Teilbestandteile 
zuganglich werden, nur das, was irgendwie iiberliefert ist, durch Quel- 
len, Urkunden, zu ihm kommt. Alles andere, was nicht iiberliefert 
wurde und iiberhaupt nicht iiberliefert werden konnte, weil es der gei- 
stigen Innenwelt angehort, dem unerforschlichen Gebiete des Seelenle- 
bens, der inneren Motivation des personlichen Lebens, kann der Histo- 
riker nicht <wissen>, sondern hochstens erraten. Dieses <Erraten> wird 
unter alien Umstanden, selbst bei dem exaktesten und gewissenhafte- 
sten Vorgehen, mit Mangeln, mit subjektiven Momenten behaftet sein. 
Wenn Goethe sagt: <Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner 
Geist>, so mufi dieses Wort erganzt werden: <Ins Innere der Ge- 
schichte dringt auch keiner.»> 

Wie gesagt, ich will keine moralischen Urteile fallen, sondern blofi 
das Objektive sagen: So falscht man Goethe nach so kurzer Zeit! So 
falscht man Goethe! Ins Entgegengesetzte falscht man ihn um, indem 
man das heute der Menschheit mitteilt, die es selbstverstandlich nicht 
merkt! Sie merkt es wirklich nicht! Denn dasjenige, was beschrieben 
worden ist hier, das nennt sich: «Das Christentum im Weltanschau- 
ungskampf der Gegenwart», und ist geschrieben, um zu zeigen, wie das 
Christentum im Weltanschauungskampfe der Gegenwart drinnensteht. 
Aber der ganze Geist, der in dieser Schrift waltet, der ist derselbe, der 
in dieser Goethe-Erkenntnis waltet. Da haben Sie einen solchen Punkt, 
wo man abfangen kann den Wahrheitssinn derjenigen, die heute ein 
grofies Publikum haben. Denn ich habe Ihnen von demselben Manne 
neulich erzahlt, daf5 er Vortrage vor kurzem gehalten hat, in denen man 
nachweisen kann, wie das Denken iiberall abreifit, wie es nirgends zu- 
sammenhangend ist, wie es vollstandig korrumpiert ist, wie es nirgends 
auch nur versucht, in die Dinge einzudringen. Und ich hatte Ihnen ver- 
sprochen - weil ich das betreffende Buch in Dornach lassen mufite, 



man kann ja jetzt nicht alles von einem Ort zum anderen fiihren es 
mir hier wieder zu verschaffen, um Ihnen einige Proben vorzulesen, die 
alle ebenso zeugen wiirden fiir die Diskontinuitat, fiir die Korruptheit 
seines Denkens, wie das hier fiir die Korruptheit seiner Goethe- 
Anschauung zeugt. Ich konnte mir das Buch nicht verschaffen; es ist 
so begehrt, daft es augenblicklich vergriffen ist, daft man es nicht mehr 
bekommt. 

Sehen Sie, so sind die Dinge, wenn es sich darum handelt, heute das- 
jenige, was wahr ist, an sich herankommen zu lassen. Deshalb ist es 
nicht unnotig und ungerechtfertigt, in ernsten Worten auf das hinzu- 
weisen, was notig ist, und deshalb auch aufmerksam zu machen, daft 
hinter solchen Worten wie «Andert den Sinn!» etwas ungeheuer Tiefes 
liegt, das schon auch historisch zu erfassen ist, wenn man es historisch 
erfassen will. Die Taufer-Worte «Andert den Sinn!», die hangen nicht 
nur zusammen mit dem, was man geisteswissenschaftlich herausholen 
kann aus der Menschheitsentwickelung, sondern sie hangen auch zu- 
sammen mit dem, was man geschichtlich betrachten kann, wenn man 
nur die Goethe-Weltanschauung nicht nach dem Geluste des modernen 
Philisters verarbeitet, sondern wenn man versucht, diese Goethesche 
Weltanschauung lebendig zu machen. Denn dann ist sie ein grofter Im- 
puls, in das Christentum wirklich wiederum hineinzukommen, und 
fuhrt unmittelbar zu unserer Geisteswissenschaft hin. 

Sehen Sie, uns wird heute am leichtesten klar werden, um was es sich 
in der Menschheitsentwickelung eigentlich handelt, wenn wir uns an 
manches erinnern, das wir ja im einzelnen oftmals ausgefuhrt haben. - 
Ausgefuhrt haben wir, wie in der vorchristlichen Zeit Mysterien da wa- 
ren. Ich habe auf das, was in diesen Mysterien gesucht worden ist, hin- 
zuweisen versucht in meinem Buch «Das Christentum als mystische 
Tatsache», indem ich Plato-Worte angefuhrt habe, die von diesen 
Mysterien sprechen. Gewift, man kann heute mit einem vornehmen 
Lacheln, das aber im Grunde genommen doch nur ein materialistisch- 
philistroses Lacheln ist, auch auf solche Ausspriiche Platos hinsehen wie 
diesen, wenn Plato sagt: Diejenigen, die in die Mysterien eingeweiht 
sind, sie nehmen teil an dem Leben im Ewigen. Die anderen sind wie 
im Sumpfe. - Ich habe ganz absichtlich damals, als ich «Das Christentum 



als mystische Tatsache» schrieb, auf diese Worte Platos hingewiesen, 
denn sie bezeugen in ernster Weise, was Plato von den Mysterien zu 
sagen hatte. 

Im Grunde genommen bestand ja das grofie Geheimnis, das durch 
eine besondere Menschheitszucht dem Mysterienschiiler in den vor- 
christlichen Zeiten vermittelt worden war, darinnen, anzuschauen das- 
jenige, wozu die mineralische und pflanzliche Natur geworden ware, 
wenn sie sich in gerader Linie mit ihren Anlagen hatte fortentwickeln 
konnen. Denn dadurch wiirde ein Menschheitserkennen zustande ge- 
kommen sein, so daft man hatte sagen konnen: Waren Mineralreich und 
Pflanzenreich so, dafi sie ihre Anlage voll hatten entwickeln konnen, 
dann wiirde der Mensch sein wahres Gesicht zeigen in derjenigen Spha- 
re, in der er dann sein wiirde. Und das war eine vollstandige Verwand- 
lung, die der Mysterienschiiler durchmachte, wenn er gewissermafien 
eingefiihrt wurde ins Innere der Natur, wenn er den Menschen so sehen 
durfte, wje 7 der Mensch eigentlich urspriinglich beabsichtigt war. Denn 
dann sah dieser Mysterienschiiler auch ein, wie das, was jetzt im warm- 
bliitigen Tierreiche, im rindenbegabten, im holzbegabten Pflanzenreiche, 
im physischen Menschenreiche existiert, nicht seinen Ursprung zeigt, 
offenbart, sondern unerklart dasteht, weil es seinen Ursprung nicht 
unmittelbar in sich tragt. Wahrend also die Pflanzen und Mineralien 
nicht ans Ende kommen, kommen die Menschen und Tiere nicht bis zu 
ihrem Ursprung zuriick. 

Ja, notwendig war es - dafiir zeugt das, was die Mysterien eigentlich 
waren -, notwendig war es in der vorchristlichen Zeit, einzuweihen 
gewisse Menschen. In den alleraltesten Zeiten war das ja eine atavisti- 
sche Erkenntnis aller Menschen, nur in spateren Zeiten, als die atavisti- 
sche Erkenntnis zuriickgegangen war, war es notwendig, einzelne ein- 
zuweihen. Es war also notwendig, die einzelnen Menschen einzuwei- 
hen in die Geheimnisse der aufieren Natur, des mineralischen, des 
pflanzlichen Reiches, um den Menschen zu sehen, um zu sehen, was er 
eigentlich ist. Ebenso wird es notwendig in unserer Zeit, wiederum auf 
seinen Ursprung hinzuweisen, den Menschen kennenzulernen von der 
anderen Seite, so dafi er wiederum seinen Ursprung offenbart - was ja 
versucht worden ist in der «Geheimwissenschaft» in der stammelnden 



Weise, wie das in der jetzigen Zeit moglich ist so daf$ der Mensch 
wiederum angegliedert wird an das ganze Sein. Wie sich das andere 
zeigte fiir die vorchristliche Zeit, so zeigt sich das letztere fur die Zeit, 
in der wir jetzt, also nach dem Mysterium von Golgatha, leben. Aber 
nur, wenn man das weifi, dal$ das Mysterium von Golgatha ein so tiefer 
Einschnitt ist, dafi sich wirklich das geschichtliche Werden in zwei 
Teile gliedert, nur dann kann man zu einer wahren Betrachtung des 
Mysteriums von Golgatha allmahlich aufsteigen. Aber das kann sich ei- 
nem zeigen, indem man einfach nicht durch solche Brillen, wie sie 
durch den Anti-Goetheanismus den Menschen aufgesteckt werden, die 
Zeiten um das Mysterium von Golgatha herum verfinstert, sondern in- 
dem man sie wirklich so betrachtet, wie es gewissermafien Herman 
Grimm haben wollte. Aber er hatte nicht die Kraft dazu. 

Die Mysterien-Leiter, die Mysterien-Fuhrer der alten Zeiten, sie ha- 
ben wohl gewufk, warum sie eine Menschenzucht verlangten von den- 
jenigen, die sie einweihten. Und sie haben bis in eine gewisse Zeit hin- 
ein streng darauf gehalten, daf5 niemand in die Mysterien eingeweiht 
wurde, der nicht diese Zucht durchgemacht hatte. Und insbesondere 
wurde auch noch in den alteren Zeiten in Griechenland viel darauf ge- 
sehen, dafi niemand in die Mysterien eingeweiht wurde, der nicht eine 
strenge Zucht durchgemacht hatte. Das, was er da erfuhr, war: die Ge- 
heimnisse in der richtigen Weise ins Leben hineinzustellen. Darauf 
wurde insbesondere in griechischen Gegenden sehr, sehr viel gesehen. 
Und es wurde streng darauf gehalten, dafi die Mysterien an Unwiirdige 
ebensowenig verraten wurden, wie der Christus Jesus nicht die 
Geheimnisse des Reiches Gottes an die Schriftgelehrten und Pharisaer 
ausliefern will, sondern nur an diejenigen, die er zu seinen Schiilern 
machen kann. 

Ohne dafi diejenigen, welche die Mysterien-Fuhrer waren, die ge- 
ringste Schuld haben, ging es aber nun nicht mehr, das Mysterien- 
Geheimnis in den Zeiten, in denen das Ereignis von Golgatha herankam, 
in der entsprechenden Weise geheim zu halten. Das ging nicht mehr. 
Und warum ging es nicht mehr? Ich sage: Ohne die Schuld der Myste- 
rien-Fuhrer ging es nicht mehr. Die Mysterien-Fuhrer, die Mysterien- 
Leiter, hatten keine Schuld daran. Dasjenige, was die Mysterien in un- 



richtiger Weise herauszog aus ihrer Geheimnis-Sphare, das war das Im- 
perium Romanum, das war der romische Imperialismus. Und es war 
unmoglich, dafi die Fiihrer der Mysterien den Befehlen namentlich der 
romischen Casaren widerstanden. Es riickte die Zeit heran, in der die 
Mysterien-Fuhrer nicht mehr widerstehen konnten den Befehlen der 
romischen Casaren. Und dieses, dafi durch den romischen Casarismus 
vergewaltigt wurde das geistige Leben, dieses spiegelt sich ja in alien 
Ereignissen der damaligen Zeit ab. Dieses sah auch ein Mensch wie der 
Taufer durchaus herankommen in alien Einzelheiten. Denn derjenige, 
der sehen will, der sieht in den Einzelheiten, was herankommt. Nur 
diejenigen sehen es nicht, die nicht sehen wollen. Das liegt in den Wor- 
ten, die immer sehr vieldeutig, aber immer in alien Bedeutungen wahr 
sind; in den Worten solcher Leute wie dem Taufer Johannes liegt es. In 
den Worten: «Andert den Sinn, die Reiche der Himmel sind nahe» liegt 
auch das, was man etwa so iibersetzen konnte: Seht hin, dasjenige, was 
der Menschheit Heil gebracht hat als altes Mysteriengut, das ist nicht 
mehr, das wird mit Beschlag belegt durch das Imperium Romanum, das 
seine Fittiche auch ausgebreitet hat iiber das um euch herum liegende 
Judentum. Andert daher den Sinn! Sucht nicht mehr in dem, was von 
dem Imperium Romanum ausstrahlt, das Heil, sondern sucht es in dem, 
was nicht auf dieser Erde ist. Empfanget die Taufe, die euren Ather- 
leib lockert, damit ihr seht, was da kommen soil, und was neue Myste- 
rien einleiten soli, denn die alten Mysterien sind mit Beschlag belegt. 

Was herankam, was bei Augustus zuerst der Fall war, der aber noch 
keinen Mifibrauch damit getrieben hat, war, daft die romischen Casaren 
einfach durch ihren Casarenbefehl eingeweiht werden mufken in die 
Mysterien. Das wurde iiberhaupt Sitte. Das war es, wogegen sich vor 
alien Dingen der Taufer Johannes wendete, indem er herauszunehmen 
suchte aus der Menschheitsentwickelung diejenigen, welche die Taufe 
empfangen wollten, damit sie nicht blofi das Heil der Menschheitsent- 
wickelung in dem sahen, was vom Imperium Romanum ausstrahlte. 

Sehen Sie, einer derjenigen romischen Casaren, die am griindlichsten 
eingeweiht waren in die Geheimnisse der Mysterien, war Caligula, und 
spater Nero . Und es gehort zu den Geheimnissen der geschichtlichen 
Entwickelung, dafi Caligula und Nero Eingeweihte waren, dafi sie sich 



erzwungen haben, Kenntnis zu haben von den Geheimnissen der My- 
sterien. Und denken Sie einmal nach iiber die Seelenverfassung derjeni- 
gen, die da wuftten: das, das riickt heran, - und die zu gleicher Zeit 
eine Empfindung, ein Gefiihl davon haben konnten, was das bedeutete. 
Denken Sie sich in die Seelenverfassung dieser Menschen hinein. Die 
konnten natiirlich sagen: Dasjenige, was kommen mufi, und was kom- 
men wird, ist das Reich der Himmel, und in diesem miissen fortan die 
Menschen suchen, wenn sie nach den heiligen Geheimnissen suchen, 
nicht im Reiche der Menschen! Die Geschichte spricht oftmals durch 
ihre Symbole. Diogenes ging noch, weil er in Griechenland war, auf 
dem Athener Markt mit der Laterne herum, um den «Menschen» zu 
suchen, der verlorengegangen war, dessen Anschauung verlorengegan- 
gen war. Warum verlorengegangen? Nicht deshalb, weil man diesen 
Menschen nicht kannte, oder weil Zeiten heranriickten, in denen man 
dasjenige, was in den Mysterien iiber die Geheimnisse der Menschenent- 
wickelung mitgeteilt werden konnte, nicht suchte. In den Fundamen- 
ten wufiten das Menschen wie Caligula und Nero. Aber gerade dadurch 
wurde es in Finsternis gehiillt. Und Diogenes fuhlte wie Johannes der 
Taufer - Diogenes in seiner Art - die Zeit herankommen, wo gerade da- 
durch, dafi man das Mysterien-Geheimnis von dem Menschen verraten 
wulke, der Mensch in Finsternis getaucht wird und man ihn mit der 
Laterne suchen mufi. 

Caligula hatte seine Anleitung bekommen, richtig nach Art der alten 
Mysterien zu leben in den geistigen Zusammenhangen darinnen. Cali- 
gula verstand es daher, sein Bewufitsein vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen so zu organisieren, dafi er darinnen mit all demjenigen in der 
geistigen Welt verkehren konnte, was die alten Mysterien kannten als 
die Luna-Gotter, als die Gotter des Mondes. Und Caligula verstand die 
Kunst der alten Mysterien, in seinem nachtlichen Bewufksein Zwiespra- 
che zu halten mit den Geistern des Mondes. Das gehorte zu den alten 
Mysterien- Geheimnissen: kennenzulernen dasjenige, was hinter dem ge- 
wohnlichen Bewufltsein, hinter dem Tagesbewulksein liegt, und kennen- 
zulernen, wie sich dadurch das gewohnliche Tagesbewufitsein andert, 
daft man die Geheimnisse dieses anderen Bewulkseins durchdringt. Denn 
der Mensch wird dadurch, dafi er weifi, wo seine Individualitat ist, wenn 



sie vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen Welt ist, auch 
aufmerksam gemacht darauf, wie diese Individualitat nicht nur hier als 
eingekorpert wie ein Naturwesen zu anderen Naturwesen in Beziehung 
steht, sondern wie sie, diese Individualitat, mit der geistigen Welt, mit 
alledem, was in den geistigen Hierarchien lebt, in Beziehung steht. Da- 
her andert sich selbstverstandlich, wenn ein Mensch die Geheimnisse 
der Mondengottheiten kennt, auch sein Verhaltnis zu den Sonnengott- 
heiten, zu den Gottheiten, die das durch Luzifer abgestumpfte Schauen 
des Tages nicht sieht in der Umwelt, und die dieses erwachte Bewufit- 
sein dann sieht. Weifl der Mensch, wie Caligula, durch eigene Erfah- 
rung, daft die menschliche Individualitat vom Einschlafen bis zum Er- 
wachen in der geistigen Welt darinnen ist, dann wird sie auch aufmerk- 
sam darauf, daft sie im Tagesbewufttsein nicht blofi in der Schale der 
aufieren Natur waltet, sondern daft sie im Tagesbewulksein unter den 
Geistern des Sonnenlebens waltet; daft sie nicht bloft unter den physi- 
schen Sonnenstrahlen, sondern unter den Geistern des Sonnenlebens 
waltet. 

Aber Caligula - er hatte nicht die Zucht, selbstverstandlich -, Caligula 
wuftte daher Zwiesprache zu halten mit den lunarischen Geistern im 
Schlafe; und das brachte hervor, dafi er im Tage ansprach Jupiter, den 
man im alten Griechenland als Zeus in einer noch anderen Sphare ge- 
dacht hat, als «Bruder Jupiter». Das war eine gewohnliche Redensart 
des Caligula, von «Bruder Jupiter» zu sprechen. Denn selbstverstand- 
lich fuhlte er sich als ein Burger der geistigen Welt, in der Jupiter ist, 
und er redete ihn als Bruder Jupiter an. Er, Caligula, wufite sich in der 
Welt der geistigen Wesenheiten darinnen. Daher trat er so auf, daf? 
durchaus manifestiert wurde durch sein Auftreten, daft er der geistigen 
Welt angehore. Er erschien zu gewissen Zeiten im Bacchus-Kostum mit 
dem Thyrsus- Stab, mit dem Eichenkranz auf dem Haupt, und liefi sich 
als Bacchus huldigen. Er erschien zu gewissen Zeiten als Herkules mit 
der Keule und der Lowenhaut und liefi sich huldigen als Herkules. 
Dann erschien er wieder als Apoll und liefi sich huldigen, indem er die 
Strahlenkrone auf dem Haupt und den Appollo-Bogen in der Hand 
hatte, Heft sich huldigen von einem Chor, der ihn umgab, und der die 
entsprechenden Chorgesange zu seiner Ehre sang. Er erschien mit ge- 



fliigeltem Kopf mit dem Heroldstab als der Gott Merkur. Er erschien 
auch als Jupiter. Ein Tragodiendichter, den man als Sachverstandigen 
ansah und aufgefordert hatte, zu entscheiden, wer der Grofiere sei, Ca- 
ligula oder Jupiter, den er in einer Statue neben sich hinstellen liefi, 
wurde gegeifielt, weil er nicht darauf einging, Caligula als den GrolSe- 
ren hinzustellen. 

Aber wie sah es mit dem Urteil des Caligula aus? Angefugt wurde ja 
bei der luziferischen Versuchung dem Worte: Eure Sinne soil en aufge- 
tan sein, und ihr sollt werden wie Gotter - angefugt wurde: Ihr sollt 
unterscheiden das Gute und das Bose. - Aber diese Unterscheidung des 
Guten und des Bdsen, die wurde ja von einem Geiste der Menschheit 
eingeimpft, der nur bis zu einer gewissen Zeit in der Entwickelung le- 
ben konnte. Diese Zeit war abgelaufen. In jener Zeit lief sie ab, in der 
der Taufer Johannes zuerst auftrat mit den Worten: «Die Reiche der 
Himmel sind nahe gekommen»; er sagte nur nicht mit dem Terminus 
technicus den Zusatz: «und das Reich des Luzifer ist abgelaufen». Na- 
tiirlich sprach er nur von dem Reiche der Himmel. Man sieht es insbe- 
sondere an dem Urteil des Caligula, wie jenes Reich abgelaufen war. 
Denn als einmal unter der Regierung des Caligula ein richterlicher Irr- 
tum vorgekommen war - man hatte namlich einen Unschuldigen statt 
eines Schuldigen, weil man den Unschuldigen mit dem Schuldigen ver- 
wechselt hatte, zum Tode verurteilt und dem Tode uberfuhrt -, da 
sagte Caligula: Das macht nichts, denn der Unschuldige war ebenso 
schuldig wie der Schuldige! Und als Petronius verurteilt wurde zum 
Tode, da sagte Caligula: Diejenigen, die ihn verurteilt haben, die konn- 
ten ebensogut verurteilt werden, denn die sind ganz gleich schuldig mit 
demjenigen, den sie zum Tode verurteilt haben. - Sie sehen, die Unter- 
scheidung hatte schon aufgehort, die Unterscheidung des Guten und 
des Bosen. Sie reichte nicht mehr bis in diesen Zeitpunkt hinein, von 
dem ich rede. Wir konnen ihn fassen, wenn wir die geschichtlichen 
Ereignisse wirklich auf uns wirken lassen. Wir konnen ihn fassen. 

Ein solcher Eingeweihter war Nero. Und Nero war im Grunde ge- 
nommen - nur nicht so philistros, wie es manche unter unseren moder- 
nen Zeitgenossen sind, sondern grandios, ins Heroische iibersetzt - ein 
Psychoanalytiker. Nero war sogar der erste Psychoanalytiker, denn er 



vertrat zuerst den Satz, dafi alles im Menschen von der Libido abhangt, 
dafi, was auch im Menschen auftritt, abhangt von dem, was als das 
Sexuelle in ihm wirkt - eine Lehre, die philistros die Psychoanalytiker in 
unserem Zeitalter wiederum erneuert haben. Aber der Professor Sig- 
mund Freud ist eben kein Nero. Dazu fehlt ihm allerdings nicht die 
Seele, aber die Grofie. 

Aber was Johannes der Taufer wufite, wufite auch Nero. Denn auch 
Nero wufite - und jetzt unterscheidet sich auf diesem Gebiete Nero 
von dem Caligula -, auch Nero wufite aus seiner Einweihung in die 
Mysterien heraus, dafi es mit dem, was der Mensch ist, eine sonderbare 
Bewandtnis hat, dafi gewissermafien die Wahrheiten der alten Mysterien 
in ihren wahren Impulsen verklungen sind, dafi sie ihre Gewalt verloren 
haben, dafi man sie daher nur durch aufiere Gewalt aufrecht erhalten 
kann. Nicht etwa blofi Johannes der Taufer hat gesagt: «Die alte Welt- 
ordnung ist abgelaufen* - nur hat er dazugesetzt: «Die Reiche der 
Himmel sind nahe herbeigekommen, andert den Sinn!» -, auch Nero 
wufite, dafi die Reiche der alten Welt abgelaufen sind, auch Nero wufi- 
te, dafi ein gewaltiger Einschnitt in der Entwickelung der Erde da ist. 
Aber Nero hatte sein teuflisches Bewufitsein dazu, er hatte alle Teufe- 
leien, die der unwiirdige Eingeweihte haben kann, in sich. Und deshalb 
rechnete er, genauso wie Johannes der Taufer, genauso wie der Chri- 
stus Jesus, mit dem Weltuntergang. Versteht man dasjenige, was 
Johannes der Taufer und der Christus Jesus sagen von dem Weltunter- 
gang in der richtigen Weise, dann hat man nicht notig, es in der phili- 
sterhaften Art auszulegen, dafi es dann und dann kommen werde, son- 
dern dann kann man verstehen, wie die Bibel sagt, der Weltuntergang 
ware da. Aber Sie ahnen schon - das nachste Mai werde ich iiber diesen 
Punkt weiterreden -, dafi die Parusie eine Wirklichkeit ist, wenn sie in 
der richtigen Weise verstanden wird. Nero wufite, dafi eine ganz neue 
Ordnung kommt, aber es freute ihn nicht. Es pafite ihm nicht. Und 
charakteristisch ist daher sein Ausspruch, dafi er an nichts lieber teil- 
nehmen wollte als am Weltuntergang. Seine Worte sind charakteri- 
stisch: Wenn die Welt in Feuer aufgeht, dann werde ich meine beson- 
dere Freude daran haben! Das war sein besonderer Wahnsinn: die 
Sehnsucht, die Welt in Feuer aufgehen zu sehen. Und daraus entsprang 



das, was man ja historisch bezweifeln kann, was aber wahr ist: dafi er 
Rom in Brand stecken liefi, weil er sich in seinem Wahnsinn vorstellte, 
von dem Brande von Rom aus wiirde sich der Brand so weit erstrecken, 
daft die ganze Welt verbrennen wiirde. 

Ich habe Ihnen einige Symptome angegeben, die charakterisieren sol- 
len, wie in einer gewissen Weise die Welt damals zu Ende ging und neu 
anfangen mufite. Aber in der aufieren Wirklichkeit geschehen die Dinge 
so, dafi immer eines ins andere hineinlauft, dafi das Alte noch vielfach 
bestehen bleibt, wenn das Neue seinen ersten Impuls schon gezeigt hat. 
Und obgleich daher die Reiche der Himmel seit dem Mysterium von 
Golgatha da sind, blieb daneben in absteigender Entwickelung, in de- 
kadenter Entwickelung, das Imperium Romanum, blieb dasjenige, was 
dahin gefuhrt hat, daf$ bei den Wissenden auch der Gegenwart mit den 
verschiedensten guten und bo sen Absichten immer wieder und wie- 
derum betont wird: Was in der Gegenwart mitten unter uns lebt, was 
durchsetzt die christlichen Ansatze, das ist der Geist des alten Impe- 
rium Romanum, das ist der Geist des romischen Imperialismus! - Man 
kame da auf ein eigentumliches Kapitel, wenn man in diesem Sinne wei- 
tersprechen wiirde. Man wiirde anfangen damit, dafi man zeigen wiir- 
de, wie die Rechtsbegriffe, die spater aufgetaucht sind, alle auf das ro- 
mische Recht zuriickfiihren, wie das romische Recht, dieses antichrist- 
liche im Christus-Sinne, sich iiberall hineingeflochten hat. Und man 
wiirde manche andere, noch viele Gebiete zu streifen haben, wollte 
man das Fortleben des romischen Imperialismus bis in unsere Tage hin- 
ein besprechen; und gar erst, wollte man alles dasjenige besprechen, 
was zusammenhangt mit dem Fortschreiten in absteigender Entwicke- 
lung des Imperium Romanum. 

Es liegt etwas Instinktives in der Tatsache, wie man in den Schulen 
romische Geschichte lehrt, und wie die Historiker, die ja die Fable 
convenue schreiben, welche man gegenwartig Geschichte nennt, der 
Menschheit das Bewufksein von dem Imperium Romanum beibringen, 
so dafi der Geist, der darinnen waltet, gerade von den Gelehrtesten 
ausgeschaltet wird. Dadurch aber wird ein Sicheres erreicht, meine lie- 
ben Freunde. Dadurch wird das sicher erreicht, dafi zum allgemeinen 
Bewufksein der Menschheit die ganze Tragweite des historischen Au- 



genblicks nicht kommt, in dem das Kreuz auf Golgatha aufgerichtet 
worden ist. Zu verdecken suchte man, wenn auch instinktiv, die ganze 
Bedeutung der Ereignisse, die sich abgespielt haben. Denn wenig ist 
vorhanden von dem Mute, der dazu gehort, von der aufieren Schale ins 
Innere auch der Geschichte zu dringen. Und wir sehen ja, es gibt Leu- 
te, die ein grofies Publikum finden, welche sogar Goethe falschen, um 
bei den Menschen die Meinung hervorzurufen, auch Goethes Anschau- 
ung ware dazu geeignet, die Geschichte so zu betrachten, als ob sie nur 
eine aufiere Schale sei. Dasjenige, was so wirkt, wirkt aber in den brei- 
ten Impulsen des menschlichen Seelenlebens, und es ist ja nicht blofi 
darum zu tun, dafi man zu keiner richtigen Betrachtung dieses oder je- 
nes Punktes kommt, sondern das ganze Leben ist gewissermafien davon 
beeinflufit, entwickelt eine solche Tendenz. Ein solcher Impuls waltet, 
das ganze Leben ist beeinflufit von diesem Impulse, lauft sozusagen in 
der Richtung dieses Impulses. Daher bleiben Menschen wie Goethe 
Prediger in der Wiiste, werden noch dazu verleumdet, indem man ih- 
nen die entgegengesetzte Erkenntnisgesinnung andichtet. 

Aber man kann es auch sehen, wohin solche Impulse fuhren. Das 
Karma fuhrt einem ja manches zu, auch wenn man sucht, Erkenntnisse 
abzurunden, um sie vor seinen Mitmenschen aussprechen zu konnen. 
Und so fiel mir gestern der Ausspruch eines unserer Zeitgenossen in die 
Hande. Erst gestern fiel mir dieser Ausspruch in die Hande; aber er 
hangt recht sehr zusammen mit demjenigen, was ich wie den inneren 
Impuls leben lassen mufite durch diese Besprechungen des Mysteriums 
von Golgatha hindurch. Dieser Zeitgenosse hat verschiedene Wandlun- 
gen durchgemacht. Zuletzt hat er sich zum Christentum in der Form 
des Katholizimus gefunden, um dafur propagieren zu konnen. Und wir 
haben also das merkwurdige Faktum, daft ein Freigeist vor seiner Mit- 
welt auftritt als Zeuge fur den Christus, noch dazu im katholischen 
Sinne. Nun sprach er seine Gesinnung aus iiber den Christus in der 
Farbung, wie er ihn jetzt von sich aus vertritt. Und dieses Zeugnis ist 
charakteristisch, ist so richtig ein Dokument der Gegenwart. Ich will 
Ihnen dieses Zeugnis eines modernen Christus-Zeugen vorlesen: 

«Es ist vergebliche Miihe, das Jenseits zu suchen. Es existiert viel- 
leicht nicht einmal, und wie wir's auch anpacken, wir konnen nichts 



davon erfahren. Oberlassen wir jedweden Okkultismus den Erleuchte- 
ten und den Gauklern; welche Form der Mystizismus auch annehmen 
mag, er widerspricht der Vernunft. Aber geben wir uns dennoch der 
Kirche hin weil sie mit der Autoritat der Jahrhunderte und grofier 
praktischer Erfahrung die Regeln jener Ethik formuliert» (die Kirche 
namlich!), «die man die Volker und Kinder lehren mufi. Und endlich 
weil sie weit davon entfernt, uns dem Mystizismus auszuliefern, uns di- 
rekt gegen ihn verteidigt, die Stimmen der geheimnisvollen Haine» (so 
nennt er dasjenige, was etwa aus der geistigen Welt herauskommen 
konnte) «zum Schweigen bringt, die Evangelien auslegt, und den 
grofimutigen Anarchismus des Heilandes den Bedurfnissen der Gesell- 
schaft opfert.» 

Hier haben Sie das Gestandnis eines Mannes, der sich zum Christen- 
tum bekehrt hat vom modernen Materialismus aus; der sich zum 
Christentum bekehrt hat, indem er es als sein Ideal hinstellt, in dem 
Sinne sich zum Christentum bekehren zu konnen, dafi dasjenige, was 
Christus als seine grandiosen Impulse der Welt iiberliefert hat, angepafit 
wbrden ist, geopfert worden ist den Bediirfnissen der modernen Gesell- 
schaft. Aber auch das, was sich in einem solchen Christus-Zeugen aus- 
spricht, hat ein grofies Publikum, ein viel grofieres, als man denkt. 
Denn das Bediirfnis ist auflerordentlich grofi, ja den Christus so er- 
scheinen zu lassen, wie es dem modernen Menschen gefallt, wie es dem 
modernen Menschen pafit. Und die Instinkte wirken dahin, ja nicht die 
Menschenseele auf die Wahrheit kommen zu lassen, dafi Jesu Tod ein 
ganz selbstverstandliches Ereignis war, das bedingt wurde dadurch, dafi 
Christentum und Imperium Romanum nicht zusammengehen konn- 
ten, dafi aus dem Zusammensein von Christentum und dem Imperium 
Romanum nur der Tod des Christus folgen konnte. Daraus aber folgt, 
daft aufgesucht werden mufi im modernen Leben, wenn man iiberhaupt 
zum Lichte kommen will und nicht in der Finsternis wandeln will, wie 
sich manches in diesem modernen Leben zum echtverstandenen 
Christentum verhalt, und dafi aufgebracht werden mufi nach und nach 
jener gottliche Zorn, den Christus selber hatte, als er oftmals zu erwi- 
dern hatte auf dasjenige, was die vorbrachten, die er die Schriftgelehr- 
ten und Pharisaer nannte. 



Ich wollte Ihnen heute ein Bild davon geben, was schon in den Jahr- 
hunderten gelebt hat, in die das Christentum hereingebrochen ist, und 
wollte aufmerksam machen darauf, dafi die Geschichtsbetrachtung ins- 
besondere vertieft werden mufi an der Stelle, an der das Mysterium von 
Golgatha steht. Denn das kann geschehen, auch wenn man nur bei der 
Geschichte stehen bleibt. Nur raufi man sich ein Gefuhl aneignen da- 
fur, wie man die einzelnen Dinge zu werten hat, was man als das Be- 
deutsame und fiir die Zeit Sprechende anzusehen hat, und was als das 
Unbedeutende. Man mufi sich ein Gefuhl dafiir aneignen, was dann 
von den verschiedenen Stromungen weiterlebt, wo die Dinge weiter- 
leben. 



DREIZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 17. April 1917 



Vieles ist in der Gegenwart und wird namentlich sein unter den Gestal- 
tungen, welche die Ereignisse der Gegenwart und der nachsten Zukunft 
annehmen werden, was seinem Wesen nach durchschaut werden kann, 
wenn man in verniinf tiger und geistiger Weise das Fortwirken jener 
Ereignisse ins Auge fassen wird, welche sich abgespielt haben durch die 
erste Verbreitung des Christentums. Das mag heute noch manchem 
paradox klingen. Und dennoch: daft nicht allgemeiner verstandlich ge- 
macht werden kann, wie gewisse Krafte, die dazumal dem menschlichen 
Werden und dem Erdenwerden iiberhaupt bei der Verbreitung des 
Christentums eingepragt und eingeimpft worden sind, heute noch fort- 
wirken, das riihrt nur davon her, daft man heute, nach den ja oftmals 
charakterisierten Meinungen, die nun einmal in unserer Zeitgenossen- 
schaft herrschen, nicht auf die tieferen Impulse, auf die tieferliegenden 
Krafte sieht, die in den Zeitereignissen wirken, und alles nur unter dem 
Gesichtspunkte desjenigen betrachten mochte, was sich so an der Ober- 
flache abspielt. Die tieferen geistigen Krafte sind ja heute dem Menschen 
aus dem Grunde nicht zuganglich, weil man deren Betrachtung nicht 
eigentlich liebt. Wer aber nur sich ein wenig einlassen will auf dasjenige, 
was dem Oberflachengeschehen in unserer Zeit zugrunde liegt, der 
wird in manchem Dokumente, das in unserer Zeit an die Oberflache 
des Daseins tritt, als wirksame Kraft - sogar in manchem, das da und 
dort geschieht bei den Menschen, die sich nicht bewufit sind, unter 
welchen Impulsen sie handeln -, der wird unter allem Impulse gewahr 
werden, die oftmals ein Fortwirken, sogar ein Wiedererscheinen ge- 
wisser, besonders in den ersten Jahrhunderten der Verbreitung des 
Christentums auftretender Impulse sind. Es ist gar nicht einmal mog- 
lich, die bedeutungsvollsten, man konnte sagen, Auferweckungen alter 
Impulse in unserer Zeit heute zu charakterisieren, weil die Menschen 
eine solche Charakteristik nicht vertragen. Aber derjenige, der von ei- 
nem gewissen Gesichtspunkte aus gerade die ersten christlichen Jahr- 
hunderte in Europa betrachtet, der wird darauf kommen konnen, wel- 



che Krafte wirksam sind und wieder erscheinen. Daher war ich und bin 
ich bestrebt, gewisse Erscheinungen, die mit der Ausbreitung des 
Christentums in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrech- 
nung zusammenhangen, gerade jetzt vor Ihre Seele zu fiihren, weil Sie 
durch den entsprechenden Gebrauch der dadurch erlangbaren Vorstel- 
lungen gerade vieles in der Gegenwart von selbst durch die eigene Seele 
werden verstehen konnen. 

Ich will nun heute einiges, das sich aufbaut auf unsere letzten Be- 
trachtungen, herbeitragen, das dann einer spateren Ausfiihrung noch 
unterliegen wird, das wir aber zuerst einmal uns anschauen wollen, 
damit diese spatere Betrachtung fruchtbar wird sein konnen. 

Sehen Sie, ich habe Ihnen ofter von dieser eigentumlichen, merkwiir- 
digen Tatsache gesprochen, dafi die ersten romischen Casaren, die ro- 
mischen Kaiser, in einer gewissen Weise sich die Initiation erzwungen 
hatten. Und dafi gerade manche Handlungen der romischen Kaiser un- 
ter diesem Einflusse geschehen sind, der davon kam, daft sie sich die 
Initiation erzwungen hatten und daher gewisse Dinge wufiten, die mit 
den Weltenereignissen, mit den grofien Impulsen der Weltenereignisse, 
zusammenhingen, aber dafi sie eben, wie wir das letzte Mai gesehen ha- 
ben, diese Initiationsgeheimnisse in ihrer Art ausniitzten. 

Nun handelt es sich bei der Betrachtung dieser Dinge vor allem dar- 
um, zuerst einzusehen, dafi das Hereinkommen des Christus-Impulses 
in die weltgeschichtliche Bewegung der Menschheit nicht blofi ein au- 
fieres Ereignis des physischen Planes war, welches man versteht, wenn 
man geschichdich die Tatsachen, die uberliefert sind, betrachtet, son- 
dern dafi es ein wirklich geistiges Ereignis war. Ich habe schon darauf 
hingewiesen, dafi etwas Tieferes hinter den in den Evangelien auftre- 
tenden Mitteilungen liegt, dafi den Christus die Damonen erkannt ha- 
ben. Es wird erzahlt, dafi der Christus Heilungen vollfuhrt hat, welche 
in den Evangelien dargelegt werden als Damonen- Austreibungen. Und 
wir werden immer wiederum darauf aufmerksam gemacht, dafi auf der 
einen Seite die Damonen, die auf diese Weise gewissermafien aus dem 
Menschen herauskamen, eine Kenntnis davon hatten, wer der Christus 
sei; und auf der anderen Seite wiederum werden wir immer darauf hin- 
gewiesen, dafi der Christus selbst zu den Damonen sagte, dafi es nicht 



an der Zeit ist, von ihm zu sprechen, dafi sie ihn, wie es in der gangba- 
ren Evangelien-Ubersetzung heifit, nicht «verraten» sollen. So dafi 
man also sagen kann: Als der Christus auftrat, waren nicht etwa blofi 
die Urteile der Menschen beteiligt. Es hatte sein konnen, dafi die Men- 
schen zunachst nicht die geringste Ahnung gehabt hatten, was hinter 
dem Auftreten des Christus stak. Aber die Damonen, die Geister, die 
also gedacht waren angehorend einer iibersinnlichen Welt, die haben 
ihn erkannt. Wir sehen, es ist also ein Ereignis, bei dessen Erkenntnis 
die iibersinnliche Welt mitspielt. Und diese Erkenntnis vor alien Din- 
gen ist es, die von den kenntnisreicheren Fiihrern der ersten Christen 
mit einer grofien Intensitat festgehalten worden ist: dafi das Christen- 
tum gekommen ist nicht blofi als ein irdisches Ereignis, dafi sich da 
nicht etwas abgespielt hat blofi in der Erdenwelt, sondern etwas, was 
die geistige Welt angeht, was in der geistigen Welt gewissermafien eine 
Art Revolutionierung hervorgerufen hat. Das ist es, was von diesen 
Fiihrern und den Geistern der ersten Christenheit streng und stark fest- 
gehalten worden ist. 

Nun ist es eine eigentiimliche Erscheinung, dafi gerade die romischen 
Casaren, welche also um gewisse Dinge, gewisse Geheimnisse der gei- 
stigen Welt wufiten, da sie sich die Initiation erzwungen hatten, dafi 
diese romischen Casaren mehr oder weniger durchaus, gerade durch 
ihre Initiation, eine Ahnung hatten von der ganzen, grofien, weitge- 
henden Bedeutung des Christus-Impulses. Selbstverstandlich gab es un- 
ter den romischen Casaren solche, die, trotzdem sie sich die Initiation 
erzwungen hatten, nicht viel verstanden von den Geheimnissen; aber es 
gab auch solche, die so viel verstanden, dafi sie die Wirksamkeit, die 
Kraft des Christus-Mysteriums ahnen konnten. Und gerade die begab- 
teren und einsichtsvolleren dieser initiierten Casaren, die fingen an, eine 
gewisse Politik zu verfolgen gegeniiber dem sich verbreitenden 
Christentum. Sogar der erste Kaiser nach dem Augustus, Tiberius, fing 
schon damit an. Obwohl man da einwenden konnte: Ja, da hatte das 
Christentum ja noch gar keine Verbreitung - so gilt dieser Einwand 
nicht. Denn Tiberius, als in gewissem Sinne in die alten Mysterien ein- 
geweiht, wufite genau, dafi es sich um Bedeutsames handelte, als ihm 
von Palastina aus gemeldet worden war, was da als Christus-Impuls in 



die Welt eingezogen war. Und so mussen wir schon ein wenig hin- 
schauen, wie schon unter Tiberius jene Politik begann, welche die initi- 
ierten romischen Casaren gegeniiber dem Christentum befolgt haben. 
Tiberius hat gerade seinen Willen kundgegeben, der darin bestand, 
Chris tus aufzunehmen als einen der Gotter unter die anderen romi- 
schen Gotter. 

Das romische Weltreich hat ja gegeniiber der Gotterverehrung eine 
ganz bestimmte Politik befolgt. Im wesentlichen bestand diese Politik 
darin, daft, wenn die Romer iiber ein Volk den Sieg davongetragen hat- 
ten, es erobert hatten, sie mit dem Volke dann auch dessen Gotter in 
ihren Gotter-Olymp aufnahmen. Das heiflt, sie sagten: Diese Gotter 
diirfen auch verehrt werden, und unsere Gotter sind eben um die Zahl 
dieser Gotter vermehrt. Sie hatten eben in ihre Gotter-Familie einige 
andere aufgenommen, und so hatten sich nach und nach die romischen 
Gotter selber auf diese Weise vermehrt. Das war gewissermafien die 
Politik, welche die romischen Herrscher befolgten, um all dasjenige, 
was sie erobern wollten, wirklich auch mit dem Geistigen, dem Seeli- 
schen, heriiberzunehmen. Und da namentlich solch ein initiierter Casar 
weit davon entfernt war, in den Gottern nur die aufieren Bilder zu se- 
hen, weit davon entfernt war, in den Gottern nur das zu sehen, was das 
Volk sah, sondern wufite, daft hinter dem, was in den Bildern der Got- 
ter aufgestellt war, wirklich geistige Machte schon vorhanden waren aus 
den verschiedensten Hierarchien, so war diese Politik eine durchaus 
verstandliche, eine durchaus begreifliche; denn es wurde ja bewufker- 
mafien der Kraft des romischen Herrschaftsprinzips eingefugt die Kraft, 
die in der Aufnahme der Gotter, der Aneignung der Gotter, liegen soll- 
te. Und in der Regel wurde nicht nur aufierlich exoterisch die Gotter- 
religion ubernommen, sondern es wurden in den romischen Initiations- 
statten auch die Geheimnisse der fremden Mysterien mit aufgenommen 
und mit dem Mysterienkultus des alten romischen Reiches verbunden. 
Und da dazumal eben durchaus die Anschauung war, daft man ohne 
geistige Krafte, wie sie die Gotter reprasentieren, nicht regieren solle 
und konne, so war das, wie gesagt, eine ganz verstandliche Sache. 

Tiberius wollte also erreichen, dafi auch die Kraft des Christus, wie 
er sich sie vorstellte, einfach eingefugt werde den Impulsen, die von den 



anderen von ihm und seinen Volkern anerkannten gottlichen Machten 
ausgingen. Der romische Senat vereitelte dem Tiberius dieses Ansinnen, 
und es kam nicht zustande. Aber immer wieder haben die initiierten 
Casaren diesen Versuch gemacht. Hadrian zum Beispiel hat diesen Ver- 
such gemacht. Aber immer wiederum straubten sich die Wiirdentrager, 
diejenigen, die einen gewissen Einflufl geltend machen konnten, gegen 
diese Politik der initiierten Casaren. Nun, wenn man priift, was eigent- 
lich vorgebracht wurde gegen diese Politik der initiierten Casaren, dann 
bekommt man gerade durch diese Priifung eine gute Vorstellung davon, 
was in diesem allerbedeutsamsten Wendepunkt der menschlichen Er- 
denentwickelung eigentlich gespielt hat. 

Es ist ein merkwiirdiges Zusammentreffen, das uns da vor Augen tre- 
ten kann. Sehen Sie, unzahlige Male ist von romischen Schriftstellern, 
romischen einflufireichen Personlichkeiten, und von da ausgehend auch 
innerhalb des grofteren romischen Volkes immer wieder geltend ge- 
macht worden gegen die Christen, so wie sie dazumal sich zeigten, wie 
sie sich ausbreiteten: daft diese Christen dasjenige fur unheilig halten, 
was die anderen fur heilig halten, und dafi sie dasjenige fur heilig hal- 
ten, was die anderen fur unheilig halten. Das heifit, es wurde von seiten 
der Romer darauf aufmerksam gemacht, immer wieder darauf hinge- 
wiesen, dafi diese Christen sich radikal unterscheiden in ihrem Denken, 
in ihrem Fiihlen, in ihrem Empfinden von den Romern und von alien 
anderen Volkern; denn die anderen Volker hatten die Romer gewisser- 
mafien mit ihren Gottern eben aufgesogen. Sie sehen daraus, dafi es 
schon so war, dafi alle Welt gewissermafien die Christen als andere 
Leute ansah, als Leute mit anderen, mit sogar entgegengesetzten Emp- 
findungen und Gefuhlen. Nun konnte man das einfach damit abtun, 
dajR man sagte, das ware eine Verleumdung. Mit solchen Dingen ist 
man ja bald zur Hand, nicht wahr, wenn man oberflachlich die Ge- 
schichte ansehen will. Aber man wird nicht sagen, das sei eine Ver- 
leumdung, wenn man folgendes bedenkt: Vieles ist dem Wortlaute nach 
- Sie wissen ja, solchen Wortlaut uberschatzen wir nicht, aber gerade 
deshalb, weil wir ihn nicht uberschatzen, diirfen wir ihn hervor- 
heben -, vieles ist dem Wortlaute nach aus den Anschauungen der Vor- 
und Mitwelt gegeniiber dem Mysterium von Golgatha in die Lehre der 



Christen iibergegangen. Besser konnte man sagen: Die Christen haben 
mit Worten ihre Empfindungen ausgesprochen, die bei manchen ihrer 
Zeitgenossen schon zu finden waren. Einer derjenigen, der vielleicht 
wirklich dem Wortlaute nach dasjenige hat, was bei den Christen wie- 
derum aufgetreten ist, das ist Philo von Alexandrien, den ich ja auch 
schon ofter hier erwahnt habe, ein Zeitgenosse des Christus. Philo von 
Alexandrien hat nun einen merkwiirdigen Satz; der lautet einfach: Nach 
dem, was mir iiberliefert ist, muE ich dasjenige hassen, was die anderen 
lieben - und er meint die Romer -, und dasjenige lieben, was die ande- 
ren hassen - er meint die Romer. Und wenn Sie diesen Satz des Philo 
ins Auge fassen und dann in den Evangelien nachschauen, so werden 
Sie unzahlige Anklange, namentlich im Matthaus-Evangelium, an die- 
sen Satz des Philo finden. So daft man schon sagen kann: das Christen- 
tum ist wie aus einer geistigen Aura herausgewachsen, welche bedingt, 
daft gesagt wurde: Wir lieben dasjenige, was die anderen hassen. Das 
heiftt, die Christen - und dieser Satz wurde oftmals in Christen-Ge- 
meinschaften der ersten Zeit ausgesprochen, war sogar einer der Haupt- 
satze bei chrisdichen Unterweisungen -, die Christen sprachen selber 
das aus, was ihnen die anderen vorwarfen. Es war also keine blofie Ver- 
leumdung, sondern es trifft zusammen mit dem, was die Romer sagten: 
Die Christen lieben, was wir hassen, und hassen, was wir lieben. Aber 
die Christen sagten auf der anderen Seite dasselbe in bezug auf die Ro- 
mer. 

Daraus sehen Sie, daft wirklich - sonst hatte sich das ja nicht in so 
starker Weise zum Ausdruck bringen konnen -, daft wirklich etwas von 
dem Vorhergehenden ungeheuer Verschiedenes da in die Weltentwicke- 
lung der Menschheit eingetreten ist. Naturlich mufi man, wenn man 
diese ganze Situation beurteilen will, sich klar sein, daft das, was einge- 
treten ist, wirklich herabgekommen ist aus geistigen Welten, und daft 
manche, die Zeitgenossen waren des Mysteriums von Golgatha, wie 
Philo, es in gebrochenen Strahlen gesehen und dann auf ihre Art ausge- 
sprochen haben. So daft man manchmal Evangelienworte, die man 
heute vielfach nun so deutet, wie ich Ihnen das bei jenem Manne am 
Schlusse des letzten Vortrages angefuhrt habe, die man heute der Op- 
portunist der Menschen anpafit, erst im rechten Lichte sehen wird, 



wenn man sich nicht auf den Standpunkt stellt, in beliebiger Weise zu 
interpretieren, sondern wenn man aus dem ganzen Geiste der Zeit her- 
aus wirklich die Interpretation gestalten wird. Es sind merkwiirdige 
Satze in den Evangelien. Sie werden ja wirklich heute zuweilen recht 
merkwiirdig interpretiert. Aber es klingt gerade bei Philo manches stark 
an die Evangelien an. So mochte ich Ihnen einen Satz aus Philo mittei- 
len, aus dem Sie sehen werden, dafi Philo, nur weil er nicht so inspiriert 
ist wie die Evangelisten spater, in einer etwas anderen Weise schrieb 
als diese; weil er mehr im weltmannischen Sinne schriftgewandt war, 
driickte er manches so aus, dafi man, um ihn zu verstehen, nicht so viel 
braucht, wie man bei den Evangelisten braucht, um die Evangelien zu 
verstehen. Einen merkwiirdigen Satz finden Sie bei Philo, der aber aus- 
driickt manches, was da hereingekommen ist in die Herzen und in die 
Kopfe der Menschen. Da sagt Philo: Lasset die Erbschaftsregister und 
die Dokumente der Despoten, lasset uberhaupt alles Leibliche laufen; 
schreibt weder dem sogenannten Burger Biirgerrechte und Freiheitsvor- 
rechte, noch dem niedrig Geborenen oder durch Kauf erlangten Skla- 
ven Unfreiheit zu, sondern seht allein auf die Abstammung der Seele! - 
Sie werden, wenn Sie mit Verstand das Evangelium lesen, nicht ver- 
kennen, dafi, allerdings in eine besondere geistige Sphare herauf- 
gehoben, etwas von dieser Gesinnung gerade die Evangelien durchgluht, 
und dafi daher ein heutiger Opportunistling eben schon sagen kann 
das, was ich Ihnen das letzte Mai vorgelesen habe, und was jedenfalls 
wert ist, dafi wir es uns recht gut einpragen, daher ich es noch einmal 
vorlesen will: 

«Es ist vergebliche Miihe, das Jenseits zu suchen. Es existiert viel- 
leicht nicht einmal, und wie wir's auch anpacken, wir konnen nichts 
davon erfahren. Uberlassen wir jedweden Okkultismus den Erleuchte- 
ten und den Gauklern; welche Form der Mystizismus auch annehmen 
mag, er widerspricht der Vernunft. Aber geben wir uns dennoch der 
Kirche hin. . . weil sie mit der Autoritat der Jahrhunderte und grofier 
praktischer Erfahrung die Regeln jener Ethik formuliert, die man die 
Volker und Kinder lehren mufi. Und endlich weil sie, weit davon ent- 
fernt, uns dem Mystizismus auszuliefern, uns direkt gegen ihn vertei- 
digt, die Stimmen der geheimnisvollen Haine zum Schweigen bringt, 



die Evangelien auslegt, und den grofimutigen Anarchismus des Heilan- 
des den Bedurfnissen der Gesellschaft opfert.» 

Gerade bei einem solchen Satz, wie dem, den ich Ihnen eben aus 
Philo mitgeteilt habe, konnen Sie sehen, da er in der Bibel, in dem 
Neuen Testament, immer wiederum anklingt, was eigentlich hinter die- 
ser ganzen Bewegung steckt. Und wenn Philo von der Abstammung 
der Seele spricht, so meint er viel, aber er meint allerdings etwas, was 
sich aufbaumt gegen alle Anschauungen, die im Romerreiche die mafi- 
gebenden waren. Denn im Romerreiche gait nur die Abstammung des 
Leibes, in den verschiedensten Formen, selbstverstandlich; und die 
ganze soziale Ordnung war aufgebaut auf die Abstammung des Leibes. 
Und hineingeworfen wurde da auf einmal das Wort: «Lasset laufen alle 
Abstammung des Leibes und sehet nur auf die Abstammung der Seele !» 
Man kann sich etwas, was radikaler brach mit alien Prinzipien des 
Romerreiches, gar nicht vorstellen. Das gibt es nicht, daft ein grofierer 
Gegensatz vorgestellt werden konnte. Und dieser Gegensatz, der 
wurde durch das Auftreten des Christus Jesus auf ein hoheres Niveau 
erhoben - die Welt wartete ja auf ihn -, er wurde auf ein hoheres Ni- 
veau erhoben und mit aller Impulsivitat der damaligen aufleren Welten- 
ordnung entgegengesetzt. 

Man kann sagen: Es hatte den romischen Casaren schon recht sein 
konnen, das, was da auftrat, was aber den Grundnerv ihrer Sozialitat 
negierte, in das Pantheon ihrer Gotter einzureihen als einen neuen Gott 
in den Kreis ihrer vielen anderen Gotter; damit ware er, der Christus- 
Gott, hinter dem so viel Tieferes steckt, trivial ausgedriickt, einer der 
ihrigen geworden. Aber diese initiierten Casaren, die sollten merken, 
dafi sie es nicht leicht haben wiirden mit dem, was da aus geistigen Ho- 
hen zu ihnen gekommen war. Wenn Krafte der Initiation so stark 
aufierlich wirksam sind, wie sie aufterlich wirksam sein miissen, wenn ein- 
fach ein Zwangsgesetz geworden ist, daft die Casaren initiiert werden 
miissen, wie es nach dem Augustus in Rom der Fall war, dann wirken 
natiirlich mit alledem, was die Casaren aufierlich verrichten, bedeut- 
same Krafte mit. Sie wirken sozusagen in den Maftnahmen, in den Im- 
pulsen, durch welche die Sozialitat gestaltet wird. Und da zeigen sich 
die Absichten starker, als sie sich fur den gewohnlichen initiierten Men- 



schen zeigen. Denn nehmen wir an, irgendeiner der Casaren, den die 
Initiation beriihrt hat, hatte gesagt: Nun ja - ich meine, nehmen wir das 
hypothetisch an da trat der Taufer auf mit der Wassertaufe. Durch 
diese Wassertaufe wurden die Atherleiber gelockert - selbstverstandlich 
wufiten das die initiierten Casaren -, dadurch erlangten die Tauflinge 
Einsicht in das innere Gefuge der geistigen Welt, sie wuftten vor alien 
Dingen, da£ jetzt ein Weltenwendepunkt ist. - Denn das wulken dieje- 
nigen, die getauft worden sind durch das Untertauchen in das Wasser; 
dadurch, dafi ihre Atherleiber gelockert wurden, wufiten sie gerade das 
Geheimnis der Weltenwende. Und denken Sie sich, solch ein initiierter 
Casar hatte gesagt: Ich will den Kampf auf nehmen - das gab es inner- 
halb der Mysterien -, ich will den Kampf auf nehmen gegen das, was da 
in die Weltenwende hereingetreten ist! - Von dem Machtwillen dieser 
Casaren mufi man sich nur eine geniigend starke Vorstellung machen. 
Sie sind nicht darauf verfallen, dafi sie etwa ohnmachtig sein konnten 
gegen den Willen der Gotter, sondern sie haben - dazu liefien sie sich ja 
initiieren -, sie haben durchaus beschlossen, es mit den geistigen 
Weltenimpulsen aufzunehmen, gewissermafien dem Weltenlaufe sich 
entgegenzustemmen. Das ist zu anderen Zeiten auch geschehen. Ge- 
schieht auch heute. Nur merken es heute die Leute nicht, wissen es 
nicht. 

Nun ist dieser Hypothese gegeniiber, die ich jetzt aufgestellt habe, 
folgendes geschehen: Licinius, der zur Zeit des Konstantin mitregiert 
hatte den anderen Teil des Reiches, der hat ungefahr die Empfindung 
gehabt, sich den Gottern entgegenzusetzen. Er wollte ein Zeichen 
verrichten, denn in solchen Zeichen, Kult-Zeichen, Kultus-Zeichen, 
druckt sich gewissermafien der Kampf gegen die geistigen Machte aus, 
Er wollte ein Kult-Zeichen verrichten, durch das manifestiert werden 
sollte in der aufieren physischen Welt: Ich nehme diesen Kampf auf! Er 
wollte - mit anderen Worten sei es gesagt - die Taufe, durch die her- 
ausgekommen war vor der ganzen Welt: «Weltenwende ist da!», vor 
der ganzen Mitwelt verspotten und damit das Christentum bekampfen, 
ihm die Starke seines Impulses abstumpfen. Dazu wurde ein besonderes 
Fest veranstaltet, ein Schaufest zu Heliopolis. Ein Mime, Gelasinus, 
wurde veranlafit, im weifien Taufgewand untergetaucht zu werden in 



warmes Wasser. Das sollte als Schaustiick aufgefiihrt werden, und dies 
sollte der Hohn sein auf die christliche Taufe. Was geschah? Gelasinus 
wurde also ins priesterlich-weifie Gewand gehiillt, wurde untergetaucht 
ins warme Wasser, wurde herausgezogen, und nun sollte er zum Ge- 
spotte da sein. Und was geschah? Nun, er sagte: «Jetzt bin ich Christ 
und bleibe es mit alien Kraften meiner Seele!» Das heiftt, es war dem 
Licinius die Antwort der geistigen Welt zugekommen: statt der Ver- 
spottung der Taufe war die Wirkung der Taufe eingetreten. Er hat er- 
kannt die Weltenwende. - Solch ein initiierter Casar, wie der Licinius 
war, der nahm es also auf, die Gotter zu fragen, mit Gottern zu kamp- 
fen, und holte sich die absagende Antwort. 

Gewifi, in unserer Zeit wird man keine rechte Vorstellung sich ma- 
chen konnen von der Bedeutung, die eine solche Antwort hat. Dazumal 
war sie fur alle Menschen, auch fur die Heiden, eine vollgultige Ant- 
wort, eine Antwort, mit der man schon rechnete. Es war ja auch von 
anderer Seite gewissermaften in das Bewufitsein gerade der mit den Ge- 
heimnissen des Weltgeschehens bekannten Leute der damaligen Zeit 
etwas gekommen, was sie vertraut machte mit den Gedanken, die durch 
die Ausbreitung des Christentums heraufkamen. Aus alten Zeiten hat- 
ten sich ja die verschiedensten Gebrauche fortgepflanzt, die aber alle ei- 
nen okkulten Sinn hatten. In der Antoninen-Zeit sprachen die Sibyllen; 
oder man horte und suchte sich Rat bei ihnen, bei den Sibyllinischen 
Orakeln. Und ein bedeutsames Orakel aus der Antoninen-Zeit hatte 
ausdriicklich festgestellt: Rom ist dem Untergang geweiht; das alte 
Rom wird nicht fortbestehen konnen! Nun, Orakel sprechen ja so, daft 
man sie vieldeutig, aber auch recht verstehen kann. Dieses Orakel 
sprach merkwiirdig. Es sagte: Rom werde untergehen, und an der Stel- 
le, wo das alte Rom war, werden Fuchse und Wolfe hausen, die ihre 
Macht entf alten werden. - Das war auch etwas, womit man rechnete. 
Naturlich suchte man hinter all dem einen tieferen Sinn; aber, dafi Wel- 
tenwende ist, das fiihlte man. Das, was in Rom geherrscht hat, das wird 
verglimmen. Fuchse und Wolfe werden da sein, die werden von da aus 
ihre Herrschaft entfalten. Naturlich, Orakel sprechen vieldeutig; und 
zuweilen ging auch dazumal durch einen gewohnlichen, nicht einge- 
weihten Weisen die Aura der Initiation, so dafi er manchmal merkwiir- 



dige Dinge sprach, die nur im volligen Zusammenhang mit der Zeit der 
Weltenwende zu verstehen sind. 

Ich habe Ihnen das letztemal von Nero erzahlt, was dieser initiierte 
Casar eigendich dachte. Er wollte die Welt anziinden, urn bei dem 
Weltenende selbst dabei zu sein. Also er wollte gewissermafien, wenn 
schon das Ende Roms kommen sollte, wenigstens dieses Ende Roms, 
das heifit die Herrschaft des Erdkreises von Rom aus, in der Hand ha- 
ben. Seneca warnte ihn einmal, warnte ihn in einem merkwiirdigen 
Ausspruch. Diesen Ausspruch versteht man nur, wenn man eben weifi, 
dafi die romischen Casaren im Besitz des Initiierten-Prinzips sich selber 
mit Gdtter-Machtvollkommenheit ausgeriistet glaubten, welche ent- 
sprechende Verehrung ihnen gerade die Christen nicht darbringen woll- 
ten. Seneca sagte zu dem Casar Nero: Du vermagst vieles - er wufite 
dem Gewaltmenschen die Sache nicht anders beizubringen -, du ver- 
magst vieles, du kannst vieles, auch toten lassen die, von denen du 
glaubst, daft sie irgend etwas werden beitragen konnen zu der Weltord- 
nung, die nach dem Untergang des alten Rom kommen wird. Allein ei- 
nes ist, was kein Despot vermag - so sagte Seneca -, er kann namlich 
seinen Nachfolger niemals ermorden lassen. - Es war ein sehr bedeut- 
sames, tiefes Wort. Sie durfen natiirlich nicht darunter verstehen den 
eventuell bestimmten Nachfolger, sondera wirklich den Nachfolger. 
Seneca wollte ihm bedeuten, dafi der Tod seiner Macht eine Grenze 
setzt. So dafi schon gerade in Romerkreisen diese Tradition eine be- 
deutsame Rolle spielt, die Tradition von dem Untergange Roms. 

Und merkwurdig ist es, dafl gerade in dieser Tradition wiederum die 
Christen sich radikal unterschieden von den Romern. Und jetzt kommt 
etwas sehr Paradoxes: Die Christen unterschieden sich dadurch, dafi sie 
gerade bei sich, wenn sie unter sich waren, die These verfochten, dafi 
Rom nicht untergehen werde, sondern bis ans Ende, wobei man immer 
dachte an das Ende eines Zyklus, die Herrschaft Roms dauern werde. 
Also gerade die Christen waren es, welche die These verfochten, dafi 
die Herrschaft Roms fortdauern werde, dafi sie gewissermafien die 
Wolfe und die Fiichse iiberdauern werde. Nicht als ob die Christen ge- 
sagt hatten, um jetzt ein biftchen ebenso zu sprechen, wie das Orakel: 
es wiirden in Rom nicht Wolfe und Fiichse hausen oder herrschen; das 



haben sie nicht negiert, aber sie haben dem entgegengesetzt: die Herr- 
schaft Roms wird fortdauern. 

Alle diese Stimmungen, die mufi man wirklich ganz entsprechend ins 
Auge fassen. Manches davon ist ja sogar verwirklicht worden. So zum 
Beispiel die Mutter des Alexander Severus, die eine Schulerin des Ori- 
genes war - denken Sie, des Origenes, der, wenn auch als ein verdach- 
tiger, aber doch als eine Art Kirchenvater angesehen wird -, also die 
Mutter des Alexander Severus, die eine Schulerin war des Origenes, die 
hatte es fur sich zu ihrem Privatgebrauch durchgefiihrt, sich eine Art 
Pantheon der Verehrung aufzurichten. Denn sie verehrte gleichzeitig in 
ihrer Privatkammer: Abraham, Orpheus, Apollonius von Tyana und 
Christus, und hielt durchaus die Verehrung dieser Vier - Abraham, 
Christus, Orpheus, Apollonius von Tyana - fur ihr eigenes Heil not- 
wendig und richtig. Also immerhin fand sie es, die doch eine gute 
Schulerin des Origenes war, gar nicht als der Lehre des Origenes wider- 
sprechend, sich so zu verhalten. 

Nun, wenn wir so diese Stimmungen festhalten, die ich Ihnen mit ei- 
nigen Strichen anzudeuten versuchte, so haben wir in ihnen etwa die 
Stimmungen der ersten Jahrhunderte bis ins vierte Jahrhundert hinein. 
Und wir finden immer wieder und wiederum in dieser Zeit initiierte 
Casaren, welche bestrebt waren, gewissermafien das Christentum mit 
unter ihre Religionssysteme aufzunehmen, sich mit dem Christentum 
abzufinden. Trotz der von der Geschichte mitgeteilten Christen- Verfol- 
gungen ist das doch richtig; wir finden das bis ins 4. Jahrhundert hinein. 

Im vierten Jahrhundert tritt ja, wie Sie wissen, eine merkwiirdige 
Personlichkeit auf in dem Kaiser Konstantin, dem Zeitgenossen des 
Licinius - eine merkwiirdige Personlichkeit. Konstantin war eine aufier- 
ordentlich bedeutende Personlichkeit, auch eine geistig bedeutende Per- 
sonlichkeit; und ich habe ja bei anderen Gelegenheiten darauf hingewie- 
sen, wie Geistiges hereinwirkte gerade in der Personlichkeit des Kon- 
stantin, gewissermafien in der Fiihrung des Abendlandes, die ja eine 
komplizierte ist. Wir wollen ihn heute von einem anderen Gesichts- 
punkte betrachten. 

Sehen Sie, er war eine bedeutende, auch eine geistige Personlichkeit, 
aber seine geistige Artung war so, dafi er kein rechtes Verhaltnis zu der 



alten Initiation finden konnte. Er konnte kein rechtes Verhaltnis zu der 
alten Initiation finden. Er schreckte gewissermaften zuriick vor dem, 
wovor seine Vorfahren und Zeitgenossen nicht zuriickgeschreckt sind: 
die Initiation in die alten Mysterien sich zu erzwingen. Er hatte gewis- 
sermafien Furcht davor, sich die Initiation in die alten Mysterien zu 
erzwingen. Dabei lastete auf seiner Seele das Sibyllinische Orakel, laste- 
ten alle die anderen Dinge, die man dazumal wufite iiber den Nieder- 
gang Roms, des Romischen Reiches und so weiter. Allerdings, auch das 
andere wufite er, dafi die Christen die Tradition, die These haben, dafi 
Rom sich bis ans Ende der Welt erhalten werde. Uber alle diese Dinge 
wufite er Bescheid. Aber er schreckte zuriick vor der Initiation in die 
alten Mysterien. Er schreckte davor zuriick, gewissermafien in den My- 
sterien den Kampf mit dem Christentum aufzunehmen. Das ist aufier- 
ordentlich bedeutsam. 

Was Ihnen in der Geschichte nun erzahlt wird iiber den Kaiser Kon- 
stantin, das ist ja aufterordentlich interessant und zeigt Ihnen, wie Kon- 
stantin auf eine andere Weise ein Verhaltnis zum Christentum zu 
gewinnen versuchte, wie er gewissermaften als der grofie Protektor des 
Christentums auftrat, wie er das Romische Reich eigentlich ganz mit 
dem Christentum, so wie er es verstand, durchsetzte. Aber er konnte 
nicht recht ankniipfen dieses Christentum an das alte Initiationsprinzip. 
Da lag ja auch eine grofie Schwierigkeit vor; derm die Christen selber 
und ihre Fuhrer hatten sich gegen das gestraubt, durchaus gestraubt, 
und zwar aus dem Grande, weil sie ein Gefiihl dafiir hatten, viele auch 
eine Einsicht hatten, dafi durch das Christentum das alte Mysterium, das 
in den Mysterientempeln verhiillt war, auf den Schauplatz der Weltge- 
schichte herausgetragen werde und so vor alle Welt hingestellt worden 
ist. Sie wollten vor alle Welt die Mysterienwahrheiten hinstellen, nicht 
sie einschliefien in die Tempel. Und diese initiierten Casaren wollten im 
Grunde genommen nichts anderes, als das Christentum hereinnehmen 
wiederum aus der Welt in die Mysterientempel. Dann waren die Leute 
in das Christentum auf ahnliche Weise initiiert worden, wie sie initiiert 
worden sind in die Geheimnisse der alten Gotterlehre. Aber gegen das, 
was die Christen selber anstrebten, war es auch fur Konstantin schwer, 
durchzudringen, denn die Christen verstanden damals unter dem Im- 



puis, der nach ihrer Meinung bei dieser Weltenwende durch die Welt 
gehen sollte, einen durchaus geistigen Impuls. Und von diesem Ge- 
sichtspunkt eines durchaus geistigen Impulses mufi man auch ihre 
These verstehen: «Das Romische Reich wird fortbestehen.» Diese The- 
se, die tritt in einer ganz besonders deutlichen Weise zutage, wenn 
man, ich mochte sagen, die Geheimlehre der ersten Christen ins Auge 
fafk. Sie wollten namlich mit diesem Fortbestehen des Romischen Rei- 
ches dasjenige damals schon andeuten, was ja auch geschehen ist. Ich 
habe Ihnen schon neulich gesagt: Dasjenige, was der eigentliche tiefere 
Impuls des Imperium Romanum war, das hat ja nicht aufgehort, es lebt 
fort; und nicht nur die Jurisprudenz, wie ich Ihnen gesagt habe, enthalt 
die Impulse des Imperium Romanum. Ja, das ist das Bedeutsame, dafi 
im einzelnen mancherlei aufgetreten ist, was diejenigen, die nicht tiefer 
sehen, als etwas Neues ansehen; in Wahrheit aber ist eigentlich zu dem, 
was in den Impulsen des Imperium Romanum lag, auf einem gewissen 
Gebiete spater nichts hinzugekommen. Man hat eine Fortsetzung des 
Imperium Romanum; das hat sich ausgebreitet. Wenn auch das alte 
Romerreich nicht mehr ist, sein Geist lebt aber weit, weit verbreitet 
fort und tief eingreifend fort. 

Gewisse Leute, welche die Geheimnisse kennen, sprechen in der Ge- 
genwart davon, dafi dasjenige, was bis in unsere Zeit und immer umge- 
hen wird, das Gespenst des alten Romischen Reiches ist, das iiberall 
mitten unter uns lebt. Das ist eine standige Formel fur diejenigen, die in 
solche Dinge eingeweiht sind, bis heute, und wird es immer sein. Dar- 
auf wollten die Christen hinweisen. Aber sie wollten zu gleicher Zeit 
sagen: In dem, was Christentum ist, wird immer etwas liegen, was die- 
ses Imperium Romanum zu bekampfen hat. Immer wird das Obersinn- 
liche des Christentums im Kampfe stehen mit dem Sinnlichen des Im- 
perium Romanum. Also es lag in dieser These eine Vorhersage, eine 
Weissagung. 

Und jetzt verstehen Sie auch besser, warum die romischen Senatoren 
und Casaren Angst hatten; denn die mufken in ihrer Art den Untergang 
auf das aufiere Reich beziehen, und das sahen sie ja Snick fiir Stuck ab- 
brockeln gerade unter dem Einflufi des Christentums. Und unter die- 
sem Eindruck stand ein solcher Mensch wie der Kaiser Konstantin. 



Ohne initiiert zu sein, wuftte der Kaiser Konstantin folgendes: Es gab 
eine Urweisheit der Menschheit. Diese Urweisheit war eben einmal da, 
sie war in alten Zeiten da, als die Menschen atavistisches Hellsehen 
hatten; sie war dann auf spatere Zeiten iibertragen worden, war be- 
wahrt worden von den Priestern, war allmahlich korrumpiert worden, 
aber sie war da, diese Urweisheit. Auch wir Romer, sagte sich Kon- 
stantin, haben eigentlich in unserer sozialen Ordnung etwas, was mit 
den Institutionen dieser Urweisheit zusammenhangt, nur haben wir es 
begraben unter der auf das aufiere sinnliche Reich gebauten sozialen 
Ordnung. - Das driickte sich aus in einem bedeutsamen Symbolum, 
das eine Imagination ist, aber nicht nur eine Imagination, sondern auch 
eine weltgeschichtliche Kulthandlung, wie diese Imaginationen sehr 
haufig in Kulthandlungen sich ausdriickten; das driickte sich aus darin, 
daft man sagte: Die Weisheit war friiher nicht von den Menschen er- 
dacht gewesen, sondern aus der geistigen Welt heraus geoffenbart. So 
haben sie auch noch unsere allerersten urvaterlichen Priester gehabt, al- 
lerdings nicht in Rom, sondern driiben in Ilion, in Troja, wo unsere 
urvaterlichen Priester waren. Und das driickt sich aus in der Sage von 
dem Palladium, dem so genannten Bildnis der Athene; das Palladium, 
das vom Himmel gef alien war in Troja, das in einem Heiligtum aufbe- 
wahrt wurde, das dann nach Rom gekommen war und unter einer 
Porphyr-Saule begraben war. Die Porphyr-Saule erhob sich dariiber. 
Indem man dies fuhlte, was mit dieser imaginativen Kulthandlung zu- 
sammenhing, fuhlte man: Wir fiihren auch unsere Kultur zuriick auf 
die alte Urweisheit, die aus den geistigen Welten herabgekommen ist, 
aber wir konnen nicht heran zu derjenigen Gestalt, die diese Urweisheit 
im alten Troja gehabt hat. 

Das fuhlte Konstantin. Daher fuhlte er auch, dafi ihm die spateren 
Mysterien, wenn er auch in sie initiiert worden ware, nicht viel helfen 
wiirden; sie wiirden ihn nicht fiihren zu dem Palladium, zu der alten 
Urweisheit. Und da beschlofi denn Konstantin, auf seine Art aufzu- 
nehmen gewissermafien den Kampf mit den Weltenmachten; auf seine 
Art etwas zu tun, um gewissermafien das Prinzip des Imperium Roma- 
num zu retten. Natiirlich war er nicht so toricht zu glauben, dafi das 
nicht geschehen miisse im Sinne, in der Stromung gewisser Welten-Im- 



pulse. Er wulke, daft es geschehen miifite wiederum im Sinne gewisser 
Kulthandlungen, die vor die ganze Weltentwickelung hingestellt wer- 
den. Da beschlofi er denn zuerst, Rom wiederum zuriickzuverlegen 
nach Troja, das vergrabene Palladium ausgraben zu lassen und es wie- 
derum nach Troja zuriickbringen zu lassen. Die Sache vereitelte sich. 
Aus dem Plane, in Troja ein neues Rom aufzurichten, entstand der an- 
dere, Konstantinopel zu griinden und ihm zu iibertragen die Kraft, das 
untergehende Rom fur eine Zukunft zu retten. Er glaubte nun gerade 
dadurch gegen die Weltenwende sich zu stemmen. Er wollte wiederum, 
im Sinne des Sibyllinischen Orakels gesprochen, die Fiichse und Wolfe 
in Rom hausen lassen, aber die geheimnisvollen Impulse von Rom an 
eine andere Statte verpflanzen, gewissermafien an ihren Ursprung zu- 
riickbringen. Und so entstand in ihm der grofie Plan, Konstantinopel 
zu begriinden. 326 wurde das ausgefiihrt. Daft er diese Begriindung im 
Zusammenhang dachte mit den groften Weltenwende-Ereignissen, das 
entnehmen Sie einfach daraus, daft er, als er gewissermafien den Grund- 
stein legte, dazu den Zeitpunkt wahlte, da die Sonne im Schiitzen stand 
und der Krebs die Tagesstunde regierte. Also er richtete sich wohl nach 
den kosmischen Zeichen. Und dann wollte er aus diesem Konstantino- 
pel allerdings etwas ganz Bedeutsames machen. Er wollte den ewigen 
Impuls der ewigen Roma auf Konstantinopel iibertragen. Daher liefi er 
auch die Porphyrsaule heruberverfrachten nach Konstantinopel, die nur 
spater die Stixrme zerstort haben. Und er liefi das Palladium ausgraben 
und unter diese Porphyrsaule legen. Er hatte Uberreste des Kreuzes 
von Golgatha, auch Uberreste der Nagel, mit denen es beschlagen war. 
Die Uberreste des Kreuzes, die verwendete er dazu, eine Art Umrah- 
mung zu machen fur eine besonders wertvolle Apollo-Statue, und die 
Nagel des Kreuzes, um Apollo eine Strahlenkrone aufzusetzen. Das 
wurde auf die Porphyrsaule gesetzt, die ja spater zerstort worden ist. 
Und eine Inschrift war da zu lesen, die ungefahr besagte: Dasjenige, 
was hier wirkt, soil ewig wirken wie die Sonne, und soli die Macht sei- 
nes Griinders Konstantin in die Ewigkeit tragen! - Die Dinge alle sind 
naturlich mehr oder weniger auch imaginativ zu nehmen; aber mit der 
Einschrankung, dafi sie imaginativ zu nehmen sind, bedeuten sie durch- 
aus strikte historische Ereignisse. 



Und die Sage - ich will nur sagen die Sage - hat sich dieser ganzen 
Geschichte bemachtigt. Die ganze Geschichte lebt metamorphosiert in 
der Sage weiter, in der Sage, die ungefahr das Folgende ausspricht: Das 
Palladium, was ja natiirlich ein Symbolum ist fiir eine ganz bestimmte 
Urweisheitsstatte, es war einstmals in den geheimnisvollen Statten der 
trojanischen initiierten Priester; die haben es verborgen gehabt. Dann 
kam es an die Sonne zum ersten Male, indem es auf verschiedenen 
Umwegen heriibergebracht wurde von Troja nach Rom; es kam ein 
zweites Mai an die Sonne, als es von Rom durch Konstantin nach Kon- 
stantinopel gebracht worden ist. Und diejenigen, die die Sage aufneh- 
men, fiigen hinzu: Es wird ein drittes Mai an die Sonne kommen, wenn 
es hinubergetragen wird von Konstantinopel in eine slawische Stadt. 
Diese Sage lebt tief impulsiv in vielem, lebt in der mannigfaltigsten 
Weise. In unserer Zeit kommen ja gar mancherlei Dinge in ihren, ich 
mochte sagen, rein physischen Aspekten zum Vorschein, aber hinter 
diesen physischen Aspekten verbirgt sich dann gar mancherlei. 

Konstantin hat also unmittelbar entgegenwirken wollen dem Unter- 
gang des Imperium Romanum, trotzdem er fest an das Sibyllen-Orakel 
geglaubt hat. Er hat sozusagen Rom seiner eigenen Untergangsstatte 
entreiSen wollen. 

Nun, Sie brauchen ja nur in alledem, was ich Ihnen erzahlt habe, 
wirksame Seelenimpulse in dieser welthistorischen Personlichkeit des 
Kaisers Konstantin zu sehen; dann haben Sie in diesen Seelenimpulsen 
wichtige und wesentliche Zusammenhange, bedeutsame Zusammen- 
hange. Und nehmen Sie dazu, was eben die ersten Christen und ihre 
Fiihrer gesagt haben: Nein, das Imperium Romanum wird nicht unter- 
gehen, es wird bestehen bleiben, und der Impuls, den wir aufgenom- 
men haben, wird sich auch verwirklichen, wird immer da sein, - dann 
haben Sie Bedeutsames nebeneinander, und dann haben Sie eben Be- 
deutsames mit Bezug auf verschiedene Stromungen, die in der abend- 
landischen Kulturentwickelung gewirkt haben. Vor alien Dingen haben 
Sie die Moglichkeit, sich ein Bild davon zu machen, wie man in den er- 
sten Jahrhunderten des Christentums und noch zu Zeiten des Kaisers 
Konstantin iiber Rom, iiber das Imperium Romanum gedacht hat, und 
wie man im radikalen Gegensatz stand zu der Art, in der man sich die 



Zukunft gedacht hat. Und Sie werden vielleicht in Ihrer Seek Anhalts- 
punkte finden, mancherlei von den Ereignissen, die spater gekommen 
sind, in dem rechten Lichte zu sehen. Mancherlei von dem, was spater 
gekommen ist, kann man namlich nur dadurch richtig beurteilen, daft 
man sich die Frage beantwortet: Wie stimmt es bisher mit demjenigen, 
was intendiert war, und was hat zu geschehen, damit es besser stimme? 

Nun wird es uns des weiteren obliegen, auf einen noch wichtigeren 
Moment hinzuweisen in der Entwickelung mit Bezug auf die Ausbrei- 
tung des Christentums, der dann eintrat, als wiederum ein initiierter 
romischer Casar diesem sich entwickelnden Christentum gegeniibertrat, 
namlich Julian, der der Apostat genannt wird. Und daran werden wir 
dann schliefien konnen, gerade aus dieser historisehen Betrachtung 
heraus, eine Betrachtung iiber die Frage: Wie kommt man nun dem 
Christus, der ja seine atherische Gegenwart hereinversetzen wird in die 
Welt in diesem Jahrhundert, - wie kommt man dem Christus durch 
entsprechende Seelenvorbereitung ganz besonders nahe? Wie findet 
man den Weg gerade in unserer Zeit, ihm nahe zu kommen? 

Wie sich dann die Dinge gestaltet haben wiederum unter einem initi- 
ierten Casar, unter Julian dem Apostaten, und die Andeutungen iiber 
das Verhaltnis der Gegenwart zu dem Christus, soweit das heute gesagt 
werden darf, mochte ich das nachste Mai vor Ihnen besprechen. 



VIERZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 19. April 1917 



Eine der ganz grofien Gestalten der Weltgeschichte ist einer der Nach- 
folger des vorgestern besprochenen Konstantinus, ist Julian der Ab- 
trunnige, der der Apostat genannt wird, der 363 auf einem Zug gegen 
die Perser durch Morderhand getotet worden ist. In Julian dem Apo- 
staten haben wir eine Gestalt vor uns, die sich in der allermerkwiirdig- 
sten Weise in die Entwickelungsgeschichte des Abendlandes hineinstellte; 
eine Gestalt, welche zeigt, wie in der Weltentwickehing allerdings die 
einander entgegengesetzten Krafte am Werke sein miissen, damit diese 
Weltentwickelung iiberhaupt in entsprechender Weise zustande kom- 
men konne. In Konstantin haben wir ja diejenige Personlichkeit gese- 
hen, die gewissermaEen brechen mufite mit dem alten Gewaltprinzip 
der romischen Casaren, das ein grofier Teil dieser Casaren fiir sich in 
Anspruch genommen hat, mit dem Gewaltprinzip, sich in die Myste- 
rien einweihen zu lassen. Dafur hat dann Konstantin alles unternom- 
men, um gewissermaften dem Christentum eine exoterische Herrschaft 
zu geben; er hat alles dasjenige unternommen, was wir vorgestern zu 
charakterisieren versuchten. 

Nun war Julian von Anfang an, man kann sagen, von seinem Eintritt 
in die Welt an, bei der kaiserlichen Familie und bei ihrem ganzen An- 
hang in der schlimmsten Weise angesehen. Das hangt in der Zeit, von 
der wir sprechen, immer damit zusammen, dafi einer solchen Indivi- 
dualist schon vor der Geburt allerlei Prophezeiungen, Weissagungen 
vorangingen. Die Familie war eben zu dem Glauben gedrangt worden 
durch allerlei Sibyllische Weissagungen, daft dem Impulse, der sich in 
dem Kaiser Konstantin verkdrpert hat, ein Gegenpol erwachsen werde 
in Julianus. Daher trachtete die Familie von Anfang an danach, diesen 
Julianus iiberhaupt nicht zur Casarenwiirde kommen zu lassen. Er 
sollte getotet werden. Es waren auch schon alle Vorbereitungen getrof- 
fen, dafi er als Kind schon mit seinem Bruder getotet werden sollte. Es 
war wirklich etwas um diesen Julianus wie eine Aura, die in seiner 
Umgebung mit Schrecken empfunden worden ist. Aus solchen Erzah- 



lungen, wie sie sich recht zahlreich ankniipften an die Personlichkeit 
des Julianus, zeigt sich, wie in ihm etwas Unheimliches von dem ge- 
kennzeichneten Gesichtspunkte aus war. Als er einmal bei einem Hee- 
reszug in Gallien anwesend war, noch in seiner Jugend, fing eine Som- 
nambule, an der der Zug vorbeiging, zu schreien an: Das ist derjenige, 
der die alten Gotter und Gotterbilder wieder herstellen wird! 

Also, man mufi schon etwas Tieferes, etwas geistig Bedingtes sehen 
in dem Auftreten des Julianus. Er wurde dann leben gelassen, wie es ja 
in solchen Fallen sehr haufig geschieht, aus der Furcht heraus, dafi doch 
aus dieser Totung noch grofieres Unheil kommen konne als aus seinem 
Am-Leben-Lassen. Und dann redete man sich ein: Dasjenige, was er 
gegen die Unternehmungen des Konstantin ins Werk setzen werde, das 
werde man friih paralysieren, werde man friih hintanhalten konnen. 
Und man machte auch wirklich alle Vorkehrungen, um dasjenige un- 
wirksam zu machen, was gewissermafien in den Anlagen des Julianus 
lag, wozu er hintendierte. Vor alien Dingen war man bedacht, ihm eine 
im Sinne der Konstantinischen Ideen-Richtung gelegene, recht christli- 
che Erziehung zu geben. Das wollte aber nicht verfangen bei ihm, das 
konnte nicht herankommen an seine Seele, und uberall, wo er nur ir- 
gend etwas wahrnehmen konnte von alten hellenischen Uberlieferun- 
gen, da fing seine Seele Feuer. Und weil, wo starke Krafte wirken, 
diese starken Krafte zuletzt doch siegen, so kam es denn, dafi er, gerade 
weil man ihn entfernt halten wollte von gefahrlichen Stellen, in die 
Hande allerlei hellenischer Erzieher getrieben wurde, bekannt wurde 
mit dem Hellenismus, kennenlerate die Uberlieferungen dieses Helle- 
nismus, dann, als er herangewachsen war, kennenlernte die Art, wie 
sich das Hellenentum, das Griechentum auslebte in den nachplatoni- 
schen, in den neuplatonischen Philosophen, und dafi es endlich dahin 
kam, dafi er in die eleusinischen Mysterien eingeweiht wurde. So war 
also, nachdem gewissermafien aus dem romischen Casarentum das In- 
itiationsprinzip schon getilgt war, Julianus wieder der Initiierte auf dem 
Throne der Casaren, als er eben auf den Thron der Casaren dennoch 
zuletzt kam. 

Nun mufi man alles dasjenige, was Julianus getan hat, und was sich, 
man darf schon sagen, die Geschichte gar sehr bemiiht hat, in jeder 



Richtung zu entstellen, durchaus von dem Gesichtspunkte aus betrach- 
ten, der sich ergibt dadurch, dafi er in die eleusinischen Mysterien ein- 
geweiht worden ist. Und man kann eine solche Personlichkeit wie Ju- 
lianus nur richtig beurteilen, wenn man vermag, die Wirkung dieser 
Initiation in die eleusinischen Mysterien vollstandig ernst zu nehmen. 
Denn was hatte denn eigentlich Julianus fur seine Seele dadurch ge- 
wonnen, dafi er die eleusinische Einweihung durchgemacht hatte? Er 
hatte aus unmittelbar seelischer Anschauung kennen gelernt die Tatsa- 
chen des kosmischen Werdens, die Tatsachen des Weltwerdens. Er 
hatte kennen gelernt den geistigen Ursprung der Welt, kennen gelernt, 
wie sich auslebt der geistige Ursprung der Welt im planetarischen, im 
Sonnensystem; hatte gelernt gewisse Dinge zu verstehen, die eigentlich 
der ganzen Welt dazumal, mit Ausnahme einiger weniger griechischer 
Eingeweihter, ganz unverstandlich geworden waren: den Zusammen- 
hang des Sonnenwirkens und Sonnenwesens mit dem alten Hermes- 
Logos. Das war etwas, was vor seine Seele getreten ist. Verstehen gelernt 
hatte er gewissermaften so etwas wie das pythagoraische Wort: «Du 
sollst niemals gegen die Sonne reden!», womit naturlich nicht gemeint 
sein kann die auftere physische Sonne, sondern jener Geist, der sich 
hinter der Sonne verbirgt. Er hatte also gewufk, dafi es alten heiligen 
Traditionen entspricht, in dem Geistig-Seelischen, das der Sonne zu~ 
grunde liegt, den eigentlichen Grund der Welt zu sehen, aber vor alien 
Dingen dasjenige zu sehen, womit der Mensch eine Beziehung herstel- 
len muE, wenn er zu den Quellen des Daseins dringen will. 

Also denken Sie, vor des Julianus Seele stand dieses ganze alte Son- 
nengeheimnis, stand die Wahrheit, dafi diese physische Sonne, die dem 
physischen Auge erscheint, nur der aufiere Korper ist fur ein geistig- 
seelisch Sonnenhaftes, welches in der menschlichen Seele durch die In- 
itiation lebendig werden kann, und wenn es lebendig wird, dieser Seele 
sagen kann, was das Gemeinsame ist des Kosmos, der grofien Welt und 
des menschlichen geschichtlichen Lebens hier. Klar war dem Julianus 
geworden, dafi es niemals Einrichtungen geben konne hier in der Welt, 
die blofi hervorgehen aus jener menschlichen Vernunft, die an das 
menschliche Gehirn gebunden ist, dafi nur derjemge berufen ist, ir- 
gendwie iiber die Einrichtungen der Welt mitzureden, der Zwiesprache 



halten kann mit dem Sonnenlogos; denn ein gemeinsames Gesetz mufite 
er sehen in der Bewegung der Gestirne und in demjenigen, was hier auf 
der Erde unter den Menschen, in den grofien Bewegungen der Men- 
schen im geschichtlichen Werden vorgeht. 

Nun mufi man sagen, selbst noch solch einem Kirchenvater wie dem 
heiligen Chrysostomos ist ja klar gewesen, dafi es ein altes Sonnenge- 
heimnis gibt, ein geistiges Sonnengeheimnis, da dieser Chrysostomos 
noch zu dem Ausspruch sich verstiegen hat: Die auftere physische Sonne 
blendet die Menschen auf der Erde so, daft sie sich nicht durchringen 
konnen zu der geistigen Sonne. - Aber wenn man wiederum sieht alles 
dasjenige, was in der Umgebung eines solchen Mannes wie des Chryso- 
stomos, dem solch ein Strahl der Weisheit alter Zeiten in die Seele hin- 
eingeleuchtet hat, gelebt hat, so mufi man sagen, es war eben wirklich 
kaum mehr ein letzter Rest von Verstandnis da fur jene Art, das Wel- 
tengeheimnis in der Seele aufzufassen, wie es durch die alten Mysterien 
mitgeteilt worden war, und wie es mitgeteilt wurde, allerdings als ei- 
nem der Letzten, dem Julian, dem Apostaten. Im Grunde genommen 
war also Julian der Apostat umgeben von lauter Konstantinern, von 
lauter Leuten, die im Sinne des Konstantin dachten. Gewifi, es ragten 
immer wieder und wiederum bis zum Ende des neunten Jahrhunderts 
im Abendlande einzelne grofte Gestalten empor auch unter den Pap- 
sten, die noch beriihrt waren von den alten Geheimnissen; aber die ei- 
gentliche Arbeit, welche verrichtet wurde von Rom aus, ging dahin, die 
Bestrebungen solcher Einzelnen unwirksam zu machen, und dafiir ge- 
geniiber den Uberlieferungen der alten Mysterien eine ganz bestimmte 
eigenartige Politik zu entfalten, von der wir gleich nachher noch in ei- 
nigen Worten sprechen werden. Julian hatte im Grunde genommen 
nichts um sich, als eine recht sehr exoterische Gestalt des Christentums. 

Durch komplizierte Vorgange, die in ihren psychologischen Einzel- 
heiten schwierig zu beschreiben sind, kam er dazu, sich den Gedanken 
auszubilden, wie es denn ware, wenn man das, was noch als letzter, als 
allerletzter Rest der alten Initiation iiberkommen war, selbst benutzen 
wurde, um einen kontinuierlichen Fortgang in der Menschheitsentwik- 
kelung herbeizufiihren. Ich mochte sagen: Julian war im Grunde ge- 
nommen eigentlich kein Gegner des Christentums, er war nur ein An- 



hanger der Fortpflanzung des Hellenismus. Und man trifft vielleicht 
seine Individuality eher, wenn man sie betrachtet so, daft man sagt: er 
war mehr eine Art Fortpflanzer des Hellenismus als eigentlich ein Geg- 
ner des Christentums. Denn all der Feuereifer, den er entwickelte und 
all die Kraft, die er entwickelte, die ging eigentlich darauf hinaus, den 
Hellenismus nicht aussterben zu lassen, nicht ausrotten zu lassen, son- 
dern eine kontinuierliche Entwickelungsstromung zu erzeugen, so dafi 
der Hellenismus wirklich auf die spatere Nachwelt hatte kommen kon- 
nen. Gegen den scharfen Einschnitt, gegen die radikale Wendung 
wollte sich Julian der Apostat wenden. Und er war eine grofie Person- 
lichkeit. Seit er in die eleusinischen Mysterien eingeweiht war, wufite 
er: solche Dinge, wie er sie unternehmen will, unternimmt man nicht, 
wenn man sich nicht verbiindet mit den geistigen Machten, welche in 
allem Sinnlichen drinnen leben. Er wufite, dafi, wenn man blofi mit 
demjenigen, was im Physisch-Sinnlichen lebt und auch in der gewohn- 
lichen Geschichte lebt, Impulse in der Weltentwickelung ausfuhren 
will, man im pythagoraischen Sinne gegen die Sonne spricht. Das 
wollte er nicht. Er wollte eben das Gegenteil. Er nahm eigentlich einen 
der grofiten Kampfe auf, die sich denken lassen innerhalb der Mensch- 
heitsentwickelung. 

Nun mufi man nicht vergessen, was im damaligen Rom schon gegen 
einen solchen Kampf sprach, was iiberhaupt im ganzen Suden von Eu- 
ropa gegen einen solchen Kampf sprach. Vergessen Sie nicht, dafi es al- 
ien Ernstes wahr ist, dafi man reichlich bis in das Jahrhundert des Kon- 
stantin herein in breiten Schichten wenn auch letzte Reste, so doch 
letzte Reste alter geistiger Verrichtungen bewahrt hat. Heute bleibt ja 
eine besondere Crux, ein besonderes Kreuz fur die Evangelienerklarung 
die Wunder-Frage, weil man niemals die Evangelien lesen will aus ihrer 
Zeit heraus. Fur die Zeitgenossen der Evangelisten bedeutete die Wun- 
der-Frage iiberhaupt gar nichts, denn denen war bekannt, dafi es auch 
Verrichtungen gibt, in denen der Mensch aus der geistigen Welt Krafte 
herausnimmt, die er beherrscht. 

Nun, in demselben Mafie, in dem aufterlich staatlich das Christentum 
eingefuhrt wurde, was dann in der Tat des Konstantin gipfelte, in dem- 
selben Mafie gingen die Bestrebungen, die alten geistigen Verrichtungen 



zuriickzudrangen; Gesetze iiber Gesetze wurden in Rom gegeben, die 
alle dahin gingen, daft keiner irgendwelche Verrichtungen machen durf- 
te, die aus der geistigen Welt heraus Krafte nehmen. Gewifi, man klei- 
dete das da hinein, daft man sagte, der alte Aberglaube miisse aufhoren! 
Man kleidete es so, dafi man sagte, es diirfe niemand irgendwelche mit 
geistigen Kraften hantierende Verrichtungen machen, urn anderen Men- 
schen zu schaden; es diirfe niemand in einen Verkehr treten mit den 
verstorbenen Menschen und dergleichen. Solche Gesetze wurden gege- 
ben. Aber hinter diesen Gesetzen lag das Bestreben, mit Stumpf und 
Stiel auszurotten, was an geistigen Verrichtungen aus der alten Zeit er- 
halten war. Gewift, die Geschichte sucht womoglich dasjenige, was da 
gewaltet hat, zu vertuschen, zu verbergen. Aber die ersten Anfange un- 
serer Geschichtsschreibung, worauf eben nur die jetzige mit ihrer «vor- 
aussetzungslosen, autoritatslosen Wissenschaft» nicht achtet, die ersten 
Anfange unserer Geschichtsschreibung sind in den Klostern gemacht 
worden, sind von Priestern und Monchen gemacht worden. Und es war 
das ernsteste Bestreben, die wahre Gestalt des Altertums auszuloschen, 
ja nicht das Wesentliche auf die Nachwelt kommen zu lassen. 

Und so sah Julianus noch in einer ganz anderen Form die unterge- 
hende alte Welt als diejenigen, die dem Konstantin vorangegangen sind. 
Und er wufite doch aus seiner Initiation, dafi es einen Zusammenhang 
der menschlichen Seele mit der geistigen Welt gibt. Das wufite er doch. 
Er konnte sich nur etwas versprechen von dem Unternehmen, das er 
sich vorsetzte - die Krafte des alten Initiationsprinzips zu benutzen, um 
einen kontinuierlichen Fortgang herbeizufuhren in der Menschheits- 
entwickelung -, indem er sich gewissermafien entgegenstemmte derje- 
nigen Gestalt der Entwickelung, die ringsherum um ihn angenommen 
wurde. Und eigentlich war dieser Julianus gerade durch seine Initiation 
ein Mensch von der aller allertiefsten Wahrheitsliebe, von jener Wahr- 
heitsliebe, von der natiirlich solche Menschen wie der Kaiser Konstan- 
tin nicht die geringste Ahnung hatte. Ein Mensch von der tiefsten 
Wahrheitsliebe war er. Und man mdchte sagen: Die Wahrheit, ernst 
genommen, tritt einem bei Julianus in einer solch starken Weise entge- 
gen, dafi man kaum dieses Aufleben des Wahrheitsernstes spater noch 
ofter in der abendlandischen Menschheitsentwickelung findet. Er sah 



hiii mit seinem durch die Initiation angeregten, tief bedeutsamen Wahr- 
heitsinstinkte auf dasjenige, was zum Beispiel aus den Schulen, aus den 
niederen und hoheren Schulen geworden war in seiner Umgebung. Seit 
Konstantin war die christliche Dogmatik in der Gestalt, bis zu welcher 
sie sich bis dahin ausgebreitet hatte, in die Schulen eingefiihrt worden. 
Die Lehrer besaften diese christliche Dogmatik und lehrten von ihrem 
Standpunkte aus iiber die alten hellenischen Schriftsteller, iiber jene 
Schriftsteller, welche in ihren Werken als ein integrierendes Element die 
alten Gottergestalten haben: Zeus, Apollo, Pallas Athene, Aphrodite, 
Hermes-Mercurius und so weiter. In des Julianus Seele entstand nun der 
Gedanke: Was treiben denn diese Lehrer eigentlich alle? Sind sie nicht 
die liigenhaftesten Sophisten, die man sich denken kann? Darf denn je- 
mandsich vermessen, auszulegen alte Schriftwerke, die ganz darauf 
fufien, dafl der, der sie geschrieben hat, die alten Gotter in seiner Seele 
fuhlte als wahre Impulse in der Welt, darf ein solcher solche Schrift- 
werke auslegen, der gerade wegen seiner Dogmatik bekampfen mufi, in 
radikalster Weise bekampfen muS Dasein, Vorhandensein dieser alten 
Gotter? - Das erschien dem Wahrheitsinstinkt des Julianus als etwas 
Ungehdriges. Daher verbot er alien denjenigen, welche nicht imstande 
sind vermoge ihrer christlichen Dogmatik, an die alten Gotter zu glau- 
ben, in den Schulen die Auslegung der alten Schriftsteller. Wenn man 
heute nach demselben Wahrheitsprinzip vorgehen wiirde, wie der Ju- 
lianus vorgegangen ist, denken Sie, was dann alles nicht in unseren 
Schulen gelehrt werden diirfte! Aber entnehmen Sie daraus, welch tiefer 
Wahrheitsinstinkt in diesem Julianus gelebt hat! 

Er wollte es eben durchaus aufnehmen mit der Zeitstromung, die von 
einem anderen Gesichtspunkte dennoch eine notwendige war. Vor sich 
hatte er zunachst die Evangelien, die auf eine ganz andere Weise ent- 
standen waren als dasjenige, was ihm durch die eleusinische Initiation 
zuteil geworden war. In die Art und Weise, wie die Evangelien ent- 
standen waren, konnte er sich nicht hineinfinden. Er sagte sich: Kann 
dasjenige, was von Christus ausgegangen ist, ein Initiationsprinzip sein, 
dann miilSte es sich doch in den Mysterien finden lassen, dann miifite es 
gerade in den Tiefen der Mysterien leben konnen. - Und er wollte eine 
grofie Probe machen, ob es denn moglich ware, das Alte fortzusetzen. 



Er sah ja zunachst nur dasjenige, was aus dem Christentum in seiner 
Zeit geworden war. Er wollte eine grofie Probe machen, wollte an ei- 
nem bestimmten Punkte eine Probe machen, aber nicht eine solche 
Probe - das ware fur ihn kindlich gewesen -, die sozusagen mit blofi 
menschlichen Mitteln rechnet; er wollte eine Handlung machen, die 
eine Bedeutung hatte fur das Geschehen in der geistigen Welt selbst. Da 
sagte er sich: Nun, es ist geweissagt den Christen, daft der Tempel von 
Jerusalem so zerstort werden wird, dafi kein Stein auf dem anderen 
bleiben wird. Das ist auch geschehen, sagte er. Aber das Christentum 
kann nicht erfiillt werden, wenn diese Weissagung, solch eine Weissa- 
gung, zuschanden wird, wenn man ihr entgegenarbeitet! - Da be- 
schlofi er denn, mit groften Kapitalien, nach den Verhaltnissen der da- 
maligen Zeit, den Tempel zu Jerusalem wieder aufzurichten. Und es 
kam wirklich zustande, dafi sich viele Arbeiter zusammenfanden, um 
den Tempel zu Jerusalem wieder aufzufuhren. Nun miissen Sie die 
ganze Angelegenheit betrachten im geistigen Sinne: Nicht Menschen 
blofi, Gotter wollte Julianus herausfordern! Es ist eine gar nicht zu be- 
zweifelnde Tatsache, die sich selbst historisch erweisen lafit - so gut nur 
historische Tatsachen bewiesen werden konnen, selbst aufierlich, inner- 
lich ist sie gewifi — , daft jeder der Arbeiter, der angefangen hat im Tem- 
pel zu Jerusalem zu bauen, eine Vision gehabt hat, daft ihm an seiner 
Arbeitsstatte Feuerflammen entgegengeschlagen sind, und er abgezogen 
ist. Das Unternehmen kam nicht zustande. Aber Sie sehen, in welch 
groften Gedanken Julianus das tat. 

Da wollte denn Julianus, nachdem dies miftlungen war, nachdem 
gleichsam die Demonstration vor der Welt miftlungen war, die Weissa- 
gung von der Zerstorung des Tempels zuschanden zu machen, da 
wollte er die Sache auf andere Weise versuchen. Und das, was er jetzt 
versuchen wollte, war etwas nicht minder Grofiartiges. Es war noch 
nicht jene Zeit, wo iiber die europaische Entwickelung bereits jene 
Entwickelungswelle gewirkt hatte, die daher ihren Ursprung genom- 
men hat, daft einer der groflten Kirchenlehrer, Augustinm 3 sich bis zu 
einer gewissen Idee nicht hat aufschwingen konnen, weil er zu wenig 
geistig war, um sich zu einer gewissen Idee aufzuschwingen. Sie wissen 
aus der Geschichte vielleicht, daft Augustinus - ich habe ja das auch bei 



verschiedenen Gelegenheiten besprochen, unter anderem da, wo ich die 
Faust- Idee besprach - ausgegangen ist von dem sogenannten Mani- 
chaertum, von jener Lehre, welche in Persien driiben entstand, welche 
sich zuschrieb, den Christus Jesus besser zu verstehen, als Rom und 
Konstantinopel ihn verstehen konnten. Diese manichaische Lehre, de- 
ren letztes Wort auszusprechen leider heute noch nicht moglich ist, 
auch in unserem Kreise noch nicht moglich ist heute, diese manicha- 
ische Lehre, sie ist ja in mannigfaltiger Weise durchgesickert, auch bis 
in das Abendland herein in spateren Zeiten, und wurde sozusagen in ih- 
ren - aber korrumpierten - Auslaufern begraben, als aufzuzeichnen be- 
gonnen wurde im sechzehnten Jahrhundert die Faust-Sage. Aus einer 
genialen Intuition heraus liegt aber in der Wiedererweckung des Faust 
durch Goethe auch etwas von der Wiedererweckung des Manichaismus. 
Julianus dachte in grofien Zusammenhangen; er hatte Gedanken, die 
durchaus die Menschheit umspannten. Bei einem solchen Menschen wie 
Julianus wird es ganz besonders klar, wie klein die menschlichen ge- 
wohnlichen Gedanken eigentlich sind. Sehen Sie, die Lehre vom «Men- 
schensohn» mufite ja natiirlich ihre verschiedenen Gestaltungen anneh- 
men, je nachdem man fahig war, sich Vorstellungen iiber den Men- 
schen, iiber das Wesen des Menschen selbst zu bilden. Natiirlich mufite 
man iiber den Menschensohn solche Vorstellungen sich bilden, wie man 
fahig war, sie iiber den Menschen sich zu bilden; ich meine: das eine 
bedingt das andere. Darin waren aber die Menschen sehr verschieden. 
Sehr, sehr verschieden. Und fur solche Dinge hat man in der heutigen 
Zeit am allerwenigsten ein einigermaften nur tief durchdringendes Ver- 
standnis. 

Mensch - Manushya: im Sanskrit das Wort fur Mensch. Damit ist 
aber auch angeschlagen, mit diesem Wort Manushya, die Grundemp- 
findung, die man mit dem Menschentum bei einem grofien Teil der 
Menschen verband. Worauf bezieht man sich nun, wenn man dem 
Menschen den Namen Manushya gibt, wenn man also diesen Wort- 
stamm verwendet, um den Menschen zu bezeichnen, worauf bezieht 
man sich? Man bezieht sich auf das Geistige im Menschen, man beur- 
teilt vor alien Dingen den Menschen als ein geistiges Wesen. Wenn man 
ausdriicken will: der Mensch ist Geist, und das andere ist nur der Aus- 



druck, die Offenbarung des Geistes, - wenn man also in erster Linie 
Wert legt auf den Menschen als Geist, so sagt man «Manushya». 

Nach dem, was wir vorbereitend besprochen haben, kann es nun eine 
andere Anschauung geben. Man kann vor alien Dingen sein Hauptau- 
genmerk darauf lenken, wenn man vom Menschen redet, von der Seele 
zu sprechen. Und dann wird man, ich mochte sagen, weniger Riick- 
sicht darauf nehmen, dafi der Mensch Geist ist. Man wird darauf Riick- 
sicht nehmen, dafi der Mensch Seele ist, und das Aufiere, Physische, 
dasjenige, was auch mit dem Physischen zusammenhangt, mehr in den 
Hintergrund treten lassen bei der Menschheitsbezeichnung. Man wird 
dann die Bezeichnung des Menschen vor alien Dingen hernehmen von 
dem, was ausdriickt, dafi im Menschen etwas Seelenhaftes lebt, das sich 
im Auge ausdriickt, das sich ausdriickt darin, dafi sich des Menschen 
Haupt nach der Hohe hebt. Priift man das griechische Wort Anthropos 
auf seinen Ursprung, so driickt es ungefahr das aus. Konnte man sagen: 
diejenigen, die mit Manushya oder einem ahnlich klingenden Tonge- 
fiige den Menschen bezeichnen, sie sahen vor alien Dingen auf den 
Geist, auf das aus der geistigen Welt Heruntersteigende, - so mufi man 
sagen: diejenigen, die den Menschen bezeichnen mit einem Worte, das 
an das griechische Wort Anthropos anklingt, vor alien Dingen die 
Griechen selber, sie driicken das Seelenhafte aus im Menschen. 

Ein Drittes ist aber moglich. Es ist moglich, dafi man vor alien Din- 
gen darauf sieht, dafi im Menschen das Aufierliche, Erdgeborene da ist, 
das Leibliche, dasjenige, was auf physischem Wege erzeugt wird. Dann 
wird man den Menschen bezeichnen mit einem Worte, das gewisser- 
mafien heifit: der Erzeugende oder Erzeugte. Das wird drinnenliegen in 
dem Worte. Priift man das Wort homo auf seinen Ursprung, dann liegt 
das eben Geschilderte darinnen. 

Da haben Sie verteilt, ich mochte sagen, eine dreifache Anschauung 
vom Menschen in einer ganz merkwiirdigen Weise. Aber Sie werden 
gerade aus dieser Verteilung ersehen konnen, dafi ein solcher Mensch, 
der etwas von diesen Dingen wufite wie Julianus, mit einem gewissen 
Rechte den Instinkt bekommen konnte, zu suchen nach einer geistigen 
Auslegung des Menschensohnes. Es entstand vor seiner Seele der Ge- 
danke: In die Eleusinien bist du eingeweiht. Ist es vielleicht moglich, 



dir zu erzwingen, dich in die persischen Mysterien und in die Myste- 
rien, die in der Manichaer-Lehre anklingen, einweihen zu lassen? Viel- 
leicht gewinnst du daher die Moglichkeit, die kontinuierliche Entwicke- 
lung, die du anstrebst, zu fdrdern! - Das ist ein gigantischer Gedanke. 
Aber so, wie dem Zug Alexanders des Groflen noch etwas anderes zu- 
grunde liegt als die Trivialitat, Eroberungen in Asien zu machen, so lag 
dem Zuge des Julian des Apostaten nach Persien auch etwas anderes 
zugrunde. Das eben Angedeutete lag zugrunde. Etwas anderes lag zu- 
grunde, als nur in Persien Eroberungen zu machen: er wollte sehen, ob 
er mit Hilfe der persischen Mysterien defer in seine Aufgabe eindringen 
konne. 

Um was es sich handelt, man wird es am besten einsehen, wenn man 
sich fragt: Was hat denn eigentlich Augustinus am Manichaertum nicht 
verstanden? Was war denn eigentlich am Manichaertum unverstandlich? 
- Nun, wie gesagt, iiber die letzten Ziele des Manichaertums zu spre- 
chen, geht ja heute noch nicht an; aber man kann immerhin einiges an- 
deuten. Augustinus war ja sogar in seiner Jugend sehr eingenommen 
fur die Manichaerlehre, er wurde tief von ihr ergriffen. Dann ver- 
tauschte er die Manichaerlehre mit dem romischen Katholizismus. Was 
konnte er an der Manichaerlehre nicht verstehen? Wem war er nicht 
gewachsen? 

Die Manichaerlehre bildete nicht abstrakte Begriffe, bildete nicht Be- 
griffe, welche gewissermafien das Gedachte abtrennen von dem iibrigen 
Wirklichen. Solche Begriffe zu bilden, war in der Manichaerlehre, wie 
iibrigens auch schon bei den Eingeweihten der eleusinischen Mysterien, 
unmoglich. Ich habe versucht, auf den Unterschied zwischen blofi logi- 
schen und wirklichkeitsgemafien Begriffen hinzudeuten. In der Mani- 
chaerlehre liegt vor alien Dingen das Prinzip, ja keine blofi logischen, 
sondern immer wirklichkeitsgemafie Begriffe zu bilden, wirklichkeits- 
gemafie Vorstellungen zu bilden. Nicht als ob unwirkliche Vorstellun- 
gen nicht auch im Leben eine Rolle spielen wiirden. Sie spielen leider 
eine grofie Rolle, besonders in unserer Zeit; aber die Rolle, die sie spie- 
len, ist auch danach! Und so ist es - unter vielem anderen - im Sinne 
der Manichaerlehre, Vorstellungen zu bilden, welche nicht blofi ge- 
dacht sind, sondern welche machtig genug sind, um in die wirkliche 



aufiere Natur einzugreifen, um in der aufleren Natur auch eine Rolle zu 
spielen. Eine solche Vorstellung, wie sie vielfach iiber den Christus 
Jesus ausgebildet wurde, ware der Manichaerlehre ganz unmogfich ge- 
wesen. Wozu ist derm der Christus Jesus in vieler Beziehung geworden? 
Ja, zu einem ziemlich unbestimmten Begriff vom Christus, der in Jesus 
verkorpert war, und durch den etwas in der Erdenentwickelung ge- 
schehen ist. Die Begriffe sind ja alle furchtbar abgeschattet worden, 
namentlich im neunzehnten Jahrhundert. 

Aber wenn man sich fragt, ob dasjenige, was in der christlichen 
Dogmatik dem Christus und seiner Wirksamkeit zugeschrieben wird, 
auch wirklich zu etwas fiihren kann, - wenn man eindringlich, ernst 
und aufrichtig und wahrheitsliebend ist, so kann man die Frage nicht 
bejahen. Denn wenn die menschlichen Begriffe nicht stark genug sind, 
um eine solche Erde zu denken, die nicht ein Grab der Menschheit ist, 
sondern die die Menschheit zu einer neuen Gestaltung hiniibertragt, 
wenn man nicht stark genug ist, die Entwickelung der Erde anders zu 
denken als so, wie sie heute die Naturforscher beschreiben: dafi die 
Erde einmal aufhdren wird, nicht wahr, etwas hervorzubringen, daft 
das Menschengeschlecht erloschen wird - dann hilft alle Vorstellung 
von dem Christus Jesus doch eigentlich nichts. Denn wenn er auch fur 
die Erde eine gewisse Wirksamkeit entfaltet hat - die Vorstellung, die 
man sich davon macht, ist nicht so stark, um gewissermafien die Mate- 
rie so weit zu heben, dafi diese Materie so in Wirksamkeit gedacht wer- 
den kann, dafi sie heriiberkommt aus dem Zustand der Erde in einen 
zukiinftigen Zustand. Es bedarf aber viel starkerer Begriffe, als da ge- 
bildet werden konnen, um mit diesen Begriffen die Erde aufzufangen, 
so dal5 sie hiniiberlebt zu einem neuen Dasein. 

Ich habe neulich in einem offentlichen Vortrag gesagt: Heute denkt 
die Naturwissenschaft in der Art, - nun, dafi sie etwa berechnet: wenn 
man die Naturkrafte so wie sie heute sind, ausdehnt auf Millionen von 
Jahren, so kommt einmal ein Zustand - ich habe es Ihnen beschrieben 
nach einem Vortrag in der Royal Institution wo man die Wande mit 
Eiweifi wird anstreichen konnen, weil das leuchtet und man dabei Zei- 
tung lesen kann. Ich habe beschrieben, wie da ein Naturforscher sagt, 
dann wird die Milch fest sein, wird im blauen Lichte strahlen und so 



weiter. Aus den schattenhaften Begriffen iiber die Wirklichkeit gehen 
natiirlich diese Vorstellungen hervor, aus den Begriffen, die nicht stark 
genug sind, um die Wirklichkeit zu erfassen. Denn diese ganze Aus- 
rechnerei der Naturwissenschaft gleicht eben dem Unternehmen, als ob 
ich den menschlichen Magen untersuche, wie er sich verandert in vier 
bis fiinf Jahren, und dann ausrechne, wie der Mensch sein wird nach 
zweihundertfiinfzig Jahren. Indem ich das ausdehne iiber eine grofte 
Anzahl von Jahren, kann ich das ausrechnen. Geradeso wie der Natur- 
forscher ausrechnet, wie die Erde in einer Million Jahre aussehen wird, 
kann ich ausrechnen, wie der menschliche Magen aussehen wird: bei 
einem sechs-, siebenjahrigen Menschen kann ich ausrechnen, wie dieser 
Magen nach zweihundertfiinfzig Jahren aussehen wird; nur wird dann 
der Mensch gestorben sein! Ebensogut konnte man, so wie die Geolo- 
gen berechnen, dafi vor so und so viel Millionen Jahren die Erde ausge- 
sehen hat, ebenso konnte man heute ein Kind nehmen und berechnen, 
wie sich in acht Tagen, vierzehn Tagen die inneren Organe andern, 
konnte zuriickrechnen, nicht wahr, und wiirde dann einen Zustand be- 
kommen, wie das Kind vor zweihundertfiinfzig Jahren ausgesehen hat 
- nur hat es damals noch nicht gelebt, selbstverstandlich. Die Begriffe 
sind eben nicht fahig, die ganze Wirklichkeit zu ergreifen. Fur die 
Teilwirklichkeit, die den Menschen unmittelbar in den Jahrtausenden 
umgibt, die etwa sechs bis sieben Jahrtausende vor unserer Zeitrech- 
nung und sechs bis sieben Jahrtausende nach unserer Zeitrechnung lie- 
gen, gelten diese naturwissenschaftlichen Begriffe, weiter aber nicht. 

Das Menschenwesen mufi aber fur ganz andere Zeitalter gelten. Und 
im Sinne dieses Menschenwesens muE das Christus-Wesen da sein. Da- 
her sagte ich einmal hier: Es ist ein Unterschied zwischen dem, was man 
im Mittelalter «mystische Hochzeit» genannt hat, und dem, was man 
die «chymische Hochzeit» genannt hat im Sinne des Christian Rosen- 
kreutz* Die mystische Hochzeit, das ist nur ein innerer Prozefi. So wie 
es friiher viele Theosophen gesagt haben, jetzt vielleicht auch noch: 
Wenn man sich so recht sehr in sein Inneres vertieft, so findet man die 
Identitat mit dem gottlichen Wesen! Das wurde so schon den Menschen 
vorgemalt, dafi diejenigen, die, nachdem sie einen solchen einstiindigen 
Vortrag gehort hatten, hinausgingen mit dem Bewufitsein: Wenn du 



dich recht sehr in deinem Inneren erfassest, dann kannst du dich so 
recht schon als eine Art Gott fuhlen! - Die chymische Hochzeit des 
Christian Rosenkreutz, die allerdings denkt sich solche Krafte im Men- 
schen wirksam, welche den ganzen Menschen ergreifen, welche wirk- 
lich umgestalten das Menschenwesen so, daft es, wenn die Materie als 
Schlacke einmal abfallt, hiniibergetragen wird in die Jupiter-, Venus-, 
Vulkanzeit. 

Bezwingung des Bosen, Bezwingung der Materie mit dem Begriff, 
das lag im Manichaismus. Daft im tieferen Sinne erfafit werden mufi die 
Frage des Sundenfalles, die Frage des Bosen und damit im Zusammen- 
hang die Frage nach dem Christus Jesus, das stand vor des Julianus 
Seele, das wollte er sich holen aus einer persischen Einweihung, die er 
dann nach Europa tragen wollte. Und siehe da, auf diesem Zuge nach 
Persien fiel er durch Morderhand. Es ist auch historisch zu erweisen, 
daft er durch Morderhand, durch die Hand eines Anhangers der Kon- 
stantiner, der Konstantinischen Christen gef alien ist. Sie sehen also, wie, 
ich mochte sagen, das Prinzip, die Kontinuitat herzustellen, tragisch 
wurde bei Julian dem Apostaten, gleichsam in eine Sackgasse fiihrte. 

Und dann wurde das Augustinische Prinzip zur Geltung gebracht, 
daft man nur ja nicht Begriffe bilden solle, welche irgendwie an den 
Manichaismus, das heifit an das Mitdenken der materiellen Vorstellun- 
gen mit dem geistigen Denken, anklingen. In den Abstraktionsprozeft 
wurde das Abendland hineingetrieben. Und dieser Abstraktionsprozeft 
ging weiter, ging mit einer gewissen Notwendigkeit weiter und durch- 
drang wirklich dieses Abendland. Nur einzelne bedeutsame Geister 
lehnten sich auf, waren die groften Rebellen gegen den Abstraktizis- 
mus. Einer der bedeutsamsten dieser Rebellen war Goethe seiner 
ganzen Geisteskonstitution nach. Und einer derjenigen, die am meisten 
verf alien sind dem Abstraktizismus, das ist Kant. Denn nehmen Sie sich 
- ich weifi sehr wohl, wie ketzerisch ich damit spreche, aber wahr ist es 
doch - die «Kritik der reinen Vernunft» von Kant und lesen Sie ihre 
Hauptsatze, und verwandeln Sie einen jeden dieser Hauptsatze ins Ge- 
genteil, so kriegen Sie die Wahrheit. Gerade iiber die wichtigsten Satze, 
uber die Raumlehre und Zeitlehre bei Kant, muft so gedacht werden. 
Man kann ruhig die Satze ins Gegenteil verwandeln, man kann Nein 



sagen, wo er Ja sagt, und Ja sagen, wo er Nein sagt, dann kriegt man 
ungefahr dasjenige, was vor den geistigen Welten haltbar ist. Sie kon- 
nen daraus aber entnehmen, wie grofies Interesse herrscht, Goethe, den 
groften Antipoden Kants, so zu verfalschen, wie ihn der Mann ver- 
falscht hat, von dem ich Ihnen neulich erzahlt habe, dafi er ihn ins Ge- 
genteil verfalscht hat: «Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner 
Geist!» 

Man muE diese Gesichtspunkte ins Auge fassen, dann kann man auch 
des Julianus Schrift, die namentlich gegen das paulinische Christentum 
gerichtet ist, vom richtigen Gesichtspunkte aus wiirdigen. Eine merk- 
wiirdige Schrift ist das. Und merkwiirdig ist diese Schrift nicht so sehr 
durch dasjenige, was sie enthalt, als durch dasjenige, was verschiedene 
Schriften des neunzehnten Jahrhunderts enthalten. Das ist ein Parado- 
xon, nicht wahr? Aber die Sache verhalt sich so: Wenn man die Schrif- 
ten Julians des Apostaten gegen das Christentum nimmt, dann werden 
alle moglichen Griinde gegen das Christentum, gegen den historischen 
Jesus, gegen gewisse christliche Dogmatik vorgebracht, alles mit einem 
sehr starken, wahren Pathos; nicht mit einem falschen Pathos, mit ei- 
nem wahren Pathos, mit starker Innerlichkeit. Und wenn man diese 
Griinde nimmt und dann beginnt zu priifen, was die liberale Theologie 
des neunzehnten Jahrhunderts und dann der Ubergang dieser liberalen 
Theologie zu den Drews -Leuten und zu den Leuten, die auf Grundlage 
dieser liberalen theologischen Forschung die Historizitat, die Existenz 
des Christus Jesus abgeleugnet haben, wenn man das nimmt, was da in 
der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts aufgebracht worden ist und 
zusammenstellt diese ganze Literatur, die im achtzehnten Jahrhundert 
beginnt und dann durch das ganze neunzehnte Jahrhundert geht, die 
also zu dem fleifiigsten, sorgfaltigsten, dem grundlichsten Philologi- 
schen gehort, was man sich denken kann - ich habe das immer gesagt; 
es hat aber sehr viele Wiederholungen, so dafi man ganze Bibliotheken 
durchnehmen mufi -, dann stellt sich allerdings heraus, daf5 man ge- 
wisse Hauptlinien zusammenstellen kann. Begonnen, nicht wahr, hat ja 
die hauptsachlichste Kritik damit, daft man die Evangelien verglichen 
hat, Abweichungen des einen von dem anderen gefunden hat und so 
weiter. Nun, iiber diese Dinge habe ich ofter gesprochen, das braucht 



nicht wiederholt zu werden. Aber wenn man die Hauptlinien, die 
Hauptsatze zusammenstellt, finden sie sich alle schon bei Julianus 
Apostata. Man hat eigentlich nichts Neues im neunzehnten Jahrhundert 
vorgebracht. Er hat schon alles vorgebracht, Julianus Apostata. Er hat 
es nur aus einer gewissen Genialitat heraus gesagt, wahrend es im neun- 
zehnten Jahrhundert gesagt worden ist mit einem riesenhaften Fleifl, 
mit einer griindlichen theologischen Gelehrsamkeit und mit einer 
griindlichen theologischen Sophistik. 

So kann man sagen: Julianus der Apostat hat einen titanischen Kampf 
aufgenommen. Er hat zuletzt noch versucht, indem er den Manicha- 
ismus lebendig hat machen wollen, eine kontinuierliche Entwickelung 
herbeizufiihren. Denken Sie sich, dafi solche besten Geister wie Goethe, 
wie aus einem instinktiven Drang heraus, in sich selber das alte Helle- 
nentum wieder lebendig machen wollten! Denken Sie sich, wie das alles 
gerade mit diesen Leuten geworden ware, wenn Julianus dem Apo- 
staten sein Werk gegliickt ware! Man darf sagen, jene Notwendigkeit, die 
zugrunde liegt der Tatsache, daft Julian dem Apostaten sein Werk nicht 
gliicken konnte, diese Notwendigkeit mufi von einer ganz anderen Seite 
her beleuchtet werden. Aber man wird auch diese Notwendigkeit nicht 
verstehen, wenn man etwa in philistroser Weise auf den grofien Julia- 
nus hinsehen will, wenn man in diesem nicht einen titanenhaften 
Kampfer sehen will fiir ein in die Wirklichkeit eindringendes menschli- 
ches Verstandnis der Weltenzusammenhange. Und in unserer Zeit, da 
ist die Sache so, dafi es insbesondere nutzlich ist, sich an solche grofien 
Momente des geschichtlichen Werdens des Abendlandes zu erinnern. 
Denn wir leben in einer Zeit, iiber die man nicht hinauskommen wird in 
gesunder Weise, wenn man nicht in einer neuen Weise verstehen wird, 
was solch ein Geist wie Julianus der Apostat wollte. Zu seiner Zeit war 
eben noch nicht die Moglichkeit gekommen - und das ist seine grofie 
Tragik -, das alte Initiationsprinzip zu versohnen mit dem tiefsten We- 
sen des Christentums. In unserer Zeit ist die Moglichkeit gekommen, 
und es darf nicht versaumt werden, sie in Wirklichkeit umzusetzen, 
wenn die Erde nicht in eine Niedergangsentwickelung, wenn die 
Menschheit nicht in eine Niedergangsentwickelung kommen soli. Ein- 
gesehen werden mufi eine notwendige Erneuerung auf alien Gebieten. 



Eingesehen werden mufi vor alien Dingen, dafi aufzunehmen ist das 
Prinzip des Verkehrens mit der geistigen Welt. 

Man wird allerdings sich Vorstellungen zunachst verschaffen miissen 
fur alles, was diesen Notwendigkeiten entgegenarbeitet. Und man 
fiirchtet heute solche Vorstellungen, man furchtet eindringliche Vor- 
stellungen. Wenn auch in unserer heutigen Zeit viel Tapferkeit lebt - 
Tapferkeit des Erkennens ist das nicht, was in unserer Zeit lebt! Tap- 
ferkeit des Erkennens fehlt vor alien Dingen! Ein wirkliches Sich-vor- 
nehmen, der Wirklichkeit gegeniiberzustehen, das liegt noch nicht im 
Sinne der heutigen Menschheit. Das aber vor alien Dingen ist eine 
Notwendigkeit, eine tiefe Notwendigkeit in unserer Zeit. Denn unsere 
Zeit mufi, wenn sie sich nicht in die Nichtigkeiten hineinbringen will, 
etwas verstehen lernen: sie mufi verstehen lernen das Prinzip von dem 
schopferischen Geiste; sie mufi verstehen lernen, was es heifit, dafi der 
Geist, indem er schopferisch wird, mit derselben Kraft wirkt, wie die 
Instinkte wirken, nur dafi die Instinkte wirken in der Finsternis, der 
schopferisch gewordene Geist im Lichte der Sonne, das heifit der geisti- 
gen Sonne. Das mufi unsere Zeit verstehen lernen. Und dem arbeitet 
vieles gerade in unserer Zeit noch entgegen, direkt entgegen. 

Cato, der romische Cato, dem es vor alien Dingen zu tun war dar- 
um, ein festes Gefiige der romischen Staatsordnung zustande zu brin- 
gen, hat es fur eine Notwendigkeit gehalten, um dieses feste Gefiige der 
romischen Staatsordnung so recht zustande zu bringen, die Anhanger 
der griechischen, der hellenischen Philosophic zu verbannen; denn: 
«die schwatzen nur!» hat er gesagt, «und das stort die Verordnungen 
unserer Beh6rden». Machiavelli, der grofie Florentiner der Renaissan- 
ce-Zeit, stimmte ihm noch zu, indem er Cato besonders lobte, dafi er 
diejenigen, die vom Standpunkte einer geistigen Erkenntnis aus in die 
menschlichen Staatssatzungen hineinreden, aus dem Staate verbannt ha- 
ben will. Machiavelli hatte auch ein griindliches Verstandnis dafiir, dafi 
zu gewissen Zeiten im Imperium Romanum die Todesstrafe darauf 
stand, sich fur das Gefiige der sozialen Ordnung zu interessieren. 

Der Umgang mit der geistigen Welt ist etwas, dem insbesondere das 
Imperium Romanum und seine ganze Nachfolgerschaft in Europa spin- 
nefeind ist. Daher man auf so vielen Gebieten bemiiht ist, iiber diese 



Dinge moglichste Unklarheit walten zu lassen, diese Dinge moglichst 
zu vertuschen. Allerdings, wenn eine Vorstellung des Mysteriums von 
Golgatha mit all der radikalen Rucksichtslosigkeit, mit der das Myste- 
riurn von Golgatha gedacht werden mu£, in die Welt sich einlebt, dann 
wird vieles schmelzen miissen geistig, wie sonst Schnee im Sonnenlich- 
te. Das ist unangenehm. Das ist recht unangenehm. Aber dies mufi ge~ 
schehen. Und es mufi vor alien Dingen das geschehen, dafi man den 
Weg findet, das Wesen des Christus wirklich zu erfassen. - Und davon 
wollen wir dann das nachste Mai sprechen, wie die menschliche Seele 
heute nahekommen kann diesem Wesen des Christus unmittelbar in un- 
serer Zeit. 

Aber ganz fruchtbare Vorstellungen dariiber sind ja doch nur zu 
gewinnen, wenn man den Blick auf der einen Seite hinwerfen kann auf 
eine Gestalt, welche, ich mochte sagen, die exoterische Seite der abend- 
landischen Kulturentwickelung inauguriert hat, wie Konstantinus, und 
dann auf der anderen Seite auf die Gestalt Julians des Abtrunnigen, der 
versucht hat, in einer damals unmoglichen Weise den Kampf gegen 
diese exoterische Seite der abendlandischen Entwickelung aufzunehmen. 
Das Eigentumliche ist nur dieses: Wenn heute jemand nur mit ein wenig 
Kenntnis, ich will gar nicht einmal sagen mit ein wenig Kenntnis okkul- 
ter Tatsachen, sondern sogar mit ein wenig wirklicher Kenntnis desje- 
nigen Okkulten, das in gewissen alteren Schriften noch enthalten ist, 
- wenn jemand mit diesen Kenntnissen an die christliche Dogmatik 
herantritt, dann kommen ganz merkwiirdige Dinge heraus. Und wenn 
jemand gar solche Dinge wie die Messe ins Auge falk - also wie gesagt, 
ich will nicht einmal sagen mit okkulten Erkenntnissen, sondern mit 
Dingen, die von okkulten Erkenntnissen in alten Schriften herstammen-, 
wenn er mit solchen Dingen herantritt an die Beurteilung des Kultus 
und der Dogmatik, so kommen sonderbare Dinge heraus. Es kommen 
Dinge heraus etwa von der Art, dafi man sich sagen kann: Ja, was ist in 
dieser Dogmatik oftmals? Was ist in diesen Kultushandlungen? Nicht 
ich hier, sondern zahlreiche Schriftsteller, die sich von dem eben 
genannten Gesichtspunkte aus mit der Sache beschaftigt haben, kamen 
zu dem Schlufi: Ja, in der Dogmatik und in dem Kultus steckt eigentlich 
so ungeheuer viel altes Heidentum, ist so ungeheuer viel Wiederauf- 



frischung alten Heidentums vorhanden, dafi man den Versuch machen 
kann, wie zum Beispiel der franzdsische Schriftsteller Dracb, der ein 
griindlicher Kenner des alten Hebraismus war, zu zeigen, wie alles in 
der Dogmatik und in dem Kultus der katholischen Kirche nur herauf- 
gebrachtes altes Heidentum ist. - Und dann haben Schriftsteller versucht 
zu zeigen, dafi es gewissen Leuten gerade darauf angekommen ist, diese 
Tatsache zu verbergen, die Welt nicht wissen zu lassen, daft da altes 
Heidentum sich hineinverpflanzt hat in die Dogmatik, in das Kultus- 
wesen. 

Es ware nun eine merkwurdige Tatsache, wenn etwa gerade das Hei- 
dentum fortleben wiirde auf eine sehr unterbewufite Art, und die Frage 
konnte entstehen: Welche Dienste hatte denn dann das Fortleben des 
Heidentums dem Fortleben des Imperium Romanum geleistet? Welche 
Dienste? Und wie ware es denn dann mit Julian dem Apostaten? - Ja, 
wenn manche neueren Schriftsteller recht hatten damit, dafi zum Bei- 
spiel das katholische Mefiopfer im wesentlichen ein altes heidnisches 
Opfer ist, und Julian der Apostat alle seine Muhe darauf verwendet hat, 
die alten heidnischen Gebrauche nicht untergehen zu lassen, sondern 
sie fortzupflanzen, so hatte er in einer gewissen Weise doch etwas er- 
reicht. Unzahlige hochst merkwiirdige Probleme, wie Nietzsche sagt 
«Probleme mit H6rnern», gehen aus der Betrachtung des grofien Ge- 
gensatzes von Julian dem Apostaten und Konstantin hervor. Lauter 
Probleme mit Hornern, welche den gegenwartigen Menschen hochst, 
hochst fatal sind, die aber unbedingt Probleme der Zeit werden mussen. 

An diese Betrachtung wollen wir dann das nachste Mai ankniipfen. 



FUNFZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 24. April 1917 



Aus den Betrachtungen dieser letzten Vortrage konnten Sie entnehmen, 
dafi es schon fur die Gegenwart, insbesondere aber fiir die Zukunft der 
Menschheit von ganz besonderer Wichtigkeit sein wird, ein Verstandnis 
dafiir zu haben, dafi der Christus Jesus und alles, was mit ihm zusam- 
menhangt als das Mysterium von Golgatha, nicht angewiesen sei auf 
eine solche aufiere Betrachtung, wie man sie als geschichtliche Betrach- 
tung heute in der aufieren Wissenschaft gelten lafit; dafi vielmehr der 
Menschheit andere Quellen sich eroffnen miissen fiir die Uberzeugung, 
die Bewahrheitung, die Erkenntnis des Christus und des Mysteriums 
von Golgatha, als die geschichtliche Betrachtung im heutigen Sinne an 
Quellen bieten kann, selbst wenn diese Quellen die Evangelien sind. 
Ich habe es ja ofter erwahnt, und jeder, der sich mit der einschlagigen 
Literatur bekannt macht, kann das bei sich selber bewahrheiten: Gerade 
die fleifiigste, emsigste, sorgfaltigste Forschung des neunzehnten Jahr- 
hunderts hat sich auf die Evangelien-Kritik, auf die Evangelien-Unter- 
suchung verlegt; und man kann sagen, dafi, jetzt rein als aufierliche hi- 
storische Erscheinung genommen, diese Evangelienkritik im Grunde ge- 
nommen ein negatives Resultat ergeben hat, eigentlich eher zerstorend, 
auflosend, vernichtend fiir die Idee des Mysteriums von Golgatha ge- 
worden ist, denn bejahend, begriindend, erweisend. Wir wissen ja, daft 
eine grofle Anzahl von Menschen heute, nicht aus Widerspruchsgeist 
heraus, sondern weil sie glaubt, nicht anders zu konnen, auf Grund der 
historischen Forschung zu dem Resultat sich entschlossen hat, anzuer- 
kennen, dafi man keine Berechtigung habe, in rein geschichtlicher 
Weise zu sagen, man konne das Dasein des Christus Jesus im Beginne 
unserer Zeitrechnung erweisen. Man kann es allerdings auch nicht wi- 
derlegen, aber das will ja natiirlich nichts Besonderes besagen. 

Nun werden wir uns der Frage, wie es moglich ist, andere Quellen 
ausfindig zu machen fiir die Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha 
als die geschichtlichen, wir werden uns dem Verstandnis dieser Frage 
nahern, wenn wir noch einiges okkult Geschichtliche in der Art voraus- 



senden, wie das war, was wir in den letzten Betrachtungen hier ange- 
fuhrt haben. 

Wenn man die ersten Jahrhunderte der Entwickelung des Christen- 
tums verfolgt und beachtet, dafi eigentlich diese Entwickelung kaum 
anders zuganglich ist als dadurch, dafi man die rein geschichtliche Be- 
trachtung vertieft durch die geisteswissenschaftliche, wenn man das in 
Betracht zieht und also, ich mochte sagen, zunachst hypothetisch die 
geisteswissenschaftliche Betrachtung dieses Zeitraumes gelten lafit, dann 
bietet sich ein sehr merkwiirdiges Bild dar. Denn man mochte, wenn 
man so den Blick schweifen lafit iiber diese Entwickelung der ersten 
christlichen Jahrhunderte, eigentlich sagen, das Mysterium von Golga- 
tha habe sich nicht blofi einmal vollzogen, individuell, gewissermafien 
eben auf Golgatha, sondern es habe sich auch noch in einer Art iiber- 
tragenem Sinne im grofien geschichtlichen Zusammenhang ein zweites 
Mai vollzogen. Es gibt ja unendlich viel Merkwiirdiges, wenn man eben 
diesen geschichtlichen Zeitraum betrachtet. 

Nicht wahr, es gibt heute, sagen wir, weil diese ja eine fortlaufende 
Tradition hat, eine katholische Kirchengeschichte, welche zunachst von 
der Begriindung des Christentums redet, von den ersten Kirchenvatern 
und Kirchenlehrern der ersten christlichen Jahrhunderte, dann von den 
Kirchenlehrern und Kirchenphilosophen der folgenden Jahrhunderte, 
von den einzelnen Dogmenfestsetzungen der Konzilien und der unfehl- 
baren Papste und so weiter. Da wird gewissermafien eine Art geschicht- 
licher Faden verfolgt, den man so darstellt, als ob die Geschichte so in 
einem fortginge mit demselben Charakter. Man kritisiert zwar viel 
herum an den alteren Kirchenvatern, aber im ganzen getraut man sich 
doch nicht, sie vollstandig abzulehnen, weil man dann ja den kontinu- 
ierlichen Fortlauf unterbrechen wiirde; man will geradezu an das Kon- 
zil von Konstantinopel - von dem ich Ihnen schon erzahlt habe - im 
Jahre 869 ankniipfen. Ja, wie gesagt, man stellt das so dar, als ob das 
eine fortlaufende Geschichte ware. Aber, wenn irgendwo in einem 
scheinbar fortlaufenden Prozefi ein radikaler Sprung vorliegt, so ist es 
in dieser scheinbar fortlaufenden Geschichte. Man kann sich, wenn 
man auf den Geist der Sache eingeht, kaum einen grofieren Gegensatz 
denken, als der ist, der da waltet zwischen dem Geiste der ersten christ- 



lichen Kirchenlehrer und der spateren christlichen Kirchenlehrer und 
Konzilienbeschliisse. Da ist ein ungeheurer, radikaler Unterschied, der 
nur, weil dazu gewisse Interessen vorliegen, auch ebenso radikal fort- 
wahrend verwischt wird. Und dadurch ist es mdglich, daft die Seelen 
der Gegenwart gewissermafien in Unwissenheit gehalten werden kon- 
nen gerade iiber die ersten christlichen Jahrhunderte und iiber das, was 
da eigentlich geschehen ist. Wie zum Beispiel dasjenige, was man ge- 
wohnlich die Gnosis nennt, ausgerottet worden ist, dariiber existiert ja 
heute kaum eine irgendwie haltbare Vorstellung, auch bei den gelehrte- 
sten Leuten nicht. Dariiber, was solche Geister wie Klemens der Alex- 
andriner, Origenes, sein Schiiler und andere, selbst ein Tertullian, ge- 
wollt haben, dariiber existiert ebenso grofie Unklarheit, weil man aus 
den Fragmenten, die da sind, zum grofien Teil so da sind, dafi man nur 
die Schriften besitzt derjenigen, die diese Geister widerlegt haben, we- 
nigstens zum grofien Teil, weil man dadurch, man kann schon sagen, 
ein wiirdiges Bild gerade dieser ersten christlichen Kirchenvater und 
Kirchenlehrer gar nicht erhalten kann, und weil auf das Fragmentari- 
sche, das da ist, die phantastischsten Theorien aufgebaut werden. 

Wenn man Klarheit in dieser Sache gewinnen will, dann mufi man 
schon ein wenig blicken auf die Griinde dieser Unklarheit, das ist aber: 
auf alles dasjenige, was geschehen ist, um, ich mochte sagen, das My- 
sterium von Golgatha ein zweites Mai in der Geschichte, um es noch 
einmal zu haben. 

Als das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte, waren ja noch 
im weitesten Umfange die alten heidnischen Kulte, die alten heidni- 
schen Mysterien vorhanden. Sie waren in dem Grade vorhanden, daft 
wir eine Gestalt hervorgehen sehen wie Julian den Apostaten, von dem 
wir das letztemal gesprochen haben, der in die eleusinischen Mysterien 
eingeweiht war. Sie waren in dem Grade vorhanden, dafi, obwohl auf 
eine eigentumliche Art, eine lange Reihe der romischen Casaren eine 
Art von Initiation erhalten hatten. Aber aufierdem waren vorhanden 
alle die Dinge, welche zusammenhangen mit dem alten heidnischen 
Kultus. Und diese Dinge, die werden heute gewohnlich mit ein paar 
Worten in einer geschichtlich hochst ungehorigen Weise abgetan. Es 
wird erzahlt einfach in der alleraufierlichsten Weise, was geschehen ist. 



Nun, was da in der alleraufterlichsten Weise geschehen ist, das kann ja 
fur manchen schon geniigend sein, um gewissermaften von einem zwei- 
ten Mysterium von Golgatha zu sprechen. Aber man kennt eben ganz 
und gar nicht das Innere dessen, was da geschehen ist. 

Wenn man sich die Aufterlichkeiten ansieht, so mufi man sagen: In 
weitestem Umfange waren in den ersten Jahrhunderten des Christen- 
tums eine ungeheure Pracht und Herrlichkeit, von der man heute gar 
keine Vorstellung hat, eine ungeheure Pracht und Herrlichkeit aller 
moglichen heidnischen Tempel mit ihren Gotterbildern vorhanden; mit 
Gotterbildern, die bis in die Einzelheiten ihrer Gestaltung hinein eine 
kiinsderische Wiedergabe desjenigen waren, was in den alten Mysterien 
gelebt hat. Nicht nur, daft keine Stadt und keine Landschaft war, wel- 
che nicht in diesen alten Zeiten in Hiille und Fiille Kunstlerisch-Mysti- 
sches hatte, sondern auf den Ackern drauften, wo die Bauern ihr Ge- 
treide anbauten, da standen die einzelnen kleinen Tempel, ein jeder mit 
seinem Gotterbild. Und man vollzog keine Landarbeit, ohne sie in le- 
bendige Beziehung zu bringen zu jenen Kraften, die aus dem Weltenall 
herunterflieftend gedacht wurden mit Hilfe der magischen Gewalten, 
die in der besonderen Ausgestaltung dieser Gotterbilder lagen. Die ro- 
mischen Casaren in Verbindung mit den Bischofen und Priestern haben 
es sich nun in diesen Jahrhunderten angelegen sein lassen - und wir 
konnen das verfolgen bis zum Kaiser Justinianus, also bis ins sechste 
Jahrhundert hinein, wir konnen fast von jedem der Casaren Edikt iiber 
Edikt nachweisen, die alle dahin gingen, daft diese Casaren es sich ha- 
ben in der scharfsten Weise angelegen sein lassen, alle diese Tempel und 
Tempelchen mit ihren Bildern von Grund aus zu zerstoren. Ein unge- 
heures Zerstorungswerk ging in diesen Jahrhunderten iiber die Welt, 
ein Zerstorungswerk, das wiederum einzig dasteht in der ganzen Ent- 
wickelung der Menschheit; einzig dasteht aus dem Grunde, weil man 
sehen mufi auf dasjenige, was zerstort worden ist. Bis hinein in die 
Zeit, wo der heilige Benedtktus selbst eigenhandig mit seinen Arbeitern 
in Monte Cassino auf dem Berge den Apollo-Tempel abgetragen hat, 
der Erde gleichgemacht hat, um das Kloster, das dem Benediktiner- 
Orden geweiht wurde, da zu begrunden, und bis hinein in die Zeit des 
Kaisers Justinianus gehdrt es zu den wichtigsten Aufgaben des rdmi- 



schen Casarentums, das sich dann seit Konstantin insbesondere das 
Christentum angeeignet hat, dasjenige, was da geblieben war aus alten 
Zeiten, zu zerstoren. Es gibt auch Edikte, welche scheinbar der Zer- 
storungsarbeit Einhalt tun sollen. Aber wenn man diese Edikte liest, 
so bekommt man einen sonderbaren Eindruck. Da gibt es zum Beispiel 
ein Edikt eines solchen Casaren, welches dahin geht, man solle nicht 
auf einmal alle heidnischen Tempel zerstoren, das wiirde die Bevol- 
kerung aufriihrerisch machen; man solle vielmehr die Sache ganz lang- 
sam vollziehen, da wiirde die Bevolkerung nicht aufriihrerisch werden, 
sondern sie liefie sich das gef alien, wenn man es ihr nach und nach 
nahme. 

Alle die Mafiregeln furchtbarster Art, die mit diesem Zerstorungs- 
werk verbunden waren, sie werden ja sehr haufig, wie so vieles, be- 
schonigt. Das sollte aber nicht geschehen. Denn da, wo die Wahrheit in 
irgendeiner Weise getriibt wird, da ist der Zugang zu dem Christus 
Jesus auch durchaus getriibt, da kann er nicht gefunden werden. Und in 
bezug auf die ernste Wahrheitsliebe kann man ja ganz besondere Ent- 
deckungen machen, meine lieben Freunde. Ein kleines Symptom lassen 
Sie mich anfiihren, das ich aus dem Grunde anfuhre, weil ich es in ver- 
haltnismafiig friiher Kindheit erlebt habe, das mir dazumal aufgefallen 
ist. Man kann aber solch ein Ding nicht wieder im Leben vergessen. 
Nicht wahr, wenn man nicht gerade die Ohren verstopft hat, so hort 
man in der romischen Casaren-Geschichte, dafi jener Konstantinus , von 
dem wir ja auch gesprochen haben, nicht gerade ein sehr guter Mensch 
war. Denn ein sehr guter Mensch ist im allgemeinen derjenige nicht, 
der ungerechtf ertigterweise seinen eigenen Stiefsohn beschuldigt hat, mit 
seiner Mutter ein Verhaltnis zu haben - es war ungerecht, es war erfun- 
den, um einen Mordgrund zu haben der seinen Stiefsohn ermorden 
Hefi aus diesem erfundenen Grunde, dann aber die Mutter auch ermor- 
den liefi, die Stiefmutter. Das sind nur so die gangbarsten Taten dieses 
Konstantinus. Da aber doch die aufiere Kirche ihm aufierordendich viel 
zu verdanken hat, schamt sich die aufiere Kirchengeschichte, diesen 
Konstantinus in der richtigen Weise zu charakterisieren. Und da 
mochte ich Ihnen doch eine Stelle aus meinem Schulbuch der Reli- 
gionsgeschichte vorlesen iiber jenen Konstantinus: 



«Konstantin zeigte seine glaubige Gesinnung auch in seinem Privatle- 
ben.» - Ich habe Ihnen eben erzahlt, wie! - «Wenn man ihm Herrsch- 
sucht und Zornmiitigkeit vorwirft, so ist zu bedenken, daft der Glaube 
nicht vor jedem Fehltritte bewahrt, und dafi das Christentum seine 
voile heiligende Kraft an ihm nicht erweisen konnte, weil er bis an sein 
Lebensende aufier der Teilnahme an den heiligen Sakramenten blieb.» 

Aber solche Dinge kdnnen Sie ungeheuer viele erleben, und Sie kon- 
nen daran studieren den Grad von Wahrheitsliebe, der in der Ge- 
schichte sehr haufig vorhanden ist. In bezug auf die neuere Geschichte 
ist die Sache nicht viel besser, nur beriihrt sie da andere Gesichtspunk- 
te, und man merkt es nicht so leicht, weil da wieder andere Interessen 
vorliegen. 

Nun, wenn diese Edikte besprochen werden, wird auch erwahnt, dafi 
man sich namentlich wandte von seiten der romischen Casaren gegen 
die blutigen Opfer, die Tieropfer, welche in solchen Tempeln darge- 
bracht worden sein sollen, und dergleichen mehr. Nun soil hier weder 
Kritik geiibt werden, noch irgend etwas beschonigt werden, sondern 
die Dinge sollen einfach erzahlt werden. Dasjenige, was namlich not- 
wendig ist zu wissen, das ist dieses: Was man da nennt «Bekampfung 
der Tieropfer», aus deren Eingeweiden, so wie gesagt wird, man allerlei 
Zukiinfte voraussagte, das war allerdings eine dekadente Art des Op- 
fers, aber es war nicht jenes Triviale, was sehr haufig in der Geschichte 
gemeint ist, wenn man von diesen Dingen redet, sondern es war - aber 
nur auf eine andere Art, als es heute geschieht - eine tiefsinnige Wissen- 
schaft. Was man durch die Tieropfer erreichen wollte, das war: Man 
wollte durch die Verrichtung der Tieropfer - es ist schwierig, iiber diese 
Dinge heute zu sprechen, weil es sehr anstofiig gefunden wird, man 
kann nur im allgemeinen charakterisieren -, man wollte in diesen Tier- 
opfern Anregung haben fur etwas, was man in dieser Zeit nicht mehr 
direkt haben konnte, weil die Zeit des alten atavistischen Hellsehens 
vorbei war; man wollte in diesen Tieropfern Anregung haben innerhalb 
gewisser Kreise der Priester, innerhalb der heidnischen Priesterkreise, 
wieder zu beleben - es war das eine Art Mittel - die alten hellsichtigen 
Krafte. Und namendich wurde noch in einer besseren Art dieser Ver- 
such gepflegt, durch die besondere Form des Opfers wieder zu beleben 



die alte hellsichtige Kraft, urn zu den Urzeiten zu kommen, in den 
Mithras-Mysterien, und zwar da, ich mochte sagen, auf die geistigste 
Art in der damaligen Zeit. Roher, blutiger wurden die Dinge in den 
agyptischen Priester-Mysterien gepflegt und in den agyptischen Tem- 
peln. Wenn man die Mithras-Mysterien wirklich mit okkulten Mitteln 
studiert, so mufi man sagen: Sie waren ein Mittel, durch allerlei Opfer- 
verrichtungen - die aber mehr waren, als was man heute Opferverrich- 
tungen nennt, die tatsachlich etwas waren, was in viel intensiverer 
Weise in die Geheimnisse der Natur einfuhrte als heute die Leichensek- 
tion, Leichenautopsie, die eigentlich gar nicht in die Geheimnisse ein- 
fiihrt, sondern die nur zur Oberflache fiihrt sie waren ein Mittel, 
eine Einfiihrung in die Geheimnisse der im Weltenall wirksamen Krafte 
zu erreichen. Derjenige, der in richtiger Weise jene Opfer verrichtet 
hatte, der wurde durch diese Opfer in gewisser Weise hellsichtig fur die 
Anschauung gewisser Krafte, die in den Geheimnissen der Natur vor- 
handen sind. Und damit hangt es auch zusammen, daft man liber die ei- 
gentlichen Grundlagen der Mysterien-Opfer eben das Geheimnis wal- 
ten lieft, daft man die Dinge erst zuganglich finden durfte, wenn man 
geniigend vorbereitet war dazu. 

Nun, wenn man die Mithras-Mysterien studiert, dann findet man, 
daft diese Mithras-Mysterien alle zuriickgehen auf den dritten nachat- 
lantischen Zeitraum, und dadurch waren sie eben dazumal in der Deka- 
denz, weil sie in ihrer besseren Form fur den dritten Zeitraum geeignet 
waren. Im dritten nachatlantischen Zeitraum waren sie eigentlich in ih- 
ren besten Zeiten etwas, was zwar auf eine gefahrvolle und geheimnis- 
volle Weise, aber doch eben tief einfuhrte in tiefe Naturgeheimnisse; 
dadurch einfuhrte, daft die Verrichtungen, die gepflogen wurden, etwas 
bewirkten. Also denken Sie: es wurden von den Priestern in Gegenwart 
der Schiiler gewisse Verrichtungen gepflogen, die zusammenhingen mit 
dem Dekomponieren der Naturzusammenhange, um dadurch, durch 
das Dekomponieren, zur Erkenntnis der Komposition der Naturvor- 
gange zu kommen. Und durch die Art, wie sie eben geschahen, wie da 
in diesen Verrichtungen das in den Organismen befindliche Wasser mit 
dem Feuer zusammenwirkte, und wie dieses Zusammenwirken Anre- 
gung wiederum bot fur den, der bei der Opferung anwesend war, da- 



durch eroffnete sich diesem ein ganz besonderer Weg fiir eine bis in die 
innersten Fasern des Menschen gehende Selbsterkenntnis und damit 
Weltenerkenntnis . 

Also es waren diese Opfer ein Weg zur Selbsterkenntnis und zur 
Welterkenntnis. Man erlebte sich selber auf eine and ere Art, als man 
sich im aufteren Leben erlebt, wenn man bei diesen Opfern anwesend 
war. Aber dieses Erleben war im hohen Grade auf des Menschen 
Schwache berechnet. Denn Selbsterkenntnis ist etwas aufierordentlich 
Schwieriges, und diese Opfer waren eine Erleichterung der Selbster- 
kenntnis. Es wurde der Mensch durch diese Opfer dahin gebracht, sich 
gewissermafien innerlich zu spiiren, innerlich zu erleben, aber viel in- 
tensiver als etwa durch den blofien Gedankenprozefi oder Vorstel- 
lungsprozeft. Man mochte sagen, ein bis zur Korperlichkeit, bis zur 
Leiblichkeit gehendes Selbsterkennen wurde angestrebt, ein Selbster- 
kennen, das man sogar verfolgen kann bis in das Gemiit der grofien 
Kiinstler des Altertums hinein, die ihre Art, Formen zu geben, in ge- 
wissem Sinne verdankten dem Miterleben der Naturbewegungen und 
Naturformungen am eigenen Organismus. Denn je weiter man zuriick- 
geht in der Kunst, im Kunstschaffen, desto mehr kommt man zu jener 
Zeit, wo nach einem Modell zu schaffen iiberhaupt etwas ganz Unver- 
standliches wird. Ein Modell vor sich zu haben und das zu kopieren, 
das wird etwas ganz Unverstandliches. Immer mehr und mehr erkennt 
man, dafi die Leute ein Lebendiges in sich hatten, das lebte, und das sie 
verkorperten. Die Dinge sind heute schon so verglommen, dal5 man 
kaum noch liber sie sprechen kann, weil die Worte nur noch schatten- 
haft die Dinge bezeichnen, die man ganz reell und wirklich meint, 
wenn man von diesen Dingen spricht. Es ist ungeheuer, wie anders die 
Zeit geworden ist. 

Nun waren eine wirkliche Fortbildung dieser Art von Mysterien, die 
namentlich in den Mithras-Mysterien iiber die ganze damalige Welt zur 
Zeit des Mysteriums von Golgatha ausgedehnt waren, die griechischen 
eleusinischen Mysterien. Sie waren eine Fortbildung und zugleich in ge- 
wissem Sinne eine ganz andere Seite. Wahrend in den Mithras-Myste- 
rien alles darauf ankam, man mochte sagen, in leiblicher Art sich selbst 
zu erleben, kam bei den Eleusinien alles darauf an, nun gar nicht sich in 



sich zu erleben, sondern sich aufier sich zu erleben. In den Eleusinien 
wurden ganz andere Veranstaltungen getroffen als in den Mithras- 
Mysterien. In diesen wurde sozusagen der Mensch recht in sich hinein- 
geschoppt; in den Eleusinien wurde er seelisch aus sich herausgeholt, so 
daft er aufier dem Leibe miterlebte die geheimnisvollen Impulse des Na- 
tur- und Geistesschaffens aufier ihm. Und wenn wir nun eingehen auf 
das, was da eigentlich dem Menschen in diesen Mysterien wurde, so- 
wohl in den Mithras-Mysterien, die aber dekadent waren, wie in den 
Eleusinien, die dazumal nicht dekadent waren, sondern ein paar Jahr- 
hunderte vor der christlichen Zeitrechnung sogar auf ihrer Hohe waren, 
etwa im vierten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung zu ihrer 
Hohe hinanstiegen, wenn man fragt, was eigentlich in den Mysterien 
fur den Menschen geleistet wurde, so mufi man sagen: Die Antwort 
wurde geleistet auf die grofie delphische Aufforderung «Erkenne dich 
selbst!» Auf Selbsterkenntnis lief eigentlich alles hinaus, Selbsterkennt- 
nis auf die zwei verschiedenen Arten: Selbsterkenntnis durch das Hin- 
eingestopftwerden in sich, so daft gleichsam das Atherisch-Astralische in 
dem Menschen verdichtet wurde, so daft er innerlich an sich anstieft, 
und durch das innerlich Anstofien seines Seelischen an das Leibliche er- 
fahrt: Da bist du etwas, das du wahrnimmst, wenn du da innerlich dich 
selbst drangst und stoftest. - Das geschah durch die Mithras-Mysterien. 
Durch die Eleusinien wurde die Selbsterkenntnis dem Menschen da- 
durch, daft die Seele durch die verschiedenen, hier nicht weiter zu be- 
schreibenden Verrichtungen herausgeholt wurde aus dem Leibe, und 
der Mensch aufter dem Leibe in Zusammenhang kam mit der geheim- 
nisvollen Kraft der Sonnenwirkung, des Sonnen-Impulses auf der Erde, 
mit den Kraften des Mond-Impulses auf der Erde, mit den Kraften der 
Sternen-Impulse, der Impulse der einzelnen elementaren Krafte, der 
Warmekrafte, Luftkrafte, Feuerkrafte und so weiter. Da wiederum 
durchwellten des Menschen Seelisches, das aus dem Leibe geholt wur- 
de, die aufieren Elemente, das aufiere Dasein, und in diesem Zusam- 
menprall mit dem Aufieren wurde die Selbsterkenntnis erreicht. Und 
was die Leute wuftten, die den eigendichen Sinn des Mysterienwesens 
kannten, das war das: Man kann zu allem seelischen Erleben kommen; 
nur dazu kann man nicht kommen, etwas Reales mit dem Begriff des 



«Ich» zu verbinden, wenn es nicht aus den Mysterien kommt. Denn 
sonst blieb das Ich immer etwas Abstraktes fur diese Zeit, wenn es 
nicht aus den Mysterien kam. Das andere Geistig-Seelische konnte man 
erleben, aber das Ich mulke auf diese Weise angeregt werden, es be- 
durfte dieser starken Anregung. Das wufiten die Menschen. Und das ist 
das Wesentliche dabei. 

Nun kam ja zustande, wie Sie wissen, eine Art Kombination der 
christlichen Entwickelung mit dem Imperium Romanum. Und wie 
diese Kombination zustande kam, das habe ich ja geschildert. Indem 
diese Kombination zustande kam, entstand die Begierde, diese Vergan- 
genheit, die ich eben geschildert habe, womoglich zu verwischen; wo- 
moglich nicht auf die Nachwelt kommen zu lassen irgendein wirkliches 
Bild dieser Vergangenheit; nicht auf die Nachwelt kommen zu lassen, 
was da einmal bis in weite Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung 
herein die Menschen getan haben, um mit denjenigen gottlichen Kraf- 
ten, sei es in, sei es aufierhalb des Leibes in Beziehung zu kommen, die 
dem Menschen das Ich-Bewufitsein bringen. Und nun mufi man, wenn 
man etwas tiefer die Entwickelung des Christentums studieren will, 
nicht blofi sehen auf die Fortentwickelung der Dogmen, sondern vor 
alien Dingen auf die Fortentwickelung der Kulte. Fur gewisse Ge- 
sichtspunkte ist die Fortentwickelung des Kultus viel wichtiger noch als 
die Fortentwickelung der Dogmen. Denn die Dogmen sind dasjenige, 
was Streitigkeiten brachte; Dogmen sind gewissermafien wie der Vogel 
Phonix: sie entstehen wieder aus ihrer eigenen Asche; und wenn man 
Dogmen auch noch so sehr ausgerottet hat, es kommt immer wieder ir- 
gendeiner, den man fur einen Querkopf halt, mit derselben Anschau- 
ung. Kulte kann man viel sicherer ausrotten. Und diese alten Kulte, die 
gewissermaften die aufleren Schriftzeichen, die wirklichen aufieren 
Schriftzeichen, die Symbole waren fur dasjenige, was in den Mysterien 
vorgeht, diese Kulte auszurotten, darauf kam es an, um unmoglich zu 
machen, dafi aus dem Vorhandensein der Kulte abgelesen werde, wie 
man versuchte, sich den gottlich-geistigen Kraften zu nahern. 

Wenn man hinter die ganze Sache kommen will, dann mufi man sich 
die christlichen Kulte ein wenig ansehen, zum Beispiel den Mittelpunkts- 
kultus, das Mefiopfer, das katholische Meflopfer. Was ist dieses katho- 



lische Mefiopfer mit seinem ganzen ungeheuer tiefen Sinn? Was ist es? 
Ja, das Mefiopfer mit alledem, was daran hangt, ist eine kontinuierliche 
Fortentwickelung der Mithras-Mysterien, die in gewisser Weise etwas 
kombiniert sind mit den eleusinischen Mysterien. Das Mefiopfer und 
vieles, was an Zeremonien damit zusammenhangt, ist nichts anderes als 
die Fortentwickelung der alien Kulte, nur eben fortentwickelt. Nicht 
etwa ist die Sache so gelassen worden, wie sie war, namentlich wurde 
der blutige Charakter, den allmahlich die Mithras-Mysterien ange- 
nommen hatten, gemildert; der fand eine wirkliche Milderung. Aber 
die unendliche Ahnlichkeit des Grundgeistes, die kann nur der ermes- 
sen, welcher gewisse Einzelheiten in der richtigen Weise einzuschatzen 
weifi. Dafi der Priester, wie iibrigens auch der sonst das Abendmahl 
Empfangende, den Leib des Herrn zu sich nimmt, nachdem er so und 
so lange nichts gegessen hat - wie man sagt: mit niichternem Magen -, 
das ist zum Verstandnis der Sache viel wichtiger, als manches andere, 
namentlich manches, woriiber man im Mittelalter furchtbar gestritten 
hat. Denn das ist etwas zum Beispiel, worauf es ankommt. Und wenn 
irgendein Priester, wie es ja auch wohl vorkommt, dieses Gebot, 
wirklich mit niichternem Magen die Transsubstantiation und die Kom- 
munion zu vollziehen, ubertritt, dann hat sie durchaus nicht den Sinn, 
die Bedeutung, die Wirkung, die sie haben soil. Allerdings, zumeist hat 
sie nicht die Wirkung, weil die Betreffenden nicht in richtiger Weise 
unterrichtet werden. Denn die Wirkung kann nur da sein, wenn ein 
entsprechender Unterricht stattgefunden hat iiber dasjenige, was unmit- 
telbar nach dem Empfang des blutlosen Leibes des Herrn erlebt wird. 
Aber Sie wissen ja vielleicht selbst, wie wenig auf diese Feinheiten mehr 
heute gesehen wird; wie wenig darauf gesehen wird, daft dadurch wirk- 
lich ein Erlebnis eintreten soil, das ein gewisses innerliches Verspiiren 
darstellt, eine Art neuzeitlicher Wiedererneuerung desjenigen, was als 
Anregung in den Mithras-Mysterien stattgefunden hat. So stehen wirk- 
lich hinter dem Kultus gewissermafien mysteriose Dinge. Die stehen 
schon dahinter. Und die Kirche hat mit der Priesterweihe auch eine Art 
von Fortsetzung schaffen wollen des alten Initiationsprinzips, nur hat 
sie vergessen in vieler Beziehung, dafi das Initiationsprinzip darin be- 
stand, gewisse Lehren zu geben, wie die Dinge durchlebt werden sollen. 



Nun, sehen Sie, es gehorte zu dem Ideal Julians des Apostaten, da- 
hinterzukommen, wie die Eleusinien, in die er eingeweiht war, zusam- 
menhingen mit den Mysterien der dritten nachatlantischen Zeit. Denn 
was konnte er in den Eleusinien erfahren? Was Julian der Apostat in 
den Eleusinien erfahren konnte, dariiber belehrt den Menschen heute 
die Geschichte nicht. Aber wenn Sie sich wirklich einmal darauf einlas- 
sen wiirden zu studieren, wie so ein Klemens der Alexandriner, sein 
Schiiler Origenes, selbst Tertullian, selbst Irenaus, gar nicht zu reden 
von noch alteren Kirchenlehrern, wie diese zum grofien Teil ausgegan- 
gen sind vom heidnischen Initiationsprinzip und sich dann auf ihre Art 
zum Christentum heriibergefunden haben - wenn Sie auf diese Geister 
sehen, so finden Sie, dafi in ihnen eine ganz besondere Art der inneren 
Bewegung der Begriffe und Vorstellungen Iebt; es lebte in ihnen ein 
ganz anderer Geist, als spater in der Menschheit lebt. Der Geist, der in 
ihnen lebte, an den ist es no tig, wenn man an das Mysterium von Gol- 
gatha herankommen will, selbst heranzukommen. An diesen Geist her- 
anzukommen, das ist die Hauptsache! 

Sehen Sie, die Menschen schlafen ja so viel - ich meine das tatsachlich 

- mit Bezug auf die grofien Kulturerscheinungen. Man stellt sich die 
Welt wirklich so vor, wie wenn man sie eigentlich im Traume erlebte. 
Wir konnen das in unserer Zeit selbst sehen. Ich habe Ihnen ofter von 
Herman Grimm gesprochen. Ich mufi gestehen, mir ist es ganz anders, 
wenn ich jetzt von Herman Grimm spreche, oder wenn ich vor vier, 
fiinf Jahren von Herman Grimm gesprochen habe. Dasjenige, was wir 
in den nun bald drei Jahren dieses Krieges erlebt haben, das macht, dafi, 
wenn man auf die Dinge eingeht, einem dasjenige, was unmittelbar vor- 
angegangen ist, was die Jahrzehnte vorangegangen ist, wirklich wie eine 
Art Marchenzeit erscheint; es konnte ebensogut Jahrhunderte zuriick- 
liegen. Man hat das Gefuhl, dafi die Zeit sich ganz in die Lange gezogen 
hat, so fremd sind gewissermafien die Dinge geworden. - Und so, 
mochte ich sagen, wird iiberhaupt Wichtigstes in der Welt im Grunde 
genommen von den Menschen verschlafen. 

Wenn man heute versucht, mit gewdhnlichen Mitteln des Verstandes, 
des Begriffes, mit gewdhnlichen Mitteln alte Schriftsteller zu verstehen 

- gewifi, wenn man im gewdhnlichen Sinne ein Universitatsgelehrter ist, 



versteht man ja selbstverstandlich alles, was auf die Nachwelt gekom- 
men ist, aber wenn man nicht ein so erleuchteter Geist ist, so kann man 
zum Beispiel zu folgendem Urteil kommen. Man kann sich sagen: Mit 
gewohnlichem Verstande, wenn man nicht okkulte Mittel anwendet, 
sind die alten griechischen Philosophen Tbales y Heraklit, Anaxagoras, 
die also gar nicht so weit vor uns liegen, wirklich nicht zu verstehen. 
Sie reden, auch wenn man auf das Griechische eingeht, wirklich eine 
andere Sprache; eine andere Begriffssprache eben reden sie als diejenige 
ist, in der man selber reden kann fur den gewdhnlichen menschlichen 
Verstand. Und dies gilt zum Beispiel sogar mit Bezug auf Plato. Ich 
habe schon ofter erwahnt: Hebbel fiihlte das, als er daran dachte - er 
schrieb sich da auf in sein Tagebuch einen Dramenentwurf -, den wie- 
derverkorperten Plato als Gymnasialschuler vorzufuhren, der mit sei- 
nem Gymnasiallehrer den Plato lesen mufi und durchaus bei dem ge- 
scheiten Gymnasiallehrer nicht mit dem Plato zurechtkommt, trotzdem 
er der wiederverkorperte Plato ist. Hebbel wollte das ausfuhren. Er ist 
nicht dazu gekommen, aber er hat sich das aufgeschrieben in sein Tage- 
buch, wie das sein miifite, wenn der wiederverkorperte Plato heute ein 
Gymnasialschuler ware und den Plato lesen miifite und ihn nicht ver- 
stehen konnte. Aber Hebbel fiihlte das: Auch der Plato kann nicht so 
ohne weiteres verstanden werden. Verstehen, was man wirklich Verste- 
hen nennen darf beim Genaunehmen der Begriffe, das beginnt eigent- 
lich fur das menschliche Denken erst bei Aristoteles. Es geht nicht wei- 
ter zuriick, es beginnt erst bei Aristoteles im vierten vorchristlichen 
Jahrhundert. Was vorher liegt, das ist nicht zu verstehen mit gewohnli- 
chem Menschenverstand. Und Aristoteles haben daher auch die Men- 
schen immer wieder versucht zu verstehen, denn auf der einen Seite ist 
er verstandlich, auf der anderen Seite ist man mit Bezug auf gewisse Be- 
griff sbildungen bis heute uberhaupt nicht weiter gekommen, als Aristo- 
teles gekommen ist, weil diese Begriffsbildung gerade fur die damalige 
Zeit taugte. Und eigentlich, so in derselben Art zu denken, wie ein an- 
deres Zeitalter gedacht hat, das zu wollen, das heifit fur den Menschen, 
der im Konkreten lebt, im Grunde dasselbe, wie wenn man 56 Jahre alt 
geworden ist, und man mochte einmal auf eine Viertelstunde 26 Jahre 
alt sein, um das zu erleben, was man mit 26 Jahren erlebt hat. Eine ge- 



wisse Art zu denken taugt eben nur fur ein ganz bestimmtes Zeitalter; 
dasjenige, was da die Eigenart des Denkens ist, es wird nur immer wie- 
der nachgedacht. Aber es ist interessant, wie Aristoteles im Mittelalter, 
ich mochte sagen, als der Herrscher der Gedanken gelebt hat, und wie 
er bei dem hier ofter erwahnten Franz Brentano wieder aufgetaucht ist, 
und gerade jetzt wieder auftaucht. Ein schones, herrliches Buch hat 
Franz Brentano 1911 geschrieben iiber Aristoteles, worin er diejenigen 
Vorstellungen und Begriffe verarbeitet hat, die der jetzigen Zeit beson- 
ders nahegebracht werden sollten. Das ist ein merkwiirdiges Zeiten- 
karma, dafi dieser Franz Brentano just jetzt ein umfassendes Buch iiber 
Aristoteles geschrieben hat, das eigentlich jeder, der etwas darauf halt, 
mit einer gewissen Art des Denkens in Beriihrung zu kommen, lesen 
mufke. Es ist auch ein sehr leicht lesbares Buch, das von Brentano iiber 
Aristoteles. 

Sehen Sie, dieser Aristoteles ist aber auch im gewissen Sinne dem 
Schicksal verf alien, dafi er, wenn auch nicht in ganz unmittelbarer Art, 
durch die Kirche, nicht durch das Christentum, verstummelt worden 
ist, dafi man wichtige Dinge nicht hat von ihm. So daft eigentlich, ich 
mochte sagen, das, was an Verstiimmelung bei ihm vorliegt, auch im 
Grunde okkult erganzt werden mufi. Und die wichtigsten Dinge, die 
beziehen sich gerade auf die menschliche Seele. Und hier komme ich in 
Ankniipfung an diesen Aristoteles auf etwas, was dem Menschen der 
Gegenwart gesagt werden mufi, wenn er die Frage aufwirft: Wie kann 
ich nun selbst durch die inneren Seelenerlebnisse auf sichere Art, indem 
ich gerade auf diese Ratsel hinrichte das sonstige meditative Leben, das 
in unseren Schriften: «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?» und so weiter beschrieben ist, wie kann ich einen sicheren Weg 
finden, in mir selbst die Quellen fur das Mysterium von Golgatha zu 
eroffnen? Denn der Aristoteles versucht gewissermafien von sich aus 
dasjenige innere Erleben in sich regsam zu machen, das derjenige, der 
eine solche Frage aufwirft, nachmachen miifite. Nur da, wo Aristoteles 
dazu kommen wiirde, dies zu beschreiben, so recht seinen eigenen Me- 
ditationsweg zu beschreiben, da - sagen die Aristoteles-Kommenta- 
toren -, da wird Aristoteles wortkarg. Aber diese Wortkargheit besteht 
nicht darin, dafi Aristoteles diese Dinge nicht beschrieben hat, sondern 



darin, dafi die Spateren sie nicht abgeschrieben haben, daft sie nicht der 
Nachwelt iiberliefert sind. Aristoteles hat schon einen ganz eigentiimli- 
chen inneren, sagen wir mystischen Weg eingeschlagen. Aristoteles 
wollte dasjenige in der Seele finden, was innerliche Gewiftheit gibt, dafi 
die Seele unsterblich ist. 

Nun, wenn jemand ehrlich und aufrichtig eine Zeitlang wirklich in- 
nerlich meditative Arbeit leistet, Ubungen macht, dann kommt er un- 
bedingt dazu, innerlich zu erleben die Kraft der Seelenunsterblichkeit, 
indem er dasjenige sich eroffnet, was im Innern das Unsterbliche ist. 
Das war Aristoteles auch ganz klar, absolut klar, dafi man so etwas im 
Innern erleben kann, was einem sagt: Da erlebe ich im Innern etwas, 
was vom Leibe unabhangig ist, was also mit dem Tod des Leibes nichts 
zu tun hat. Das ist Aristoteles ganz klar. Nun geht er weiter, und dann 
versucht er, in sich ganz, intensiv zu erleben dasjenige, wovon man 
weifi, wenn man es erlebt, da/5 es nicht dem Leibe angehort. Und da er- 
lebt er ganz klar - nur ist eben die Stelle korrumpiert, verstiimmelt -, 
da erlebt er ganz klar dasjenige, worauf ich schon ofter hingedeutet 
habe, dasjenige, was man erlebt haben mufi, um zum Verstandnis des 
Mysteriums von Golgatha zu kommen: innere Einsamkeit. Einsamkeit! 
Mit dem mystischen Erleben geht es eben nicht anders, als dafi man zu 
dieser Einsamkeit kommt, dafi man gewissermafien den Schmerz dieser 
Einsamkeit durchmacht. Und wenn man daran ist, wirklich dieses Ein- 
samkeitsgefuhl so weit erlebt zu haben, dafi man sich gewissermafien 
die Frage stellt: Was hast du denn jetzt eigentlich alles verlassen, indem 
du so einsam geworden bist? - so wird man sich dies beantworten 
miissen: Jetzt hast du mit dem besten Teil deines Wesens Vater, Mut- 
ter, Briider, Schwestern und die ganze iibrige Welt mit ihren Einrich- 
tungen im Grunde genommen mit der Seele verlassen, mit dem besten 
Teil deines Wesens verlassen. - Das wufite auch Aristoteles. Das innere 
Erlebnis kann man haben; man kann es herbeifuhren. Man wird in die- 
sem Einsamkeitsgefuhl sich ganz klar dariiber, dafi da im Innern etwas 
ist, das iiber den Tod hinausgeht, aber das keinen anderen Zusammen- 
hang hat als nur den mit dem eigenen Ich, das in keinem Verkehr mit 
der Aufienwelt steht. Man kommt darauf , worauf Aristoteles auch ge- 
kommen ist: daft eben der Verkehr mit der Aufienwelt durch die Or- 



gane des Leibes vermittelt wird. Sich selber kann man noch anders erle- 
ben - aber die Organe des Leibes braucht man dazu, um die AufSenwelt 
zu erleben. Daher die Einsamkeit, die da eintritt. Und nun sagte sich 
Aristo teles, was sich eigentlich jeder, den Aristoteles nachmachend, 
wieder sagen miiflte: Da habe ich also die Seele erlebt, dasjenige erlebt, 
was der Tod nicht zerstoren kann. Aber zugleich ist alles fort, was 
mich in Zusammenhang bringt mit der Aufienwelt. Ich bin nur in mir 
selber. Ich kann nicht weiterkommen im Begreifen der Unsterblichkeit 
- so sagt sich Aristoteles - als bis dahin, einzusehen, daft ich nach dem 
Tode mich selbst erleben werde in absolutester Einsamkeit, durch alle 
Ewigkeiten nichts anderes vor mir habend als dasjenige, was ich im Le- 
ben durchgemacht habe als Gutes oder Boses, das ich ewig anschauen 
werde. Das erlangst du durch deine eigene Kraft, so sagt sich Aristote- 
les. Willst du etwas anderes wissen iiber die geistige Welt, so kannst du 
dich auf deine eigene Kraft nicht stiitzen, dann muftt du dich entweder 
einweihen lassen, oder auf dasjenige horen, was die Eingeweihten sagen. 

Das hat schon bei Aristoteles gestanden, nur haben es die anderen 
nicht iiberliefert. Und indem Aristoteles dieses durchschaut hat, wurde 
er gewissermafien auch eine Art Prophet, wurde er der Prophet fur das 
andere, das zu Aristoteles' Zeiten eben nicht moglich war, das heute 
anders ist als zu Aristoteles* Zeiten. Aber man braucht keine Geschichte 
zu iiberblicken, sondern in sich selbst erlebt man, da!5 es anders ist. 
Denn schauen wir noch einmal zuriick auf diese absolute Einsamkeit, 
zu der man gekommen ist, auf dieses mystische Erlebnis, das ganz an- 
ders ist, als wie mystische Erlebnisse sehr haufig geschildert werden. Sie 
werden sehr haufig in einer selbstgefalligen Art beschrieben, so, dafS ge- 
sagt wird: Du erlebst den Gott in deinem Innern. - Aber das ist nicht 
das vollstandige mystische Erlebnis. Das vollstandige mystische Erleb- 
nis ist: Man erlebt den Gott in volligster Einsamkeit, in absolutester 
Einsamkeit. Allein mit dem Gotte erlebt man sich. Und dann ist es nur 
darum zu tun, dafi man die notige Starke und Ausdauer hat, um in die- 
ser Einsamkeit weiterzuleben. Denn diese Einsamkeit ist eine Kraft, sie 
ist eine starke Kraft! Wenn man unter ihr nicht sich niederdriicken lafit, 
sondern sie als Kraft in sich leben lafit, diese Einsamkeit, dann kommt 
ein anderes Erlebnis dazu - natiirlich, solche Dinge konnen nur ge- 



schildert werden, aber jeder kann sie erleben -, dann kommt dazu die 
unmittelbare innere Gewifiheit: Diese Einsamkeit, die du da erlebst, die 
ist durch dich selbst herbeigefuhrt, die hast du herbeigefiihrt. Sie ist 
nicht mit dir geboren. Der Gott, den du da erlebst, aus dem bist du ge- 
boren, aber diese Einsamkeit ist nicht mit dir geboren, diese Einsamkeit 
geht aus dir hervor. Du bist schuld an dieser Einsamkeit. - Das ist das 
zweite Erlebnis. 

Indem man dieses Erlebnis hat, fiihrt es unmittelbar dazu, dafi man 
sich mitschuldig fiihlt an der Totung desjenigen, was aus dem Gotte 
hervorgegangen ist. An dieser Stelle, wo die Einsamkeit der Seele genii - 
gend lange gewirkt hat, wird es klar: Es ist etwas geschehen in der Zeit 
- es war nicht immer da, sonst miifite es keine Entwickelung gegeben 
haben; es mufi einmal eine Zeit gegeben haben, wo dieses Gefuhl nicht 
da war -, in der Zeit ist etwas geschehen, wo das Gotdiche durch das 
Menschliche abgetotet worden ist. An dieser Stelle beginnt man, sich 
mitschuldig zu fuhlen an der Totung des Gottes. Und wenn ich Zeit 
hatte, wiirde man auch zur weiteren Definition kommen konnen von 
der Totung des Gottessohnes. Das mystische Erleben darf eben nicht 
ein einziges, nebuloses, verschwommenes sein, sondern es geht in Stufen 
vor sich. Den Tod des Christus kann man erleben. 

Und dann braucht nur wiederum dieses Erlebnis starke Kraft zu 
werden, dann - ja, ich kann nicht anders sagen: dann ist der Christus 
da, und zwar der Auferstandene! Denn der ist zunachst als inneres my- 
stisches Erlebnis da, der Auferstandene, derjenige, der durch den Tod 
gegangen ist. Und die Motivierung des Todes, die erlebt man auf die 
geschilderte Art. 

Ein dreistufiges mystisches Erlebnis, man kann es haben. Dann ist es 
vielleicht noch nicht genug, um den Weg zu finden zu den Quellen fur 
das Mysterium von Golgatha, sondern dann sollte noch etwas anderes 
dazu kommen, was allerdings heute ungeheuer stark verlegt ist, ver- 
schuttet ist geradezu. Der einzige, der in genixgend starker Weise hin- 
gewiesen hat, wie da etwas fur die Menschheit gerade durch die Bildung 
des neunzehnten Jahrhunderts in ungeheuer starker Weise verschuttet 
worden ist, das war Friedricb Nietzsche, und zwar in der Abhandlung: 
«Vom Nutzen und Nachteil der Historie fiir das Leben.» Denn durch 



nichts wird uns die Christus-Erkenntnis griindlicher ausgetrieben als 
durch dasjenige, was man heute Geschichte nennt. Daher ist auch 
durch nichts das Mysterium von Golgatha so griindlich widerlegt wor- 
den als durch die treue Historie des neunzehnten Jahrhunderts. Gewifi, 
ich weifi, man ist heute ein Narr, wenn man etwas gegen die treue Hi- 
storie spricht, und es soli auch nichts gesagt werden gegen alles Sorgfal- 
tige und Philologische und Gelehrte, wie die Historie zustande kommt. 
Aber mag sie noch so gelehrt sein, die Geschichte, mag sie noch so treu 
sein, der Mensch stirbt an ihr seelisch, so wie sie heute ist. Gerade an 
der Geschichte stirbt der Mensch seelisch am sichersten. Die wichtig- 
sten Dinge, sie kennt man nicht im Leben der Menschen und der 
Menschheit. Die wichtigsten Dinge kennt man nicht! 

Man darf vielleicht auf diesem Gebiet gerade von Personlichem re- 
den, weil ja diese Dinge gerade an Personliches angekniipft werden diir- 
fen. Ich habe mich seit meinem achtzehnten, neunzehnten Jahr fort- 
wahrend mit Goethe beschaftigt, aber ich habe nie die Versuchung 
gespiirt, etwas treu historisch im philologischen Sinne iiber Goethe zu 
schreiben oder auch nur darzustellen, niemals, aus dem einfachen 
Grunde, weil mir von allem Anfang an die Idee lebendig war: das We- 
sentliche ist, daft Goethe lebt! Nicht, dafi man den Goethe, der 1749 
geboren, 1832 gestorben ist, als physischen Menschen ins Auge fafit, 
sondern das Wichtige ist, dafi, als Goethe 1832 gestorben ist, etwas 
nicht nur in seiner Individualitat fortlebt, sondern etwas fortlebt, was 
um uns herum ist wie die Luft, aber geistig, nicht blofi in dem, was die 
Menschen reden - da wird gerade iiber Goethe heute nicht sehr viel Ge- 
scheites geredet -, sondern geistig etwas um uns herum ist. Das Gei- 
stige ist um uns herum, wie es um die Menschen des Altertums noch 
nicht geistig herum war. Der Atherleib wird von der Seele abgetrennt 
als eine Art zweiter Leichnam, aber er wird durch den Christus- 
Impuls, der geblieben ist von dem Mysterium von Golgatha, in gewisser 
Weise doch konserviert, lost sich nicht rein auf, wird konserviert. Und 
wenn man - lassen Sie mich jetzt das Wort «Glaube» so brauchen, wie 
ich es definiert habe im Anfang der Vortrage -, wenn man den Glauben 
hat, Goethe ist als Atherleib auferstanden, und sich dann an sein Stu- 
dium macht, dann werden in einem selbst seine Begriffe und Vorstel- 



lungen lebendig, und man schildert ihn nicht so, wie er war, sondern 
wie er heute ist. Dann hat man den Begriff der Auferstehung ins Le- 
ben iibertragen. Dann glaubt man an die Auferstehung. Dann kann 
man davon sprechen, dafi man nicht blofi an die toten Vorstellungen 
glaubt, sondern an das lebendige Fortwirken der Vorstellungen. Denn 
das hangt mit einem tiefen Mysterium der neueren Zeit zusammen. Wir 
mogen denken, was wir wollen - fur unser Fiihlen und Wollen gilt das 
nicht, was ich sage, aber fur unser Denken und Vorstellen gilt es -, wir 
mogen denken, was wir wollen: solange wir im physischen Leibe sind, 
gibt es ein Hindernis dafur, dafi die Vorstellungen sich in der richtigen 
Weise ausleben konnen. Moge Goethe noch so grofi gewesen sein, seine 
Vorstellungen waren noch grofier als er selber. Denn daft sie so groft 
haben werden konnen, wie sie waren, und nicht grofter, daran war sein 
physischer Leib schuld. In dem Augenblick, wo sie sich vom physi- 
schen Leibe trennen konnten - ich meine jetzt die Vorstellungen, die im 
Atherleibe in gewisser Weise weiterleben, nicht sein Fiihlen und Wol- 
len - und wo sie aufgenommen werden konnen von jemand, der sie 
in Liebe aufnimmt und weiterdenkt, da werden sie noch etwas anderes, 
da gewinnen sie ein neues Leben. Glauben Sie, daft die erste Gestalt, in 
der Vorstellungen bei jemand auftauchen konnen, unter keinen Um- 
standen die letzte Gestalt dieser Vorstellungen gibt; sondern glauben 
Sie an eine Auferstehung der Vorstellungen! Und glauben Sie so fest 
daran, daft Sie gerne ankniipfen, jetzt nicht bloft in Ihrem Blut an Ihre 
Vorfahren, sondern an die geistigen Seelenvorfahren, und diese finden; 
es brauchen nicht Goethes zu sein, sondern es konnen der nachstbeste 
Miiller oder Schulze sein. Erfiillen Sie den Christus-Ausspruch: nicht 
nur anzukniipfen an die Leiber mit dem Blute, sondern anzukniipfen an 
die Seelen mit dem Geist, dann machen Sie wirksam, im Leben unmit- 
telbar wirksam, den Gedanken der Auferstehung. Dann glauben Sie im 
Leben an die Auferstehung. Denn es kommt nicht darauf an, daft man 
immer nur sagt «Herr, Herr!», sondern daft man das Christentum in 
seinem lebendigen Geiste auffaftt, daft man an den wichtigsten Begriff 
der Auferstehung unmittelbar als an einen lebendigen sich halt. Und 
wer in diesem Sinne sich an die Vergangenheit seelisch anlehnt, der 
lernt in sich selber erleben das Fortleben der Vergangenheit. Und dann 



ist es nur eine Frage der Zeit, dafi der Augenblick eintritt, wo der Chri- 
stus da ist, wo der Christus bei Ihnen ist. Alles hangt davon ab, an den 
Auferstandenen und die Auferstehung sich anzuklammern und sich zu 
sagen: Eine geistige Welt ist urn uns herum, und die Auferstehung hat 
eine Wirkung gehabt! 

Sie mogen sagen: Zunachst ist das ja Hypothese. Gut, lassen Sie es 
eine Hypothese sein! Wenn Sie einmal das Erlebnis haben: Sie haben 
angekniipft an irgendeinen Gedanken eines Menschen, der bereits 
durch den Tod gegangen ist, dessen physischer Leib der Erde einver- 
leibt worden ist, und der Gedanke mit Ihnen weiterlebt, dann kommt 
eines Tages das iiber Sie, dafi Sie sich sagen: So wie der Gedanke lebt, 
wie er in mir neuerdings lebendig ist, so ist er durch den Christus le- 
bendig, und hat niemals so lebendig werden konnen, bevor der Chri- 
stus auf der Erde war. 

Es gibt eben einen Weg zu dem Mysterium von Golgatha, der inner- 
lich gegangen werden kann. Aber man mufi vor alien Dingen von der 
sogenannten objektiven Geschichte, die ja deshalb ganz subjektiv ist, 
weil sie an der aufieren Oberflache nur klebt, weil sie den Geist gerade 
tilgt, man mufi von der sogenannten objektiven Geschichte Abschied 
nehmen. Denn sehen Sie, es sind viele Goethe-Biographien geschrieben 
worden. Diese Goethe-Biographien, die geschrieben worden sind, die 
gehen sehr haufig darauf aus, moglichst treu das Leben Goethes darzu- 
stellen. Jedesmal, wenn man das tut, ertotet man etwas in sich; unbe- 
dingt: man ertotet etwas in sich. Denn der Gedanke ist so, wie er da- 
zumal war bei Goethe, durch den Tod gegangen und lebt anders weiter. 
So im Geiste das Christentum erfassen, darauf kommt es an. 

Kurz, mystisch - jetzt im wahren Sinne des Wortes verstanden -, 
mystisch ist es moglich, das Mysterium von Golgatha zu erleben; aber 
man mufi nicht bei Abstraktionen stehen bleiben, sondern man mufi die 
innerlichen Erlebnisse durchmachen, die eben geschildert worden sind. 
Und wer die Frage aufwirft: Wie kann ich selber an den Christus her- 
ankommen? - der mufi sich klar sein, dafi er herankommen mufi an den 
Auferstandenen, und dafi, wenn man Geduld und Ausdauer hat, den 
Weg zu gehen, der eben beschrieben worden ist, man dann zur rechten 
Zeit an den Christus herankommt, dafi man dann der Begegnung mit 



dem Christus sicher sein kann. Nur muft man achtgeben, daft man bei 
dieser Begegnung nicht an dem Wichtigsten vorbeisieht. 

Ich sagte: Aristoteles war in gewissem Sinne ein Prophet, und von 
diesem Prophetischen nahm Julian der Apostat wieder etwas auf . Aber 
er konnte aus der Gestalt, wie die Eleusinien waren dazumal, nicht 
mehr recht dahinter kommen; er wollte den Anschlufi haben in den 
Mithras-Mysterien. Daher sein Zug nach Persien. Er wollte hinter die 
ganze Kontinuitat kommen, er wollte den ganzen Zusammenhang ken- 
nen. Das konnte man nicht zulassen - daher der Mord an Julian 
Apostata. 

Aber den Christus gewissermafien selber nach Art der eleusinischen 
Mysterien zu erleben, das, ja das war das Bestreben gerade noch der er- 
sten Kirchenlehrer. Und ob man diese nun Gnostiker oder nicht Gno- 
stiker nennen will - diejenigen, die eigentlich Gnostiker waren, sind ja 
von der Kirche nicht rezipiert worden, aber man konnte geradesogut 
Klemens von Alexandrien einen Gnostiker nennen die beschaftigten 
sich in ganz anderer Weise mit dem Christus, weil sie an den Christus 
durch die Eleusinien herankommen wollten, als man spater sich mk 
ihm beschaftigte. Sie beschaftigten sich so mit ihm, dafi sie ihn vor alien 
Dingen als ein kosmisches Ereignis nahmen. Die Frage wurde zum Bei- 
spiel immer wieder und wiederum aufgeworfen: Wie wirkt der Logos 
rein in der geistigen Welt? Und: Was hatte eigentlich diejenige Wesen- 
heit als ihr Charakteristisches an sich, die im Paradies dem Menschen 
begegnete? Wie war die mit dem Logos verknupft? - Solche Fragen, zu 
deren Beantwortung man sich rein in geistigen Vorstellungen bewegen 
mufite, beschaftigten diese Menschen. Und man mufi sagen, wenn man 
den Blick wirft auf die Eleusinien und die Mithras-Mysterien, die mit 
Stumpf und Stiel ausgerottet wurden: in den ersten Jahrhunderten nach 
dem Mysterium von Golgatha ging der Wiederauferstandene selber in 
den Mysterien herum, urn diese zu reformieren. Deshalb kann man in 
einem wirklich tiefen Sinn sagen: Julian der Apostat war vielleicht ein 
besserer Christ als Konstantin. Konstantin war erstens ja nicht initiiert, 
und dann nahm er das Christentum in ganz aufierlicher Weise an. 
Aber Julian der Apostat hatte eine Ahnung davon: Willst du den 
Christus finden, so mufk du ihn durch die Mysterien finden; so mu£t 



du gerade durch die Mysterien den Christus finden, dann wird er 
dir das Ich geben, das zu Aristoteles' Zeiten noch nicht gegeben 
werden konnte. 

Das hangt natiirlich mit den tieferen geschichtlichen Notwendigkei- 
ten zusammen, dafi, statt durch die Mysterien den Weg zum Christus 
zu suchen, diese Mysterien mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden. 
Aber der Weg zum Griechentum, der mufi wieder gegangen werden, 
mufi gegangen werden ohne Urkunden. Das Griechentum mufi wieder 
erstehen. Natiirlich nicht so, wie es war, sonst kommt man zu jenen 
Affereien, die dadurch entstehen, dafi man da oder dort die olympi- 
schen Spiele nachafft; darauf kommt es nicht an, dafi man das 
Griechentum nachafft. Diese Afferei, die meine ich nicht. Von innen 
heraus mufi das Griechentum wieder erstehen und wird erstehen, und 
den Weg in die Mysterien, den miissen die Menschen finden, nur wird 
er ein sehr innerlicher sein. Dann werden sie auch den Christus in ent- 
sprechender Weise finden. 

Aber so wie das erste Mysterium von Golgatha vollzogen wurde in 
Palastina, so wurde das zweite vollzogen durch den Konstantinismus. 
Denn indem man die Mysterien ausgerottet hat, wurde der Christus als 
historische Erscheinung zum zweitenmal gekreuzigt, getotet. Denn jene 
furchtbare Zerstorung, die durch Jahrhunderte Platz gegriffen hat, die 
ist so, dafi sie vor alien Dingen nicht blofi - was ja wahrhaftig nicht zu 
unterschatzen ist - eine Zerstorung grofiter auch kunstlerischer und my- 
stischer Leistungen war, sondern es war auch eine Zerstorung wichtig- 
ster Menschheitserlebnisse. Nur verstand man nicht, was man eigent- 
lich zerstort hatte mit dem, was aufierlich hingeschwunden war, weil 
man schon die Tiefe der Begriffe vollstandig verloren hatte. Als der 
Serapis-Tempel, als der Zeus-Tempel mit ihren grofiartigen Bildnissen 
zerstort wurden, da sagten die Leute: Ja, wenn dies zerstort wird, dann 
haben ja die Zerstorer recht; denn alte Sagen haben uns iiberliefert: 
Wenn der Serapis-Tempel zerstort wird, dann stiirzen die Himmel ein, 
und die Erde wird zum Chaos! Es ist aber nicht der Himmel einge- 
stiirzt, und es ist nicht die Erde zum Chaos geworden, trotzdem die 
romischen Christen den Serapis-Tempel der Erde gleichgemacht haben, 
- sagten die Leute. Gewifi, die Sterne sind nicht heruntergef alien, die 



aufteren, physischen; die Erde ist nicht ein Chaos geworden, aber im 
menschlichen Erleben schwand dasjenige, was friiher gewuftt wurde 
durch die Sonneninitiation. Die ganze ungeheure Weisheit, die sich 
wolbte machtiger als der physische Himmel in der Anschauung der Al- 
ten, sie stiirzte zusammen mit dem Serapis-Tempel. Und diese alte 
Weisheit, von der Julian der Apostat noch einen Nachklang in den 
Eleusinien verspiirte, wo sich die geistige Sonne, der geistige Mond 
iiber ihm dehnte, die ihre Impulse herunterschickten, sie stiirzte. Und 
dasjenige wurde zum Chaos, was die Alten in den Mithras-Mysterien 
erlebten und in den agyptischen Mysterien erlebten, wenn sie durch 
den Opferdienst innerlich nacherlebten die Geheimnisse des Mondes 
und die Geheimnisse der Erde, wie sie sich im Menschen selber abspie- 
len, wenn er, wie ich es vorhin mit einem trivialen Ausdruck bezeichnet 
habe, gleichsam durch Zusammenschoppen seines Seelischen in seinem 
Innern zur Erkenntnis seiner selbst kommt. Geistig war es so, daft die 
Himmel zusammenstiirzten und die Erde zum Chaos wurde: denn was 
in diesen Jahrhunderten verschwunden ist, das ist durchaus mit dem zu 
vergleichen, was verschwinden wiirde, wenn wir unsere Sinne plotzlich 
verlieren wurden, wo, wenigstens fur uns, auch der Himmel oben nicht 
mehr sein wiirde, und unten die Erde nicht mehr sein wiirde. Die alte 
Welt ist nicht bloft in der trivialen Weise hinweggeschwunden, wie es 
da dargestellt wird, sondern sie ist in einem viel tieferen Sinne hinweg- 
geschwunden. Und an die Auferstehung mussen wir glauben, wenn wir 
uberhaupt nicht dasjenige, was verschwunden ist, als etwas vollig Ver- 
lorenes glauben wollen. An die Auferstehung mussen wir glauben. 
Dazu aber ist notwendig, daft die Menschen starke und mutige Begriffe 
in sich aufnehmen. Dazu ist vor alien Dingen notwendig, daft die Men- 
schen merken, daft jener Impuls heute notwendig ist, auf den hier so 
oftmals hingewiesen worden ist. 

Denn die Menschen sollten verspuren, daft zwar durch eine karmi- 
sche, weltenkarmische Notwendigkeit, Jahrhunderte von gewissen Ge- 
sichtspunkten aus vergeblich durchlebt worden sind - nattirlich ist es 
nur von einem gewissen Gesichtspunkte aus eine Notwendigkeit -, daft 
sie leer durchlebt worden sind, damit aus einem starken inner en Frei- 
heitstrieb der Christus-Impuls wieder gefunden werden kann, erst recht 



gefunden werden kann; aber die Menschen miissen aus der Selbstgefal- 
ligkeit hinweg, in der sie heute vielfach sind. 

Manchmal ist es namlich mit dieser Selbstgefalligkeit sehr merkwiir- 
dig. Ein Benediktiner-Pater, Knauer > hielt in den achtziger Jahren in 
Wien Vortrage. Eine Stelle aus diesen Vortragen mochte ich Ihnen le- 
sen. Der Vortrag, von dem ich Ihnen ein ganz kleines Stiickchen lesen 
mochte, handelt iiber die Stoiker. Die wichtigsten Vertreter dieser Stoi- 
ker waren: Zeno (342-270), Kleanthes, der 200 Jahre vor Christus leb- 
te, und Chrysippos (282-209); wir sind also Jahrhunderte vor dem My- 
sterium von Golgatha. Was kann derjenige, der die Stoiker kennt, von 
diesen Stoikern sagen? Also wir sind Jahrhunderte vor dem Mysterium 
von Golgatha. 

«Um schliefilich noch etwas zum Lobe der Stoa zu sagen, moge noch 
erwahnt sein, dafi sie einen das ganze Menschengeschlecht umfassenden 
Volkerbund anstrebte, der allem Rassenhafi und Krieg ein Ende zu ma- 
chen geeignet ware. Es braucht wohl nicht ausdrticklich gesagt zu wer- 
den, dafi die Stoa damit hoch iiber den oft unmenschlichen Vorurteilen 
ihrer Zeit und selbst der fernsten Geschlechter kiinftiger Zeiten stand. » 

Ein Volkerbund! Ich mulke diesen Vortrag wieder vornehmen, weil 
man die Meinung haben konnte, man hatte nicht recht gehort, wenn 
man jetzt den Wilson und andere Staatsmanner der Gegenwart von ei- 
nem Volkerbunde red en hort - man hatte nicht recht gehort; man 
meinte, man horte eine Stimme der alten Stoiker aus dem dritten vor- 
christlichen Jahrhundert! Denn die haben das alles viel besser gesagt. 
Sie haben es wirklich viel besser gesagt, denn hinter ihnen stand die 
Kraft der alten Mysterien. Sie haben es gesagt mit einer inneren Kraft, 
die nun geschwunden ist, und die Schale ist nur zuriickgeblieben, Stufe 
£iir Stufe immer die Schale nur zuriickgeblieben. Nur die Historiker, 
die nun nicht in dem ganz gewohnlichen trivialen Sinn Historiker sind, 
die sehen sich manchmal historische Erscheinungen noch anders an. 

Und Knauer fahrt fort - ich brauche durchaus nicht iiber Immanuel 
Kant dasjenige zuriickzunehmen, was ich neulich gesagt habe, aber man 
kann es trotzdem doch sehr bemerkenswert finden, dafi ein guter Philo- 
soph wie der Knauer in den achtziger Jahren folgende Worte iiber die 
Stoa gesagt hat -: 



«Unter den neueren Philosophen hat diesen Gedanken» - er meint 
den Gedanken des Volkerbundes - «kein Geringerer wieder aufgegriffen 
und fur durchfuhrbar erklart, als Immanuel Kant in seiner viel zu wenig 
beachteten Schrift <Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Ent- 
wurf.> Der zugrundeliegende Gedanke Kants ist jedenfalls ein ganz 
richtiger und praktischer. Er fuhrt namlich aus, der ewige Friede miisse 
dann eintreten, wenn die machtigsten Staaten der Erde eine wahre Re- 
prasentativ-Verfassung haben.» Ja, jetzt nennt man es Neuorientierung 
in einer schattenhaften Abschwachung. Bei Kant ist es ja schon sehr ab- 
geschwacht, aber jetzt ist es noch mehr abgeschwacht, jetzt nennt man 
es Neuorientierung. Aber indem er Kant weiter betrachtet, findet 
Knauer: «In einer solchen werden die Besitzenden und Gebildeten, die 
durch den Krieg am meisten geschadigt werden, in der Lage sein, iiber 
Krieg und Frieden zu entscheiden. Unsere der englischen nachgebilde- 
ten Konstitutionen aber halt Kant fur keine solchen Reprasentativ-Ver- 
fassungen. In ihnen herrscht zumeist nur die Parteileidenschaft und das 
Cliquenwesen, dem die fast nur auf arithmetisch-statistischen Grund- 
satzen beruhende Wahlordnung den grofiten Vorschub leistet. Der An- 
gelpunkt dieser Ausfiihrungen aber ist: <Das Volkerrecht soli auf ei- 
nen Foderalismus freier Staaten gegriindet sein.»> 

Horen wir Kant oder horen wir die Dinge von der Neuorientierung? 
Bei Kant ist die Sache noch viel kraftiger, noch auf viel besserem Un- 
tergrunde. Nun, was dann noch nachfolgt, das will ich schon gar nicht 
vorlesen, sonst konnte noch der gute alte Kant mit der Zensur in einen 
unliebsamen Konflikt kommen. 

Sehen Sie, das, was ich da auseinandergesetzt habe, das hat einen von 
mir auch schon ofter erwahnten Schriftsteller, Brooks Adams, in Ame- 
rika dazu gefiihrt, als eine Art einsamer Denker den Entwickelungsgang 
der Menschheit zu untersuchen. Zu untersuchen, was es fur eine Be- 
deutung hatte, wenn immer wieder und wiederum durch gewisse Vol- 
kerschaften das Altgewordene der Menschheitsentwickelung aufge- 
frischt worden ist, wie durch die germanischen Volker das Imperium 
Romanum. Jetzt schaut sich Brooks Adams um und findet viele Ahn- 
lichkeiten mit dem Imperium Romanum; aber nirgends findet er dieje- 
nigen, die da kommen sollen, es aufzufrischen. Die Amerikaner halt er 



namlich nicht dafiir - er schrieb in Amerika -, und das ist auch begriin- 
det. Denn von auften wird diese Auffrischung nun nicht kommen, von 
innen muE sie kommen; sie mufi dadurch kommen, daft der Geist be- 
lebt werde. Von den Leibern wird keine Auffrischung kommen, von 
den Seelen mufi nun die Auffrischung kommen. Die kann aber nur 
kommen, wenn der Christus-Impuls in seiner Lebendigkeit erfafit wird. 
Und alle bloden Redensarten, die heute so vielfach auftauchen, gelten 
fur die Vergangenheit, nicht aber fur Gegenwart und Zukunft, die blo- 
den Redensarten, die immer wiederum sagen: Ja, das Sprichwort gilt: 
Die Eule der Minerva kann nur in der Dammerung ihren Flug entfal- 
ten. - Das hat fur fruhere Zeiten gegolten, da konnte man sagen: Wenn 
die Volker alt geworden waren, dann griindeten sie die Philosophen- 
schulen; blickten gleichsam im Geiste zuriick auf dasjenige, was der In- 
stinkt geleistet hat. - In Zukunft wird es anders werden. Denn dieser 
Instinkt wird nicht mehr kommen; aber der Geist selber muE wieder 
instinktiv werden, und aus dem Geiste selber mufi die Moglichkeit des 
Schaffens entstehen. 

Damit ist ein gewichtiges Wort gesprochen. Denken Sie gerade iiber 
dieses Wort nach: Aus dem Geiste selber mufi die Moglichkeit des 
Schaffens entstehen! Instinktiv muE die Kraft des Geistes werden! - 
Auf den Auferstehungsgedanken kommt es an, Dasjenige, was gekreu- 
zigt worden ist, es mufi wieder auferstehen. Das wird keine Historie 
bewirken, sondern das kann nur das bewirken, dafi wir lebendig ma- 
chen in uns die wirksamen Geisteskrafte selbst. 

Das ist dasjenige, was ich gerade in dieser Zeit in Ankniipfung an das 
Mysterium von Golgatha sagen wollte. 



SECHZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 1. Mai 1917 

Wir haben zum Teil in diesen Betrachtungen Altestes, alteste Ereignisse 
der abendlandischen Kulturentwickelung besprochen. Aber Sie haben 
gesehen, wir haben das immer getan, um aus den Gedanken, die uns 
aus diesen Betrachtungen iiber Altestes aufsprieften konnen, dasjenige 
zu finden, was in der Gegenwart vorzustellen notwendig ist. Und in 
dieser Absicht werden auch des ferneren hier diese Betrachtungen von 
mir angestellt. 

Es ist eine Zeit, diese Zeit der Gegenwart, der man es ja auch schon 
oberflachlich ansehen kann, daft nur Gedanken in ihr Durchschlags- 
kraft haben konnen, welche aus den Geheimnissen der Menschheits- 
entwickelung heraus genommen worden sind. Man muft allerdings 
dann, um die ganze Tragweite einer solchen Behauptung zu empfinden, 
in bezug auf manches recht klar, aber auch bis zu einem gewissen 
Grade tief in die Bediirfnisse und in die Mangel des gegenwartigen 
Denkens, Empfindens und Wollens hineinschauen. Gerade daraus wird 
man dann die Notwendigkeit hervorgehend empfinden, daft unsere Ge- 
genwart neue Einschlage, neue Gedanken, neue Ideen braucht, und 
zwar gerade solche Einschlage, solche Gedanken, welche aus den Tie- 
fen des geistigen Lebens, die Gegenstand der Geisteswissenschaft sein 
sollen, heraus kommen. 

Sehen Sie, auf manches in der Gegenwart mufi man wirklich mit ei- 
ner gewissen Betriibnis hinsehen, wenn auch diese Betriibnis niemals 
etwas sein soil, was niedergeschlagen macht, sondern im Gegenteil et- 
was sein soil, das gerade zur Arbeit, zum Streben in der Gegenwart ge- 
eignet und reif machen kann. In diesen Wochen ist ein Buch erschie- 
nen, und, ich mochte sagen, als mir dieses Buch in die Hand kam, hatte 
ich das Gefuhl, daft ich mich am allerliebsten iiber dieses Buch freuen 
mochte, recht freuen mochte. Denn es ist geschrieben von einem Mann, 
der zu den, man darf sagen, wenigen gehort, die interessiert werden 
konnten fur unsere geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, und bei 
dem man wiinschen mochte, daft er in sein eigenes geistiges Schaffen 



einfliefien lassen konnte dasjenige, was aus den geisteswissenschaftli- 
chen Bestrebungen heraus kommt. Ich meine das Buch: «Der Staat als 
Lebensform» von Rudolf Kjellen, dem schwedischen Nationaloko- 
nomen und Staatsforscher. Als ich das Buch gelesen hatte, kann ich sa- 
gen, empfand ich Wehmut, weil ich gerade an einem Geiste, der, wie 
gesagt, interessiert werden konnte fiir die geisteswissenschaftlichen Be- 
strebungen, sehen konnte, wie weit entfernt seine Gedanken noch sind 
von denjenigen Gedanken, die der Gegenwart vor alien Dingen not tun 
wiirden, die in der Gegenwart vor alien Dingen Gestalt gewinnen rmis- 
sen, damit sie einschlagen konnen in den Entwickelungsgang dieser Ge- 
genwart. Kjellen versucht den Staat zu studieren, und man bekommt 
das Gefuhl, dafi er nirgends iiber Vorstellungen, iiber Ideen verfiigt, 
welche ihn in die Lage versetzen, nun wirklich auch nur im allerent- 
ferntesten seine Aufgabe zu losen, ja, der Losung dieser Aufgabe auch 
nur irgendwie nahezukommen. Es ist schon ein betriibendes Gefuhl - 
das ja, wie gesagt, nicht niedergeschlagen machen darf, sondern im Ge- 
genteil die Krafte stahlen soil, wenn man sich in Wahrheit der Zeit ge- 
geniiberstellen mufi -, es ist ein betriibendes Gefuhl, gewissermafien 
immer wieder und wiederum solche Entdeckungen machen zu mussen. 

Bevor ich nun aber einiges gerade iiber diese Erscheinungen sage, 
mochte ich Ihren Blick wiederum zunachst auf Altestes lenken, auf das- 
jenige Al teste, das ja, wie Sie sich leicht vorstellen konnen aus den An- 
gaben, die ich Ihnen letzthin iiber das zerstorende Element in der 
christhchen Kulturentwickelung geltend gemacht habe, fiir die aufiere 
Geschichte nur sehr getriibt sich der Gegenwart zeigen kann, das da- 
her um so mehr durch die Geisteswissenschaft zum Verstandnis der 
Gegenwart gebracht werden mufi. Ich habe ja das letzte Mai erwahnt, 
mit welch ungeheurer Wut das sich in den ersten Jahrhunderten aus- 
breitende Christentum die alten Kunstdenkmaler zerstort hat, gewis- 
sermafien wieviel dieses sich ausbreitende Christentum wegrasiert hat 
von dem Erdendasein. Man kann, glaube ich, nicht unbefangen sich 
heute dem Christentum gegeniiberstellen, wenn man nicht auch diese 
andere Seite der Sache in voller Objektivitat anzuschauen vermag. Al- 
lein betrachten Sie im Zusammenhang damit etwas anderes noch, be- 
trachten Sie die Tatsache, dafi Sie ja heute aus den verschiedenen Bii- 



chern, die es uber diesen Gegenstand gibt, ein Bild bekommen. Jeder 
Mensch, der nur einige Schulbildung hat, bekommt ein Bild von der 
geistigen Entwickelung des Altertums, von der geistigen Entwickelung, 
die dem Christentum vorausgegangen ist. Aber denken Sie einmal nach, 
wie anders dieses Bild ware, das heute jeder Mensch bekommt, wenn 
der Erzbischof Theophilos von Alexandrien im Jahre 391 nicht sieben- 
mal hunderttausend Rollen verbrannt hatte mit den allerwichtigsten 
Kulturdokumenten uber romische, iiber agyptische, iiber indische, uber 
griechische Literatur und deren Geistesleben! Also stellen Sie sich nur 
einmal vor, was anders heute in den Buchern stehen wiirde, wenn diese 
siebenhunderttausend Rollen im Jahre 391 nicht verbrannt worden 
waren! Und daraus werden Sie doch sich ein Bild machen konnen, was 
eigentlich Geschichte der Vergangenheit, wenn sie sich nur auf 
Dokumente stiitzt, ist, beziehungsweise was sie nicht ist. 

Nun, fuften wir auf den Gedankengangen, die ich das letztemal hier 
angeschlagen habe. Seien wir uns klar dariiber, daft in vieler Beziehung 
gerade das Kultusleben des Christentums, wie wir gesehen haben, seine 
Anregungen, seine Impulse empfangen hat aus den alten Mysterien- 
symbolen, Mysterienkulten; daft es aber auf der anderen Seite dafur ge- 
sorgt hat, daft diese Mysterienkulte, diese Mysteriensymbole in ihrer 
Gestaltung griindlich ausgerottet worden sind fur die aufiere For- 
schung. Das Christentum hat gewissermaften Tabula rasa gemacht, da- 
mit man nicht wissen konne, was vorausgegangen ist, damit man sich 
nur hingebe demjenigen, was dieses Christentum selbst bietet. Ja, so 
geht eben der Gang der menschheitlichen Entwickelung; und man mufi 
sich, ohne von pessimistischen Anwandlungen gepeinigt zu sein, darauf 
einlassen, nicht anzuerkennen, daft der Gang der menschheitlichen 
Entwickelung so ein gerader Fortschritt sei. 

Ich habe schon das letztemal darauf aufmerksam gemacht, daft vieles, 
was in die Kulte eingeflossen ist, zuriickfuhrt auf der einen Seite auf die 
Eleusinien, die aber in ihrer Entwickelung abgebrochen worden sind, 
weil, wie wir gesehen haben, Julian der Apostat nicht zu seinem Rech- 
te, nicht zur Ausbildung seiner Absicht gekommen ist; aber noch mehr 
ist in dasjenige, was in der folgenden Zeit dann spielte, eingeflossen von 
den Mithras-Mysterien. Aber gerade dasjenige, was der Geist der Mith- 



ras-Mysterien war, was ihnen ihre Berechtigung gab, woraus sie 
ihren eigentlichen Inhalt, ihren geistigen Inhalt schopften, das ist fiir 
die auftere Forschung deshalb verlorengegangen, weil man eben die Spu- 
ren zu verwischen wuftte. Das kann also in seiner wahren Gestalt nur 
wiederum gefunden werden, wenn man aus der geisteswissenschaftlichen 
Forschung versucht, Vorstellimgen iiber die entsprechenden Dinge zu 
gewinnen. Ich will heute nur eine Seite gerade der Mithras-Mysterien 
Ihnen vor die Seele fiihren. Es ware naturlich viel, viel mehr und weite- 
res zu sagen iiber diese Mithras-Mysterien, als ich heute sagen kann, 
aber man mufi ja die Dinge kennenlernen dadurch, dafi man sich nach 
und nach mit ihren Einzelheiten bekannt macht. 

Wenn man die Mithras-Mysterien, die auch noch in den ersten Jahr- 
hunderten der Ausbreitung des Christentums bis tief selbst nach West- 
europa hinein eine grofte Rolle spielten, in ihrem eigentlichen Geiste 
begreifen will, dann mufi man wissen, dafi sie aufgebaut waren ganz auf 
der Grundanschauung, welche berechtigt war in der alten Welt; bis 
zum Mysterium von Golgatha vollig berechtigt war in dieser alten 
Welt. Sie bauten auf, diese Mithras-Mysterien, auf der Grundanschau- 
ung, dafi die menschliche Gemeinschaft, oder dafi die einzelnen mensch- 
lichen Gemeinschaften, zum Beispiel Volkergemeinschaften oder andere 
Gemeinschaften innerhalb der Volkergemeinschaften, nicht blofi aus 
den einzelnen Atomen, die man Menschen nennen kann, bestehen, 
sondern dafi in den Gemeinschaften ein Gruppengeist, ein Gemeinsam- 
keitsgeist, der aber iibersinnliches Dasein hat, lebt und leben mul$, 
wenn die Dinge iiberhaupt in der Realitat wurzeln sollen. Eine Ge- 
meinschaft aus so und so vielen Kopfen war nicht blofi die Zahl, welche 
diese Kopfe angab, sondern eine Gemeinschaft driickte aus fiir diese al- 
ten Leute die aufiere Ausgestaltung, ich mochte sagen die Inkarnation, 
wenn ich den Ausdruck dabei gebrauchen darf, fiir den wirklich vor- 
handenen gemeinsamen Geist. Und leben mit diesem Geiste, mitma- 
chen die Gedanken dieses Gruppengeistes, das war die Absicht derjeni- 
gen, die in diese Mysterien aufgenommen wurden. Nicht vereinzelter 
Mensch bleiben drauften mit seinen eigenen eigensinnigen, egoistischen 
Gedanken und Empfindungen und Willensimpulsen, sondern so leben, 
dafi die Gedanken des Gruppengeistes in einen hineinspielen, das war 



die Absicht. Und gerade in den Mithras-Mysterien sagte man sich: Er- 
reicht werden kann das nicht, wenn man eine menschliche grofiere Ge- 
meinschaft nur ansieht als dasjenige, was gegenwartig da ist. Durch das, 
was gegenwartig da ist, wird eigentlich im wesentlichen dasjenige ge- 
triibt, was im Gemeinsamkeitsgeiste lebt. Zu dem Gegenwartigen - 
sagte man sich - gehoren die Verstorbenen hinzu, und man lebt urn so 
besser, um so richtiger in der Gegenwart, je mehr man auch mit denen 
leben kann, welche langst verstorben sind. Ja, je langer die Betreff en- 
den verstorben waren, desto besser fand man es, mit ihrem Geiste zu 
leben. Am besten fand man es, mit dem Geiste des Urvaters eines 
Stammes, einer Volksgemeinschaft, eines Geschlechtes leben zu kon- 
nen, indem man sich mit seiner Seele in Verbindung setzte. Denn man 
setzte voraus von seiner Seele, dafi sie ja ihre Wekerentwickelung er- 
langt, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, und daft sie 
Besseres weilR iiber das, was hier auf der Erde zu geschehen hat, als die- 
jenigen, die unmittelbar auf dieser Erde im gegenwartigen Leibe leben. 
So war alles Bestreben in diesen Mysterien, solche Verrichtungen, sol- 
che Kulte anzustellen, die den Zogling in Verbindung bringen konnten 
mit den Geistern, die mehr oder weniger lange, ja sehr lange durch des 
Todes Pforte gegangen waren. 

Eine erste Stufe, die durchzumachen hatten diejenigen, die zu diesen 
Mysterien zugezogen waren, bezeichnete man gewohnlich mit einem 
Ausdruck, der aus dem Vogelgeschlecht entnommen war: die «Raben» 
sagte man zum Beispiel. Ein Rabe war ein, sagen wir, im ersten Grade 
Eingeweihter. Dasjenige, was man in ihm durch die besonderen Myste- 
rienkulte, durch stark wirkende Symbole und namentlich durch kiinst- 
lerisch-dramatische Veranstaltungen erreichte, bestand darin, daft der 
Betreffende nun wissen lernte nicht nur, was man durch seine Augen 
sieht in der Umgebung, oder was man von den gegenwartigen Men- 
schen erfahrt, sondern was die Toten denken. Er bekam gewissermafSen 
eine Art Erinnerungsvermogen an die Toten und die Fahigkeit, dieses 
Erinnerungsvermogen auszubilden. Ein solcher Rabe hatte eine Pflicht. 
Es wurde ihm streng zur Pflicht gemacht, nicht zu schlafen, indem er in 
der Gegenwart lebte, sondern die Gegenwart mit offenen, klaren 
Augen zu betrachten, sich bekanntzumachen mit den menschlichen 



Bedurfnissen, sich bekanntzumachen mit den Naturerscheinungen. 
Jemand, der das Dasein verschlaft, der keinen Sinn hat fur das, was im 
Menschen und in der Natur lebt, den betrachtete man als nicht geeig- 
net, in die Mysterien aufgenommen zu werden. Denn nur eine richtige 
Beobachtung im Leben drauften machte ihn geeignet zu der Aufgabe, 
die er in den Mysterien zu erfullen hatte. Die Aufgabe bestand darin, 
daft er so viel als moglich versuchte, in die verschiedenen Lebenslagen 
der aufteren Welt hineinzukommen, um recht, recht viel zu erleben, 
recht viel mitzuleiden und sich mitzufreuen mit den Ereignissen, mit 
den Vorgangen der Gegenwart. Einen Stumpfling gegeniiber den Ereig- 
nissen der Gegenwart konnte man nicht brauchen. Denn das, was er 
innerhalb des Mysteriums zunachst zu leisten hatte, bestand darin, daft 
er die Erfahrungen, die er drauften machte, in den Mysterien reprodu- 
zierte, in den Mysterien vorbrachte. Dadurch, daft er also diese Erfah- 
rungen in den Mysterien vorbrachte, wurden sie zu Mitteilungen fur 
die Verstorbenen, fur diejenigen, deren Rat man suchte. Sie konnten 
nun fragen: Ware dazu nicht ein hoher Graduierter noch geeigneter? 
Nein, gerade die Erstgraduierten waren dazu besonders geeignet, aus 
dem Grunde, weil die Erstgraduierten doch alle Empfindungen, alle 
Sympathien und Antipathien hatten, mit denen sich so recht hineinle- 
ben laftt in die aufiere Welt, wahrend die hoher Graduierten sie mehr 
oder weniger abgestreift hatten. Daher waren sie besonders geeignet, 
diese Erstgraduierten, das Leben der Gegenwart so zu erleben, wie es 
eben ein gewohnlicher Mensch erlebt, und es hineinzutragen in die My- 
sterien. Das war also ihre besondere Aufgabe, daft die Raben die Ver- 
mittelung zwischen der Auftenwelt und den langst Verstorbenen iiber- 
nahmen. Das hat sich ja in der Sage forterhalten. Sagen beruhen ja in 
der Regel, wie ofter auseinandergesetzt, auf tiefen Grundlagen. Und 
wenn die Sage behauptet, daft Friedrich Barbarossa, der langst Verstor- 
bene, in seinem Berge von Raben unterrichtet wird, oder daft Karl der 
Grofte im Salzburger Untersberg unterrichtet wird von Raben, um ihm 
zu iibermitteln dasjenige, was drauften vorgeht, so sind das Nachklange 
an die alten Mysterien, gerade an die Mithras-Mysterien. 

War dann einer reif fur den zweiten Grad, dann wurde er im eigentli- 
chen Sinne ein «Okkulter»; Geheimschiiler, Okkultist, so wurden wir 



es heute nennen, wurde er dann. Dadurch wurde er dann fahig, nicht 
nur das Aufterliche in die Mysterien hineinzutragen, sondern auch nun 
zu horen - auf die Weise, wie man eben die Mitteilungen empfing von 
den Verstorbenen -, zu horen die Mitteilungen von seiten der Verstor- 
benen -, iiber gewissermafien die Impulse, welche die iibersinnliche Welt, 
diese konkrete iibersinnliche Welt, in der die Verstorbenen sind, fur die 
Aufienwelt zu geben hatte. Und erst, wenn er dadurch gewissermafien 
eingegliedert war in das ganze geistige Leben, das vom Ubersinnlichen 
her mit dem Aufieren, Sinnlichen in Zusammenhang steht, dann wurde 
er fur den dritten Grad reif befunden, und es war ihm die Moglichkeit 
gegeben, in der aufieren Welt nun auch anzuwenden dasjenige, was er 
an Impulsen in den Mysterien drinnen erhalten hatte. Er wurde nun 
ausersehen, gewissermafien ein »Kampfer» zu werden fiir dasjenige, 
was aus der ubersinnlichen Welt fiir die sinnliche geoffenbart werden 
mufi. 

Sie konnten nun fragen: Ja, war es nicht eine tiefe Ungerechtigkeit, 
die ganze Masse des Volkes gewissermafien in Unwissenheit zu lassen 
iiber die wichtigsten Dinge und nur Einzelne einzuweihen? - Dariiber 
aber, was da dahinter liegt, gewinnen Sie nur ein richtiges Verstandnis, 
wenn Sie eben das voraussetzen, was ich von vorneherein gesagt habe, 
dafi man mit einem Gruppengeist, mit einer Gruppenseele rechnete. Es 
gemigte eben, wenn die Einzelnen fiir die ganze Gruppe der Menschen 
wirkten. Man fiihlte sich nicht als Einzelner, sondern man fiihlte sich 
als Glied der Gruppe. Deshalb war es nur moglich, so zu handeln in 
der Zeit, in der die Gruppenbeseelung, das unegoistische Sich-Drinnen- 
fiihlen in der Gruppe ganz lebendig war. 

Und dann, wenn man eine Zeitlang also gewissermafSen ein Kampfer 
war fiir die iibersinnliche Welt, dann wurde man fur geeignet befun- 
den, innerhalb der grofien Gruppe kleinere Gruppen selber zu begriin- 
den, kleinere Gemeinschaften, wie sie sich ja als notwendig ergeben in- 
nerhalb grofier Gruppen. Man gab in jenen alten Zeiten nichts darauf, 
wenn irgendeiner einfach aufgestanden ware und wie heute einen Ver- 
ein hatte begriinden wollen. Solch ein Verein ware nichts gewesen. Um 
eine solche Vereinigung, einen solchen Verein zu begriinden, mufite 
man in den Mithras-Mysterien, wie man sagte, ein «L6we» sein, denn 



das war der vierte Grad der Einweihung. Man muftte in sich selbst be- 
festigt haben das Leben in den iibersinnlichen Welten durch den Zu- 
sammenhang mit jenen Impulsen, welche nicht nur unter den Lebenden 
waren, sondern welche die Lebenden mit den Toten verbanden. 

Von diesem vierten Grad stieg man dann auf dazu, eine schon vor- 
handene Gruppe, der auch die Toten angehorten, eine Volksgemein- 
schaft fuhren zu diirfen durch irgendwelche Maftnahmen. Wenn man 
ins achte, neunte, zehnte Jahrhundert vor dem Mysterium von Golga- 
tha zuriickgeht, so sind das ganz andere Zeiten als heute. Da ware es 
niemandem eingefallen zu beanspruchen, daft man wahlen solle denje- 
nigen, der irgend etwas zu tun hat, sondern da muftte derjenige, der ir- 
gend etwas mit der Gemeinschaft zu tun hatte, eben eingeweiht sein bis 
zum fiinften Grad. Und dann ging es weiter bis zu jenen Erkenntnis- 
sen, welche das ja neulich angedeutete Sonnen-Mysterium selber in die 
menschliche Seele hineinlegte; und dann bis zum siebenten Grad. Diese 
brauche ich nicht weiter auszufiihren, denn ich mochte ja nur den Cha- 
rakter des Entwickelungsganges eines solchen Menschen anfuhren, wel- 
cher sich aus der geistigen Welt heraus die Fahigkeit erwerben sollte, 
drauften in der Gemeinschaft zu wirken. 

Nun wissen Sie aber, daft es in der selbstverstandlich notwendigen 
Entwickelung des Menschengeschlechtes liegt, daft die Gruppenseelen- 
haftigkeit allmahlich zuriickgetreten ist. Das ist es ja, was wesentlich 
gleichzeitig mit der Tatsache des Mysteriums von Golgatha war: daft 
die Menschenseelen von ihrem Ich bewuftt ergriffen worden sind. Das 
hat sich vorbereitet jahrhundertelahg, aber zur Zeit des Mysteriums von 
Golgatha war ein Hohepunkt, eine Krisis auf diesem Gebiete. Man 
konnte nicht mehr die Voraussetzung machen, daft gewissermaften der 
Einzelne die Kraft habe, die ganze Gemeinschaft wirklich mit sich zu 
reifien, seine Empfindungen, seine Impulse unegoistisch auf die ganze 
Gemeinschaft zu iibertragen. 

Es ware toricht, zu glauben, daft die Geschichte hatte anders verlau- 
fen sollen, als sie verlaufen ist. Aber manchmal kann man durch einen 
solchen Gedanken befruchtet werden wie den, was doch geschehen 
ware, wenn nun in der Zeit, in der das Christentum anfing, seine Auf- 
gabe in die Menschheitsentwickelung einzufuhren, nicht alles mit 



Stumpf und Stiel ausgerottet worden ware, sondern wenn geschichtlich 
ein gewisses Wissen, das auch fiir diejenigen durchsichtig ware, die nur 
an Dokumente glauben, in die Nachwelt herein sich fortgepflanzt hatte. 
Aber das wollte das Christentum nicht. Wir werden iiber die Griinde, 
warum es das nicht wollte, noch sprechen; aber heute wollen wir uns 
zunachst nur mit dieser Tatsache bekannt machen, dafi dies das 
Christentum nicht wollte. Es stand ja auch dieses Christentum einer 
ganz anderen Menschheit gegeniiber, einer Menschheit, welche nicht 
mehr so, wie die Menschheit friiher, zu den alten Gruppengeistern 
stand; eine Menschheit, bei der man sich dem Einzelnen gegeniiber in 
ganz anderer Weise zu stellen hat als in alten Zeiten, wo man den Ein- 
zelnen gar nicht besonders beriicksichtigte, sondern zum Gruppengeist 
sich wendete und vom Gruppengeiste aus wirkte. Jedenfalls hat das 
Christentum dadurch, dafi es gewissermafien fiir die aufiere Welt alles 
Dokumentarische dieser alten Zeit ausgeloscht hat, eine gewisse Dun- 
kelheit gelassen, Dunkelheit sogar geschaffen, fiir dasjenige Zeitalter, in 
das zunachst die Entwickelung des Christentums hineinfiel. Das 
Christentum hat dasjenige, was es hat brauchen konnen, in seine Tradi- 
tionen, in seine Dogmen, aber namentlich in seinen Kult hineinge- 
nommen, und dann den Ursprung dieser Kulte verwischt. In den Kul- 
ten liegt ungeheuer viel drinnen; aber alles ist umgedeutet worden, alles 
ist anders aufgefaik worden. Die Dinge waren da, die Dinge traten den 
Leuten noch vor Augen, aber die Leute sollten nicht wissen, an welche 
Urweisheit die Dinge ankniipfen. 

Denken Sie an eine solche Tatsache: Man kennt die Bischofsmiitze, 
die Bischofsmiitze aus dem achten Jahrhundert. Diese Bischofsmiitze 
aus dem achten Jahrhundert hat lauter Zeichen; aber alle diese Zeichen 
sind eigentlich gleich, nur verschieden angeordnet, und alle diese Zei- 
chen sind Swastiken. Die Swastika ist in mannigfaltiger Anordnung auf 
dieser Bischofsmiitze. Dieses uralte Henkelkreuz in vielfacher Gestal- 
tung auf der Bischofsmiitze! Die Swastika fiihrt uns zuriick in die Ur- 
zeiten der Mysterien, fiihrt zuriick auf alte Zeiten, in denen man beob- 
achten konnte, wie im menschlichen atherischen und astralischen Or- 
ganismus die Lotosblumen wirken; wie uberhaupt dasjenige, was in den 
sogenannten Lotosblumen lebt, zu den Grunderscheinungen des Athe- 



rischen und Astralischen gehort. Aber es war ein totes Zeichen gewor- 
den. Der Bischof trug es als Zeichen seiner Macht. Es war ein totes Zei- 
chen geworden, man hatte den Ursprung verwischt. Und was man 
heute in der Kulturgeschichte liber den Ursprung solcher Dinge mit- 
teilt, das ist auch noch nichts Lebendiges, wahrhaftig nichts Lebendi- 
ges. Erst durch die Geisteswissenschaft kann man wiederum das Le- 
bendige fur diese Dinge ins geistige Auge fassen. 

Nun sagte ich: Gewissermaften Dunkelheit wurde geschaffen. Aber 
aus dieser Dunkelheit mufi wieder aufgetaucht werden. Und ich denke, 
ich habe im Laufe der Zeit schon mannigfaltig und genug gesagt, um 
verstandlich zu machen, dafi in unserer Zeit es ganz besonders notwen- 
dig ist, Ohren zu haben fur diese Dinge, um zu horen, und Augen fur 
diese Dinge zu haben, um zu sehen. Denn unsere Zeit ist eine Zeit, in 
welcher die notwendige Dunkelheit ihr Geniigendes geleistet hat, und 
in welcher das Licht wiederum einschlagen muft, das Licht des geistigen 
Lebens. Zunachst mochte man wunschen, dafi recht viele Seelen, recht 
viele Herzen, im allerernstesten, im aller-allerernstesten Sinne fiihlen 
wiirden, dafi dies unserer Zeit notwendig ist, und dafi dasjenige, was 
unserer Zeit abgeht, was in unserer Zeit unendliches Leid hervorruft, 
mit all diesen Dingen zusammenhangt. Es wird sich schon zeigen, daf5 
es nicht geniigt, die Dinge nur an der Oberflache zu betrachten; dafi es 
nicht geniigt, iiber die Ursachen des heutigen Geschehens nur von den 
Dingen aus zu sprechen, die an der Oberflache liegen. Denn solange 
man nur sprechen wird von Dingen aus, die an der Oberflache liegen, 
so lange wird man nicht Gedanken finden, wird man nicht Impulse ha- 
ben konnen, die die Durchschlagskraft haben, um aus der Dunkelheit, 
die doch die Veranlassung zu allem anderen ist, was heute geschieht, 
herauszukommen. 

Es ist ja merkwiirdig, wie in unserer Zeit die Menschen - aber das 
braucht wiederum nicht niedergeschlagen zu machen, einen auch nicht 
zum Kritiker zu machen, sondern blofi zum notwendigen Beobachter 
und Ausleger dessen, was heute geschieht — , es ist merkwiirdig, wie in 
unserer Zeit die Menschen doch nicht heranwollen, weil sie meistens 
noch nicht herankonnen an dasjenige, was eigentlich not tut zu sehen, zu 
schauen in der Entwickelung. Ich mochte sagen, herzzerbrechend ist es 



ja gerade zu sehen, wie ein Geist, der bis zur schlimmsten Erkrankung 
stark an den Wirrnissen und Verwirrungen der zweiten Halfte des 
neunzehnten Jahrhunderts gelitten hat, wie der empfunden hat iiber 
dasjenige, was in der Finsternis, in der Wirrnis der Zeit lebt. Man wird 
mit einem solchen Geiste, wie Friedrich Nietzsche war, nicht fertig, 
wenn man auf der einen Seite ihn blofi enthusiastisch fur jemanden halt, 
dem man nachlauft, wie es so viele gemacht haben. Denn solchen 
Nachlaufern hielt er seinen eigenen Ausspruch entgegen: 

Ich wohne in meinem eignen Haus, 
Hab niemandem nie nichts nachgemacht, 
Und - lachte noch jeden Meister aus, 
Der nicht sich selber ausgelacht. 

Das ist auch die Grundstimmung des ganzen «Zarathustra» Nietzsches. 
Aber das hat nicht gehindert, dafi es doch viele blofie Nachlaufer gege- 
ben hat. Das ist das eine Extrem. Dieses eine Extrem ist jedenfalls nicht 
dasjenige, was fruchtbar ist fur die Gegenwart. Aber auch das andere 
Extrem ist sicher nicht fruchtbar, das darin etwa bestehen konnte - 
zwischen diesen beiden Extremen liegen ja alle moglichen anderen 
Stimrmmgen -, dafi man sagt: Ja, er hat ja manches recht Geniale ge- 
sagt; aber er ist schliefilich ein Narr geworden, narrisch geworden, und 
man braucht nichts auf ihn zu geben. - Er ist schon eine eigentiimliche 
Erscheinung, dieser Friedrich Nietzsche, dem man sich gewifi nicht ein- 
fach zu ergeben braucht, aber der selbst noch in den Jahren seiner Er- 
krankung mit feiner Sensitivitat empfunden hat, was in der Gegenwart 
fur Dunkelheit und Wirrnis vorhanden ist. Und man mochte sagen, daft 
insbesondere fur die gegenwartigen Tage man sich vielleicht einen ganz 
guten Hintergrund der Betrachtung schaffen konnte dadurch, daft man 
einiges von den Mitteilungen iiber das Leid, das ihm aus dieser Gegen- 
wart wurde, von Nietzsche entgegennimmt. Ich will Ihnen zwei Stellen 
aus Nietzsches nachgelassenen Schriften: «Versuch einer Umwertung 
aller Werte» lesen, die damals geschrieben wurden von einem kranken 
Geiste, die aber vielleicht auch geschrieben werden konnten in ganz an- 
derer Absicht, als sie Nietzsche geschrieben hat, unmittelbar heute, und 



geschrieben werden konnten so, dafi man gerade damit tiefere Ursachen 
der Gegenwartswirkungen ausdriicken wollte. Da sagt Nietzsche: 

«Was ich erzahle, ist die Geschichte der nachsten zwei Jahrhunderte. 
Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die 
Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzahlt 
werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zu- 
kunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kiindigt uberall 
sich an; fur diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. 
Unsere ganze europaische Kultur bewegt sich seit langem schon mit ei- 
ner Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wachst, wie 
auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, iibersturzt: einem Strom 
ahnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht 
davor hat, sich zu besinnen.» 

Ermessen Sie mancherlei, was Sie in der Gegenwart empfinden kon- 
nen, an diesen Worten eines sensitiven Menschen, die am Ende der 
achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts niedergeschrieben sind, 
halten Sie sie zusammen mit einer anderen Stelle, die ich Ihnen vorlesen 
will, und die einem wirklich lebendig machen kann Tiefstes, das jeder 
von uns selber erleben konnte. 

«Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir 
haben an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. 
Das macht die Zeit, in die wir geworfen sind - die Zeit eines grofien in- 
neren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit alien ihren Schwa- 
chen und noch mit ihrer besten Starke dem Geiste der Jugend entge- 
genwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewifiheit, ist dieser Zeit 
eigen: nichts steht auf festen Fiifien und hartem Glauben an sich: man 
lebt fur morgen, denn das Ubermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles glatt 
und gefahrlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch 
tragt, so diinn geworden: wir fuhlen alle den warmen unheimlichen 
Atem des Tauwindes - wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr 
gehen konnen!» 

Man kann durchaus nicht sagen, daft diese Dinge nicht tief aus der 
Wirklichkeit der Gegenwart heraus empfunden sind. Wer diese Ge- 
genwart verstehen will, und namentlich das verstehen will, was der 
Einzelne sich als Aufgabe setzen kann, wer nur iiber den Alltag hinaus 



denken will, der wird eben ahnlich empfinden, wie es in diesen Stellen 
ausgedriickt ist, und er wird dann vielleicht sagen: Der Nietzsche war 
zwar verhindert, als schon Krankheit seinen Geist umnachtete, sich so 
recht kritisch zu stellen zu dem, was ihm aufstieg an Ideen; aber was 
ihm aufstieg an Ideen, war wirklich oftmals fein aus der unmittelbaren 
Wirklichkeit der Gegenwart heraus empfunden. Vielleicht wird man 
einmal vergleichen mit solcher Empfindung der Gegenwart alles dasjeni- 
ge, was sonst uns entgegentritt aus den «erleuchteten K6pfen», was 
nicht einmal das alleroberste Wellenkrauseln der Ursachen, die der heu- 
tigen schweren Zeit zugrunde liegen, beriihrt. Dann wird man andere 
Ansichten bekommen iiber die Notwendigkeit, Geisteswissenschaft ge- 
rade in unserer Zeit zu horen. Denn dafi man sie gerne hort heute, das 
ist nicht der Fall. Und indem ich davon spreche, wie wenig man sie 
gerne hort, diese Geisteswissenschaft, will ich nichts Tadelndes aus- 
sprechen. Wie gesagt, ich bin ganz weit entfernt, den einen oder ande- 
ren zu tadeln. Diejenigen, von denen ich spreche, sind zumeist solche 
Leute, die ich gerade aufierordentlich schatze, und bei denen ich am al- 
lerehesten glauben wurde, dafi sie zuganglich sein konnten fur die Gei- 
steswissenschaft. Nur das will ich begreiflich machen, wie schwierig es 
dem Einzelnen wird, seine Seele dieser Geisteswissenschaft zuganglich 
zu machen, wenn er ganz drinnensteckt in dem, was man eben in seiner 
Seele erreichen kann, wenn man sich so ganz dem Strom der Gegen- 
wart, diesem oberflachlichen Strom der Gegenwart auf alien Gebieten 
iiberlafit. Das mufi man so recht fuhlen. 

Und jetzt bin ich so weit, dafi ich mit ein paar Worten zuriickkom- 
men kann auf Kjellens Buch iiber den «Staat als Lebensform». Dieses 
Buch ist ganz merkwiirdig; schon aus dem Grunde merkwiirdig, weil 
sein Verfasser wirklich mit alien Fasern seiner Seele danach strebt, sich 
klar zu werden: Was ist denn das eigentlich, der Staat? - und weil er 
nun gar kein Vertrauen hat zum menschlichen Vorstellungs- und 
Ideenvermogen, um irgend etwas auszumachen iiber die Frage, iiber 
das Problem: Was ist denn das eigentlich, der Staat? - Gewifi, er sagt 
allerlei schone Dinge, die, wie ich gesehen habe, von den Kritikern der 
Gegenwart durchaus bewundert werden; er sagt allerlei schone Dinge, 
aber dasjenige, was gewufit werden mufi, zum Heil der Menschheit ge- 



wuftt werden mufi, das ahnt er gar nicht einmal. Sehen Sie, ich kann 
Ihnen nur einen hauptsachlichsten Gesichtspunkt anfiihren. Zunachst 
einmal fragt sich dieser Kjellen: Ja, wie ist das Verhaltnis des einzel- 
nen Menschen zum Staat? - Und indem er sich eine Idee, eine Vorstel- 
lung iiber diese Frage bilden will, da kommt ihm sogleich etwas in die 
Quere. Er will ja den Staat als etwas Reales, als etwas Ganzes vorstel- 
len, als etwas, man mochte sagen, das etwas Lebendiges ist; also sagen 
wir als einen Organismus, zunachst als einen Organismus. Manche ha- 
ben schon den Staat als einen Organismus vorgestellt, dann tappen sie 
immer herum um die Frage, die dann sogleich auftaucht: Ja, ein Orga- 
nismus besteht aus Zellen; was sind nun die Zellen dieses Staates? Das 
sind die einzelnen Menschen! - Und so ungefahr denkt auch Kjellen: 
Der Staat ist ein Organismus, so wie der menschliche Organismus oder 
der tierische Organismus ein Organismus ist, und wie der menschliche 
Organismus nun aus einzelnen Zellen besteht, so eben der Staat auch 
aus einzelnen Zellen, aus Menschen; die sind seine Zellen. 

Man kann keine verkehrtere, keine schlimmere, keine irrefiihrendere 
Analogie uberhaupt aufstellen! Denn wenn man auf diese Analogie ei- 
nen Gedankengang aufbaut, dann kann der Mensch niemals zu seinem 
Rechte kommen. Niemals! Denn warum? Sehen Sie, die Zellen, die im 
menschlichen Organismus sind, grenzen aneinander, und gerade in die- 
sem Aneinandergrenzen liegt etwas Besonderes. Die ganze Organisa- 
tion des menschlichen Organismus hangt mit diesem Aneinander- 
grenzen zusammen. Die Menschen im Staate grenzen nicht so aneinan- 
der wie die einzelnen Zellen. Es ist gar keine Rede da von. Die mensch- 
liche Personlichkeit ist weit davon entfernt, im Ganzen des Staates so 
etwas zu sein, wie die Zellen im Organismus. Und wenn man zur Not 
den Staat mit einem Organismus vergleicht, so mufi man sich klar sein 
dariiber, daft man ganz gewift ganz furchtbar danebenhaut, mit aller 
Staat swissenschaft furchtbar danebenhaut, wenn man ubersieht, daft der 
einzelne Mensch keine Zelle ist, sondern das nur ist, was den Staat tra- 
gen kann, das Produktive selber ist, wahrend die Zellen zusammen den 
Organismus bilden und in ihrer Gesamtheit dasjenige ausmachen, wor- 
auf es ankommt. Deshalb kann der heutige Staat, wo der Gruppengeist 
nicht mehr so ist wie in alten Zeiten, niemals so sein, daft das, was ihn 



vorwartsbringt, von etwas anderem getragen wird als vom einzelnen 
menschlichen Individuum. Das ist aber niemals zu vergleichen mit der 
Aufgabe der Zellen. In der Regel ist es gleichgiiltig, womit man irgend 
etwas vergleicht, man mufi nur, wenn man Paare von Vergleichungen 
heranzieht, richtig vergleichen; Vergleiche werden in der Regel irgendwie 
Geltung haben, nur durfen sie nicht so weit gehen, wie der Vergleich 
des Kjellen. Er kann ganz gut den Staat mit einem Organismus ver- 
gleichen, er konnte ihn auch vergleichen mit einer Maschine, das wird 
auch nichts schaden, oder meinetwegen mit einem Taschenmesser - es 
lassen sich da auch noch Beriihrungspunkte finden -, es mufi nur, wenn 
man dann den Vergleich durchfuhrt, die Sache richtig gemacht werden. 
Aber bis zu diesem Grade kennen die Leute gar nicht das Grundgefiige 
des Denkens, daft sie so etwas einsehen konnten. 

Also lassen wir ihm das Recht, den Staat mit einem Organismus zu 
vergleichen. Dann mufi er nur die richtigen Zellen suchen; und dann 
konnen die richtigen Zellen, wenn man nun wirklich den Staat mit ei- 
nem Organismus vergleichen will, nicht gefunden werden. Er hat ganz 
einfach keine Zellen! Geht man mit wirklichkeitsgemafiem Denken an 
die Sache heran, so lafk sich der Gedanke einfach nicht durchfiihren. 
Ich will Ihnen nur klarmachen, begreiflich machen, daft man nur, wenn 
man abstrakt denkt, wie Kjellen, man jenen Gedanken durchfiihren 
kann; sobald man aber wirklichkeitsgemafi denkt, so stofit man an, weil 
der Gedanke nicht in der Wirklichkeit wurzelt. Man findet die Zellen 
nicht; es gibt keine Zellen. Dagegen findet man etwas anderes, etwas 
ganz anderes. Man findet, dafi die einzelnen Staaten sich mit Zellen 
etwa vergleichen lassen; und das, was die Staaten zusammen auf der 
Erde ausmachen, das lafit sich dann mit einem Organismus vergleichen. 
Dann kommt man auf einen fruchtbaren Gedanken; nur mufi man sich 
erst die Frage vorlegen: Was ist das fur ein Organismus? Wo kann man 
etwas Gleichartiges draufien in der Natur finden, wo die Zellen in ahn- 
licher Weise ineinanderwirken, wie die einzelnen Staatzellen zum 
ganzen Erdenorganismus? - Und da findet man, wenn man weitergeht, 
dafi man nur vergleichen kann die ganze Erde mit einem Pflanzen- 
Organismus, nicht mit einem tierischen, geschweige denn mit einem 
Menschen-Organismus - nur mit einem Pflanzen-Organismus. Wahrend 



das, was wir in der aufieren Wissenschaft haben, sich mit Unorgani- 
schem, mit dem Mineralreich beschaftigt, muft man hinaufdenken ins 
Pflanzenreich, wenn man Staats wissenschaft begriinden will. Man 
braucht nicht bis zum Tierischen zu gehen, geschweige denn bis 
zum Menschlichen, aber man mufi wenigstens sich frei machen von 
dem bloiS mineralischen Denken. Aber bei solchen Denkern bleibt es 
dabei; sie machen sich nicht frei vom blofi mineralischen Denken, 
von dem wissenschaftlichen Denken. Sie denken nicht hinauf bis ins 
Pflanzenreich, sondern wenden nun die Gesetze, die sie im Mineral- 
reich gefunden haben, auf den Staat an und nennen das Staatswissen- 
schaft. 

Ja, aber sehen Sie, um einen solchen fruchtbaren Gedanken zu fin- 
den, mufi man eben mit seinem ganzen Denken in der Geisteswissen- 
schaft wurzeln. Dann wird man aber auch dazu kommen, sich zu sa- 
gen, also ragt der Mensch mit seinem ganzen Wesen als eine Individua- 
list iiber den Staat hinaus; er ragt ja hinein in die geistige Welt, in die 
der Staat nicht hineinragen kann. Wenn Sie also vergleichen wollen den 
Staat mit einem Organismus und den einzelnen Menschen mit den Zel- 
len, dann wiirden Sie, wenn Sie wirklichkeitsgemafi denken, zu einem 
merkwurdigen Organismus kommen, zu einem solchen Organismus, 
der aus einzelnen Zellen bestiinde, aber die Zellen wiirden iiberall iiber 
die Haut hinauswachsen. Sie wiirden einen Organismus haben, der 
iiber die Haut vorsteht; die Zellen wiirden sich ganz drauften fur sich 
entfalten, unabhangig vom aufieren Leben. Sie mulken also iiberall den 
Organismus sich so vorstellen, wie wenn lebendige Borsten, die sich als 
Individualitaten fiihlen, iiber die Haut hinauswachsen wiirden. Sie se- 
hen, wie lebendiges Denken Sie in die Wirklichkeit hineinfiihrt, wie es 
einem die Unmoglichkeiten zeigt an denen man straucheln muE, wenn 
man irgendeine Idee, die fruchtbar sein soli, fassen will. Kein Wunder 
also, dafi solche, von der Geisteswissenschaft nicht befruchtete Ideen 
gar keine Tragkraft haben, um die Wirklichkeit zu organisieren. Wie 
soil man denn dasjenige, was auf der Erde sich ausbreitet, organisieren, 
wenn man keinen Begriff hat, was es ist. Man kann noch so viele Wil- 
sonsche Kundgebungen erlassen von allerlei inter-staatlichen - was weifi 
ich - Verbanden und so weiter, wenn es nicht in der Wirklichkeit wur- 



zelt, claim ist es doch ja blofie Rederei. Daher ist so vieles Rederei blofi, 
was in der Gegenwart gemacht wird. 

Hier haben Sie einen Fall, wo Sie sehen konnen, wie unmittelbar 
notwendig es ist, dafi Geisteswissenschaft mit ihren Impulsen in die 
Gegenwart eingreifen kann. Das ist ja das Ungliick unserer Zeit, dafi 
diese unsere Zeit ohnmachtig ist, solche Begriffe zu bilden, welche das, 
was wirklich organisch ist, beherrschen konnten. Daher kommt natiir- 
lich alles ins Chaos hinein, selbstverstandlich kommt alles chaotisch 
durcheinander. Aber Sie sehen jetzt, wo die tieferen Ursachen liegen. 
Daher ist es kein Wunder, wenn solche Biicher wie «Der Staat als Le- 
bensform» von Kjellen in merkwiirdigster Art schliefien. Denken Sie 
einmal, nun stehen wir in einer Zeit, wo die Menschen alle nachdenken 
wollen: Was soli man denn eigentlich tun, damit die Menschen wie- 
derum miteinander leben konnen auf der Erde, nachdem sie immer 
mehr und mit jeder Woche mehr vorlaufig beschliefien, nun, nicht mit- 
einander zu leben, sondern sich gegenseitig zu to ten. Wie sollen sie 
wieder miteinander leben? - Aber die Wissenschaft, welche davon han- 
deln will, wie die Menschen im Staate wiederum nebeneinander leben 
sollen, die schliefit bei Kjellen mit folgenden Worten: 

«Das mufi unser letztes Wort in dieser Untersuchung des Staates als 
Lebensform sein. Wir haben gesehen, dafi der Staat unserer Zeit aus 
zwingenden Griinden sehr geringe Fortschritte auf einem solchen Weg 
gemacht hat und sich einer derartigen Aufgabe noch nicht recht bewufk 
geworden ist. Aber wir glauben dennoch an einen hoheren Staatstypus, 
der einen Vernunftzweck klarer erkennen lafit und diesem Ziel mit si- 
cheren Schritten entgegenstreben wird.» 

Nun, das ist der Schluft. Wir wissen nichts, wir sind uns nicht be- 
wulSt, was werden soli! Das ist das Fazit eines angestrengten, hinge- 
bungsvollen Denkens, das ist das Fazit eben eines Denkens, das mit 
seiner Seele so schwimmt mit dem Strom der Gegenwart, da& es das 
Notige nicht in sich aufnehmen kann. Man mufi diesen Dingen eben 
wirklich ins Auge schauen; denn erst dann entspringt sogar, ich mochte 
sagen, der Impuls, sich uberhaupt in diesen Dingen Erkenntnis erwer- 
ben zu wollen, wenn man diesen Dingen wirklich ins Auge schaut, 
wenn man weifi, welche treibenden Krafte in der Gegenwart sind. 



Man braucht nicht tief zu schauen, so findet man fur die Gegenwart 
ein gewisses Drangen und Streben nach einer Art Sozialisierung, ich 
sage nicht nach Sozialismus, sondern nach Sozialisierung des Erdenor- 
ganismus. Aber Sozialisierung - weil sie aus Bewufksein hervorgehen 
mufi, nicht aus Unbewufttheit, wie sie zwei Jahrtausende lang hervor- 
gegangen ist Sozialisierung, Neuorientierung, Neuordnung ist nur 
moglich, wenn man weifi, wie der Mensch ist, wenn man den Men- 
schen wieder kennenlernt - denn den Menschen kennenzulernen war ja 
auch das Bestreben der alten Mysterien fur die alten Zeiten wenn 
man den Menschen wieder kennenlernt. Sozialisierung ist fur den phy- 
sischen Plan; aber es ist unmogjich, erne soziale Ordnung zu begriin- 
den, wenn man nichts weift davon, dafi hier auf dem physischen Plan 
nicht nur physische Menschen herumwandeln, sondern Menschen mit 
Seele und Geist. Es ist nichts zu verwirklichen, nichts zu realisieren, 
wenn man nur vom aufieren Menschen redet. Sozialisieren Sie ruhig 
nach den Ideen, die man heute hat, machen Sie Ordnung, es wird in 
zwanzig Jahren schon wiederum Unordnung sein, wenn Sie absehen 
davon, dafi im Menschen nicht nur dasjenige herumlauft, was die heu- 
tige Naturwissenschaft kennt, sondern daft im Menschen Seele und 
Geist herumlauft. Denn wirksam sind sie schon, Seele und Geist; ver- 
gessen kann man sie nur in seinen Ideen und Vorstellungen, aber man 
kann sie nicht abschaffen. Die Seele braucht aber, wenn sie in einem 
Korper wohnen soil, der in einer fur unsere heutige Zeit entsprechen- 
den aufieren Ordnung ist, vor alien Dingen dasjenige, was man Freiheit 
der Anschauung, Freiheit des Denkens nennt. Und es lafit sich nicht 
eine Sozialisierung durchfiihren ohne eine Gedankenfreiheit. Und es 
lafk sich nicht Sozialisierung und Gedankenfreiheit durchfiihren, ohne 
dafi der Geist wurzelt in der geistigen Welt selber. 

Gedankenfreiheit als Gesinnung, und Pneumatologie, Geistesweis- 
heit, Geisteswissenschaft als wissenschaftliche Grundlage, als Grund- 
lage aller Anordnungen, das ist dasjenige, was untrennbar ist voneinan- 
der. Wie aber diese Dinge eigentlich zum Menschen sich verhalten, und 
wie sie aufiere Ordnung werden konnen, das kann man nur aus der gei- 
steswissenschaftlichen Betrachtung erfahren. Gedankenfreiheit, das 
heifit ein solches Gesinntsein zu den anderen Menschen, das wirklich 



im vollsten Sinne des Wortes die Freiheit des Gedankens im anderen 
Menschen anerkennt, ist undurchfiihrbar, ohne daft man auf der 
Grundlage der wiederholten Erdenleben steht, denn sonst steht man ei- 
nem Menschen wie einem Abstraktum gegenuber. Man steht ihm nie 
richtig gegenuber, wenn man ihn nicht als ein Ergebnis der wiederhol- 
ten Erdenleben ansieht. Die ganze Reinkarnationsfrage mufi im Zu- 
sammenhang betrachtet werden mit der Frage jener Gesinnung der 
Freiheit der Anschauung, der Freiheit der Gedanken. Und das Bewegen 
innerhalb der Wirklichkeit wird ganz unmoglich sein in der Zukunft, 
wenn der Einzelne mit seiner Seele nicht im geistigen Leben drinnen 
wurzelt. Ich sage nicht, daft er hellsehend werden muft - einzelne 
werden es gewift werden -, aber ich sage: er muft im geistigen Leben 
drinnen wurzeln. Ich habe es ja ofter ausgefuhrt, daft man ganz gut im 
geistigen Leben wurzeln kann, ohne selber Hellseher zu sein. Wenn 
man sich nur ein wenig umsieht, dann kommt man schon darauf, wo 
eigentlich die hautpsachlichsten Hindernisse sind, wohin man den Blick 
richten mufi, daft man auf die Hindernisse komme. Denn die Menschen 
sind nicht so - wie gesagt, ich will kein Tadler, kein zeternder Kritiker 
sein -, daft sie nicht an das Richtige heran wollten. Aber es sind eben so 
viele Hindernisse fur die Seele da; so furchtbar viele Hindernisse sind 
fur die Seele da. 

Sehen Sie, manchmal ist das Einzelne, das man bemerken kann, so 
aufklarend, daft man ganze Zeiterscheinungen aus solchen Symptomen 
heraus richtig verstehen kann. Man mufi in bezug auf gewisse Erschei- 
nungen der Gegenwart sagen: Es ist eigentlich recht, recht merkwiirdig, 
wie die Menschen gleich furchtbar angstlich werden, schrecklich angst- 
lich werden - sonst sind ja die Menschen in der Gegenwart mutig und 
so tapfer — , aber sie sind furchtbar angstlich, wenn sie irgend etwas ho- 
ren, daft geistiges Wissen, geistige Erkenntnis geltend gemacht werden 
soil. Da finden sie sich nicht mehr zurecht. Ich habe ja schon ofter er- 
zahlt: Ich bin Menschen genug begegnet, die haben ein, zwei Vortrage 
von mir gehort, dann hat man sie lange nicht mehr gesehen. Man be- 
gegnet ihnen auf der Strafte, fragt sie, warum sie nicht wiedergekom- 
men sind. Ja, ich kann nicht - sagen sie -, ich furchte mich, iiberzeugt 
zu werden! Derjenige, der so spricht, fur den ist mit dem Uberzeugt- 



werden gewifi recht, recht viel Fatales, Unangenehmes verbunden, und 
er hat nicht die Kraft, nicht den Mut, dieses Fatale, Unangenehme mit 
in Kauf zu nehmen. Man konnte in dieser Beziehung noch manche an- 
dere Erfahrungen anfuhren, aber ich will lieber Symptome aus dem 
mehr offentlichen Leben bringen. 

Ich habe vor einiger Zeit hier gesprochen davon, wie solch ein 
Mensch wie Hermann Babr } der neulich hier in Berlin einen Vortrag 
gehalten hat, der geheifien hat «Die Ideen von 1914», wie solch ein 
Mensch - Sie brauchen nur seinen letzten Roman «Himmelfahrt» zu le- 
sen - versucht, nicht nur so ein wenig an die Geisteswissenschaft auch 
heranzukommen, sondem sogar versucht, auf seine alten Tage, jetzt 
noch Goethe kennenzulernen, also den Weg zu gehen, den ich schon 
auch als richtig finden wiirde fur den, der heute mit einem guten Grund 
und Boden sich in die Geisteswissenschaft hineinfinden will. Ja, vom 
Geiste sprechen mochten schon heute viele Leute wiederum; sie moch- 
ten durchaus irgendwie sich die Moglichkeit erwerben, vom Geiste, 
vom Geistigen zu sprechen. Ich will nicht schulmeistern, am wenigsten 
einen Menschen, den ich so sehr liebe wie Hermann Bahr. Aber wie 
dieses Geistesleben gewirkt hat, um die Gedanken zu korrumpieren, 
ich mochte sagen die Erbsiinde in die Gedanken hineinzutreiben, das 
wird einem wirklich, wenn man auch ganz fern davon ist, schulmei- 
stern zu wollen, manchmal doch auf eine sehr sonderbare Weise klar. 

Sehen Sie, da hat dieser Hermann Bahr neulich hier in Berlin diesen 
Vortrag gehalten uber die Ideen von 1914, hat selbstverstandlich allerlei 
Schones, Nettes gesagt; aber allerlei merkwiirdige Entdeckungen 
konnte man machen. So hat er etwa begonnen, dafi er sagte: Dieser 
Krieg hat uns etwas ganz Neues gelehrt. Dieser Krieg hat uns gelehrt, 
in der richtigen Weise das Individuum wieder in die Gesamtheit hin- 
einzustellen. Dieser Krieg hat uns gelehrt, Individualismus, den Egois- 
mus, zu iiberwinden, dem Ganzen wiederum zu dienen. Er hat uns ge- 
lehrt, mit den alten Ideen aufzuraumen, etwas ganz Neues, ganz, ganz 
Neues in unsere Seelen aufzunehmen. - Und nun wufite er furchtbar 
viel zu charakterisieren, zu definieren, was wir nun alles mit diesem 
Kriege an Neuem aufgenommen haben. Das will ich nicht tadeln, ganz 
im Gegenteil. Aber es ist doch eigentiimlich, wenn lang gesprochen wird 



dariiber, wie dieser Krieg uns alle umwandelt, wie wir alle ganz anders 
werden durch diesen Krieg, und wenn dann zu den letzten Satzen ge- 
hort; «Der Mensch hofft immer auf bessere Zeiten, bleibt aber selbst 
unverbesserlich. Auch der Krieg wird uns im Grunde kaum sehr an- 
dern.» Wie gesagt, ich will nicht schulmeistern, aber ich kann halt 
schon nicht anders, als solche Dinge zu empfinden. Dabei meinen es 
solche Leute wirklich gut; sie mochten wiederum heran an das Geistige. 
Bahr hebt darum hervor: ]a, wir haben zu lange auf das Individuum 
gebaut. Wir haben zu lange Individualismus getrieben. Wir miissen 
wiederum lernen, einem Ganzen uns zu fugen. Die Menschen, die ei- 
nem Volk angehoren, meint er, haben nun gelernt, in dem Ganzen die- 
ses Volkes sich zu fiihlen, also den Individualismus abzutdten. Aber 
Volker seien auch wiederum nur Individualitaten, meint er. Es miisse 
ein grofieres Ganzes herauskommen. - Manchmal schlagt so durch, 
schlagt auch bei diesem Vortrag so merkwiirdig durch, welche Wege 
Bahr nun doch einschlagt, um den Geist zu finden. Er deutet es ja 
manchmal nur undeutlich an, aber diese Andeutungen verraten gar man- 
ches. Mit dem Alten ist es nichts, sagt er. Die Aufklarung haben die 
Menschen so bemitzt, dafi sie sich haben alle auf die Vernunft stellen 
wollen; aber damit ist nichts geworden, alle sind ins Chaos hineinge- 
kommen. Wir miissen wiederum etwas finden, was ans Absolute, nicht 
an das Chaos ankniipft. - Und dabei kommen wiederum so merkwur- 
dige Sachen durch: 

«Was Volkern wie Individuen am schwersten wird, hatten sie dann 
vielleicht gelernt, hatten das Recht auf Eigenart, das ein jedes fur sich 
fordert, auch andern zugestehen gelernt, deren Eigenart ja schliefilich 
die Bedingung der eigenen ist, da doch, waren alle gleich, keine mehr 
eigen ware, und hatten gelernt, dafi, wie der Nation jedes Individuum 
mk seiner besonderen Kraft an seiner besonderen Stelle notwendig ist, 
um, eben indem es sich auswirkt, die Nation zu tragen, mitzutragen, 
und so zugleich sein eigener Zweck, aber auch ihr dienendes Glied zu 
sein, so auch iiber den Nationen wieder aus den Nationen sich der ka- 
tholische Dom der Menschheit erhebt, der mit seiner Turmspitze Gott 
beriihrt.» 

Das ist ein Wink, wenn auch nicht mit dem Zaunpfahl, so doch mit 



dem Zundholzchen, nicht wahr, aber doch ein deutlicher Wink. Man 
strebt, den Zugang zu Gott, zur geistigen Welt Zu finden, aber man 
will nur ja nicht heran an den Zugang, der unserer Zeit angemessen ist; 
also sucht man einen anderen Zugang, der schon da ist, ohne auf den 
Gedanken auch nur zu kommen: Dieser Zugang hat ja blofi bis zum 
Jahre 1914 gewirkt, und um nun dasjenige, was er gebracht hat, zu 
iiberwinden, wollen wir zu ihm zuruckkehren! 

Aber die Symptome, die da zutage treten, sind schon ein biftchen 
wert, mochte ich sagen, im Verborgenen aufgesucht zu werden; denn 
das denkt ja nicht ein einzelner, nach demselben Muster denken unge- 
heuer viele und empfinden namentlich ungeheuer viele. Sehen Sie, da ist 
ein Buch erschienen: «Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg» 
von Max Scheler. Ich lobe es, ich kann es loben, es ist ein gutes Buch. 
Bahr lobt es auch. Bahr ist ein geschmackvoller Mensch, ein kenntnis- 
reicher Mensch, hat alle Griinde, das Buch zu loben. Aber er will es 
auch laut loben; mit anderen Worten, er will eine recht giinstige Rezen- 
sion iiber das Buch schreiben. Woriiber denkt er nun zunachst nach? 
Ich will eine recht giinstige Rezension schreiben, einen richtigen Trom- 
petenstofi fur den Scheler iiberhaupt schreiben. Aber wie soli ich das 
machen? Mache ich das so, daft ich bei den Seelen der Menschen jetzt 
recht anstofie. Bei allem Anstofien geht es ja nicht. Ich mufi irgendwie 
einen Weg suchen, um an die Menschen heranzukommen, mufi einen 
Weg suchen. Also was mache ich denn eigentlich? - Nun, Hermann 
Bahr ist zugleich ein recht aufrichtiger, ehrlicher Mensch, und erklart es 
eigentlich mit ziemlicher Offenheit, was er in einem solchen Falle 
macht. Sehen Sie, in dem Aufsatz, den er iiber Scheler geschrieben hat, 
da sagt er im Anfang: Der Scheler hat viele Aufsatze, viele Dinge ge- 
schrieben, wie man aus der Misere der Gegenwart herauskommt. Man 
wurde aufmerksam auf ihn. Aber man liebt heute nicht - meint Her- 
mann Bahr -, dafi man so ohne weiteres auf einen Menschen aufmerk- 
sam wird; man liebt das heute nicht, so einfach aufmerksam zu werden 
auf einen Menschen. - Und so charakterisiert Hermann Bahr den Sche- 
ler zunachst einmal so, dafi er sagt: «Man war neugierig auf ihn und 
etwas milkrauisch gegen ihn; der Deutsche will vor allem wissen, wor- 
an er mit einem Autor ist: unklare Verhaltnisse mag er nicht. » 



Also die klaren Verhaltnisse! Die werden aber nicht geschaffen, indem 
man die Biicher liest und auf ihre Griinde eingeht, sondern, sehen Sie, 
da gehort etwas anderes noch dazu. Unklare Verhaltnisse mag man 
nicht. Jetzt kommt wiederum solch ein Wink: 

«Auch in der katholischen Welt hielt man sich eher zurttck, um lieber 
nicht enttauscht zu werden. Auch hier war es seine Mundart, die be- 
fremdete. Denn in jeder geistigen Atmosphare bildet sich mit der Zeit 
ein eigenes Idiom, das von denselben Worten der allgemeinen Sprache 
doch einen besonderen Hausgebrauch macht; daran erkennt man, wer 
zum Hause gehort, und so kommt es, dafl man zuletzt eigentlich weni- 
ger darauf achtet, was einer sagt, als wie er es sagt.» 

Nun, was hat sich denn Hermann Bahr eigentlich iiberlegt? Er hat 
sich iiberlegt, er will einen rechten Trompetenstofl loslassen. Scheler ist 
nun so wie Bahr selber, dafi er jene merkwiirdigen katholisierenden Be- 
strebungen immer - na, zunachst mit Zundholzern, nicht gleich mit 
Zaunpfahlen andeutet. Aber nun, sagt Bahr, spricht doch der Scheler 
nicht so wie ein waschechter Katholik. Aber die Katholiken wollen 
doch wissen, wie sie dran sind mit dem Scheler, insbesondere ich selber 
- meint Hermann Bahr von sich -, der ich jetzt einen Trompetenstoft 
loslassen will, in dem katholischen Blatt «Hochland» schreiben will - 
da mufi man doch wissen, dafi der Scheler schon den Katholiken emp- 
fohlen werden darf. Unklare Verhaltnisse liebt man nicht, man will 
Klarheit haben. 

Sehen Sie, das ist das, worauf es ankommt, Klare Verhaltnisse wer- 
den aber geschaffen, indem man den Leuten andeutet: Es wird ganz gut 
gehen fur die Katholiken mit dem Scheler! Das macht nichts, wenn er 
auch ein ganz geistreicher Mensch ist: es wird doch ganz gut gehen 
auch innerhalb des Katholizismus. - Nun will aber Bahr den Scheler als 
einen ganz grofien Mann hinstellen, um einen recht starken Trompeten- 
stofi loszulassen. Und da will er auch nach dieser Richtung hin den 
Leuten doch nicht allzu wehe tun. Zuerst zetert er allerdings, wie die 
Menschen geistlos geworden sind, wie sie den Zusammenhang mit dem 
Geiste verloren haben, dafi sie aber wieder zuriick mussen zum Geist. 
Dariiber einzelne Satze aus Hermann Bahr iiber Scheler: 

«Die Vernunft rifi sich von der Kirche los in der Anmaflung, aus sich 



allein das Leben erkennen, bestimmen, ordnen, beherrschen, leiten und 
gestalten zu kdnnen.» 

Etwa zu sagen: Die Vernunft miisse nun die geistige Welt aufsuchen, 
dazu bringt doch Hermann Bahr nicht den Mut auf! Also sagt er: Die 
Vernunft mufl wiederum die Kirche suchen. 

«Die Vernunft rifi sich von der Kirche los in der Anmaflung, aus sich 
allein das Leben erkennen, bestimmen, ordnen, beherrschen, leiten und 
gestalten zu konnen. Sie hatte noch kaum begonnen, es zu versuchen, 
als ihr schon Angst, als sie schon selber an sich irre wurde. Diese Be- 
sinnung der Vernunft auf sich selbst, auf ihre Grenzen, auf das Mafi ih- 
rer eigenen, von Gott verlassenen Kraft fangt mit Kant an. Kant er- 
kannte, dafi die Vernunft aus eigener Kraft gerade das nicht kann, was 
zu wollen sie doch immer wieder von sich selbst genotigt wird. Er ge- 
bot ihr Halt gerade dort, wo sie sich doch eben erst lohnen wurde. Er 
verbot ihr zu fliegen, aber schon seine Schuler iiberflogen sie wieder 
und verflogen sich um die Wette. Der gottverlassenen Vernunft blieb 
zuletzt nichts iibrig als Entsagung. Sie wufite schliefilich nur noch, dafi 
sie nichts wissen kann. Sie suchte die Wahrheit so lange, bis sie fand, 
daft es keine gibt, entweder iiberhaupt keine, oder doch jedenfalls kei- 
ne, die der Mensch erreichen konnte.» 

Nun, jetzt ist ja wohl, nicht wahr, den Seelen der Gegenwart genu- 
gend geschmeichelt; denn all die schonen Dinge von «Grenzen des Er- 
kennens» und so weiter sind ja prasentiert. 

«Seitdem lebten wir ohne Wahrheit, glaubten zu wissen, dafi es keine 
Wahrheit gibt, und lebten aber fort, als ob es dennoch eine geben miifi- 
te. Um namlich zu leben, mulken wir gegen unsere Vernunft leben. So 
gaben wir dann lieber die Vernunft ganz auf. Der Kopf wurde dem 
Menschen amputiert. Der Mensch bestand bald nur noch aus Trieben. 
Er wurde zum Tier und riihmte sich noch. Das Ende war - 1914.» 

So also charakterisiert Hermann Bahr dasjenige, was der Scheler alles 
gut macht dadurch, dafi er eine Art katholisierender Richtung enthalt. 
Dann maltraitiert er etwas Goethe, indem er sich ja schon seit langerer 
Zeit bemiiht, Goethe zum waschechten Katholiken zu machen, und 
sagt dann weiter: «Diesen Glauben, ein edles Glied der Geisterwelt zu 
sein, gab der moderne <Mann der Wissenschaft> auf. Die Wissenschaft 



wurde voraussetzungslos. Den <Impuls>, den die Vernunft, um wirken 
zu konnen, nun einmal nicht entbehren kann, holte sie sich nicht mehr 
von Gott. Woher also sonst? Aus den Trieben. Es blieb ihr nichts 
anderes iibrig. Der voraussetzungslose Mensch war bodenlos geworden. 
Der Rest ist- 1914.» 

«Wenn wir jetzt wieder aufbauen sollen, mufi es von Grund aus ge- 
schehen. Es ware vermessen, gleich Europa wieder aufzubauen. Wir 
miissen ganz still von unten anfangen. Der Mensch mufi erst wieder 
aufgebaut, der natiirliche Mensch mufi hergestellt, der Mensch mufi 
sich erst wieder bewufit werden, ein Glied der Geisterwelt zu sein. 
Freiheit, Personlichkeit, Wurde, Sittlichkeit, Wissenschaft und Kunst 
sind weg, seit Glaube, Hoffnung und Liebe weg sind, Nur Glaube, 
Hoffnung und Liebe bringen sie wieder. Wir haben keine andere Wahl: 
Weltuntergang oder - omnia instaurare in Christo.» 

Aber mit diesem « omnia instaurare in Christo» ist nicht gemeint ein 
Hingehen zum Geiste, zur Erforschung, zur Ergriindung des Geistes, 
sondern das Wolben des katholischen Domes iiber den Nationen. Aber 
wie machen wir das, meint Bahr, wie macht man das, dafi die Men- 
schen denken konnen und doch wiederum ganz gute Katholiken wer- 
den konnen, wie macht man das nur? Da miissen wir schon hinschauen 
auf solche Leute, die fur diese Gegenwart geeignet sind. Da ist ihm nun 
der Scheler recht, denn der Scheler blamiert sich nicht dadurch, daft er 
etwa von einer Evolution in die geistige Welt hinein redet, daft er von 
einer besonderen Geisteswissenschaft redet, er blamiert sich nicht da- 
durch, dafi er mehr sagt, als wie man - nun, wie man eben so redet vom 
Geist und dann hinweist: Das andere findet ihr, wenn ihr in die Kirche 
geht, und zwar in die katholische - denn die ist damit gemeint sowohl 
bei Bahr als auch bei Scheler -, die ist geniigend international, meinen 
Bahr und Scheler. So kann man wiederum die Menschen unter einen 
Hut, will sagen unter einen Dom bringen. Und die Menschen wollen 
doch heute trotzdem denken, und so, wie sie denken wollen, so denkt 
Scheler. Ja, er trifft es sogar gut, meint Bahr, so zu denken, wie die 
Menschen es haben wollen: 

«Scheler schreit nicht, er gestikuliert auch nicht; gerade dadurch fallt 
er auf, und man fragt unwillkurlich, wer das sein mag, der seiner Wir- 



kung so sicher zu sein scheint, dafi er es nicht fur notig halt, Larm zu 
schlagen. Es ist ein bewahrter Kunstgriff kluger Redner, mit ganz leiser 
Stimme zu beginnen und so die Versammlung zu zwingen, dafi sie still 
wird und aufmerkt; der Redner mufi nur dann freilich auch die Kraft 
haben, sie zu bannen. Das kann Scheler meisterlich. Er lafk den Horer 
nicht mehr los, der gar nicht merkt, wohin er ihn fuhrt, und sich plotz- 
lich an einem Ziele sieht, auf das er gar nicht gezielt. Die Kunst Sche- 
lers, von ganz unverdachtigen Satzen aus, auf die sich der Leser arglos 
einlafit, ihn unmerklich zu Folgerungen zu zwingen und in Folgerun- 
gen zu fangen, denen er sich, bei der leisesten Warming, mit aller 
Macht widersetzt hatte, ist unvergleichlich. Er ist ein geborener Erzie- 
her; ich wtilke keinen, der unsere aufgeschreckte Zeit mit so gelinde 
starker Hand zur Wahrheit leiten kann.» 

Es ist allerdings eine besondere Kunst, wissen Sie, wenn man die 
Menschen so iiberfallen kann: erst sagt man ihnen Dinge, die unver- 
fanglich sind, und dann geht es so sachte weiter, bis man sie zu demje- 
nigen bringt, wogegen sie sich verwahrt hatten, wenn man sie gleich 
damit angefafit hatte. Woher kommt das, und was muE man tun, damit 
man im rechten Sinne handelt? - meint Bahr. Er ist ganz aufrichtig, 
ganz ehrlich, und deshalb spricht er sich auch dariiber aus in dieser Re- 
zension iiber Scheler: 

«Es wird nun darauf ankommen, ob der Deutsche, der gute, brave 
Durchschnittsdeutsche, die furchtbare Grofte des Augenblicks begrei- 
fen lernt. Er ist des besten Willens, bildet sich aber ja noch immer ein, 
der moderne Mensch konne nicht mehr glauben, der Glaube sei wissen- 
schaftlich widerlegt. Dafi diese Wissenschaft des Unglaubens inzwi- 
schen selbst langst schon wieder wissenschaftlich widerlegt worden ist, 
ahnt er nicht. Von der stillen Vorarbeit der grofien deutschen Denker 
unserer Zeit, Lotzes, Franz Brentanos, Diltheys, Euckens, Husserls, 
weifi er nichts.» 

Und jetzt bitte ich Sie, auf die folgenden Worte ganz besonders hin- 
zuhoren: 

«Im Ohr der Durchschnittsmenschen tont immer das eben erst auf- 
tauende Posthorn des gerade schon wieder iiberwundenen letzten Irr- 
tums nach. Durch sein betaubendes Gewirr wird noch am ehesten eine 



ganz ruhige, klare Stimme dringen, die sich nicht von vornherein der 
Schwarmerei, Romantik, Mystik verdachtig macht, wovor der Durch- 
schnittsdeutsche nun einmal eine heillose Angst hat. Gerade weil Sche- 
ler die Sache der Bekehrung zum Geiste ganz unschwarmerisch, ganz 
unromantisch fuhrt und im gewohnten Jargon der <modernen Bildung>, 
ist er der Mann, den wir jetzt brauchen.» 

Nun also, nun haben Sie es! Nun haben Sie gleich, was eigentlich 
dem Bahr an Scheler gefallt: er kann nicht in den Geruch kommen, die- 
ser Scheler, ein Schwarmer zu sein, ein Mystiker zu sein, «denn davor 
hat der Durchschnittsdeutsche eine heillose Angst». Und diese Angst 
mufi man nur ja, bei Gott, respektieren, denn wenn man sich gar beifal- 
len liefte, diese Angst auszutreiben, wenn man fur notwendig erkennen 
wiirde, gegen diese Angst anzukampfen, dann, ja dann, dann reicht es 
halt eben nicht aus; dann reicht halt eben nicht aus die Puste des Mutes, 
die man zu solch einer Unternehmung wagen kann. 

Gerade weil ich Hermann Bahr recht schatze und sehr lieb habe, 
mochte ich zeigen, wie er charakteristisch ist fiir diejenigen, denen es 
recht schwer wird, heranzukommen an dasjenige, was unserer Zeit not 
tut. Aber erst daraus kann ein wenig Heil spriefien, wenn man nicht 
mehr Halt macht vor jener heillosen Angst, sondern wenn man den 
Mut hat zu bekennen, daft Geisteswissenschiaft durchaus keine Schwar- 
merei ist, sondern dafi gerade eine hochste Klarheit notwendig ist, 
auch des Denkens, wenn man zu dieser Geisteswissenschaft in der 
rechten Weise kommen will, wahrend wahrhaftig, nun, nicht wahr, 
Klarheit des Denkens ja nicht gerade aus den paar Proben gesprochen 
hat, die ich Ihnen verschiedentlich heme aus Hermann Bahr und sonsti- 
gen Zeitgenossen zum Vortrage gebracht habe. Aber einiger Mut auf 
geistigem Gebiete gehort dazu, wenn man durchschlagende, tragkraf- 
tige Ideen finden will. Man braucht wirklich nirgends weit mit Nietz- 
sche zu gehen, man braucht auch nicht iiberall das zu teilen, was er in 
einem Satze, der einem immerhin auff alien kann, ausspricht; aber man 
mufi doch mitgehen konnen da, wo gerade dieser sensitive Geist viel- 
leicht, ich mochte sagen, gerade unterstiitzt durch seine Krankheit, das 
Mutvollste ausspricht. Und so darf man nicht davor zuriickschrecken, 
mifiverstanden zu werden. Das ware heute das Heilloseste, was passie- 



ren konnte, wenn man zuriickschrecken wiirde davor, dafi man von 
dem oder jenem mifiverstanden werden konnte, sondern man mufi 
schon manchmal vielleicht gerade solche Urteile fallen, wie es das fol- 
gende von Nietzsche ist, wenn dasselbe auch nicht bis in die Einzelhei- 
ten durchaus richtig zu sein braucht; darauf kommt es aber nicht an. 
Nietzsche sagt in seinem Aufsatze «2ur Geschichte des Christentums»: 

«Man soil das Christentum als historische Realitdt nicht mit jener ei- 
nen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die 
andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem machtiger 
gewesen. Es ist ein Miftbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfall-Ge- 
bilde und Miftformen, die <christliche Kirche>, <christlicher Glaube> und 
<christliches Leben> heifien, sich mit jenem heiligen Namen abzeich- 
nen. Was hat Christus verneintf - Alles, was heute christlich heifk!» 

Nun, wenn das auch vielleicht radikal ausgesprochen ist, so ist aber 
doch etwas getroffen, was schon bis zu einem gewissen Grade gilt; nur, 
Nietzsche hat es radikal ausgesprochen. Es ist schon bis zu einem ge- 
wissen Grade richtig, dafi man sagen konnte: Wovon ware Christus 
heute am meisten Gegner, wenn er nun unmittelbar in die Welt treten 
wiirde? Hochst wahrscheinlich von etwas, was sich heute in weitesten 
Kreisen «christlich» nennt, und noch von manchem anderen, was bei 
anderer Gelegenheit charakterisiert werden soil. 

Davon dann am nachsten Dienstag weiter. 



SIEBZEHNTER VORTRAG 



Berlin, 8. Mai 1917 



Es konnte leicht scheinen, als ob in den Zeiten, die auf das Mysterium 
von Golgatha folgten, keine Strahlen innerer geistiger Erleuchtung die 
Menschheit erhellt hatten; und es konnte scheinen, als ob ein solcher 
Zustand der allgemeingiiltige in der Menschheit ware, in besonderer 
Steigerung noch bis in unsere Tage herein. Allein dies ist durchaus nicht 
so, und man mufi, wenn man diese Dinge klar iiberschauen will, schon 
ein wenig einen Unterschied machen zwischen dem, was gewisser- 
mafien allgemein in der Menschheit herrschend ist, und zwischen dem, 
was sich doch innerhalb der Menschheit da und dort abspielt, auch so 
abspielt, da& es fur die Menschen immerhin bemerklich sein kann auf 
den verschiedensten Gebieten des Lebens. Es ware ja mutlos machend 
fur viele Menschen der Gegenwart, wenn sie sich nur immer sagen 
rmilken: Ja, uns wird erzahlt von einer geistigen Welt, aber die Wege in 
diese geistige Welt hinein sind doch eigentlich den heutigen Menschen 
verschlossen. - Und mancher kommt in der Gegenwart zu diesem mut- 
los machenden Urteil. Aber dieses mutlos machende Urteil kommt ei- 
gentlich nur davon her, daft man doch den anderen, grofieren Mut nicht 
hat, dort riickhaltlos Ja zu sagen, wo Wege in die geistige Welt hinein 
sich deutlich zeigen. Man hat auch nicht den Mut, auf diesem Gebiete 
immer ein unbefangenes Urteil zu fallen. Daher kann es scheinen, aber 
es ist wirklich nur scheinbar, dafi wir mit unserer Zeit allzuferne stehen 
denjenigen Zeiten, in denen in atavistischem Hellsehen die geistige Welt 
bis zu einem gewissen Grade der ganzen Menschheit offen war, oder 
den spateren Zeiten, in denen sie einzelnen geoffnet werden konnte 
durch die Einweihung in die Mysterien. Man mufi gewisse Faden Zie- 
hen, welche alte Zeiten der Menschheitsentwickelung verbinden mit der 
Gegenwart, um zu einem vollen Verstandnis der Geheimnisse des Men- 
schendaseins zu kommen, namentlich auch solcher Erscheinungen zu 
kommen, wie wir sie im Hinblick auf das Mysterienwesen gerade in 
diesen Betrachtungen besprochen haben. Ich mochte also ein Beispiel 
aus der neueren Zeit herausgreifen, etwas herausgreifen, das jedem zu- 



ganglich sein kann, und das so wirken kann, daft es Mut macht, wenn 
es sich darum handelt, den Entschlufi zu fassen, die Wege in die geistige 
Welt hinein zu suchen. Und gerade ein solches Beispiel mochte ich aus 
der Fiille der Beispiele, die man wahlen konnte, herausheben, an dem 
man zugleich sehen kann, wie solche Erscheinungen doch wiederum in 
der Gegenwart - ich meine natiirlich eine weitere Gegenwart - aus der 
materialistischen Gesinnung heraus falsch beurteilt werden. 

Sie alle werden schon etwas gehort haben von dem Dichter Otto 
Ludwig, der in demselben Jahre - 1813 - geboren ist wie Hebbel und 
wie Richard Wagner. Otto Ludwig war nicht nur ein Dichter - viel- 
leicht kann man sogar die Meinung haben, dafi er kein besonders her- 
vorragender Dichter war, darauf kommt es in diesem Augenblick nicht 
an -, sondern er war ein Mensch, welcher sich darauf eingestellt hatte, 
sich selber viel zu beobachten, der gesucht hat, Selbsterkenntnis zu ge- 
winnen und dem es auch gelungen ist, mancherlei Blicke hinter jenen 
Schleier zu tun, welcher fur die meisten Menschen der Gegenwart iiber 
das eigene Innere zunachst gezogen ist. Und so beschreibt einmal Otto 
Ludwig sehr schon, was er bemerkt, wenn er Dichtungen, die er selbst 
ausfuhren will, konzipiert, oder wenn er Dichtungen von anderen 
Leuten liest und auf sich wirken lafit. Er kommt da darauf, dafi er nicht 
so liest oder konzipiert wie andere Menschen, sondern daft da etwas 
aufierordentlich Regsames in seinem Innern sich zu betatigen beginnt, 
also sowohl beim Selbstdichten wie beim Lesen, beim Auf-sich-wirken- 
Lassen von anderen Dichtungen. Und das beschreibt Otto Ludwig 
sehr schon. Ich will Ihnen diese Stelle mitteilen, weil Sie daraus ein 
Stuck Selbsterkenntnis eines durchaus modernen Menschen sehen wer- 
den, der ja erst in der zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts ge- 
storben ist, und der bei der Wiedergabe dieser Selbsterkenntnis von 
Dingen redet, die allerdings unserem materialistischen Zeitalter wie 
Dinge wiistester Phantastik diinken. Aber Otto Ludwig war nicht ein 
Phantast. Er war vielleicht ein Griibler in bezug auf sein eigenes Selbst; 
aber derjenige, der seine Dichtungen auf sich wirken laflt, wird sehen, 
dafi in dem Manne etwas durchaus Gesundes war. Und wer die Mittei- 
lungen, die wir iiber sein Leben haben, auf sich wirken lafit, wird ne- 
ben einer gewissen Griiblersucht etwas durchaus Gesundes in diesem 



Manne finden. Nun, so beschreibt er das Wirken in der eigenen Seele, 
wenn er selber dichtet oder Dichtungen auf sich wirken lafit: 

«Es geht eine Stimmung voraus, eine musikalische, die wird mir zur 
Farbe, dann sen* ich Gestalten, eine oder mehrere, in irgendeiner Stel- 
lung und Gebardung fur sich oder gegeneinander, und dies wie einen 
Kupferstich auf Papier von jener Farbe, oder genauer ausgedriickt, wie 
eine Marmorstatue oder plastische Gruppe, auf welche die Sonne durch 
einen Vorhang fallt, der jene Farbe hat. Diese Farbenerscheinung hab* 
ich auch, wenn ich ein Dichtungswerk gelesen, das mich ergriffen hat; 
versetz' ich mich in eine Stimmung, wie sie Goethes Gedichte geben, so 
hab ich ein gesattigt Goldgelb, ins Goldbraune spielend; wie Schiller, 
so hab ich ein strahlendes Karmesin; bei Shakespeare ist jede Szene eine 
Nuance der besondern Farbe, die das ganze Stuck mir hat. Wunderli- 
cherweise ist jenes Bild oder jene Gruppe gewohnlich nicht das Bildxler 
Katastrophe, manchmal nur eine charakteristische Figur in irgendeiner 
pathetischen Stellung, an diese schliefit sich aber sogleich eine ganze 
Reihe, und vom Stiicke erfahr' ich nicht die Fabel, den novellistischen 
Inhalt zuerst, sondern bald nach vorwarts, bald nach dem Ende zu von 
der erst gesehenen Situation aus, schieften immer neue plastisch-mimi- 
sche Gestalten und Gruppen an, bis ich das ganze Stuck in alien seinen 
Szenen habe; dies alles in grofler Hast, wobei mein Bewufitsein ganz 
leidend sich verhalt, und eine Art korperlicher Beangstigung mich in 
Handen hat. Den Inhalt aller einzelnen Szenen kann ich mir dann auch 
in der Reihenfolge willkiirlich reproduzieren; aber den novellistischen 
Inhalt in eine kurze Erzahlung zu bringen ist mir unmoglich. Nun fin- 
det sich zu den Gebarden auch die Sprache. Ich schreibe auf, was ich 
aufschreiben kann, aber wenn mich die Stimmung verlalk, ist mir das 
Aufgeschriebene nur ein toter Buchstabe. Nun geb* ich mich daran, die 
Liicken des Dialogs auszufullen. Dazu mufi ich das Vorhandne mit kri- 
tischem Auge ansehen.» 

Sie sehen also hier einen merkwurdigen Menschen, der, es ist wirk- 
lich horribel fur den materialistisch denkenden Menschen der Gegen- 
wart, wenn er Schillers Stiicke liest, Karmesinrot empfindet, wenn er 
Goethes Stiicke oder Gedichte liest, Goldgelb ins Goldbraune empfin- 
det; der bei jedem Snick von Shakespeare eine Farbenempfindung hat, 



und bei jeder Szene eine Nuance dieser Farbenempfindung; der, wenn 
er eine Dichtung konzipiert oder liest, Gestalten wie einen Kupferstich 
auf einem bestimmten farbigen Hintergrunde hat, oder gar plastisch- 
mimische Gestalten sieht mit Gebarden, auf welche die Sonne durch 
einen Vorhang fallt, der jenes Licht verbreitet, das ihm die Gesamt- 
stimmung abgibt. 

Sehen Sie, soldi eine Sache mufi man richtig verstehen. Solch eine Sa- 
che ist noch nicht hellseherisch, aber sie ist der Weg in die geistige Welt 
hinein. Wer sie aus der Geisteswissenschaft heraus richtig verstehen 
will, diese Stimmung, der kann sie verstehen, wenn er sich sagt: Otto 
Ludwig wird sich bewulk des Auges, des geistigen Auges. Denn, 
wurde er auf diesem Wege weiterschreiten, so wiirde er nicht nur sol- 
che Stimmungen haben, sondern es wiirden ihm, so wie dem aufieren 
Auge die physischen Gegenstande entgegentreten, dem geistigen Auge 
die geistigen Wesenheiten entgegentreten und erfafit werden als sein ei- 
genes Empfinden. Geradeso wie, wenn Sie im Dunkeln mit dem Auge 
nur ganz geringe Druckbewegungen machen, Sie, ich mochte sagen, 
spruhendes Licht sehen, Licht, das, ich mochte sagen, wie vom Auge 
ausstrdmend, den Raum erfullt, so ist es bei Otto Ludwig. Seine Seele 
strahlte Stimmungen aus, aber diese Stimmungen, das sind Farben- 
stimmungen, sind Tonstimmungen. Mit dem Musikalischen, wie er mit 
Recht sagt, als Tonstimmungen, beginnen sie. Er verwendet sie nicht, in- 
dem er sich geistige Anschauungen verschafft; aber wir sehen, wie seine 
Seele durchaus geeignet ist, in die geistige Welt hinein den Weg zu finden. 

Man darf also nicht sagen, dafi in der neueren Zeit es solche Men- 
schen nicht gibt, die gewahr werden, dafi dies eine Realitat ist, was wir 
das Seelenauge nennen konnen, was geoffnet wurde fur die Schiiler der 
Mysterien in der Weise, wie ich das in den vorigen Betrachtungen er- 
zahlt habe. Denn diese Veranstaltungen waren im Grunde genommen 
nichts anderes als die Veranstaltungen dazu, zunachst das Seelenauge 
bemerkbar zu machen, der Menschenseele bewufit zu machen, dafi die- 
ses Seelenauge vorhanden ist. Dafi man solche Dinge, wie das eben 
Mitgeteilte, in der Gegenwart doch nicht richtig beurteilt, das konnen 
Sie gerade sehen aus den Bemerkungen, die Gustav Freytag macht, in- 
dem er iiber Otto Ludwig spricht. Gustav Freytag sagt: 



«Das Schaffen dieses Dichters aber war, wie sein ganzes Wesen, ahn- 
lich der Art ernes epischen Sangers aus der Zeit, wo die Gestalten dem 
Dichter lebendig, mit Klang und Farbe, in der Dammerung des Vol- 
kermorgens um das Haupt schwebten.» 

Die Tatsache ist durchaus richtig, nur hat sie mit dem Dichten ei- 
gentlich nichts zu tun. Denn dasjenige, was da Otto Ludwig erlebte, 
das erlebten in alten Zeiten nicht blofi die Dichter, sondern alle Men- 
schen, und in spateren Zeiten diejenigen, die in die Mysterien einge- 
weiht waren, ob sie zu Dichtern oder nicht zu Dichtern geworden sind. 
Also mit der eigentlichen Dichtungskraft hat es nichts zu tun. Und da, 
wohin nur das materialistisch orientierte Auge des Gegenwartsmen- 
schen den Blick nicht richtet hinter einem gewissen Schleier in der eige- 
nen Seele, ist dasjenige, was Otto Ludwig beschreibt, heute auch bei 
jedem Menschen, nicht blofi etwa beim Dichter, sondern bei jedem 
Menschen. Dafi Otto Ludwig ein Dichter war, das hat mit dieser Er- 
scheinung nichts zu tun, sondern das ist etwas, was parallel lauft. Es 
kann einer ein viel grofierer Dichter sein als Otto Ludwig, und das, was 
er zu beschreiben vermag, das kann ganz im Unterbewuftten bleiben. 
Im Untergrund des Unterbewufitseins ist es allerdings vorhanden, aber 
es braucht nicht heraufzudringen. Denn Dichtkunst, iiberhaupt Kunst, 
besteht heute in etwas anderem als in dem bewufken Verarbeiten von 
hellsichtigen Eindriicken. 

Das also habe ich anfiihren wollen, um Ihnen ein Beispiel zu geben 
fur einen Menschen - und die Menschen dieser Art sind eben durchaus 
nicht selten, sie sind sehr, sehr haufig -, fur einen Menschen, der 
durchaus auf dem Wege in die geistige Welt hinein ist. Es wird eben, 
wenn man die Dinge anwendet auf sich, die in «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben sind, nicht etwas Neues 
erzeugt, sondern dasjenige, was in der Seele schon vorhanden ist, wird 
ins Bewufksein heraufgehoben, so dafi der Mensch lernt, es bewufit zu 
brauchen, es bewufk anzuwenden. Das ist dasjenige, was wir festhalten 
wollen. Die Schwierigkeit liegt viel weniger darin, dafi heute gewisser- 
mafien der Schleier schwer zu durchdringen ist zu dem, was unbewulk 
in der Seele lebt, sondern die Schwierigkeiten liegen darin, dafi man 
heute nicht leicht den Mut gewinnen kann, auf diese Dinge sich einzu- 



lassen; dafi zumeist diejenigen selbst, die sich gerne einlassen wollen aus 
gewissen Sehnsuchten und Bediirfnissen des Herzens und der Erkennt- 
nis heraus, sich gedrangt und getrieben fiihlen, die Sache doch nur so 
ein biftchen verschamt anzuerkennen im engsten Kreise und ja nichts 
davon merken zu lassen, wenn sie wiederum in den Umkreis der ganz 
gescheiten Leute der Gegenwart heraustreten. Gewifi, es braucht nicht 
iiberall gleich dasjenige da zu sein, was man vielleicht heute deshalb, 
weil wir nach dem Jahre 1879 leben, als das Richtige bezeichnen miilBte 
auf diesem Gebiete, sondern es kann, wenn wir die jiingstverflossenen 
Zeiten betrachten, bei manchem auch ein holier Grad hellsichtiger 
Krafte auftreten, wirklich hellsichtiger Krafte, die man deshalb nicht 
auf der einen Seite entweder voll anerkennen, sich restlos ihnen ergeben 
mufi, oder auf der anderen Seite gleich als etwas Gefahrliches, Abzu- 
lehnendes betrachten mufi. 

Allerdings sind viele Faktoren vorhanden, welche den Mut, Hellsich- 
tiges anzuerkennen, seit langem erschlaffen machen, und so ist es denn 
gekommen, dafi der ja in Ihrem Kreise auch schon ofter erwahnte 
Swedenborg eine so sonderbare Beurteilung gefunden hat. Er konnte 
fiir viele in der Weise auch anregend wirken, dafi man in ihm eine Indi- 
vidualist sehen konnte, welche gewisse Schleier zur geistigen Welt hin 
fiir sich durchsichtig gemacht hat. Swedenborg ist bis in einem hohen 
Grade zu dem Gebrauche, zu der Anwendung desjenigen gekommen, 
was man imaginative Erkenntnis nennen kann. Diese imaginative Er- 
kenntnis, die braucht jeder, der in die geistige Welt hinein will. Er kann 
sie nicht entbehren, aber sie ist doch nichts anderes als eine Art Ober- 
gang zu den hoheren Erkenntnisstufen. Swedenborg hatte gerade seinen 
hellsichtigen Sinn fiir die imaginative Erkenntnis of fen. Allein gerade 
dadurch, dafi diese imaginative Erkenntnis in ihm wallte und wirkte 
und wogte, konnte er Aussagen machen iiber die Beziehungen der gei- 
stigen Welt zut aufieren Welt, welche in hohem Grade bemerkenswert 
sind fiir denjenigen, der an Beispielen das Hellsehertum sich klar 
macht. Ich mochte Ihnen da an einem Beispiel zeigen, wie Swedenborg 
in seiner Gesinnung, ich mochte sagen, zu sich selbst stand, wie er 
dachte und fiihlte, um die Seele im Zusammenhang zu erhalten mit der 
geistigen Welt. Er ging nicht etwa aus darauf, in egoistischer Weise in 



die geistige Welt hineinzuschauen. Er, Swedenborg, war ja schon fiinf- 
undfunfzig Jahre alt, als ihm die geistige Welt eroffnet worden ist. Er 
war also ein durchaus reifer Mann, und er hatte eine grundliche, energi- 
sche wissenschaftliche Laufbahn hinter sich. Die wichtigsten wissen- 
schaftlichen Werke Swedenborgs werden erst jetzt von der Stockholmer 
Akademie der Wissenschaften in vielen Banden veroffentlicht, und sie 
enthalten Dinge, die fiir lange Zeit hinaus werden richtunggebend sein 
konnen fiir die aufiere Wissenschaft. Allein, man bringt ja heute das 
Kunststiick fertig, dafi man einen Menschen, der fiir seine Zeit den 
Gipfel der Wissenschaft erstiegen hat, wie Swedenborg, anerkennt so- 
weit man das selber mag, und wo man es nicht mehr mag, erklart man 
ihn fiir einen Narren. Dieses Kunststiick bringt man ja heute mit einer 
sehr groften Flinkigkeit zustande. Man gibt nichts darauf, daft ein 
Mensch wie Swedenborg, der nicht nur dasjenige geleistet hat in seiner 
Wissenschaft, was die anderen auch konnten - das ware ja schon ge- 
nug -, sondern der turmhoch alle seine Zeitgenossen als Wissenschafter 
iiberragte, dafi der von seinem funfundfunfzigsten Jahre ab sich zum 
Zeugen der geistigen Welt macht. 

Eine Frage, die Swedenborg ganz besonders interessiert hat, war die 
Frage: Wie wirken Seele und Leib aufeinander? - Uber diese Frage: 
Wie wirken Seele und Leib aufeinander? - hat Swedenborg nach seiner 
Erleuchtung eine schone Abhandlung geschrieben. Er hat in dieser Ab- 
handlung ungefahr das Folgende gesagt: Es sind nur drei Falle moglich, 
wie man uber die Wechselbeziehungen zwischen Seele und Leib denken 
kann. Die eine Ansicht ist diejenige: Der Leib ist mafigebend; durch 
den Leib werden die Sinneseindriicke gemacht, die Sinneseindriicke 
wirken auf die Seele, die Seele empfangt diese Einfliisse vom Leibe, und 
das ist das Mafigebende. Sie ist also gewissermaften vom Leibe abhan- 
gig. Eine zweite Anschauung ist moglich, sagt Swedenborg, es ist diese; 
Der Leib ist von der Seele abhangig; die Seele ist dasjenige, was die gei- 
stigen Impulse enthalt. Sie schafft sich den Leib, sie gebraucht den Leib 
wahrend des Lebens. Man raufi nicht vom physischen Einflufi spre- 
chen, sondern vom psychischen, vom seelischen Einflufi. Die dritte 
Anschauung, die noch moglich ist, sagt Swedenborg, das ist die: Beide, 
Leib und Seele, sind nebeneinander, wirken gar nicht aufeinander, aber 



ein Hoheres bewirkt eine Harmonie, eine Obereinstimmung, wie zwi- 
schen zwei Uhren eine Obereinstimmung ist, wovon die eine die andere 
nicht beeinflulk, wenn sie gleiche Zeit zeigt. Ein hoherer Einflufi be- 
wirkt eine Harmonie. Also wenn ein aufierer Eindruck auf meine Sinne 
gemacht wird, so denkt die Seele, aber beides hat nichts miteinander zu 
tun, sondern von einer hoheren Macht wird in die Seele einfach ein ent- 
sprechender Eindruck gemacht, wie von aufien durch die Sinne ein 
Eindruck auf die Seele gemacht wird. - Swedenborg setzt auseinander, 
wie die erste und die dritte Anschauung demjenigen, der in die geistige 
Welt hineinschauen kann, unmoglich ist, wie fur den Erleuchteten es 
klar ist, dafi die Seele im Zusammenhang stent durch ihre Krafte mit ei- 
ner geistigen Sonne, so wie der Leib mit der leiblichen Sonne, mit der 
physischen Sonne, dafl aber alles das, was physisch ist, von Geistig- 
Seelischem abhangig ist. Also er setzt auseinander, ich mochte sagen, in 
einer neuen Weise dasjenige, was wir mit Bezug auf die Mysterien das 
Sonnengeheimnis genannt haben, dasjenige Geheimnis, das Julian dem 
Apostaten vorgeschwebt hat, als er von der Sonne als einem geistigen 
Wesen sprach, was ihn namentlich zu einem Gegner des Christentums 
gemacht hat, weil das Christentum seiner Zeit es ablehnen wollte, den 
Christus mit der Sonne in Zusammenhang zu bringen. Swedenborg er- 
neuerte fur seine Zeit, soweit das moglich ist, durch seine imaginative 
Erkenntnis das Sonnengeheimnis. 

Nun, ich habe Ihnen dieses nur vorausgeschickt, weil ich Ihnen 
daran zeigen mochte, was in Swedenborgs Seele, indem sie auf dem 
Wege nach der geistigen Erkenntnis ist, eigentlich vorgeht. Swedenborg 
gibt iiber diese Frage, die ich eben kurz angedeutet habe, mit Bezug auf 
die Betrachtung, die er angestelk hat, eine Art philosophischer Ab- 
handlung, aber eine solche Abhandlung, wie einer sie gibt, der in die 
geistige Welt hineinsieht, nicht wie sie ein moderner, an einer Universi- 
tat angestellter Philosoph gibt, der ja nicht in die geistige Welt immer 
hineinsieht. Nun, aber am Schlusse dieser Abhandlung fuhrt Sweden- 
borg dasjenige an, was er ein «Gesicht» nennt. Und mit diesem Gesicht 
meint er nun nicht etwa irgend etwas, was er sich ausgedacht hat, son- 
dern etwas, was er nun wirklich geschaut hat, das wirklich vor seinem 
Geistesauge gestanden hat. Swedenborg geniert sich namlich nicht, von 



seinen geistigen Schauungen zu sprechen. Er erzahlt wiederum, was ihm 
der oder jener Engel gesagt hat, weil er es weift; weil er es so gut weift, 
wie ein anderer weift, daft ihm irgendein physischer Erdenmensch dies 
oder jenes mitgeteilt hat. Er sagt: Ich war einmal im Schauen; da er- 
schienen mir drei Vertreter der Anschauung vom physischen Einfluft, 
drei Scholastiker, Aristoteliker, Anhanger des Aristoteles, also drei 
Anhanger jener Lehre, welche alles von auften durch physischen Ein- 
fluft in die Seele hineinstromen laftt. Die waren auf der einen Seite. Auf 
der anderen Seite erschienen drei Anhanger des Cartesius, die in einer 
gewissen unvollkommenen Weise, aber doch von geistigen Einflussen 
auf die Seele sprachen. Und hinter ihnen erschienen drei Anhanger des 
Leibniz, die von der prastabilierten Harmonie, also von der Unabhan- 
gigkeit von Leib und Seele und der von auften hergestellten Harmonie 
sprachen. Neun Gestalten, sagt er, umgaben mich. Das sah er namlich. 
Und besonders glanzende Fiihrer jeder Gruppe von den drei Gestalten, 
das waren Leibniz, Cartesius, Aristoteles selber. - Also er erzahlt, daft 
er diese Schauung gehabt hat, ganz wie man etwas erzahlt aus dem phy- 
sischen Leben. Dann, sagt er, stieg aus dem Untergrund herauf ein Ge- 
nius mit einer Fackel in der rechten Hand. Und als er diese Fackel 
schwang vor den Gestalten, da fingen sie sogleich an zu streiten. Die 
Aristoteliker behaupteten den physischen Einfluft von ihrem Gesichts- 
punkte aus, die Cartesianer den geistigen Einfluft von ihrem Gesichts- 
punkte aus, die Leibnizianer mit ihrem Meister ebenfalls. - Solche Din- 
ge, solche Schauungen konnen bis in die Einzelheiten hinein gehen. 
Swedenborg erzahlt, daft Leibniz in einer Art von Toga erschien, und 
die Zipfel hat sein Anhanger Wolff gehalten. Solche Kleinigkeiten er- 
scheinen immer bei diesen Schauungen, in denen diese Ziige sehr cha- 
rakteristisch sind. Sie kamen ins Streiten. Die Griinde waren alle gut, 
denn man kann ja alles in der Welt verteidigen. Da erschien nach eini- 
ger Zeit, nachdem sie lange genug gestritten hatten, der Genius wieder- 
um, aber jetzt hatte er die Fackel in der linken Hand und beleuchtete 
die Hinterkopfe. Da kamen sie erst recht in den Kampf. Da sagten sie: 
Jetzt konnen weder unser Leib, noch unsere Seele unterscheiden, was 
das Richtige ist. Und da kamen sie iiberein, in ein Kastchen drei Zettel 
zu werfen. Auf einem stand «physischer Einflufi», auf dem zweken 



«geistiger Einfluj&», auf dem dritten «prastabilierte Harmonie». Dann 
zogen sie und zogen heraus «geistiger Einflufi» und sagten: also wollen 
wir den geistigen Einflufi anerkennen. Da stieg von der Oberwelt her- 
unter ein Engel und sagte: Das ist aber nicht blofl deshalb, da# ihr zu- 
fallig herausgezogen hattet den Zettel mit «geistiger Einflufi», sondern 
das ist von der weisen Weltenlenkung so vorgesehen gewesen, weil das 
der Wahrheit entspricht. 

Ja, sehen Sie, dieses Gesicht erzahlt Swedenborg. Gewifl, es steht je- 
dem frei, dieses Gesicht hochst unbedeutend, vielleicht sogar einfaltig 
zu finden; aber darum handelt es sich nicht, ob es einfaltig ist oder 
nicht, sondern darum, dafi man es hat. Und dasjenige, was vielleicht 
am einfaltigsten erscheint, das ist gerade das Tiefste. Denn was hier in 
der physischen Welt als das Gesetzlose erscheint, das Zufallige, gewis- 
sermafien das Uberlassen dem Zufall, das ist als Symbolum, in der gei- 
stigen Welt gesehen, etwas ganz anderes. Und man kommt so schwer 
zu einer Erkenntnis des Zufalls, weil der Zufall nur ein Schattenbild 
von hoheren Notwendigkeiten ist. Aber Swedenborg will etwas Beson- 
deres andeuten, das heifit, nicht er will es, verstandlicherweise, sondern 
«Es» will es in ihm. Es bildet sich dieses Bild, weil «Es» es will in ihm. 
Es ist dies namlich ein genauer Ausdruck der Art, wie er zu seinen 
Wahrheiten gekommen ist, ein genauer Ausdruck des Geistes, aus dem 
heraus er diese Abhandlung geschrieben hat. Was haben die Cartesianer 
gemacht? Sie haben aus menschlichen Vernunftgriinden, aus Verstan- 
desgriinden den geistigen Einflufi beweisen wollen. Da kann man ja auf 
das Richtige kommen; aber es ist, wie wenn ein blin des Huhn ein 
Kornchen findet. Die Aristoteliker sind nicht dummer gewesen als die 
Cartesianer; die haben den physischen Einflufi behauptet, wiederum 
mit menschlichen Griinden. Die Leibnizianer waren gewifi nicht to- 
richter als die beiden anderen, aber sie haben die prastabilierte Har- 
monie behauptet. Swedenborg ging ixberhaupt nicht auf diesen 
Wegen zum Geiste, sondern er entwickelte alles dasjenige, was 
Menschenkunst vermag, um sich vorzubereiten, und dann die Wahr- 
heit zu empfangen. Und dieses Empfangen der Wahrheit - nicht das 
Machen der Wahrheit, sondern dieses Empfangen der Wahrheit -, 
dieses Entgegennehmen der Wahrheit, das wollte er, oder das wollte 



sich mit dem Ziehen des Zettelchens aus dem Kastchen ausdriicken. 
Das ist das Wesentliche. 

Solche Dinge aber finden in unserem Gemiit nicht die rechte Wertig- 
keit, wenn wir sie ausdenken, sondern unser Gemiit stellt sich erst in 
der richtigen Weise zu diesen Sachen, wenn wir sie im Bilde haben, 
selbst wenn das Bild fur einfaltig genommen werden kann von verstan- 
digen Leuten. Denn das Bild wirkt anders in unserer Seele als der Ver- 
standesbegriff, das Bild bereitet unsere Seele dazu, die Wahrheit aus der 
geistigen Welt heraus entgegenzunehmen. Das ist das Wesentliche der 
Sache. Und wenn man diese Dinge gehorig ins Auge fafit, dann wird 
man sich allmahlich hineinfinden in Begriffe und Vorstellungen, die den 
Menschen der Gegenwart wirklich notwendig sind, die der Mensch der 
Gegenwart erringen mufi, und die heute nur aus Abneigung - nicht aus 
einem anderen Grunde -,-aus Abneigung, die aus dem Materialismus 
entspringt, den Menschen unzuganglich erscheinen. 

Der ganze Geist unserer Betrachtungen ging ja darauf hinaus, die 
Menschheitsentwickelung gewissermafien so zu betrachten, daft sie zu- 
erst in ihrer Stromung bis zu einem gewissen Einschnitte ging. In die- 
sen Einschnitt fallt das Mysterium von Golgatha hinein. Dann geht die 
Geschichte weiter. Beide Stromungen sind ja gewissermafien radikal 
voneinander verschieden; und wir haben ja geniigend charakterisiert, 
inwiefern die beiden Stromungen radikal verschieden sind. Aber stellen 
Sie sich noch einmal das Folgende vor, um diese Verschiedenheit ge- 
niigend in Ihrer Seele zu empfinden. Stellen Sie sich vor, dafi in alten 
Zeiten es immer moglich war, dafi, ohne dafi der Mensch besondere 
Vorbereitungen in seiner Seele machte, die mit der Aktivitat zusam- 
menhangen, denn in den Mysterien hingen sie mit aufieren Veranstal- 
tungen, mit Kultushandlungen zusammen - der Mensch dadurch, daft 
gewissermafien Aufieres verrichtet wurde, Aufieres geschah, zur Uber- 
zeugung der geistigen Welt kam und damit auch seiner eigenen Un- 
sterblichkeit, weil das noch veranlagt war in seiner Leiblichkeit vor dem 
Mysterium von Golgatha. Mit der Zeit des Mysteriums von Golgatha 
hdrte die Moglichkeit des Menschenleibes auf, gewissermaften aus sich 
selber heraus die Cberzeugung von der Unsterblichkeit aufdunsten zu 
lassen; verstehen Sie den Ausdruck recht: aufdunsten zu lassen. Die 



Moglichkeit horte auf. Der Leib lafit nicht mehr aus sich herauspressen 
die Anschauung der Unsterblichkeit. Das bereitete sich in den Jahr- 
hunderten vor dem Mysterium von Golgatha vor, und es ist wirklich 
aufierordentlich interessant zu sehen, wie dieser Kolofi von einem Den- 
ker, Aristoteles, ein paar Jahrhimderte vor dem Mysterium von Golga- 
tha alle Anstrengungen macht, die Seelenunsterblichkeit zu begreifen, 
aber zu nichts anderem kommt als zu einer solchen Unsterblichkeit, die 
nun wirklich eine recht sonderbare Unsterblichkeitsvorstellung ist. Der 
Mensch ist ja fur Aristoteles nur ein vollstandiger Mensch, wenn er sei- 
nen Leib hat, wenn er richtig seinen Leib hat. Und Franz Brentano, ei- 
ner der besten Aristoteliker der neueren Zeit, sagt in seiner Betrachtung 
iiber Aristoteles, der Mensch sei schon kein vollstandiger mehr, wenn 
ihm irgendein Glied fehle; wie soil er ein vollstandiger Mensch sein, 
wenn ihm der ganze Leib fehlt? So dafi also die Seele fur Aristoteles, 
wenn sie durch die Pforte des Todes geht, dann weniger ist, als sie hier 
im Leibe war. Das ist das Unvermogen, das Seelische wirklich noch zu 
schauen, demgegeniiberdas alte Vermogen stand, das Seelische wahr- 
zunehmen, in seiner Unsterblichkeit wahrzunehmen. Aber nun tritt das 
Eigentiimliche ein, dafi dieser Aristoteles durch das Mittelalter hin- 
durch der tonangebende Philosoph ist. Was man uberhaupt wissen 
kann, so sagen sich die Scholastiker, das hat Aristoteles gewufit, und als 
Philosophen konnen wir nichts anderes tun, als uns auf Aristoteles zu 
verlassen, ihm nachzuleben. Man will nicht mehr geistige Fahigkeiten, 
geistige Krafte entwickeln, die liber das MalS des Aristotelismus hinaus- 
gehen. Das ist sehr bedeutsam. Und das fuhrt, ich mochte sagen, erst 
zu der Kardinalerkenntnis iiber das Faktum: warum Julian der Apostat 
in der Konstantinischen Zeit das Christentum, wie es sich ausgelebt hat 
in der damaligen Kirche, abgelehnt hat. Man mufi wirklich diese Dinge, 
ich mochte sagen, in einem hoheren Lichte sehen. Ich habe selbst noch 
aufier Franz Brentano einen der allerbesten Aristoteliker der Gegenwart 
kennen gelernt, den Vincenz Knauer, der Benediktinermonch war, und 
der tatsachlich aus seinem katholischen Bewuiksein heraus zu Aristote- 
les im Grunde genommen ganz in der Art gestanden hat, wie die Scho- 
lastiker zu Aristoteles gestanden haben, der also, indem er iiber Aristo- 
teles sprach, durchaus so sprach, dafi er dabei ins Auge fassen wollte, 



was man durch menschliches Wissen iiber die Unsterblichkeit der Seek 
eben wissen konne. Und da fafite Vincenz Knauer seine Meinung in der 
folgenden Weise zusammen, das ist sehr interessant: 

«Die Seele aber, das heifit hier der abgeschiedene Menschengeist» - 
also der abgeschiedene, der durch den Tod gegangene Menschengeist - 
«befindet sich also nach Aristoteles nicht in einem vollkommeneren, 
sondern in einem ihrer Bestimmung nicht zusagenden, hochst unvoll- 
kommenen Zustande. Das Bild fur sie ist keineswegs das vielfach ver- 
wendete, das eines Schmetterlings namlich, der nach abgestreifter 
Puppenhiilse sich im blauen Himmelsather wiegt. Sie gleicht vielmehr 
einem Schmetterling, dem von grausamer Hand die Fliigel ausgerissen 
wurden, und der nunmehr unbehilflich in der Gestalt des armseligsten 
Wurmes im Staube kriecht.» 

Das ist sehr bedeutsam, dafi diejenigen, die Aristoteles gut kennen, 
durchaus zugeben: menschliches Wissen sollte eigentlich zu nichts an- 
derem als zu dieser Anerkenntnis kommen. - Daraus sieht man aber, 
dafi schon einige Kraft angewendet werden muE, um sich zu stemmen 
gegen dasjenige, was aus dieser Entwickelung heraus gekommen ist. 
Denn ohne es zu wissen, steht der heutige Materialismus - ich habe das 
schon erwahnt - eigentlich ganz unter dem Einflufi jener Abschaffung 
des Geistes, die durch das Konstantinopeler Konzil 869 eingetreten ist, 
wo man den Menschen eben nicht mehr, wie ich sagte, zusammen- 
gesetzt aus Leib, Seele und Geist haben wollte, sondern wo man 
den Geist abschaffte, den Menschen nur aus Seele und Leib bestehen 
liefi. 

Der moderne Materialismus geht nun noch weiter. Er schafft nun 
auch die Seele noch ab. Aber das ist eine ganz zusammenhangende 
Entwickelung. Es gehort also schon einige Kraft dazu und einiger Mut, 
um den Weg gewissermafien wiederum zuriickzufinden, namentlich in 
der richtigen Weise ihn zuriickzufinden. Nicht wahr, Julian der Apo- 
stat, der in die eleusinischen Mysterien eingeweiht war, hatte ein Be- 
wufitsein davon, dafi man durch eine gewisse Entwickelung der 
menschlichen Seele zur Anerkennung des Unsterblichkeitscharakters der 
Seele kommen konne. Er hatte von diesem Sonnengeheimnis eine Er- 
kenntnis. Und nun sah er von diesem Gesichtspunkte aus etwas, was 



ihm eigentlich furchtbar war. Er konnte nicht begreifen, dafi es eine 
Notwendigkeit war, dafi das fur ihn Furchtbare eintrat; aber es war fur 
ihn furchtbar. Was sah er denn eigentlich? Er sah, wenn er in alte Zei- 
ten zuriickblickte, wie die Menschen entweder direkt oder auf dem 
Umwege durch die Mysterien unter der Leitung der aufierirdischen 
Gewalten und Wesen und Machte standen. Das sah er, dafi hier auf der 
Erde das geschehen konne, dafi von geistigen Spharen aus das angeord- 
net wird, dadurch, daft die Menschen Erkenntnisse aus diesen geistigen 
Spharen haben. Das sah er. Und jetzt sah er das Christentum im Kon- 
stantinismus diejenige Form annehmen, welche auf die christliche Or- 
ganisation, auf die christliche Gesellschaft anwendete die alten Grund- 
formen des Imperium Romanum, daft sich das Christentum hinein- 
schob in dasjenige, was das Imperium Romanum nur fur die aufiere 
soziale Ordnung ausgebildet hatte. Das sah er. Er sah gewissermafien 
das Gottlich-Geistige unter das Joch des Imperium Romanum ge- 
spannt. Das war ihm das Furchtbare. Man mul5 nur einsehen, dafi das 
fur eine Zeitlang notwendig war, aber dazu konnte er sich nicht auf- 
schwingen, und das bildete seinen Gegensatz gegeniiber demjenigen, 
was sich aufierlich vollzog. Und man hat schon notig, die grofie Zeit 
des Anhubes des Christentums vor der Konstantinischen Zeit ein wenig 
ins Auge zu fassen, ich habe schon darauf aufmerksam gemacht. Denn 
da waren die grofien Impulse vorhanden, die dann nur verdunkelt, ver- 
diistert worden sind, indern eingespannt worden ist das unter dem Ein- 
flusse des Christus-Impulses freie menschliche Erkennen in die Kon- 
zilsbeschlusse. 

Wenn man zuriickgeht auf Origenes, auf Klemens von Alexandrien, 
iiberall findet man, dafi diese Geister weitherzig sind, noch etwas 
durchaus Griechisches haben, nur dafi sie ein Bewufksein in ihren 
Seelen tragen von der Grofie desjenigen, was durch das Mysterium von 
Golgatha sich vollzogen hat. Aber sie reden in einer Weise iiber dieses 
Mysterium von Golgatha und iiber den, der durch dasselbe gegangen 
ist, in einer Weise, die eben einfach gegenwartig vor alien Konfessionen 
ketzerisch ist. Eigentlich sind die groften Kirchenvater der vorkonstan- 
tinischen Zeit die allerargsten Ketzer. Sie werden anerkannt von der 
Kirche, aber sie sind trotzdem die allerargsten Ketzer. Denn so sehr sie 



auf der einen Seite sich dessen bewufit sind, was Grofies fur die Erden- 
entwickelung mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist, so sind 
sie nicht darauf aus, den Weg zum Mysterium von Golgatha, den Weg 
der Mysterien, den Weg des alten Hellsehens, ausrotten zu wollen, was 
dann das konstantinische Christentum tun wollte, wie wir gesehen ha- 
ben. Vor alien Dingen ist es bei Klemens von Alexandrien zu sehen, 
wie iiberall grofie Geheimnisse durch seine Werke durchleuchten, Ge- 
heimnisse, die in dem Grade geheim sind, dafi dem gegenwartigen 
Menschen es sogar schwer wird, sich bei dem entsprechenden Begriff 
iiberhaupt etwas zu denken. Klemens der Alexandriner redet zum Bei- 
spiel von dem Logos, von der die Welt durchwallenden und durchwel- 
lenden Weisheit. Er stellt sich diesen Logos schon yor als sinnerfullte 
Spharenmusik der Welt. Ganz lebendig stellt er sich ihn vor. Und er 
stellt sich vor, dafi dasjenige, was aulSerlich sichtbare Welt ist, gewis- 
sermafien der Ausdruck ist der Spharenmusik, so wie das sichtbare 
Schwingen der Saiten der Ausdruck ist fur die musikalische Wellenbe- 
wegung. Und so wird ihm, dem Klemens von Alexandrien, die mensch- 
liche Gestalt zum Ebenbild des Logos. Das heifit: Klemens der Alex- 
andriner appelliert an den Logos, und indem er die menschliche Gestalt 
ansieht, wird sie ihm wie ein Zusammenflufi von Tonen aus der Spha- 
renmusik heraus. Ein Ebenbild des Logos ist der Mensch, so sagt er. 
Und in manchen von den Ausspriichen Klemens' von Alexandrien fin- 
den wir Spuren davon, dafi hochste, hochste Weisheit in ihm gelebt hat, 
aber ganz durchleuchtet mit dem, was ausstromt von dem Mysterium 
von Golgatha. Vergleichen Sie mit dem, was heute vielfach herrscht, ge- 
rade solche Ausspruche, die ich da meine bei Klemens dem Alexandri- 
ner, dann werden Sie sonderbare Ansichten bekommen uber das Recht, 
solch einen Menschen wie Klemens den Alexandriner anzuerkennen, 
ohne ihn zu verstehen. 

Wenn man heute davon spricht, dafi Geisteswissenschaft etwas sein 
will, was sich durchaus in der Stromung des Christentums bewegt, was 
durchaus aus dem Christentum hervorbliihen mufi fur unsere Zeit, da 
kommen zahlreiche Menschen - wir haben es ja erlebt, wir erleben ja 
diese Dinge - und sagen: Aufleben der alten Gnosis! - und vor der 
Gnosis, nun, da fangt eine grofie Zahl derjenigen, die heute das 



Christentum vertreten, an, sich zu bekreuzigen wie vor dem lebendigen 
Teufel. Aber Gnosis fiir die heutige Zeit ist Geisteswissenschaft, nur 
daft die fortgeschrittene, die heutige Gnosis etwas anderes ist als die 
Gnosis, die Klemens der Alexandriner gekannt hat. Dennoch aber, wie 
spricht sich Klemens der Alexandriner aus, als in der zweiten Halfte des 
zweiten christlichen Jahrhunderts lebend? Er sagt: Glaube, gut, das ist 
das, wovon man ausgeht. - Der heutige kirchliche Bekenner will dabei 
stehen bleiben. Der Glaube ist schon Gnosis, sagt er, aber gedrangte 
Erkenntnis des Nottuenden, die Gnosis aber der bestatigende und festi- 
gende Nachweis des im Glauben Aufgenommenen, durch die Un- 
terweisung des Herrn auf den Glauben gebaut, ihn fortfiihrend zur wis- 
senschaftlichen Unwiderleglichkeit und Erfafibarkeit. - Da haben Sie 
das ausgesprochen fiir seine Zeit bei Klemens dem Alexandriner, was 
fiir die heutige Zeit verwirklicht werden mufi. Da haben Sie es als eine 
Forderung des Christentums ausgesprochen, daft Gnosis, die heutige 
Geisteswissenschaft, sich lebendig hineinstellen muft gerade in die 
christliche Entwickelung. Der Stumpfling von heute sagt: Wissenschaft 
auf der einen Seite - die will er beschranken auf die aufieren Tatsachen -, 
Glaube auf der anderen Seite; der Glaube soil sich nicht in die Wis- 
senschaft hineinmischen. Klemens von Alexandrien sagt: Dem Glauben 
wird die Gnosis gegeben, der Gnosis die Liebe, der Liebe das Erbe. - 
Es ist dieses einer derjenigen Aussp niche, die zu dem Tiefsten iiber- 
haupt der Entwickelung des Menschengeistes gehoren, weil er Zeugnis 
ablegt von einem tiefen Verbundnis mit dem geistigen Leben. Vom 
Glauben geht man aus; aber dem Glauben wird die Gnosis gegeben, das 
heifit das Wissen, die Erkenntnis. Und aus der lebendigen Erkenntnis, 
das heilk aus dem Untertauchen in die Dinge, fliefit erst die rechte Lie- 
be, und aus der rechten Liebe die Handhabung des Erbes des Gottli- 
chen. Gottliches kann durch die Menschheit nur fliefien, fortfliefien, 
wie es im Urbeginn geflossen ist, wenn dem Glauben die Gnosis, der 
Gnosis die Liebe, der Liebe das Erbe gegeben werden. - Man mufi sol- 
che Ausspriiche auch so ansehen, dafi man in ihnen sieht Zeugnisse fiir 
die Tiefe eines solchen Geistes. 

Und so schwierig es auf der einen Seite ist, so notwendig ist es auf der 
anderen Seite, gerade die wahre Gestalt des christlichen Lebens den 



Menschen heute wiederum zuganglich zu machen. Denn werden heute 
gewisse Dinge in der richtigen Weise bezeichnet, so zeigt sich an diesen 
Dingen, worin eigentlich die Schaden unserer Zeit liegen. Diese Scha- 
den wirken so, daft man gewohnlich nicht durchschauen will, wie die 
Sachen eigentlich wirken. Sehen Sie, wenn ein Dorf in den Alpen ver- 
schiittet wird durch eine Lawine, so sieht jeder die Lawine ins Dorf 
stiirzen; aber derjenige, der den Ursprung der Lawine such en will, der 
mufi sie vielleicht in einem Schneekdrnchen da oben suchen. Das Zu- 
sammenstiirzen des Dorfes durch die Lawine wird leicht zu beobachten 
sein; dafi das durch ein Kornchen Schnee vielleicht verursacht wird, das 
wird nicht so leicht zu konstatieren sein, schon im Physischen nicht. 
Nun erst bei den grofien Erscheinungen der Weltgeschichte! Daft wir 
jetzt in einer furchtbaren Katastrophe der Menschheit stehen, das ist zu 
sehen, das ist die Lawine, die heruntergestiirzt ist. Wo wir die Aus- 
gangspunkte zu suchen haben, das ist dort, wo die Kornchen anfangen 
zu rollen. Allerdings mussen wir dann verschiedene Kornchen suchen; 
aber man verfolgt diese Kornchen nicht bis dahin, wo sie dann Lawinen 
werden. Und man sieht es heute nicht gerne, wenn gewisse Dinge bei 
dem rechten Namen genannt werden. 

Nehmen wir einmal an: jemand will sich heute ein Urteil bilden, was 
auf diesem oder jenem Gebiete Wissenschaft ist. Wie macht er das? 
Durchschnittlich, wie macht er das? Nun, er verlalk sich auf das Urteil 
eines Mannes, der fur das betreffende Fach angestellt ist. Warum ist 
dieses Urteil mafigebend? Nun, weil der betreffende Mann zum Profes- 
sor an dieser oder jener Universitat ernannt ist. Das ist ja in der Regel 
der Grund, warum das oder jenes heute als wissenschaftlich anerkannt 
ist. Aber nehmen wir einen einzigen konkreten Fall. Ich weifi sehr 
wohl, beliebt macht man sich nicht, wenn man diese Dinge bei ihrem 
Namen nennt, aber das niitzt ja doch nichts; wenn die Dinge weiterhin 
in unserer Zeit nicht beim rechten Namen genannt werden von immer 
mehr und mehr Leuten, so wird man aus der Misere nicht herauskom- 
men. Nehmen wir an, irgendeine der Autoritaten sagt folgendes: Da 
haben die Leute immerfort ihr Gerede von Leib und Seele, die sich 
beim Menschen finden. Das ist eigentlich ein unbefriedigender Dualis- 
mus, Leib und Seele. Dafi wir von Leib und Seele heute noch reden, das 



kommt nur davon her, weil wir uns in der Sprache ausdriicken miissen, 
und die Sprache haben wir nicht geschaffen in der Gegenwart, sondern 
die ist uns uberliefert aus einer friiheren Zeit, wo die Menschen noch 
viel dummer waren als die heutigen Universitatsprofessoren. Da haben 
diese dummen Menschen noch geglaubt an die Seele im Gegensatz zum 
Leibe. Und wenn wir heute von diesen Sachen reden, dann miissen wir 
uns dieser Worte bedienen; wir sind Sklaven der Sprache und mit der 
Sprache eigentlich der dummen Leute, die noch nicht solche gescheite 
Professoren angestellt haben, wie wir sind. - Nun sagt er weiter: Also, 
man mufi ja schon reden von Leib und Seele; allein die Sache ist ganz 
unberechtigt. Denn wenn wirklich einmal einer kommt und redet, ganz 
unbeirrt von den Leuten der Vorzeit vom heutigen Standpunkte aus, so 
sagt er vielleicht: Ja, da sehe ich eine Blume und dann sehe ich einen 
anderen Menschen. Den anderen Menschen kann ich sehen mit Bezug 
auf seine Gesichtsfarbe, seine Gestalt, wie ich die Blume sehe. Das an- 
dere mufi ich nur erschliefien. - Nun konnte einer kommen und konnte 
sagen: Ja, aber der andere sieht auch die Blume, und das Bild der 
Blume lebt in seiner Seele. Aber das ist eitel Tauschung. Was mir ei- 
gentlich gegeben ist bei der Blumenempfindung, bei der Steinempfin- 
dung, ist Sinneseindruck, ist auch beim Menschen Sinneseindruck. Dafi 
da noch etwas in der Seele lebt, das ist nur eitel Tauschung. Es sind 
iiberall nur Beziehungen gegeben. 

Sie sagen sich: Was uns der da sagt, dabei kann man sich nichts vor- 
stellen! Nun, Gott sei Dank, wenn Sie sich nur recht wenig dabei vor- 
stellen konnen; denn die ganze Auseinandersetzung ist namlich das td- 
richteste Gerede, das es nur geben kann, ist gewissermaften die personi- 
fizierte Torheit. Diese personifizierte Torheit wird in Zusammenhang 
gegeben mit allerlei ja sorgfaltigen Untersuchungen, die in Laboratorien 
gemacht werden iiber das menschliche Hirn, iiber allerlei klinische Er- 
gebnisse und so weiter. Das heifit, der Betreffende ist ein Tor. Er ist in 
der Lage, gute klinische Ergebnisse zu geben, weil er die Kliniken zur 
Verfugung hat; was er redet uber diese Dinge, ist die reinste Torheit. 
Diese Toren sind heute gar nicht selten, sondern sie sind eigentlich das 
Gewohnliche. Beliebt macht man sich selbstverstandlich nicht, wenn 
man diese Sachen sagt. Die Vortragsserie, die als Buch veroffentlicht 



ist von dem betreffenden Mann - verzeihen Sie, er heiftt namlich kurio- 
serweise noch dazu Verworn, aber das will ich selbstverstandlich auf 
dem physischen Plan nur fiir einen Zuf all gelten lassen -, das Buch, das 
die Artikelserie wiedergibt, heilk «Die Mechanik des Geisteslebens». 
Uber die «Holzigkeit des Eisens» konnte man ebenso schreiben, wie 
uber die Mechanik des Geisteslebens, das hatte ungefahr ebensoviel 
Sinn. Ja, wenn unser Geistesleben in seinen erleuchtetsten Kopfen von 
solcher «Gedankenscharfe» durchzogen ist - Verworn beschreibt, was 
er sieht, er mischt nur seine eigenen torichten Gedanken hinein -, dann 
braucht man sich nicht zu wundern, wenn grade diejenigen Diszipli- 
nen, die nicht das Gliick haben, wenigstens in bezug auf das Aufter- 
lich-Sinnliche wahr zu sein, die nichts Aufierliches anschauen konnen, 
sich absolut nicht zurechtfinden konnen. Namentlich die Staatswissen- 
schaften, denen gewissermafien die Kriicke der au£eren Tatsachen fehlt, 
die miifken wirklichkeitstragfahige Gedanken haben, und die haben sie 
aus den angedeuteten Griinden nicht, wie ich Ihnen das letztemal aus- 
gefiihrt habe. Mit der Nase werden aber die Leute selbst darauf gesto- 
fien. Ich habe Ihnen einen sehr befahigten Menschen angefuhrt: Kjel- 
len s den schwedischen Denker. Gewifi, es ist einer der allerbesten. Und 
sein Buch «Der Staat als Lebensform» ist geistreich; aber gegen den 
Schlufi bringt er eine merkwiirdige Idee vor, mit der er nichts machen 
kann, mit der aber auch andere in der Gegenwart nichts machen kon- 
nen. Er zitiert namlich einen gewissen Fustel de Coulanges, der «La 
cite antique» geschrieben hat, und der in diesem Buche ausfuhrt die 
Idee, dafi es doch sehr merkwurdig ist, wenn man in die alten Staaten 
zuriickgeht, die alten vorchristlichen Staaten untersucht, dafi da fast 
der ganze Staat immer auf Kultus gebaut ist; der ganze Staat ist auf 
geistig-soziale Ordnung aufgebaut. - Also, Sie sehen, die Leute werden 
auf die Tatsachen gestofien, denn ich habe Ihnen das letzte Mai erzahlt, 
wie die soziale Ordnung aus den Mysterien herausgeflossen, wie sie 
wirklich ein Geistiges war. Indem die Leute diese Sachen studieren, 
kommen sie auf solche Dinge, aber sie konnen sie nicht verstehen, sie 
konnen sich unmoglich irgend etwas dabei denken. Sie konnen nichts 
machen mit dem, was ihnen selbst die Geschichte erzahlt, der man so 
viele Dokumente weggenommen hat. 



Um so weniger kann mit der anderen Idee etwas recht gemacht wer- 
den, die wiederum erstehen mufi, und die wir gerade in den Mysterien, 
und, ich mochte sagen, in jenem wunderbarsten Nachklang an die My- 
sterien, bei Plato, wiederfinden, und die ich als einen neueren Weg, 
zum Christus zu kommen, angedeutet habe. Wenn Sie die Platonischen 
Werke durchlesen, tritt Ihnen eine eigentumliche Sache entgegen. Plato 
stellt in den Mittelpunkt seiner Betrachtung den Sokrates, Sokrates im 
Kreise seiner Schuler. Das Gesprach des Sokrates mit seinen Schtilern 
ist es, innerhalb dessen entwickelt wird dasjenige, was Plato sagen will. 
Plato kniipft an den toten Sokrates an in seinen Schriften. Das ist nicht 
nur eine belletristische Einkleidung, sondern das ist mehr. Das ist, ich 
mochte sagen, die Fortsetzung, der Nachklang dessen, was in den My- 
sterien gelebt hat, wo die Mysterienschuler hingefiihrt wurden zum 
Verkehr mit den Verstorbenen, die von der geistigen Welt weiterregieren 
die aufiere sinnliche Welt. Plato entwickelt eine Philosophie, indem er 
an einen Toten ankniipft. Diese Idee muS wieder erstehen, diese Idee 
mufi wiederkommen. Und ich habe angedeutet, wie sie wiederkommen 
mufi. Wir mussen die Moglichkeit finden, iiber die trockene Historie, 
liber die Nacherzahlung der aufieren Ereignisse hinauszukommen; wir 
mussen zu der Moglichkeit kommen, mit den Toten zu leben, die Ge- 
danken der Toten in uns wieder auf erstehen zu lassen. Wir mussen in 
diesem Sinne die Auferstehungsidee ernst nehmen konnen. Das ist der 
Weg, auf dem sich schon der Christus der Menschheit erschliefk im 
subjektiven, im inneren Erleben, der Weg, auf dem sich der Christus 
bewahrheiten kann. Aber es gehort zu diesem Wege die Entwickelung 
dessen, was man nennen kann: den Willen im Denken. Wenn Sie sich 
die Gedanken nur so bilden konnen, wie sie sich bilden, wenn Sie die 
aufiere Sinneswelt anschauen, dann kommen Sie nicht zu solchen Ge- 
danken, die mit Toten in eine reale Verbindung kommen. Wir mussen 
die Fahigkeit gewinnen, Gedanken elementar aus dem eigenen Wesen her- 
aufzuholen. Der Wille mufi den Mut haben, mit der Wirklichkeit sich 
zu verbinden. Dann wird der Wille, der sich also vergeistigt, er wird, 
genau ebenso wie Ihre Hand an einen aufieren sinnlichen Gegenstand 
anstdfk, anstofien an Geistwesen. Und die ersten Geistwesen werden in 
der Regel sogar diejenigen sein, welche in irgendeiner Weise karmisch 



mit uns verbundene Tote sind. Das Notwendige bei alien diesen Din- 
gen ist nur, daft Sie sich dafur nicht gewissermafien Anleitungen su- 
chen, die man leicht haben kann, gewissermafien auf einen Bogen Pa- 
pier aufgeschrieben, urn sie in die Westentasche zu stecken. So einfach 
sind diese Dinge nicht. Man stofk auch bei gutwilligen Leuten darauf, 
daft sie sagen: Wie kann ich unterscheiden, was Traum und Wirklich- 
keit ist? Wie unterscheide ich, was Phantasie und Wirklichkeit ist? - Ja, 
im einzelnen Falle dieses zu unterscheiden nach einer bestimmten Re- 
gel, das ist gar nicht dasjenige, was man suchen soil. Die ganze Seele 
mufi sich nach und nach so stimmen, dafi sie sich urteilsfahig macht, im 
einzelnen Falle eben ein Urteil zu gewinnen, wie man ja auch in der 
sinnlichen Aufienwelt urteilen will, ohne Anweisung fiir einen einzel- 
nen Fall, sondern wie man sich erziehen mufi fiir einen grofieren Um- 
kreis, um iiber den einzelnen Fall ein Urteil zu haben. Der Traum kann 
sehr ahnlich sein der Beriihrung mit der Realitat, aber man kann nicht 
im einzelnen Falle die Angabe machen: Dadurch unterscheidest du ei- 
nen bloften Traum von einer Wirklichkeit. Es kann sogar dasjenige, was 
ich jetzt sage, fiir diesen oder jenen Fall wiederum falsch sein, weil 
wiederum andere Gesichtspunkte in Betracht kommen. Es handelt sich 
eben immer darum, daft man versucht, seine ganze Seele urteilsfahig zu 
machen fiir die geistige Welt. 

Nehmen Sie den Fall, der ja sehr haufig vorkommt: Sie traumen, Sie 
glauben zu traumen; aber die Menschen konnen ja nicht so leicht unter- 
scheiden Traum und Wirklichkeit. Diejenigen, die heute iibrigens iiber 
den Traum nachdenken, die denken etwa nach der Anleitung solcher 
Leute wie der des Herrn Verworn nach, der da sagt: Man kann ein 
schones Experiment machen. Verworn fiihrt zum Beispiel folgendes 
schone Experiment an; das ist auch als Experiment sehr schon: Es 
schlaft einer, und man geht ans Fenster mit einer Stecknadel und klopft. 
Der Betreffende traumt, wacht auf und erzahlt einem, er hatte teilge- 
nommen an einem Gewehrfeuer. Der Traum iibertreibt, sagt Verworn. 
Was nur Stecknadelstofle waren, ist zu Schiissen geworden. Der Traum 
iibertreibt. Wie konnen wir uns das erklaren? Das erklaren wir uns da- 
durch, sagt Herr Verworn, dafi wir annehmen: Beim wachen Bewulk- 
sein ist das Gehirn in voller Tatigkeit. Beim Traumbewufitsein, da ist 



das Gehirn in herabgeminderter Tatigkeit, da ist das Rindenbewulksein 
tatig; das Rindenhirn nimmt sonst keinen Anteil, es ist das Gehirn von 
geringerer Intensitat. Daher kommt es, daft der Traum so bizarr wird; 
deshalb kommt es dazu, daft Stecknadelstofte zum Gewehrfeuer wer- 
den, und durch die Gehirntatigkeit wird der kleine Stecknadelstoft zu ei- 
nem Feuergefecht. - Nun ja, das Publikum ist gutglaubig, weil auf der 
Seite oben, wo das Betreffende stent, erzahlt wird, daft der Traum 
iibertreibt, und unten wird, nicht gerade mit den Worten, die ich jetzt 
gebraucht habe, dieses gesagt: Das Gehirn ist von geringerer Tatigkeit, 
daher erscheint der Traum bizarr - und der Leser hat schon vergessen 
dasjenige, was oben steht. Daher bringt er diese Dinge nicht in Zu- 
sammenhang. Er hat ja nur notig zu glauben: Das sagt eine Autoritat, 
die angestellt ist vom Staat, diese Dinge zu wissen, also mulS man daran 
glauben. - Der Autoritatsglaube ist ja etwas, was in der Gegenwart 
ganz verpont ist, wie Sie wissen. Nun ja, wer nicht so iiber den Traum 
denkt, der darf das Folgende sagen. Es konnte richtig sein, und in dieser 
Art zu denken liegt eben auf diesem Gebiet das Richtige. Nehmen wir 
an, Sie traumen von einem Freunde, der gestorben ist. Sie traumen mit 
diesem Freunde zusammen eine Situation; das heiftt Sie glauben zu 
traumen - und wachen auf. Der Gedanke beim Aufwachen ist ja selbst- 
verstandlich der: Das ist ja ein Langstverstorbener! Aber das fiel Ihnen 
im Traum gar nicht ein, daft er verstorben ist. Nun konnen Sie allerlei 
gescheite Erklarungen finden fur den Traum, nach der «Mechanik des 
Geistes»; aber, nicht wahr, wenn das ein Traum ist, und der Traum 
nichts ist als Reminiszenz des Tageslebens, so werden Sie schwer ein- 
sehen konnen, daft der starkste Gedanke, den Sie haben konnen, namlich 
sein Tod, daft der Freund verstorben ist, just nicht in den Traum hinein- 
spielt, wenn Sie just eine Situation erlebt haben, von der Sie wissen - 
Sie wissen das ganz genau -, Sie hatten sie mit dem Lebenden nicht er- 
leben konnen. Dann ist das folgende Urteil berechtigt, dann sagen Sie 
sich: Ich habe jetzt etwas erlebt mit dem X, das ich im Leben nicht 
hatte erleben konnen, das ich nicht nur nicht erlebt habe, sondern, wie 
das Zusammenleben mit ihm war, nicht hatte erleben konnen, und jetzt 
erlebe ich es. Angenommen, die Seele ist hinter diesem Traumbild, die 
wirkliche Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, ist hinter 



diesem Traumbild. 1st es nicht selbstverstandlich, dafi Sie den Tod nicht 
miterleben? Die Seele hat ja gar keine Veranlassung, sich Ihnen als ge- 
storben zu zeigen, sie lebt ja weiter. Und Sie werden, wenn Sie diese 
beiden Dinge zusammennehmen und vielleicht noch mit etwas anderem 
verbinden, Sie werden dazu kommen, sich zu sagen: Mein Bild stiilpt 
sich iiber eine wirkliche Begegnung mit der Seele. Und dafi der Ge- 
danke des Todes mir nicht kommt, das kommt daher, dafi ich ja nicht 
eine Reminiszenz habe, sondern ein Herankommen des wirklichen 
Toten an mich. Mit dem erlebe ich jetzt etwas, das kleidet sich selbst- 
verstandlich in ein Bild, aber es gibt eine Situation, die nicht hatte da 
sein konnen. Aufierdem kommt der Gedanke an den Tod nicht, weil 
die Seele lebt, weil gar keine Veranlassung dazu da ist, Und dann haben 
Sie alien Grund, sich zu sagen: Da lebe ich also in einer Region, wenn 
ich einen solchen sogenannten Traum habe, wo etwas nicht hineinspielt 
- und das, was ich jetzt sage, das ist wichtig, aufierordentlich wichtig -, 
denn charakteristisch fiir unser physisches Leben ist die Intaktheit un~ 
seres physischen Gedachtnisses. Dieses Gedachtnis ist fiir die Welt des 
Geistes, in die wir eintreten, nicht in demselben Mafie vorhanden, nicht 
in derselben Art sogar vorhanden, sondern das Gedachtnis, das da drii- 
ben notwendig ist, das miissen wir uns erst entwickeln. Das physische 
Gedachtnis ist schon an den physischen Leib gebunden. Daher weifi je- 
der, der mit dieser Region bekannt ist, dafi das physische Gedachtnis in 
diese Region nicht hineingeht. Kein Wunder, dafi iiberhaupt keine Er- 
innerung vorhanden ist an den Toten, sondern die Begegnung mit der 
lebendigen Seele. 

Leute, die bekannt waren mit diesem, die reden gerade von dem, wie 
das, was wir hier fiir das physische Leben Gedachtnis nennen, etwas 
ganz anderes ist furs geistige Leben. Wer jemals Dantes grofies Bild, die 
Commedia, die «G6ttliche Komddie» auf sich hat wirken lassen, der 
wird, wenn er dies Verstandnis dann hat, keinen Zweifel haben kon- 
nen, dafi Dante Schauungen gehabt habe, dafi er bekannt war mit der 
geistigen Welt. Fiir denjenigen, der die Art der Sprache derjenigen 
kennt, die mit der geistigen Welt bekannt waren, liegt ja schon das be- 
weiskraftige Zeugnis in der Einleitung, die Dante gewahlt hat fiir seine 
Commedia. Aber Dante wufite Bescheid; er war kein Dilettant in den 



geistigen Welten, er war sozusagen Fachmann. Er wuftte Bescheid. Ein 
solcher weift auch, wie nicht das gewohnliche Gedachtnis hineingeht in 
diejenige Sphare, wo wir den Toten begegnen. Und Dante spricht viel 
von den Toten, wie in dem Lichte der geistigen Welt unsere Toten le- 
ben. Mit Bezug auf das Gedachtnis finden Sie in der «G6ttlichen Ko- 
modie» das schdne Wort: «0 hochstes Licht, so weit erhaben iiber den 
menschlichen Begriff, leih' nur ein wen'ges von dem, wie du erschienst, 
dem Sinn mir wieder; und mein Zunge laft so machtig werden, daft ei- 
nen Funken deiner Herrlichkeit nur dem kiinft'gen Volk ich hinterlas- 
sen moge! Denn wenn ein wenig nur in mein Gedachtnis es kehrt, und 
etwas tont in diesen Versen, wird mehr man deine Siegerkraft begrei- 
fen.» Da sehen Sie, wie Dante wuftte, daft man nicht mit einem ge- 
wdhnlichen guten Gedachtnis das auffassen kann, was da aus den gei- 
stigen Regionen herkommen konnte. Manche Menschen der Gegenwart 
sagen: Wozu sollen wir uns in die geistige Welt erheben, wir haben ge- 
nug zu tun mit der physischen Welt; der Tuchtige sucht hier in dieser 
Welt sich zurechtzufinden! - Ja, haben denn diese Leute ein Recht zu 
glauben, daft jene alten Menschen, die die Weisheit in den Mysterien 
empfingen, es weniger ehrlich mit der physischen Welt gemeint haben? 
Nur wuftten diese, daft die geistige Welt hineinspielt in diese physische 
Welt, daft sie hineinwirkt, daft die Toten doch unter uns wirken, auch 
wenn man es ableugnet, und daft man nur Verwirrung stiftet mit diesem 
Ableugnen. Derjenige, der leugnet, daft die, welche durch die Pforte 
des Todes gegangen sind, hier auf diese Welt wirken, der gleicht einem 
Menschen, der sagt: Ach, was glaube ich daran, daft das heift ist - und 
dann iiber eine gliihende Platte geht. Nur kann man naturlich nicht so 
leicht den Schaden unmittelbar nachweisen, der angerichtet wird, wenn 
das Hineinspielen der geistigen in die physische Welt nicht berucksich- 
tigt wird, sondern unter der Annahme des Ableugnenkonnens gehan- 
delt wird. Unsere Zeit ist nicht sehr geneigt, jene Briicke zu bauen, die 
gebaut werden muft in das Reich hinuber, in dem die Toten und die 
hohen Geister sind. Unsere Zeit hat in vieler Beziehung, man kann 
schon sagen, sogar einen Haft, eine wirklich hassende Stimmung gegen- 
iiber der geistigen Welt. Und dem Geisteswissenschafter, der es ehrlich 
sein will, dem obliegt es schon ein biftchen, sich auch mit den feindli- 



chen Machten unserer geisteswissenschaftlichen Entwickelung bekannt- 
zumachen, ein wenig darauf hinzusehen. Denn die Sache hat wirklich 
tiefe Griinde, sie hat ihre Griinde dort, wo die Griinde sind fur alle 
dem wahren Menschheitsfortschritt heute entgegenwirkenden Krafte. 



HINWEISE 



Zu dieser Ausgabe 

Textgrundlagen: Die von Rudolf Steiner frei gehaltenen Vortrage wurden 
von Hedda Hummel mitstenografiert und nach ihren Stenogramm-Ubertra- 
gungen gedruckt. Fiir die 2. Auflage 1982 konnte ein Vergleich des Textes 
mit den Original-Stenogrammen vorgenommen werden, bei einigen Vortra- 
gen auch mit den stenografischen Notizen von Johanna Arnold. Textande- 
rungen gegemiber friiheren Auflagen sind Berichtigungen aufgrund dieser 
Stenogramm-Vergleiche. 

Die Herausgabe der 1. Auflage von 1961 besorgten Johann Waeger und Hella 
Wiesberger. 

Die Vortrage wurden erstmals gedruckt im Jahre 1921, also noch zu Lebzei- 
ten Rudolf Steiners. Die Titel wurden wahrscheinlich von ihm selbst gegeben 
oder mit seinem Einverstandnis. 

Friihere Veroffentlichungen 

Vortrage I— VII: «Kosmische und menschliche Metamorphose» (Zyklus 44), 
Berlin 1921 

Vortrage VIII-XV: «Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von 
Golgatha» (Zyklus 45), Berlin 1931, Dornach 1933 

Vortrag XVII: Als Vortrag I in «Menschliche und menschheitliche Entwick- 
lungswahrheiten* (Zyklus 46), Berlin 1922 



Hinweise zum Text 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

Zu Seite 

19 Arbeit an der ja hier often besprochenen Gmppe: Fiir die Berliner Freunde hatte 
Rudolf Steiner schon am 10. Juni 1915 einen Vortrag daruber gehalten. Siehe 
«Menschenschicksale und V6lkerschicksale», GA Bibl.-Nr. 157. 

Frdulein Motzkus: Klara Motzkus ( t 1916) war schon seit 1895 Mitglied der Deut- 
schen Theosophischen Gesellschaft Berlin. 

21 Oliver Lodge ... hat ein dickes Buck geschrieben: Sir Oliver Lodge (1857-1940), 
«Raymond, or Life and Deaths, London 1916. 



22 englischer Psycbologe: Frederic W. H. Myers (1843-1901), Dichter und Essayist, 
Spiritist, Freund von Sir Oliver Lodge; 1882 einer der Griinder der Society for 
Psychical Research, London 

43 Tbeosopbie. Einfiihrung in iibersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung 
(1904), GA BibL-Nr. 9. 

Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten? (1904/05), GA Bibl.-Nr. 10. 

49 allerlei Auseinandersetzungen, ... zum Beispiel iiber meine Abstammung: Rudolf 
Steiner bezieht sich hier darauf, daft er von gegnerischer Seite mit seiner angeblich 
judischen Abstammung angegriffen wurde. 

51 Die Geheimwissenschaft im Umrifi (1910), GA Bibl.-Nr. 13. 

54 So schildert Plutarch, um 50-120 n. Chr., griechischer Schriftsteller. Das Zitat fehlt 
im Stenogramm. Rudolf Steiner diirfte folgenden Passus vorgelesen haben: «Du 
weifit nur nicht, daft du die Damonen siehst. Es verhalt sich namlich folgendermaften: 
Jede Seele hat etwas von Vernunft; es gibt keine ohne Denkkraft und Vernunft. Doch 
derjenige Teil von ihr, der die Verbindung mit dem Fleischlichen und den Trieben 
eingeht, erleidet eine Veranderung und verwandelt sich durch Freuden und Schmer- 
zen ins Vernunftlose. Indes verbindet sich nicht jede auf die gleiche Weise, sondern 
einige versinken ganz im Korper und werden, durch und durch zerriittet, ganz und 
gar im Leben von den Leidenschaften hin und her gerissen; andere verbinden sich 
zu einem Teil, zum andern Teil aber halten sie ihr Reinstes aufterhalb, so daft es, 
gleichsam oben schwimmend wie ein am oberen Ende befestigtes Merkzeichen, den 
in die Tiefe versunkenen Menschen nur am Kopf beriihrt und denjenigen Teil der 
dadurch vor dem volligen Versinken bewahrten Seele oben halt, der gehorcht und 
sich nicht von den Leidenschaften iiberwaltigen lafit. Was nun untergetaucht im 
Korper sich regt, nennt man Seele; was sich aber der Verderbnis entzieht, das nennen 
die meisten Vernunft und glauben, daft es in ihnen drinnen wohne, wie wenn das 
durch Widerschein in Spiegeln sichtbar Werdende in diesen enthalten ware; die aber 
die richtige Meinung haben, die nennen es, als etwas aufier ihnen Befindliches, den 
Damon. Die Sterne nun, die zu erloschen scheinen, ... in denen hast du die ganz in 
den Korper versinkenden Seelen vor Augen, in denen aber, die gleichsam wieder 
aufleuchten und aus der Tiefe emportauchen, indem sie Nebel und Finsternis wie 
Schmutz von sich abschiitteln, siehst du diejenigen, die nach dem Tode aus den 
Korpern wieder nach oben schwimmen; und die in der Hohe schweben, sind die 
Damonen der Menschen, von denen man sagt, daft sie Verstand haben. Versuche 
nun auch das Band zu erkennen, durch das jeder mit der Seele verbunden isL» Aus 
«Uber Gott und Vorsehung, Damonen und Weissagung», Kapitel «Ober den Damon 
des Sokrates», Abschnitt 22. 

55 Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim, 1493-154 1. 

64 zum Beispiel in meiner «Theosophie»: Siehe Kapitel «Die Seele in der Seelenwelt 
nach dem Tode» in «Theosophie. Einfiihrung in iibersinnliche Welterkenntnis und 
Menschenbestimmung» (1904), GA Bibl.-Nr. 9. 

68 in dem letzten offentlicben Vortrage: Berlin, 17. Februar 1917, in «Geist und Stoff, 
Leben und Tod», GA Bibl.-Nr. 66. 



nm/rinht RuHnlf Stpinpr Narhlass-Vprwaltunn Rurh - 17 5 _^pit<»- 3 9 A 



71 Kant-Laplacesche Tbeorie: Theorie iiber die mechanische Entstehung der Welt, so 
benannt nach Kants «Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder 
Versuch von der Verfassung von dem Mechanischen Ursprunge des ganzen Welt- 
gebaudes nach Newton'schen Grundsatzen» (1755) und Laplaces «Exposition du 
systeme du monde» (1796). 

Herman Grimm sagt, dafi ein Stuck Aasknochen ...: Herman Grimm (1828-1901), 
«Goethe-VorIesungen» Band II, 23. Vorlesung, Berlin 1877. 

80 Hertba-Dienst: Siehe hierzu Rudolf Steiners Vortrage vora 10. September 1908 in 
«Agyptische Mythen und Mysterien», GA BibL-Nr. 106, sowie vom 21. Dezember 
19 1 6 in «Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil», GA BibL-Nr. 1 73, letzterer 
auch als Einzelausgabe mit dem Titel «Offenbarung aus den Hohen und Friede auf 
Erden - Weihnachten in schicksalsschwerster Zeit». 

83 Johann Valentin Andreae, 1586-1654, «Die Chymische Hochzeit des Christian 
Rosenkreutz*, ins Neudeutsche iibertragen von Walter Weber, Neuausgabe Basel 
1978; die Ausgabe enthalt auch den Aufsatz Rudolf Steiners «Die chymische Hoch- 
zeit des Christian Rosenkreutz» aus «Philosophie und Anthroposophie», GA BibL- 
Nr. 35. 

83 Mecbthild von Magdeburg, 1212-1283. Vgl. Rudolf Steiners Vortrag vom 6. Juni 
1912 in «Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie», 
GA BibL-Nr. 137. 

86 Friedensnote des Prasidenten Wilson: Die Vortrage wurden wahrend des Ersten 
Weltkrieges (1914-1918) gehalten. Am 22. Januar 1917 hatte der amerikanische 
President Wilson eine Rede gehalten als Antwort auf den Friedensnotenwechsel vom 
Dezember 1916. In dieser Rede wurden die amerikanischen Grundsatze Freiheit, 
Demokratie, Selbstbestimmung der Volker zu Grundsatzen der Menschheit erhoben. 

87 August Wilbelm Hunzinger, 18 -18 , Professor der Theologie, «Hauptfragen der 
Lebensgestaltung» Quelle & Meyer Verlag Leipzig 1916, Reihe «Wissenschaft und 
Bildung» Nr. 136. 

88 Herman Grimm: Siehe Hinweis zu Seite 71. 

89 was Goethe die «hohere Natur in der Natur» nennt: In «Dichtung und Wahrheit», 
1 1. Buch. 

Kant, der diese zwei Welten nebeneinanderstellt, die eine dem Wissen, die andere 
dem Glauben auslieferte: Immanuel Kant (1724 -1804), «Kritikder reinen Vernunft» 
(1781), Vorrede zur 2. Ausgabe, «Ich mufite also das Wissen aufheben, um zum 
Glauben zu kommen . . .». 

90 Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814, «Reden an die deutsche Nation*, gehalten im 
Winter 1807/1808 in Berlin, Berlin 1808. 

98/99 Plato ... er weist dem Kopje ... Weisheit, Mut ... Besonnenheit Siehe Plato 
«Timaios». 

121 manche vernunftige neuere Gelehrte, Religionsforscher, nehmen an, dafi es eine 
Uroffenbarung der Erde gegeben hat: Vergleiche hierzu das Kapitel «Die Vollendung 
der Uroffenbarung» in Otto Willmanns «Geschichte des Idealismus», Band 2, 
Braunschweig 1894. 



123 im ersten meiner Mysteriendramen: «Die Pforte der Einweihung (Initiation)» 
(1910) - Ein Rosenkreuzermysterium durch Rudolf Steiner in «Vier Mysterien- 
dramen» (1910-13), GA Bibl.-Nr. 14. 

«Mein Reich ist nicbt von dieser Welt»: Joh. 18, 36. 

129 im offentlichen Vortrage: 15. Marz 1917. Vergleiche Hinweis zu Seite 68. 

130 Scbrift «Die Erziehung des Kindes»: Aufsatz aus dem Jahre 1907, in «Luzifer- 
Gnosis», GA Bibl.-Nr. 34, auch als Einzelausgabe. 

134 das Buch «Des erreurs et de la verite» von Saint-Martin. . . in der von dem «Wands- 
becker Boten» Matthias Claudius besorgten deutschen Ausgahe: Louis Claude de 
Saint-Martin («Der unbekannte Philosoph»), 1743-1803, «Irrtumer und Wahrheit, 
oder Ruckweifi fur die Menschen auf das allgemeine Principium aller Erkenntnifi», 
Breslau 1782; eine Neuausgabe erschien 1925 in Der Kommende Tag A. G. Verlag 
Stuttgart. Vgl. auch «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft 32, Weih- 
nachten 1970. 

wie Matthias Claudius selber gesteht: Wortlich: «Das Buch <des Erreurs et de la 
Verite> ist ein sonderlich Buch, und die Gelehrten wissen nicht recht, was sie davon 
halten sollen, denn man versteht es nicht, und man soil doch eigentlich verstehen, 
was man richten soil . . . Ich verstehe dies Buch auch nicht; aber aufier dem Eindruck 
von Superioritat und Sicherheit finde ich darin einen rein en Willen, eine ungewdhn- 
liche Milde und Hoheit der Gesinnung. . .» 

135 die beiden offentlichen Vortrage: 15. Marz 1917 und 17. Marz 1917. Vergleiche 
Hinweise zu Seite 68. 

139 Saint-Martin sagt: In «Irrtiimer und Wahrheit» Band 1, Seite 142f. der Ausgabe 
Stuttgart 1925: «Zuerst finden wir, da& in dem Unterleib die Samenprinzipien, die 
zur korperlichen Fortpflanzung des Menschen dienen sollen, enthalten und ausge- 
arbeitet werden. Da man nun weifi, dafi die Aktion des Merkurs die Grundfeste aller 
und jeder materiellen Form sei, so ist leicht zu sehen, dafi der untere Leib oder der 
Unterleib uns in Wahrheit das Bild der Aktion des merkurialischen Elements darstelle. 
Zweitens, die Brust enthalt das Herz oder den Born des Bluts, das ist das Prinzipium 
des Lebens oder der Aktion der Korper. Man weiR aber auch, dafS das Feuer oder 
der Schwefel das Prinzipium alles Wachstums und aller korperlichen Produktion sei; 
dadurch ist also die Beziehung zwischen der Brust oder dem zweiten Bauch und 
dem schwefligen Element klarlich genug angezeigt. 

Was die dritte Einteilung oder den Kopf anlangt, so enthalt der die Quelle und die 
primitive oder die Wurzel-Substanz der Nerven, welche in den Korpern der Tiere 
die Organe der Empfindlichkeit sind; bekanntlich ist aber des Salzes Eigenschaft, 
alles empfindlich zu machen; es ist also klar, da6 zwischen ihren Fahigkeiten eine 
vollkommene Analogie sei, und dafi also der Kopf eine unwidersprechliche Ahnlich- 
keit mit dem dritten Element oder dem Salze habe; und das reimt sich vollkommen 
mit dem, was uns die Physiologen uber den Sitz und die Quelle des Nervensafts 
lehren.» 

141 Ungefdhr so sagt er (Saint-Martin) da: Wortlich zum Beispiel: «... aber in allem 
diesen ist ein Geheimnis, das, wie ich halte, nie tief genug begraben sein kann.» 
(Bd. I, Seite 102.) 



143 Rousseaus Bemerkungen: Jean Jacques Rousseau (1712-1778), «Politische Schrif- 
ten», insbesondere «Discours uber den Ursprung der Ungleichheit unter den Men- 
schen» und «Gesellschaftsvertrag». 

wie ich es letzten Donnerstag und Sonnabend getan babe - und es aucb am nachsten 
Donnerstag wieder tun werde: Vortrage am 15., 17. und 22. Marz 1917, siehe 
Hinweis zu Seite 68. 

gewaltige Scbeidewand in der Geistesentwickelung . . . welche in das Jahr 1842 fdllt: 
Siehe Hinweis zu Seite 1 52. 

144 Jobann Albrecht Bengel, 1687-1752, schwabischer protestantischer Theologe. 
Leistete bedeutsame Arbeit auf dem Gebiete der Erforschung und Herausgabe des 
griechischen Textes des Neuen Testaments. Siehe auch Hinweis zu Seite 152. 

Friedrich Cbristoph Oetinger, 1702-1782, schwabischer protestantischer Theologe 
und Theosoph, Schiiler Bengels. 

Christian Friedrich Daniel Schubart, 1 739-1 791 , schwabischer Dichter. 

Philipp Matth'dus Hahn, 1 739-1 790, schwabischer Theologe, Mathematiker, Mecha- 
niker und Astronom. 

145 Friedrich Cbristoph Steinhofer, 1706-1761, Pfarrer und Schriftsteller. 

145 Schulmeister Hartmann: Israel Hartmann, 1725-1806, Lehrer am Waisenhaus in 
Ludwigsburg. 

Jung-Stilling (Johann Heinrich Jung), 1740-1817, Schriftsteller, Augenarzt und 
Professor fur Kameralwissenschaft; bekannt durch seine Autobiographic «Jung- 
Stillings Leben». 

Jobann Jakob Moser, 1701-1785, Professor der Rechte in Tubingen, Schriftsteller; 
schrieb iiber juristische und theologische Themen. 

Carl August Auberlen, 1 824 -1 864, Professor fur protestantische Theologie; schrieb 
«Die Theosophie Friedrich Christoph Oetingers nach ihren Grundziigen», Tubingen 
1847. 

Richard Rothe, 1799-1867, Professor fur protestantische Theologie in Heidelberg. 
Die Zitate sind aus der Vorrede zu Carl August Auberlen «Die Theosophie Friedrich 
Christoph Oetingers nach ihren Grundziigen». 

146 die Rankes: Leopold von Ranke, 1795-1886, Historiker. 

152 sich Bengel ... um sechs Jahre geirrt hat. Dieser Irrtum beruht auf einem falschen 
Ansatz des Jahres der Begriindung Roms: In seiner Schrift «Erklarte Offenbarung 
Johannes* (Stuttgart 1740) berechnete Bengel den Eintritt des tausendjahrigen 
Reiches auf das Jahr 1836. Rudolf Steiner setzt die Griindung Roms gleich mit dem 
Beginn des vierten nachatlantischen Zeitraums 747 v. Chr. «Das ist die wahre Begriin- 
dungszahl von Rom» heilSt es im Berliner Vortrag vom 30. Juli 1918, enthalten in 
«Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewulkseins- 
Notwendigkeiten fur Gegenwart und Zukunft», GA Bibl.-Nr. 181. 

1842, das Jahr, das wir anzugeben haben fur die mater ialistische Krisis: Naheres 
hieriiber siehe «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur 
Weltkultur», GA Bibl.-Nr. 254. 



1 53 dafi «dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet. . .»: Zitat aus Goethes «Faust» I. Teil, 
Nacht, 602. 

das Evangelium lesen lernen, auch mit dem, was wir heute von der Geisteswissen- 
schaft gehen konnen: Siehe die Vortragsreihen iiber die Evangelien: 
«Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis» (Kassel und Basel 1907), GA 
Bibl.-Nr. 100. 

«Das Johannes-Evangelium» (Hamburg 1908), GA Bibl.-Nr. 103. 

«Das Johannes-Evangelium im Verhaltnis zu den drei anderen Evangelien, besonders 

zu dem Lukas-Evangelium» (Kassel 1909), GA Bibl.-Nr. 112. 

«Das Lukas-Evangelium» (Basel 1909), GA Bibl.-Nr. 114. 

«Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien» 
(1909), GA Bibl.-Nr. 117. 

«Das Matthaus-Evangelium» (Bern 1910), GA Bibl.-Nr. 123. 
«Das Markus-Evangelium» (Basel 1912), GA Bibl.-Nr. 139. 

Die Materie ist das Ende der Wege Gottes: Wortlich: Die Leiblichkeit ist das Ende 
der Wege Gottes. Obwohl bei Oetinger in «Biblisches W6rterbuch» unter «Leib» 
steht: «Die Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes», wurde der Satz schon zu 
seinen Lebzeiten in der genannten Form zitiert. - Vergleiche hieriiber auch Rudolf 
Steiners Vortrag vom 14. Dezember 191 5 in «Schicksalsbildung und Leben nach dem 
Tode», GA Bibl.-Nr. 157. 

154 im zweiten Mysteriendrama: «Die Priifung der Seele» - Szenisches Lebensbild als 
Nachspiel zur «Pforte der Einweihung» durch Rudolf Stein er. In «Vier Mysterien- 
dramen», GA Bibl.-Nr. 14. 

Saint-Martin ... den Satz: Wortlich: «Wollte man also diese Schwierigkeit auflosen, 
so miifite man bis zu diesem natiirlichen Zustande des Menschen zuriickgehen; 
alsdann wurde man sehen, dafi die korperliche Form, die zu dem verstandigen 
Menschen das allerungereimteste Wesen ist, fur ihn ein iiber alle Mafien erniedrigendes 
Schauspiel abgebe; und dafi, wenn er das Prinzipium dieser Form kennte, er sie nicht 
wiirde ansehen konnen, ohne schamrot zu werden, obgleich doch alle Teile eben 
dieses Korpers, da ein jeder von ihnen einen verschiedenen Zweck und Beruf hat, 
nicht aufgelegt gewesen waren, ihm den namlichen Schauer zu erregen.» Ausgabe 
Stuttgart 1925, 2. Band, Seite 61. 

155 «Ikr $eid das Salz der Erde»: Matth. 5, 13. 

158 Berechnungen ... Bengels: Siehe Hinweis zu Seite 152. 

162 Kardinal Acton: Charles Januarius Acton (1803-1847, Kardinal ab 1842), Onkel 
des beruhmten Historikers Lord John Acton (1834-1902). Die Schilderung Rudolf 
Steiners diirfte sich auf das Buch «Die Memoiren Francesco Crispi's», deutsch von 
W. Wichmann, Berlin 1912, beziehen. Dort heifit es auf Seite 427-428 im Schlufiteil 
eines Brief es von Kardinal G. von Hohenlohe an Papst Leo XIII., uberreicht am 
27. Juli 1889: «Wir Kardinale haben die strengste Pflicht, dem Papste die Wahrheit 
zu sagen, hier ist sie: Schon in der Zeit Pius VI. gingen die fiinf Millionen Scudi 
verloren, die im Kastell Sant Angelo gelegen hatten, aber dessen ungeachtet, schwor 
bis 1839 jeder neue Kardinal, diese fiinf Millionen, die nicht mehr da waren, zu erhal- 
ten. Kardinal Acton allein erhob endlich, im Jahre 1839, Einspruch gegen diesen 
Schwur, und Papst Gregor (XVI.) konnte nicht umhin, seine Bedenken als berechtigt 



anzuerkennen. Ebenso lafit man auch heute noch die Kardinale Dinge schworen, 
die man nicht halten kann. Daher mufi Abhilfe geschaffen werden. Dies hatte ich 
Ew. Heiligkeit zu sagen. » 

162 dafi dieser Schatz seit dem Jahre 1797 gar nicht mehr vorhanden war: 1797 mufite 
Papst Pius VI. (1775-1799) beim Frieden von Tolentino am 19. Februar 1797 
36 Millionen Lire zahlen. Vergleiche «Die Memoiren Francesco Crispi's». 

165 was ich in friiheren Jahren auch schon angefilhrt habe ... Rabbi Gamaliel II, 
Rabbi Simeon: In dieser Schilderung - wie auch bereits im dritten Vortrag uber das 
Matthaus-Evangelium, GA Bibl.-Nr. 123, - bezieht sich Rudolf Steiner auf die 
Schrift von Chwolson «Ober die Frage, ob Jesus gelebt hat», Leipzig 1910. Daniel 
Chwolson (1820-1911), Orientalist, Professor in Petersburg, widerspricht darin der 
beim «BerIiner ReIigionsgesprach» 1910 von Arthur Drews und anderen vorgebrach- 
ten Behauptung, dafi Jesus historisch niemals existiert habe. Siehe auch Hinweis zu 
Seite 190. 

1 66 Sprache, in der damals das Evangelism vorhanden war: Nach Chwolson gab es eine 
Urfassung des Matthaus-Evangeliums in aramaischer Sprache. 

der Talmud, der diese Dinge mitteilt: Talmud, Schabbat 11 6a/ 11 6b, nach Daniel 
Chwolson a. a. O. 

1 67 der beriihmte Rabbi Elieser: Nach Daniel Chwolson a. a. O. 

169 wenn Saint-Martin sagt: Wortlich heifit es in der deutschen Obersetzung, Ausgabe 
Stuttgart 1925, 1. Band, Seite 35 f.: «Der Mensch ist alter als jedes andere Wesen der 
Natur; er existierte vor der Entstehung auch des allergeringsten Keims, und doch 
ist er erst nach ihnen auf die Welt gekommen. Was ihn aber weit uber alle diese 
Wesen erhob, ist das: sie mufiten von einem Vater und einer Mutter entstehen, und 
der Mensch hatte keine Mutter. Ubrigens war auch ihr Beruf durchaus unter dem 
seinigen; sein Beruf war, allezeit zu streiten, urn der Unordnung ein Ende zu machen, 
und alles zur Einheit zuriickzufiihren; der Beruf dieser Wesen war, dem Menschen 
zu gehorchen. Weil aber die Streit-Treffen, die der Mensch zu halten hatte, fur ihn 
gefahrlich werden konnten, so war er mit einer undurchdringlichen Waffe bekleidet, 
davon er den Gebrauch nach seinem Gefallen abanderte, und von der er auch gleich- 
formige und mit ihrem Original schlechterdings iibereinstimmende Kopien formieren 
sollte. 

Aufierdem war er mit einer Lanze bewaffnet, die aus vier so gut amalgamierten 
Metallen zusammengesetzt war, dafi man, seit die Welt stehet, sie niemals hat von- 
einander trennen konnen. Diese Lanze hatte die Eigenschaft, dafi sie wie Feuer 
brannte; ferner war sie so scharf, dafi fur sie nichts undurchdringlich war, und so 
tatig, dafi sie allezeit an zwei Stellen zugleich traf. Alle diese Vorziige mit noch einer 
unendlichen Menge anderer Geschenke, die der Mensch zu gleicher Zeit erhalten 
hatte, machten ihn wahrhaftig stark und furchtbar. 

Das Land, wo dieser Mensch streiten sollte, war mit einem Wald aus sieben Baumen 
bedeckt, die jedweder sechszehn Wurzeln, und vierhundertundneunzig Zweige 
hatten. Ihre Friichte erneuerten sich ohne Unterlafi, und gewahrten dem Menschen 
die vortrefflichste Nahrung, und die Baume selbst dienten ihm zur Wagenburg und 
machten seinen Posten "wie unzuganglich. 

Hier an diesem lieblichen Ort, der Heimat menschlicher Gliickseligkeit und dem 



Thron seiner Herrlichkeit, wxirde er ewig gliicklich und uniiberwindlich gewesen 
sein; denn er war angewiesen, das Zentrum desselben zu bewohnen, und von dort 
konnte er ohne Miihe alles beobachten, was um ihn vorging, und hatte also den 
Vorteil, dafi er alle Hinterlist und alle Anschlage seiner Widersacher wahrnehmen 
konnte, ohne je von ihnen wahrgenommen zu werden; auch behauptete er alle die 
Zeit, dafi er diesen Posten bewahrte, seinen natiirlichen Vorrang; er genofi einen 
Frieden und eine Seligkeit, die den heutigen Menschen gar nicht konnen begreiflich 
gemacht werden; sobald er sich aber von diesem Posten entfernt hatte, horte er auf, 
Meister davon zu sein, und ein ander Agens ward gesandt, seine Stelle einzunehmen. 
Und da ward der Mensch schmahlich aller seiner Rechte beraubt und hinabgeworfen 
in die Region der Vater und Mutter, wo er seitdem lebt, und den Gram und die 
Demiitigung hat, unter alien den iibrigen Wesen der Natur verkannt und wie eins 
von ihnen geachtet zu werden. 

Es ist nicht moglich, einen Zustand mit Gedanken zu fassen, der trauriger ware und 
bejammernswerter als der ungliickliche Zustand des Menschen in dem Augenblick 
seines Falls; denn er verlor nicht allein sogleich jene schreckliche Lanze, der nichts 
zu widerstehen vermochte, sondern die Waffe selbst, mit der er bekleidet gewesen 
war, verschwand ihm auch, und sie ward auf eine Zeit durch eine andere Waffe 
ersetzt, die fur ihn, weil sie nicht wie die erste undurchdringlich war, eine Quelle 
ward von unaufhorlichen Fahrlichkeiten.» 

171 wie Paulus eben noch durchaus vom psychiscben und pneumatischen Menschen 
sprickt: Korinther I, 2, 14-15; Korinther I, 15, 44-45; Thess. 5, 23; Hebr. 4, 12. 

172 dafi in dem acbten dkumeniscben Konzil in Konstantinopel 869 eine Forme I, ein 
Dogma aufgestellt wird, das vielleicht in seinem Wortlaut noch nicht so klar spricht, 
das aber dann dazu gefiihrt hat, so ausgelegt zu werden, dafi es unchristlich sei, von 
Leib, Seele und Geist zu sprechen: Vergleiche hierzu den von Rudolf Steiner sehr 
geschatzten katholischen Philosophen Otto Willmann in seinem dreibandigen "Werk 
«Geschichtedes Idealismus», 1. Auflage Braunschweig 1894. Im § 54: Der christliche 
Idealismus als Vollendung des antiken (Band II, Seite 111) heifit es: «Der Mifibrauch, 
den die Gnostiker mit der paulinischen Unterscheidung des pneumatischen und des 
psychischen Menschen trieben, indem sie jenen als den Ausdruck ihrer Vollkommen- 
heit ausgaben, diesen als den Vertreter der im Gesetze der Kirche befangenen Christen 
erklarten, bestimmte die Kirche zur ausdriicklichen Verwerfung der Trichotomies 

Wilhelm Wundt, 1832-1920, Philosoph und Psychologe. 

173 ebensowenig, wie die romischen Kardinale gewuflt haben, auf was sie eigentlich 
schwdren: Siehe Hinweis zu Seite 162. 

das ja beriihmte «filioque». Die romisch-katholische Kirche erkennt nach dem 
spateren Konzil - die russische Kirche erkennt ja nur die ersten sieben Konzilien an: 
Der Zusatz «filioque» = «und vom Sohne» zum Glaubensbekenntnis der abend- 
landischen lateinischen Kirche besagt, dafi der Heilige Geist vom Vater und vom 
Sohne ausgeht. Diese Lehre fiihrte zu langen Auseinandersetzungen innerhalb der 
Kirche und trug wesentlich bei zur 1054 erfolgten Trennung der Ostkirche von Rom. 
Die Ostkirche, die sich selbst als «orthodoxe Kirche» bezeichnete, lafit nur die 
Lehren der ersten sieben okumenischen Konzilien gelten (bis 787), hat also auch 
die Dogmen des achten Konzils von 869 (siehe Hinweis zu Seite 1 72) nie anerkannt. 

175 Friedrich Engels, 1820-1895 

Karl Marx, 1818-1883 



180 Saint-Martin sagt: «Ich kann mich iiber diesen Gegens'tand ohne Indiskretion nicht 
weiter auslassen; die hoheren Wahrheiten gehoren nicht fiir alle Augen»; a.a.O. 
Band 2, Seite 64. 

183/184 Gliederungen, die ... sieben Prinzipien aneinanderreihen: Siehe hierzu Rudolf 
Steiners Brief an Marie von Sivers vom 14. Marz 1905 in «Rudolf Steiner/Marie 
Steiner-von Sivers, Briefwechsel und Dokumente 1901-1925*, GA BibL-Nr. 262. 

183 Euckensche Philosophic: Rudolf Eucken (1846-1924), Professor der Philosophie. 
Vergleiche Rudolf Steiner «Die Ratsel der Philosophie», GA Bibl.-Nr. 18. 

184 Aristoteles, 384-322 v. Chr., «Drei Biicher von der Seele*. 

186 Der vor kurzem verstorbene Franz Brentano, 1838-1917. «Die Psychologie des 
Aristoteles*, Mainz 1867. Vergleiche Rudolf Steiner «Von Seelenratseln», Kap. Ill: 
«Franz Brentano. Ein Nachruf», GA BibL-Nr. 21, sowie «Menschenfragen und 
Weltenantworten» (13 Vortrage, Dornach 1922), GABibl.-Nr. 213. 

Eduard Zeller, 1 814-1908. Ober den Inhalt des wissenschaftlichen Streites zwischen 
Brentano und Zeller vergleiche Brentano: «Offener Brief an Herrn Professor Dr. 
Eduard Zeller aus Anlafi seiner Schrift iiber die Lehre des Aristoteles von der Ewig- 
keit des Geistes* (Leipzig 1883, Duncker und Humblot) und dessen: « Aristoteles' 
Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes» (Leipzig 1911, Veit und Comp.). 

189 Heraklit von Ephesus, um 535-475 v. Chr., vorsokratischer Philosoph. «Denn die 
unter den Menschen geltenden Mysterien werden in unheiliger Weise begangen», 
Fragmente 14 (nach Diels). Vergleiche auch Edmund Pfleiderer «Die Philosophic 
des Heraklit von Ephesus im Lichte der Mysterienidee», Berlin 1886. 

Julian Apostata, 332-363, von 361-363 romischer Kaiser. 

190 Bremenser Stromungen: Diese Bezeichnung bezieht sich vermutlich auf eine Anfang 
des 20. Jahrhunderts in Bremen wirkende Gruppe protestantischer Theologen 
(Albert Kalthoff, Friedrich Steudel, Friedrich Lipsius), die - ahnlich wie Arthur 
Drews (siehe den folgenden Hinweis sowie Hinweis zu Seite 308) - in Schriften und 
Vortragen die historische Existenz Jesu 5 bestritten. Vortrage und Diskussionen iiber 
dieses Thema wurden vom Bremer Protestantenverein veranstaltet. 

Diskussion, die vor Jahren einmalhier in Berlin gepflogen worden ist: Vom 31. Januar 
bis 1. Februar 1910 veranstaltete der Deutsche Monistenbund in Berlin ein Religions- 
gesprach, bei dem protestantische Theologen mit Arthur Drews (Professor der 
Philosophic) iiber dessen Buch «Die Christusmythe» diskutierten. Drews hatte darin 
versucht zu beweisen, dafi ein geschichtlicher Jesus-Christus niemals existiert habe. 
Nach Drews sind die Evangelien keine Geschichtsquellen, sondern kirchliche Ten- 
denzschriften, die die uralte Idee eines heidnisch-mythischen Gottmenschen in 
scheinbar historische Form kleideten. Das gesamte Christentum basiere deshalb 
nicht auf einem nachweisbaren Geschehen, sondern nur auf mythischen Ideen. Die 
auf der Veranstaltung gehaltenen Reden erschienen im Druck mit dem Titel «Berliner 
Religionsgesprach - Hat Jesus gelebt?», Berlin 1910. 

191 Firmicus erzahlt: Firmicus Maternus, lateinischer Schriftsteller des 4. nachchristlichen 
Jahrhunderts. «De errore profanarum religionum» (347 n. Chr.). Ins Deutsche 
iibersetzt von Alfons Muller «Des Firmicus Maternus Schrift vom Irrtum der heid- 
nischen Religionen», Bibliothek der Kirchenvater, II. Band, Kempten und Miinchen 
1913, S. 266 ff. 



193 Schon Paulus hat ja erwdhnt, daft dasjenige, was die Menscben als Torbeit anseben, 
gar oftmals Welsh eit sein kbnnte vor Gott: Rudolf Steiner gibt hier Paulus frei 
wieder, denn wortlich heifit es bei Paulus umgekehrt, 1. Kor. 3, 18, 19. 

1 94 so sagt Saint-Martin: In seinem Buche «Irrtiimer und Wahrheit» Ausgabe Stuttgart 
1925, Band 2, Seite 57. 

200 Das paulinische Wort: Korinther I, 15, 14. 

201 Vergib ihnen, Luk. 23,34 

202 das schmerzliche Ereignis: Gemeint ist die russische Revolution. 

204 Hermann Lotze, 1817-1881, Grundzuge der Religionsphilosophie, Diktate aus den 
Vorlesungen, 3. Auflage 1894. 

206 die Evangelienstelle: Matthaus 17,20 und Lukas 17,6. 

207 Ich babe schon bei friiheren Besprechungen der Evangelien hingewiesen auf . . . die 
Heilung ... Erweckung des zwolfjahrigen Tochterchens des Jairus: Im 8. Vortrag 
iiber das Lukas-Evangelium (Luk. 8, 40-44). (Basel 1909), GA Bibl.-Nr. 114. 

212 als ich Sie auf Richard Rothe hinwies: Siehe Seite 144f. 

Ernst Haeckel hat es sogar zustande gebracht Siehe sein Buch «Weltratsel», 
1 7. Kapitel «Wissenschaft und Christentum». 

212 Mattbdus-Zitat: 5, 17, 18. 

213/214 Lukas-Zitate: 4, 18 und 4, 23-27; 4, 28-29. 

215 Den Damonen mufi der Christus zundchst verbieten, daft sie ihn verraten: Markus 1 , 
34: «... und er liefi die Damonen nicht reden, weil sie ihn kannten.» - Markus 3,12: 
«Und er gebot ihnen nachdrixcklich, dafi sie ihn nicht offenbar machen sollten.» 

216 im offentlichen Vortrage: Berlin 22. Marz 1917. Siehe Hinweis zu Seite 68. 

Dewar in der Royal- Institution: Sir James Dewar (1842-1923), bervihmter Chemiker, 
Professor an der Royal-Institution in London. 

217 von heute an in 4000 Jahren: In frviheren Auflagen hiefi es «in 6000 Jahren». Sinn- 
gemafie Korrektur. 

218 eine sehr schdne Stelle bei ... Tertullian: Nach Otto Willmann, Geschichte des 
Idealismus, Band II, S. 5: Tert. de praescr. haer. 36. 

Clemens I. Nach Otto Willmann a.a.O., Band 2, Seite 5: Irenaus adv. haer. Ill, 
3, 3. 

218/219 Saint-Martin versteht ihn ...: «Irrtiimer und Wahrheit» , Ausgabe Stuttgart 1925, 
Band 2, Seite 236 f. 

220 nachstenographiert hat wie die Herrschaften hier: Diese Bemerkung bezieht sich auf 
die seine Vortrage Mitstenographierenden. 

222 Aristoteles: Siehe Hinweis zu Seite 1 84. 

225 Ernst Haeckel, 1834-1919. «Die Weltratsel. Gemeinverstandliche Studien iiber 
Monistische Philosophie», 13. Kapitel «Entwickelungsgeschichte der Welt». 



225 Svante Arrhenius, 1859-1927, schwedischer Naturwissenschafter. «Das Werden der 
Welten», Leipzig 1909. 

226 «Himmel und Erde werden vergeben. ..»: Matth. 24, 35; Mark. 13, 31; Luk. 21, 33. 

228 Paulus: Siehe Hinweis zu Seite 200. 

Fiihrte die Erdenentwickelung nicht zur Konservierung der Gestalt, . . . ginge diese 
Gestalt im Erdenwerden zugrunde, konnte der Menscb nicht auferstehen durch die 
Christus-Kraft: Naheres hieriiber siehe in «Von Jesus zu Christus», 7. Vortrag, GA 
Bibl.-Nr. 131. 

232 er (Goethe) kam Uher diese Metamorphosenlehre einmal in ein Gesprach mit 
Schiller: Vergleiche «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», Erster Band, Bil- 
dung und Umbildung organischer Naturen, Zur Morphologie, Gliickliches Ereignis.» 
Nachdruck Dornach 1975. 

Aug. Job. Georg Batsch, 1 761-1 802, Professor der Naturgeschichte in Jena. 

Franz Joseph Schelver, 1778-1832, Professor der Medizin in Jena und Heidelberg. 
Bekannt durch Werke iiber Botanik. 

Aug. Wilh. Ed. Theodor Henschel, 1790-1856, Professor in Breslau; las iiber Botanik, 
Pflanzenanatomie und -physiologie; Schiiler Sch elvers. 

233 Goethe schrieb ... in dem Aufsatz, den er iiber Schelver schrieb: Siehe Goethes 
Naturwissenschaftliche Schriften a.a.O. «Verstaubung, Verdunstung, Vertropfung». 

235 daji es ebenso mit dem Mineralreich ist: Es scheint, dafi dies spater nicht weiter 
ausgefiihrt worden ist. 

239 die heutigen Du Bois-Reymonds: Emil Du Bois-Reymond, 1818-1896. Sein 1872 
in Leipzig gehaltener Vortrag «Uber die Grenzen des Naturerkennens» mit dem 
Ausspruch «Wir werden niemals erkennen - Ignorabimus» wird von Rudolf Steiner 
haufig erwahnt. 

243 Goethe . . . indem er sagte: Siehe Hinweis zu Seite 232. 

246 Es soli kein Jota und kein Hakchen gedndert werden an dem Gesetz: Matth. 5, 18. 

248 Schelling, Hegel ... etwas echt Christliches Die stenographische Nachschrift 
enthalt keine Angaben dariiber, was hiermit gemeint ist. Rudolf Steiners Bemerkung 
konnte als allgemeiner Hinweis auf Schellings Naturphilosophie aufgefafit werden, 
mit welcher Hegel bekanntlich weitgehend iibereinstimmte. Die ausdriickliche 
Formulierung, dafi beide Philosophen etwas Gleichartiges ausgesagt haben, konnte 
sich auch beziehen auf den Aufsatz «t)ber das Verhaltnis der Naturphilosophie zur 
Philosophic iiberhaupt», abgedruckt in der Zeitschrift «Kritisches Journal der Philo- 
sophic*, die um 1 802 von Schelling und Hegel gemeinschaf tlich herausgegeben wurde, 
wobei die einzelnen Beitrage nicht mit dem Namen des jeweiligen Verfassers gekenn- 
zeichnet waren. 

Der Ausspruch «um so schlimmer fur die Natur» konnte bisher nicht nachgewiesen 
werden. 

250 Wenn in unserem Jabrhundert der atberiscke Christus kommt: Vergleiche Rudolf 
Steiners Vortrage iiber «Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der atherischen 
Welt», (16 Vortrage, in verschiedenen Stadten 1910), GA Bibl.-Nr. 118. 

251 ein moderner Prediger: Es konnte noch nicht nachgewiesen werden, um wen es 
sich hier handelt. 



251 es kommt der Satz im Lukas-Evangelium, im Matthdus-Evangelium Lukas 6, 27f. ; 
Matthaus 5, 39 f. 

256 eine von den ... instinktiven Bemerkungen, die Herman Grimm machen konnte: 
In «Raphael als Weltmacht», Fragmente Zweiter Teil, 1902. 

258 Goethe ... die Hallersche Anschauung: Siehe «Goethes NaturwissenschaftJiche 
Schriften», a.a.O., «Freundlicher Zuruf». 

Albrecht von Haller, 1707-1777, schweiz. Mediziner, Botaniker und Dichter. «Ins 
Innere der Natur ...» in dem Lehrgedicht «Die Falschheit der menschlichen Tugen- 
den», 1730. 

259 das Schopenhauersche Wort: Arthur Schopenhauer (1788-1860). «Die Welt ist 
meine Vorstellung» aus «Die Welt als Wille und Vorstellung». - «Keine Farbe, kein 
Licht ohne Auge»; wortlich: «... dafi die Farben, mit welchen ... die Gegenstande 
bekleidet erscheinen, durchaus nur im Auge sind» aus Schopenhauers Einleitung zu 
seiner Abhandlung «Ober das Sehen und die Farben». 

Ich babe ... in offentlichen Vortragen . . .: Vergleiche Rudolf Steiner «Metamor^ 
phosen des Seelenlebens» (7 Vortrage Berlin 1909 und 1910), GA Bibl.-Nr. 59, 
sowie «Aus dem mitteleuropaischen Geistesleben» (15 Vortrage Berlin 1915 und 
1916), GA BibL-Nr. 65. 

Goethe-Zitat: Wortlich: «Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus 
gleichgviltigen Hiilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines gleichen 

werde, und so bildet sich das Auge am Lichte furs Licht, damit das innere Licht 
dem aufteren entgegentrete.» Goethe, Entwurf einer Farbenlehre (1810), in: Goethes 
Naturwissenschaftliche Schriften, mit Kommentaren von Rudolf Steiner, 3. Band: 
Die Farbenlehre. 

263/. Zitat: Aus: A. W. Hunzinger «Das Christentum im Weltanschauungskampf der 
Gegenwart», 2. Auflage Leipzig 1916, Seite 127/128. 

263 Denn ich habe Ihnen von demselben Manne neulich erzdhlt: Im 4. Vortrag vorliegen- 
den Bandes. 

264 Platon-Zitat: Aus «Phaidon». 

264/265 in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», (1902), GA Bibl.- 
Nr. 8. 

265 in der «Geheimwissenschaft»: «Die Geheimwissenschaft im Umri6» (1910), GA 
Bibl.-Nr. 13. 

267 Augustus, 63 v. Chr.-14 n. Chr., romischer Kaiser. 
Caligula, romischer Kaiser von 37-41 n. Chr. 
Nero, romischer Kaiser von 54-68 n. Chr. 

268 Diogenes, 412-324 v. Chr., griechischer Philosoph. 

271 Sigmund Freud, 1856-1939, Begriinder der Psychoanalyse. 

«Die Reiche der Himmel . . . »: Matth. 3,2. 

273/274 Ausspruch eines unserer Zeitgenossen ... Zeugnis eines modernen Christus- 
Zeugen: Das Zitat ist von Maurice Barres, 1 862-1 923, und steht in einem Artikel von 



Andre Germain «Abschied vom Fiihrer der Jugend: Maurice Barres» in «Internatio- 
nale Rundschau* 1. Jahrgang, 3. Heft, 20. Juli 1915, Zurich. 

276 Dreizebnter Vortrag: Rudolf Steiner bezieht sich in diesem und in den folgenden 
Vortragen vielfach auf Ernst von Lasaulx, insbesondere auf dessen Aufsatz «Der 
Untergang des Hellenismus und die Einziehung seiner Tempelgiiter durch die christ- 
lichen Kaiser». 

Eine Neuauflage dieses Aufsatzes erschien 1965 in der Reihe «Denken-Schauen- 
Sinnen» ; die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe. 

278 «verraten»: Siehe Hinweis zu Seite 216. 

278 f. Tiberius, romischer Kaiser von 14-37 n. Chr. Siehe Lasaulx «Untergang des 
Hellenismus... », Stuttgart 1965, Seite 6f. 

280 Hadrian, romischer Kaiser von 117-138 n. Chr. Siehe Lasaulx, a.a.O. Seite 12f. 

281 Philo von Alexandrien, um 20 v. Chr. -54 n. Chr., jiidisch-griechischer Philosoph. 
Die Zitate konnten noch nicht nachgewiesen werden. 

284 Licinius, ostromischer Kaiser von 313-325 n, Chr.; Lasaulx a.a.O. Seite 14-15. 

Konstantin, 274-337, romischer Kaiser, ab 323 Alleinherrscher. Unter seiner Herr- 
schaft wurde im Jahre 313 das Christentum zur Staats religion erhoben. 

Mime Gelasinus: Siehe Lasaulx a.a.O. Seite 14-15. 

286 Nero . . . Seneca: Siehe Lasaulx a.a.O. Seite 14. 

287 Alexander Severus: romischer Kaiser von 222-235. Siehe Lasaulx a.a.O. Seite 13. 

Origenes, um 182-253, griechischer Kirchenvater. Siehe Lasaulx a. a. O. Seite 13. 

Apollonius von Tyana, lebte im 1. Jahrhundert n. Chr., Philosoph und Magier. 
Siehe Lasaulx Seite 1 3. 

Kaiser Konstantin . . . ich babe ja bei anderen Gelegenbeiten Zum Beispiel im 
Vortrag vom 17. Januar 1915 in «Menschenschicksale und Volkerschicksale», GA 
Bibl.-Nr. 157. 

290 Sage von dem Palladium: Siehe Lasaulx a.a.O. Seite 30 f. 

294/295 Julian der Abtriinnige . . . «Das ist derjenige, der die alten Gotter und Gotterbilder 
wieder herstellen wird»: Siehe Lasaulx a.a.O. Seite 37. 

296 Das pytbagordische Wort: «<Contra solem ne loquaris> wurde von Pythagoras nicht 
mk Bezug auf die sichtbare Sonne gesagt Es war die <Sonne der Initiation) in ihrer 
dreifachen Form gemeint.» Aus H. P. Blavatsky «Die Geheimlehre» Band III, 
Leipzig o. J. 

Tempel von Jerusalem: Siehe Lasaulx a.a.O. Seite 44. 

297 Chrysostomos, 344-407, griechischer Kirchenvater. 

«Die Schiiler der Theosophie sind ganz bereit, mit dem heiligen Chrysostomos darin 
iibereinzustimmen, dafi die Unglaubigen - vielmehr die Profanen - <vom Sonnenlichte 
geblendet sind, und so die wahre Sonne iiber der Betrachtung der falschen aus dem 
Auge verlieren.i» Aus Blavatsky «Die Geheimlehre» Band III. 



302 wo ich die Faust-Idee besprach: Vergleiche «Geisteswissenschaftliche Erlauterungen 
zu Goethes Faust» Band I: Faust, der strebende Mensch, 2. Vortrag, GA Bibl.- 
Nr. 272. Eine ausfiihrlichere Darstellung des Manichaismus gibt Rudolf Steiner im 
Vortrag vom 11. November 1904, enthalten in «Die Tempellegende und die Goldene 
Legende», GA Bibl.-Nr. 93. 

304 Aurelins Augustinus, 354-430, Kirchenlehrer. Vergleiche auch Rudolf Steiner «Das 
Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums» (1902), GA 
Bibl.-Nr. 8. 

305 Ich habe neulich in einem offentlichen Vortrag gesagt: Berlin 22. Marz 1917, siehe 
Hinweis zu Seite 68. 

306 Daher sagte ich einmal hier: Im 4. Vortrag dieses Bandes. 

308 Julianus Schriften: «Gegen die Galilaer» (Kaiser Julianus Biicher gegen die Christen, 
Leipzig 1880). 

Drews-Leute: Arthur Drews, 1865-1935, Professor fur Philosophic, trat fur eine 
monistische Weltanschauung ein und lehnte jeglichen Jenseitsglauben ab. In seinen 
Werken, u. a. «Christusmythe», 2 Bande 1909-1911, bestritt er die geschichtliche 
Existenz von Jesus und Petrus. Siehe auch Hinweis zu Seite 190. 

iiber diese Dinge habe ich ofter gesprocben: Siehe Hinweis zu Seite 153. 

310 Marcus Porcius Cato, 234-194 v. Chr., rdmischer Staatsmann, «die schw'dtzen nur»: 
In Ernst von Lasaulx «Die prophetische Kraft der menschlichen Seele in Dichtern 
und Denkern» zitiert nach Plinius. 

310 Niccolo Machiavelli, 1469-1527, Staatsmann, Historiker und Dichter. 

312 der franzdsische Schriftsteller Drach: David Paul Drach, Bibliothekar und Schrift- 
steller (1791 Straflburg - 1865 Rom), studierte an mehreren Talmudschulen, trat 
1823 zum Christentum iiber. 1827 ging er nach Rom, wo er seiner umfassenden 
Gelehrsamkeit wegen zum Bibliothekar der Propaganda ernannt wurde. Gemeint 
sein diirfte von Rudolf Steiner das Werk: «De l'Harmonie entre l'eglise et la Syn- 
agogue ou perpetuite de la foi de la religion chretienne», 2 Bande Paris 1844. 

315 Klemens der Alexandriner, um 160-216, Origenes, urn 182-253, Tertullian, um 
160-222, Kirchenvater. 

316 Benediktus von Nursia, um 480 -543 , griindete 529 das Stammkloster der Benediktiner 
Monte Cassino. 

Justinianus, 483-565, ostromischer Kaiser. 

317 aus meinem Schulbuch der Religionsgescbichte: Wappler, Geschichte der katholischen 
Kirche. Lehrbuch fur Ober-Gymnasien und Ober-Realschulen, 3. vermehrte Auflage 
Wien 1875. 

324 Irenaus, Kirchenvater, lebte im 2. Jahrhundert. 

325 Thales, um 640-545 v. Chr. , Heraklit, um 540-480 v. Chr., Anaxagoras, 500-428 
v. Chr. , griechische Philosophen. 

Friedrich Hebbel, 1813-1863 ... schrieb in sein Tagebucb: Wortlich: «Nach der 
Seelenwanderung ist es mdglich, daft Plato jetzt wieder auf der Schulbank Priigel 
bekommt, weil er - den Plato nicht versteht». Tagebucher Nr. 1335. 



326 Ein schdnes, herrUches Buch hat Franz Brenta.no 1911 geschrieben iiber Aristoteles: 
«Aristoteles und seine Weltanschauung*, Leipzig 1911. 

327 nur ist eben die Stelle korrumpiert: Aristoteles «Ober die Seele» III, 5. 

336 Knauer-Zitat: Dr. Vincenz Knauer, 1 828-1 894, «Die Hauptprobleme der Philosophic 
in ihrer Entwickelung und teilweisen Losung von Thales bis Robert Hamerling». 
Vorlesungen, gehalten an der Wiener Universitat. Wien und Leipzig 1892, S. 232 f. 

Immanuel Kant: Siehe Hinweis zu Seite 89. 

337 Brooks Adams, 1848-1927, «The law of civilization and decay»> 1895, deutsch 
«Das Gesetz der Zivilisation und des Verfalles», Wien/Leipzig 1907. 

340 Rudolf Kjellen, 1864-1922, schwedischer Historiker und Staatsmann. «DerStaatals 
Lebensform», Leipzig 1917. 

341 Theophilos von Alexandrien, Bischof 385-412. 

344 Friedricb Barbarossa ... Karl der Grofie im Salzburger Untersberg: Siehe «Unters- 
berg-Sagen» in «Berchtesgadner Sagen», Berchtesgaden 1911. 

349 Friedricb Nietzsche, Zitat: Motto zu «Die frohliche Wissenschaft». 

357/359 Hermann Babr, 1 863-1934. Zitate aus «Die Ideen von 1914» in «Schwarzgelb», 
Berlin 1917, Seite 167 und 164. 

359 Max Scheler, 1 8 74 - 1 92 8, Philosoph. 

360 (Hermann Babr) ... in dem Aufsatz, den er iiber Scheler geschrieben hat: Aus dem 
Aufsatz «Max Scheler» in der Zeitschrift «Hochland», Monatsschrift fur alle Gebiete 
des Wissens, der Literatur und Kunst, 14. Jg. (April 1917 bis September 1917), 
7. Heft, April 1917. 

366 Nietzsche sagt in seinem Aufsatze «Zur Geschichte des Christentums» : Das Zitat 
steht unter diesem Titel in der Ausgabe Naumann, Leipzig 1906, heute in der 
Nietzsche- Ausgabe des Hanser-Verlages, Miinchen 1973, Band 3, Seite 830 (aus dem 
Nachlafi der achtziger Jahre). 

368/69 Otto Ludwig, 1813-1865, Zitat aus «Zum eigenen Schaffen» im 6. Band von 
Otto Ludwigs Werken. 

369 Gustav Freytag, 1 81 6-1895, Zitat aus der Einleitung zu Otto Ludwigs gesammeken 
Schriften, Berlin o. J. 

371 weil wir nach dem Jahre 1879 leben: Vergleiche «Die spirituellen Hintergriinde der 
aufteren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis» (14 Vortrage, Dornach 29. Sep- 
tember bis 28. Oktober 1917), GA Bibl.-Nr. 177. 

Emanuel Swedenborg, 1688-1 772 , schwedischer Naturwissenschafter und Theosoph. 

373 Swedenborg . . . eine schone Abhandlung: «Der Verkehr zwischen Seele und Leib» 
in «Theologische Schriften», Jena/Leipzig 1904. 

375 Cartesius (Rene Descartes), 1596-1650. 

Gottfried Wilhelm von Leibniz, 1646-1716. 

Christian Freiherr von Wolff, 1679-1 754. 



379 Vincenz Knauer, Zitat aus «Die Hauptprobleme der Philosophie», Seite 202 (siehe 
Hinweis zu Seite 336). 

381 Klemens von Alexandrien: Zitat aus «Stromateis», 7. Buch, 10. Kapitel; zitiert 
nach Otto Willmann «Geschichte des Idealismus», Band 2, Seite 142. 

385 Max Verworn, 1863-1921, Physiologe und Philosoph. 

Numa Denis Fustel de Coulanges, 1 830-1 889, franzosischer Historiker. 

387 Verworn fiihrt z. B. folgendes schdne Experiment an: in «Mechanik des Geistes- 
lebens», Kapitel «Schlaf und Traum», Leipzig 1910. 

390 Dante «0 bocbstes Licht...»: Gottliche Komodie, Paradies, 33. Gesang, in der 
Obersetzung von Philaletes. 

391 Am Schlufi des Vortrages sprach Rudolf Steiner noch iiber eine gesellschaftsinter- 
ne Angelegenheit (Gegnerschaft von Max Selling). Da die gleichen Ausfiihrungen 
auch in anderen Vortragen gemacht und auch publiziert worden sind (z. B. GA 
174b, S. 199, und GA 177, S. 54), wurde hier auf die Wiedergabe verzichtet. 



PERSONENREGISTER 

* = ohne Namensnennung 



Acton, Charles Januarius 62 

Adams, Brooks 337 

Alexander Severus 287 

Anaxagoras 325 

Andreae, Johann Valentin 83 

Apollonius von Tyana 287 

Aristoteles 184-188, 201, 222, 325f., 
328, 333, 334,375f., 378f. 

Arrhenius, Svante 225 

Auberlen, Carl August 145 

Augustinus 301, 304 

Augustus 267, 278 

Bahr, Hermann 357-364 

Barres, Maurice 273* 

Batsch, August Johann Georg 232 

Benediktus von Nursia 316 

Bengel, Johann Albrecht 144, 146, 
152, 156, 158 

B6hme, Jakob 137, 143, 144, 147, 156f. 

Brentano, Franz 186-188, 326, 378 

Caligula 267f. 

Cartesius (Rene Descartes) 375f. 
Cato d. A. 31 Of. 
Claudius, Matthias 134 
Clemens I., Papst 218 
Chrysippos 33 
Chrysostomos 297 
Chwolson, Daniel 165f. 

Dante Alighieri 389 



Darwin, Charles 24 

Dewar, Sir James 216 

Dilthey, Wilhelm 364 

Diogenes 268 

Drach, David Paul 312 

Drews, Arthur 308 

Du Bois-Reymond, Emil 239 

Elieser, Rabbi 167 
Engels, Friedrich 175-17 
Eucken, Rudolf 184, 363 
Fichte, Johann Gottlieb 90 
Firmicus Maternus, Julius 191 
Freud, Sigmund 142, 271 
Freytag, Gustav 370f. 
Friedrich I. Barbarossa 344 
Fustel de Coulanges 385 

Gamaliel II., Rabbi 165 
Gelasinus 284 

Goethe, Johann Wolfgang von 89, 
143, 145, 153, 231-235, 238, 243, 
248, 257-264, 273, 307, 309, 330, 
332, 357, 361, 368, 368 

Gregor XVL, Papst 162 

Grimm, Herman 71, 74, 8S, 256, 
266, 324 

Hadrian, Kaiser 280 
Haeckel, Ernst 212, 225 
Hahn, Philipp Mathaus 144, 146 
Haller, Albrecht von 258, 261 



Hartmann, Israel 145 

Hebbel, Friedrich 325 

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 248 

Henschel, August Wilhelm F. d. 
Theodor 232 

Heraklit 189, 325 

Herder, Johann Gottfried 143 

Hunzinger, August Wilhelm 87, 263, 
264 

Husserl, Edmund 364 
Irenaus 324 

Julian Apostata 189, 294ff., 304, 307, 
312, 315, 324, 333, 335, 341, 373, 
378, 379 

Jung-Stilling, Johann Heinrich 145 
Justinianus 316 

Kant, Immanuel 89, 307, 336f., 362 
Karl der Grofie 344 
Kjellen, Rudolf 340, 351ff., 385f. 
Kleanthes 336 

Klemens von Alexandrien 315, 324, 
333, 380-382 

Knauer, Vincenz 336f., 378f. 

Konstantin I., Kaiser 284, 287, 295, 
297, 298, 299, 311, 312, 317, 333 

Leibniz, Gottfried Wilhelm 375f. 
Licinius 284, 287 
Lodge, Oliver 21-29 
Lodge, Raymond 22-29 
Lotze, Hermann 204, 364 
Ludwig, Otto 368, 370f. 

Macchiavelli, Niccolo 310 



Marx, Karl 175-177 
Mechthild von Magdeburg 83 
Moser, Johann Jakob 145 
Motzkus, Klara 19f. 
Myers, Frederic W. H. 22 

Nero 267, 271f., 286 

Nietzsche, Friedrich 312, 329, 
348-350, 364 

Octinger, Friedrich Christoph 144- 
156 

Origenes 287, 315, 324, 380 

Paracelsus 55, 137, 144, 156f. 
Paulus 164f., 171, 193, 200, 228 
Philo von Alexandrien 281-283 
Pius VL, Papst 162 
Plato 44, 98, 264f., 325, 386 
Plutarch 54f. , 67 

Ranke, Leopold von 146 
Rosenkreutz, Christian 83, 306 
Rothe, Richard 145-154, 212 
Rousseau, Jean Jacques 143 

Saint-Martin, Louis Claude de 

133-144, 154-158, 169, 175, 180, 
194f., 218, 242 

Scheler, Max 359-364 

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph 
von 248 

Scheiver, Franz Joseph 232f., 259 

Schiller, Friedrich von 143, 232, 369 

Schopenhauer, Arthur 259 

Schubart, Christian Friedrich Daniel 
144 



Seneca 286 

Shakespeare, William 262, 369 
Simeon, Rabbi 165 
Sixtus V., Papst 161 
Sokrates 386 

Steinhofer, Friedrich Christoph 145 
Swedenborg, Emanuel 371-376 

Tertullian 218, 315, 324 
Thales 325 

Theophilos von Alexandrien 341 



Tiberius 278-280 

Verworn, Max 385, 387 

Wagner, Richard 368 
Wilson, Woodrow 86, 336 
Wolff, Christian von 375 
Wundt, Wilhelm 172 

Zeller, Eduard 186 
Zeno 336 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographic 
«Mein Lebensgang» (35. Kap. y 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt verdffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver- 
kauflich nur an Mitglieder der Hieosophischen (spater Anthroposophi- 
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei 
den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - 
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir 
ware es am liebsten gewesen, wenn mundlich gesprochenes Wort miind- 
lich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den 
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, 
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung 
«Nur fur Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr 
als einem Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine verdffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewulksein der gegenwartigen Zeit verfolgen 
will, der muf5 das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. 
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt- 
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in 
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der An- 
throposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - 
wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu ubergeben hat, 
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der 
Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich of- 
fenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu ho- 



ren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in 
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo- 
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge- 
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser 
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein 
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be- 
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, 
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. 
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir 
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell- 
schaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitglied- 
schaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da 
hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von 
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit- 
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann 
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen 
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die- 
ser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen 
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es 
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht 
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdmckes wird ja aller- 
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als 
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei- 
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie 
dargestellt wird, und dessen, was als « anthroposophische Geschichte» in 
den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.